Lily

Die Luft war feucht und warm, es war ein normaler Sommer in Forks. Wenig Sonne, viel Regen.

Jugendliche tummelten sich vor dem kleinen Gebäude, Karten konnte man keine kaufen, dazu war das Forkser Kino zu klein. Lily dachte immer, es war das kleinste Kino der Welt. Ein Saal, Filme, die schon ein paar Wochen in allen anderen Kinos liefen, ein Typ von ihrer Schule der den Eintritt kassierte, seine Mutter die das Popcorn machte. Die meisten fuhren nach Port Angeles, sie wollten die große Leinwand, Surround Sound, Nachos und Cola, neue Filme und halb taub das Kino wieder verlassen. Aber Lily bestand darauf, jeden Film in Forks zu sehen. Sehr zum Leidwesen von Alex.

Aber er wollte sie beeindrucken, also machte er mit. Bis zuletzt, kaufte er ihr das selbstgemachte Popcorn und hielt zwei Stunden auf den unbequemen und merkwürdig riechenden Sesseln aus.

Alex musste sie wirklich geliebt haben.

Sie sah sich selbst, auf dieser kleinen Leinwand.

Lily sah, wie sie ihre Arme vor sich ausstreckte und beobachtete den Körper des Vampirs, wie er auf einmal erstarrte. Seine Augen waren weit aufgerissen und sie konnte die Panik darin sehen. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet. Lily war sich sicher, dass ihr Gesichtsausdruck ähnlich war. Sie hatte damit auch nicht gerechnet.

Mit einer einfachen Handbewegung schleuderte sie ihn von sich weg. Er flog durch die Luft und ein dumpfer Knall war zu hören, als sein steinernder Körper auf dem Boden auftraf. Benommen rappelte er sich auf und Lily betete, dass er die Flucht ergreifen würde. Er schien zu überlegen. Erneut startete er los, diesmal setzte er zum Sprung an. Wieder fing ihn Lily instinktiv ab und er flog hart zu Boden.

Immer wieder versuchte er es und Lily kam zu dem Schluss, dass sie nur zwei Möglichkeiten hatte. Entweder sie würde versuchen zu fliehen oder sie tötete ihn. Es war seltsam, bei der Frau hatte sie nicht gezögert, aber es schien fast so, als ob sie nicht zwei Leben an eine Tag nehmen wollte. Wobei es debattierbar war, ob er als Leben wirklich zählte. Vermutlich hatte er wesentlich mehr Leben genommen, als sie.

"Hör auf!"

Lily schrie ihn an, als sie ihn zum sechsten Mal von sich schleuderte.

Der Vampir stapfte auf und ab. Er plante seinen nächsten Angriff, da war sie sicher. Warum er nicht einfach verschwand, war ihr ein Rätsel. Vielleicht war sie in seinem Gebiet? Vielleicht hatte er die Frau gekannt? Nein, das glaubt sie nicht. Das wäre ein zu großer Zufall... auch wenn es wieder einmal typisch gewesen wäre. Das erste mal in ihrem neuen Leben war sie alleine und sie tötete die Freundin eines anderen Vampirs.

Er schien die Beherrschung zu verlieren, seine Augen waren weit aufgerissen und er grollte und knurrte vor Frustration.

Lily selbst, spürte wie sie die Kontrolle langsam verlor. Sie atmete tief sein, sein Duft wirkte nun verstörend, aggressiv. Sie wusste nicht ob es mit seinem Angriff zu tun hatte, oder es möglich war, dass sich der Geruch wirklich änderte.

Vielleicht war das ihr Moment.

Ihre Möglichkeit ihr Können zu testen. Aber es war.. willkürlich. Andrerseits, was hatte sie erwartet? Ein faires Match mit Schiedsrichter und Punkteverteilung?

Trotz Jaspers Geschichten und Carlisles Warnungen, war sie etwas zu naiv auf diese Reise gegangen.

Carlisle.

Die Trennung schmerzte körperlich und seelisch. Für einen Moment fragte sie sich, ob es das Wert war.

Aber nun war nicht der Zeitpunkt um über die Sinnhaftigkeit zu diskutieren.

Lily zwickte die Augen zusammen und war gleichzeitig nervös und aufgeregt. Sie war neugierig was sie konnte und gleichzeitig hatte sie auch Angst davor. Was wenn Alice sie sah? Was wenn sie es Carlisle erzählte und sie entschieden, dass sie zu gefährlich war um weiterhin ein Teil der Familie zu sein? Sie hatte keine Zeit um diesem Gedanken zu folgen, denn der Vampir setzte erneut zum Angriff an.

Alles oder nichts.

Sie fixierte ihn mit ihren Augen und konzentrierte sich auf seinen Kopf und seinen Körper. Sie versuchte es wie mit den Baumstämmen- sie stellte sich die Erde und den Stamm getrennt vor und riss diese auseinander.

Der Vampir rannte auf sie zu und Lily streckte ihre Arme aus.

Sie spürte die Anspannung und die Kraft, die sie durchströmte. Erneut atmete sie tief durch, sie dachte an Jasper und versuchte sich zu beruhigen. Vor ihrem inneren Auge, griff sie nach seinem Körper und mit der anderen Hand nach seinem Kopf. Mit einem schnellen Ruck, zog sie die zwei Teile auseinander.

Ein grauenvolles Knacksen erfüllte die Stille der Nacht. Der leblose Körper des Vampirs fiel zu Boden. Der dumpfe Aufprall gleich neben ihm, war der Kopf.

Sie hatte es geschafft.

Lily war schockiert wie einfach es war.

Natürlich, sie hatte oft genug geübt. Aber dennoch hatte sie gedacht, es wäre schwieriger. Zwar ließ sich der Kopf nicht so einfach trennen, wie ein Baum von der Erde. Aber dennoch, es war einfacher als sie sich vorgestellt hatte.

Schockiert starte sie auf die zwei Teile, die im Mondlicht leuchten.

Ein Gefühl durchströmte sie, welches sie bisher noch nicht kannte. Sie fühlte sich stark. Mächtig. Sie fühlte sich unbesiegbar.

Sie brauchte keine Krücken mehr, einen Aufpasser, keinen Beschützer. Sie konnte auf sich selbst aufpassen. Mehr noch, sie konnte nun andere beschützen. Sie konnte Carlisle beschützen.

Auf einmal hörte sie hinter sich ein Klatschen.

Verwirrt drehte sie sich um, die Arme erneut vor sich ausgestreckt.

War sie in einem Hinterhalt gelangt? War er der Köder gewesen um sie abzulenken?

Der Mann er hinter ihr stand hob sofort die Hände vor seinem Körper in einer beschwichtigenden Geste.

"Halt, halt. Ich hab nicht vor mit dir zu Kämpfen... zumindest nicht mehr."

Er war jünger als der andere, aber nicht weniger heruntergekommen. Sein Gesicht war glatt und seine Haare waren zerzaust. Die Frisur, die sie nur erahnen konnte, wirkte wie aus einem alten Film. Er hatte ebenso blutrote Augen, ein Anblick an den sie sich gewöhnen sollte.

"Du sollst ihn verbrennen, du willst sicher nicht, dass er sich an dir rächt!"

Der Vampir deutete auf den leblosen Körper und dem Ton seiner Stimme nach zu urteilen, wusste er wovon er sprach.

"Hast du Feuer?"

Er sah sie an, als wäre sie wahnsinnig.

"Du hast kein-? Egal. Ja. Moment."

Schnell ging er an ihr in einem großen Bogen vorbei, Lily fiel auf, dass er ihr nicht den Rücken zukehrte.

Das Feuer brachte einen Lichtschein und eine überflüssige Wärme. Nicht nur, dass sie die Kälte nicht mehr störte, nein die Nachtluft war warm.

"Wie heißt du?"

Sie überlegte kurz aber fand keinen Grund zu lügen. Er kannte sie nicht, ihr echter Name würde ihr nicht schaden.

"Lily. Und du?"

"Bill. Oder Billy. Hat dich Crast geschickt?"

"Wer?"

Überrascht riss er die Augen auf.

"Du kennst Crast nicht? Was machst du dann hier?"

Erneut dachte sie daran zu lügen. Aber anders wie bei seinem Vorgänger spürte sie keine Gefahr von ihm ausgehen. Ausserdem hatte er gsehen, zu was sie in der Lage war. Dass er sie jetzt angreifen würde, alleine, war sehr unwahrscheinlich.

"Urlaub."

Er lachte auf. Seine Stimme war heller und freundlicher. Er klang so, als ob er sich permanent über etwas amüsieren würde.

"Gut, dann nicht."

Lily wusste, es wäre vermutlich besser sie würde umkehren. Immerhin hatte sie nun was sie wollte. Sie konnte nun zu Carlisle zurückkehren, mit neuen Fähigkeiten und neuem Selbstvertrauen. Aber etwas ließ sie einhalten.

"Was machst du hier, Billy? Ist das dein Gebiet?"

Er grinste sie an und schüttelte den Kopf.

"Nein. Das hier ist das berühmte No- mans Land. Niemand kommt hier durch. Außer er sucht Ärger."

Tja. Da hatte sie wohl Glück. Es wunderte sie nicht, dass sie unwissentlich mitten in ein Kriegsgebiet gestolpert war.

"Und du suchst Ärger?"

"Den hast du mir gerade erspart. Ich bin auf dem Weg zu Hector."

"Hector?"

Erneut lachte er. Es schien ihn köstlich zu amüsieren, dass sie keine Ahnung hatte.

"Hector. Willst du ihn kennenlernen?"

Hector dürfte ein Anführer eines Zirkels in der Nähe sein. Ihr Zögern blieb nicht unbemerkt.

"Keine Sorge, Hector möchte sicher die Person kennenlernen, die ihm den da vom Hals geschafft hat."

Erneut deutete er auf den Haufen Asche.

Lilys Neugierde gewann abermals und sie nickte.

Immerhin war sie gekommen, um die Armeen zu sehen. Was würde es also schon schaden, wenn sie sich einen Zirkel mal ansah, ein wenig Erfahrung sammelte, bevor sie zu Carlisle zurückkehrte.

Erneut packte sie die Sehnsucht.

Carlisle.

Wie würde er reagieren? Was würde er sagen? Wäre er stolz? Hätte er Angst? Wäre er enttäuscht?

Allein der Gedanke daran, dass sich in seinen honigfarbenen Augen so etwas wie Enttäuschung zeigte, brach ihr das Herz und dennoch wünschte sie sich, dass er hier bei war. Es war schon seltsam, was dieser Bund mit ihr machte. Sie fühlte Dinge, die eigentlich aufgrund ihrer neuen Existenz unmöglich waren. Und obwohl sie so weit von einander getrennt waren, fühlte sie sich immer noch mit ihm verbunden, als wäre er gleich in der nächsten Ortschaft.

Nein, sie würde umkehren. Sie musste ihn sehen, ihn riechen, ihn fühlen. Sie wollte ihm all das erzählen und auf sein Urteil warten. Der Vampir vor ihr schien sie abermals belustigt zu beobachten.

Lily dachte, es wäre keine schlechte Idee nun auf ihr Handy zu sehen, somit wusste er zumindest, dass jemand auf sie wartete.

Gut gemacht. Carlisle.

Stolz und Sehnsucht durchströmten sie.

Alice hatte sie gesehen, natürlich, und hatte es Carlisle erzählt.

Vielleicht sollte sie doch noch ein paar Erfahrungen sammeln, wann hätte sie sonst die Gelegenheit dazu? Lily bezweifelte sich je wieder von Carlisle weg zu bewegen, sollte sie ihn wieder treffen. Sie wusste nun, dass es ein furchtbares Gefühl war und sie es fast nicht aushielt- sie würde es nicht noch einmal tun. Kurz fragte sie sich, was er gefühlt hatte, als er sie damals im Krankenhaus zurückließ.

Schmerz durchzog ihre Brust und sie schob den Gedanken sofort beiseite. Lily wünschte, sie wäre reifer als das, aber auch wenn sie es nie zugeben würde, ihre Reise war nicht nur ihrer Neugier geschuldet.

Ein kleiner, noch immer verletzter und sehr unreifer Teil von ihr, sah es als eine Art Rache an.

Lily wusste, es war lächerlich. Er hatte ihr die Gründe sooft erläutert, dass sie es nicht mehr hören konnte. Ausserdem hatte er es ohnehin nicht einmal 24 Stunden ausgehalten. Es war Irrsinn, dies zu vergleichen. Eines musste sie trotzdem zu geben, ihr Trip fiel ihr deshalb ein wenig leichter.

Außerdem sagte ihr der Name rein gar nichts, Jasper hatte ihr zwar erzählt, wer damals die Kämpfe anführte, aber er erwähnte auch, dass es ihn nicht überraschen würde, sollten sich die Zirkel komplett ausgetauscht haben.

Offenbar kam es vor allem innerhalb eines Zirkels um Machtkämpfe, die meist mit dem Tod endeten. Dieser Fakt alleine sollte sie abstoßen aber der Kampf der stattgefunden hat, hat ihr nicht nur ihre neue Macht gezeigt, sondern auch Selbstvertrauen gegeben.

Sie fühle sich, als würde sie mit allem zurecht kommen, was der Süden noch für sie parat hatte.

"Also?"

Seine Stimme sollte desinteressiert klingen, aber Lily hörte die Neugier dahinter.

Sie spürte sich selbst nicken und war überrascht, wie leicht es ihr fiel.