Kapitel 53

Irrsinn

stark beeinträchtigter Geisteszustand

Hermione eilte durch die Flure von Hogwarts. Als sie sich endlich angezogen hatte und aus dem Schlafsaal gestürzt war, war sie genau Harry und Ron in die Arme gelaufen, die nach Zauberkunst zusammen im Gemeinschaftsraum saßen. Sie hatte viel zu lange gebraucht sie abzuschütteln. Vollkommen außer Atem ging sie drei Mal vor der Tür zum Raum der Wünsche auf und ab und als sie endlich die Türklinke runterdrückte, war der Raum leer. Hermione eilte hinein, doch Draco saß weder auf dem Sofa, noch lag er im Bett und er konnte auch nicht in einer anderen Version des Raumes der Wünsche sein, sonst hätte sich die Tür nicht geöffnet. Keuchend hielt Hermione inne. Es war über eine dreiviertel Stunde her, seit Draco durch das Fenster verschwunden war. Er hätte niemals so lange brauchen dürfen, um hierher zu kommen. Entweder er war nie hier gewesen, oder er hatte nichtmehr warten wollen und war wieder weg.

Hin und her gerissen sah Hermione durch den Raum. Sie war lange nichtmehr hier gewesen. Mehrere Monate nicht. Trotzdem erinnerte sie sich an alles, was hier geschehen war. Hier hatte sie sich ihm das erste Mal wirklich nah gefühlt. Sie musste Draco finden. Egal was der Grund war, warum er nicht hier war. Sie würde nicht zulassen, dass er sich von ihr abwandte. Er war… Er war ihres.

Hermione wirbelte herum und lief schnurstracks in die Slytherinkerker.

„Stammbaum", herrschte sie die Wand an und stürmte in den vollen Gemeinschaftsraum. Sie bog in den linken Gang zu den Jungenschlafsälen ab und riss die Tür der Sechsklässler auf. Doch niemand war da.

„Hey, Granger. Was treibst du hier?", fragte sie eine hochnäsige Stimme vom Eingang her und sie entdeckte Zabini der sich mit verschränkten Armen im Gang aufgebaut hatte.

„Ich suche - Malfoy", antwortete sie ihm grimmig. Beinah hätte sie Draco gesagt, aber sie war noch immer in einer Zeitschleife. Keiner um sie herum wusste von ihnen. Sie hatte eine lange verruchte Nacht lang hemmungslosen Sex mit Zabini gehabt, aber er konnte sich jetzt nichtmehr daran erinnern. Für ihn war sie nur Hermione Granger. Vertrauensschülerin, Streberin und vor allem Gryffindor.

„Nun, er ist nicht hier", antwortete Zabini herablassend.

„Das sehe ich auch. Hast du ihn gesehen. Wo ist er?", verlange sie zu wissen und stemmte die Arme in die Hüften.

„Schickt McGonagall dich, weil Malfoy nicht in Verwandlung war? Du darfst nicht einfach hier reinkommen."

„Es ist mir absolut egal was ich darf und was nicht. Wenn du Malfoy siehst, sag ihm, dass ich nach ihm suche."

„Jetzt spiel dich hier nicht so auf. Egal ob du Vertrauensschülerin bist oder nicht. Du darfst nicht hier sein. Ich werde es Snape melden", antwortete Zabini und seine Lippen zierte ein widerliches schadenfreudiges Grinsen.

„Bitte, melde es Snape. Snape wird sich freuen zu hören, dass Draco nicht in Verwandlung war. Snape versucht ihn schon das ganze Jahr in die Finger zu bekommen. Gib ihm einen Grund und Draco wird es dir danken."

Zabini sah sie vollkommen perplex an und Hermione brauchte einen Moment zu realisieren warum. Sie hatte ihn Draco genannt. Sie hatte sich so daran gewöhnt ihn bei seinem Vornamen zu nennen, dass sie es aus Sorge um ihn einfach vergessen hatte.

„Bitte, Zabini. Sag ihm einfach, dass ich ihn suche. Und bei Merlin und Morgana, sag ihm, dass er nichts Blödsinniges tun soll, wie mich meiden zum Beispiel. Sagst du ihm das? Bitte."

Hermione war direkt vor Zabini getreten und sah jetzt flehentlich zu ihm hoch. Sie hatte wahnsinnige Angst Draco könnte Hogwarts verlassen haben. Ohne sie. Sie würde ihn niemals finden. Draco kannte eine sehr kreative Auswahl an Verborgenheitszaubern. Sie hatten sie genutzt, um bei ihren Ausflügen in den letzten Monaten unentdeckt zu bleiben. Doch wenn er versuche sie zu meiden, dann hätte sie keine Chance ihm zu begegnen. Draco wachte jeden Zyklus vor ihr auf. Er hätte Hogwarts verlassen, bevor sie auch nur handeln konnte.

„Was läuft da zwischen dir und Malfoy?", fragte Zabini misstrauisch. Hermione schüttelte nur den Kopf.

„Du würdest es nicht verstehen. Aber ich will ihm nicht schaden. Niemals", versicherte Hermione ihm und Zabini schien vollkommen überrumpelt.

„Sag es ihm", wiederholte Hermione noch einmal eindringlich und legte eine Hand auf Zabinis Schulter, bevor sie ihn stehen ließ und zurück durch den Gemeinschaftsraum hastete. Einen Moment hatte sie den Eindruck jemand würde sie aufhalten wollen, doch sie war so schnell, dass sie fast mit einem Erstklässler zusammenstieß, der gerade den Gemeinschaftsraum betrat. Durch einen Geheimgang nahm sie eine Abkürzung hoch ins Schloss, doch dann blieb sie mitten im Gang stehen.

Sie wusste nicht, wohin sie sollte. Sie hatte keine Ahnung, wo sie Draco finden konnte. Verflucht, warum hatte sie sich nur so von Harry und Ron aufhalten lassen können. Einen Moment stockte sie.

Harry natürlich. Die Karte des Rumtreibers. Sie hätte gleich daran denken sollen, bevor sie durch das ganze Schloss rannte.

Schnell lief sie in den Gryffindorturm. Sie bemerkte, wie Harry und Ron sich zu ihr umsahen, als sie durch das Porträtloch kletterte, doch sie hatte jetzt keine Zeit für sie.

Ohne auf Rons rufen zu reagieren rannte sie hoch in die Jungenschlafsäle. Sie brauchte einen Moment, bis sie die Karte in Harrys unordentlichem Koffer gefunden hatte.

„Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut", keuchte sie und knallte ihren Zauberstab aufs Pergament. Viel zu langsam bildeten sich die Linien.

Fast panisch suchte sie die Gänge von Hogwarts ab. Doch er war nirgends zu sehen. Immer fahriger faltete sie sie auseinander und musste Acht geben, sie in ihrer Eile nicht zu zerreißen.

„Was machst du da, Hermione?", hörte sie Harry neben sich fragen und zuckte zusammen. Sie war so auf die Karte des Rumtreibers konzentriert gewesen, dass sie ihn nicht hatte reinkommen sehen.

„Ich suche wen", antwortete Hermione und schlug die nächste Faltung der Karte auf.

„Wen? Vielleicht kann ich helfen?", bot Harry an und Hermione wollte ihn schon anfahren, als sie es sich anders überlegte.

„Draco Malfoy", sagte sie also nur und Harry runzelte die Stirn. Er nahm ihr die Karte ab und sie sah, wie er den siebten Stock aufschlug.

„Er ist nicht im Raum der Wünsche. Die Tür lässt sich öffnen", antwortete Hermione fast automatisch, bevor Harry etwas sagen konnte.

„Du hast nachgeschaut?", fragte er irritiert und Hermione nickte. Sie nahm ihm die Karte ab und ihre Augen huschten weiter über die hunderte von Namen, die sich auf den Gängen tummelten. Warum musste Hogwarts nur so viele Schüler haben.

„Schau, ob er auf dem Astronomieturm ist. Ich habe ihn da schon öfter gesehen", sagte Harry und Hermione starrte ihn einen Moment überrascht an. Dann öffnete sie die Karte an der passenden Stelle und tatsächlich da stand er. Draco Malfoy ganz oben auf dem Astronomieturm.

„Du bist der Beste, Harry!", rief sie aus und drückte Harry kurz bevor sie aufsprang und eilig den Turm verließ.

Draco ließ seinen Blick über den verbotenen Wald schweifen. Früher hatte er öfter hier oben gestanden. Früher, als er noch sechzehn gewesen war. Er hatte mit dem Schicksal gehadert und überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn er sich hier runter stürzen würde. Er hatte es nie getan. Es wäre ihm wie das ultimative Zugeständnis seines Scheiterns vorgekommen. Aber er war Draco Malfoy. Er scheiterte nicht und er gab nicht auf. Niemals.

Trotzdem. Es war verdammt schwer nicht aufzugeben. Gerade jetzt in diesem Moment wünschte er sich, er könnte sich hier runterstürzen und dann wäre es vorbei. Aber es würde nicht vorbei sein. Es würde nur den nächsten Zyklus starten.

Frustriert seufzte Draco auf. Die Wahrheit war, er wusste nicht, was er tun sollte. Hermione war nicht gekommen. Er hatte auf sie im Raum der Wünsche gewartet. Zehn Minuten, Zwanzig Minuten, eine halbe Stunde und dann hatte er sich verboten weiter zu warten. Er hätte zu heulen angefangen, wenn er weiter gewartet hätte. Also war er gegangen und jetzt stand er hier auf diesem verdammten Turm und wünschte sich er könnte sich einfach runterstürzen und dieser wahnsinnige Schmerz in ihm würde verschwinden. Der Schmerz, dass sie nicht aufgetaucht war. Vielleicht hätte er länger warten sollen, aber er hatte es nicht gekonnt. Zu warten hieß zu hoffen, aber er wusste, dass es eine ziemlich bescheuerte Hoffnung war. Hermione Granger war eine kluge und intelligente Hexe und sie war so wahnsinnig begehrenswert. Er konnte nur davon ausgehen, dass ihr rationaler Verstand gesiegt hatte und sie verstanden hatte, dass alles, was zwischen ihnen war, absoluter Irrsinn war. Wahnsinnig, verrückt, selbstmordgefährdet und absolut nicht gut. Sie war ein Schlammblut. Ein intelligentes, süßes und wahnsinnig begehrenswertes Schlammblut und er war ein Todesser. Er war ein Mörder und nichts, was sie tun könnte, würde daran etwas ändern. In einer Welt ohne den Dunklen Lord gab es für ihn nur Askaban. In einer Welt mit dem Dunklen Lord wartete auf sie der Tod.

Draco bemerkte, wie seine Hände begannen zu zittern und klammerte sie um die Brüstung. Er hatte sich erlaubt sie hier zu haben, hier in dieser Zeitschleife und es war eine wundervolle Zeit gewesen. Und er hielt daran fest. Wenn sie starb, wollte er nicht derjenige sein, der es tat. Er wusste er würde es nicht können. Und er wusste, er wollte nicht sterben. Doch sich das einzugestehen, hieß nicht, dass es eine Chance für sie gab. Nicht außerhalb dieser Zeitschleife. Er musste aufhören es sich zu wünschen. Aufhören so einen Irrsinn zu denken.

Draco blickte in den Abgrund und plötzlich erschien er ihm nichtmehr so tief. Er würde einen Weg finden, dass Dunkle Mal los zu werden. Damit er nicht gezwungen war sie zu töten. Doch es änderte nichts an seinem Auftrag. Er musste Dumbledore töten. Mit oder ohne Mal spielte keine Rolle. Er musste ihn töten, um seine Mutter zu retten. Damit sie nicht zu einer weiteren Leiche auf dem kalten Marmorboden des Salons werden würde. Damit er nicht in ihre toten kalten Augen blicken musste, wie er in die Augen seines Großvaters geblickt hatte. Er vermisste seinen Opa. Er vermisste es mit ihm in den Weinbergen spazieren zu gehen und den Elfen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Er vermisste es von ihm in die Geheimnisse zauberstabloser Magie eingeweiht zu werden und wie er ihn immer mit Schokofröschen belohnt hatte, hinter dem strengen Rücken seiner Mutter natürlich, wenn ihm ein Zauber gelang. Er vermisste seinen Großvater so wahnsinnig und er wusste er würde ihn nie wieder sehen. Er war tot und er durfte nicht zulassen, dass seine Mutter auch starb und er durfte nicht zulassen, dass Hermione starb. Denn er würde den Anblick ihres toten Körpers nicht ertragen. Egal ob sie eine Chance hatten. Er wusste irgendwas würde in ihm brechen, wenn sie tot war.

Er hatte letzten Zyklus ihre Leiche gesehen. Nachdem er sie mit dem Todesfluch belegt hatte, um sie vor dem Dunklen Lord zu retten und sie hatte so wahnsinnig schön und gleichzeitig zerbrochen ausgesehen. Er konnte es nicht zulassen, dass dieser Anblick Realität wurde. Aber dieser Entschluss würde ihn nach Askaban bringen. Er wollte sein Leben nicht im Gefängnis verbringen. Er wollte so viel mehr. Er wollte leben.

Aber spielte es noch eine Rolle? Sie wusste, dass er ein Mörder war und vielleicht würde sie ihn verraten. Würde ihn dem Ministerium melden und er würde untertauchen müssen. Dann könnte er sie hassen, weil sie ihn verraten hatte und vielleicht könnte er dann ihren toten Körper ertragen. Vielleicht, wenn sie ihn verraten würde, könnte er ein Todesser sein und für den Dunklen Lord morden. Er hasste diesen Gedanken. Er widerte ihn an. Aber es wäre der einfachste Weg. Es wäre leicht.

„Draco!"

Mit einem lauten Knall flog die Tür des Astronomieturms auf und er fuhr herum. Dort stand Hermione. Mit geröteten Wangen und zerzausten Haaren. Draco wusste einen Moment nicht, was er sagen sollte. Bevor er sich gefasst hatte, war sie auf ihn zugelaufen und drückte sich an ihn.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich habe gedacht du hast Hogwarts verlassen, dass du mich allein gelassen hast. Warum warst du nicht im Raum der Wünsche!", warf sie ihm vor und drückte ihr Gesicht an seine Brust.

Draco war vollkommen überfordert von der Situation. Aber sie war es doch gewesen die nicht gekommen war.

„Aber ich war da! Du warst nicht da!", warf er ihr vor. Hermione sah zu ihm auf und fasste sein Gesicht.

„Ich bin nur was später gekommen. Ich habe vergessen, dass ich noch meinen Schlafanzug anhatte. Ich musste mich noch anziehen und bis ich da war, warst du weg. Du hättest dir das denken können und warten", sagte sie und es klang wahnsinnig logisch. Es klang ziemlich einfach.

„Aber warum hast du dann gesagt, dass du nur 10 Minuten brauchst!", erwiderte er und hielt ihre Hände in seinen.

„Na weil ich die Zeit unterschätzt habe", antwortete sie und Draco sah sie fassungslos an.

„Das hättest du dir denken können. Du kennst das doch. Meine fünf Minuten waren noch nie fünf Minuten", sagte sie und Draco schnaubte. Ihre fünf Minuten konnten auch mal zu einer Stunde werden, wenn sie ein Buch in der Hand hatte oder gerade etwas Interessantes entdeckt hatte. Zwei Stunden hatten sie vor einer alten verfallenen Wand in Rom gestanden, nur weil sie noch fünf Minuten hatte schauen wollen.

„Ich kann nicht denken, wenn es um dich geht", antwortete er und sie lächelte. Dieses wahnsinnig hübsche verführerische Lächeln. Bevor er sich weiter den Kopf über sie zerbrechen konnte, beugte er sich vor und küsste sie. Es fühlte sich so wahnsinnig gut an sie zu küssen. Gierig schlang er die Arme um sie und sie erwiderte seinen Kuss. Schnappte nach seinen Lippen und wich zurück, als er nach ihnen verlangte nur um sich einfangen zu lassen damit er sie verlangend küssen konnte. Bei Merlin diese Frau brachte ihn um den Verstand.

Dann sah er sie wieder an streichelte ihre wunderbare weiche zarte Wange und konnte seinen Blick nicht von ihr lassen. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

„Du weißt das wir zum Scheitern verurteilt sind", fragte er sie und aus irgendeinem Grund lächelte sie als er das sagte. Sie schmiegte ihr Gesicht in seiner Hand und küsste mit seiner zärtlichen Geste seine Finger.

„Aber es gibt ein wir", sagte sie und Draco wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er wusste nicht, seit wann es ein Wir gab. Bis jetzt hatte es immer nur ein sie und ein er gegeben. Er hatte keine Ahnung, warum er jetzt plötzlich von einem wir sprach. Er sollte nicht davon sprechen. Das war nicht gut.

Bevor er antworten konnte, flog abermals die Tür auf und Nott stand in der Tür. Er musterte sie beide überrascht. Draco bemerkte sofort wie Nott versuchte die Situation einzuschätzen. Wie sein Blick zu Hermione flackerte, die in seinen Armen stand. Er musterte sie, wie sie noch immer eng umschlungen aneinander lehnten und Dracos Hand an ihrer Wange, die er jetzt langsam sinken ließ.

„Was willst du hier, Nott?" Hatte sich Draco als erstes wieder gefasst. Nott kam lauernd noch ein paar Schritte weiter rein und die Tür viel ins Schloss.

„Zabini meinte, Granger sucht dich. Sie war bei uns im Schlafsaal. Wie es aussieht, hat sie dich gefunden", sagte Nott neutral und musterte die Situation.

„Ja, hat sie. Danke für deine Sorge", antwortete Draco reserviert. Er mochte den Blick nicht, den Nott ihnen zuwarf. Es lag nichts Gutes darin.

„Malfoy jetzt hör auf mit dem Theater. Was soll das hier? Hast du etwas mit ihr?", wollte er wissen und Draco fasste Hermione unwillkürlich fester. Seine Hand suchte ihre und drückte sie, als er sie umfasste.

„Und wenn es so wäre?", wollte Draco angriffslustig wissen.

„Du weißt, dass das absolut bescheuert ist? Du kannst nichts mit ihr haben. Tracy hat sich von diesem verdammten Turm gestürzt und es ist gerade mal ein Jahr her und damals war kein Krieg. Heute ist Krieg. Heute wird dich jemand diesen Turm runterwerfen, wenn du etwas mit ihr hast!"

Draco atmete tief ein. Nott musste sich wirklich Sorgen machen, wenn er Tracy erwähnte. Tracy war in ihrem Jahrgang gewesen. Ein ziemlich unscheinbares Mädchen. Niemand dem er jemals Beachtung geschenkt hätte. Sie war ein Halbblut gewesen. Das allein war schon Grund genug gewesen sie nicht zu beachten.

Aber Tracy und Nott waren befreundet gewesen. Warum auch immer Nott Freundschaft mit einem halbblütigen Mädchen pflegte. Es war ihm egal gewesen. Bis Tracy Selbstmord begangen hatte. Er hatte das alles erst im Nachhinein erfahren. Tracy war wohl lange mit Marcus Flint zusammen gewesen. Die Flints waren ein Teil der Unantastbaren so wie Nott und Parkinson und er selbst. Die Familie hatte die Beziehung des habblütigen Mädchens zu ihrem Sohn nicht geduldet. Sie hatten Markus Flint gedroht ihn aus der Familie zu werfen, wenn er sie nicht verlassen würde. Als es nichts brachte, hatten sie das Mädchen unter Druck gesetzt. Sie hatte dem Druck nicht standgehalten. Sie war eines Nachts im Mai vom Astronomieturm gesprungen und Flint war so geschockt gewesen, dass er seitdem nichtmehr gezaubert hatte. Magische Paralyse.

Aber Hermione war nicht Tracy Davis und er war nicht Markus Flint.

Hermione spürte wie Draco sie enger an sich zog. Sie legte den Kopf auf seine Brust und hielt ihn fest. Sie wusste nicht viel über den Selbstmord von Tracy Davis. Sie war eine Slytherin aus ihrem Jahrgang gewesen. Aber es hatte ein schlechtes Licht auf Umbridge als Schulleiterin geworfen, dass eine Schülerin unter ihrer Aufsicht Selbstmord beging. Deshalb war alles vertuscht worden. Es gab Gerüchte sie sei unglücklich verliebt gewesen, mehr wusste sie nicht.

„Verdammt Nott, halte dich da raus", fauchte Draco aufgebracht. „Glaubst du ich weiß nicht wie verdammt beschissen die Situation ist! Sie ist viel beschissener als bei Davis und Flint! Ich bin ein Todesser. Ich habe das Dunkle Mal. Ich habe für den Dunklen Lord getötet und ich muss es wieder tun. Und sie war mit Potter im Ministerium, sie ist im Widerstand. In Dumbledores bescheuertem Phönixorden. Dieser Krieg ist nicht irgendwo. Er ist genau hier auf diesem Turm. Er ist in unseren Köpfen und unserem Leben und er zerstört es. Er zerstört alles, was von unserem Leben noch übrig ist. Er zerstört unsere Familien und unseren Glauben an die Welt. Er zerstört alles, was wir lieben und hinterlässt nur Verlust und Hass. Glaubst du ich kann es vergessen. Ich werde daran erinnert. Jedes verdammte Mal, wenn ich dieses Zeichen auf meinem Arm sehe, dass mich versklavt!"

Hermione bemerkte wie Nott blass wurde. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch er schien nicht die richtigen Worte zu finden. Gerade als Nott zu einer Antwort ansetzen wollte fuhr Draco fort.

„Außerdem weißt du genau, dass ich nicht der einzige bin, den sie von diesem Turm werfen würden. Du musst verdammt viel vorsichtiger sein, was du mit Zabini treibst. Zabini mag der Ernst der Lage nicht klar sein. Aber wenn dein Vater erfährt, was ihr tut, wird er ihn nicht leben lassen, oder dich. Je nachdem wen er zuerst in die Finger bekommt. Wir beide Nott, wir kennen unseren Klüngel. Wir wissen, wozu sie in der Lage sind. Wir haben es oft genug erlebt. Wirf mir nicht vor, dass ich ein muggelstämmiges Mädchen liebe, während du in einen Jungen verliebt bist."

Hermione sah zu Draco hoch. Meinte er das ernst, was er sagte. Sie war sich nicht sicher, ob er jemals das Wort muggelstämmig gesagt hatte. Aber sie war sich sicher, dass er bis jetzt niemals von Liebe gesprochen hatte. War das Theater? Ihr Spiel? Oder war es real? Nott zumindest sah ziemlich geschockt aus.

Hermione wurde aus ihren Gedanken gerissen, als abermals die Tür aufging. Harry, Ron und Ginny standen in der Tür. Wie erstarrt blickten sie sie an und Hermione vergrub ihre Hände nur tiefer in Dracos dünnem Shirt. Sie hatte keine Lust sich mit ihnen auseinander zu setzen. Sie wollte nicht mit ihnen über Draco streiten, aber sie brauchte nur Rons Blick zu sehen und als er den Mund aufmachte, war klar was er sagen würde.

„Lass deine widerlichen Finger von ihr, Malfoy", fauchte Ron aufgebracht und stürmte in den Raum. Er schien Nott nicht zu bemerken.

„Weasley, jetzt bekomm dich ein", antwortete Draco genervt und Hermione löste sich etwas von ihm, um sich Ron zuzuwenden. Er bebte vor Wut und Hermione sah, wie er seine Fäuste geballt hatte, sodass die Fingerknöchel weiß hervorstanden.

„Er hat nichts getan", sagte Hermione verteidigend.

„Verdammt, Hermione was soll das alles, was geht hier ab?", wollte Ron wissen und kam noch einen Schritt näher. Hermione stand ihm genau gegenüber und irgendwie versuchte sie eine logische Erklärung für die Situation zu finden. Eine einfache, kurze Erklärung die alles zusammenfassen würde.

„Ich liebe Draco."

Hermione wusste nicht warum sie es ausgerechnet jetzt sagte. Warum sie es nicht Draco, sondern Ron sagte. Aber egal wie und warum sie es sagte. Sie wusste, dass es kein Spiel war. Es war einfach nur die Wahrheit. Sie liebte ihn und der Gedanke ihn zu verlieren, dass er sich von ihr abwenden würde, erschien ihr unerträglich.

Ron wurde augenblicklich ziemlich blass und Hermione hörte Harrys überraschten Luftschnappen. Sie ließ ihren Blick über ihre Freunde schweifen und spürte, wie Draco hinter sie trat. Hermione machte einen Schritt nach hinten. Direkt in seine Arme, ließ zu, dass er sie um sie legte. Sie fest an sich zog, an seinen starken Köper und sie festhielt. Es fühlte sich gut an bei Draco zu sein. Von ihm gehalten zu werden. Vielleicht war es nicht richtig. Aber es fühlte sich gut an.

„Das ist verrückt, Hermione", sagte Harry fassungslos. Er war der Erste, der sich gefangen hatte und Hermione wandte sich ihm zu.

„Ja, ziemlich verrückt und idiotisch und alles andere als klug. Aber egal wie oft ich mir das sage, es ändert nichts an meinen Gefühlen."

„Er wird dich fallen lassen, das ist dir klar? Sie sind alle so. Vielleicht mag es dir jetzt nicht so vorkommen, aber irgendwann, wenn ihn seine Familie dazu drängt, wird er dich verlassen und dir das Herz brechen", sagte Ginny. „So sind sie, die Unantastbaren. Sie bleiben immer unter sich."

Ein schmerzliches Zucken huschte über Hermiones Gesicht dann lächelte sie traurig.

„Ich weiß. Es ist nicht so, dass wir eine Chance haben. Aber wir haben uns. Keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Jeden Tag sterben Menschen. Dementoren überfallen Familien und saugen ihnen die Seelen aus. Menschen verschwinden. Wir haben wenigstens uns. Das ist genug. Vielleicht nicht für immer, aber wir wissen nicht, ob wir in einem Jahr noch leben. Warum sich Sorgen um die Zukunft machen, wenn wir nicht mal wissen, ob es eine Zukunft gibt."

„Du weißt, dass das verrückt klingt? Du weißt, dass das absolut schräg und überhaupt nicht nach dir klingt", sagte Harry und trat neben Ron der noch immer ganz blass um die Nase war.

Hermione lächelte ihn unsicher an.

„Ja", gab sie zu. Sie war immer rational und logisch. Es hatte ihrem Leben Stabilität gegeben alles mit Logik zu betrachten. Etwas so Irrationales wie eine Liebesbeziehung zu Draco Malfoy war nichts, was zu ihr passte. Denn es war nicht logisch und es war nicht rational. Es war durch und durch emotional und das war nichts, was sie normalerweise tun würde. Trotzdem fühlte es sich besser an als jeder kalte logische Gedanke. Es fühlte sich einfach nur lebendig an. Wie der pure Rausch des Lebens und sie wollte leben.

„Das ist absoluter Irrsinn Hermione. Von allen Jungen auf Hogwarts ausgerechnet Malfoy. Ist das sowas wie damals mit McLaggen? Geht es darum?", wollte Harry wissen und Hermione presste die Lippen zusammen. Sie war mit McLaggen zu Slughorns Weihnachtsparty gegangen, um Ron eins auszuwischen. Harry wusste das. Doch das hier war nichts dergleichen.

„Nein. Das hat nichts miteinander zu tun. Glaub mir Harry. Das mit Draco ist was vollkommen anderes."

„Das ist doch ein Scherz", sagte Ron plötzlich und starrte Hermione schreckensbleich an. „Das ist der widerlichste und abartigste Witz, den ich jemals gehört habe und ich habe Fred und George als Brüder"

Das tat weh, es tat wahnsinnig weh das zu hören. Sie hatte nicht erwartet, dass es so wehtun würde zu hören, was Ron von ihnen dachte.

„Ja, Malfoy. Hör auf Grangers Freunde. Das ist vollkommen irrsinnig!", mischte sich nun Nott ein und die Gryffindors schienen ihn das erste Mal zu bemerken.

Draco hinter ihr seufzte tief. Hermione spürte seinen Atem an ihrer Wange als er sich runterbeugte.

„Wir könnten diesen Zyklus einfach beenden", sagte Draco und sein Blick flackerte zur Brüstung des Astronomieturms. Hermione folgte seinem Blick, dann huschte er zurück zu den anderen. Sie standen vor ihnen. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Ablehnung. Keiner verstand es. Aber wie sollten sie es auch verstehen. Sie verstand es selbst kaum.

„Es bringt nichts mit ihnen zu diskutieren", fügte Draco hinzu und Hermione nickte. Sie wollte nicht mit Harry und Ron diskutieren. Noch weniger wollte sie mit Ginny diskutieren. Es brachte nichts. Sie wollte mit Draco reden. Wissen was er dachte, was in ihm vorging. Das war alles, was jetzt zählte.

„Ich liebe dich", sagte Hermione leise an ihn gewandt und legte ihre Hand auf seine Wange. Draco lächelte sanft. Er schloss die Augen und schmiegte sein Gesicht an ihre Handfläche. Dann sah er sie an und küsste sie unglaublich zärtlich. Hermione schlang die Arme nur noch fester um ihn. Sie spürte seinen starken Griff um ihre Hüften und sie wollte nie wieder aufhören ihn zu küssen. Einfach vergessen, dass sie nicht allein auf der Welt waren.

„Ich liebe dich auch", sagte Draco sanft und sie hatte die Worte noch gar nicht wirklich realisiert, als sie spürte, wie Draco sie mit sich riss. Sie verlor den Boden unter den Füßen und dann fiel sie. Sie fiel und ganz entfernt hörte sie ein Aufschreien und ihr wurde bewusst, dass Draco sich mit ihr zusammen vom Astronomieturm gestürzt hatte. Sie vielen und sie krallte ihre Hände in sein Shirt. Sie spürte seinen warmen Körper und wie sich seine Finger beinah schmerzhaft an sie klammerten. Hermione nahm einen letzten Atemzug. Überall um sie herum war sein Geruch, hüllte sie ein. Es war das Letzte, was sie wahrnahm, dann erwachte sie im Gryffindorschlafsaal der Mädchen.

Nachwort:

Kurz war ich versucht die Szene zu schreiben wie Ginny oder Harry auf den Doppelselbstmord reagieren. Der Zyklus dauert schließlich noch einen Tag und nur weil weder Draco noch Hermione sich daran erinnern, heißt es nicht, dass es nicht stattgefunden hat. Ich muss tatsächlich sagen, ich fand in Anbetracht der Katastrophe, in die ihre Gefühle sie bringen den Selbstmord seltsam passend. Auch wenn weder Draco noch Hermione Todessehnsucht haben. Keiner von beiden würde in der linearen Zeit aus Liebe Selbstmord begehen, trotzdem ist es ein seltsam passendes Zeichen. Die Flucht dem Konflikt vorzuziehen, da sie selbst noch so sehr mit sich ringen.

Als ich diese FF angefangen habe, habe ich nicht erwartet, dass jemals ein „Ich liebe dich" fällt. Wirklich nicht. Aber mittlerweile denke ich, dass es ziemlich gut passt. Es wäre Unsinn, wenn sie sich das offensichtlichste der Welt nicht offen eingestehen würden, obwohl sie sonst recht direkt kommunizieren. Hermione ist rational genug, sich diese Gefühle einzugestehen und Draco meiner Meinung nach auch.

Eine liebe Kommischreiberin (Vronal in dem Fall) hat mal (lang ist es her) gefragt, wie ich bei meinem ersten Kapitel in der FF auf eine Liebesbeziehung kommen will und die Antwort ist einfach. Zwischen ihnen ist keine romantische, sensible, süße Liebe. Sie ist voller Verzweiflung, Schmerz, Wahnsinn und Besessenheit. Denn Liebe ist auch das. Liebe kann Leben zerstören aber auch bewahren. Menschliche Emotionen sind nichts anderes als die Wirkung von Neurotransmittern auf das Gehirn. Substanzen, die unsere Handlungen beeinflussen und kompromittieren. Was wäre stärker als der größte Endorphin- und Dopamin-Rausch, den wir uns geben können.

Oder mit andren Worten: Verliebtheit ist ein Drogenrausch und Liebe die Gewohnheit an die Dosis. Wehe dem kalten Entzug.

LG

Salarial