Lily
Hector war genau das Gegenteil von dem was sich Lily vorgestellt hatte.
Nach Jaspers Erzählungen und ihrer Begegnung mit dem Nomaden und Billy, hatte sie sich einen verrohten, gemeinen, blutrünstigen Mann vorgestellt. Umso überraschter war sie, als sie diesen Jungen vor sich hatte.
Lily schätzte ihn auf 14, vielleicht 15. Sein Gesicht war so jungenhaft, dass es eine gewisse Schönheit mit sich trug. Es erinnerte sie an Edward, zumindest an seine positiven Seiten. Er war etwa gleich groß wie sie und hatte helle Haare. Sie waren nicht so edel blond wie Carlisle aber hell genug um als blond durchzugehen.
Carlisle.
Sofort lag Hectors Blick auf ihr.
Sie wusste noch nicht welche Kraft er hatte, Billy konnte es ihr auch nicht sagen und sie hatte nicht das Gefühl, dass er sie anlog. Zumindest nicht bei dieser Sache.
Aufgrund seiner Reaktion mutmaßte sie, dass er Wünsche erkennen oder deuten konnte. Sein stechend roter Blick lag auf ihr, ehe er sich wieder jemanden anderem widmete. Die roten Augen waren immer noch ungewohnt und obwohl sie nicht anders aussah, sehnte sie sich nach Carlisle honigfarbenen Augen.
Erneut warf ihr Hector einen Blick zu.
Vielleicht war er wie Jasper ein Empath? Aber sie hätte noch nicht bemerkt, dass ihre Gefühle manipuliert wurden und Billy hatte ebenfalls nichts dergleichen erzählt. Man könnte meinen, so ein berühmter Mann, oder besser gesagt Junge, hatte keine Geheimnisse mehr. Aber offenbar hatte er geschafft, seines zu hüten.
Sie nicht.
Billy erzählte bei der ersten Gelegenheit von ihrer Kraft und dem Kampf. Innerlich raunte sie auf.
Sie wusste natürlich, dass er alles tun würde um in der Gunst von Hector zu steigen aber hatte dennoch gehofft, er würde sie außen vor lassen.
Dies brachte eine Welle von ungewollter Aufmerksamkeit von der Lily wusste, wie gefährlich sie werden konnte. Sie wusste von Aro und seiner "Sammelleidenschaft" Hector könnte sie genauso als Trophäe oder Wunderwaffe verwenden wollen. Sie musste vorsichtig sein.
Hector zeigte ihr sein Reich, es war groß aber in dieser kragen Landschaft, bekam etwas sehr schnell eine Weite, egal wie groß es tatsächlich war. Sie sehnte sich nach den feuchten Wäldern aus Forks.
Stolz erzählte er ihr, was er geschaffen hatte und, dass er für Frieden gesorgt hatte.
Kriegstreiber prahlen immer mit Frieden, egal auf welche Art und Weise und für welche Kosten sie diesen hergestellt hatten. Sie glaubte ihm also kein Wort, aber sie war auch nicht gekommen um seinen guten Charakter kennen zu lernen.
Er betonte immer wieder, dass Craster unzivilisiert war, dass er seine Armeen nicht unter Kontrolle hatte, dass er viel zu viel Aufsehen erregen würde und es, wäre nur eine Frage der Zeit, bis die Volturi erneut hier auftauchen würden.
Lily hatte das Gefühl, als würde er alles daran zu setzen, dass sie nicht auf die Idee kam um Craster zu besuchen. Somit fiel Manipulation als Kraft weg, jemand der ihre Gedanken steuern oder beeinflussen konnte, würde sich nicht so ins Zeug legen ihr etwas auszureden.
Was er nicht musste.
Sie hatte genug von Billy gehört um zu wissen, dass sie Craster definitiv nicht kennen lernen musste. Das Schweigen ihres Telefons war Antwort genug. Hätte sie sich entschieden, ihn zu treffen, würde Alice vermutlich Alarm schlagen.
Hector versuchte sie so unauffällig wie möglich auszufragen. Dabei fiel ihr auf, dass er immer wieder versuchte herauszufinden, wie groß ihr Clan war und ob sie einen Gefährten hatte. Sie nahm an, dass ihre Sehnsucht sie bereits verraten hatte denn er ließ bei dem Thema nicht locker, egal wie ausweichend ihre Antworten waren.
Die Cullens durften nicht auf seinem Radar auftreten, so viel war sicher.
Also gestaltete sie ihre Geschichte so uninteressant wie möglich. Als Standort gab sie den Norden an und die Größe der Familie variierte. Sie erzählte nichts von deren Essgewohnheiten, zu groß war die Gefahr, dass er womöglich einen von ihnen kannte. Vegetarier waren nicht häufig bei Vampiren, so viel war sicher und er würde sofort wissen wen sie meinte.
Schließlich ließ er davon ab, sie hatte jedoch ein Gefühl, dass er nur auf einen besseren Zeitpunkt warten würde. Seine Neugier war auf etwas anderes gerichtet worden.
Ihre Kraft.
Lily wusste, sie musste ihm etwas zeigen. Sie konnte ihm nicht alles verwehren, sonst könnte sie Schwierigkeiten bekommen. Hector war vielleicht ein militärisches Genie, jedoch war er jung und hatte das dementsprechende Temperament.
Sie hob Autowracks und Steine, schleuderte sie mit einer Armbewegung mehrere hundert Meter weit.
Hector folgte den Versuchsobjekten gebannt und seine Mundwinkel zuckten nach oben.
Sofort wusste sie, dass sie sich beherrschen musste. Sie durfte ihm nicht alles zeigen, auch wenn Billy alles ausgeplaudert hatte. Wenn sie sich als zu einzigartig präsentierte, konnte es passieren, dass sie länger Gast war als sie wollte.
Auch wenn sie ausschloss, dass sie sie festhalten konnten. Aro wüsste, sollten hier solche Kräfte verborgen sein, denn sie würden sie sofort einsetzen.
Ihr Abenteuer schien ein jähes Ende gefunden zu haben, als ihr Telefon vibrierte. Hectors Augen schossen sofort zu ihrer Hosentasche und seine Brauen schossen nach oben.
"Ein Telefon? Interessant."
Seine Stimme war höher als sie es gewohnt war und rau. Sie war lieblich und sollte offenbar ihr Gegenüber in der Annahme täuschen, dass ihr Besitzer ein unschuldiges Kind war. Doch die Aufmerksamkeit war Lily bereits unheimlich.
Sie wollte hier verschwinden, so schnell sie konnte.
"Einen Moment, bitte."
Hector nickte eifrig und wandte sich ab, doch sein Fokus lag noch immer bei ihr.
Verdutzt starrte sie auf das Display.
Sie war zwar noch jung, vor allem wenn man ihre Zeit als Vampirin betrachtete, aber sie hatte noch nie gehört, dass das möglich war.
Bella war schwanger.
Lily versuchte sich nichts anmerken zu lassen, eine falsche Reaktion konnte ihr Leben schwerer als nötig machen.
"Alles in Ordnung?"
Die liebliche Stimme klang besorgt, als wäre ihm ihr Wohlergehen ein Anliegen. Er musste ihren inneren Tumult gespürt haben, also hatte es keinen Sinn zu lügen.
"Nein, ich fürchte ich muss mein Abenteuer abbrechen."
"Was? Schon?"
Er klang bestürzt. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass sie ehrlich war.
"Ja leider. Ich hätte eine Frage an dich, ich bin offensichtlich zu jung um das zu wissen, da hab ich bei dir sicher mehr Glück."
Sie schmeichelte ihn und sah sogleich, dass es ihm gefiel wenn sie ihn als erfahrener einstufte. Es musste mühsam sein, so jung auszusehen, von jedem dauernd unterschätzt zu werden.
"Ich gebe mein Bestes."
Er wirkte eifrig und Lily war zufrieden, ihre Taktik war voll aufgegangen.
"Hast du schon jemand davon gehört, dass ein Mensch von einem Vampir schwanger wurde?"
Auf einmal verzog sich sein jugendliches Gesicht in sein breites Grinsen und er lachte.
"Schwanger?"
Er schüttelte den Kopf.
"Den Akt selbst, würde ein Mensch nicht überleben. Geschweige denn eine Schwangerschaft."
Lily sah ihn weiterhin an und sein Grinsen verschwand.
"Hast du einen Beweis?"
Da war wieder die Neugierde. Sie musste ihn auf eine falsche Fährte locken.
"Nein, nein. Aber auf meinem Weg hier her, habe ich Geschichten gehört und mich gefragt, ob sie wahr sind."
Er schluckte ihren Köder erneut.
"Man hört so einiges wenn man unterwegs ist, dennoch sollte man nicht jede Schauergeschichte glauben."
Lily nickte und bedankte sich.
Es hatte keinen Sinn hier weiter nach der Antwort zu suchen, für diese Vampire war es schon absurd überhaupt Kontakt mit einem Menschen zu suchen, geschweige denn einen am Leben zu lassen um ihn zu schwängern.
Sie musste wieder zurück, Carlisle brauchte sie und sie konnte nur hoffen, dass sie hier genauso einfach verschwinden konnte, wie sie hergekommen war. Doch ein dunkles Gefühl beschlich sie, dass sie bereits viel zu viel Aufmerksamkeit erregt hatte.
