Der Süden war... anders.

Es war anders als alles was sie bis jetzt gesehen hatte. Die Wärme und die Sonne machten ihr es unmöglich sich unter Tags wirklich fortzubewegen und so war die Nacht ihre Zeit. Es machte nichts, Lily war so oft alleine gewesen, dass ihr nie langweilig wurde. Sie durchkämmte die Wälder, oder das was davon übrig war. Das Gebiet war dünnbesiedelt und obwohl es nicht die mystischen Wälder, schneebedeckten Berge und schroffen Klippen wie ihre Heimat zu bieten hatte, hatte es einen ganz anderen Charme.

Sie konnte sich gut vorstellen, dass hier, wo es genug Nahrung in den Metropolen gab, viele Zirkeln um die Vorherrschaft kämpften. Sie hatte Jasper danach gefragt, immerhin war er eine der wenige Zeitzeugen des zweiten Krieges, wie er ihn nannte.

Es war absurd, der erste Krieg war um 1820 herum, eine Jahreszahl die für Lily absurd klang. Aber andrerseits war ihr Gefährte fast 400 Jahre alt und hatte somit so ziemlich alles was in den Geschichtsbüchern steht miterlebt. Ein Vampir, den Jasper als absolut wahnsinnig bezeichnete, erkannte, dass Neugeborene in den ersten Monaten stärker waren als andere Vampire und stellte eine Armee auf, um einige kleine Zirkel zu massakrieren. Warum er das tat, konnte Jasper nicht erklären. Es schien, als würde er es aus reinem Vergnügen machen. Lily hatte kurz Angst ihm zu begegnen, aber als Jasper ihre Unruhe spürte, versicherte er ihr, dass sich die Volturi schon diesem Problem angenommen hatten.

Offenbar dürfte der Krieg sehr viel Aufsehen erregt haben, so dass die Volturi einschreiten mussten. Warum sie jedoch die kleineren Zirkel weiter kämpfen ließen, war ihr ein Rätsel. Jasper meinte, dass bei diesen Rekrutierungen ab und zu besondere Talente heraussprangen und somit war es für Aro sein kleiner Aufzuchtskasten, den er ab und zu leer räumte und sich die interessantesten Vampire herauspickte.

Der Frieden währte gerade einmal 20 Jahre. Eine Zeitdauer die für Vampire lächerlich war. Erneut kam es zu Streirigkeiten, die, nachdem sie diese unfassbare Weite des Gebiets gesehen hatte, für Lily absurd waren.

Verschiedene Stämme bekämpften sich wieder, diesmal jedoch vorsichtig. Niemand wollte einen neuerlichen Besuch der Volturi riskieren. Sollte ein Stamm zu Größenwahnsinnig werden, verschwand dieser spurlos und Aro hatte ein oder zwei Wachen mehr.

Daher hatte auch Victoria ihre glorreiche Idee. Sie erstellte eine Armee und versuchte somit die Cullens zu vernichten. Offenbar hatte sie jemanden im Süden getroffen und sich..inspirieren lasssen.

Lily folgte der Spur zweier Hirsche.

Sie war über sich selbst überrascht, aber sie hatte bis jetzt durchgehalten. Carlisle bestand darauf sie zumindest bis Colorado zu begleiten, es war eine lange Diskussion aber dennoch kam Lily nicht um den Fakt umhin, dass sie ebenfalls ihre räumliche Trennung so kurz wie möglich halten wollte.

Nach einem langen Abschied der Lily das Herz brach, war sie nun hier. Östlich von Lubbock war das Gebiet dünn besiedelt, jedoch gab es fast nur Felder. Somit drang sie weiter in den Osten vor, wo es zumindest ein paar Wälder gab.

Sie testete sofort ihre Kraft und riss mehrere Bäume aus. Nachts, hatte sie sich zwei Trucks vorgenommen, es dauerte eine Weile bis sie sie in der Luft stabilisiert hatte und es war anstrengend. Sehr anstrengend. Lily vermisste das Gefühl zu schlafen. Sie vermisste es, sich hinzulegen und auszustrecken. Und noch mehr vermisste sie es, in der Früh aufzuwachen, ausgeruht und munter. Eigentlich vermisste sie es eher, neben Carlisle aufzuwachen. Seine Augen, die jede ihrer Bewegungen fasziniert folgten, seine Brauen, seine weichen blonden Haare, noch immer zerzaust von ihren nächtlichen Aktivitäten.

Sie vermisste ihn.

Es war nicht einmal 2 Tage her und sie vermisste ihn mehr als alles andere auf der Welt.

Sie könnte umkehren, sie könnte ihn anrufen, er würde ihr sofort entgegen kommen. In ein paar Stunden würden sie sich wieder sehen. Lily hatte bereits das Telefon herausgeholt, als ihre Sinne etwas ganz anderes vernahmen. Es war kein Hirsch.

Der Herzschlag hämmerte sich in ihr Hirn und sie schmeckte das Gift, welches sich in ihrem Mund vorfreudig sammelte. Sie spürte die Gier, den Durst und den Instinkt in sich hochsteigen.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden folgte sie der Spur. Sie musste vorsichtig sein, es war ein sonniger Tag. Niemand durfte sie sehen.

Es war dumm, es war leichtsinnig und es war falsch. Sie sah Carlisle enttäuschten Gesichtsausdruck vor ihr aber dennoch konnte sie nicht stehen bleiben.

Sie konnte das Motoröl riechen, offenbar war eine Frau mit ihren Wagen liegen geblieben. Lily versteckte sich in den Baumwipfeln und erpähte sie. Sie war um die 65 Jahre alt und trug ein weites Kleid und einen Hut um sich vor der Hitze zu schützen. Sie fluchte und sah ziellos in den Motorraum. Es war nicht schwer zu erraten, dass sie keine Ahnung hatte.

Lily musste schnell sein. Die Frau würde ihr Handy rausholen und jemanden anrufen. Ihr Verschwinden würde somit sofort bemerkt werden.

Mit einem letzten Blick vergewisserte sie sich, dass auf dem Rücksitz niemand saß und auch kein Kindersitz montiert war. Soviel Anstand hatte sie gerade noch.

Mit einer flüssigen Bewegung stürzte sie sich auf ihr Opfer und versenkte ihre Zähne in den verschwitzten Nacken. Der Schrei der Frau blieb in ihren Hals stecken, Lily war viel zu schnell gewesen um ihrem Opfer eine Reaktion zuzulassen.

Das Blut rauschte in ihren Mund, warm und köstlich. Lily vergaß alles um sich herum. Wie beim ersten mal, war es betäubend. Es war alles was sie sich erträumt hatte und so viel mehr. Gerade als sie dachte, sie könnte nie genug davon bekommen, war es vorbei.

Noch immer vom Rausch benommen, taumelte Lily und legte den schlaffen Körper vorsichtig zu Boden. Die Frau war blass, selbst ihre gebräunte Haut wirkte bleich. Lily sah sich um, noch immer war niemand in der Nähe, somit hatte sie ein wenig Zeit. Sie schob den Wagen mit voller Wucht gegen einen Baum, der daraufhin auf das Dach stürzte. Die Airgabs lösten mit einem lauten Knall aus, und Lily musste schnell sein. Auch wenn niemand in der Nähe war, der Knall war sicher zu hören. Sie schmierte noch etwas Blut auf den Airbag und öffnete die Fahrertür.

Es würde so aussehen, als ob die Frau nach ihrem Unfall in ihrem Schockzustand das Wrack verlassen hatte und unter der sengenden Hitze zusammengebrochen und ihren Verletzungen erlegen war.

Lily war schon fast ein wenig stolz auf ihren Einfallsreichtum, auch wenn die eigentliche Sache mit Sicherheit nichts war, worauf sie stolz sein könnte.

Sie überlegte die Brieftasche anzusehen, den Namen, die Bilder der Familie. Carlisle würde es wollen, er wollte immer, dass man sich mit dem Menschen hinter der Mahlzeit vertraut machte. Er war der Meinung, das Schuldgefühl würde einem helfen, den Durst und die Gier zu zügeln. Doch Lily brachte es nicht übers Herz.

Sie war nicht gekommen um darüber nachzudenken, dass vielleicht nicht weit weg von hier zwei kleine Mädchen auf ihre Oma warteten.

Ohne einen Blick zurück machte sie sich weiter auf den Weg. Noch war sie keinem anderen Vampir begegnet, aber das könnte sich jederzeit ändern. Lily war gespannt, angeblich gab es keine Armeen mehr aber Jasper glaubte das nicht. Jasper war der Meinung, dass die Gier die Nomaden dazu trieb, immer weiter zu kämpfen und man musste auch neidlos anerkennen, dass es ein verdammt einfacher und erfolgreicher Weg war einen Krieg zu gewinnen indem man einfach eine Horde Supersoldaten erschuf, nur um sie danach zu roden.

Der Tag wurde zur Nacht und sie sah in den klaren Himmel.

Erneut dachte sie an Carlisle und wie sehr sie ihn vermisste. Er schrieb ihr oft, jedesmal wenn sie auf das Handy sah, war eine Nachricht von ihm. Mit Sicherheit hatte Alice ihm bereits von ihrer Tat erzählt. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Carlisle würde sie nicht aus den Augen lassen, selbst wenn es nicht seine eigenen waren. Das Gerät leuchtete, vermutlich schrieb er ihr, dass er an sie glaubte und überschüttete sie mit Mitgefühl und Verständnis.

Doch bevor sie auf ihr Handy schauen konnte, vernahm sie einen Duft.

Es war keine Beute.

Es war ein Jäger.

Sofort sah sie sich um, der Geruch war entfernt, näherte sich aber. Jemand würde bald bei ihr sein.

Nervosität durchströmte sie.

War sie stark genug? Konnte sie sich verteidigen? War das alles eine dumme Idee?

Sie überlegte weg zu laufen aber war sie nicht gerade deshalb hier?

Nein. Sie vertraute auf Alice und auf ihre Kraft und blieb stehen. Außerdem war sie praktisch auch eine Neugeborene und somit sollte sie nichts zu befürchten haben. Zudem war es eindeutig nur ein Vampir, keine Horde.

Zweige knacksten und sie hatte das Gefühl, als ob sich jemand ankündigte. Gespannt wandte sie sich um, und erpähte einen Mann der mit einigem Abstand zu stehen kam.

"Hi."

Lily seufzte innerlich. Hi. Was für eine bescheuerte Begrüßung. Nun wusste, er dass sie keine Erfahrung hatte.

Er legte seinen Kopf schief. Er machte einen ungepflegten Eindruck, das Gewand was er trug, war teilweise verrissen und verdreckt. Seine Haare waren schulterlang und zerzaust. Seine Haut leuchtete im Mondlicht und seine Augen waren tiefrot. Lily sollte sich nicht erschrecken, sie machte sicherlich keinen besseren Eindruck.

"Was willst du hier?"

Seine Stimme war tief aber klar, er hätte ein Opernsänger sein können.

Es war eine berechtigte Frage auf die sie keine Antwort hatte. Was wollte sie hier? Sie musste lügen, es war sicher besser, wenn er nicht wusste dass sie allein war.

"Ich besuche einen Freund."

Er musterte sie und Lily fühlte ihren Körper reagieren. Sie spannte sich an. Die Luft knisterte leicht, sie wusste, dass ihre Fähigkeit nur darauf wartete benutzt zu werden.

"Hier gibt es keine Freunde."