Kapitel 88

Pflicht

etwas, was zu tun jemand als eine (innere, sittliche, moralische) Verpflichtung ansieht, was seine eigenen bzw. die gesellschaftlichen Normen von ihm fordern

„Zieh dir deine Kapuze über. Keiner muss wissen, wer du bist", wies Draco Hermione an und sie gehorchte. Dann öffnete er die Tür und vor ihnen offenbarte sich ein mit grünem Marmor ausgekleideter Gang. So unscheinbar die Rückseite des Gebäudes auch gewirkt hatte, umso pompöser war der Eingangsbereich. Mehrere Kamine waren an den Seiten eingelassen, um den Mitarbeitern das Reisen per Flohnetzwerk zu erleichtern. Sie gingen den Flur entlang, direkt am Empfang vorbei. Draco nickte der Hexe zu, die dort saß und sie nickte zurück. Sie stiegen eine Treppe hinauf und besorgte und neugierige Blicke folgten ihnen.

„Die Stimmung ist schlecht", sagte Draco leise an Hermione gewandt. „Es gab mehrere Durchsuchungen in den Vergangenen Monaten und seit Großvater tot ist und Vater im Gefängnis sitzt sind sie praktisch führerlos. Ich habe ein paar Details mit Mutter und der Führungsetage geklärt. Welche Schritte wir wegen des Kriegs unternehmen. Aber ich habe nicht den kompletten Überblick über alles. Es ist ein Desaster."

Es war mehr als ein Desaster. Es war eine reine Katastrophe. Noch vor einem Jahr hatten sich zwei erfahrene Männer um wegweisende Entscheidungen gekümmert und jetzt war da nur noch er. Seine Mutter hatte keine Ahnung davon, was alles in Lacock Abby geschah und das hatte sie vorher auch nie gemusst.

„War dein Vater am operativen Geschäft beteiligt?", wollte Hermione wissen, doch Draco verneinte.

„Es gibt mehrere Geschäftsführer, denen immer ein Teilbereich untersteht. Nur wichtige Entscheidungen werden von der Familie abgesegnet. Wir geben sozusagen den Kurs vor. Aber alle sind besorgt. Ich meine, wir haben Krieg. Sie sind ohnehin besorgt."

„Das der Inhaber in Askaban sitzt hilft sicher nicht", fügte Hermione hinzu und Draco schnaubte.

„Nein. Leider nicht. Vielleicht ist es ein Segen, dass ich jetzt volljährig bin. Falls ich das alles überlebe, gibt es viel Arbeit aufzuholen."

Falls er das alles überleben sollte, würde es wahrscheinlich Jahre dauern den Schaden, den der Dunkle Lord und die Inhaftierung seines Vaters angerichtet hatten wieder gerade zu biegen. In Momenten wie diesen, war er der strengen Erziehung durchaus dankbar. Sie ließ ihn wenigstens verstehen, wo genau Handlungsbedarf bestand und was gut lief. Zu wissen, was man tun musste, half enorm herauszufinden, wie man es tat.

Draco spürte, wie Hermione wieder nach seiner Hand griff und ihn aufmunternd anlächelte. Er lächelte automatisch zurück. Er mochte es eindeutig sie lächeln zu sehen. Und auch wenn es seine Probleme nicht löste, machte es doch die Welt um ein Vielfaches schöner.

Hermione hätte Draco gerne etwas tröstendes gesagt, aber gerade fiel ihr nichts ein. Also griff sie nach seiner Hand und lächelte ihm aufmunternd zu. Jetzt gerade war sie ziemlich froh, dass ihre eigene Familie so groß war. Es gab immer genug, die das Geschäft am Laufen hielten. Selbst wenn einer ausfiel. Leider auch einer der Gründe, warum ihr Großvater versuchte alle bei der Stange zu halten. Einfach damit sie nicht so vulnerabel wurden. Ihre Familie war viel mehr in das operative Geschäft verwickelt als die Malfoys. Erst mit dem Alter, nachdem sie alle die Geschäfte kennengelernt und den Ablauf verinnerlicht hatten, würden sie in den Aufsichtsrat aufrücken.

Zusammen gingen sie zwei Stockwerke hoch und bogen dann nach links in einen weiteren Gang ein. Große Spitzbogenfenster erhellten den Flur und Hermione wurde klar, dass es die zugemauerten Fenster waren, die sie von außen gesehen hatten. Draco ging bis fast zum Ende des Gangs und hielt vor einer Tür. Hermione entdeckte eine goldene Plakette. Henry Gilmore, Geschäftsleitung In- & Export, stand darauf.

Ohne zu zögern, klopfte Draco und es dauerte einen Moment, bis sie hereingebeten wurden. Hermione wusste nicht, was sie erwartet hatte. Der Raum dahinter war ein Sammelsurium an Kuriositäten. An den Wänden waren Bücherregale und Aktenordner. An einer freien Wand prangte eine riesige Weltkarte, in die jede Menge Fähnchen und Zettel gesteckt waren und auf einer großen Vogelstange saßen zwei Eulen und ein riesiger bunter Vogel. Hermione war sich nicht ganz sicher, aber es könnte eine Art Paradiesvogel sein. Der Vogel neigte den Kopf und wechselte dabei die Farbe. Was immer es für ein Vogel war, er war eindeutig magisch.

„Draco", sagte der Mann, der sich jetzt von seinem Schreibtisch erhob, überrascht.

Henry Gilmore war ein großer schlanker Mann in den Fünfzigern. Sein Haupthaar war teilweise ergraut, aber in seinen Augenwinkeln fanden sich Lachfalten. Etwas müde sah er aus fand Hermione, aber ansonsten durchaus attraktiv.

Draco trat ein und Hermione folgte ihm, bevor sie die Tür hinter ihnen schloss.

„Verzeih, Henry, dass ich ohne Anmeldung einfach vor der Tür stehe. Ich habe ein dringendes Anliegen, dass leider nicht warten kann", sagte Draco und schritt selbstsicher in den Raum hinein. Hermione entschied besser an der Tür zu warten. Sie wusste nicht, ob dieser Mann sie erkennen würde und ob es Probleme machen könnte.

„Es tut gut, dich wohlauf zu sehen", fügte Draco hinzu und reichte dem Mann die Hand.

„Ja, Ja das tut es", erwiderte Henry und sein Blick flackerte von Hermione, die an der Tür stand, zurück zu Draco. Er erwiderte den Händedruck.

„Ich habe Arianna erst letzte Woche in Hogwarts gesehen. Sie schien wohlauf. Wie geht es dem Rest Familie?", wollte Draco wissen und ein kleines Lächeln schlich sich auf Henrys Gesicht. Henry hatte früher immer viel gelacht. Man sah ihm die Schwierigkeiten des letzten Jahres durchaus an. Ein Umstand den Draco tatsächlich bedauerte.

„Den Umständen entsprechend. Alle sind wohlauf und ich danke Merlin dafür. Sag mir, Draco. Was führt dich her? Ist heute…", begann Henry, doch dann begann er zu strahlen.

„Natürlich, du hast mich so überrascht, dass ich es fast vergessen hätte. Alles Gute zum Geburtstag. Willkommen im Erwachsenenalter!", sagte Henry enthusiastisch und umarmte den überraschten Draco. Er brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Manchmal vergas er, dass er Geburtstag hatte. Draco musste auch grinsen als sie sich wieder voneinander lösten.

„Danke Henry, vielen Dank", erwiderte Draco etwas verlegen und musste lachen. Irgendwie war es seltsam, plötzlich genauso groß zu sein, wie Henry Gilmore. Als Kind war er ihm immer wie ein Riese erschienen. Vielleicht verdeutlichte das am besten die Zeit die Vergangen war. Henry schien es genauso zu gehen, denn er sagte:

„Ich kann mich noch genau erinnern wie du hier als kleiner Junge durch die Gänge geschlichen bist und allerlei Schabernack getrieben hast. Es ist erstaunlich, wie die Zeit vergeht. Aber sag, Draco was führt dich her? Wie kann ich dir helfen?"

Draco schenkte ihm noch ein schlackiges Grinsen. Er hatte sehr viel Unsinn hier getrieben. Regeln hatten ihn nie sonderlich interessiert und so war er durch Lacock Abby gelaufen und hatte alle bei der Arbeit gestört, wenn sein Vater ihn mitnahm. Wehmütig riss er sich aus der schönen Vergangenheit los. Er war nicht hier, um in Erinnerungen zu schwelgen.

„Keine einfache Angelegenheit. Ich muss in den Himalaja. Kurzfristig. Es gibt keine Zeit groß zu planen."

Sofort erlosch das Lächeln auf Henrys Gesicht. Er seufzte und ließ sich zurück auf seinen Stuhl fallen.

„Was willst du dort?", fragte Henry und Draco warf ihm einen Blick zu, dass es selbst Hermione fröstelte.

„Möchtest du das wirklich wissen?", fragte Draco und Henry schluckte.

„Nein. Nein, ich glaube das wird nicht nötig sein", erwiderte er schnell und war eine Nuance blasser geworden. Sein Blick wanderte zu Hermione die noch immer mit verhülltem Gesicht an der Tür wartete wieder zurück zu Draco. Er entschied wohl gerade nicht zu fragen, wer sie war.

Hermione ließ die Situation auf sich wirken und es war fast unheimlich zu sehen, wie der der junge Draco Malfoy einen wahrscheinlich dreißig Jahre älteren Mann mit einem einzigen Blick einzuschüchtern vermochte. Aber vielleicht gab es dazu mehr Hintergrund, als sie kannte. Draco war nicht irgendein Junge, erinnerte sich Hermione. Er war der Sohn von Lucius Malfoy, der Sohn eines Todessers. Wahrscheinlich wusste Henry Gilmore nur zu genau in was für Machenschaften die Familie seines Arbeitgebers verwickelt war.

„Ich brauche den Portschlüssel und eine Abschrift der letzten Reiseberichte in alle Himalajatäler zu denen wir Zugang haben. Ich muss wissen, was ich mitnehmen sollte, falls wir auf Einheimische stoßen", sagte Draco und Henry nickte.

„Es gibt sicher etwas und du kannst dir sicher sein, dass es nur teure und seltene Dinge sein werden. Himalajareisen waren nie einfach."

„Es sind immer teure und seltene Dinge", erwiderte Draco zynisch. „Mach dir keine Sorgen. Wir ersetzen die Ausgaben aus dem Privatvermögen. Es fließt nicht in die Bilanz ein."

„So ernst ist es gleich?", sagte Henry resigniert und ging zu einem Aktenschrank. Sein Finger fuhr über die beschrifteten Ordnerrücken, bevor er einen großen schwarzen Ordner hervorzog. Er legte ihn auf den Tisch.

„Ich habe hier nur den Portschlüssel ins Danbar Tal. Von Dort beziehen wir Regelmäßig hochreines Eis", sagte Henry und zog eine lange goldene Feder hervor mit einer aus türkisfarbenem Stein gefertigten Spitze.

„Wo sind die anderen?", wollte Draco wissen und trat zu Henry, um ihm die Feder abzunehmen und in den langen Fingern zu drehen. Hermione wäre zu gerne nähergekommen, um einen Blick auf die Feder zu werfen, doch sie blieb an der Tür stehen. Es war irgendwie faszinierend Draco dabei zuzusehen, wie er mit dem Zauberer sprach. Er wirkte ganz anders, als wenn er mit ihr sprach oder in Hogwarts war. Sie konnte es noch nicht ganz fassen, aber schon seit sie hier angekommen waren, fiel es ihr auf. Etwas an Draco war anders.

„Die anderen Portschlüssel werden kaum gebraucht. Sie liegen wahrscheinlich im Tresor. Aber dort habe ich keine Zugriffsberechtigung. Du müsstest deinen Vater nach der Kombination fragen", sagte Henry und Draco seufzte frustriert auf. Irgendwie hatte er das befürchtet. Nie funktionierte etwas wie man es sich wünschte.

„Danke, Henry", sagte Draco mit einem nicken. „Leih mir die Unterlagen für heute. Ich sehe sie mir durch. Ist das hintere Büro frei?"

„Natürlich. Du kannst es benutzen", sagte Henry und fügte dann mit einem etwas traurigen Lächeln hinzu. „Wer hätte gedacht, dass du bereits an deinem Geburtstag dort sitzt. Die Welt lässt dir auch keine Zeit erwachsen zu werden."

Draco konnte sich ein zynisches Lächeln nicht verkneifen, als er Henry eine Hand auf die Schulter legte.

„Zeit ist eine sehr dehnbare Größe. Ich gebe mein Bestes, um uns alle hier irgendwie sicher durch zu bringen."

„Sag, wenn ich noch was tun kann", bat Henry und Draco nickte ihm zu. Er klemmte sich den Ordner unter den Arm und gab Hermione mit einer Geste zu verstehen die Tür zu Öffnen.

„Ich bringe es dir nachher wieder", sagte Draco, als er mit Hermione das Büro verließ. Er spürte Henrys Blick nur zu gut auf ihnen ruhen.

„Ihr kennt euch gut", stellte Hermione fest, als sie wieder den Korridor entlanggingen.

„Einigermaßen. Henry arbeitet schon ewig für uns. Die Geschäftsleiterstelle hat er vor fünf Jahren bekommen."

„Du magst ihn", stellte Hermione fest und Draco schnaubte nur.

„Was heißt schon mögen. Ich lege Wert auf seinen Rat und respektiere seine Arbeit. Seine Tochter ist in Ravenclaw. Drittes Jahr. Ganz hübsch, aber ein bisschen zu jung für meinen Geschmack. Er ist kein Verfechter des Dunklen Lords. Aber auch niemand der den Mund aufmachen würde. Henry mag seine Familie. Er mag seinen Job, in dem er gutes Geld verdient und auf Firmenkosten die Welt bereisen kann. Er versucht jegliche Scherereien zu vermeiden, die ihn irgendwie in die Schusslinie bringen könnten."

„Also kennst du ihn doch sehr gut", schlussfolgerte Hermione und Draco erlaubte sich ein Schnauben.

„Es ist meine Aufgabe ihn zu kennen. Großvater hat immer Wert darauf gelegt. Ich sollte wissen, wer die Firma im Namen der Familie leitet. Mit wem sie verwandt sind. Wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Großvater sagte immer das egal wie eilig man es hat, man sich die paar Minuten nehmen soll, um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Den Mitarbeitern das Gefühl geben mehr als nur ein Objekt zu sein. Es sind nur ein paar Minuten aber sie sorgen dafür, dass du bessere Mitarbeiter hast."

„Ich weiß was du meinst. Grandpa sagt das auch häufig. Das zu gutem Führungsverhalten auch immer dazugehört den Menschen das Gefühl zu geben für ihre Arbeit geschätzt zu werden. Auch als Menschen nicht nur als Arbeitskräfte. Denn jeder Mensch ist mehr als seine Arbeit und nur wenn er sich in der Arbeit wohl fühlt, wird er in schweren Zeiten auch bereit sein mehr zu leisten als er müsste."

„Dann sind das wohl keine Zaubererweisheiten", sagte Draco.

„Und keine Muggelweisheiten", fügte Hermione hinzu und kurz lächelten sie sich an.

Ganz am Ende des Ganges lag das Büro seines Vaters. Früher als er noch klein gewesen war, war es das Büro seines Großvaters gewesen. Es war nicht so, dass sie regelmäßig hier gearbeitet hatten. Oft genug hatte er sie im Salon sitzen gesehen und wenn er nicht schnell genug verschwunden war, hatte er sich zu ihnen setzen müssen und sich langweilige Themen wie die Änderungen von Importbestimmungen für Drachenblut anhören müssen. Heute wusste er, das es wichtig war sowas zu wissen, denn nur dann konnte man verhindern, dass entsprechende Gesetze durchgebracht wurden. Das war ihre Aufgabe. Die Aufgabe der Malfoys war nicht das operative Geschäft oder das Leiten des Gewächshauses. Sie sorgten dafür, dass ihren Angestellten möglichst wenig Steine in den Weg gelegt wurden, während sie das Vermögen der Familie mehrten.

Draco stieß die Türe auf und leichte Staubpartikel tanzen in der gleißenden Sonne. Jetzt wo sein Vater seit fast einem Jahr in Askaban saß, wurde hier wohl nichtmehr regelmäßig geputzt. Ärgerlich zog Draco seinen Zauberstab und behob diesen Umstand. Es missfiel ihm, dass die Räumlichkeiten nichtmehr ernst genommen wurden. Das durfte so nicht weitergehen. Wenn er aus der Zeitschleife raus war, musste er ein ernstes Wort mit der Hausverwaltung sprechen.

„Wahnsinn", hörte er Hermione sagen und folgte ihr zum Fenster. Von hieraus konnte man die Gewächshäuser überblicken bis hinauf in die Weinberge.

„Dort hinten, hinter den Wald liegt unser Herrenhaus", sagte Draco und deutete nach links, weg von den Weinbergen.

„Das erinnert mich etwas an das Haus meines Onkels. Des jüngsten Onkels. Er hat irgend so eine reiche Tussi geheiratet, dessen Familie in Summerset lebt. Die laden immer zum Jagen ein. Überall um ihr Haus sind Wälder. Ich sehe durchaus den Nutzen und die Vorteile an geplanter Jagt, trotzdem kommt es mir falsch vor, dass als Familienveranstaltung zu planen."

„Es ist die Kunst aus der Not eine Tugend zu machen. Ich halte es nicht für verwerflich", sagte Draco und erntete einen missbilligenden Blick.

„Ihr macht auch Jagdveranstaltungen", mutmaßte sie und Draco schenkte ihr ein breites Grinsen.

„Natürlich. Woher glaubst du kenne ich McLaggen. Wir haben hier öfter Probleme mit Nogschwänzen oder Nifflern. Wenn sie zu zahlreich werden müssen sie erlegt werden. Da das ziemlich wendige Biester sind macht es mehr Spaß sich ein paar Freunde dazu einzuladen."

Hermione schnaubte verächtlich.

„Wir sind halt Landadel", sagte Draco schulterzuckend, als wäre das eine Entschuldigung.

„Das bedeutet aber nicht, dass ihr Spaß dabei haben müsst Tiere zu töten!", erboste sich Hermione. Ja, natürlich war es nötig eine Überpopulation in den Griff zu bekommen, wenn die natürlichen Fressfeinde fehlten. Aber lachend durch den Wald zu prischen, oder Hunde durch den Wald hetzen zu lassen um die Beute zusammenzutreiben nur um sie zusammenzuschließen kam ihr trotzdem falsch vor."

„Es geht nicht um den Spaß am Tiere töten. Es geht darum sich seine Aufgaben so angenehm und kurzweilig wie möglich zu machen."

„Das ist nur eine Ausrede! Du wolltest Seidenschnabel töten lassen!", fauchte sie und Draco verdrehte genervt die Augen. Er lehnte sich an den großen Holzschreibtisch und musterte die wütende Hermione am Fenster. Wenn sie nur nicht so verdammt süß aussehen würde, wenn sie vor Zorn rauchte. Dann wollte er sie einfach nurnoch über den Tisch legen und ficken. Kurz dachte Draco über diese Option nach.

„Der Hippogreif war ein Kollateralschaden in einem Konflikt der größer war als er", sagte Draco nur.

Hermione hob auffordernd die Augenbrauen und Draco seufzte geschlagen.

„Komm her", bat er und streckte die Hand nach ihr aus. Er bemerkte ihren Widerwillen, doch letztendlich kam sie zu ihm und legte ihre Hand in seine. Draco zog sie an sich.

„Als mich der Hippogreif angegriffen hat, bin ich das Wochenende drauf zuhause gewesen. Familienangelegenheiten. Vater hat mich gefragt was passiert war. Er fand es eine hervorragende Gelegenheit Dumbledore eins reinzuwürgen, nachdem er ihn wegen seiner Suspendierung so schlecht hatte dastehen lassen. Als dann klar wurde, dass Dumbledore sich für Hagrid und den Hippogreif einsetzet ist alles eskaliert. Vater wollte ihm einfach nur beweisen, wer am längeren Hebel sitzt und der Hippogreif sollte dafür herhalten."

„Aber du hast da mitgemacht. Du bist die ganze Zeit mit diesem Verband rungelaufen!", warf sie ihm vor.

Draco grinste, als er an die Zeit zurückdachte.

„Natürlich habe ich mitgemacht. Vater wollte es so und es gab keinen Grund sich zu widersetzen. Ich bin kein hoffnungsloser Idealist. Du kannst dir das vielleicht nicht vorstellen, aber die meiste Zeit meines Lebens war ich ein sehr gehorsamer Sohn. Ich wollte immer, dass mein Vater stolz auf mich ist."

Hermione sah ihn mit undeutbaren Gesichtsausdruck an. Vielleicht fast ein bisschen traurig. Sanft Fuhr sie mit den Fingerspitzen über seine Kinnpartie.

„Ich glaube ich mag den wilden, ungehorsamen, draufgängerischen Draco lieber."

Er mochte den freien Draco auch lieber. Aber im Leben konnte man sich nicht alles aussuchen.

„Er ist in der Realität nicht überlebensfähig."

Hermione legte den Kopf etwas schief. Draco sah genau, wie sich ihre roten Lippen einen Spalt öffneten, als sie Frage. „Was wenn doch?"

Er wollte schon etwas erwidern, als sie ihre Lippen auf die seinen drückte. Sie küsste ihn, um ihn daran zu hintern etwas zu sagen und es war ihm nur recht. Er wollte nicht an die lineare Zeit denken. Er war jetzt hier mit ihr und das war alles, was zählte.

Draco zog sie immer näher an sich und ehe sie es sich versah, hatte er sich über sie gebeugt und an den Tisch gedrängt. Sie griff nach hinten, um sich festzuhalten und mit einem krachen fiel der Ordner zu Boden.

Es brachte Draco dazu den Kuss zu lösen. Frustriert seufzte er auf und bückte sich, um den Ordner aufzuheben. Hermione war einigermaßen überrascht.

„Finden wir heraus, in welches verdammte Tal wir reisen müssen", sagte er und wandte sich von ihr ab. Er ging um den Schreibtisch und setzte sich in den großen Sessel.

„Du hast gesagt, du warst schonmal dort?", fragte Hermione neugierig.

„Ja. Es war vor zwei Jahren als Großmutter Druella immer kränker wurde. Wir haben für ihre Heiltränke frisches Wasser von der Quelle geholt. Großvater traute niemandem und außer uns Familienmitgliedern weiß niemand wie man zur Quelle gelangt. An sich war der Weg mit dem Portschlüssel sehr einfach. Aber ich muss herausfinden, ob Vorkehrungen getroffen werden müssen. Magie wirkt nicht immer ganz normal im Himalaja. Einer der Gründe, warum die meisten Zauberer ihn meiden."

„Jetzt willst du mich mitnehmen", sagte sie und fühlte sich irgendwie ziemlich geehrt dabei.

„Ja, ich nehme dich mit. Aber ich verrate dir den Weg nicht. Falls ich ihn denn finde. Großvater würde es mir nie verzeihen." Draco grinste und schnaubte kurz bevor er sich wieder dem Ordner zuwandte.

Hermione nickte und beobachtete Draco wie er den Ordner aufschlug. Seine langen feingliedrigen Finger huschten über die erste Seite, bevor er eine Registerkarte öffnete. Hermione beobachtete ihn, wie er Pergament und Tinte aus einer Schublade zog und die Federspitze kurz anleckte, bevor er die magische Feder in perfekter Balance auf das Pergament setzte.

Es wirkte seltsam normal und einen Moment konnte Hermione sich den älteren Draco Malfoy durchaus vorstellen, wie er an diesem Tisch sitzen und arbeiten würde. Es wirkte einfach, als würde er hierher gehören und plötzlich wurde Hermione etwas klar. Draco gehörte hierher. Er hatte es ihr einmal gesagt. Er wusste immer wohin er gehörte und dieser Ort, war hier. Hier auf diesem Grund und Boden, bei den Feen auf den Hügeln, den Weinbergen, den Gewächshäusern und den Hexen und Zauberern die hier in dieser alten Abtei für ihn arbeiteten. Er tat nicht nur so. Er war, der nächste Earl of Lacock und er fühlte sich wohl mit dieser Rolle. Auch wenn er mit sich haderte, auch wenn er vielleicht nicht zu allem stand, was seine Familie vertrat. Hier zu sitzen und für die Wesen auf diesen Ländereien zu sorgen, das war das, was er wollte und das, was seine Identität bestimmte.

Einen Moment fühlte Hermione sich seltsam, als hätte sie gerade ein großes Rätsel gelöst. Als würde sie einen kurzen Blick in eine mögliche Zukunft werfen und irgendwie gefiel ihr diese Zukunft. Sie mochte diese Seite an ihm. Bodenständig, verantwortungsbewusst oder mit anderen Worten geerdet. Es war etwas, was sie nie gewesen war und sie würde nicht der Grund sein wollen, warum Draco all dies hier für sich in Gefahr brachte.

Ohne weiter darüber nachgedacht zu haben ging sie um den Schreibtisch herum. Sie wollte sich zu ihm setzen, ihm nah sein. Zuerst wollte sie sich auf die Stuhllehne setzen, aber das würde ihn sicher stören, also kniete sie sich neben den großen Sessel auf den Boden, lehnte sich an ihn und ihre Schulter und ihr Kopf berührten sein Bein. Sie schloss die Augen und verharrte dort zu seinen Füßen, genoss seine Nähe. Sie wollte auch hier unter seinem Schutz stehen. Einfach einen Ort haben, an den sie gehörte. Aber das war nicht so einfach. Selbst ohne ihre Familie. Selbst ohne seine Familie. Selbst ohne äußere Einflüsse wusste sie, dass sie sich letztendlich selbst im Wege stehen würde. Sie und Draco hatten einfach sehr unterschiedliche Vorstellungen von richtig und falsch. Von Moral und Gewissen. Hier in dieser Zeitschleife war es egal. Denn Handlungen hatten hier keine Konsequenzen. Aber wie groß wäre der Unterschied, wenn sie wieder in der linearen Zeit wären, wenn es wieder Konsequenzen gab. Konnten sie einen Konsens finden, in dem sie beide sie selbst sein konnten?

Hermione spürte wie Draco ihr eine Hand auf den Kopf legte und sanft ihre Haare streichelte. Plötzlich traten ihr Tränen in die Augen. Sie blinzelte und die Tropfen liefen ihr über ihre Wangen. Sie schmiegte ihr Gesicht näher an Draco und genoss seine sanfte Hand, die ihr über das Haar strich.

Hier in dieser Zeitschleife konnte sie einfach seins sein. Sich keine Gedanken um Richtig und Falsch machen. Einfach akzeptieren wie die Welt war und glücklich zu seinen Füßen knien. Aber in der linearen Zeit, war sie Hermione Granger. Sie kämpfte entschlossen für ihre Ziele, verteidigte ihre Werte und wollte ein Vorbild für andere sein, niemals aufzugeben. Sie wollte stark für andere sein, weil sie sich dann selbst stark fühlte.

Myonie war nur ein kleiner Teil von ihr. Ein einfacher Teil, der glücklich war, wenn sie zu Dracos Füßen kniete und er ihren Kopf streichelte. Myonie war der Teil von ihr, der nicht stark sein wollte. Der geliebt und beschützt werden wollte. Es war der Teil von ihr, der sich nach einer Heimat sehnte und sie gefunden hatte. Hier bei ihm. Myonie wusste, wohin sie gehörte und sie würde zerbrechen, wenn die lineare Zeit wieder weiterlief. Denn ohne Draco wäre sie wieder schutzlos. Denn ohne Draco gab es keinen Ort, an den Myonie gehörte.

Nachwort:

Ich denke manchmal, dass viele sehr schnell dabei sind Draco alles hinwerfen zu lassen, wenn er die Ideologie des reinen Bluts verachten lernt. Dass er sich von seinen Eltern abwendet, verstoßen wird, ein Blutsverräter wird und sich mit harter ehrlicher Arbeit sein eigenes Geld verdient. Das ist ein Ideal Bürgertums. Aber Draco ist der einzige Sohn einer alten vermögenden Familie. Er ist ihr Erbe und es gibt eine Sache, die man einfach nicht ignorieren kann. Eigentum verpflichtet. Es mag platt und im ersten Moment unverständlich klingen, aber etwas zu besitzen bedeutet auch dafür verantwortlich zu sein und sich darum zu kümmern.

Nehmen wir zum Beispiel einen Vermieter. Vermieter sein bedeutet mehr als einfach nur ein Haus zu haben und dafür Geld zu bekommen. Es bedeutet auch die Nebenkostenabrechnung zu machen. Handwerker zu beauftragen, sich um Wartungen und Instandhaltung zu kümmern. Wenn die Heizung ausfällt wird der Vermieter angerufen und er kümmert sich darum. Bei großen Veränderungen wie einer Badrenovierung wird der Vermieter mit einbezogen, wohingegen ihn das Aufstellen eines neuen Schranks nicht kümmert. Es ist keine wirkliche Arbeit im Sinne eines Jobs, den man jeden Tag ausübt. Aber es ist eine Aufgabe, die getan werden muss und die wichtig ist. Denn es gibt einen Unterschied zwischen guten und schlechten Vermietern. Am meisten für den Mieter.

So sehe ich das auch bei den Malfoys. Es ist nicht ihr Beruf ihre Firma und ihre Angestellten zu führen das tun andere. Aber sie müssen sich kümmern, wenn es Probleme gibt, Bescheid wissen wie es läuft und den Weg ebnen für die, die von ihnen abhängig sind. Sozusagen im Schatten hinter dem Tron stehen um ihre eigenen Interesse zu vertreten. Sie haben letztendlich die Verantwortung für die, die ihr Geld erarbeiten. Sich dieser Aufgabe zu entziehen ist ebenfalls verantwortungslos, da dort mehr dran hängt, als das eigene Leben. Daran hängt das Leben aller die für Dracos Familie arbeiten. Auch diese Verpflichtungen sind ein Teil von Dracos Identität. Er wurde dazu erzogen genau das zu tun, denn er ist nicht irgendjemand. Nicht ein beliebiger Junge dessen Familie im Lotto gewonnen hat und so reich geworden ist. Er ist alte besitzende Oberschicht und auch wenn wir neidisch auf die Vermögenden hinaufschauen. Dies ist die Verantwortung all jener die Firmen besitzen, Häuser vermieten und dies alles ihren Nachkommen hinterlassen. Oder mit anderen Worten. Eigentum verpflichtet.

Wenn Draco in der FF jetzt also sagt, ich kenne meine Pflichten, dann meint er mehr als alles andere diese Pflichten und nicht die Pflicht Voldemort zu dienen oder muggelstämmige zu hassen. Draco Malfoy ist der nächste Erbe des Malfoy Imperiums und dieses zu verwalten und seine Hand über die Wesen die von ihm abhängig sind zu halten, ist seine Pflicht. Eine Verpflichtung die aufgrund der Ideologie seiner Familie schwer zu vereinbaren ist, mit seiner selbstsüchtigen, leidenschaftlichen Liebe zu einem muggelstämmigen Mädchen.

Das ist Dracos Dilemma. Denn es gibt keinen richtigen Weg unter seinen Randbedingungen. Es sind Randbedingungen, die sich innerhalb einer Zeitschleife nicht ändern lassen.

LG

Salarial