Carlisle

"Und? Was denkst du?"

Carlisle wendete seine goldenen Augen von dem Fachmagazin vor sich und sah auf Lily. Sein Atem blieb in seiner Kehle stecken und er spürte wie sich sein Mund öffnete.

Seine Gefährtin sah im schwachen Licht des Sonnenuntergangs jung und lebendig aus. Dunkelblonde Wellen arbeiteten sich ihre Schultern hinab, wie flüssiges Gold, ihre Schultern waren stolz und gerade, die Haut glänzte und Carlisle fühlte seine Finger zucken. Ihre Haut sah so weich und einladend aus, dass es ihn schon einiges kostete um nicht die Entfernung zwischen ihnen zu brechen um sie zu berühren.

Dabei hatte er das Kleid noch gar nicht gesehen.

Alice hielt es nicht aus und flehte schlussendlich Lily an die Kleidung zu tragen, die sie ihr gekauft hatte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten willigte Lily schließlich ein, wobei Carlisle so das Gefühl hatte, dass sie einfach nicht mehr darüber diskutieren wollte.

Lily konnte einen Kartoffelsack tragen und sie wäre noch immer das Schönste was Carlisle je gesehen hatte, aber er musste zugeben, dass ihr das Kleid wirklich verboten gut stand.

Schließlich fand er seine Stimme und war kein bisschen überrascht, wie rau sie klang.

"Ich denke.."

Carlisle machte eine schwere Pause und ließ seinen Blick genüsslich über ihre perfekte Form wandern.

"Ich denke, dass ich es gar nicht so schlecht finde, dass dieser umwerfende Anblick nur mir vorbehalten ist."

Mit einer grazilen Bewegung schwang sie sich auf seinen Schoß und lachte. Carlisle spürte wie sich sein Mund zu einem breiten Lächeln verzog, eine Geste die mittlerweile fast gar nicht mehr bemerkte, so oft kam sie vor.

"Ja? Und ich dachte du willst mich allen vorstellen und mit mir angeben?"

Seine Nase fuhr ihrem Hals entlang und sofort verfestigte sich ihr Griff und ihr Atem stockte wie seiner zuvor. Es war reine Magie, dass die Reaktion die sie für einander hatten niemals abnahm.

"Noch genieße ich es dich für mich alleine zu haben."

Er murmelte in ihren Hals und ließ seine Lippen über die empfindliche Haut gleiten. Ein Knurren war in ihrem Brustkorb spürbar und er mahnte sich sofort zur Vorsicht.

Auch wenn Lily sich erstaunlicher Weis gut hielt und offenbar unter Kontrolle hatte, sie war immer noch Neu in diesem Leben und ihre Kraft, körperlich wie .. die andere, war immer noch etwas unberechenbar.

Er atmete ihren Duft tief ein, er hatte sich zwar verändert aber nichts von seiner Anziehung auf ihn verloren. Es war seltsam, so hatte er gedacht, dass ihm der Herzschlag, die Hitze, die Menschlichkeit fehlen würde aber er fand so viel Freude in ihrem neuen Dasein, dass er gar nicht dazu kam den Menschen zu vermissen.

Carlisle drückte sie an sich und er spürte wie sie ihm widerstandslos folgte. Er wusste, dass ihr Fokus nun ganz auf ihm lag, eine Fähigkeit die Jasper und Edward jedes Mal aufs neue überraschte. Carlisle musste zugeben, dass er es liebte. Er liebte die Vorstellung, dass sein Gefährte sich von ihm vereinnahmen ließ. Dass er sie ablenken konnte, selbst in Situationen, in denen er es nicht erwartet hätte. In denen es keiner erwartet hätte.

"Trotzdem hätte ich die Party gerne gesehen."

Ihre Stimme klang hell und melodisch, dennoch konnte er die Traurigkeit daraus hören und er fühlte sich schlagartig schuldig.

Es war unfair, sie aus so einem Erlebnis auszuschließen aber sie waren sich alle, Lily eingeschlossen, einig, dass es für niemanden gut war, wenn sie so früh schon mit so einer Menge Menschen konfrontiert war.

"Ich weiß."

Carlisle war dankbar, dass Edward und Jasper nicht ihre andere Sorge ausgesprochen haben.

Er wusste um die Gedanken seiner Familie, er wusste, wie sie Lily immer mit ein wenig Vorsicht bedachten und sie genauer beobachteten, als sie es mit Emmett getan hatten. Es war ihre Kraft, die sie verunsicherten. Carlisle konnte es ihnen nicht vorwerfen, ihn selbst machte ihre Kraft stutzig. Vor allem da sie sie noch nicht unter Kontrolle hatte.

Zunächst bestand er darauf mit ihr weg zu gehen, vielleicht Alaska oder Kanada, um den Trubel zu entfliehen aber Lily bestand darauf, dass er als Vater der Familie bei diesem Meilenstein anwesend sein musste. Zudem war er der Trauzeuge.

Er spürte wie sie ihre Nase in seine Haare vergrub und tief einatmete, eine Handlung die er nur zu gut von ihr kannte. Er wusste, dass sie sich gerade wieder beruhigte und er drückte sie noch fester an sich. Er war ihr Valium und zugleich ihr Heroin- wie sie oft sagte.

Ihre Verwandlung war das auf jeden Fall unter den Top drei schmerzhaftesten Momenten seiner Existenz. Die Reihenfolge variierte aber daneben war seiner eigene Verwandlung, nur der Gedanke daran reichte um die Bisswunde an seiner Hand und seinem Bizeps zu spüren, und sein Entschluss sie zu verlassen- welcher nicht lange gehalten hatte.

Nie hätte er gedacht, dass aus so viel Schmerz so etwas Gute entstehen könnte.

"Es wäre zudem unfair gegenüber den anderen."

Er murmelte in ihre Halsbeuge und sie lehnte sich zurück, um ihn fragend anzusehen. Sofort wanderte sein Körper mit und sie grinste ihn glücklich an.

"Du würdest allen die Show stehlen und ich müsste Eifersüchtig auf jeden sein, der es wagt dich anzuschauen."

Er zuckte mit den Schultern und grinste als sie laut auflachte.

"Dann müsstest du aber auch der Feier fernbleiben."

Schüchtern wandte er seinen Blick ab.

Er war es zwar gewohnt von Menschen als schön bezeichnet zu werden, aber es war für ihn immer noch wie ein Wunder, dass Lily ihn auch jetzt noch so empfand.

Sie presste ihre Stirn auf seine und er genoss das Gefühl ihrer gleichen Körpertemperatur. Seine Augen schlossen sich und für einen Moment fühlte er nur sie. Ihren Duft, ihren Atem, ihren Körper.

Schließlich lehnte sie sich erneut zurück und fuhr durch seine Haare.

Unzufrieden zog sie leicht an seinen Strähnen und versuchte die blonden Locken zu zähmen. Carlisle Augen waren immer noch geschlossen. Es war eine seltsame Regel, ein nicht ausgesprochenes Geheimnis, dass Männer es immens genossen, wenn ihre Frauen ihren Kopf kraulten. Sein wissenschaftlicher Geist fragte sich, ob es noch ein lang vergessenes Erbe der Primaten war, das gegenseitige Lausen und zerzausen. Eigentlich war es auch egal was es war, es war herrlich.

"Sie fallen immer irgendwie, es steht einfach nicht!"

Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht auf und er öffnete seine Augen um ihr einen verspielten Blick zuzuwerfen.

"Tatsächlich?"

Er bewegte sich nur soweit, dass sie spürte, dass sehr wohl etwas stand.

Die Reaktion war akut.

Ihre leuchtend roten Augen verdunkelten sich schlagartig und gierig presste sie ihre Lippen auf seine. Wie sollte er ihr widersehen? Hungrig verschlang er sie mit seinen Lippen, Augen und seinen Händen.

Die Haut unter seinen Fingern war weich und glatt, doch egal wie oft seine Hände an ihrem Oberschenkel streiften, es war nie genug.

Sein Rücken wurde in den Sessel gedrückt und er konnte ihren verzweifelten Versuch spüren, sich zu zügeln. Er wünschte sie müsste es nicht tun, er wünschte, sie konnte es ausleben, es auskosten und keine Rücksicht auf ihn nehmen müssen. Aber nach dem vorherigen Mal war er dennoch froh, dass sie es tat. Seine Schulter schmerzte immer noch von ihrem lusterfüllten Griff und die Traurigkeit die aus ihren Augen funkelte, als er sie bat zu stoppen, zerriss ihm das Herz.

Die Sonne war nun untergegangen und der Himmel war in einem Farbengewirr getaucht, nicht dass er dem Schauspiel viel Beachtung schenkte, er gab lieber seine Aufmerksamkeit dem Wunder auf seinem Schoß.

Ihre Hand wanderte zu ihrer Mitte und er hörte den unmissverständlichen Klang von Kleidung die zerriss. Alice würde nicht begeistert ein, aber wer dachte gerade an Alice.

Seine Hüfte stieß ungeduldig nach oben und Lily stieß einen tiefen Schrei aus. Seine Nervenenden brannten und in seinen Gedanken war nur ein Wort vorhanden. Mehr. Er wollte mehr, mehr von ihr, mehr von dem, mehr von allem.

Zumindest waren sie alleine, wobei Carlisle nicht behaupten konnte, dass es ihn aufgehalten hätte. Vielleicht ein wenig.

Aber vermutlich nicht.

Die ersten Sonnenstrahlen zeigten sich bereits, zaghaft, als ob sie bereits erwarteten, dass sie von einer dunklen Wolkendecke umgeben werden. Doch nicht heute. Heute sollte das Wetter sich von seiner besten Seite zeigen, Alice sorgte dafür. Viel mehr setzte sie den Tag fest und Carlisle dachte, dass sie bestimmt eine Drohung an die Wolkendecke geschickt hatte, sollte sie ihr Versprechen nicht einhalten.

Sein Zimmer war immer mehr dunkel als hell, nicht, dass es für einen der beiden einen Unterschied machen würde.

Seine Finger fanden automatisch den Weg zu ihrer Wange. Er fuhr die delikate Linie nach, die Wangen hatten den rosigen Ton verloren und zeigten sich jetzt in einer noblen Blässe. Es machte sie nicht weniger schön, im Gegenteil, die Blässe stand ihr mehr als gut. Aber es erschwerte Carlisle sie zu lesen. Es war früher einfacher, ihr Herzschlag der raste, ihr Atem der stoßweise kam und ihre Wangen, die rot wurden. Nun musste er das interpretieren was er bekam und das beste hoffen.

Die Fingerspitzen wanderten zu ihren Lippen, noch immer rot und plump. Wie eine Rose vor der Blüte, einladend und verheißungsvoll. Er wusste was diese Lippen konnten und er wusste auch, sollte er zulange darüber nachdenken, würden sie nicht mehr dazu kommen Alice zu helfen das Haus zu schmücken.

Schließlich beschloss er sich auf sichereres Terrain zu begeben, seine Bewegungen wurden von ihren roten Augen verfolgt. Sie waren nicht rein rot. Sie trugen eine ganze Farbpalette mit sich und Carlisle konnte noch immer leichte Spuren von dem tiefen und einzigartigen blaugrün darin erkennen. Vielleicht war es nur Einbildung aber er war sich sicher, dass es da war. Das Rot hatte nichts mit dem grausamen Rot der anderen gemein, es trug nichts animalisches oder mörderisches in sich. Es war edel, es war stark, es war wunderschön. Wie ein Sonnenaufgang der die ersten Wolken in dieser Farbe erstrahlen ließ.

Er hielt ihre Hand in beiden Händen, zum einen um mehr von ihr zu spüren und zum anderen, um sich selbst gar nicht erst die Chance zu geben wieder zu wandern.

Sein Daumen fuhr den Knöcheln entlang, zog die feinen Linien ihrer Handfläche nach und studierte jeden Hügel und jede Kerbe. Niemals in seiner Existenz wollte er jemanden so genau kennenlernen. Er wollte jede Kleinigkeit von ihr aufnehmen, beobachten, sich einprägen, jede Veränderung, jeder Neuerung, jede Gemeinsamkeit mit ihrem menschlichen Dasein. Diese Tatsache verwirrte ihn immer wieder aufs neue. Es war fast absurd wie fasziniert er von ihr damals und immer noch war.

Egal wie sehr er sich dazu zwang, er konnte ihre Verwandlung nicht bereuen. Auch wenn ihn das vermutlich direkt in die Hölle fahren ließ. Er bereute ihren Schmerz, die Unfreiwilligkeit, die Rohheit mit der es geschah. Er bereute es, dass er es nicht gewesen war, vielleicht hätte er ihr zumindest ein wenig der Qualen ersparen können. Allein die Vorstellung war eigentlich absurd. Riley hatte sie in den Hals gebissen, das Gift hatte sich direkt in ihrem Blut verteilt und ging auf direkten Weg in ihr Herz. Es gab kaum eine schnellere Methode. Trotzdem bereute er es.
Aber er bereute es nicht, dass sie so war wie er. Er konnte es nicht. Wie auch?

Es bedeutete, dass, sollte sie es wollen, er die Ewigkeit mit ihr verbringen konnte. Es bedeutete, dass sie sicher war, zumindest zum größten Teil. Zumindest sorgte ihre Kraft dafür oder würde einmal dafür sorgen, wenn sie die Kontrolle darüber erlangte.

Carlisle hatte nichts vergleichbares auf seinen Reisen durch die Weltgeschichte gesehen. Nichts was die selbe zerstörerische Kraft enthielt, nichts was so unkontrollierbar war. Er konnte und wollte es nicht mit Janes Kraft vergleichen. Jane erschuf eine Illusion des Schmerzes, ähnlich wie Jasper Gefühle beeinflussen und erschaffen konnte.

Aber Lily schuf keine Illusion. Sie zerstörte tatsächlich diese Dinge. Er konnte nicht lügen, es war furchteinflößend und er versuchte sich so gut er konnte zusammen zu reißen. Das Letzte was er wollte war, dass sie glaubte er hätte Angst vor ihr. Was nicht stimmte. Er wusste, dass sie ihm nie Schaden zu fügen würde - absichtlich. Aber leider hielt sich ihre Kraft nicht ganz an die Absichtlichkeit.

Immerhin konnte sie keine Gedanken lesen, sie würde vermutlich wegrennen wenn sie hörte, dass seine Gedanken sich fast nur um sie kreisten und des Öfteren, eigentlich die meiste Zeit, nicht Jugendfrei waren.

Nein, er konnte ihre neue Existenz nicht bereuen. Es würde nicht lange dauern und sie war bereit unter Menschen zu leben, ihr Leben anzunehmen. Sie würden umziehen und sie würden sich eine andere Geschichte ausdenken, eine, in der sie seine Frau sein konnte. Die Vorstellung stierte tiefen Gefühle in Carlisle auf. Als gläubiger Christ war zwar nicht mit allen Ansichten der Kirche im Einklang, aber er glaubte an die Ehe und die Vorstellung endlich jemanden gefunden zu haben, der bis zum Schluss an seiner Seite bleiben würde, vor Gott und der Welt, war etwas, was er nie zu hoffen gewagt hatte.