Kapitel 52
Liebe
auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen
Erschrocken fuhr Hermione aus dem Schlaf auf. Sie war in ihrem Bett im Gryffindorturm. Sie war in Sicherheit. Noch immer saß ihr der Schock in den Knochen. Das erste Mal in ihrem Leben hatte sie ihm-dessen-Name-nicht-genannt-werden-durfte von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und er war ein Monster gewesen. An ihm war nichts menschliches mehr. Trotzdem, sie war entkommen. Er hatte sie nicht gefoltert und er hatte auch nichts in ihrem Verstand gelesen. Draco hatte sie gerettet. Draco hatte sie getötet. Sie hatte ihm in dem Moment in die Augen geblickt und diese Augen waren leer gewesen. Leer ohne eine einzige Emotion darin und dann hatte er sie getötet. Er hatte auch Bellatrix getötet und…
Hermione zog die Decke wieder etwas höher und versuchte das Frösteln zu unterdrücken. Draco hatte noch jemanden getötet. In der linearen Zeit. Etwas das er ihr nie gesagt hatte. Etwas das er ihr verschwiegen hatte. Draco war ein Mörder.
Hermione schlang ihre Arme um ihren Körper und konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen kamen. Irgendwie fühlte sie sich verraten. Ein Schlammblut verraten von einem Todesser. Was für eine Ironie. Sie hätte es doch ahnen müssen. Hätte ihn nicht so leichtfertig mögen dürfen. Sie hatte ihn viel zu nah an sich herangelassen. Ihr Herz zog sich zusammen und die Tränen rannen ihr über die Wangen. Schluchzend verkroch sie sich unter ihrer Bettdecke, als könnte sie sie beschützen.
Lavender und Pavati standen auf und verließen den Turm, um zum Frühstück zu gehen, doch irgendwie konnte Hermione sich nicht überwinden aufzustehen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, wenn sie Draco gegenüberstand. Konnte sie ihn noch genauso behandeln wie vorher? Sie hatte gewusst, dass er das Dunkle Mal hatte. Aber ihr war nie die wirkliche Bedeutung dessen aufgegangen, was es bedeutete. Wie naiv sie doch gewesen war.
Hermione wusste nicht wie lange sie in ihrem Bett gelegen, Krummbein gestreichelt und nachgedacht hatte, doch irgendwann hörte sie ein Geräusch am Fenster. Hermione sah auf und wünschte sich sie hätte es nicht getan. Dort war Draco. Er schwebte mit seinem Besen vor ihrem Fenster und gab ihr ein Zeichen es zu öffnen.
Einen Moment war sie versucht ihn zu ignorieren. Sie war versucht sich einfach umzudrehen und so zu tun, als würde sie ihn nicht hören, aber das war ungerecht ihm gegenüber. Sie hatte ihn durchaus gehört. Sie hatte alles gehört. Draco hatte nie ein Mörder sein wollen. Sie hatten ihn dazu gemacht. Sollte sie sich nicht wenigstens seine Version der Geschichte anhören.
Zögerlich stand Hermione auf. Der Steinboden unter ihren nackten Füßen war eiskalt als sie zum Fenster ging und es öffnete. Draco landete neben ihr auf dem Boden. Sein Besen klapperte achtlos zu Boden als er sie stürmisch an sich zog.
„Ich wollte dich nicht töten, aber es war der einzige Weg. Ich konnte nicht zulassen, dass sie dich foltern", wisperte er an ihren Haaren und drückte sie fest an sich.
Hermione brauchte einen Moment, um ihre Gefühle zu ordnen und drückte ihr Gesicht an seine Brust. Unter dem Reiseumhang trug er nur ein dünnes Shirt und sie konnte spüren, wie sein Herz raste. Sie vergrub ihre Nase an seiner Brust und atmete seinen wohligen vertrauten Geruch ein. Warum fühlte es sich so gut an. Es durfte sich nicht so gut anfühlen bei ihm zu sein.
Wie in einem entfernten Echo hörte sie Bellatrix hohe kreischende hohe Stimme in ihrem Kopf widerhallen. „Mörder" Und umso länger Hermione dieses Wort in ihrem Kopf wiederholte, umso mehr begann sie zu zittern. Draco war ein Mörder.
Sie löste sich etwas von ihm. Sah zu ihm hoch. Musterte sein Gesicht. Die eisgrauen besorgten Augen. Die leichten Bartstoppeln, weil er heute Morgen aus dem Schlafsaal gestürmt war, ohne sich zu rasieren. Seine feinen platinblonden Haare die so wahnsinnig weich waren. Sie kannte jedes Detail seines Gesichts. Es veränderte sich nicht. Es war immer das gleiche und doch konnte sie sich nicht daran satt sehen. Dieser Mann, der ihr so wahnsinnig vertraut war, hatte einen Menschen ermordet. Kaltblütig hingerichtet, um einem Monster seine Treue zu beweisen. Sie wünschte sich sie konnte es sich nicht vorstellen. Aber die Wahrheit war, sie traute es ihm zu. Sie hatte seine Augen gesehen, als er sie letzten Zyklus getötet hatte. So leer, so emotionslos, durchdrungen von starker Okklumentik und der Beherrschung der Dunklen Künste. Snape hatte sie gewarnt, ganz am Anfang. Draco war in der Lage ein Teil seiner Persönlichkeit zu verleugnen. Sie hatte die Warnung nur nicht verstanden.
„Wen…", begann sie, musste aber einmal tief durchatmen, damit sie sich sammeln konnte. „Wen hast du getötet?", wollte sie wissen.
Draco erstarrte. Hermione spürte, wie seine Hände sich beinah schmerzhaft in ihre Arme krallten und er sie anstarrte. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht interpretieren. Sie wusste nicht, ob er erschrocken, ängstlich oder entsetzt war.
„Ich habe gehört, was Bellatrix gesagt hat. Über das Dunkle Mal. Wen hast du getötet?", wiederholte Hermione gefasster, als Draco nicht antwortete. Dracos Gesicht verschloss sich sofort. Wenn er vielleicht vorher noch nicht sicher gewesen war, worauf sie hinauswollte, so hatte sie jetzt alle Zweifel ausgeräumt.
Er ließ sie los. Seine Hände vielen fast panisch von ihr ab. Dann trat er einen Schritt zurück. Dann noch einen. Er starrte sie einfach nur an und dann plötzlich spannte er sich an und ein Zittern lief durch seinen ganzen Körper.
Mit einem Ruck riss er sich los und wandte sich ab. Hermione brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er dabei war zu flüchten. Wegzulaufen. Vor ihr wegzulaufen. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Rechtfertigungen, Wut, Spott, Häme. Sie hatte alles erwartet aber nicht diese Panik. Diese Angst.
Sie hatte Draco nur ein einziges Mal die Fassung verlieren sehen. Das war, als er ihr erzählt hatte, wie er das Dunkle Mal bekommen hatte. Damals hatte er ihr nicht alles erzählt. Vielleicht sollte sie deswegen wütend oder enttäuscht sein. Sich verraten fühlen. Es war ihr erster Impuls gewesen aber Draco jetzt so zu sehen machte ihr klar, dass er derjenige war, der am meisten litt. Es ging hier nicht um sie. Nicht um ihre Gefühle und was sie dabei empfand, dass Draco jemanden getötet hatte. Es ging um Draco. Was empfand er dabei, dass er zu einem Mord gezwungen wurde.
„Warte!", rief Hermione als Draco schon wieder seinen Besen geschnappt hatte. Er war schon fast aus dem Fenster, als sie seine Hand gegriffen bekam und ihre Finger sich um seinen eiskalten Handrücken schlossen. Draco erstarrte mitten in der Bewegung.
Draco hatte das Gefühl er würde gleich ohnmächtig werden. Das Blut rauschte in seinen Ohren und er fühlte sich, als würde er alles nur durch Watte wahrnehmen. Sein Atem ging schnell und flach und trotzdem hatte er das Gefühl zu wenig Luft zu bekommen. Es war, als würde er beim Atmen ersticken. Irgendwo in seinem Hinterkopf, dort wo sein rationaler Verstand noch arbeitete, warnte er ihn, dass er kurz davor war eine Panikattacke zu bekommen.
Trotzdem konnte er sich nicht bewegen. Hermione hatte ihre warmen sanften Finger auf seiner Hand liegen und er war unfähig sie abzuschütteln. Sie hielt ihn nicht fest. Nicht mit körperlicher Gewalt. Aber er konnte den Hautkontakt nicht lösen.
Sie wusste, dass er ein Mörder war. Sie wusste, was er getan hatte. Er glaubte noch fast ihre vorwurfsvolle, verachtende Stimme zu hören, als sie ihn fragte, wen er getötet hatte. Er konnte sie nicht ansehen. Er wollte es nicht sehen. Ihre Verachtung. Ihre Abneigung. Er mochte sie. Er mochte sie viel zu sehr und zu sehen, wie sie sich von ihm abwandte war etwas das er nicht ertragen konnte. Es war ein Fehler gewesen sich auf sie einzulassen. Es wäre ein Fehler sich auf irgendjemanden einzulassen. Er wusste genau, warum er keine Freunde hatte. Warum er immer allein war. Er hatte ihr gestattet ihm zu nah zu kommen. Näher als jeder andere Mensch vor ihr und jetzt hatte sie Macht über ihn. Wie viel wurde ihm erst in diesem Moment klar.
Er war ein Idiot gewesen ein Tagträumer. Tante Bella hatte es ihm doch erklärt. Er war ein Mörder und niemand war auf seiner Seite. Deshalb war er ein Todesser.
„Verlass mich nicht", hörte er Hermione sagen und als sie seine Hand vom Fenstersims löste ließ er es zu. Er wollte nicht gehen. Er wollte sie nicht verlassen. Die letzten Monate in dieser Zeitschleife waren die glücklichsten seines Lebens gewesen. Er würde alles dafür tun, sie noch etwas behalten zu können. Nur ein kleines bisschen länger. Und wenn es nur ein Augenblick war. Ein Herzschlag in dem er noch bei ihr sein konnte. Draco schloss die Augen, als sie ihn zu sich drehte. Sein Besen fiel klappernd zu Boden. Er konnte sie nicht ansehen. Er hatte nicht die Kraft sie anzusehen. Sich damit auseinander zu setzen, was sie von ihm dachte. Er war dabei ein Monster zu werden. Nein, er war bereits ein Monster. Er kannte nur zu gut all die Dunkelheit, die in ihm lauerte. Schon immer gelauert hatte.
Draco hielt sich durchaus für einen Realisten. Er war kein guter Mensch. Nie gewesen. Er war missgünstig, gönnte es keinem besser zu sein als er selbst. Er war von Neid zerfressen, wenn andere Dinge hatten, die er nicht haben konnte. Er hasste. Er hasste aus tiefstem Herzen. Früher hatte er mal gedacht er würde Potter hassen, aber das war kein Hass gewesen. Er hasste den Dunklen Lord so sehr, wie er ihn fürchtete. Und in ihm war Verachtung. Viel Verachtung für alle Menschen die nicht so gut waren wie er selbst. Das teilte für ihn alle Menschen ziemlich einfach in zwei Kategorien ein. Jene die er beneidete und jene die er verachtete. Es gab auch die für die er beides Empfand und einer davon war Potter. Nein, er war kein guter Mensch. Kein Wunder das er zum Mörder geworden war.
Allerdings gab es auch Ausnahmen. Sehr wenige Ausnahmen. Hermione war eine davon. Er war nicht auf sie neidisch. Denn sie war muggelstämmig und er verachtete sie nicht, denn sie war willensstark und intelligent. Mit ihr zusammen zu sein hatte sich angefühlt, als würde er mit jemandem reden der ihm ebenbürtig war. Außerdem kam wie er aus reicher Familie. Sie wusste, was es hieß, wenn hohe Erwartungen auf einem lasteten und sie kannte den Kampf, den dies jeden Tag wieder bedeutete. Sie war auf ihre eigene Art perfekt kaputt. Kaputt genug, als dass er sie lieben konnte und perfekt genug, als dass er sie verehren konnte.
All diese Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf und er spürte, wie ihm die Beine nachgaben. Ihm war schwindlig und schlecht. Sanfte Arme hielte ihn fest. Sanken mit ihm zu Boden und drückten ihn an einen warmen weichen Körper.
„Ruhig atmen", hörte er Hermiones beruhigende Stimme sagen. „Versuch langsamer zu atmen. Es passiert gerade nichts Schlimmes. Du bist in Sicherheit."
Er verstand nicht, was sie meinte. Sein Herz raste und er spürte, wie ihm überall am Körper der Schweiß ausbrach. Seine Hände begannen unkontrolliert zu zucken. Es war, als würde ihm die Realität entgleiten.
„Komm zum Bett, der Boden ist ganz kalt", sagte Hermione und Draco spürte, wie sie ihn stützte. Er hatte keine Ahnung wie er es zum Bett schaffte. Sein Körper schien ihm den Dienst zu verweigern und immer nur konnte er daran denken, dass sie es wusste. Das sie wusste, was er getan hatte. In jenem selbstsüchtigen, grausamen, eigennützigen Moment. Wie er sein Leben über das eines anderen gestellt hatte.
Irgendwie schaffte es Hermione Draco ins Bett zu bugsieren. Mit einem Zauber zog sie seine Schuhe und seinen schweren Mantel aus. Sie legte sich zu ihm unter die Decke. Ein Zauber versiegelte die Tür. Keiner sollte hereinkommen können.
Draco hyperventilierte nichtmehr, was schonmal ein gutes Zeichen war. Aber es zitterte noch immer am ganzen Körper und er klebte vor kaltem Schweiß. Hermione kümmerte sich nicht weiter darum und zog ihn in ihre Arme. Sie hatte das nicht gewollt. Sie hatte nicht gedacht, dass es eine Panikattacke auslösen könnte, wenn sie ihn danach fragte. Wie naiv sie doch gewesen war. Niemand tötete einfach so einen Menschen, wenn er ein Gewissen besaß und egal was Draco sagte, er besaß sehr wohl ein Gewissen. Sanft streichelte sie ihm durch die Haare und hielt ihn fest, wiegte ihn in ihren Armen. Sie hatte diese Frage stellen müssen und irgendwann mussten sie darüber reden. Aber jetzt gab es wichtigeres. Draco war wichtiger.
„Ich wollte es nicht. Bitte, du musst mir glauben", wimmerte Draco irgendwann. Er hatte noch immer fest die Augen geschlossen und seine Stimme war mehr ein Wispern, als dass er wirklich sprach.
„Ich glaube dir", erwiderte Hermione und sie glaubte ihm wirklich. Er wollte niemanden töten und er hatte auch niemanden töten wollen. Draco klammerte sich fester an sie und sie streichelte sanft über seinen Rücken. „Ich glaube dir", wisperte sie nochmal und es schien fast als würde Dracos Zittern weniger werden. Sie hoffte es zumindest.
„Ich wäre tot, wenn ich es nicht getan hätte", sagte Draco irgendwann und drückte Hermione jetzt seinerseits an sich. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust und sie hatte ihr Bein um ihn geschlungen, sodass jetzt ihre Beine verknotet waren. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber seine Stimme klang etwas gefasster als noch einen Moment zuvor
„Ich habe dir doch erzählt, dass bei dem Ritual, bei dem das Dunkle Mal geschaffen wird, die Arterien im Arm geöffnet werden und ich musste mehr tun als nur mit Worten Treue zu schwören. Ich musste einen Mann töten."
Draco sagte es ganz leise. Sie hörte das Stocken in seiner Stimme und drückte ihn nur noch fester. Sie war sich nicht sicher, ob sie das jetzt hören konnte. Jetzt ertragen konnte zu hören was passiert war, nachdem sie seine Reaktion mitbekommen hatte. Doch Draco fuhr unbeirrt fort. So als wäre es ein zwang sich zu erklären.
„Wenn man tötet, dann zerbricht etwas in einem. Es ist ein Riss in der Seele, der durch die Gewalt des Mordens geschaffen wird. Dies vollendet den Zauber, der das Dunkle Mal schafft. Es ist mehr als nur ein Zeichen auf der Haut, mehr als ein Aufspür- oder Kontrollzauber. Es ist tiefste dunkelste Magie, die durch das abartigste geschaffen wird, das ein Mensch einem anderen antun kann."
Hermione schluckte. Kein Wunder, das das Dunkle Mal jeglicher Magie widerstanden hatte mit dem sie versucht hatte es zu analysieren. Vielleicht war das auch der Grund, warum Draco nie so erpicht darauf gewesen war, sich mit dem Dunklen Mal zu beschäftigen. Er hatte sich Monatelang gewunden. Hatte Ausreden und Ausflüchte gesucht und sie hatte ihn gewähren lassen. Hatte sich darüber gefreut, dass er sich mit der Muggelwelt beschäftigte. Im Internet surfte, Fernsehen sah, Autofahren lernte, mit ihr die Welt bereiste und sogar ein paar Zyklen mit ihr segeln gewesen war. Sie hatte immer gewusst, dass er es tat, um nicht weiter über das Dunkle Mal nachdenken zu müssen. Aber es hatte sie so gefreut, dass er sich mit der Muggelwelt beschäftigte und Vorurteile abbaute, dass sie ihn dabei hatte unterstützen müssen. Jetzt verstand sie es endlich. Es gab eine Komponente an diesem Mal, von der er ihr nicht erzählt hatte. Eine wichtige Komponente von der Hermione nicht sicher war, ob sie jemals zu lösen war. Ein Mord war nicht rückgängig zu machen.
Einen Moment fragte Hermione sich, was Draco bewogen hatte, doch weiterzumachen. Letztendlich war er es gewesen der dafür gesorgt hatte, dass sie weitermachten. Er hatte den Dolch gestohlen, was zu der jetzigen Situation geführt hatte.
„Ich habe dir doch erzählt, dass es einen Mann gab, der bei dem Ritual starb, als er das Dunkle Mal erhalten sollte", fuhr Draco fort und Hermione nickte und strich sanft durch seine Haare.
„Er konnte nicht töten und das ist es was geschieht, wenn du dich weigerst zu töten. Du stirbst. Für dein Opfer ist es egal. Der Dunkle Lord hat sein zugedachtes Opfer danach einfach hingerichtet. Aber wer nicht töten kann, wird kein Todesser. Wir haben alle bewiesen, dass uns unser eigenes Leben wichtiger ist als das anderer. Wir haben alle bewiesen, dass wir Mörder sind."
Draco schwieg und bewegte sich etwas. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Die Kefer angespannt, voller Bitterkeit. Sie strich über seine Wange und als er ihre Berührung bemerkte sah er sie an. Hermione glaube noch immer diese bodenlose Angst in ihm zu sehen. Er presste die Lippen zusammen und sein Atmen beschleunigte sich wieder. Aber nichtmehr so schlimm wie am Fenster, als sie einen Moment befürchtete, er würde ohnmächtig werden.
Hermione fuhr mit ihrem Finger über seine Wangenknochen und wischte ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Wie hatte all das geschehen können. Draco war so alt wie sie. Nein, er war fast ein ganzes Jahr jünger und trotzdem hatte er vor der Entscheidung stehen müssen zu töten oder selbst getötet zu werden. Er hatte sich entschieden zu leben. Und er würde diese Entscheidung wieder treffen müssen. Das Leben war verdammt ungerecht. Hermione erinnerte sich an seine bitteren Worte, die er an Harry gerichtet hatte. Das er niemanden hatte, der ihn beschützte, dass er es selbst tun musste und einen Moment kam es Hermione ebenfalls ziemlich unfair vor. Sie wollte ihn beschützen. Weil er es auch wert war, beschützt zu werden.
Aus einem inneren Impuls heraus rutschte Hermione ein Stückchen runter und legte ihre Lippen auf Dracos. Es war ein sanfter fast schüchterner Kuss und sie hatten sich schon auf so viele Arten so oft geküsst, dass es bedeutungslos sein sollte, aber als Draco einen Moment später seine Lippen leicht gegen ihre bewegte durchflutete sie ein Gefühl grenzenloser Erleichterung. Sie hatte ihn nicht verloren. Er war noch hier, hielt sie fest und küsste sie.
Draco wusste nicht was er denken oder fühlen sollte. Er war vollkommen durcheinander. Ihre Lippen auf den seinen waren eine Sensation. Er war gerade so in der Lage den Kuss unsicher zu erwidern aus Sorge sie könnte zerplatzen, wenn er zu fordernd wurde. Er hatte ihr erzählt was geschehen war. Das, was ihn zu zerstören drohte und sie hielt ihn weiterhin fest, küsste ihn und Draco war einfach nur maßlos überfordert von der Situation.
Egal welche Reaktion er erwartet hatte. Was er gedacht hatte, würde passieren. Dies hier war es nicht gewesen. Sie küsste gerade einen Mörder. War ihr das überhaupt bewusst? Aber sie hatte auch gewusst, dass er ein Todesser war und trotzdem hatte sie sich ihm hingegeben. Draco verstand sie nicht. Hermione Granger war für ihn das größte Mysterium auf dieser Welt. Oder war es nur eine Finte. Eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Um ihn zu verraten, sobald die Zeit wieder linear verlief. Er wusste es nicht. Aber er wusste auch nicht, ob das wichtig war. Denn jetzt gerade in diesem Moment küsste sie ihn. Jetzt in diesem Moment wandte sie sich nicht von ihm ab und das war alles, was wichtig war. Dass er sie noch einen kurzen Moment länger behalten konnte.
Draco legte seine Stirn gegen Hermiones und schloss die Augen. Genoss einfach nur ihre Anwesenheit. Die Wärme ihres Körpers. Ihre sanften Arme, mit denen sie ihn hielt und er wusste, er hatte nichts hiervon verdient und er wusste auch, dass es ihm verdammt egal war. Es war ihm egal ob er es verdient hatte, dass sie ihn festhielt, dass sie ihn küsste, dass sie sich ihm zu und nicht von ihm abwandte. Ihm war es schon immer egal gewesen, ob er verdient hatte, was er bekam. Hauptsache er bekam, was er wollte und er wollte sie. Wie sehr wurde ihm erst jetzt bewusst. Er war ein verdammter Egoist, aber er konnte verdammt gut damit leben. Doch konnte sie es? Wie lange würde es dauern, bis das Begreifen bei ihr einsetzte und sie ihn nichtmehr festhielt? Sie würde sich diese Frage unweigerlich stellen. Sie war zu intelligent, es nicht zu tun.
„Ich bin kein guter Mensch, Myonie", sagte er leise, ohne die Augen zu öffnen. „Du weißt gut genug, wozu ich fähig bin. Was ich dir angetan habe, welche Abgründe in mir sind, wenn mich weder Moral noch Gesellschaft aufhalten. Es ist kein Wunder, dass ich so gehandelt habe. Ich bin nicht gut. Aber ich will dir niemals etwas tun. Verstehst du das? Ich will nicht, dass ich dir irgendwann etwas antun muss, deshalb muss ich einen Weg finden das Dunkle Mal loszuwerden. Deshalb muss ich dem Dunklen Lord entkommen können, damit ich niemals mein Leben gegen deines Abwägen muss. Denn ich weiß, dass ich zum Töten imstande bin."
Draco hatte leise gesprochen, doch Hermione war es so, als würden seine Worte ihr unter die Haut kriechen. Wusste er überhaupt, was er da sagte? Er wollte für sie das Dunkle Mal loswerden. Er wollte für die lineare Zeit einen Weg finden das Dunkle Mal loszuwerden damit er sich für sie entscheiden konnte. Damit Draco, wenn er zwischen seinem und ihrem Leben wählen musste, sich dafür entscheiden konnte, dass keiner von ihnen sterben musste. Aber das bedeutete auch, dass er sie, Hermione, ein muggelstämmiges Mädchen, vor dem Dunklen Lord wählen würde. Was bedeutete das für seine Weltanschauung.
Außerdem… Draco wollte dem Dunklen Lord ungehorsam sein, wenn er von ihm forderte ihr etwas an zu tun. Hermione schauderte fast bei der kalten Wahrheit, die hinter diesem Gedanken steckte. Draco wusste, dass er leben wollte. Das er bereit war zu töten, um zu überleben. Aber er wusste auch, dass er lieber dem Dunklen Lord ungehorsam sein wollte als ihr etwas zu tun und das war ein Gedanke, der gleichzeitig grausam und wunderschön war. Es war ein Gedanke der so durch und durch zu Draco passte. Kalt, analytisch und doch auf seine eigene Art beschützend und liebevoll. Es war wahrscheinlich das größte Liebesgeständnis das er ihr hätte machen können.
Hermione löste ihre Stirn von seiner und musterte sein Gesicht. Er hatte noch immer die Augen geschlossen und sah so wahnsinnig gequält aus. Sie wünschte sich sie könnte etwas dagegen tun. Sie hatte ihm immer helfen wollen, aber jetzt wurde ihr bewusst wie schwer das alles werden könnte. Nicht nur im magischen, sondern auch im emotionalen Sinn.
Draco hatte sie mehr als einmal belustigt gefragt, ob sie versuchen würde, ihn umzudrehen. Sie hatte immer darüber gelacht. Aber plötzlich sah es so aus, als wäre sie dabei es wirklich zu tun. Sie war dabei Dracos Loyalitäten und Weltanschauungen zu untergraben. Es war ein ungewohntes Gefühl der Macht. Hermione hatte nie darüber nachgedacht, dass sie Macht über Draco hatte. Von außen betrachtet war es irrwitzig. Aber hinter allen Spielen, hinter allen Fassaden hatte sie mehr Macht über ihn, als ihr bewusst gewesen war und das war ein absolut unheimlicher Gedanke.
„Draco", sagte Hermione leise und er schlug die Augen auf. Sie versuchte in ihm zu lesen, zu verstehen, was er dachte, aber in ihm waren so viel widerstreitende Gefühle, dass es nicht möglich war.
„Du und ich. Wir beide, sind brillant. Wir werden einen Weg finden. Wenn nicht wir, dann niemand. Wir werden einen Weg finden, in dem wir keine Feinde sein müssen."
Dracos Lippen zuckten, als wollte er etwas sagen. Fast ehrfürchtig hob er die Hand und berührte mit seinen Fingerknöcheln sanft ihre Wange. Er schluckte und wieder bewegten sich seine Lippen lautlos. Als wüsste er nicht. was er denken oder sagen sollte.
„Du bist Wahnsinnig", wisperte er irgendwann fast ungläubig und Hermione musste unwillkürlich lächeln.
„Die einen nennen es Wahnsinn, die anderen nennen es Magie", erwiderte sie und jetzt musste auch Draco belustigt schnauben, als er die Andeutung an ihre Zeit in der Psychiatrie bemerkte.
„Du weißt, was ich meine", sagte er wieder ernst.
„Noch andere nennen es Liebe" fügte Hermione hinzu. Sie spürte Dracos Hand an ihrer Wange zucken. Sie bemerkte seinen unergründlichen Blick und wie er sie einen endlosen Moment ansah. Dann fuhr seine Hand weiter, verstrickte seine Finger in ihren Haaren.
„Ja", stimmte er zu und überbrückte den Abstand zwischen ihren Gesichtern. Seine Lippen erreichten ihre und Hermione schloss flatternd die Augenlieder. Sie spürte, wie sich sein Gewicht zu ihr verlagerte, wie seine Hand an ihrem Kopf sie bestimmend zu ihm zog und seine Lippen sich besitzergreifend auf ihre legten. Es war kein sanfter Kuss. Es war kein gieriger Kuss. In diesem Kuss lag ein Versprechen. Ein Versprechen, dass da mehr war als eine körperliche Anziehung. Ein Versprechen, dass sie sich nah waren, auf einer Ebene weit jenseits von Wahnsinn, Magie und Realität.
Hermione ließ ihre Fingerspitzen in Dracos Haare gleiten und schlag ihr Bein um seine Hüfte um sich näher an ihn zu ziehen. Sie würde ihn nicht entkommen lassen. Sie hatte Macht über ihn und sie würde diese Macht nutzen, damit er nicht der dunklen Seite in die Hände fiel. Irgendwie würde sie das, was von ihm übrig war retten. Sie wusste noch nicht wie, aber sie wusste, dass es möglich war.
Draco wusste sich nicht anders zu helfen als sie zu küssen. Sie wusste es. Sie hatte es durchschaut, dass sie alles für ihn sein konnte, nur nicht bedeutungslos. Es war, als würde gerade alles um ihn herum ins Wanken geraten. So als würde seine ganze Welt um ihn herum einbrechen und sie war alles, an dem er sich festhalten konnte. Er war sich bewusst, irgendwo ganz weit verborgen in seinem Verstand, dass die Welt noch immer die gleiche war, dass sich nichts verändert hatte. Das sich nichts verändern konnte, aber trotzdem fühlte er sich, als wäre etwas passiert. Etwas Wichtiges, etwas Bedeutendes, auch wenn er es nicht wirklich fassen konnte.
Ein Klopfen riss ihn auf seinen Gedanken und Hermione neben ihm setzte sich ruckartig auf.
„Hermione, bist du immer noch da drinnen? Du warst nicht in Zauberkunst", hörte er die Stimme von Lavender Brown. Einen Moment verfluchte er diese Zeitschleife. Sie hatte ihn schon letztes Mal genervt, als er im Schlafsaal der Gryffindormädchen gewesen war.
„Ich fühle mich nicht so gut. Ich glaube ich gehe zu Madam Pomfrey", rief Hermione.
„Okay, aber kannst du die Tür aufmachen? Ich wollte noch mein Muggelkundebuch holen."
Draco verdrehte die Augen. Konnte sie nicht einfach verschwinden. Kurz war er versucht die Tür aufzureißen und sie mit dem Imperius zu belegen, damit sie ihm nicht auf die Nerven ging. Aber wahrscheinlich wäre das nicht so gut. Es könnte Hermione zu dem Gedanken verleiten, dass er doch mehr Todesser war, als sie sich eingestehen wollte.
„Ja, gleich", rief Hermione und sprang aus dem Bett.
„Du musst verschwinden. Wir treffen uns im Raum der Wünsche in zehn Minuten", flüsterte sie und Draco war kurz versucht ihr zu widersprechen. Doch dann zog er sie nur an sich und drückte verzweifelt seine Lippen auf ihre.
„Bitte komm", hauchte er gegen ihren Mund, bevor er schnell aufstand und seinen Umhang vom Boden aufsammelte. Er schlüpft in seine Schuhe und einen Moment verharrte er noch. Blickte auf das hübsche Mädchen, dass ihm besorgt hinterher sah. Ein penetrantes Klopfen an der Tür ließ ihn frustriert aufseufzen.
„Hermione!", hörte er Browns stimme vom Flur. Er schnappte sich seinen Besen und mit einem letzten Blick zurück stieß er sich vom Fenstersims ab.
Einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, als hätte er sie das letzte Mal gesehen. Als würde jetzt, da er nichtmehr bei ihr war ihr Verstand zu arbeiten anfangen und feststellen, dass er ein Mörder war. Feststellen, dass er in einer Welt ohne den Dunklen Lord nach Askaban kommen würde und deshalb niemals die Seiten wechseln konnte. Das er dazu verdammt war dem Mann zu dienen, den er mehr als alles andere auf der Welt hasste, wenn er nicht den Rest seines Lebens in einer kleinen von Dementoren bewachten Gefängniszelle verbringen wollte.
Nachwort:
Es gibt glaube ich viele hundert Variationen davon, wie das Dunkle Mal geschaffen wurde. Ich habe mir diese Variation für meine FF Die perfekte Lüge überlegt und sie hat mir so gut gefallen, dass ich sie einfach beibehalten habe. Ich fand es einfach passend, dass das Dunkle Mal mehr ist, als ein Zeichen auf der Haut. Vor allem mit Hinblick darauf, dass Voldemort sowieso mit Seelen experimentiert hat. Es sorgt auf subtile Weise dafür, einen neuen Todesser emotional von anderen Menschen zu entfremden. Seine Loyalität zu binden, indem ihm der Rückweg in die normale Gesellschaft verweigert wird. Wie ein Aufnahmeritual in einer Gang bei der ein Verbrechen verübt werden muss, um dazuzugehören. Es ist brutal, es ist grausam und es ist eine Manipulation. Es ist genau Voldemorts Art.
Ich denke, nach dem Kapitel sind alle Ideen ausgeräumt Draco könnte jemals ein netter Kerl sein. Falls ich das vorher nicht schon geschafft habe. Nicht weil ich ihn habe einen Menschen töten lassen, nein. Sondern weil er ein absoluter Egoist ist. Er empfindet durchaus Schuldgefühle. Er empfindet es nicht als richtig, dass Hermione seine Tat einfach so zu akzeptieren scheint. Dennoch für ihn da ist. Aber es ist ihm einfach nur egal, ob er es verdient von ihr gemocht zu werden. Es spielt für ihn keine Rolle welche emotionalen Spagat Hermione machen muss, solange sie bei ihm bleibt. Ich sehe es tatsächlich nicht als Zeichen dafür, dass er sie nicht liebt und sie ihm nicht wichtig ist, aber es ist ein deutliches Zeichen seiner Arroganz. Ich habe es ausgeschrieben, weil ich wirklich glaube, dass er sich dessen bewusst ist. Bewusst über seine Charaktermängel, die er trotzdem hinnimmt ohne sie ändern zu wollen.
Ich muss gestehen ich habe Draco auch in den Büchern so wahrgenommen. Er hat keine Selbstzweifel, glaubt alles zu bekommen, was er will und steht über den Regeln und Gesetzen der Normalsterblichen. Es liegt in seinem ersten Gespräch, dass er jemals mit Harry führt. Er sieht nicht ein, dass er keinen Rennbesen haben darf, nur weil es eine Regel ist. Draco kauft sich ins Slytherinteam ein, weil es ihm seiner Meinung nach zusteht dort zu sein. Wer jetzt widersprechen will: Natürlich ist es reingekauft, egal ob er Talent hat oder nicht. Alles andere ist Heuchelei. Es geht nicht um das Team, das gewinnen soll, sondern nur um ihn, der seinen Willen bekommen soll. Leider gibt es weniger Draco als Hermione Szenen in den Büchern zum Interpretieren, wirklich schade.
Aber egal wie man es dreht und wendet. Draco mobbt seine Mitschüler auf gemeine Art und genießt es. Er durchschaut auch immer ziemlich gut, was Harry gerade am meisten verletzt. Dazu ist eine gewisse Art von Empathie nötig und die Fähigkeit Menschen zu durchschauen und zu interpretieren. Sowie eine ordentlich Portion Sadismus die Erkenntnisse auch zu benutzen. Draco steht gerne im Mittelpunkt. Sonnt sich in der Aufmerksamkeit anderer. Wirkt dadurch am Anfang auch oberflächlicher als er tatsächlich ist. Da ist er eben typisch Zwilling (damit ist sein Sternzeichen gemeint.) Für mich war Draco immer der einsame Mittelpunkt von Slytherin. Immer dabei, immer der Anführer und Aufwiegler. Beliebt, gefürchtet, respektiert aber letztendlich doch allein. Da er nicht fähig ist andere Menschen an sich heranzulassen.
Es gibt Veränderungen zwischen Band 1 bis 5 und Band 6 in seinem Verhalten und in diese Veränderung fällt meine Charakterinterpretation.
Wahrscheinlich ist er aus dem Mobbing rausgewachsen. Ist reflektierter geworden, sich mehr bewusst, was er tut, nachdem er selbst unter einem stärkeren zu leiden hat (Voldemort). Er das Erste Mal in seinem Leben das Opfer und nicht der Täter ist. Dracos Selbsteinschätzung mag hier im Kapitel etwas überspitzt bösartig sein, aber sie hat viel Wahres an sich. Später mehr zu ihm. Es gibt noch ein paar Sachen, die mir in den Fingern brennen in ein Nachwort zu schreiben, aber dazu müssen erst noch ein paar Kapitel vergehen.
LG
Salarial
