Langsam blinzelte sie.
Ihr war warm, fast ein wenig zu warm. Sie spürte wie ihr Mund trocken war und schluckte mühselig das bisschen Feuchtigkeit was sie noch im Mund hatte herunter. Schließlich öffnete sie die Augen und starrte auf die dunklen Holzlatten.
Der Tag war bereits angebrochen, durch das einzige Fenster schien ein fahler Lichtschein, wie immer versteckte sich die Sonne über Forks hinter einer dicken Wolkendecke. Es brauchte ein paar Momente bis realisierte wo sie war.
Was war das für ein absurder Traum gewesen?
Ihre Hand berührte etwas kaltes und sie wandte ihren Kopf um zu sehen, was es war.
Auf einmal riss sie die Augen auf.
An ihrem Bett saß er in voller Schönheit.
Carlisle.
Die Erinnerungen prasselten auf sie ein und sie rutschte automatisch ein paar Zentimeter von ihm weg. Sofort zog sich ihr Magen zusammen, ihr Unterbewusstsein schrie sie an, dass es falsch war. Sein Gesicht war makellos. Nur seine Augen wirkten unsagbar traurig.
"Du bist..."
"Ich bin hier."
Es war nicht was sie meinte und er wusste es. Lily schüttelte den Kopf und starrte ihn fassungslos an.
Also war es kein Traum.
Er war ein Vampir.
Carlisle war ein Vampir.
"Bitte hab keine Angst."
Seine Stimme war so leise, dass sie sie kaum hörte und Lily schluckte.
Angst war das letzte was sie hatte, so absurd es auch klang.
Der rationale Teil ihres Gehirns bemerkte trocken, dass wenn er sie töten wollte, hätte er das schon längst getan. Ein schwacher Trost aber auch etwas anderes ließ einfach keine Angst aufkommen.
Es war als ob ihr Körper etwas in ihm erkannte was sie nicht benennen konnte. Nein, sie hatte keine Angst vor ihm. Dafür kam eine andere Emotion dazu.
"Du verlässt Forks."
"Ich muss."
Sofort verengte sie die Augen.
"Warum bist du dann hier? Warum erzählst du mir das alles?"
Er seufzte und fuhr sich mit seiner Hand durch seine blonden Locken. Sie waren durch die Nässe gewellt und Lily musst schlucken um sich zusammen zureissen.
Es war unfair wie schön er war. Einfach unfair.
"Damit du verstehst warum ich gehen muss. Damit du verstehst warum ich nicht gut für dich bin."
"Du meinst damit du kein schlechtes Gewissen hast."
Sie warf die schwere Decke ans Bettende und schwang ihre Beine von der Bettkante. Er wich leicht zurück, blieb aber sitzen. Wütend funkelte sie ihn an, bis sie bemerkte wie nah sie sich waren. Sie konnte seinen Duft riechen und wollte nichts lieber tun, als ihre Nase in seine Halsbeuge pressen und ihn richtig einzuatmen. Der Gedanke schien übermächtig und sie konnte sie kaum zusammenreißen. Woher kam er auf einmal?
Ihr Herz raste und sie sah, wie sich seine Augen verdunkelten.
Erneut musste sie sich in Erinnerung rufen, dass er nur hier war um sich zu verabschieden. Er war nur hier, um zu gehen. Er würde sie verlassen, schon wieder. Er erklärte ihr nur den Grund dafür, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er sie verließ.
Sie wandte ihre Augen ab und starrte auf den Ofen, der vor sich hin knisterte. Jemand hatte in der Nacht Holz nachgelegt, vermutlich er. Seine Nähe war so verlockend, dass sie schmerzhaft war.
Generell war sein Anblick schmerzhaft. Wie eine Reklametafel auf der stand, warum sie nicht gut genug war. Warum er nicht blieb.
Sie stützte sich ab und stand auf, der Stich in ihrem Knie war minimal, sie registrierte ihn kaum. Langsam humpelte sie in die Richtung der Tür als hinter ihr seine verzweifelte Stimme ertönte.
"Wo gehst du hin?"
"Lustig, dass gerade du das fragst."
Sie fischte ihre Krücke aus der Ecke und stützte sich ab. Es dauerte paar Sekunden bis sie das Gleichgewicht halten konnte und auf einmal bemerkte sie, wie er nicht mehr auf dem Stuhl saß.
Er stand neben ihr. Kein Mensch konnte sich so schnell bewegen.
Seine Größe überragte sie mit Leichtigkeit und seine breiten Schultern wirkten fast einschüchternd.
Auf einmal schien es ihr unerträglich mit ihm hier drin zu sein. Es war, als ob sie keine Luft zum atmen mehr hatte. Sie wusste was passieren würde, er würde gehen und sie würde auf alle Zeit die Hütte nicht nur mit Alex sondern auch noch mit ihm in Verbindung bringen. Sie konnte sie genauso gut abfackeln.
"Lily, bitte."
Sie schüttelte den Kopf und öffnete die Tür. Fast hätte sie erwartet, dass er sie zuhielt aber das tat er nicht.
Stattdessen folgte er ihr wortlos.
Es nieselte leicht, der Boden war immer noch durchnässt vom Regen der letzten Tage und die Luft war der Jahreszeit entsprechend kühl. In der ferne hörte sie ein sachtes Donnern.
Der Regen hielt sie nicht auf, er behinderte sie nicht einmal. Wenn man in Forks aufgewachsen war, merkte man ihn meistens nicht einmal mehr. Sie konzentrierte sich auf ihre Schritte und auf das gleichmäßige Tropfen auf den Schindeln der Hütte. Je mehr sie ihn vergessen wollte, desto mehr bohrte er sich in ihr Hirn. Alleine wie er ihren Namen sagte. Der Klang hatte sich in ihr Gedächtnis gemeißelt bis in die Ewigkeit, dessen war sich sicher.
Lily.
Genau wie seine Augen.
Lily.
Sein Mund.
"Lily!"
Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken und sie bemerkte, dass er neben ihr im Regen stand. Die Wolken ließen nun ihrer Kraft freien lauf und es prasselte hinab.
"Komm wieder hinein."
Er deutet hinter sich in die Hütte, als wäre es seine. Als würde er irgendeinen Anspruch drauf haben. Als wäre er nicht nur ein flüchtiger Besucher, der sie vermutlich das letzte Mal betreten hatte.
"Nein."
Ihre Stimme war fest und sie wusste genau, wie dickköpfig sie war. Es regnete, es war kalt und eigentlich wollte sie nichts lieber, als sich in die dicke Decke einzuwickeln und ihre Füße in die Richtung des Ofens zu strecken. Aber sie konnte nicht wieder hinein gehen.
Sie konnte sich nicht seine Ausreden anhören, seine Gründe, sein schlechtes Gewissen.
Sie konnte nicht.
Es brach ihr jedes Mal aufs neue das Herz und Lily war überrascht, wie viel ein einzelnes Herz aushalten konnte.
"Es regnet. Du wirst krank."
"Das ist mir egal."
Sie hörte ein tiefes Seufzen.
"Bitte geh hinein."
"Nein!"
"Lily, geh hinein oder ich trage dich hinein!"
Seine Stimme hatte einen drohenden Unterton der sie nicht im geringsten beeindruckte.
"Hau einfach ab!"
Auf einmal war es still und sie presste die Augen zusammen. Ihr Herz bracht beim Gedanken, dass er tatsächlich weg war.
Plötzlich bemerkte sie, dass der Regen aufgehört hatte.
Noch immer hörte sie das Prasseln und verdutzt öffnete sie die Augen. Über ihr war eine Decke gespannt und Carlisle stand dicht neben ihr.
"Bitte Lily."
"Was willst du Carlisle?"
"Ich will mit dir reden."
"Über was? Über was willst du mir mir reden?"
Sie funkelte ihn wütend an aber er wich nicht zurück. Im Gegenteil. Er starrte sie mit dunklen Augen an als wär sie das faszinierendste was er je gesehen hatte.
"Über uns."
Ihr fiel der Mund auf und sie hob ihre Hände, fast flog sie um aber sie konnte gerade noch die Balance halten.
"Welches uns?"
"Du weißt was ich meine. Ich weiß, dass du es auch fühlst."
Seine Stimme war leise und wurde fast vom prasselnden Regen überdeckt aber sie bohrte sich ohne Probleme in Lilys Bewusstsein. Ihr Herz fing an zu rasen und ihre Atemzüge wurden immer schneller. Sie konnte ihren Atem vor ihr sehen, dichte Wolken die zaghaft aufstiegen. #
Ihre Augen suchten ihre Umgebung ab, suchten nach irgendwas woran sie sich festhalten konnte. Irgendwas was ihr half nicht den Verstand zu verlieren aber um sie herum war nur der Regen und Bäume. Weder das eine noch das andere kümmerte sich um die Szene die sich vor ihnen abspielte.
"Bitte komm hinein Lily. Bitte."
"Warum bist du hier Carlisle."
"Weil ich-"
"Wenn du jetzt sagst, dass du mir etwas erklären willst fange ich an zu schreien."
Er wartete einige Momente bis er erneut sprach. Sie starrte noch immer auf die Bäume, seine Nähe, sein Duft und seine Stimme waren schlimm genug, wenn sie ihn jetzt auch noch ansah, wäre sie verloren.
"Weil ich nicht nicht hier sein kann."
Sie presste ihre Augen zu. Sein Verhalten, seine Worte und sein verdammter Blick implizierte etwas, woran sie nicht einmal zu denken wagte. Dennoch sehnte sich jede Faser ihres Körpers danach. Wie sollte sie es überleben wenn er wieder ging.
"Warum?"
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern und sie spürte, wie er näher kam. Ihr Herz pochte in ihrem Hals und sie schluckte mühselig einen Knoten herunter.
"Weil seit dem ersten Moment als ich dich gesehen habe, ich endlich verstanden habe was das Wort Gefährte wirklich bedeutet."
Lilys Kopf machte sich selbstständig und drehte sich zu der verlockenden Stimme. Sein Gesicht war nah. Zu nah. Sie konnte jeden dunkelgoldenen Ton erkennen, jede Wimper.
Ihr Atem stockte.
Er war.. er war perfekt.
"Gefährte?"
Ihre Stimme war nicht mehr als ein flüstern und als sein Blick auf ihre Lippen fielen, bemerkte sie wie sie diese automatisch leicht öffnete. Ein Gedanke zog durch ihr vernebeltes Hirn und sie fragte sich, ob er genauso gut schmeckte wie er roch und aussah.
"Wie... in Herr der Ringe?"
Seine roten Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln und seine Augen funkelten amüsiert. Lily war sich sicher, dass sie nie etwas schöneres gesehen hatte.
"Nein."
Nun war es ihr Blick der auf seine Lippen fiel. Sie hörte einen scharfen Atemzug und bemerkte, dass es ihr eigener war.
"Aber du gehst trotzdem?"
Er riss seine nun schwarzen Augen von ihren Lippen und erwiderte ihren Blick.
"Ich glaube nicht, dass ich das schaffe."
Lily schluckte.
Es sollte nicht genug sein, es sollte nicht reichen.
Sie sollte umdrehen und verschwinden, so schnell sie konnte aber ihre Beine gehorchten ihr nicht und sie war froh darüber. Denn egal wie sie es drehte und wendete, es reichte ihr.
Seine Worte waren genug.
Und wenn er verschwand, würde sie bis dahin so viel sie konnte von ihm nehmen.
Er war wie ein Magnet und sie hatte der Anziehung nichts entgegen zu setzen. Sie spürte wie sich ihr Körper zu seinem lehnte und sah wie sich seine Augen schlossen.
Seine dichten hellen Wimpern waren wie der Rest von ihm makellos und als sie mit ihren Lippen seine streiften, war es als ob es das leichteste war was sie jemals getan hatte.
Sie fühlte wie sich an seinem Kragen festhielt und ihn näher an sich zog, was angesichts der Tatsache, dass er ihr widerstandslos folgte, fast unnötig war. Ihre Krücke fiel auf den matschigen Waldboden und die letzte Zelle ihres Gehirns die noch rational denken konnte, fragte sich wie sie stehen konnte. Da spürte sie seine Hände, die sie an ihrer Hüfte fixiert hatten. Sein Griff war fest, aber locker genug, dass sie ihn jeder Zeit abschütteln konnte wenn sie es wollte. Als. ob.
Das Gefühl was sie erfasste war, und Lily hasste diese Aussage aber sie traf schrecklicherweise absolut zu, nicht von dieser Welt.
Ihr Körper war kalt und warm zu gleich, verbrannte und erfror und sie bekam nicht genug davon. Seine Lippen waren kalt und hart und doch das schönste was sie je gefühlt hatte. Der Kuss, der wenn sie ehrlich war, nie unschuldig war, vertiefte sich so natürlich und schnell, dass Lily nicht einmal mithalten konnte. Aktion und Reaktion.
Ihre Instinkte nahmen die Überhand und als er sanft an ihrer Unterlippe saugte, hörte sie sich selbst seufzten.
Sie hatte unrecht.
Er schmeckte noch besser als er roch und aussah.
Es war unwiderstehlich.
Er war unwiderstehlich.
Ihre Hand wanderte zu seinem Nacken und fuhr durch die weichen Locken als sie spürte, wie sein Brustkorb vibrierte. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich fest an ihn gepresst hatte. Sie passte zu ihm als wäre sie aus seiner Form gegossen.
Perfekt.
Alles fühlte sich so richtig an. Als wäre der Grund ihrer Existenz dieser Moment. Sein Knurren sollte sie erschrecken, sollte sie verängstigen aber er spornte sie nur noch mehr an.
Ihr Kopf wurde leicht und sie bemerkte, dass sie schon viel zu lange nicht geatmet hatte. Stur wehrte sie sich gegen das Bedürfnis und widmete sich einem anderen.
Ihm.
Offenbar hatte er ihre Not bemerkt und zog seine Lippen leicht zurück, sofort folgte sie ihm, sie war nicht bereit den Kontakt aufzugeben und sie spürte, wie sich seine Lippen zu einem Grinsen verzogen.
Sein Rückzug war nur für einen kurzen Moment denn sofort strich er seine Lippen ihr Kinn entlang und wandere zu ihrem Hals.
Selbst das Wissen, dass er ein Vampir war hielt sie nicht auf ihm ihren Hals willig entgegen zu strecken und er nahm die Einladung sofort an. Er spielte mit der empfindlichen Haut und sie stöhnte laut auf.
Seine Finger bohrten sich in ihre Hüfte und er zog sich zurück. Das Wimmern was aus ihrem Hals kam war erbärmlich aber Lily registrierte es nicht. Noch immer benommen von dem Kuss musste sie sich an seinen Schultern abstützen.
Sie spürte seine Stirn an ihrer und hörte, wie er tief einatmete.
"Also doch nicht wie in Herr der Ringe."
Ihre Stimme klang noch immer atemlos und er lachte laut auf. Es war bezaubernd.
"Nein. Nicht wie in Herr der Ringe."
