Emmett
Emmett würde es niemals zugeben, aber die Szenen die sich vor seinen ungläubigen Augen abspielten, waren das furchteinflößendste was er je erlebt hatte. Und er wurde immerhin einmal von einem Bären zerfetzt.
Nach der Schlacht mit den Neugeborenen fühlte er sich befriedigt und bestätigt. Ein Hochgefühl von dem er nicht erwarten konnte es später mit Rosalie im Schlafzimmer auszunutzen.
Doch die Freude verschwand schlagartig als er das frische Blut roch und ein schmerzerfüllter Schrei die Luft zerfetzte. Erst später registrierte er, dass der Schrei aus Carlisle Kehle kam, welcher den leblosen Körper von dem blutigen Häufchen Elend an sich drückte.
Er brauchte kein Empath zu sein um Carlisle Schmerz nach empfinden zu können. Seine Verzweiflung war spürbar und er fühlte die Verunsicherung, die auf einmal herrschte.
Doch Lilys Herz raste immer noch und er war erstaunt, wie viel ein Mensch aushalten konnte. Zudem war er endlos erleichtert, den rastlosen Klang zu hören. Ihr Blut löste zwar den Durst in ihm aus, und er spürte wie sich das Gift in seinem Mund sammelte, aber zum ersten Mal war Blut das letzte woran er dachte.
Carlisle war nicht mehr ansprechbar und Emmett fühlte sich zum ersten Mal in seinem zweiten Leben verunsichert.
Sie alle bauten auf Carlisle, er war der Anführer, der Vater, die Vernunft und die Seele ihrer Familie. Ihn so zu sehen war etwas, mit dem sie alle nicht gerechnet hatten und es war merkbar, wie sehr es sie alle schwächte.
Er drückte Lilys Körper wimmernd an sich und als Esme, das Herz und die Wärme in Person, ihn vorsichtig die Hand auf seine Schulter legen wollte, versteifte sich sein ganzer Körper und er knurrte seine Schwester grollend an.
Seine Augen waren schwarz und in seinem Gesicht war eine Wut, wie sie Emmett noch nie gesehen hatte. Sofort ging er dazwischen, Carlisle wusste nicht was er tat und er konnte nicht zulassen, dass er jemanden verletzte. Vor allem würde es sich Carlisle niemals verzeihen, sollte er unbeabsichtigt seiner Familie Leid zu fügen. Es fiel ihm dennoch schwer und Emmett war sich nicht sicher, ob er gegen Carlisle wirklich kämpfen konnte. Der Respekt und die Anerkennung waren zu groß, als dass er ihn angreifen konnte.
Jasper starrte ihn mit starrer Miene an und Emmett fragte sich für einen Moment, ob das Blut, Lilys Schmerz oder Carlisle Verzweiflung wohl schlimmer für ihn war.
Schließlich konnten sie ihn dazu bewegen ins Haus zurück zu kehren. Sie Wölfe flankierten sie, doch Carlisle machte sehr deutlich, wie nah sie ihr kommen durften. Eine Unruhe brach aus, die Carlisle nicht einmal bemerkte.
Emmett hielt den grauen Wolf gerade noch davon ab ihn erbost anzugreifen und er rangelte mit ihm, bis der mächtige schwarze Wolf ein Machtwort bellte.
Im Haus angekommen rannte Esme um Tücher und eine Schale Wasser zu holen, Rosalie wich Carlisle nicht von der Seite und so war Emmett ebenfalls dort, jederzeit bereit sie zu verteidigen.
Seine Muskeln waren gespannt und er ließ Carlisle keine Sekunde aus den Augen. Er wollte keine Fehleinschätzung begehen, die vielleicht etwas schreckliches auslösen konnte.
Es sollte nur wenige Stunden dauern, bis er mit Schrecken realisieren sollte, dass nicht Carlisle die Gefahr darstellte.
Es fing damit an, dass eine seltsame Spannung in der Luft hing.
Eine Spannung die immer unangenehmer wurde, doch konnte er sie nicht benennen. Die Gesichter seiner Familienmitglieder waren starr und als sich am ersten Fenster unter lautem Krachen ein Sprung bildete, bemerkte er wie Jasper Alice aus dem Haus scheuchte.
Sein erster Gedanke war, dass der Schmerz von Lily und die Verzweiflung von Carlisle zu viel für den Empathen waren, aber als immer mehr Fensterscheiben dem Druck nachgaben und sich auch im Beton allmählich Rissen bildeten, erkannte er, dass Jasper Alice in Sicherheit bringen wollte.
Sein erster Impuls war, dasselbe mit Rosalie zu tun, doch er kannte sie zu gut um zu wissen, dass sie unter keinen Umständen Carlisle und Lilys Seite verlassen würde. Außerdem konnte er Carlisle und Esme nicht alleine lassen. Nicht wenn so ein Chaos herrschte. Also verharrte er und starrte entsetzt auf den immer größer werdenden Riss in der Wand.
Rosalies Augen waren auf Lily fixiert, doch auch sie zuckte immer wieder leicht zusammen, als das nächste ohrenbetäubende Knacken zu hören war. Edward war immer noch bei Bella und er verfluchte für eine Sekunde seinen Bruder und seine Abwesenheit. Er brauchte ihn jetzt, Carlisle brauchte ihn jetzt, mehr denn je.
Die Schreie durchbohrten sein Herz und seine Hände ballten sich zu steinharten Fäusten. Er spürte seine Haut nachgeben, aber er rührte sich nicht. Immer noch war er angespannt, immer noch versuchte er verzweifelt die Gefahr zu lokalisieren.
Er spürte die Unruhe in sich aufsteigen.
Edward war immer noch nicht hier.
Die Situation machte kaum Sinn für ihn und er war zu überfordert als er sich daraus einen Reim machen konnte.
Schließlich konnte er den Duft von Edward riechen und seine Anspannung löste sich ein wenig.
Erst als er Edwards bellenden Schrei hörte, der Carlisle fast anflehte Lily zu beruhigen, wurde ihm schlagartig klar, dass es von ihr aus ging.
Sie erzeugte die Energie, sie warf die Möbel um, erschuf die Risse in der Wand und ließ die Fenster springen.
Es war Lily.
In der Sekunde als Carlisles Hand sich auf Lilys Stirn drückte war es auf einmal gespenstisch still.
Erst jetzt bemerkte er, wie laut es vorher gewesen war.
Aber wie machte sie es?
Es war zu unkontrolliert für Telekinese, die Gegenstände trugen keine Gemeinsamkeit mit sich, sie teilten nicht wirklich ein Element und wenn er die Spannung ebenfalls gespürt hatte, so war seine Unversehrtheit nur auf seine unzerstörbare Beschaffenheit zurück zu führen. Doch wie lange hätte er noch stand gehalten, wie lange hätten ihre Körper noch ausgehalten bis sie schließlich genauso zersprungen wären wie die Scheiben oder die Betonwand.
Reflexartig stellte er sich vor Rosalie und Esme.
Er war der Beschützer der Familie, es war seine Aufgabe sie zu verteidigen.
Doch die Erkenntnis, dass in Anbetracht dieser Macht seine Stärke nutzlos war, ließ ihn hilflos zurück.
Die Spannung verschwand beinahe und war nur noch leicht zu spüren, ab und an ächzte das Haus unter dem Druck, aber zumindest hielten die Mauern weiterhin stand.
Rosalie lehnte sich an ihn und er gab ihr nur zu gerne die Bestätigung und den Schutz, den er selbst so verzweifelt suchte. Wer hätte gedacht, dass nur kurze Zeit nachdem er eine Horde Neugeborene vernichtet hatte, er nun von einer 55 kg schweren jungen Frau in seine Schranken verwiesen wurde.
Immerhin wurde es besser nachdem Carlisle mit säuselnden Worten verzweifelt versuchte Lily immer wieder zu beruhigen. Doch der Schock saß tief. Nicht nur bei ihm.
Edward und Esme hatten ihre Gesichter zu tief besorgten Mienen verzogen und er wusste, dass sie alle dasselbe dachten.
Dasselbe wie er und Jasper.
Lily war eine Gefahr.
Eine Gefahr für sich selbst, für die Familie und für die anderen.
Ihre Kraft war nicht einschätzbar und er wusste, sie war gerade erst dabei sich zu entwickeln.
Was sollte sie aufhalten, sollte sie die Forkser Highschool in einem schwachen Moment ausrotten wollen.
Wer sollte sie aufhalten? Sein Blick flackerte zu Edward, Emmett wusste er hatte seine Gedanken gehört. Edwards Miene erhärtete sich und Emmett sah sofort, dass er genau den selben Gedanken hatte. Die selbe Furcht.
Was die Sache noch verschlimmerte war Carlisle Rolle dabei.
Jeder wusste, dass er Lily niemals verlassen würde.
Er würde ihr alles verzeihen, alles vergeben, egal wie schmerzhaft es für ihn war.
Er würde niemals zu lassen, dass ihr jemand Schaden zu fügen würde.
Außerdem durfte er Rosalie ebenfalls nicht außen vorlassen.
Egal wie sie sich bemüht hatte, Emmett wusste sofort, dass sie Lily mochte. Mehr als das.
Er wusste nicht genau was sie ihn dem Menschen sah, aber es war etwas, was er nicht unterschätzen durfte. Auch wenn Rosalies Weste weiß war, abgesehen von den Kreaturen an denen sie sich gerächt hatte, würde sie Lily ebenfalls verteidigen und sei es nur darum, um Edward eins rein zu würgen.
Somit blieb für Emmett keine Wahl.
Er würde sich nicht gegen seine Gefährtin oder gegen das Oberhaupt der Familie stellen.
Er musste Lily akzeptieren und konnte nur hoffen, dass sie mehr Selbstkontrolle als er besitzen würde. Denn seine Weste war bei Gott nicht weiß und sollte sie nur halb so viele Fehltritte wie er haben, so waren sie mit Sicherheit wesentlich zerstörerischer als seine.
