Lily
Die Tage bis zur Hochzeit vergingen so rasend schnell, dass Lily Probleme hatte mitzuhalten.
Da waren Momente wo sie alles mit einer ungewohnten Klarheit sah, Dinge die sie sich nicht erklären konnte. Dinge die jeglicher Logik widersprachen aber so viel Sinn ergaben, dass sie sie nicht eine Sekunde lang anzweifelte. Es war eine Welt der Wunder die sich für sie geöffnet hatte.
Fasziniert starrte sie auf die Wasseroberfläche, das Fett des Badezusatzes schimmerte wie tausend kleine Regenbögen und sie konnte jede Farbnuance mühelos erkennen. Das Wasser taumelte erbost als sie sich in die Wanne herablies um den Dreck der letzten Trainingseinheit mit Jasper abzuwaschen. Das Wasser verlor sofort an Klarheit, wobei sie immer noch ohne Probleme hindurch sehen konnte.
Langsam fuhr sie ihre Arme entlang, ihr Körper war der gleiche und doch so anders. Ihre Haut war zwar weich aber dennoch spürte sie eine Härte die nichts mehr menschliches hatte.
Innerlich seufzend kratzte sie einen besonders hartnäckigen Erdklumpen von ihrer Handfläche.
Sie mochte Jasper und es war überaus praktisch, dass er ihre Gefühle so schnell erfassen und darauf reagieren konnte.
Er war es auch der den Zusammenhang zwischen ihrer Kraft und ihren Emotionen erkannte.
Vor allem Wut.
Doch da war auch der Haken.
Sie genoss nichts mehr als Carlisle Gesellschaft und dennoch war es fast unmöglich ihre Kraft auszuprobieren wenn er in der Nähe war. Jasper meinte mit einem typischen Akzent, dass Carlisle sie beruhigte und das kontraproduktiv war. Also hielt Carlisle Abstand, ein Gefühl was sie so ganz und gar nicht mochte.
Es ließ sie unruhig werden. Und genau da kam ihre Kraft ins Spiel.
Ihre Unzufriedenheit wandelte sich schnell in Frustration und Wut.
So faszinierend ihre Kraft auch für die anderen war, es war das was sie von Carlisle fernhielt und sie mochte es nicht. Sie mochte es kein bisschen.
Das Badewasser roch nach einem künstlichem Rosenduft, es war für Menschen sicherlich dezent aber für sie überdeckte es alles. Fast alles.
Es brauchte nur Sekunden bis sie den erdigen und reichhaltigen Duft erkannte. Mühelos konnte sie ihn zuordnen und spürte, wie sich ihr Mund zu einem Grinsen verzog.
"Starrst du wieder?"
Sie brauchte sich nicht umdrehen um zu wissen, dass er hier war.
Sein Lachen klang so anziehend, dass Lily sofort die Wanne verlassen wollte aber sie war immer noch nicht sauber genug.
"Bin ich so auffällig?"
Sie zuckte mit ihren Schultern und das Wasser bewegte sich erneut unruhig. Es war heiß, nicht unangenehm aber sie spürte trotzdem den starken Kontrast zu ihrem Körper. Es war eine andere Art von Wärme, nicht vergleichbar mit der Hitze die Carlisle in ihr auslöste.
Es dauerte nur wenige Momente bis sie seine Nähe spürte und seine Hände, die andächtig ihre Schultern streichelten.
"Wie war das Training?"
Erneut zuckte sie mit den Schultern und lehnte sich zurück. Sein Griff verfestigte sich und obwohl sie kein Laktat mehr produzierte und somit ihre Muskeln nicht schmerzen konnten, war es trotzdem mehr als angenehm.
"Es war ok."
Er atmete lauf aus und sie fühlte seine Stirn an ihrem Hinterkopf.
Es waren Momente wie diese, in der sie alles vergaß.
Sie vergaß was sie war, was er war. Sie vergaß den Biss, die Angst, den Schmerz. Sie vergaß den Unfall, die Trauer, ihre Verletzung. Nichts von dem spielte in diesem Augenblick eine Rolle.
Er war hier. Das war alles was zählte.
Ein schelmisches Grinsen breitete sich aus und sie packte ihn an seinen Unterarmen.
Mit einem lauten Japsen beförderte sie ihn in die große Wanne und sie war wie immer überrascht wie viel stärker sie war.
Das Wasser spritze und schwabbte über den Rand. Mit lautem Platschen knallte es auf den Fliesenboden und durchnässte das Bad.
Esme wusste warum sie auf Parkett verzichtet hatte.
Carlisle war im Gegensatz zu ihr voll angezogen und sein helles Hemd klebte nun wie eine zweite Haut an ihm.
Ein Anblick der es definitiv wert war.
"Mit was hab ich das verdient?"
Seine Stimme klang erbost, aber seine hellen Augen funkelten amüsiert.
Noch eine Sache an der sie sich nicht satt sehen konnte. Es waren diese Augenblicke indem Carlisle 350 Jahre einfach abwarf und der 23 jährige Mann war. Übermütig und verspielt.
Sie küsste seinen Schmollmund weg und sein Gewand landete mit wenigen Handgriffen auf dem Boden in einer riesigen Pfütze.
Er hielt sie definitiv beschäftigt, so viel war klar. Es schien als hätte sie gar keine Gelegenheit über ihre skurrile Existenz nachzudenken. Als würde sie gar nicht mehr dazu kommen, überwältigt von ihren neuen geschärften Sinnen zu sein. Trotzdem war es eine Umstellung.
Das was sie vermutlich am meisten störte war nicht der Durst, es war das scharlachrote Leuchten ihrer Augen. Sie sah so furchteinflößend und fremd aus, dass sie es nicht aushielt sich lange im Spiegel anzusehen.
"Es wird nicht immer so sein, versprochen."
Carlisle samtige Stimme beruhigte sie sofort aber als seine eigene Reflektion im Spiegel auftauchte, zuckte sie trotzdem zusammen.
Neben seinen gütigen goldenen Augen sah sie aus wie eine Monstrosität.
Seufzend schlangen sich seine Arme um sie. Edward hatte ihm sicher bereits gesagt, um was sich ihre Gedanken kreisten. Aber wie sollten sie auch anders, wenn sie in jeder Spiegelung ein blutrünstiges Monster sah, begleitet von einem Engel.
"Bist du durstig?"
Sie nickte und drehte sich um. Obwohl sie gerade erst mit einem Bedürfnis fertig war, konnte sie es kaum erwarten es noch einmal anzugehen.
Doch der Durst war wichtiger. Lily hatte schnell bemerkt, dass es keine gute Idee war den Durst auszutricksen und mit einem anderen Drang zu stillen. Sie wurde unruhig, grob, unkontrolliert. Also zog sie das lächerlich schöne Kleid an, was Alice für sie herausgelegt hatte. Absolut unpassend um zu Jagen aber ihr entging nicht, wie sich Carlisle Augen auf einmal verdunkelten als er sie sah, also konnte sie gut damit leben.
Der Durst war auch so eine Sache mit der sie nicht wirklich klar kam. Es war nicht nur das brennende Gefühl in ihrer Kehle sondern eher ihr Drang, diesen an einem Menschen zu stillen. Sie spürte den Hunger nach ihnen und es widerte sie fast an. Carlisle hatte wie immer endloses Verständnis. Es war normal, hatte er gesagt, es war immerhin ihre Natur das zu wollen.
Erneut bewunderte sie ihn und seine schier endlose Kontrolle. Es schien so, als ob der Gedanke an menschliches Blut für ihn so absurd war, dass er gar nicht mehr daran dachte.
Sicher war es eine Inspiration aber sie konnte sich nichts vor machen, es war auch schrecklich frustrierend.
Sie hielt seine Hand als sie den Wald durchstreiften. Sie genoss das Gefühl von seiner Haut, doch sobald sie den Duft einer Herde von Rehen wahrnahm, ließ sie automatisch los. Es gab offenbar doch Dinge die Stärker waren als Liebe.
Als sie gesättigt war starrte sie an sich herunter, immerhin sah sie einigermaßen normal aus und hatte nicht so ein Blutbad angerichtet wie das letzte mal. Carlisle starrte sie fasziniert an und sie bildete sich ein wie ihre Wangen rot wurden.
"Wie lange noch?"
Ein verdutzter Gesichtsausdruck tauchte auf den edlen und schönen Zügen auf.
"Wie lange?"
"Wann verschwindet das Rot? Wann sehe ich nicht mehr so... monströs aus?"
Es fielt ihr schwer das Wort auszusprechen, denn wenn sie ihn ansah, war das letzte an das sie dachte das Wort Monster. Es war einfach eine absolut unpassende Bezeichnung für ihn.
Sofort spürte sie wie er näher kam und seine Stirn an ihre presste. Sein Blich schnitt sich ungehindert durch ihre Seele.
"Du bist kein Monster. Weder jetzt noch jemals. Glaub mir, ich kenne Monster. Und du bist keines davon. Nicht einmal annähernd."
Seine Stimme war so ehrlich, dass ihr Herz schmerzte. In seinen Augen lag nur Wahrheit und sie konnte fühlen, wie wichtig es ihm war, dass sie ihm glaubte.
"Außerdem verschwindet das Rot nach und nach. Selbst jetzt sind deine Augen schon etwas heller."
"Wirklich?"
Ihre Stimme klang so hoffnungsvoll, dass er grinste.
"Wirklich. Irgendwann stört dich das Spiegelbild nicht mehr."
"Edward ist eine Petze."
Carlisle Lachen hallte durch den Wald und sie spürte das Vibrieren in seinem Brustkorb.
Es war so einfach mit ihm zusammen zu sein. So einfach wie atmen.
"Ich wollte schon alle Spiegel im Haus entfernen aber Alice und Rosalie waren von der Idee etwas weniger angetan."
Nun war es an ihr zu lachen. Sie konnte sich die Reaktion der zwei Frauen bildlich vorstellen.
Es war ein Moment des Glücks, der Freude. Ein Moment den sie nie vergessen würde, nicht weil sie das gar nicht konnte, sondern weil er ihr so viel bedeutete.
Umso ironischer war es, dass gerade dieser Moment von dem größten Unglück in ihrem zweiten Leben darstellen sollte.
Der Waldboden war zwar noch feucht, dennoch zeigte sich die Sonne zum ersten Mal seit Wochen und ließ die mächtigen Tannen erstrahlen. Tautropfen glitzerten verführerisch und Vögel zwitscherten vergnügt in der Ferne.
Sie bemerkten es gleichzeitig.
Doch während Carlisle Augen sich besorgt auf sie fixiert hatten, wurden ihre rabenschwarz.
Bevor er noch seine Arme um sie schlingen konnte, duckte sie sich und verschwand.
Sie bemerkte zwar, dass Carlisle ihr folgte aber es war ihr egal. Der Duft in ihrer Nase war alles. Alles was sie je wollte, was sie je begehrte.
Sie konnte nicht mehr klar denken, sie konnte sich nicht mehr kontrollieren. Es geschah so schnell, dass sie erst das Desaster bemerkte als es zu spät war.
In ihren Armen lag ein lebloser Körper, bleich, mit weit aufgerissenen Augen. An seinem Hals eine grausame Wunde mit ausgefransten Rändern, als ob sich etwas in ihm verbissen hätte. Es war ein Schock als sie realisierte, dass das Etwas sie war.
"Lily?"
Auf einmal hörte sie seine Stimme und sie erschrak. Sie hatte fast vergessen, dass er hier war. Aber es war auch typisch. Natürlich musste er sie an ihrem Tiefpunkt sehen.
Vorsichtig näherte er sich, als hätte er Angst sie würde ihn angreifen. Eine absurde Angst, doch als sie sah, was sich immer noch in ihren Händen, in ihren Klauen, befand, ergab die Angst durchaus Sinn.
"Es ist in Ordnung, lass ihn los."
Ein Schluchzen durchfuhr sie und sie legte den Körper vorsichtig ab.
Seine Gesichtszüge waren erstarrt und zu einer Fratze verzogen. Es war klar, was seine letzten Emotionen waren. Er hatte Angst um sein Leben und er sollte recht behalten.
"Es... es tut mir leid."
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Stottern und auf einmal witterte sie einen anderen Duft.
"Ich hab es nicht gesehen, es war alles so schnell. Es tut mir so leid."
Alice Stimme überschlug sich und Lily presste ihre Augen zusammen.
Das letzte was sie sein wollte, war eine Last. Und genau zu dem war sie geworden. Alice hatte schon genug mit dem Rest der Familie zu tun, nun musste sie auf sie auch noch aufpassen.
"Ich kümmer mich darum, bring du Lily erst einmal weg."
"...ist es... ist es sicher?"
Carlisle leiste Stimme durchschnitt ihr Herz. Sie wusste was er fragte. Er fragte ob sie noch eine Gefahr darstellte. Was war aus ihr geworden?
Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter und öffnete wieder ihre Augen. Sofort schreckte sie vor dem leblosen Körper zurück, als ob er sie verbrannte.
Carlisle zog sie an sich und sie gab sich dem beruhigenden Gefühl hin, was sein Kontakt auslöste. Es war tröstend aber es war nicht genug.
"Es tut mir leid."
Ihre Stimme brach erneut und er drückte sich noch fester an sich und drängte sie weg von dem Ort, der noch immer den Duft von ihrer Tat trug.
"Es war ein Unfall."
Seine Stimme war fest und auch wenn sie keine Lüge darin hörte, so glaubte sie ihm nicht. Es war ihr Unfall, nicht seiner. Er lebte schon seit fast 400 Jahren ohne einen einzigen Unfall und er war umgeben von Blut und offenen Wunden. Er hatte sogar ihr standgehalten und sie wusste von Edward, welche Kraft das erforderte. Sie hielt nicht einmal ein paar Monate durch. Selbst als sie gesättigt war, stürzte sie sich auf den Wanderer, der das gute Wetter ausnutzen wollte.
"Was.. was passiert mit ihm?"
Carlisle verstummte.
"Alice wird ihn vergraben, dass ihn keiner findet. Er wird dann als vermisst gemeldet."
Die Vorstellung zerbrach ihr Herz. Irgendwo war seine Familie, die nicht wusste, dass er nie wieder nach Hause kam. Die jeden Abend hoffte, er würde wieder auftauchen.
Sie hielt ein, doch Carlisle löste seinen Griff nicht.
"Aber-"
"Das ist das Beste, was wir tun können."
"Sie werden ihn suchen."
"Sie werden ihn nicht finden."
"Aber sie werden warten, sie werden warten bis er wieder kommt."
Sein Blick brach ihr das Herz und sie erkannte, dass er mehr litt als sie.
Schlagartig zog sich ihr Hals zusammen.
Carlisle ehrte das Leben, er respektierte Menschen. Er hatte Mitleid mit ihnen. Natürlich dachte er dasselbe wie sie. Natürlich trauerte er ebenfalls.
Und das alles wegen ihr. Weil sie sich nicht im Griff hatte.
Sie bemerkte erst gar nicht wie sich ihr Körper bewegte und er sie weiter in die Richtung des Hauses drängte. Was würden die anderen von ihr denken?
Als könnte er ihre Gedanken lesen beruhigte er sie sogleich.
"Du bist nicht die erste und vermutlich auch nicht die letzte, der so etwas passiert ist. Sie werden dich nicht verurteilen."
Das Urteil war weniger ihre Sorge, es war eher die Tatsache, dass sie sich bestätigt fühlten.
Sie wusste, dass ihre Gabe nicht bei allen auf Neugier und Faszination stieß. Die Tatsache, dass Jasper mit ihr trainierte war nur deshalb, da er selbst Angst hatte davor. Er wollte, dass sie sie kontrollieren konnte. Und ihr Ausrutscher gab ihnen nun den Beweis, dass sie wirklich gefährlich war.
"Es ist keiner Zuhause."
Die Erleichterung war nur von kurzer Dauer, denn als sie sich in der Glasfront sah, blickte sie in zwei leuchtend rote Augen. Sie strahlten so hell, dass sie sich nicht selbst erkannte.
Er hielt nicht ein sondern zog sie in ihr Zimmer. Es war nicht mehr sein Büro, es war ihr Raum. Ihr Refugium. Sie hatte zwar keine Sachen, aber ihr Duft lag darin und selbst das, gab ihr Sicherheit.
Sie spürte wie er vorsichtig das Kleid löste und sofort entsorgte, aus dem Augenwinkel sah sie rote Farbe darauf. Doch diesmal war es kein Reh, es war ein Mensch. Ein Mensch mit Eltern, Geschwistern, Freunden und vielleicht Kindern.
"Bist du enttäuscht?"
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern und obwohl sie wusste, dass er es niemals zugeben würde, musste sie die Frage stellen. Er seufzte auf und legte die Decke um sie, als ob sie frieren würde. Als ob die das könnte. Als ob in ihrem Herzen nur nur Eis wäre.
"Niemals."
Seine Stimme war noch immer voller Überzeugung sie schüttelte den Kopf.
Was musste noch passieren, bis er erkannte was sie war? Bis er hinter die Illusion blickte? Wie lange würde der Zauber noch auf ihn wirken? Wann würde er sehen, was Riley erschaffen hatte.
