Carlisle
Einem griechischen Mythos zufolge hatten die Menschen ursprünglich vier Arme, vier Beine und einen Kopf mit zwei Gesichtern.
Zur Strafe für ein Vergehen zerlegte Zeus die Kreaturen in zwei Hälften.
Diese Hälften sind die heutigen Menschen.
Sie leiden unter ihrer Unvollständigkeit; jeder sucht die verlorene andere Hälfte.
Und Carlisle vermisste seine.
Es rankten viele Mythen um Menschen, Liebe und noch mehr um Vampire. Carlisle hatte ganz eigene Theorien, als gottesfürchtiger Mann war er stets der Auffassung gewesen, dass er als Vampir keine Rolle mehr in der Religion spielte- zumindest keine positive. Er war verdammt, verflucht und würde die Verbrechen seiner Sippschaft ewig büßen. So war es bis er Lily traf.
Es war für ihn unverständlich wie eine Kreatur wie er eine war, ein solches Glück verdient hatte. Zunächst dachte er, es war ein Geschenk.
Wie die Hoffnung in Pandoras Box. Nachdem all das Übel auf die Welt hinabgelassen hatte, blieb nur die Hoffnung zurück. Er hatte immer gedacht, dass die Hoffnung die Menschen mit dem Übel versöhnen sollte, doch desto mehr er darüber nachdachte, desto eher kam er zum Schluss, dass die Hoffnung nichts weiter als ein weiteres Übel war. Sie brachte die Menschen dazu, all das Leid einfach zu ertragen in der Hoffnung, dass es besser werden würde.
Kein Glück war schöner als seinen Gefährten zu finden und kein Leid war größer, als diesen zu verlieren. Marcus war das wandelnde Beispiel. Vielleicht war es also kein Geschenk sondern nur eine weitere Bestrafung.
Carlisle schüttelte seinen Kopf und erntete verwunderte Blicke einer Patientin.
Ihre Augen wurden sofort wieder glasig und sie sah ihn mit einem Blick an, den Carlisle nur zu gut kannte. Es war absurd, wie ansprechend sein Äußeres für Menschen war. Natürlich wusste er, dass es eine Falle war.
Noch absurder war es, dass er diese Anziehung gar nicht brauchte da er Vegetarier war. Es wäre für ihn ein leichtes, sich von Menschen zu ernähren. Vermutlich könnte er sich jeden Abend ohne weiteres Aufsehen in jeder beliebigen Bar oder eigentlich an jedem Ort eine Frau aussuchen und mit ihr verschwinden.
Ein unangenehmer Gedanke, selbst ohne Lily war es für ihn immer undenkbar auf so eine Art und Weise Kontakte zu knüpfen.
Er wusste wie melodramatisch er war und er bemühte sich mit aller Kraft, sein Umfeld nicht damit in den Wahnsinn zu treiben. Aber was blieb ihm über, als Alice zu löchern und auf sein Handy zu starren?
Jasper mied ihn so gut es ging und er konnte es ihm nicht verübeln. Es reichte wenn er selbst unter seinen Gefühlen litt, er musste nicht noch jemanden anderen mit reinziehen.
Alice hatte ihm von Lilys Jagd erzählt. Es überraschte ihn weniger als er zugeben wollte. Er wusste was ihr Ausrutscher mit ihr gemacht hatte und es wunderte ihn nicht. Jasper verzichtete seit Jahrzehnten auf menschliches Blut und dennoch litt er unter der Anwesenheit von Menschen. Natürlich brach es ihm das Herz, wie es für alle Menschen die starben brach aber was sollte er tun? Er könnte es ihr nicht vorwerfen, nicht einmal wenn er wollte.
Alice nächste Vision beunruhigte ihn wesentlich mehr.
Es hatte Emmett und Jasper gebraucht um ihn davon abzuhalten nicht sofort zu ihr zu laufen. Es grenzte an ein Wunder, dass er trotz allem in Forks geblieben war.
Carlisle vergönnte ihr ihren Erfolg, wie konnte er auch nicht. Aber er wäre gerne dabei gewesen. Natürlich wusste er auch, dass die Situation dann ganz anders ausgesehen hätte. Er hätte diplomatisch versucht es zu regeln und Lily hätte sich wie immer zurück gehalten.
Ein Gedanke schlich sich an.
Was wenn sie nicht vor hatte zurück zu kehren? Was wenn sie Geschmack an ihrem neuen Leben gefunden hatte, indem für ihn kein Platz mehr war. Er wollte nicht die Ketten sein, die sie einengten. Das war das letzte was er sein wollte.
Er hatte sich so sehr darauf verlassen, dass sie ihn genauso vermissen würde wie er sie vermisste, dass er den furchtbaren Gedanken sofort verdrängt hatte. Er verließ sich auf Alice und ihr Wort.
Wie konnte er auch nicht.
Doch ihre nächste Entscheidung brach sein Herz in tausende kleine Teile.
Zum ersten mal in seiner Existenz fühlte Carlisle einen Schmerz von dem er nicht wusste wie er ihn ertragen sollte. Von der eigenen Gefährtin abgelehnt zu werden, war so selten wie es absurd war. Er hatte noch nie von so einem Fall gehört aber vielleicht auch nur deshalb, weil es die andere Hälfte nicht überlebt hatte.
Er bemerkte selbst wie er sich immer weiter hineinsteigerte und fühlte sich auf einmal im Krankenhaus komplett fehl am Platz. Die Blicke fühlten sich an wie Nadeln auf seiner Haut und mit jeder Sekunde, fühlte er sich immer unwohler.
Er musste hier weg.
Er entschuldigte sich und schob seine abrupte Reaktion auf eine Krankheit, ihm war egal wie seltsam er sich verhielt. Es spielte keine Rolle, früher oder späte würde er das Krankenhaus verlassen und erst wieder kehren, wenn alle die sich an ihn erinnern konnten gestorben waren. Was kümmerte es ihn also, wenn ein paar Krankenpfleger und Ärzte ihn für seltsam hielten.
Carlisle stieg in seine schwarze Limousine und atmete durch. Ihr Duft war schwach, zu lange schon war es her, dass sie das letzte mal in diesem Auto gesessen ist. Erinnerungen durchzuckten ihn mit einer Klarheit, als würden sie gerade erst passieren.
Er erinnerte sich daran, wie er durch den Wald fuhr, gefährlich knapp an der Grenze zum Quileute Revier. Er erinnerte sich daran, wie wenig ihn das kümmerte, wie sehr seine Gedanken um sie kreisten und unbändig seine Sehnsucht war.
Sein Handy vibrierte und Riss ihn aus seinen Gedanken.
Kurz hoffte er, ihren Namen auf den Display zu lesen und nun musste er sich zusammenreißen nicht zu enttäuscht zu klingen als er den Namen seines ersten Sohnes sah.
Das Gespräch war kurz und zum ersten mal seit Lilys Abreise, kreisten seine Gedanken um ein anderes Thema.
Bella war schwanger.
