Kapitel 48
Respekt
auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung
Sie verbrachten nicht mehr viel Zeit auf Mallorca, bevor sie dazu übergingen andere Städte zu besichtigen. Es war Hermiones Wunsch gewesen. Irgendwas musste Draco gesagt haben, was sie dazu brachte, umtriebig zu werden.
Zuerst streiften sie durch Barcelona, bevor sie den nächsten Zyklus in Madrid verbrachen. Danach kamen Lissabon, Sevilla und Grada, bevor sie sich Frankreich zuwandten. Draco zeigte ihr spät an einem Samstagabend das Ferienhaus seiner Familie in Nizza, wagte es aber nicht zu viel Zeit dort zu verbringen.
Solange sie andere Städte bereisten und Orte erkundeten fragte Hermione ihn nichtmehr nach dem Dunklen Mal und Draco war es nur recht. Er wusste, dass er sich drückte, aber er wusste auch, dass es wahrscheinlich nie wieder in seinem Leben die Möglichkeit haben würde all dies zu sehen. Er hatte keine Ahnung gehabt, wie groß die Welt eigentlich war. Wie jede Stadt, jedes Land seinen eigenen Charakter hatte. In einem Zyklus schafften sie es bis nach Moskau. Doch irgendwann war die zeitliche Grenze erreicht, die ihnen der zweitägige Zyklus ließ. Weiter zu reisen lohnte sich kaum, bevor der nächste Freitag sie wieder zurück nach Hogwarts brachte.
Draco dachte eigentlich, dass sie unbemerkt blieben, doch als sie Samstag abends in ihr Hotel in München zurückkehrten erlebte er eine unangenehme Überraschung.
„Draco!", begrüßte ihn eine bekannte Stimme. Draco sah sich um und entdeckte den Störenfried, der sich gerade aus einem bequemen Sessel gegenüber der Rezeption erhob.
„Mutter", sagte er konstatiert.
Sie kam mit eiligen Schritten auf ihn zu und ihr Umhang wehte unheilverkündend hinter ihr her. „Ich habe Herr Mayer nicht glauben können, als er gesagt hat, dass du hier eingecheckt hast. Was denkst du dir nur dabei. So weit weg von zuhause!"
Draco fluchte leise in sich hinein. Dies hier war ein Zaubererhotel. Es gab nicht sonderlich viele Zaubererhotels. Die meisten Städte, die sich besuchten, hatten eines oder maximal zwei. Kein Wunder, dass er irgendwann an einen Hotelier geraten musste, der seine Eltern kannte. Der Name Malfoy wer bekannt. Sie waren einst geschätzte Mitglieder der internationalen Zauberergemeinschaft gewesen. Wahrscheinlich würde nicht mal der Umstand, dass sein Vater in Askaban saß etwas daran ändern, dass ein Malfoy immer Aufsehen erregte.
„Was willst du hier, Mutter?", fragte er genervt und spürte wie Hermione neben ihm unruhig wurde.
„Das könnte ich dich fragen", erwiderte seine Mutter und musterte argwöhnisch das Mädchen an seiner Seite. Draco beobachtete seine Mutter genau und bemerkte den Moment der Erkenntnis. Als seiner Mutter klar wurde, wer genau gerade neben ihm stand. Das es niemand anderes als die muggelgeborene beste Freundin von Harry Potter war.
„Die Zeitschleife ist gelungen, Mutter. Kümmere dich nicht darum, was ich tue. Ignoriere es einfach."
Hermione fühlte sich mehr als unwohl unter dem abfällig musternden Blick von Narzissa Malfoy. Fast instinktiv straffte sie ihre Schulten. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen. Schon gar nicht von dieser Frau, die sie für ihre Herkunft verachtete. Sie erinnerte sich nur zu gut an die wenigen Begegnungen, die sie mit Dracos Mutter gehabt hatte. Keine davon war angenehm gewesen.
Aber früher war auch keine Begegnung mit Draco angenehm gewesen.
Jetzt sah das alles anders aus. Sie genoss es geradezu mit ihm durch die Städte zu ziehen. Draco hatte ein untrügliches Gefühl dafür in welcher Ecke Magie lauerte. Manchmal machte er sie auf Zeichen und Hinweise aufmerksam, die sie nicht kannte. Hinweise auf magische Gebäude die sich vor Muggelaugen verbargen. Ähnlich wie das St-Mungos oder das Zaubereiministerium. Diese Zeichen wären ihr entfallen und sie musste feststellen, dass egal wie viel sie über die Zaubererwelt las, es nicht auch nur ansatzweise mit der Realität schritthalten konnte. Es gab Codes und Hinweise, die einfach nicht in Büchern standen, da keiner sich die Mühe gemacht hatte sie aufzuschreiben. Für Kinder, die aus Zaubererfamilien stammten, wie Draco, war es eine Selbstverständlichkeit sie zu kennen. Sie wusste nicht, ob der Vergleich bei Ron ebenso gravierend ausgefallen wäre. Denn Rons Familie war nicht viel herumgekommen. Ron hatte erzählt, dass er das erste Mal England verlassen hatte, als er mit seinen Eltern vor Beginn des dritten Schuljahres in Ägypten gewesen war. Es war kein Vergleich zu Draco der viel mit seinen Eltern gereist war. Es hieß nicht, dass Ron irgendwie dümmer war als Draco. Es war lediglich der gesellschaftliche und finanzielle Status, der sich auch in einer anderen Art der Bildung offenbarte.
Eine Art Bildung die ihm die Frau vor ihr hatte zuteilwerden lassen. Indem sie darauf achtete, dass Draco Fremdsprachen sprach, sich selbstsicher in jeder Art von Umgebung zu bewegen vermochte und in anderen Kulturkreisen auskannte. Narzissa Malfoy hatte darauf geachtet, dass ihr Sohn tanzen, Konversation führen und einen schlechten von einem guten Wein unterscheiden konnte. Es waren alles Dinge die Hermione sehr charmant an Draco fand. Vielleicht weil ihre eigene Familie aus den gleichen Kreisen kam und es sich gut anfühlte ihm auf Augenhöhe zu begegnen.
„Hast du nicht andere Dinge zu tun, wenn die Zeitschleife gelungen ist?", fragte Narzissa Malfoy streng und musterte ihren Sohn mit prüfendem Blick.
„Gerade nicht. Die Zeitschleife ist nicht wie beabsichtigt ein paar Monate. Sie ist lang, sehr lang. Es sind nicht Mal zwei von mehr als sechs Jahren vergangen."
„Sechs Jahre?", fragte Mrs Malfoy entsetzt und ihre Hand zuckte erschrocken zu ihrem Mund.
„Wir hatten diese Unterhaltung über die Zeitspanne schon ein paar Mal, also erspare es mir, Mutter. Geh wieder nach England und ignoriere, dass du mich hier gesehen hast. Der Zyklus endet sowieso in acht Stunden."
„Aber hast du es geschafft? Hast du es geschafft zu-", begann Mrs Malfoy, doch Draco schnitt ihr das Wort ab.
„Hermione ist übrigens Teil der Zeitschleife. Es war ihr Zeitumkehrer, den Vater mir gegeben hat. Als ich die Zeitschleife schuf, wurde sie automatisch ein Teil davon. Die Magie, die sie auf den Zeitumkehrer eingestimmt hatte, ist noch nicht verflogen und so erlebt auch sie jeden Zyklus, so wie ich, aktiv mit."
Hermione bemerkte, wie sich die Haltung von Dracos Mutter augenblicklich veränderte. Hatte sie sie bis jetzt nur abfällig und eher wie ein lästiges, aber harmloses Ärgernis angesehen. Schien sie nun beinah besorgt, fast schon alarmiert.
„Wir müssen reden, Draco. Allein", sagte sie mit durchdringendem Blick und Hermione fragte sich, ob ihre Stimme nur in ihren Ohren so scharf klang.
„Es spielt keine Rolle, Mutter. Du wirst alles wieder vergessen. Geh nachhause."
„Nein, Draco", sagte Mrs Malfoy streng und Hermione bemerkte, wie Draco unter ihrem Blick unwohl die Schultern reckte.
Es war fast lustig zu sehen, wie Draco unter dem Blick seiner Mutter um Jahre jünger zu werden schien. Er sprach zwar nicht oft von ihr, aber von den wenigen Unterhaltungen, in denen er von ihr erzählt hatte, war herauszuhören, dass sie ihm sehr wichtig war. Draco liebte seine Mutter.
„Ich warte oben im Zimmer", sagte Hermione und legte ihre Hand auf Dracos Unterarm. Er warf ihr einen undeutbaren Blick zu, bevor er knapp nickte.
„Ich komme nach", versprach er und Hermione ließ Mutter und Sohn zurück, nicht ohne ihnen noch einen Seitenblick zuzuwerfen.
Kurz war sie versucht sie zu belauschen. Aber es wäre ihr schäbig vorgekommen. Außerdem wollte sie Draco nicht hintergehen. Er hatte es nicht verdient.
Draco hatte wenig Lust, mit seiner Mutter zu reden. Aber es war seine Mutter. Sie hatte es verdient, dass er mit ihr sprach. Sich zumindest anhörte, was sie ihm zu sagen hatte. Dass er es sich wenigstens ein einziges Mal anhörte. Das war er ihr schuldig.
Unwillig folgte er einer Mutter in das kleine Restaurant, dass zum Hotel gehörte und in dem noch eine Hand voll Hexen und Zauberer saß. Sie setzten sich und Draco wirkte einen Abschirmzauber. Er wollte nicht, dass Hermione ihnen zuhörte. Er traute ihr durchaus zu, dass sie versuchen würde zu lauschen. Er würde es sicher tun.
Seine Mutter bemerkte es und zog nur eine Augenbraue hoch.
„Was willst du wissen, Mutter?", fragte Draco ergeben.
„Dein Plan, deinen Auftrag zu erfüllen-", begann seine Mutter und Draco seufzte.
„Der Plan steht. Ich muss nur noch in die lineare Zeit zurückkehren. Dumbledore befindet sich momentan nicht auf Hogwarts, also kann ich keinen Versuch starten, um mögliche Fehler zu korrigieren. Ganz davon abgesehen, dass sie dann wüsste, was ich plane."
Seine Mutter nickte nachdenklich und musterte ihn argwöhnisch.
„Sie", wiederholte seine Mutter und Draco bemerkte, wie sie abfällig die Nase rümpfte. „Ist das nicht das Schlammblut von Potter?"
„Hermione Granger", bestätigte Draco emotionslos. „Jahrgangsbeste, mit Harry Potter befreundet und ja, sie ist ein- Schlammblut." Draco fühlte sich einen Moment ungut dabei sie Schlammblut zu nennen. Er hatte es so oft getan. Er tat es auch jetzt noch, wenn sie Sex hatten, aber da hatte es irgendwie eine andere Bedeutung. Es war ihm nie aufgefallen, aber es war einfach nichtmehr so wie früher. Sie gegenüber seiner Mutter als Schlammblut zu bezeichnen, fühlte sich irgendwie nicht richtig an, dafür respektierte er sie zu sehr.
„Was macht sie hier bei dir in München?", wollte seine Mutter wissen und Draco kannte ihren lauernden Gesichtsausdruck. Sie versuchte ihn beim Lügen zu erwischen. Aber er log seine Mutter nicht an. Früher hatte sie seine Lügen immer mit Legilimentik durchschaut und jetzt, wo er Okklumentik beherrschte, wollte er sie nichtmehr anlügen. Zumindest nicht heute, wenn sie in ein paar Stunden sowieso wieder alles vergessen hatte.
„Wir vertreiben uns zusammen die Zeit. Sechs Jahre sind eine lange Zeitspanne. Wir verbringen erst seit ein paar Monaten Zeit miteinander. Es ist angenehm, jemanden um sich zu haben der nicht jeden Tag alles vergisst."
Es war zumindest nicht ganz gelogen. Sie waren ganz sicher hier zusammen in München, da sie Teil der Zeitschleife war, aber es hatte nichts mit ihrem intimen Verhältnis zu tun.
„Ihr vertreibt euch also zusammen die Zeit?", fragte seine Mutter spitz und zog eine Augenbraue auch. Das konnte sie immerhin perfekt. Draco antwortete nicht darauf und sie lieferten sich ein stummes Blickduell. Für dieses zumindest fehlte seiner Mutter die Geduld.
„Draco, erzähl mir keinen Unsinn du gehst mit diesem Mädchen ins Bett!", brauste sie auf und sah ihn herausfordernd an.
Draco fühlte sich fast wie ein trotziges Kind als er erwiderte:
„Es ist nicht so, dass ich etwas für sie empfinde. Wir haben nur etwas Spaß zusammen. Vielleicht mag es verwerflich sein, aber keiner wird sich jemals daran erinnern."
„Was für eine wunderbare Ausrede, Draco. Halte dich lieber an Pansy Parkinson. Ich finde ihr wart ein sehr süßes Paar."
Draco verdrehte genervt die Augen. Er hasste das Thema Pansy Parkinson. Seine Eltern waren schon immer erpicht darauf gewesen, dass er etwas mit ihr anfing. Als sie sich nach dem Weihnachtsball des Trimagischen Turnier so langsam näher gekommen waren, waren sie ganz begeistert gewesen. Sehr zum Unmut seiner Mutter war die Beziehung Anfang dieses Schuljahres zerbrochen. Nicht das Draco ihr hinterherweinte. Pansy tat es schließlich auch nicht.
„Wir haben das ausdiskutiert. Ich habe kein Interesse an ihr. Egal wie sehr du es dir wünscht."
Seine Mutter spitzte missbilligend die Lippen, sagte aber nichts weiter dazu.
„Du hast das ganz sicher von deinem Vater. Die Malfoy Männer hatten schon immer eine Schwäche für Schlammblutmädchen. Zum Glück habe ich Lucius die Flausen austreiben können, bevor es eskalieren konnte."
„Ich bin nicht Magnus", zischte Draco düster. „Ich weiß, wo meine Pflichten liegen."
„Sag diesen Namen nicht", fauchte seine Mutter aufgebracht und Draco verfiel augenblicklich in Schweigen.
Magnus Malfoy war ein Tabu Thema in seiner Familie. Vor allem vor seinem Großvater. Magnus war der ältere Bruder seines Vaters gewesen.
„Ich möchte nur das Beste für dich Draco. Dieses Mädchen tut dir nicht gut", sagte seine Mutter liebevoll und griff nach seiner Hand, die auf dem Tisch lag. Draco zog sie weg.
„Sicher, dass es das Beste ist?", wollte Draco mürrisch wissen. „Wenn ich ein Blutsverräter wäre, dann hätte ich kein Dunkles Mal. Dann würde keiner mich zum Morden zwingen. Wäre es nicht das Beste für mich in Sicherheit und Frei zu sein? Ich bin keines von beidem."
„Snape hat geschworen, dich zu beschützen. Dir wird nichts geschehen", erwiderte seine Mutter und er sah eindeutig ihre Sorge. Beinah taten ihm seine Worte leid. Aber die Erwähnung von Snape brachte ihn zu einem anderen Gedanken.
„Wer ist sie gewesen? Die Frau die Snape geleibt hat?", wollte Draco plötzlich wissen und das Gesicht seiner Mutter erstarrte zu einer bleichen Maske. Ein Lächeln huschte auf Dracos Gesicht. Hatte er es doch richtig erraten. Seine Mutter wusste wer sie war.
„Das ist eine alte Geschichte, Draco. Es ist lange vorbei."
Draco musterte seine Mutter und überlegte, wer sie gewesen sein konnte, dass seine Mutter sofort darauf ansprang. Er hatte damit gerechnet sie würde sagen, dass sie nicht wusste, wer gerade etwas mit Snape hatte. Das wäre nur normal gewesen. Aber es schien zu dieser Frau ganz eindeutig eine Geschichte gegeben zu haben. Eine mit Bedeutung.
„Sie war auch ein Schlammblut, nichtwahr", mutmaßte Draco. Das Gesicht seiner Mutter verschloss sich augenblicklich. Er wusste, dass sie ihre Okklumentik prüfte. Aber er brauchte keine Legilimentik, um seine eigene Mutter zu lesen. Er wusste auch so, dass er Recht hatte.
„Das hat nichts mit der jetzigen Situation zu tun", antwortete sie reserviert.
„Wahrscheinlich nicht", sagte Draco und stand auf. „Aber sie üben wohl eine gewisse Faszination auf Männer aus, diese Schlammblutmädchen. Ich werde dafür sorgen, dass du uns in den kommenden Zyklen nichtmehr störst. Trotzdem Danke für deine Sorge."
„Sei nicht so herablassend mir gegenüber, Draco", erwiderte seine Mutter ärgerlich. Einen Moment sah Draco sie an und war versucht einfach zu gehen. Sie würde sich sowieso nichtmehr daran erinnern. Aber er war ihr einziger Sohn, der ihr noch geblieben war. Sie hatte mehr verdient als seine Ignoranz. Draco unterdrückte ein Seufzen und setzte sich wieder hin.
„Es tut mir leid, Mutter. Aber es ist schwer Unterhaltungen ernst zu nehmen, wenn das Gegenüber alles wieder vergisst, was wir besprechen. Ich wollte dich nicht kränken."
Er wollte sie wirklich nicht verärgern. Egal ob es eine Zeitschleife war oder nicht. Sie bedeutete ihm zu viel, um ihre Gefühle derart zu verletzen, nur weil er gerade keine Lust hatte sich mit ihr zu beschäftigen.
„Du wirst aufhören, dich mit diesem Schlammblut zu vergnügen, Draco. Das ist unter deiner Würde", verlangte sie streng.
„Nein, Mutter. Das habe ich nicht vor und du kannst nichts dagegen tun, um es zu ändern."
Draco bemerkte wie einer der Gesichtsmuskeln seiner Mutter zuckte. Sie war es nicht gewohnt, dass er ihr widersprach.
„Willst du etwa ungehorsam sein?", wollte sie wissen und er hörte ihre zurückgehaltene Wut.
„Wenn du sowas verlangst, dann Ja. Ich verlange nicht, dass du gut findest, was ich tue. Ich könnte dir einfach sagen, dass ich dir gehorche und dich anlügen. Aber ich lüge dich nicht an, es gibt keinen Grund dazu. Hier in dieser Zeitschleife kann ich tun, was ich will. Das erste Mal in meinem Leben bin ich frei. Ich werde mir diese Freiheit nicht von dir nehmen lassen."
Seine Mutter sah ihn einen Moment an, dann schloss sie fast gequält die Augen. Sie schien mit sich zu ringen.
„Ich meine es doch nur gut mit dir, Draco", sagte sie und sah ihn besorgt an.
Draco haderte mit sich. Er wusste nicht, ob es klug wäre diese Unterhaltung zu führen. Aber seine Mutter würde sich nicht erinnern können, um ihm diesen Gedankengang vorzuwerfen.
„Sieh uns an, Mutter. Du brauchst nur unsere Familie ansehen. Andromeda, Magnus, Hyperion wie sehr entzweit uns dieses irrsinnige Festhalten an unserem reinen Blut. Ich brauche nicht mal eine Generation zurückgehen, um eine Fülle an Beispielen zu finden, die jeden Tag weh tun. Hast du dir jemals überlegt, dass es nicht so sein muss. Dass es uns einfach egal sein kann."
„Sag sowas nicht!", fuhr sie auf und ein Zauberer zwei Tische weiter sah von seinem Buch auf. Der Abwehrzauber ließ ihn schnell das Interesse verlieren.
„Du sprichst wie Andy. Hör auf wie sie zu klingen, Draco. Du weißt, was aus ihr geworden ist. Du solltest von diesem Weg, den du beschreitest, umkehren, solange du noch kannst."
„Genau das meinte ich doch, Mutter. Warum tun wir uns das an? Warum quälen wir uns selbst."
„Diese Menschen sind nicht wie wir. Wir müssen unsere Werte, unsere Gesellschaft vor ihnen beschützen, sonst ist bald nichts mehr da, von dem was uns ausmacht. Das weißt du ganz genau. Habe ich dir denn nichts beigebracht?"
„Doch, natürlich hast du mir das beigebracht, Mutter. Aber umso älter ich werde, umso weniger verstehe ich es. Wir adaptieren Muggelerfindungen die wir gut finden und verdammen andere, die uns keinen Vorteil bringen. Selbst du akzeptierst den Hogwarts Express!"
„Selbst wir können uns diesem Einfluss nicht ganz entziehen. Das ist es doch gerade. Wir werden dazu gezwungen diese Kompromisse einzugehen. Sie kontaminieren unsere Kultur!"
Draco schüttelte verständnislos den Kopf. Warum sollte man so dumm sein eine kluge Erfindung zu verachten, nur weil sie ein Muggel gemacht hatte. Auch Muggel hatten gute Ideen.
„Dann erkläre mir, Mutter. Warum ich Hermione, diesem muggelstämmigen Mädchen mehr auf Augenhöhe begegnen kann als Vincent Crabbe und Gregory Goyle, sogar mehr als Pansy Parkinson."
„Sie ist deiner nicht würdig", erwiderte seine Mutter nur wütend und Draco ballte seine Hände zu Fäusten.
„Das ist nur eine Floskel, Mutter. Ich bin nicht dumm. Ich kann durchaus selbst denken. Vielleicht ist es einfach so, dass Blut nicht das wichtigste Kriterium ist. Hermione ist intelligent und gebildet. Sie kommt aus reichem Haus und weiß, wie es ist ein Leben mit zu viel Geld zu führen. Sie weiß, wie es ist dauernd dem Zwang seiner Familie unterworfen zu sein. Sie versteht mich auf eine Art wie es bis jetzt noch niemand getan hat. Wenn Blut so wichtig ist, warum ist sie mir dann ähnlicher als die meisten Reinblüter."
„Du bist blind vor liebe, Draco. Komm doch zur Vernunft!", sagte seine Mutter eindringlich und sah mehr als besorgt aus.
„Aber ich liebe sie doch gar nicht. Ich denke doch nur nach. Ich denke über unsere Welt nach und umso mehr ich sehe, umso verkehrter kommt sie mir vor. Es muss nicht so sein. Es kann eine Welt geben, in der mein Bruder noch bei mir ist. In der du mit deiner Schwester Tee trinken kannst und in der…" Draco brach ab und schüttelte den Kopf. Er hatte sagen wollen, in der er mit Hermione zusammen sein konnte. Aber selbst es nur zu denken, kam ihm wie Hochverrat vor. Wahrscheinlich dachte er einfach zu viel nach.
„Du bist ein Teenager, Draco. Da ist es ganz normal, dass man alles in Frage stellt. Das ist eine Phase, die wieder vorbeigeht. Wichtig ist erstmal, dass du am Leben bleibst. Der Dunkle Lord wird keine anderen Ansichten als die unseren tolerieren. Also denk nicht zu viel darüber nach. Es ist sowieso nicht möglich."
Draco sah seine Mutter geschlagen an. Sie hatte Recht. Es war nur das Wunschdenken innerhalb einer Zeitschleife. Nichts, was real werden konnte.
„Es ist das, was ich meinte. Ich bin nicht frei. Lass mir diese Zeitschleife, um meine Freiheit zu genießen solange ich es kann. Die Realität wird kommen, egal ob ich es will oder nicht."
„Draco, so meinte ich das nicht", sagte seine Mutter zaghaft.
„Doch, genau so meintest du es. In der linearen Zeit gibt es Gewalt und Drohungen, die uns treu auf Linie halten. Ich bin mir dessen immer bewusst gewesen."
„Warum redest du dann so einen Unsinn?"
„Weil keiner mir verbieten kann, frei zu denken. Du kannst meine Mutter sein und ich kann dich lieben, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Trotzdem bin ich dein Sohn und ich kenne meinen Platz in dieser Welt. Habe ich immer."
Einen Moment war Draco entsetzt über die Bitterkeit, die diese Worte begleitete. Er hatte sich selten mehr wie ein Gefangener seiner eigenen Identität gefühlt.
„Ich liebe dich auch und ich bin so stolz auf dich, wie du alles erträgst. Wir müssen nicht unterschiedlicher Meinung sein", sagte seine Mutter mit einem schmerzlichen Lächeln und fasste nach seiner Hand. Draco drückte sie und auch sein Lächeln war schmerzlich.
„Du hast es selbst gesagt, ich bin ein Teenager. Aber auch ich werde irgendwann erwachsen, Mutter. Ich bin jetzt volljährig und muss nicht alles richtig finden, was du sagst. Das bedeutet nicht, dass du mir weniger wichtig bist. Ich werde dafür sorgen, dass der Dunkle Lord dir nichts antut. Versprochen."
„Du bist so ein guter Junge, Draco", sagte seine Mutter liebevoll. Doch das entlockt ihm nur ein schnaube. Er war alles, aber ganz sicher kein guter Junge.
„Geh jetzt nachhause, Mutter. Myonie wartet oben im Zimmer auf mich."
„Leiste mir doch lieber noch etwas Gesellschaft, anstatt zu ihr zu gehen."
„Aber ich möchte bei ihr sein. Ich fühle mich gut bei ihr. Ich weiß das es falsch ist und dass es nicht real ist. Aber ich bin ein Zauberer und das gibt mir die Macht auch nicht reale Dinge erleben zu können. Zumindest für eine kurze Zeit."
Seine Mutter seufzte geschlagen auf.
„Versprich mir nur, dass du vorsichtig bist. Vergiss niemals, wo dein Platz ist."
Draco nickte. „Keine Sorge Mutter. Ich kann es nicht vergessen." Voller Bitterkeit dachte er an das Dunkle Mal auf seinem Arm. Seine Mutter brauchte sich keine Sorgen zu machen. Es gab keinen anderen Platz für ihn. Daran wurde er jeden Tag aufs Neue erinnert.
Nachwort:
Ich glaube in noch keinem anderen Kapitel sind so verdammt viele versteckte Hints wie in diesem. Ich weiß nicht Mal, ob ich alle benutzen werde. Aber die Geschichten dazu sind in meinem Kopf. Ein paar finden sicher den Weg in diese FF. Ich denke die Zwischentöne dieser Unterhaltung wird man erst verstehen, wenn ich deutlich mehr über Draco geschrieben habe. Bis jetzt ist mehr über Hermione gesagt worden, weshalb es Zeit wird sich wieder etwas mehr Draco zuzuwenden. Ich überlege noch, ob ich den Rest des Zyklus noch vor Ostern poste oder ob ich ihn erst nach Ostern hochlade. Muss ich mir noch überlegen.
Ich hoffe mir ist es in dem Kapitel gelungen Draco als guten Sohn dastehen zu lassen. Zerrissen, sicher. Aber voller Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber. Nicht blind gehorsam, aber auch nicht aufmüpfig.
Ich habe Draco in den Büchern nie als aufmüpfigen Unruhestifter angesehen und die wenige Male, in denen er wirklich wütend war, ging es darum das jemand seine Eltern beleidigt oder geschädigt hatte. Trotzdem hat ihn der Dunkle Lord desillusioniert und gezwungen sein Weltbild zu hinterfragen. Seine Eltern zu hinterfragen. So wie es viele Teenagern beim Erwachsenwerden geht, wenn einem plötzlich klar wird, dass Eltern nicht stark, unfehlbar und allwissend sind. Er befindet sich auf einer Gratwanderung und ich hoffe ihr lest das aus diesem Kapitel heraus.
LG
Salarial
