Lily

Es war seltsam wie der Vorfall nichts und doch alles verändert hatte.

Während in ihr ein tosender Sturm tobte, sah sie Carlisle mit den selbem Blick wie am ersten Tag an. Fasziniert, verzaubert, verliebt.
Nie hatte er ihr einen Vorwurf gemacht, im Gegenteil. Er machte sich selbst Vorwürfe. Er entschuldigte sich immer wieder, dass er besser aufpassen hätte müssen. Dass er ihr zu viel zugemutet hatte. Dass es seine Schuld war. Carlisle schlechtes Gewissen war noch schwerer zu ertragen als ihr eigenes und obwohl sie die Ehrlichkeit in seinen Worten hörte, änderte es nichts an der Situation.

Die Familie war mit der Hochzeit voll auf beschäftigt und wie Carlisle gesagt hatte, hörte sie kein Wort des Vorwurfs. Emmett machte wie immer einen unangebrachten Witz und Rosalie schien sich daran zu erfreuen, dass sie neben Carlisle immer noch die einzige mit weißer Weste war. Mal ausgenommen von der Mordserie im Hause Royce.

Carlisle trauerte für den Mann, er bemitleidete ihn und seine Familie. Sie spürte seinen Schmerz und es brach ihr das Herz. Doch ihr Herz brach nicht für den Mann.

Es brach für Carlisle.

Es war eine schreckliche Feststellung die sie machte, eine die sie niemals laut aussprechen konnte. Eine, die ihr Ticket in die Hölle bedeutete, soviel war sicher. Sie bereute zwar ihre Schwäche aber konnte ihre Tat nicht bereuen. Es fühlte sich in dem Moment so natürlich an, so selbstverständlich. Wie konnte sie etwas bereuen, was in ihrer Natur lag?

Der Geschmack war atemberaubend und das Gefühl was sie verspürte war himmlisch. Wenn sie ehrlich war, war der einzige Grund warum sie nicht weiter machte, Carlisle Mitgefühl für Menschen.

Auf einmal kamen ihr ihre roten Augen treffend vor. Es passte zu ihr, es passte zu dem Monster was sie war und was sich Carlisle weigerte zu sehen.

Währenddessen sie dabei zu sah, wie eine Hochzeit geplant wurde an der sie nie teilhaben konnte, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Die Klarheit von ihnen machte es einfach und gleichzeitig gefährlich.

Denn mit jeder Spirale in ihrem Kopf wurde eine Tatsache immer prominenter. Sie drängte sich in den Vordergrund und egal wie oft Lily sie versuchte zu verstecken, sie nagte an ihr.

Ihr einziges Glück war, dass Edward seine ganze Zeit mit Bella verbrachte und naturgemäß diese von ihr fernhielt. Somit waren ihre Zweifel zumindest vorerst sicher.

Alice hatte sich wahrlich selbst übertroffen.

Der Garten war reich geschmückt, Blumen, Farne, Flechten hingen von den Ästen und den Girlanden, es wirkte wie ein Traum.
Doch egal wie schön es war, wie sie die Details genoss, es war nicht ihr Traum.

Ihre Augen folgten der einen Person die sie bei Verstand hielt, mit zufriedenem Gesichtsausdruck ließ er sich geduldig von Alice herumkommandieren, hob dort einen Stamm auf, stellte alles noch einmal um.

Sie konnte sehen, wie sehr er sich freute.

Seine Augen funkelten und immer wenn sie ihre fanden, war sie schockiert über das Leuchten und die Schönheit darin. Gutmütig sah er seine Familie an, lachte über die Wortgefechte zwischen Alice und Rosalie, lauschte stolz den Beschwichtigungsversuchen von Esme und schüttelte den Kopf über Emmett und Jasper, die offenbar alles daran setzten Alice in den Wahnsinn zu treiben.

Vor ihr war eine glückliche Familie, etwas, was sie sich ihr ganzes Leben gewünscht hatte. Doch nun, als das alles zum Greifen nah war, stieg in ihr ein fauler Geschmack auf.

War das wirklich das, was sie wollte?

Sie wollte Carlisle, sie brauchte ihn wie die Luft zu atmen und obwohl er seine Zeit noch immer ihr widmete, würde es nicht lange dauern und er würde ins Krankenhaus zurückkehren. Wie konnte sie es ihm verwehren? Es war das, was ihn ausmachte.

Es erfüllte ihn, gab ihm einen Sinn.

Nie könnte sie ihm das nehmen.

Aber gleichzeitig fragte sie sich, was aus ihr werden sollte?

Sie wusste wie instabil sie ohne ihm war. Jasper hatte es oft genug gesagt und sie konnte die Panik in seiner Stimme hören, wenn er während des Trainings nach Carlisle rief.

Im Endeffekt war sie eine tickende Zeitbombe und Carlisle war der einzige der den Zünder immer wieder hinauszögern konnte. Aber war sie das Wert? Dass er alles aufgab, nur um sicher zu stellen, dass sie niemanden verletzen würde?

Lilys Augen schweiften ab und beobachteten, wie verirrte Sonnenstrahlen den Waldboden aufsuchten. Die Haut ihrer neuen Familie glitzerte auf, so ungewöhnlich der Anblick war, so ungewöhnlicher war die Tatsache, dass sich niemand daran störte.

Carlisle bestand darauf der Hochzeit mit ihr fernzubleiben aber sie hatte sofort abgelehnt. Wie könnte sie ihm das nehmen. Der Moment auf den er seit fast einem Jahrhundert gewartet hatte. Die anderen waren still, keiner wagte es etwas zu sagen aber sie wusste ohnehin was sie dachten.

Keiner außer Emmett traute sich die Aufgabe zu, sie zu kontrollieren. Und Emmett wurde von Rosalie sofort zurückgepfiffen, als er sich eifrig angeboten hatte.

Es überraschte sie nicht, jeder wollte bei der Hochzeit dabei sein und wer hätte schon Lust auf eine Neugeborene mit unkontrollierbaren Fähigkeiten aufzupassen.

Sie schlug die Wölfe vor, doch Carlisle schüttelte sofort den Kopf. Sie wusste, er vertraute ihnen nicht. Zumindest nicht was sie angelangte. Vielleicht war es auch seine Eifersucht die er so gut er konnte versteckte aber im Grunde spielte es auch keine Rolle. Die Hochzeit kam immer näher und sie hatte eindeutig bewiesen, dass sie definitiv noch nicht bereit für eine Horde Menschen war.

Frustration machte sich breit.

Eine Emotion die sie nur zu gut kannte. Sie fühlte sich, sie konnte es kaum beschreiben, sie fühlte sich gefangen.

Als würde jeder immer zu versuchen sie zurückzuhalten, sie zu bändigen, sie zu zähmen.

Als wäre sie ein wildes Tier, eine Abnormalität welche nicht sein sollte.

Dass die anderen so dachten, störte sie nicht wirklich. Sicher hatte sie Freundschaften aufgebaut, sie mochte sie. Aber allein der Gedanke daran, dass Carlisle sie ändern wollte, war schlimmer als sie ertragen konnte.

Immer wieder bedachte er sie mit einem fast mitleidigen Blick. Seine goldenen Augen funkelten und neben seiner Gier nach ihr, welche sie natürlich mehr als genoss, verbarg sich auch eine Traurigkeit die ihr das Herz brach.

Ihre Gedanken wurden je von Rosalie unterbrochen. Wie immer schaffte die blonde Schönheit es, sie zu überraschen.
„Emmett und ich werden ihr Gesellschaft leisten."

Lilys Augen schreckten auf.

„Aber Edwards-"

Rosalie unterbrach sie und verdrehte entnervt die Augen.

„Ich denke nicht, dass ich etwas verpasse."

„Rose, er ist dein Bruder."

Carlisle Stimme war sanft und doch tadelnd.

Sie zog eine delikate Braue hoch und sah ihn herausfordernd an.

„Ich war zu Beginn dagegen, dazwischen und jetzt immer noch. Ich denke nicht, dass ich irgendwem abgehen werde."

Lily wusste, dass sie mit irgendwem Edward und Bella meinte.

Auch wenn Rosalies Antwort herzlos erschien, so wussten alle um die Liebe die sie für ihren Bruder empfand. Aber es wusste auch jeder, dass sie seine vergangenen Entscheidungen nicht gut hieß und Lily konnte gut verstehen, warum sie nicht so tun wollte, als fände das ganze eine gute Idee.

Mit der Lösung schien sich Carlisle zumindest anfreunden zu können und da Lily es absolut ablehnte, dass er diesen wichtigen Tag wegen ihr verpasste, blieb ihm ohnehin keine andere Wahl als zuzustimmen.

„Ich weiß was du denkst."

Rosalies Stimme durchschnitt die klare Nacht und Lily wandte ihren Kopf zu ihr. Aus der Ferne hörten sie Emmett, der einen Grizzly aufgestöbert hatte und sich nun offenbar köstlich amüsierte.

„Tatsächlich?"

Lilys Augen wanderten erneut zu dem scheinbar undurchdringbaren Wald vor sich. Nie im Leben würde sie Rosalie die Genugtuung gönnen und einfach nachgeben. Nach einigen Sekunden ertönte ein entnervte Seufzer hinter ihr und ihr Mund formte sich zu einem Grinsen.
„Ja. Ich weiß wie das ist, wenn Carlisle seine ganze.. Güte auf einen abladet."

Lily zuckte unmerklich zusammen als sie seinen Namen hörte.

Sie vermisste ihn. Sie vermisste seinen Duft, seine Ruhe, seine Nähe.

Es fühlte sich einfach falsch an.

„Aha."

Das Grinsen wurde breiter und Rosalie raunte erneut auf.

„Du bist furchtbar, weißt du das?"

„Jap."

Grinsend sah sie über ihre Schulter und beobachtete triumphierend wie Rosalies goldene Augen wütend funkelten.

„Was ich damit sagen will, auch wenn er oft bevormunden wirkt und mit seinem endlosen Verständnis einen erdrückt, er .. er könnte ohne dich nicht existieren."

Lily fragte sich in dem Moment ob ihre Zweifel so offensichtlich waren. War es so eindeutig, dass sie sich fehl am Platz fühlte? Wussten die anderen es auch?

Wusste es Carlisle?

Als sie nicht antwortete setzte Rosalie weiter fort.

„Als ich damals verwandelt wurde, fand ich mich inmitten von Carlisle, Esme und Edward. Carlisle und Esme erstickten mich in Mitleid und Verständnis und Edward... Edward trieb mich einfach nur in den Wahnsinn."

Lily wusste, dass das nicht stimme. Trotzdem konnte sie sich gut vorstellen, wie sich das angefühlt haben musste. Neu in dieser seltsamen unsterblichen Welt, inmitten dieser Familie in der man von zwei bemuttert wurde und einer die intimsten Gedanken hörte.

„Es brauchte etwas Zeit, aber man gewöhnt sich daran. Man lernt es zu mögen."

Rosalies Stimme war versöhnend, als ob sie vorsichtig einen Vorschlag machte, von dem sie dringend hoffte er würde Anklang bei Lily finden.

„Als ich Royce umbringen wollte, hatte Carlisle wochenlang versucht es mit auszureden. Immer wieder hat er davon angefangen, ich hätte ihn zerreißen können. Aber am Ende hat er es akzeptiert."

„Du meinst, so wie er mich akzeptieren wird?"

Rosalie verdrehte theatralisch die Augen.

„Carlisle akzeptiert dich nicht nur. Er ist.. er braucht dich."

Die goldenen Augen wandten sich von Lilys blutroten ab und wanderten in die Richtung von Emmett. Zweifelsfrei dachte sie an ihn, was er für sie bedeutete. Lily folgte ihrem Blick und fühlte den Neid in sich aufsteigen.

Es schien so einfach, so logisch. Warum fiel ihr dann es so schwer?

Edward und Bella waren auf dem Weg in die Flitterwochen und eine Art Alltag kehrte wieder ein. Es überraschte sie nicht, dass es offenbar keine gute Idee war, die Wölfe auf die Hochzeit eingeladen zu haben. Eigentlich überraschte es sie eher, dass es keinen gröberen Zwischenfall gegeben hatte.

Carlisle klebte an ihr, als würde er spüren wie sie sich entfernte und mit aller Kraft noch näher bei ihr sein wollte. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber eine Sache wurde immer deutlicher.

Carlisle liebte seine Familie, sie machte ihn glücklich. Entweder kam sie damit klar und war ein Teil davon, oder sie wählte einen anderen Weg.

Aber würde sie das können? Der Gedanke weg zu gehen, war selbst in ihrem Kopf unmöglich, auch wenn er verlockend war. Die Verlockung kam eher daher, dass sie ihre Kraft testen wollte. Nicht nur das. Es gab etwas anderes was nach ihr rief. Etwas von dem sie sich wünschte, es nie gekostet zu haben.

Blut.

Menschliches Blut.