Der Süden

Sie wusste von den Armeen im Süden. Wild und unkontrollierbar. Erschaffen nur um Gebietsansprüche durchzusetzen und dann sofort wieder vernichtet. Jasper hatte ihr von seiner Vergangenheit erzählt und obwohl es sie abstoßen sollte, tat es das nicht. Es war Neugierde die sie spürte.

Jasper hatte erzählt, dass ihre Opfer meist gescheiterte Existenzen waren. Einsiedler, Suchtkranke, Touristen. Es fiel nie auf. Immerhin verschwanden an der Grenze zu Mexico immer wieder Menschen. Es war nichts ungewöhnliches. Zudem war der Süden derart berüchtigt, dass nicht einmal die Volturi es wagten einzuschreiten. Natürlich, wussten die Anführer sehr genau, auf welchem schmalen Grat sie sich bewegten aber offensichtlich, überschritten sie nie die Grenze.

Es waren hunderte. Ungezügelt stillten sie ihren Durst und fielen über die her, die ihnen am schutzlosesten ausgeliefert waren. Ganze Züge von Menschen, die ihr Glück in den vereinigten Staaten probieren wollten. Sie zogen los, ließen alles hinter sich, nichts ahnend, dass sie kaum zwei Schritte auf amerikanischen Boden machen würden. Ein grauenvolles Ende des American Dreams.

Lily hatte natürlich Mitleid. Wie könnte sie auch nicht. Aber dennoch war etwas faszinierendes an dieser Geschichte.

Sie wusste um ihre Gabe, sie wusste um ihre Stärke und sie wusste auch, dass sie hier, im Norden, niemanden finden würde um sich wirklich zu messen.

Die Volturi waren ihr doch eine Nummer zu groß, außerdem blieb die Gefahr bestehen, die Aufmerksamkeit von Aro auf den Clan zu richten. Sie wusste von Carlisles Erzählungen, dass Aro ihn beneidete. Nicht um sein Aussehen oder seine Gabe, sondern um die Talente, die er Aros Meimung nach in seiner Familie besaß. Aro, in seiner Ignoranz gefangen, dachte nicht einmal daran, dass Carlisle Alice und Edward nicht besaß. Wie könnte er auch. Lily wusste genau, dass er nur darauf warten würde, Carlisle herauszufordern, nur um an die zwei zu kommen.

Was würde er dann tun, sollte er wissen was Lily alles konnte. Welche Gefahr sie darstellte.

Es war vielleicht ein großmütiger Gedanke, aber Lily wusste um ihre Einzigartigkeit. Immerhin hatte Carlisle noch nie jemanden getroffen mit einer vergleichbaren Kraft. Und Carlisle kannte wirklich eine Menge Vampire.

Der Süden versprach ihr die Antworten zu geben, die sie suchte. Wie stark war sie? Zu was war sie fähig? Wie sah ein anderes Leben aus, ausser dieses?

Doch der Süden bedeutete auch etwas anderes, etwas was sich glühend in ihr unnachgiebiges Fleisch bohrte. Eine Trennung von Carlisle.

Der schiere Gedanke erschien absurd. Wie könnte sie ohne ihn sein. Aber es ging nicht mit ihm. Nie dürfte er sie so sehen, nie sollte er sehen, zu was sie in der Lage war. Sollte er mit ihr mitkommen, und das würde er, da war sie sich sicher, würde sie sich erst recht zügeln müssen und das ganze wäre umsonst.

Allein beim Gedanken konnte sie sein niedergeschlagenes Gesicht vor sich sehen. Diese traurigen Augen, das schöne starre Gesicht. Es war herzzerreißend. Er würde sie begleiten wollen und ihr auf alles was ihm heilig war schwören, sie nicht zu verurteilen. Das würde er auch nicht, Lily war sich sicher, er würde ihr nie einen Vorwurf machen. Aber sich selbst.

Carlisle würde sich im Selbstzweifel ersticken.

Sollte sie ihn bitten, nicht mit zukommen, wäre das sein Ende. Es wäre sein Untergang.

Er könnte es nicht anders verstehen, selbst wenn er es versuchte. Wie auch, sie würde es ebenso wenig verstehen. Was lächerlich war, der Gedanke, dass sie nicht bis ans Ende ihres Daseins mit ihm zusammen sein würde, war lächerlich. Doch bedeutete das, dass sie nun immer 24 Stunden zusammen bleiben mussten?

Er war ja schließlich auch in der Arbeit. Sicher, das waren nur Tage, und er entschuldigte sich stets dafür aber war sein Drang zu Helfen wirklich so anders wie ihr Drang sich zu messen? Sie wusste, dass sie händeringend ihr Vorhaben rechtfertigen wollte.

Da war es.

Es war ihr Vorhaben.

Der Gedanke wurde zu einem Plan.

Sie musste schnell handeln, mit Sicherheit hatte sie Alice schon gesehen. Sie würde bald mit Jasper von der Jagd zurückkehren.

"Carlisle?"

"Mh?"

Gedankenverloren sah er von seinem Buch auf und Lilys Atem stockte. Nicht, dass sie ihn brauchen würde. Aber das passierte nunmal, wenn ein Gott einen ansah.

"Was ist los?"

Sein Gesicht verdunkelte sich ein wenig. Offenbar war sie nicht so geheimnisvoll wie sie dachte.

"Kann ich etwas vorschlagen, ohne dass du diesen Vorschlag in irgendeiner Weise auf dich beziehst?"

Nun verfiel er.

Offenbar konnte er das nicht.

"Warum? Was ist los?"

Seine Stimme war panisch und Lily seufzte. Sie konnte noch warten. Sie konnte eine Ausrede finden. Aber für was? Der Gedanke würde sie nicht loslassen. Er würde sie verfolgen und es würde nie einen guten Zeitpunkt geben. Nie.

"Ich habe überlegt, eine Reise zu machen."

Sein Gesicht erhellte sich schlagartig und er klappte das Buch zusammen.

"Natürlich! Es ist vielleicht etwas früh, aber ich denke wenn wir Städte und Dörfer meiden, könnte es funktionieren!"

Sein Eifer brach ihr das Herz. Wie ihre nächsten Worte seines brechen würden.

"Ich meinte, dass ich alleine eine Reise mache."

Carlisle Blick erstarrte. Sein Gesicht zeigte keine Regung und Lily hielt die Luft an. Die Stille die sie umgab war ohrenbetäubend.

"Alleine."

Seine Stimme war tonlos.

"Nur für eine kurze Zeit. Einfach um mich selbst zu finden, mich besser kennen zu lernen."

Sie griff sofort nach seiner Hand und hoffte, dass die Berührung irgendetwas gut machen würde. Carlisle Augen wanderten von ihrem Gesicht auf ihre Hände. Seine Hand war größer als ihre, und obwohl es nicht stimmte, fand sie, dass sie auch schöner war. Seine Finger waren lang und elegant, seine Nägel perfekt, seine Haut fast makellos. Carlisle schluckte und sie wusste, dass er seine Worte sehr genau abwägte. Sie hasste sich dafür, dass er offenbar dachte es wäre notwendig.

"Ich weiß, dass unser Lebensstil nicht unbedingt das ist, was du dir vorgestellt hast und ich mache dir keinen Vorwurf. Ich verstehe dich und akzeptiere dich, egal für was du dich entscheidest. Aber du musst keine Reise dazu machen, wir können umziehen oder du... jagst außerhalb."

Die Worte kosteten ihn viel Kraft, Lily konnte es sehen und es berührte ihr Herz, dass er so offen war. Sie glaubte ihm, sie glaubte ihm, dass er ihr keinen Vorwurf machte aber gleichzeitig wusste sie, dass es keine Lösung war. Sie konnte nicht auf Jagd gehen und Abends sich zu ihm legen, nachdem er 12 Stunden versucht hatte, Menschen zu helfen. Das konnte nicht funktionieren und es war auch nicht das, was sie wollte.

"Nein das meinte ich nicht, zumindest ... nicht nur."

"Was ist es dann? Möchtest du andere-"

"Nein!"

Sie wusste auf was er hinauswollte und es war so absurd, dass sie ihn es nicht einmal aussprechen lassen konnte. Wie könnte sie? Und wen? Wer könnte ihm das Wasser reichen?

"Nein, das hat absolut nichts damit zu tun, nicht mal im Geringsten."

Er wirkte erleichtert, aber die Sorge stand ihm immer noch ins Gesicht geschrieben. Erneut raufte er mit seiner freien Hand seine Haare. Seine blonden Locken wirkten zerzaust und Lily wusste, dass sie noch weicher waren als sie aussahen. Aber darum ging es jetzt nicht. Vielleicht später

"Was ist es dann?"

"Es klingt lächerlich aber ich möchte wissen... wie stark ich bin."

Carlisle nickte und sah sie offen an. Seine braunen Augen blitzten vor Verständnis. Typisch Carlisle.

"Das klingt nicht lächerlich."

Sie wusste er würde sie verstehen, auf eine gewisse Art und Weise. Zumindest würde er es versuchen.

"Aber?"

Er seufzte und wandte seinen Blick ab.

"Aber warum musst zu dazu eine Reise machen? Alleine?"

Lily wusste, er würde ihre Neugier verstehen, nicht aber, dass sie hier und mit ihm diese nicht befriedigen konnte. Aber wie sollte sie ihm sagen, dass sie ihm nicht diese Seite an sich zeigen wollte? Dass er sie immer dazu bringen würde, sich selbst zu zügeln, zurückzuhalten. Seine Anwesenheit alleine reichte schon aus.

Sie wusste keine Antwort darauf, zumindest keine Antwort die ihn nicht verletzen würde oder gegen die er nicht ankämpfen würde.

"Ich bin zwar nicht einverstanden damit, aber ich akzeptiere es."

Überrascht sah sie auf, offensichtlich hat ihr Schweigen das Antworten übernommen. Alice musste ihm etwas gesagt haben, denn er wirkte gefasster als sie erwartet hatte. Carlisle vertraute Alice, wenn sie der Meinung war, dass Lily wieder unbeschadet zu ihm zurückkehren würde, würde er ohne weiteres glauben. Anders konnte sich Lily seine Reaktion nicht erklären. Noch so eine Sache.

Lily vertraute ihrer neuen Familie, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Aber Alice Versionen änderten sich ständig, jede neue Entscheidung, jeder Gedanke, konnte alles verändern. Wie konnte man sich darauf verlassen? Aber sie würde mit Sicherheit nicht gerade jetzt ihren Zweifel äußern.

Carlisle lehnte sich zu ihr und sie spürte die Anziehung die sie zu ihm zog. Auf einmal kam es ihr wieder absurd vor, freiwillig von ihm getrennt zu sein. Aber was wären ein paar Wochen, verglichen mit einer Ewigkeit?

Sie ahnte nichts von dem Telefonat, das alles verändern sollte.