Kapitel 59

Einmischen

sich (redend oder handelnd) mit etwas befassen, an etwas beteiligen, womit man eigentlich nichts zu tun hat, was einen nicht betrifft

Hermione folgte Draco durch die Nokturngasse, die Kapuze ihres Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Sie waren beide in schwere dunkle Umhänge gehüllt, die in einem verstaubten alten Kleiderschrank im Raum der Wünsche gelegen hatten und sie war froh darüber, denn er verbarg ihr Gesicht vor neugierigen Blicken.

Draco hatte nur ein paar Minuten gebraucht, um das Verschwindekabinett zu reparieren und Hermione war sich nicht ganz sicher, ob sie verstanden hatte, wie es funktionierte. Doch als sie hindurchgetreten waren, waren sie im hinteren Ladenbereich von Borgin & Burkes gelandet, wo Draco sie sofort hinausgeschoben hatte.

„Wir müssen aufpassen. Meine Mutter könnte hier noch irgendwo sein", sagte Draco und lugte in den Eingang zwischen Nokturn- und Winkelgasse, bevor sie hindurchgingen.

„Was sollte deine Mutter hier machen?", fragte Hermione und folgte ihn schnell.

„Sie wartet im Tropfenden Kessel", sagte er erklärend, während sie die Winkelgasse entlangeilten. „Meine Mutter kennt den Plan eine Zeitschleife zu erschaffen und wir haben verabredet uns dort zu treffen sollte es mir gelingen. Deshalb ist sie heute Morgen um sechs Uhr, vor Beginn der Zeitschleife, dorthin gereist und wartet an einem kleinen Tisch in einer Nische darauf, dass ich komme, falls ich Hilfe brauche. Wenn ich bis 8 Uhr nicht aufgetaucht bin, sollte sie eigentlich nachhause gehen."

Draco hielt inne und sah auf die Planetenuhr an seinem Handgelenk. „Es ist nach zehn Uhr. Sie sollte eigentlich nichtmehr hier sein."

„Du willst ihr nicht begegnen", stellte Hermione fest und bemerkte Dracos düsteren Blick.

„Ich habe keine Lust auf Diskussionen", entgegnete er und klopfte mit dem Zauberstab gegen die Mauer, die den Weg zum Tropfenden Kessel freigab.

Hermione erinnerte sich noch zu gut, als sie damals das erste Mal hier gewesen war und ihre Mutter einen spitzen Schrei ausgestoßen hatte, als Professor McGonagall die Wand für sie geöffnet hatte. Es war ihr damals, wie der ultimative Beweis vorgekommen, dass sie einfach nicht verrückt sein konnte.

Jetzt öffnete Draco die Tür vor ihnen und warf einen Blick hinein in die Stube. Erleichtert atmete er aus.

„Sie ist nichtmehr da. Was hältst du davon, wenn wir erstmal frühstücken bevor wir nach Oxford apparieren?"

„Können wir machen. Du wirst unleidlich, wenn du hungrig bist", stimmte Hermione zu und griff nach Dracos Hand.

„Komm mit. Nicht weit von hier gibt es ein schönes Café ganz in der Nähe von einem unserer Krankenhäuser. Meine Tante hat dort früher gearbeitet."

Ohne Widerworte folgte Draco ihr durch den Tropfenden Kessel in den Muggelteil von London und sie gingen die Einkaufsstraße entlang.

„Welche Tante? Die Frau vom jüngeren oder älteren Onkel?", wollte Draco wissen und Hermione wünschte sich einen Moment sie hätte es nicht erwähnt. Es war ein trauriges Thema.

„Von keinem von beiden", sagte sie schließlich und ging langsam neben Draco her. „Sie ist die jüngste Schwester meines Vaters gewesen. Monica hieß sie Monica Wilkins. Sie hat den Namen ihres Mannes angenommen. Sie ist vor zwei Jahren gestorben."

„Unfall oder Krankheit?", wollte Draco wissen und Hermione drückte seine Hand etwas fester.

„Selbstmord. Nun, so ganz sicher sind wir uns nicht. Sie starb an einer Überdosis Heroin." Der Gedanke schmerzte noch immer. „Das ist eine Muggeldroge", fügte Hermione hinzu.

„Ich weiß, was Heroin ist. Ich habe genug Muggelfilme mit dir gesehen", antwortet Draco verärgert. Hermione musste Lächeln. Manchmal fand sie es niedlich Draco damit aufzuziehen, dass er früher nicht viel von Muggeln verstanden hatte. Er reagierte immer so eingeschnappt.

„Zumindest hatte sie lange Probleme damit. Sie kam durch Aufputschmittel und andere Opiate während des Studiums zur Droge. Hat es lange verheimlicht und ihre Approbation missbraucht, um sich Rezepte auszustellen. Später hat sie die Kontrolle verloren. War mehrmals in Entzugskliniken. Sie hat sich gefangen, als sie Wendell geheiratet hat. Damals war ich gerade elf und sie war viel für mich da. Ich habe mich immer gut mit meiner Tante verstanden. Sie hat mich nie wie eine verrückte behandelt."

Hermione spürte, wie Draco den Arm um sie legte und lächelte zu ihm hinauf.

„Zumindest ein paar Jahre war sie wohl glücklich. Wendell starb an Krebs. Er war schon krank als sie geheiratet haben und keinen Monat später fand man Monica mit einer Überdosis Heroin im Blut in ihrer Wohnung. Ob es ein Rückfall war, oder Selbstmord, hat sich nie ganz klären lassen."

„Keine schöne Familiengeschichte."

„In keiner Familie gibt es nur schöne Geschichten."

„Ja. Es ist wahrscheinlich eine gute Familie, wenn es mehr schöne als schlechte Familiengeschichten gibt", gab Draco zu und legte seinen Umhang ab.

„Darf ich dir deinen auch abnehmen? Die Leute starren schon", bot er an und Hermione bemerkte tatsächlich, dass sich immer wieder Muggel zu ihnen umdrehten, wenn sie in ihren Zaubererumhängen vorbeigingen.

„Ja, Danke", sagte Hermione und gab Draco ihren Umhang. Es war nicht so warm wie sie vermutet hatte. Geradezu kühl und dass, obwohl es Juni war. Hermione glaubte leichten Nebel aus der Kanalisation aufsteigen zu sehen und es mussten wohl die Dementoren sein, die noch immer hier in der Stadt nisteten. Momentan war London kein Ort, den sie gerne besuchte. Andere europäische Städte waren ihr lieber.

Draco folgte Hermione durch die Stadt, bis sie vor einem kleinen Café ankamen. Sie gingen hinein und es herrschte reges Treiben. Gerade noch so erwischten sie einen kleinen Tisch am Fenster und bestellten sich ein ausgiebiges Frühstück.

Draco musste zugeben, dass er frühstücken im Café mochte. Immer wenn sie eine Stadt besucht hatten, in den letzten Monaten, hatten sie sich zum Frühstück in ein Café gesetzt und Hermione war die Planung für ihren Aufenthalt durchgegangen. Draco hatte sie machen lassen. Sie plante gerne und er gefiel sich in der Rolle sie einfach nur zu begleiten. Am zweiten Tag gab es meistens Frühstück im Hotelzimmer. Das gefiel ihm noch mehr.

Auch jetzt begann Hermione zu planen, wie sie nach Oxford kommen würden. Welche Teile der Bibliothek es gab. Wo sie schon alles gewesen war und wo ihr der Zutritt verweigert wurde. Dabei spielte sie immer wieder nervös mit dem Ring an ihrem Halsband und er konnte sich an diesem Anblick gar nicht satt sehen. Sie war wahnsinnig niedlich, wie sie die Gabel so auf halbem Weg zum Mund hielt und einfach nicht fertig wurde zu erzählen.

Sie waren gerade dabei, sich darüber zu unterhalten, ob es schaden konnte die Bibliothekare nach ihrem Anliegen zu fragen, als ein Mann zu ihnen an den Tisch trat. Er war mittelgroß. Nicht so groß wie Draco selbst aber auch nicht klein. Mitte zwanzig schätzte er und er hatte gelockte braune Haare mit einem leichten Dreitagebart. Seine Augen sagen irgendwie seltsam gerötet aus und Draco kam er vage bekannt vor.

„Mione, was machst du hier!", sagte er ohne große Begrüßung und trat zu ihnen an den Tisch.

„William", sagte Hermione perplex und Draco versuchte sich zu erinnern, was ihm dieser Name sagte.

„Solltest du nicht auf deinem Internat in Schottland sein? Was treibst du dich in London herum", wollte der Mann wissen und klang nicht neugierig, sondern mehr besorgt und aufgebracht.

„Es geht dich nichts an", schnappte Hermione zurück und Draco bemerkte, wie sie eine Abwehrende Haltung einnahm. Ihr war die Situation eindeutig unangenehm.

„Bist du hier wegen Großvaters Geburtstagsfeier morgen? Ich dachte du reist erst morgen an."

„Ich werde nicht zur Geburtstagsfeier gehen. Ich war die letzten Jahre nicht da und ich habe nicht vor etwas daran zu ändern."

Langsam ging Draco auf woher er William kannte. Er musste einer von Hermiones Muggelcousins sein. Zumindest glaubte er sich an ein Bild in der Villa auf Mallorca zu erinnern.

„Du weißt, dass Großvater sich freuen würde. Ihm geht es gesundheitlich nicht gut und das weißt du. Schotte dich nicht so von uns ab."

„Ich schotte mich nicht ab. Aber du weißt selbst, dass er nicht so viel Wert auf meine Gesellschaft legt."

Draco erwartete, dass William Hermione widersprechen würde, doch er musterte sie nur widerwillig.

„Aber wenn du nicht für die Feier in der Stadt bist. Warum bist du dann in London", wollte er wissen und Draco bemerkte, wie der Blick von Hermiones Cousin zu ihm herüberflackerte. Draco begegnete ihm gelassen.

„Wer bist du?", wollte er angriffslustig wissen und musterte Draco, als sei er ein Schwerverbrecher.

„Lass Draco da raus, William", fauchte Hermione sofort und stand auf. Sie baute sich vor ihrem Cousin auf und Draco war sich nicht sicher, wann er sie das letzte Mal so aufgebracht erlebt hatte.

„Ist er dein Freund? Schwänzt du die Schule, um mit deinem Freund in London rumzulaufen und wer weiß was zu machen?", brauste ihr Cousin auf und jetzt wurden auch die ersten anderen Gäste auf sie Aufmerksam.

„Halt dich da raus!", zischte Hermione deutlich leiser und sah sich unbehaglich um.

„Nimmst du Drogen?", erwiderte William nun ebenfalls leiser und musterte Hermione besorgt. Draco war beinah überrascht über die Ernsthaftigkeit dieser Frage.

Dachte Hermiones Cousin wirklich sie könnte Drogen nehmen? Es gab nichts, was Draco weniger mit ihr in Verbindung bringen könnte als das. Sie war Hermione Granger, Vertrauensschülerin, Schulstreberin, Klassenbeste und doch war sie auch Harry Potters beste Freundin. Widerstandskämpferin, Regelbrecherin und überzeugte Idealistin. Sie war seine Myonie. Lüstern, versaut und voller Hingabe. Einen Moment fragte er sich, wer sie noch war. Wer war sie bei ihrer Familie, wo ihr Cousin sie allen Ernstes fragte, ob sie sich aus der Schule stahl, um mit ihrem Freund Drogen zu konsumieren.

„Spinnst du, natürlich nicht", sagte Hermione entrüstet und sah ihren Cousin voller strafender Verachtung an. Draco kannte diesen Blick. Sie hatte ihn früher oft so angesehen, wenn er sie Schlammblut genannt hatte. Damals, als er es noch so gemeint hatte.

„Dann gib mir eine verdammt gute Erklärung, Mione", forderte William und verschränkte die Arme vor der Brust.

Hermione kochte innerlich vor Wut. William hatte kein Recht hier aufzutauchen und sie zu bevormunden. Sie war erwachsen genug, selbst Entscheidungen zu treffen. Es gab keinen Grund sich vor ihm für irgendwas zu rechtfertigen.

„Wir wollen nach Oxford", sagte Draco, bevor Hermione eine passende Antwort eingefallen war und Hermione sah ihn genauso verblüfft an wie William, während Draco entspannt, einen Schluck Kaffee trank.

„Wozu?", wollte William an Draco gewandt wissen. Draco zuckte nur die Schultern, als wäre es kein großes Thema.

„Wir wollen zur Bodleian Library in Oxford. Ich weiß nicht, wie gut du Myonie kennst, aber sie ist beinah besessen von Büchern", sagte Draco und grinste Hermione an, sodass sie unwillkürlich zurücklächeln musste. Ja, sie liebte Bücher. Dagegen war nichts einzubringen.

„Wir dachten uns einfach wir machen für unsere Recherche einen kleinen Ausflug. Wir wollen den nächsten Zug nehmen und frühstücken nur, bevor wir weiterfahren."

Es war erstaunlich, wie die Wahrheit William zu besänftigen schien. Hermione hatte, sobald sie William gesehen hatte, sofort in den Verteidigungsmodus geschaltet. Ergriffen von dem Gefühl, dass sie sich immer rechtfertig musste, war ihr gar nicht eingefallen, dass sie einfach die Wahrheit sagen konnten. Es war so simpel.

„Eine Recherche für ein Schulprojekt?", wollte William wissen und Hermione nickte.

„Die Bodleian Library hat Bücher, die man sonst nirgends einsehen kann. Du weißt, dass ich oft dort gewesen bin.

„Ich kann euch hinfahren. Ich muss sowieso in die Richtung es ist kein Großer Umweg", bot William an und Hermione wollte schob ablehnen, als sie spürte, wie sich Draco neben ihr ebenfalls erhob.

„Gerne. Das erspart uns das zugfahren. Ich bin Draco Malfoy."

Draco reichte William die Hand und dieser ergriff sie.

„William Granger. Ich bin Hermiones Cousin."

„Wir waren gerade beim Frühstück, wenn du dich setzen willst", sagte Draco und Hermione bemerkte verblüfft, wie William seinen Café to Go Becher auf den Tisch stellte und sich einen Stuhl vom Nachbartisch ausborgte.

„Wenn du disapparieren willst, wäre genau jetzt der Moment", wisperte Draco und verzog vielsagen eine Augenbraue. Hermione konnte ein leises Lachen nicht verhindern. Kurz überlegte sie was wohl passieren würde, wenn sie genau jetzt mit Draco zusammen disapparieren würde. Würde das Zaubereiministerium dem, vor dem Ende der Zeitschleife, noch nachgehen?

Doch der Moment war vorbei, bevor sie sich entschieden hatte und William setzte sich zu ihnen an den Tisch.

„Ihr geht also zusammen auf das Internat?", fragte William an Draco gewandt und Hermione fand, dass es irgendwie lauernd aussah, wie er Draco musterte. Konnte William nicht einfach verschwinden?

„Wir sind zusammen, wenn du darauf hinauswillst", entgegnete Draco und Hermione lächelte in sich hinein. Nach heute war es wahrscheinlich keine Lüge mehr. Etwas verlegen spielte sie mit dem Halsband und nippte an ihrem Kaffee.

„Ja, darauf wollte ich hinaus", sagte William und sah nun zufriedener aus. „Es ist nicht so, dass Mione schonmal jemanden vorgestellt hat."

„Es ist nicht so, dass ich dir Draco vorgestellt habe. Du bist praktisch in unsere Unterhaltung geplatzt", erwiderte sie schnippisch und Draco warf ihr einen irritieren Blick zu.

„Ich habe mir nur Sorgen gemacht. Du bist meine kleine Cousine. Ich muss auf dich aufpassen", sagte William an sie gerichtet und Hermione war froh, dass er sie dabei ansah und nicht Dracos dreckiges Grinsen bemerkte.

Irgendwie wirkte Hermione seltsam angespannt, seid ihr Cousin bei ihnen am Tisch saß. Er hatte sie selten so erlebt. Sie war so dermaßen auf Angriff getrimmt, so hatte sie sich nicht Mal ihm gegenüber verhalten, als er sie damals bei jeder sich bietenden Gelegenheit beleidigt hatte. Draco war sich nicht sicher, warum sie so war, aber wenn er es nicht besser wüsste, würde er sagen, dass es Unsicherheit war. Aber wusste er es besser?

Nachdenklich beobachtete Draco die Unterhaltung zwischen Hermione und ihrem Cousin und irgendwie wirkten sie beide angespannt. Er war gut darin Menschen zu lesen. Das war er schon immer gewesen, weshalb er auch ein außergewöhnliches Talent für Legilimentik und Okklumentik besaß. Hier in dieser Situation sagte ihm sein Gefühl, dass irgendwas zwischen ihnen vorgefallen war. Irgendwas Schwerwiegendes. Draco war sich nicht sicher was. Leider war jetzt sicherlich nicht der Moment es herauszufinden. Bei den aufgewühlten Gemütern würde es nur in Streit enden.

Letztendlich ging Hermione zum Kellner, um zu zahlen. Draco verfolgte sie mit ihrem Blick und es schien fast, als würde sie flüchten.

„Nicht sehr Gentleman-Like die Dame zahlen zu lassen", sagte William und Draco musterte ihn belustigt.

„Sie ist ganz froh um die paar Minuten die sie dir entkommen kann. Gönn sie ihr."

William runzelte nachdenklich die Stirn. „Wie lange seid ihr zusammen?", wollte er wissen.

„Lange genug, um die Zeichen zu deuten. Deine Gesellschaft ist ihr unangenehm und ich denke, es ist besser, wenn wir doch den Zug nach Oxford nehmen."

„Du bist nicht gerade um Worte verlegen", stellte William fest und schien zu versuchen ihn einzuschätzen. Es war nie einfach gewesen ihn einzuschätzen.

„Es gibt keinen Grund dafür. Du wirst besser wissen als ich, warum Myonie so zu dir ist. Dräng dich nicht auf", sagte Draco und musterte den Muggel eindringlich. Dieser versuchte den Augenkontakt zu erwidern, doch irgendwann senkte er unbehaglich den Blick.

Es schien, als wollte er etwas sagen, doch Hermione trat zu ihnen an den Tisch und Draco stand auf. William seufzte geschlagen und folgte ihnen aus dem Café. Etwas unschlüssig blieb Hermione vor dem Eingang stehen.

„Ich habe mit William gesprochen. Wir nehmen doch lieber den Zug, Myonie. Oder hast du etwas dagegen?", fragte er sie. Sie schien einen Moment verblüfft, doch schüttelte den Kopf.

„Nein, kein Problem. Wir hatten das sowieso anders geplant."

„Nagut, dann nehmt den Zug, wenn euch das lieber ist", sagte William, als müsste er sein Einverständnis dafür geben. Draco bemerkte, wie er Hermione besorgt musterte.

„Aber nimm dieses komische Halsband ab. Mary läuft auch die ganze Zeit mit sowas rum und ich sage ihr schon immer, dass das Männer nur auf falsche Gedanken bringt."

Hermione war einen Moment komplett überrumpelt, bevor ihre Hand zu dem Gurt um ihren Hals fuhr. Sie hatte gar nicht daran gedacht, dass William dort irgendwelche Bedeutung reininterpretieren könnte. Für die meisten Muggel war es nur ein Modeaccessoire. Verärgerung machte sich in ihr breit. Sie hasste es sich von William Vorschriften machen zu lassen.

„Dann streite dich mit deiner Schwester. Es ist meine Sache, was ich trage und was nicht", erwiderte sie schnippisch.

„Jetzt sei doch vernünftig", argumentierte William verärgert. „Du magst das vielleicht nicht so sehen, aber du bietest dich damit als billiges Flittchen an, das gerne geschlagen und gedemütigt wird. Willst du, dass andere Menschen dich so wahrnehmen?"

Hermione spürte, wie ihr erst heiß und dann eiskalt wurde und plötzlich wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Sie wusste selbst, was sie tat und wenn sie es mit Draco tat, es für ihn tat, fühlte es sich gut und richtig an. Es war nicht so wie William es beschrieb.

Aber es war auch irgendwo die Wahrheit. Ein widerlicher abwertender Teil von ihr wollte, dass es die Wahrheit war. Das sie widerlich und abartig und nicht normal war. Weil sie es nie gewesen war.

„Hey, das geht zu weit", mischte sich Draco ein und trat zwischen sie und ihren Cousin. Hermione brauchte Draco nicht ins Gesicht zu sehen, um seine Wut zu bemerken und irgendwie tat es gut, dass es ihn wütend machte.

„Du kannst doch nicht wollen, dass sie sowas trägt."

„Du mischt dich in Dinge, die dich nicht betreffen", sagte Draco mit unterdrückter Wut und wenn William ein Idiot oder nur ein durchschnittlich intelligenter Mensch gewesen wäre, dann hätte er Dracos Verhalten auf hundert verschiedene Arten deuten können. Aber William war ihr Cousin. Und egal was man über ihre Familie sagen konnte. Sie waren alle nicht auf den Kopf gefallen. Hermione bemerkte, wie Williams Blick über Dracos große Gestalt glitt, bis zu Hermione die hinter ihm stand und ziemlich getroffen aussah. Sie bemerkte, wie er das Halsband und ihre geröteten Handgelenke musterte. Hermione wusste nicht genau, woran sie es festmachen konnte, aber ihr wurde sofort klar, dass William die Situation nicht fehlinterpretierte. Das ihm in dem Moment klar wurde, dass das kein Modeaccessoire war, dass sie trug, sondern dass es für sie beide eine Bedeutung hatte.

„Du perverser Wichser!", heulte William auf und ehe einer von ihnen auch nur reagieren konnte, hatte er sich auf Draco gestürzt und ihm eine reingehauen.

Draco war vollkommen überrumpelt. Egal was für eine Reaktion er erwartet hatte, dass war es nicht gewesen. Die Faust traf ihn vollkommen unvorbereitet ins Gesicht und er taumelte nach hinten. Bevor er sich gefasst hatte, spürte er einen weiter Schlag in seinem Magen landete und er ging in die Knie. Nach Luft ringend versuchte er sich zu sammeln.

„William, spinnst du!", hörte er Hermiones panische Stimme.

„Ich werde nicht zulassen, dass der Wichser dir was tut. Niemand wird dir was tun", schrie William wutentbrannt doch als Draco den nächsten Schlag kommen sah war er darauf vorbereitet. Er hatte zu viel Zeit unter dem Cruciatus-Fluch verbracht, um seine Gedanken mit dem Schmerz zu verschwenden.

Er ließ sich zur Seite fallen und trat William die Füße unter dem Körper weg. Hermiones Cousin strauchelte und musste um sein Gleichgewicht kämpfen. Das reichte Draco, um wieder auf die Beine zu kommen. Verstärkt von zauberstabloser Magie rammte er ihm das Knie in den Oberköper. Röchelnd brach der Mann vor ihm zusammen und fiel auf den Bürgersteig. Draco rang ebenfalls nach Atem. Sein Bauch tat ihm weh, und er schmeckte Blut, dass ihm aus der aufgeplatzten Lippe lief.

„Verflucht", zischte er schnaufend und hielt sich den Bauch.

„Bei Merlin, es tut mir leid, ich wusste nicht, dass er so reagiert", sagte Hermione und augenblicklich spürte Draco, dass es ihm besser ging. Die Magenschmerzen verschwanden, doch mehr traute sich Hermione wohl nicht zu zaubern, denn immer mehr Menschen standen jetzt um sie herum und beobachteten die Szene aus der Entfernung.

Hermione kniete sich neben William und er hörte sie leise „Episkey" murmeln, während sie den Zauberstab möglichst unauffällig über seinen Körper hielt.

„Hilf mir mal, wir müssen ihn rüber ins Krankenhaus bringen. Ich habe alles geheilt, aber er könnte eine Gehirnerschütterung haben so stark ist er aufgeschlagen", sagte Hermione besorgt und stand jetzt auf. William schien noch immer bewusstlos.

„Wir können auch einfach verschwinden", wandte Draco ein. Er hatte wenig Ambitionen dem Kerl zu helfen, der ihn gerade hatte zusammenschlagen wollen.

„Nein auf keinen Fall. Er mag ein Vollidiot sein, aber er ist mein Cousin!", erboste sich Hermione und Draco hätte am liebsten die Augen verdreht. Es war eine verdammte Zeitschleife. Was bedeutete es dann schon.

„Bitte Draco", sagte sie und er beschloss, dass er sich eindeutig zu viel beeinflussen ließ.

„Nur weil du es bist", seufzte er geschlagen und legte sich den Arm des Muggels um die Schulter. Hermione lotste sie über die Straße in die Notaufnahme.

Nachwort:

Eigentlich ist dies nur so ein Übergangskapitel, in dem nicht viel passiert. Trotzdem steckt hier einer der Absätze drinnen, die ich wirklich gerne mag.

Sie war Hermione Granger, Vertrauensschülerin, Schulstreberin, Klassenbeste und doch war sie auch Harry Potters beste Freundin, Widerstandskämpferin, Regelbrecherin und überzeugte Idealistin. Sie war seine Myonie. Lüstern, versaut und voller Hingabe. Einen Moment fragte er sich, wer sie noch war. Wer war sie bei ihrer Familie, wo ihr Cousin sie allen Ernstes fragte, ob sie sich aus der Schule stahl, um mit ihrem Freund Drogen zu konsumieren.

Was irgendwie dort drinnen steckt: Jeder von uns ist vieles und für jeden sind wir individuell jemand anderes. Wer wir sind und was wir jemandem bedeuten kommt auf den Standpunkt an, aus dem wir betrachtet werden.

Wir sind alle die Kinder unserer Eltern. Wir sind die Nachbarn unserer Nachbarn die Kollegen unserer Kollegen und jeder wird uns auf eine andere Art wahrnehmen, als wir uns selbst wahrnehmen. Es ist keine Maske, die wir tragen. Es ist nicht so, dass wir die Menschen um uns aktiv täuschen wollen oder die absolute Kontrolle darüber hätten, wie wir wirken wollen. Trotzdem werden uns zwei Individuen niemals gleich wahrnehmen, da sie andere Handlungen und Charakterzüge an uns interpretieren.

Es war nur ein kurzer Gedanke, festgehalten in Nullen und Einsen.

LG

Salarial