„Mein" Bane trägt Tom Hardys Kopf auf dem GoT-Körper von Hafþór Júlíus Björnsson/
„Komm schon Jay, ich will da nicht alleine hingehen. Der eine Typ ist … speziell, habe ich gehört…"
„Oh ja, jetzt habe ich richtig Bock drauf…", entgegnete ich genervt. Meine Freundin Maja biss sich auf die Unterlippe. Ihr wunderschönes Gesicht setzte diesen Welpenblick auf, den sie bestimmt tausend Mal am Tag vor dem Spiegel übte. Niemand konnte so überzeugend betteln, wie meine Maja.
Sie arbeitete immer noch bei dem feinsten Escortservice der Stadt, den ich vor sieben Jahren verlassen hatte.
Ein Ausflug mit ihr würde also bedeuten, mich unglaublich aufzudonnern – stilvoll, nicht billig – und mich an den Arm irgendeines reichen Gockels zu hängen.
Der Service betreute ausschließlich millionenschwere angesehene Geschäftsmänner auf High- Society- Partys und der Boss achtete streng darauf, dass keine Buchungen sexueller Natur mit seinem Geschäft in Verbindung gebracht werden konnten. Escort- Girls zeigten sich an Armen von reichen, alten Männern, wurden vorgeführt wie ein Schmuckstück, fungierten als Date für junge Aufstrebende um heiratswillige Aasgeier fernzuhalten und lehnten Angebote, für viel Geld über Nacht zu bleiben ausdrücklich ab. Zwar gab es Mädels, die den interessierten Kunden Visitenkarten zusteckten, wodurch es dann doch möglich war, Sex zu kaufen, doch das wurde über die Girls selbst veranlasst.
So blieb der Ruf des Unternehmens sauber.
Der Boss konnte schließlich nichts dafür, dass seine Angestellten nebenher als Huren arbeiteten.
Ich persönlich hatte es immer abgelehnt, mich um Freier zu kümmern, doch angenehm war mein Job auch nicht immer gewesen. Schließlich hörte ich, was die anderen Girls erzählten. Angst war ein ständiger Begleiter bei den „Dates". Viele der reicheren Kerle standen darauf, Frauen und ihre schönen Körper zu unterwerfen. Und damit waren nicht nur kleine Fesselspielchen gemeint, während denen sie Lederstrapse tragen sollten, sondern handfestes Würgen, Züchtigen mit Rohrstöcken, oder teilen mit mehreren Kameraden.
Einer hatte mal darauf bestanden, dass sein Rottweiler uns bei einem Candlelight- Dinner in seinem Appartement die ganze Zeit beobachtete. Als er seine Hand auf mein Knie legte, leckte das Biest sich die Lefzen.
Ich war noch nie so schnell aus einem Appartement herausgerannt, wie damals.
Und doch saß ich nun auf Majas Sofa, ein Glas Prosecco in der Hand und beobachtete, wie sie nach einer schnellen Dusche ein kleines Handtuch um ihren zierlichen Körper wickelte. Sie hatte mich angerufen und um ein Treffen gebeten.
Sie gehörte zu den Mädels, die fleißig ihre Visitenkarten verteilten. Ich hatte längst aufgegeben, ihr beim Verlassen des Jobs Hilfe anzubieten. Maja glaubte immer noch an das Pretty- Woman- Märchen. Sie hoffte wirklich, dass einer ihrer reichen Kunden sie eines Tages aus der Branche wegheiraten würde. Seufzend ergab ich mich. Bereits seit einer Stunde versuchte sie mich dazu zu überreden, sie zu einem Auftrag zu begleiten.
Ein paar Stunden in feiner Gesellschaft, teuren Champagner trinken, nett zu lächeln, mich begrapschen und dann schön in einer Limousine wieder nachhause fahren lassen.
Hörte sich gar nicht so schlecht an, oder?
Eine nette Abwechslung zu meinem eigentlichen Job, der alles andere als glamourös war.
Allerdings gabs da noch dieses Versprechen, dass ich meiner Mutter gegeben hatte.
Ich hatte in den letzten Jahren mein Leben geändert. Nicht nur meiner Mutter zuliebe… aber hauptsächlich ihretwegen.
Mittlerweile war ich fertig ausgebildete Krankenschwester, aber habe nie als solche gearbeitet, sondern sofort nach dem Examen etwas anderes studiert. Etwas Soziales natürlich. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Meine Mutter hatte sich schon immer für mich gewünscht, dass ich es schaffte, so viel Gutes für die Menschheit zu tun, wie sie und mein Vater.
Beide waren Sozialarbeiter in einem Waisenhaus gewesen und hatten mehr Kinder und Jugendliche gerettet, als ich jemals zählen könnte. Was in einer Stadt wie Gotham wirklich herausfordernd war. Die Verbrechensrate war schon sehr lange vor Dents Aufräumaktion mehr als hoch gewesen.
Alle hatten sie retten können, noch mehr inspiriert, etwas aus ihrem Leben zu machen. Alle.
Nur mich nicht.
Ich fand schon bald heraus, dass ich mit meinem hübschen Aussehen viel leichter viel mehr Geld verdienen konnte als in der Sozialarbeit.
Das Leben als Escortdame hatte einige Vorteile. Man lernte viele, zumeist reiche Menschen kennen, trieb sich auf vielen High- Society- Partys herum und scheffelte richtig viel Asche. Nein, ich spreche nicht von Prostitution, dazu war mir die Unversehrtheit meines Körpers zu wichtig.
Ehemalige Prostituierte existierten nicht.
Wenn du erst einmal drin warst, kamst du nicht mehr heraus. Nur der Tod in Form von Suizid oder einer ordentlichen Tracht Prügel konnte dich aus diesem Leben befreien. So zumindest meine Erfahrung.
Nein, da gefiel mir meine Arbeit als Sozialarbeiterin deutlich besser. Mit Anfang dreißig die größte Obdachlosenunterkunft der Stadt zu leiten, war nicht ohne. Nebenbei ehrenamtlich Streetworker unterstützen, Freunde bei der Feuerwehr und Polizei bei Laune zu halten, viel zu wenig Geld zu verdienen aber viel Kritik zu ernten und täglich Hindernisse überwinden zu müssen, die einen Parkourläufer ins Schwitzen bringen würden, machte mich sehr viel glücklicher, als ein hübsches Püppchen zu sein.
Ja, ich liebte mein Leben. Endlich hatte ich mich gefunden und war mit mir im Reinen. Trotzdem weinte ich hin und wieder der aufregenden Zeit im Escort nach.
Eine einmalige Ausnahme würde doch nichts ausmachen, oder?
„Hey Jay… JAY! Jolka!"
Mit meinem vollen Namen gerufen zu werden, riss mich aus meinen Gedanken. Niemand nannte mich Jolka. Ich war Jay oder J.J. oder manchmal sogar Maam. Ich schüttelte kurz meinen Kopf, sodass meine dunkelbraunen Locken durcheinandergewirbelt wurden und straffte die Schultern.
„Ist ja gut, du hast gewonnen. Ich komme mit. Wohin gehts?"
„Zu John Daggett. Ja, dem John Daggett! Kannst du dir das vorstellen?" Sie hüpfte aufgeregt auf und ab. „Der ist einer der reichsten Männer im Land, Jay. Und Single, soweit ich weiß", fügte sie mit einem verschwörerischen Blick hinzu.
Ich rollte mit den Augen.
Wir zogen unsere schönsten Kleider an, ihres schulterfrei, knielang, schwarz, meines blutrot, rückenfrei, knöchellang mit einem seitlichen Schlitz, der einen gewagten Blick auf den verzierten Rand meiner halterlosen Strümpfe erlaubte. Ihre Füße zierten knallrote, spitze Lackpumps, meine schwarze Peeptoes, die meine ebenfalls rot lackierten Nägel zeigten.
Wir gönnten uns noch ein Gläschen Prosecco, steckten uns gegenseitig die Haare zu kunstvollen Frisuren hoch und Maja verpasste mir einen dramatisch geschwungenen Lidstrich.
Der Taxifahrer – von wegen Limousine - der uns zu Daggett brachte, hatte einige Schwierigkeiten, seinen Blick, statt in den Rückspiegel auf die Straße zu zwingen. Maja war äußerst gut gelaunt. Ich eher nervös. Die Stadt hatte sich in der letzten zwei Wochen verändert. Unterwegs konnte ich einige Schlägereien und Überfälle sehen. Die Straßen waren nachts wieder unheimlicher, die Menschen aggressiver. Seit des Angriffs auf die Börse und erst recht seit Batmans Wiederkehr waren alle irgendwie... angespannter.
Die Reichen, die Cops, die Gauner.
Alle hatten eine kurze Zündschnur. Nicht wenige Straßenkids waren verschwunden und es tauchten mehr traumatisierte Prostituierte in den Krankenhäusern auf als üblich.
Die Stadt wandelte sich.
Nach der eher friedlichen Zeit nach Dents Aufräumaktion, schien das Verbrechen aus Gotham verbannt worden zu sein.
Doch diese brutale Söldnerhorde hatte die Bedrohung zurückgebracht. Auch ich trug das erste Mal seit langem wieder Pfefferspray in meiner Handtasche, wenn ich mit meinem Kollegen Charlie durch die Straßen zog und versuchte obdachlose Kinder zu überzeugen uns eine Chance zu geben. Gerüchte, man würde eingesperrt, wenn man erst einmal den Fuß in ein Heim gesetzt hatte, hielten immer noch die, die es am nötigsten hatten davon ab, unsere Hilfe zu akzeptieren. Es war unglaublich langwierig und mühsam, zu ihnen durchzudringen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Mein Kollege und heimlicher Mentor Charlie Miller war einer der wenigen, dem sie Zugang in ihre Welt gewährten. Er war kurz vor seinem Ruhestand und war der beste Streetworker, den man sich vorstellen konnte. Als ehemaliger Collegefootballer half ihm seine beeindruckende Statur dabei, in den finsteren Gegenden nicht von jedem angegriffen oder beklaut zu werden. Die Straßenkids waren unglaublich geschickt. Viele von ihnen führten ein Leben in einer Art Schattengesellschaft unter den Straßen dieser verseuchten Stadt. Richtige Tunnelgemeinden gab es, deren Bewohner nur selten nach oben ans Tageslicht kamen. Charlie und ich genossen ein gewisses Vertrauen, weil wir nie Druck ausübten. Wir halfen einfach. Wir hatten Medikamente und Kondome dabei, Erste- Hilfe- kästen, Flohpulver und Visitenkarten unseres Hauses. Keine Cops, keine Bekehrungsversuche. Unser größter Erfolg war es bisher, eine schwangere Vierzehnjährige mitnehmen zu dürfen, die ich kurz darauf als Küchenhilfe bei mir einstellte. Bald würde ihr Baby kommen und ich musste mich dringend um …
„Jetzt lächle doch mal, Jay. Hab einfach Spaß mit mir. Wir sind jung, sehen umwerfend aus und treffen exquisite Männer in exquisiten Apartments. Du wirst schon sehen! Das wird ein unvergesslicher Abend werden", ermunterte Maja mich.
Wir recht sie hatte.
-oOo-
Die verspiegelte Tür des Aufzugs öffnete sich und Maja zog mich in das kleine Foyer, in dem einige Kunstwerke in Vitrinen ausgestellt wurden.
Kunst... Im Vorraum...
Wer hat der hat.
Gedämpfte Stimmen drangen durch eine ledergepolsterte Tür. Scheinbar hatte jemand gute Laune da drin. Ein mittelgroßer, fein gekleideter Mann öffnete uns die Tür. Er deutete eine kleine Verbeugung an und bat uns in das salonartige Wohnzimmer. Ich spürte mein Herzschlag in meiner Kehle. So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Der Mut, den mir der Prosecco verschafft hatte, war bedauerlicherweise verflogen. Allerdings hatte ich lange nicht so viel davon getrunken wie Maja.
„Phillip, öffne doch schon mal den Champagner", sagte ein zweiter Mann, der hinter dem riesigen schwarzen Ledersofa stand. Phillip Stryver schoss es mir durch den Kopf. Rechte Hand von John Daggett. Das musste wohl der Typ beim Sofa sein.
Hm, irgendwie hatte ich mir den größer vorgestellt.
Daggett umrundete das Sofa und setzte sich lässig darauf. Er klopfte auf den freien Platz neben sich. Maja setzte sich brav dicht neben ihn und überschlug ihre Beine so, dass sie mit ihrer Fußspitze an seiner Wade entlang streichen konnte. Seine Hand wanderte sofort auf ihren Oberschenkel.
Ich setzte mich absichtlich weg von ihm auf die Armlehne eines einzelnstehenden Sessels und bedankte mich höflich, als Stryver mir ein Glas Champagner reichte. Ich nippte kurz an meinem Glas, Champagner mochte ich nicht besonders.
Stryver nahm im Sessel Platz, hielt aber so gut es ging Abstand zu mir.
Er wirkte nervös und war um einiges schüchterner als sein Boss. Ich hatte fast Mitleid mit ihm. Er war der Typ Buchhalter, der gut mit Zahlen aber gar nicht mit Frauen umgehen konnte. Daggetts Hand zeichnete längst kleine Kreise auf Majas Oberschenkel und schob dabei ihren kurzen Rock bei jeder Runde ein Stückchen höher. Sie rieb ihren Fußrücken an seinem Bein und strahlte ihn an, als wäre sie die glücklichste Verlobte der Welt. Innerlich schüttelte es mich. Daggett war mir dermaßen unsympathisch, dass ich fast froh war, dem anderen zugeteilt worden zu sein.
Damit Stryver auch etwas von dem Abend hatte, schlug ich meine Beine übereinander, was durch den hohen Schlitz sehr viel Haut zeigte, und lehnte mich nach vorne, was ihm eine gute Sicht auf meinen nackten Rücken bot. Keine Reaktion. Zumindest nicht von ihm.
Daggetts Augen hingegen klebten an dem Stück Haut zwischen dem Strumpfband und meinem Kleid. Maja sah fast eifersüchtig aus.
„Ist ja gut, du kannst den gerne haben", versuchte ich ihr telepathisch zu übermitteln. Der Champagner schien ihr zu schmecken, Maja hielt Daggett ihr leeres Glas hin, was nur allzu gern erneut füllte. Sie nahm einen großen Schluck und fummelte an Daggetts Krawatte herum, um den Knoten zu lösen. „Das sieht so schrecklich unbequem aus", säuselte sie und bedeckte seinen Hals mit kleinen Küssen.
Ich nippte erneut an meinem Glas und versuchte es mit Smalltalk.
„Die Kunstgegenstände im…"
„Was hat unser Freund eigentlich gesagt?", unterbrach Daggett mein Bemühen und sah zu Stryver, der sich nervös räusperte. Maja unterbrach ihre Küsse und spielte mit einer Haarsträhne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte. Daggett legte einen Arm um sie und streichelte ungeniert über ihren Hintern.
„Er… sagte… ähm", wieder räuspern. Stryver blickte ein paar Mal zwischen Maja und Daggett hin und her. Offensichtlich hielt er es nicht für eine gute Idee, in unserer Anwesenheit über diesen Freund zu reden. „Es läuft alles nach Plan", beendete er die Antwort und trank sein Glas in einem Zug leer.
„Komm schon, Philipp. Das sind teure Huren, die wissen, wie dumm es wäre zu reden." Ich sah Maja mit hochgezogener Augenbraue an. Ernsthaft? Ich war mir nicht sicher, wer von beiden der „Spezielle" war.
„Er sagte, er will später selbst berichten. Nicht übers Telefon", fügte Stryver leise hinzu. „Fein, dann sollten wir die Zeit sinnvoll nutzen", verkündete Daggett und zog Maja auf seinen Schoß. Sie keuchte überrascht auf und kicherte albern. Wieviel Alkohol hatte sie schon intus? Ich positionierte meine Beine anders und räusperte mich leise. Sie knabberte an Daggetts Ohr und hauchte ihm irgendetwas ins Ohr. Daggetts Blick wanderte zu mir. „Aus der Übung, ja? Ts, ts, ts", machte Daggett und schüttelte seinen Kopf. „Spiel nicht die Schüchterne, ja. Das kauft dir sowieso niemand ab, Schätzchen."
Was für ein Goldstück dieser Lackaffe doch war. Er nickte Stryver auffordernd in meine Richtung zu. Ich spürte dessen kalte, feuchte Hand an meinen unteren Rücken, doch Stryvers Blick klebte weiterhin an Daggett, der Majas fest an sich presste und an ihrem Hals leckte.
„Was ist denn?", fragte er genervt, als Maja Anstalten machte aufzustehen.
Sie deutete zu einer Tür, die etwas mehr Privatsphäre versprach. Wenigstens ein bisschen Anstand besaß sie noch.
„Wollen wir nicht…" Er unterbrach sie, indem er seine Hände in ihren Haaren festkrallte und sie wieder fest an sich zog. Er küsste sie grob, ließ eine Hand sinken und versuchte den Verschluss ihres Kleids zu öffnen. Sie zuckte mit den Schultern und ließ ihn gewähren.
Ich konnte ihren Hinterkopf nur ungläubig anstarren. Ich erkannte sie kaum wieder.
Hatte der uns was in den Drink getan? So freizügig verhielt sie sich eigentlich nicht. Ich spürte, dass meine Hände feucht wurden. Sämtliche Alarmsirenen schrillte in meinem Kopf. Das ging alles zu schnell und zu weit. Stryver gefiel das Ganze ausgesprochen gut, sein Atem hatte sich längst beschleunigt und er wischte seine Hand, die nicht meinen unteren Rücken knetete, mehrmals am Stoff seiner teuren Anzughose ab.
Ich blieb ein wenig unschlüssig sitzen. Einerseits schrie alles in mir danach, dieses Gebäude sofort zu verlassen, andererseits wollte ich Maja auf keinen Fall alleine hierlassen.
Daggett hatte es mittlerweile geschafft, Majas Kleid herunterzuziehen und lutschte geräuschvoll an ihren in Seide gehüllten Brüsten herum. Sie bog sich nach hinten und rieb ihren Schoß an seinem.
Ich drehte mich zu Stryver um, doch der schien sich nur für das Geschehen auf dem Sofa zu interessieren. Sahen wir jetzt den beiden zu? Das musste ich mir nicht unbedingt geben…
„Maja?!" Ich versuchte all meine Empörung und Warnung in das eine Wort zu legen. Verdammt, mir fiel siedend heiß ein, was wir vergessen hatten. Bei Dates zu zweit gab es eigentlich immer ein Codeword, mit dem die eine der anderen unauffällig signalisieren sollte, dass ihr das Szenario nicht geheuer war und man sofort gehen wollte. Sie drehte ihren Kopf in meine Richtung und schüttelte ihren Kopf. Sie begann so überzeugend zu stöhnen, dass man glauben könnte, Daggetts Gesabber gefiele ihr wirklich.
Also erhob ich mich, zog mein Kleid zurecht und griff nach meiner Clutch, die ich auf dem niedrigen Glastisch abgelegt hatte. Daggett unterbrach sein Tun und sah mich skeptisch an.
„Was wird das?", fragte er.
„Anscheinend kommt ihr allein zurecht, ich…"
„Du bleibst hier, ist das klar!", keifte er.
„Maja, komm. Wir gehen jetzt!", forderte ich meine Freundin auf.
Ihre Frisur war ganz durcheinander.
Mir fiel auf, dass ihre Pupillen geweitet waren.
Viel mehr als es in diesem nur leicht gedimmten Licht üblich wäre.
Ich ging zu ihr hinüber und fasste nach ihrem Arm, versuchte sie von ihm runterzuziehen. Daggetts Hand schoss hervor, er packte mich am Handgelenk und zog mich neben sich aufs Sofa. Kaum war ich neben ihn geplumpst, schob er seine andere Hand durch den Schlitz meines Kleids.
Ich erstarrte. Maja lächelte verkniffen. War sie etwa eifersüchtig?
„Küsst euch", keuchte er und drückte unsere Köpfe näher zusammen. Ich sah kurz zu Stryver, der schwer atmend auf seinem Platz saß, unverkennbare Lust im Blick.
„Kümmre dich nicht um ihn, er sieht gern zu", sagte er. Maja streckte ihre Zunge heraus und leckte über meine rot geschminkte Unterlippe.
Beide Männer stöhnten hörbar auf.
Ich versuchte aufzustehen, spürte aber Daggetts Hand, der mich fest in die weichste Stelle meines Oberschenkels kniff. Ich zog zischend die Luft ein, was Maja wohl falsch deutete, denn sie küsste mich plötzlich hingebungsvoll. Sie stöhnte übertrieben in meinen Mund und ich umfasste mit beiden Händen ihr Gesicht.
„Wir. Gehen. Jetzt!" Maja blinzelte mich verständnislos an. Sie war vollkommen high. Daggett lachte hämisch auf und warf Maja plötzlich von sich runter, packte mich an den Haaren, schob mich nach vorne vom Sofa auf die Knie und drückte meinen Oberkörper auf den Glastisch. Jetzt schrie ich ihn wütend an. Panik stieg in mir auf. „Wehr dich!", dachte ich, doch das war in dieser Position gar nicht so einfach. Daggett hielt meinen Kopf an den Haaren fest und schob mit der anderen Hand mein Kleid hoch.
„Ich habe hier das Sagen, Schätzchen. Keine Ahnung, wo du dich sonst herumtreibst, aber wenn ich sage, du bleibst, dann bleibst du!"
Ich versuchte mich aus seinem Griff zu winden, doch er presste sich so dicht an mich, dass ich mich kaum bewegen konnte.
„Halt ihre Hände fest", befahl er Stryver, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches setzte, nach meinen Handgelenken fasste und mich zu sich zog. Die Kante des Glases drückte sich schmerzhaft in meinen Bauch. Ich schrie, trat und biss nach allen Seiten. Ich war zwar deutlich üppiger gebaut als Maja und auch um einiges stärker, doch die beiden Männer waren mir deutlich überlegen. Maja lag wimmernd auf dem Boden, eine Platzwunde am Kinn besudelte ihre Haut mit Blut. Daggett schob meine Beine weiter auseinander und fummelte an seiner Hose herum. Mir wurde schlecht. Wie hatte ich so naiv sein können. Heiße Tränen liefen über mein Gesicht und benetzten das streifenfreie Glas des Tisches.
In meiner Verzweiflung sah ich hilfesuchend zu Stryver, der sich lediglich nervös die Lippen leckte.
„Bitte", schluchzte ich, doch er schüttelte nur den Kopf. Er deutete ein mitleidiges Lächeln an. Ich starrte ihn fassungslos an. Dann schloss ich meine Augen. Es würde schnell vorbei sein. Meine Gedanken flüchteten an einen besseren Ort.
„Ich bin am Ufer eines Sees, sitze neben einem Lagerfeuer, lausche den Eisvögeln, die ins Wasser tauchen, das Knacken der Äste im Wind, die-"
Stryver gab einen ängstlichen Laut von sich und ließ meine Hände so plötzlich los, als hätte er sich verbrannt. Ich öffnete meine Augen und blickte in sein weiß gewordenes Gesicht. Sein Blick haftete an etwas hinter uns, was ziemlich groß zu sein schien. Daggett erstarrte. Ich spürte einen scharfen Ruck und es wurde kalt an meinem Rücken. Etwas schlug laut klirrend in eine der Vitrinen ein. Ich wagte einen Blick über meine Schultern und erblickte Daggetts schlaffen Körper am Boden, übersäht mit Glassplittern. Stryver trat so weit vom Sofa zurück, dass er fast eine teure Vase von einem Tischchen geworfen hätte. Maja schrie jetzt hysterisch. Auch ihr Blick hatte sich auf etwas hoch oben gerichtet. Ich wischte meine losgelösten Haare aus dem Gesicht, zog mein Kleid herunter und drehte mich langsam um.
Zuerst erkannte ich durch meine verquollenen Augen nichts. Ich wischte mit der Hand darüber und erblickte einige in funktioneller Kleidung gekleidete Männer, die automatische Waffen in den sonnengebräunten Händen trugen. Ihre Oberkörper waren von Munitionsgürteln und Schutzwesten bedeckt. Eine fleischige Pranke mit dicken Venen wurde mir langsam entgegengestreckt. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen ergriff ich sie und ließ mir aufhelfen. Mein Blick wanderte an unfassbar muskulösen Armen entlang. Weiter zu unmenschlich breiten Schultern, an denen eine ärmellose Weste haftete. Ich musste den Kopf weit in den Nacken legen, um das Gesicht sehen zu können.
Ich schluckte schwer. Die Maske sah aus wie ein schwarzer Facehugger, der die untere Hälfte des wuchtigen Schädels seines Trägers umschloss. Das Adrenalin ließ das Blut in meinen Ohren pochen. Meine Gedanken rasten.
Der Angreifer der Börse. Der Mann mit der Maske. Der Söldner aus einem anderen Teil der Welt, so hatten ihn die Nachrichtensprecher genannt.
Er ließ mich los, hob langsam seine riesigen Hände und umfasste auf beiden Seiten den Kragen seiner Schutzweste. Er starrte einfach nur auf mich herunter. Sein Blick wanderte kurz über mein zerrissenes Kleid. Sein Blick aus diesen dunklen Augen war so intensiv, dass ich mich mehr als nackt fühlte. Reflexartig kreuzte ich meine Arme vor der Brust, dabei war noch alles von meinem roten Kleid bedeckt. Er sah kurz zu Maja rüber, die daraufhin ohnmächtig wurde. Ich stürzte zu ihr auf den Boden und drehte sie leicht auf die Seite, klopfte gegen ihre bleichen Wangen. Der Gigant wandte sich offensichtlich gelangweilt von dem Drama ab und gab einem der Männer ein für mich undeutbares Zeichen.
Ein junger Mann von recht dratiger Statur und strahlend blauen Augen bewegte sich auf uns zu, richtete seine Waffe auf uns und winkte damit Richtung Tür.
Ich verstand die wortlose Aufforderung und bemühte mich, die geradeso zu sich gekommene Maja wieder auf die Füße zu stellen. Während ich sie mehr trug als schob, kam auch Daggett zu sich und fasste sich stöhnend an den Kopf. Er schmiss wütend Reste der Vitrine von sich und rappelte sich mühsam auf.
„Was zum Teufel sollte das?", fuhr er den Hünen an und jetzt war ich mir absolut sicher, dass er verrückt war. Kein vernünftiger Mensch fährt solch einem nach roher Gewalt förmlich riechenden Mann so arrogant an.
„Verschwinde."
Das einzelne Wort schien an Stryver gerichtet zu sein, denn dieser rannte förmlich an mir und Maja vorbei.
„Nein, du bleibst hier! Ich hab hier das Sagen!", hörte ich Daggett noch brüllen, bevor wir es durch die gepolsterte Tür schafften. Kurz bevor sich die Aufzugtür hinter uns schloss, in der Fahrstuhlkabine hörten wir dann nur noch spitze Schmerzschreie von Daggett.
Maja sank wieder neben mir zusammen.
Ich würde uns hier rausbringen, selbst wenn ich sie die ganze Strecke nachhause tragen müsste. Draußen versuchte ich Majas Kleid zu schließen und wollte ein Taschentuch auf die Wunde an ihrem Kinn drücken.
Da bemerkte ich erst, dass meine Tasche noch oben lag. Die Straße war wie ausgestorben, ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie spät es war.
Endlich konnte ich ein Taxi herbeiwinken, brabbelte was von Überfall und bat ihn in die Notaufnahme zu fahren. Maja erbrach sich zweimal während der Fahrt. Dankenswerterweise fuhr der Fahrer immer schneller. Endlich in der Klinik angekommen rief ich laut um Hilfe. Zwei Pfleger kamen mit einer Trage angerannt, den einen kannte ich noch von meiner Ausbildung damals.
„Großer Gott, J.J., was ist passiert?"
Ich erzählte was von einer Privatparty, berichtete von meinem Verdacht auf Roofies im Drink und sank im Wartebereich auf eine Sitzbank. Maja war in guten Händen, so stark wie meine Hände zitterten wäre ich sowieso keine Hilfe. Ich beugte mich nach vorne und versuchte meine Atmung in den Griff zu bekommen.
„Ruhig atmen, Jay. Du hyperventilierst. Ein… und aus…"
Gabbie, eine der Sanitäterinnen war vor mir in die Hocke gegangen und hatte meine Hände umfasst. Ich konzentrierte mich auf ihre Worte und beruhigte mich langsam. „Die Cops sind gleich da", verkündete sie und ich nickte nur.
„Jay, deine Freundin… hat man sie… euch…" Ihr Blick wanderte zu meinem Bein, ein beginnendes Hämatom war deutlich durch den Schlitz zu erkennen. Ich schüttelte den Kopf und schlug schluchzend die Hände vors Gesicht. „Okay. Ich muss wieder rein. Sarah bringt dir gleich eine Decke und Wasser."
„Hast du zufällig eine Zigarette?", fragte ich hoffnungsvoll. Ich hatte vor Jahren aufgehört. Aber jetzt brauchte ich wirklich eine. Sie kramte in ihrer Jackentasche und reichte mir ein fast leeres Päckchen.
„Danke", schniefte ich. Sie nickte und verschwand wieder im Untersuchungsraum. Eine Schwester kam mit einer Decke und einem Plastikbecher voll Wasser zu mir. Ich bedankte mich erneut, trank das Wasser, wickelte mich in die Decke und ging hinaus in den Raucherbereich. Es war sehr dunkel dank der teilweise kaputten Lampen. Ich fühlte mich beobachtet, schob es aber auf meine strapazierten Nerven. Ich schüttelte eine Kippe heraus und musste feststellen, dass da kein Feuerzeug in der Packung war. Fluchend suchte ich im Raucherbereich herum, als ob zufällig jemand eins verloren hätte. Der Wind durchpustete meine Haare ordentlich, genervt versuchte ich die Locken aus dem Gesicht zu halten.
Plötzlich entfachte jemand neben mir ein Streichholz und hielt es mir hin. Ich ließ mir die Kippe anzünden und betrachtete das Gesicht des Mannes. Die Kippe fiel mir aus dem Mund und ich erstarrte. Es war der Typ mit den strahlend blauen Augen. Diesmal ganz ohne Waffen und Munition. Er beugte sich hinunter und hob meine Zigarette auf. Er pustete Dreck weg, zündete sie für mich an und hielt sie mir wieder hin. Ich schluckte schwer, nahm sie aber an. Er nickte zufrieden und sah kurz über meine Schulter. Ich bekam Gänsehaut. Er fasste in seine Jackentasche und reichte mir meine Clutch.
Fassungslos starrte ich ihn an. „Danke."
Er zuckte nur mit den Schultern.
„Ihr habt es allein raus geschafft. Was danach passiert ist, weißt du nicht. Du hast nichts gesehen und kannst dich an nichts erinnern."
Ich nickte mechanisch. Er sah wieder über meine Schulter, klopfte mit freundschaftlich auf die Schulter und spazierte in die Dunkelheit.
Ankommendes Blaulicht riss mich aus meiner Starre. Die Cops. Ich trat meine Zigarette aus und ging wieder hinein. Dann berichtete ich einem Officer Blake von den Ereignissen des Abends, erfand eine Geschichte, in der ich es geschafft hatte, Daggett in die Kronjuwelen zu treten und ich mit Maja und vollständig ohne Hilfe entkommen war. Er notierte alles, stellte noch einige Fragen und gab eine Fahndung nach Daggett über Funk raus.
-oOo-
Ich hatte mich neben Majas Überwachungsbett auf einem bequemen Stuhl eingerollt, als ein paar Stunden später Commissioner Gordon das Krankenzimmer betrat.
„Wie geht es ihr?", fragte er mich.
„Ihre Werte sind stabil, ihr Magen wurde ausgepumpt. Sie ist noch nicht wach geworden bisher."
Er nickte.
„Miss Jagoda. Sie müssen mich aufs Revier begleiten. Wir haben noch ein paar Fragen. Wir wissen, dass sie uns etwas verschweigen."
Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt.
„John Daggett wurde tot in seinem Penthouse gefunden. Das CSI- Team ist dran."
„Ich habe ihn nicht umgebracht, falls sie das denken", schnappte ich.
„Das wissen wir, Maam." Auf meinen fragenden Blick hin, fuhr er fort: „Ich glaube kaum, dass eine Frau wie Sie fähig ist, einem Mann das Genick so zu brechen, dass sein Kopf fast abreißt."
Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, den Mülleimer zu umarmen, bevor ich mir die Seele aus dem Leib kotzte.
