Schmerz by baileys3
The Rookie, Staffel 4, Folge 21
Lucys POV als sie sieht, wie Tim seiner Freundin Ashley einen Heiratsantrag macht.
Lucy Chen hatte im Laufe ihres Lebens schon viele schmerzvolle Momente erlebt. In ihrem Leben als Polizistin war der körperliche Schmerz immer präsent. Verbrecher waren meistens nicht dafür bekannt bei einer Verfolgungsjagd besonders schonend mit einer Polizistin umzugehen. Sie war schon getreten und geschlagen worden. Mit einer Spritze gepikst worden. Bei einer Explosion durch die Luft geschleudert worden. Hatte giftigen Rauch eingearbeitet. War zu Boden geworfen worden. Es gab wohl nur noch wenig Stellen in ihrem Körper, die nicht schon mal Bekanntschaft mit einem blauen Fleck, einer Abschürfung, einer Prellung oder einer anderen Art von Verletzung Bekanntschaft gemacht hatte. Diesen Schmerz war sie gewohnt und er war wohl vergleichbar mit einer lästigen Fliege. Er war da, aber man konnte ihn wegignorieren. Und nach einiger Zeit war er verschwunden.
Natürlich gab es im Leben jedes Polizisten wohl auch den Schmerz, der einem immer in Erinnerung bleiben würde und der lange nachhallte. Der einem in den Träumen wieder aufsucht. Der in bestimmte Situation oft völlig unvorbereitet zu Tage tritt und in seiner Heftigkeit selten weniger heftig wird. In einem Fass lebendig begraben zu werden gehört zu dieser Art von Schmerz. Körperlich war sie darüber hinweg. Die Wunden verheilt. Geblieben war ein Tattoo. Eine Art Erinnerung. Aber auch damit hatte sie gelernt zu leben, denn es war ein Symbol eines zweiten Lebens, dass ihr geschenkt wurde und nicht ein Andenken an das Ende ihres ersten Lebens. Tief in ihrer Seele würden die Wunden aber wohl nie vollständig heilen. Angst vor engen Räumen war dabei noch kontrollierbar. Meistens jedenfalls, denn diesem konnte man aus dem Weg gehen. Allein in eine Bar zu gehen, war seitdem schon nicht mehr vorstellbar. Dabei hatte sie es durchaus versucht. Als eine Art Selbsttherapie und als Beweis für sich selbst, dass sie es noch konnte. Doch die Gänsehaut, die ihr über den Rücken kroch, als jemand an ihr vorbeiging und sie dabei aus Versehen streifte. Die panische Angst, dass in ihrem Glas Wein etwas anderes sein könnte, obwohl sie es den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen hatte. Sie hatte es sogar mit einer Hand gehalten und mit ihrer anderen abgedeckt. Nein, seitdem hatte sie keine Bar mehr allein betreten und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie das je wieder tun würde. Auch das schmerzte, doch damit konnte sie leben.
Mit der Ablehnung ihrer Eltern, was ihre Berufswahl anging, schon weniger. Mit dem Hintergehen ihrer besten Freundin, die sie mit ihrem Freund betrogen hatte? Das war schon lange her und nur bei deren Hochzeit fühlte sie sich nochmals betrogen und verraten. Aber darüber war sie längst hinweg. Dachte sogar nicht mehr daran. Mit dem Tod von Jackson, ihres besten Freundes, mit dem sie ihre Ausbildung und ihre Rookie-Zeit absolviert hatte und mit dem sie sich eine Wohnung geteilt hatte? Das war eine andere Art von Schmerz. Er saß tief. Und sie vermisste Jackson an ihrer Seite. Es gab so viele Momente, bei denen sie immer noch dachte „Oh, dass muss ich Jackson erzählen!". Nur um dann festzustellen, dass er nicht mehr da war. Doch der Schmerz wurde weniger je mehr Zeit verging. Und auch mit diesem hatte sie gelernt zu leben.
Bei all diesen Erlebnissen war sie irgendwie davon ausgegangen, dass sie alle Arten von Schmerzen, die es gab, schon erlebt hatte. Auf alles vorbereitet war und nichts mehr schlimmer werden konnte. Doch als sie in diesem Moment an der Fensterscheibe im LAPD-Gebäude stand, nach einem langen Arbeitstag, geduscht und umgezogen und nur noch auf ihren Freund Chris wartete, der nach einer Besprechung gerade auf dem Weg zu ihr war, da erlebte sie eine Art von Schmerz, wie sie ihn noch nie gespürt hatte. Es war, als würde ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ihr Magen sich umstülpen und ein flaues Gefühl hinterlassen, ganz so, als würde man von einem hohen Turm ins Bodenlose stürzen. Es war, als würde ihr das Herz stehen bleiben.
Sie sah ihn auf die Knie gehen. Sie sah ihn eine Frage stellen. Sie sah, wie sich sein Gesicht in eines dieser freudigen Lachen verwandelte, die man so gut wie nie zu sehen bekam. Sie sah ihn aufspringen. Sie sah, wie er dieses blonde Abbild seiner Exfrau, seine jetzige Freundin, diese Rettungsschwimmerin, die eigentlich ganz nett war, die sich aber trotzdem nicht ausstehen konnte, umarmte. Wie sie ihn zurückumarmte.
Und ihre Welt blieb stehen. Und der Schmerz, der über sie hereinbrach, war mit nichts vergleichbar, was sie jemals gefühlt hatte. Ihr Herz zersprang in tausend Splitter.
Sie wäre beinahe in die Luft gesprungen, als sie plötzlich die Stimme von Chris neben ihr hörte. Er sagte irgendwas von „seiner Mutter" und „durchgedreht" und sie machte irgendein bestätigendes Geräusch. Sie konnte nicht klar denken.
„Was ist los?", fragte Chris. Anscheinend war es so offensichtlich, dass mit ihr etwas nicht stimmte, dass es sogar Chris bemerkt hatte.
„Gar nichts!" Sie glaubte selbst nicht, dass sie damit irgendjemanden überzeugen konnte.
Ihr Handy vibrierte. Eine Textnachricht. Automatisch ging ihr Blick nach unten. So als würde der Körper die Kontrolle über ihr Handeln übernehmen. Es war sowieso alles besser, als mit Chris darüber reden zu müssen, was mit ihr los war.
Der Name „Bradford" tauchte auf ihrem Handy auf und zwei simple Wörter „Hab dich". Sie hörte das Geräusch eines Autos und blickte auf. Er fuhr mit dem Jeep seiner Freundin an der Fensterscheibe vorbei. Immerhin dachte sie sich: Sie darf auch nicht fahren. Kontrollfreak! Sie hörte, wie er hupte und ihr fröhlich aus der Fensterscheibe zuwinkte.
So als wäre das nur wieder einer dieser vielen kleinen Scherze. Als hätte er nicht gerade ihre Welt zum Stehen gebracht. Als hätte er ihr nicht gerade alle Arten von Schmerz bereitet, die man haben konnte. Als hätte er ihr nicht gerade vor Augen geführt, wie tief sie für ihn gefallen war. Wie bestürzend der Gedanke war, dass er irgendjemanden heiratete und für immer jemanden anders gehören würde. Wie schmerzhaft es war ihn mit dieser Blondine zu sehen. Zu sehen, wie er sie anfasste. Wie sie ihn anfasste. Wie sie dabei jedes Mal am liebsten irgendeinen Gegenstand in ihr Gesicht gerammt hätte. Wie sie sich immer ins Gedächtnis rufen musste, das sie ja an sich ganz nett war. Und sie sie wohl auch gemocht hätte, wenn sie nicht gerade ihren ehemaligen Ausbilder gedatet hätte. Wie sie immer panisch versuchte ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bringen, wenn sie auftauchte. Sie war sich nicht sicher, ob er ihr nicht ab und zu entglitt und Ashley irgendeine Ahnung hatte.
Oh Gott, sie war so unglaublich eifersüchtig, so unglaublich angepisst, so unglaublich unfähig ihre Gefühle zu kontrollieren. Manchmal wachte sie nachts auf und dachte nur daran, was Tim und Ashley wohl gerade taten. Und dann drehte es ihr den Magen um. Manchmal, nein eher meistens, wenn sie mit Chris schlief, schloss sie ihre Augen und gab sich der Illusion hin, dass es Tim wäre. Nur um im gleichen Zug zu wissen, dass es Tim nicht sein konnte, da sie mit Tim wohl innerlich explodieren würde. Nicht, dass der Sex mit Chris schlecht war. Nein, er war, mhhh, „nett" könnte man wohl sagen. Er war zuvorkommen und höflich. So wie auch als Mensch war. Durschaubar, kontrolliert und vorhersehbar. Aber sie wusste irgendwie, dass Tim im Bett wohl genauso leidenschaftlich sein würde, wie als Polizist. Er war einer dieser Menschen, die unglaublich hohe Mauern um sich errichtet hatten, aber innerlich einfach nur soft waren. Und wenn sie einem Menschen ihre Liebe schenkten, dann rückhaltlos. Wen er liebte, dem gab er alles. Manchmal saß sie im Meetingraum und er stand vorne, um sie zu briefen. Und sie sah nichts als das Spiel seiner Brustmuskeln unter seiner Uniform, seine Armmuskeln, wie sie bei jeder Bewegung leicht zuckten. Das Arbeiten seiner Kiefernmuskeln. Und diese Augen, die so unglaublich intensiv sein konnten. Und sie musste sich komplett zusammenreißen. Manchmal versetzte sie sein Anblick mehr in Erregung als Mambajamba mit jemand anderem. Manchmal, wenn er zu nahe an ihr stand, was zu häufig vorkam, reichte es, wenn sie seinen unvergleichlichen Duft riechen konnte. Der Mix aus Zeder, Kaffee und noch andere Duftnoten, die Tim selbst waren. Manchmal war es zu viel im Auto neben ihm zu sitzen. Manchmal kroch dabei ein Gefühl ihren Magen hinauf, eine Mischung aus Fliegen und Schmetterlingen und ihr Körper reagierte. Und es wurde schlimmer. Mit jedem Tag, der verging, fiel sie ein Stückchen mehr für ihn. Und sie wusste nicht, wie sie es stoppen sollte. Sie wusste nicht, wie sie es kontrollieren sollte. Aber sie musste es kontrollieren, denn egal, was sie sich erträumte, egal, was sie fantasierte und was sie sich wünschte – er war ihr Boss. Und er würde diese Linie niemals überschreiten. Und er war ihr Freund. Ihr bester Freund. Der Mensch, dem sie am meisten vertraute. Rückhaltlos. Er war ihr Fels, ihr Anker, er war alles für sie. Und diese Freundschaft würde sie niemals riskieren. Denn das Risiko war zu groß. Die Kosten würden zu hoch sein. Sie würde alles verlieren, wenn sie ihn verlieren würde. Und sie wusste tief in ihrem Inneren, dass sie diesen Verlust, diesen Schmerz wohl niemals überstehen würde. Das dies einer jener Schmerzen war, die nicht nachlassen würden. Die nicht vergingen. Dass dies ein Schmerz sein würde, der nie enden würde. Und gleichzeitig wusste sie, dass es jedes Mal, wenn er jemand anderes datete, immer schmerzen würde. Es war, als ob sie in einer Spirale gefangen war, der sie nicht entfliehen konnte. In einem Wirbelwind aus Gefühlen, Verlangen, Verleugnung, Kontrolle und Zurückhaltung. Einem nie endenden Gefühlswirrwarr. Sie könnte ihn dafür eine verpassen. Für das, was sie wegen ihm jeden Tag wieder durchleben musste. Und was sie gerade durchlebt hatte.
Und für ihn war das nur ein Witz. Ein Prank. Er würde wahrscheinlich den ganzen Abend darüber lachen. Wahrscheinlich noch mit ihr zusammen. Sie würden sich darüber amüsieren. Und während er lachte, würde sie in ihrem Bett liegen und sich fragen, wie sie den nächsten Tag überstehen sollte … und den übernächsten … und so weiter.
Sie hört sich selbst zu Chris sagen, ob er kurz warten könnte. Ja definitiv, denn jetzt konnte ihr nur ein einziger Mensch helfen. Angela Lopez. Detektiv. Arbeitskollegin. Freundin. Fluch-Expertin. Sie brauchte sie, um Tim Bradford mit einem Fluch zu belegen, der ihm unglaublich Schmerzen bereiten würde.
Sie stürmt los und lässt Chris stehen. Sie hat völlig vergessen, dass sie mit ihm in ein Restaurant gehen wollte. Im Fahrstuhl prügelt sie auf den Knopf für den vierten Stock ein. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Viel zu langsam, wie es scheint. In ihrem Inneren brodelt es. Endlich öffnet sich die Tür mit einem fröhlichen, ihren Zorn völlig entgegenstehendem Pling. Sie stürzt in die Abteilung, in der Angela arbeitet. Sie sieht sie an ihrem Schreibtisch sitzen, vertieft in ein Gespräch mit einem Kollegen, den sie nicht kennt. Fast schon schlitternd kommt sie vor Angelas Schreibtisch zu Stehen. Sie sieht, wie sich zwei Paar Augen auf sich richten und hört Angela „Lucy!" sagen.
Und dann sprudelt es aus ihr heraus: „Ich will, dass du auf jemanden einen Fluch legst. Irgendwas Schmerzhaftes. Sowas wie, als würden ihn 1000 Hornissen gleichzeitig stechen. Oder warte. Noch besser. Als würde jemand einen Eimer mit eiskaltem Wasser über ihn auskippen und ihn dann über glühende Lava laufen lassen. Oder…warte…warte. Noch besser. Als müsste er im Meer schwimmen und es würden alle Arten von ekligem Abfall neben ihn auftauchen und stinken und eine Hand würde nach im Greifen. Ja genau."
Angela schaut sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und ein kleines Grinsen stiehlt sich in ihre Mundwinkel. Ihr Kollege steht da in Schockstarre, so wie es scheint und bewegt sich keinen Millimeter.
„Was hat Tim denn dieses Mal angestellt?", fragt Lopez. Und es ist wie ein Schlag auf den Kopf, der Lucy zurück in die Realität holt. Steht sie wirklich gerade mitten im Detektiv-Büro des LAPD und verlangt von Angela, dass sie einen Fluch auf jemanden legt? Etwas, dass sie nicht einmal kann. Denn Flüche gibt es nicht. Hat sie sich gerade völlig zum Affen gemacht vor diesem unbekannten Kollegen? Wird sie morgen das Tagesgespräch sein? Werden sich alle wunderbar über Lucy Chen amüsieren, die anscheinend völlig die Kontrolle über sich verliert und sich irgendwelche schmervollen Qualen für ihren Chef ausdenkt?
Sie starrt Lopez an. „Ähem, nichts. Also das Übliche. Es war einfach ein langer Tag. Ich denke ich sollte jetzt gehen. Ja genau. Stimmt. Unten wartet Chris auf mich. Wir sind verabredet, um ein Restaurant zu gehen. Ähm. Ja, schönen Abend noch." Ohne eine Reaktion abzuwarten, dreht sie sich um und verlässt das Büro. Sie stürmt in den Aufzug und als sich die Türen schließen, atmet sie tief durch. „Lucy Chen, krieg dich ein!", hört sie sich zu sich selbst sagen. Und sie verspricht sich selbst, dass sie den Abend mit Chris genießen wird und keinen weiteren Gedanken mehr an Tim Bradford verschwenden wird. Auch, wenn sie jetzt schon weiß, dass sie dabei auf ganz miserable Weise scheitern wird.
