Kapitel 19
Der Sommer neigte sich dem Ende zu und die Nächte waren merklich kühler geworden. Der Herbst stand vor der Tür und brachte nicht nur Kälte, sondern auch Regen und Wind mit sich. Doch in dieser Nacht war es zwar kalt, aber sternenklar. Ein starker Wind strich über die Landschaft und der volle Mond schien hell und klar. Das Mondlicht reflektierte auf silbergrauem, langem Haar und verlieh Airell Malfoy das Aussehen eines überirdischen, feenhaften Wesens. Obwohl er in seiner Welt als dunkler Zauberer galt, wirkte er in dieser stürmisch-schönen Nacht auf Kheelan Daray eher wie das Gegenteil.
Natürlich war ihm bereits bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, dass Airell ein äußerlich sehr attraktiver Mann war, doch jetzt, in dieser Nacht, kam Kheelan nicht umhin zuzugeben, dass dessen Schönheit ihm buchstäblich den Atem raubte. Der schlanke, aber dennoch starke Körper, die fein geschnittenen Gesichtszüge, das lange, helle Haar…
Der dunkelhaarige Mann schluckte schwer und zwang sich dazu, Airell nicht zu lange anzustarren. Seine Gedanken drifteten trotzdem immer wieder ab und es gelang ihm nur schwer, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. In dieser Nacht schienen so viele Möglichkeiten in der Luft zu liegen, so viele Verheißungen, dass Kheelan beinahe schwindelig wurde. Er fühlte sich wie in einem Rausch und wollte immer mehr von diesem Gefühl, das ihm Airell ermöglichte. Fühlte es sich so an, wenn man verhext wurde? Stand er vielleicht unter irgendeinem Bann, von dem er nichts mitbekommen hatte? Kheelan lachte innerlich selbst über diesen absurden Gedanken. Ja, er schien verhext worden zu sein, aber auf eine ganz spezielle Art und Weise und damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet, als er in diese Welt gekommen war.
Die vergangenen Stunden hatten ihm eine Seite von Airell gezeigt, die ihn vollkommen unerwartet getroffen hatte und die ihm sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegzog. Niemals hätte er geahnt, dass der blonde Aristokrat hinter seiner kühlen Fassade so ein temperamentvoller Charakter war. Und außerdem ein so hervorragender Kämpfer. Und das gefiel Kheelan außerordentlich gut. Sie waren durch die Nacht gelaufen und geflogen, hatten Felder und Wälder hinter sich gelassen und waren dem Mond dabei immer näher gekommen. Und einander. Sie hatten die kalte Nachtluft genossen und das Rauschen der Herbstblätter unter ihren Füßen. Ab und zu hatten sich ihre Fingerspitzen berührt und jedes Mal schien ein kleiner, elektrischer Blitz durch Kheelans Körper zu gehen, wenn er die kühle Haut Airells berührt hatte. Aus den zuerst zufälligen Berührungen waren allmählich gewollte Berührungen geworden und ehe sie sich versahen, ergaben die verwirrenden Gedanken und Gefühle der letzten Stunden und Tage immer mehr Sinn. Jedenfalls für Kheelan.
Sie hatte einige Zeit an einem See gesessen, irgendwo in der schottischen Wildnis. Weder er noch Airell hatten genau gewusst wo sie sich befanden, aber das war auch nicht wichtig gewesen. Diese Nacht gehörte ihnen. Und es schien, als hätten sie Beide diese unbändige Freiheit absolut nötig gehabt.
Kheelan hatte Airell von ihrer Welt erzählt, von Christian Keriann und von ihrem Auftrag. Er hatte ihm vom Volk der Schattenkrieger berichtet und von der prophezeiten Ankunft eines neues Königs, auf den sie nun jedoch schon seit Jahrhunderten vergebens warteten. Airell hatte ihm schweigend zugehört, an den richtigen Stellen Fragen gestellt und immer mehr verstanden, warum Kheelan vermutete, dass Severus Snape ihr seit so langer Zeit erwarteter König sein könnte. Natürlich hatte diese Offenbarung den blonden Magier nicht kalt gelassen und ein leichtes Zittern in seiner Stimme hatte von seiner inneren Aufgewühltheit gezeugt, doch Kheelan konnte es ihm nicht verübeln und wünschte sich tatsächlich, es wäre alles anders gelaufen. Oder wenigstens nicht alles auf einmal. Ihm war bewusst, dass Airell gerade viel zu verstehen und zu sortieren hatte, denn auch in dieser Welt war vieles im Wandel und sie befanden sich in schwierigen Zeiten. Airell hatte ihm von Voldemort erzählt, von seinen Anhängern, vom Widerstand, den Professor Dumbledore anführte. Er hatte ihm auch erzählt, wie er und Severus Snape sich kennengelernt hatten und warum er die Vormundschaft des Jungen übernommen hatte.
Kheelan begann zu verstehen in was er hier hineingeraten war und selbst ihm drehte sich irgendwann der Kopf. Sie beschlossen, weitere Details zu einem späteren Zeitpunkt zu besprechen, wenn auch Severus über die widrigen Umstände in Kenntnis gesetzt worden wäre. Für diese Nacht hatten sie genug geredet und nach ihrem Gespräch am See waren sie vollkommen frei und ungebunden weiter durch die sternenklare Nacht gewandert, gelaufen und geflogen.
Kheelan hatte Airell für kurze Zeit alleine gelassen, um sich der Notwendigkeit zu stellen seinem Körper neue Kraft zu schenken. Er war müde und durstig und der süße Früchtetee vermochte nur vorübergehend sein Energielevel aufrecht zu erhalten. Doch Airell hatte seine Abwesenheit akzeptiert und keinerlei Fragen gestellt. Es war ihnen Beiden klar gewesen, was Kheelan tun musste und Airell schien keine Probleme damit zu haben. Jedenfalls nicht mehr.
Das überraschte Kheelan mehr, als er zugeben wollte und zugleich breitete sich ein ungewohntes, warmes Gefühl in ihm aus, da es schien, dass Airell ihn nach ihren anfänglichen Schwierigkeiten als das akzeptieren konnte was er war. Dass Kheelan einem Volk der Nacht angehörte und kein Zauberer war schien für Airell auf einmal absolut in Ordnung zu sein und auch, wenn sich die Schattenkrieger von den gewöhnlichen Vampiren in vielen Dingen unterschieden, so hatten sie doch auch viele Gemeinsamkeiten und eine davon war das Trinken von Blut. Doch auch dazu hatte Airell nicht viel gesagt und lediglich gefragt, wann sie sich wo wiedertreffen würden.
Er war ein erstaunlicher Mann, wie Kheelan immer wieder feststellte und das alleine bewirkte etwas in ihm, was er nicht erwartet hatte. Zwischen ihnen schien in dieser Nacht alles so selbstverständlich zu sein, dass Kheelan sich ernsthaft fragte, ob es vielleicht doch so etwas wie schicksalshafte Begegnungen geben konnte. Denn das er in dieser Welt einen Mann wie Airell traf erschien ihm wie ein Wunder. Und er war nicht bereit, dieses unerwartete Wunder so einfach an sich vorbeiziehen zu lassen. Wenn einem etwas Unglaubliches geschenkt wurde, dann sollte man es festhalten und genau das hatte Kheelan vor. Zur richtigen Zeit.
Er lächelte leicht und blickte hinter sich. Airell stand auf einem kleinen Vorsprung, von dem aus man einen wunderbaren Blick in die Weite hatte. Der klare Nachthimmel glänzte voller Sterne, die Mondsichel sah aus wie gemalt. Eine idyllische Nacht. In der Ferne kündigte sich der Morgen an und es war höchstens noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang. Kheelan schloss die Augen und ließ sich einfach nach hinten fallen. Die Wiese war kühl und nass, doch sein schwerer, schwarzer Umhang hielt die Nässe zuverlässig ab. Der Wind flüsterte leise Versprechen und Kheelan hatte sich seit langer, langer Zeit nicht mehr so wohl gefühlt, so frei. Er roch die schwere Erde unter sich, spürte den nassen Tau auf den Grashalmen, hörte die Tiere im nahen Wald und Dickicht umher wandern. Er fühlte sich frei und zum ersten Mal seit so vielen Jahren ungebunden und vollkommen er selbst. Er musste nicht mehr warten, konnte gehen wohin er wollte und war nicht mehr alleine.
Ein ehrliches, befreites Lachen ertönte durch die Nacht und an seiner Unterlippe spürte Kheelan die Spitzen seiner Eckzähne. Er war frei und genoss jede Sekunde davon. Airell hatte ihn unerklärlicher Weise sofort als das akzeptiert was er war und schien keinerlei Furcht vor ihm zu haben. Im Gegenteil. Wann immer Airell seine dunkelroten Augen oder seine spitzen Zähne sah, funkelten seine sturmgrauen Augen voller Interesse und Neugierde. Und etwas Anderes, was Kheelan zuerst überrascht hatte, dann aber ein warmes Gefühl in seinem Inneren erzeugte. Er wusste nicht, wie es passiert war, doch in dieser Nacht waren er und Airell sich viel näher gekommen, als er es jemals für möglich gehalten hatte. Und Kheelan wollte mehr davon. Er wusste, dass er behutsam vorgehen musste, doch er wollte nehmen was Airell ihm freiwillig gab und sich langsam an den weißblonden Magier heran tasten. Vielleicht bot sich ihnen eine Möglichkeit, die sie Beide so nicht vorhergesehen hatten…
Ein dumpfes Geräusch ließ Kheelan die Augen öffnen und mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen drehte er sich zur Seite. Airell hatte sich neben ihm ins Gras fallen lassen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und schaute selig in den sternenbehangenen Nachthimmel. Er sah atemberaubend aus.
„Gefällt Dir, was du siehst?", flüsterte Kheelan mit dunkler Stimme und betrachtete jede Regung in Airells Gesicht genau. Der blonde Magier lächelte, öffnete die Augen und schaute Kheelan unverhohlen und offen an. Kheelan erschauderte. Dann nickte Airell.
„Ja, es ist wundervoll. So befreit habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Und du?"
Kheelan nickte verstehend und widerstand dem Drang, weiter an Airell heran zu rutschen. Er wollte nichts überstürzen. Aber es hatte den Anschein, als wäre er von Airell Malfoy verhext worden, so stark fühlte er sich zu dem anderen Mann hingezogen. Und so etwas war ihm in all seinen Jahrhunderten noch nicht passiert. Das hätte Kheelan Angst machen können, aber eigentlich steigerte das nur seine Neugierde und Aufregung. Er wusste, dass Airell ein Mann war, den man nicht so leicht unterschätzen sollte. Und das gefiel ihm. Und Airell war kein einfacher Magier, in ihm steckte so viel mehr.
Sie waren in dieser Nacht vollkommen ungebunden durch die Landschaft gezogen, Airell hatte gezeigt, wie gut er sich im freien Gelände bewegen konnte und Kheelan hatte nach wenigen Augenblicken festgestellt, dass Airell ein hervorragender Kämpfer war. Die Art wie er sich bewegte, wie er lief, wie er seine Umgebung im Blick behielt. All das hatte Kheelan sofort gezeigt, dass er keinen gewöhnlichen Magier vor sich hatte und sein Interesse war geweckt worden. Darüber hinaus schien Airell ihm zu vertrauen und keine Furcht vor ihm und seiner Natur zu haben. Wenn Kheelan sie Beide über eine große Schlucht flog, hatte Airell sich an ihm festgehalten und war dabei vollkommen ruhig geblieben. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt, aber nicht vor Furcht, sondern vor Freude und Aufregung. Sie genossen Beide diese gemeinsamen Stunden in vollen Zügen. Und je mehr Zeit sie zusammen verbrachten, umso stärker wurde in Kheelan der Wunsch, diesen Mann nicht mehr loszulassen und ihm ihre Welt zu zeigen. Und er wollte mehr über Airells Welt lernen. Über sein Leben. Über seine Träume. Und ein Teil davon zu werden…
Kheelan seufzte leise und drehte sich wieder auf den Rücken. Für ihn war absolut klar, was in dieser Nacht geschehen war: er hatte sich in Airell Malfoy verliebt. Und wenn er die Zeichen nicht vollkommen falsch deutete, schien auch Airell Interesse an ihm zu haben. Wie sollten sie jetzt damit umgehen? Immerhin war er in diese Welt gekommen, um Severus Snape zu helfen und hatte dabei noch die Erkenntnis gewonnen, dass der schwarzhaarige Junge allem Anschein nach ein Teil beider Welten war. Das würde kompliziert werden. Aber sie konnten es schaffen. Wenn sie ehrlich zueinander waren. Und das ein oder andere Wagnis eingingen. Und das hatte Kheelan vor.
„Woran denkst du?", riss ihn Airells klare Stimme aus seinen Gedanken und Kheelan seufzte leise. Er drehte sein Gesicht wieder Airell zu und stockte kurz aufgrund der überwältigenden Schönheit des anderen Mannes. Airells helles Haar fiel ihm wie ein gold-weißer Wasserfall um das Gesicht, seine grauen Augen funkelten und sein fein geschnittenes Gesicht war absolut entspannt, seitdem sie hier draußen in der Natur waren. Kheelan schluckte leicht, dann lächelte er und setzte alles auf eine Karte:
„Ich denke an dich. Und an uns."
Airells Augen blickten ihn noch immer so voller Offenheit an, dass Kheelan alle seine Beherrschung aufbringen musste um den blonden Zauberer nicht hier und jetzt zu küssen. Doch er hielt sich zurück und wartete.
Airell schloss für einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete lag eine tiefe Sehnsucht in ihnen, die Kheelans Herz augenblicklich schneller schlagen ließ. Dieser Mann war einfach unglaublich! Er lag hier zusammen mit einem Geschöpf der Nacht und hatte keinerlei Furcht. Ein angenehmer Schauer lief durch Kheelans Körper. Wenn das mit ihnen Beiden funktionieren würde, dann konnte etwas Großes und Wunderbares daraus entstehen, da war er sich schon jetzt sicher. Und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher.
Airell rückte nun tatsächlich die wenigen Zentimeter auf Kheelan zu, die sie noch voneinander trennten und schien ihn mit seinem Blick zu durchbohren. Dann kam er mit seinem Gesicht noch näher heran und ihre Nasenspitzen berührten sich ganz leicht. Kheelan spürte Airells Herzschlag, das Blut in seinen Adern und roch den für Airell so typischen Geruch. All das brachte Kheelan beinahe um den Verstand und er ballte die Hände zu Fäusten, um den Moment nicht zu zerstören.
„Es fühlt sich gut an, oder?", flüsterte Airell in sein Ohr und sein warmer Atem jagte Kheelan ein Kribbeln durch den Körper. Er begann leicht zu zittern und konzentrierte sich darauf, vollkommen ruhig zu liegen. Konnte es sein, dass Airell ihn herausfordern wollte? Sehen, wie weit Kheelan sich unter Kontrolle hatte?
Wenn es so war, genoss der schwarzhaarige Mann jeden Augenblick davon.
„Airell", flüsterte er mit brüchiger Stimme und schloss gequält die Augen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe und spürte, wie sich seine scharfen Nägel in die Innenfläche seiner Hände bohrten. Kheelan konzentrierte sich auf das pochende Schlagen von Airells Herz und wusste, dass er schnell Abstand zwischen sie Beiden bringen musste. Airell war ihm so nah und schien im nächsten Augenblick noch näher zu kommen, als seine kühlen Lippen Kheelans Wange streiften.
„Ich sollte mich fallen lassen, Kheelan, schon vergessen?", flüsterte Airell kaum hörbar und umschloss Kheelans zu Fäusten geballte Hände mit seinen eigenen. Sanft löste er die verkrampfte Haltung und machte keine Anstalten, Kheelans Hände loszulassen. Dieser schluckte hart und spürte sein eigenes Zittern immer stärker werden. Airells Geruch brachte ihn um den Verstand und er spürte seine Kontrolle immer weiter schwinden.
„Airell", keuchte Kheelan und biss sich auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. Er konnte sich kaum noch zurückhalten und spürte, wie das uralte Wesen in ihm immer stärker an seinen Ketten zerrte. Zu lange hatte es geschlafen und spürte nun, wie die Freiheit vor ihm lag. Zum Greifen nahe. Und doch wusste Kheelan nicht, wie weit er gehen konnte. Dürfte. Wollte Airell, was er auch wollte? War es überhaupt möglich, sich in so kurzer Zeit zu einem anderen Wesen so hingezogen zu fühlen? Kheelan wurde schwindelig und seine Gedanken rasten schneller durch seinen Kopf, als er sie denken und verstehen konnte. Konnte er selbst los lassen? Konnte er Airell zeigen, was er wirklich war? Wie er wirklich war?
Die Gefahr, dieses besondere Gefühl zwischen ihnen mit einer falschen Handlung oder einem falschen Wort zu zerstören erschien Kheelan beinahe unmenschlich groß. Er wollte alles richtig machen in diesem Moment, aber war das überhaupt möglich?
Airell schien deutlich weniger Zweifel als er selbst zu haben, oder er ließ sie sich nicht anmerken.
Der weißblonde Zauberer ließ seine Lippen nur einen Millimeter entfernt über Kheelans Wange streifen und schien auf etwas zu warten. War er sich vielleicht selbst unsicher? Wieso fiel es ihnen Beiden so schwer, voneinander zu lassen? Sie kannten sich kaum und doch schien es, als wäre alles auf einmal so leicht zwischen ihnen. Obwohl Kheelan erst wenige Tage hier war, so erschien es ihm, als hätte Airell nur auf ihn gewartet. Und er auf Airell. Als wäre alles vorherbestimmt gewesen und es hätte niemals anders sein können und sollen...
Wurde er vielleicht langsam verrückt? War die lange Zeit des Wartens schließlich schuld daran, dass auch er den Verstand verlor wie so viele aus seinem Volk vor ihm?
Airells kühle Hände drückten Kheelans kurz und schließlich waren es seine schmalen, kühlen Lippen, die an Kheelans Hals lagen und diese Berührung brachte etwas in Kheelan dazu, sich selbst fallen zu lassen. Mit einem tiefen Grollen packte er Airell an den Schultern, drehte ihn auf den Rücken und drückte ihn sanft, aber bestimmt auf den Boden. Sturmgraue Augen blickten in dunkelrot glühende Augen und die Zeit schien für einen kurzen Moment still zu stehen.
„Airell…weißt du, auf was du dich da einlässt?", krächzte Kheelan und spürte, wie sein Körper immer stärker zitterte. Er wollte diesen Mann unter sich so sehr, dass er das Gefühl hatte von innen heraus zu verbrennen. So etwas hatte er noch nie gespürt. Und von diesem Gefühl wollte er mehr, viel mehr. Doch er brachte seine letzte Kraft auf, um Airells Antwort abzuwarten.
Der blonde Magier lächelte leicht und eine deutliche Herausforderung lag in seinem Blick. Und so unendlich viel Vertrauen, dass Kheelan beinahe schwindelig davon wurde. Airell legte seine Hand in Kheelans Nacken und zog den dunkelhaarigen Mann zu sich hinunter. Kurz bevor sich ihre Lippen zu einem ersten Kuss trafen flüsterte Airell mit klarer Stimme: „Nein, aber ich bin bereit, es herauszufinden…"
Und als sich ihre Lippen trafen und das Wesen in Kheelan mit einem lauten Grollen erwachte und seine Ketten von sich warf, schien über ihnen der Himmel aufzubrechen und das erste Morgenrot tauchte alles in rot-oranges Licht…
Malfoy Manor war ein riesiges Anwesen inmitten der schottischen Wildnis. Umringt von Wäldern und Feldern ähnelte es mehr einem Märchenschloss als einem Landsitz. Es war aus dunklem Stein erbaut, mit hohen Türmen und riesigen Fenstern. Aufwändig angelegte Gärten befanden sich zu allen Seiten des Anwesens und die Stallungen und Behausungen der Diener waren unweit des Hauptsitzes und sahen selbst aus wie ein kleines Dorf. Hinter dem Anwesen lag ein See und in der Ferne die Hügel der schottischen Highlands.
Kheelan konnte nicht glauben, was er vor sich sah. Sie standen in einiger Entfernung zum Anwesen auf einem Hügel, hinter ihnen Wald und unter ihnen ein herrlicher Blick auf die Ländereien und Besitztümer der Malfoy-Familie. Kheelan blinzelte und das lag nicht nur an der Sonne, die vor einiger Zeit aufgegangen war und den See funkeln ließ wie die Oberfläche eines riesigen Edelsteines.
„Hier lebst du?", fragte Kheelan mit leicht brüchiger Stimme und schluckte hart. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber dieser Anblick raubte selbst ihm den Atem. Und er hatte bereits sehr viel gesehen in seinem Leben.
Er spürte, wie Airell neben ihm lächelte und fast ein wenig verlegen eine lange, weißblonde Haarsträhne hinter sein Ohr strich.
„Ja, willkommen auf Malfoy Manor. Gefällt es dir?"
Kheelan ließ seinen Blick über das atemberaubende Tal vor sich schweifen und schnaubte leicht.
„Gefallen? Es sieht aus wie aus einem Märchen, Airell. Es ist wundervoll!"
Airell sah ihn von der Seite an und hob fragend eine Augenbraue. „Bei Gelegenheit musst du mir verraten, wie es dort aussieht wo du herkommst. Malfoy Manor ist zwar der Haupt-Landsitz meiner Familie, aber mein Bruder Amergin hat das Stadthaus und das Herrenhaus an der Küste, beides sehr alte und herrschaftliche Anwesen."
Kheelan verdrehte leicht die Augen. Er hatte zwar nur wenig über Amergin Malfoy erfahren, aber das, was Airell ihm erzählt hatte, gefiel Kheelan gar nicht und er hatte kein Interesse, Airells Bruder kennen zu lernen.
„Ein Wohnsitz spiegelt immer die Natur seines Besitzers wider. Und aus deinen wenigen Erzählungen über deinen Bruder kann ich mir direkt vorstellen, wie das Stadthaus und das Herrenhaus an der Küste aussehen werden. Und sei dir versichert, Airell: an DAS hier kommen sie sicher nicht im Entferntesten heran."
Eine sanfte, kaum zu sehende Röte stahl sich auf Airells bleiche Wangen und Kheelan lächelte den blonden Magier offen an. Airell sagte nichts weiter und räusperte sich nur: „Wollen wir?"
Kheelan nickte und griff sanft nach Airells linker Hand. Als sich ihre Finger berührten spürten Beide wieder ein leichtes Kribbeln und Kheelan seuftze zufrieden. Es war eine sehr gute Entscheidung gewesen, die vergangene Nacht mit Airell zu gehen und er war sehr gespannt darauf, was die kommenden Stunden noch für sie bereithalten würden. Es war zwar noch früh am Morgen, aber Severus Snape sollte bald hier in Malfoy-Manor eintreffen und vorher wollten sie sich noch etwas frisch machen und ein gemütliches Frühstück zu sich nehmen. Immerhin hatten sie die Nacht in der Wildnis verbracht und so sahen sie auch aus. Kheelan bedachte Airell mit einem prüfenden Blick vom Kopf bis zu den Füßen und musste sich ernsthaft zurück halten, nicht hier und jetzt erneut über den blonden Mann herzufallen. Airells sonst so perfekt frisiertes Haar war offen und wehte im kühlen Mordenwind um sein schlankes, fein geschnittenes Gesicht. Seine schwarze Kleidung war zwar nicht sonderlich schmutzig, aber man sah ihr an, dass Airell durch Wiesen und Wälder gelaufen war. Auf seiner linken Wange war ein leichter Kratzer von irgendeinem Ast zu erkennen und Kheelan wusste, dass an seinem Hals und einigen weiteren Körperstellen noch andere Male zu erkennen waren, doch diese hatte Airell mit dem hohen Kragen seines Umhanges geschickt verborgen.
Ein angenehmer Schauer ging durch Kheelans Körper, als er an die vergangenen Stunden zurück dachte und er festigte seinen Griff um Airells Hand. Dieser warf ihm einen fragenden Blick von der Seite zu, doch Kheelan schüttelte nur leicht den Kopf.
„Alles in Ordnung, Airell. Ich genieße nur gerade jeden Augenblick mit dir."
Airell lächelte dieses ehrliche, leichte Lächeln, was Kheelan mittlerweile fast um den Verstand brachte und er beeilte sich, wieder hinunter auf das Anwesen zu schauen. Er war verhext worden, ganz eindeutig. Er räusperte sich etwas verlegen und murmelte dann mit kratziger Stimme:
„Wir sollten nach unten gehen, der Morgen ist bereits angebrochen und Severus wird bald kommen. Außerdem denke ich, dass wir uns vorher etwas frisch machen sollten, wir waren schließlich die ganze Nacht unterwegs…"
Airell lachte und schüttelte amüsiert den Kopf. „Fühl dich ganz wie zu Hause, Kheelan."
Kheelan konnte nicht widerstehen und beugte sich zu Airell. Er legte seinen Kopf auf Airells Schulter und flüsterte leise in dessen Ohr: „Das habe ich vor, Airell. Und wenn Severus wieder in Hogwarts ist, erwarte ich eine ausführliche Führung durch dein kleines Märchenschloss…"
Er ließ seinen warmen Atem über Airells Ohr gleiten und spürte, wie sich der Herzschlag des blonden Magiers sofort beschleunigte. Kheelan grinste und wartete noch einige Sekunden, bevor er seinen Kopf wieder hob und so tat, als wäre nichts geschehen.
Airell hatte wieder eine blasse Röte auf den Wangen und machte nun Anstalten, den Hügel hinunter zu wandern. Dabei ließ er Kheelans Hand jedoch nicht los und zog diesen einfach mit sich. Kheelan protestierte nicht und lächelte leicht.
Der blonde Zauberer warf ihm einen prüfenden Blick von der Seite zu, doch seine Augen funkelten vergnügt und seine Stimme klang leicht kratzig, als er flüsterte:
„Das lässt sich sicher einrichten. Nach dem Bad…"
Nun lachte Kheelan laut und schüttelte dabei den Kopf. Airell war einfach unglaublich!
„Ich kann es kaum erwarten..."
Hand in Hand gingen sie den Hügel hinab und genossen die letzten, warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers. Es versprach ein guter Morgen zu werden und Kheelan spürte ein angenehmes Kribbeln in seinem ganzen Körper. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal so wohl gefühlt hatte. Und dieses Gefühl wollte er festhalten solange es ihnen möglich war.
TBC
