II.
Vardiss:
Jessamy räusperte sich. Ihre Kehle war völlig ausgedörrt und fühlte sich an, als wäre sie aus Sandpapier. Sie fragte sich, welcher Faktor in erster Linie die Verantwortung dafür trug – war es ihr Endlosmonolog oder die trockene Luft in Breghalas Büro?
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte höflich: "Entschuldigen Sie, Sir, könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?"
"Schande über mich, ich vernachlässige ja meine Gastgeberpflichten!" rief Breghala, was eine Spur zu überschwänglich war, weshalb Jessamy sich prompt fragte, ob seine Bemerkung ironisch gemeint war. Machte er sich etwa über sie lustig?
Also wenn er glaubt, dass er mich auf den Arm nehmen kann, dann ...
Jessamy war sich nicht ganz sicher, was sie dann tun würde. Einfach aufstehen und gehen? Aber das war unmöglich. Selbst wenn Breghala dazu bereit gewesen wäre, sie gehen zu lassen – was nach Lage der Dinge eher unwahrscheinlich war! –, gab es immer noch einen anderen Faktor in dieser Gleichung, der sie hier so sicher festhielt, als wäre sie an ihrem Stuhl angekettet.
Ich habe ja gar keine andere Wahl, als hier herumzusitzen und ihm schön brav alles zu erzählen ... nicht nach allem, was inzwischen passiert ist… Nicht nachdem Chevan mir den Captain auf den Hals gehetzt hat, dachte sie unglücklich.
Sie beäugte Breghala argwöhnisch über die schier unüberwindliche Barriere seines Schreibtisches hinweg, aber ihr plötzlich aufgeflackertes Misstrauen erlosch wieder, als sie den Ernst auf seinem scharfen Falkenprofil sah und begriff, dass er meinte, was er gesagt hatte.
"Möchten Sie nicht lieber eine Tasse Tee?" erkundigte sich Breghala, ganz der aufmerksame Gastgeber.
"Ich … ja, danke, Sir", erwiderte Jessamy, ein wenig verwirrt von seinem liebenswürdigen Plauderton.
Breghala berührte eine Sensortaste an seiner Kom-Einheit – die gleichzeitig als Sprechanlage zwischen seinem Büro und dem Vorzimmer fungierte, wie Jessamy erkannte – und sagte zu dem immer etwas schuldbewusst aussehenden jungen Mann, der sie hereingeführt hatte und sich jetzt ausgesprochen hastig meldete: "Bringen Sie uns doch etwas Tee, Paejonn. Und eine Kleinigkeit zu essen wäre auch nicht schlecht."
„JA, SIR!", bellte Paejonn und war offensichtlich glücklich darüber, dass man ihn mit einer leicht zu bewältigenden Aufgabe betraute. Keine zwei Minuten später klopfte es markig an die Tür.
"Herein!" sagte Breghala erstaunt.
Die Tür öffnete sich und Paejonn schwebte herein, ein vollgepacktes Tablett in jeder Hand und strahlend wie ein Märchenprinz, der sich anschickt, nach einem langen harten Kampf mit einem besonders heimtückischen Widersacher seine gerettete Brautprinzessin in die Arme zu schließen. Jessamy war von der Schnelligkeit, mit der er seinen Auftrag ausgeführt hatte, beeindruckt, aber Breghala war schlicht und einfach überwältigt.
Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder! dachte er ergriffen, als er seinen Adjutanten beobachtete, der buchstäblich auf Zehenspitzen näher kam und die beiden Tabletts so behutsam auf seinem Schreibtisch absetzte, als wären sie mit aktivierten Haftminen beladen, die bei der leisesten Erschütterung explodieren würden.
"Danke, Paejonn", sagte er, während er dachte: Der Junge fängt tatsächlich an mitzudenken. Na ja, besser spät als nie! "Sie können gehen. Wir bedienen uns selbst", fügte er hinzu, als Paejonn zögernd stehen blieb.
Paejonn, sichtlich erleichtert, trat hastig den Rückzug an. Er hatte schon die Tür erreicht, als Breghala etwas einfiel.
"Einen Augenblick noch, Junge", rief er, was Paejonn mitten im Schritt zu Stein erstarren ließ.
Breghala füllte sehr, sehr langsam seine Tasse mit Tee, goss eine abgepackte Portion Sahne dazu und nahm sich auch noch die Zeit, eine mit Keksen gefüllte Schale in Jessamys Reichweite zu schieben, bevor er betont beiläufig fragte: "Haben Sie den Polizeipräsidenten erreicht?"
"Ja, Sir. "
"Und was haben Sie ihm erzählt?"
"Ich habe ihm gesagt, dass die Konferenz verschoben werden muss, weil ... weil Sie sich um einen Notfall kümmern müssen, Sir", sagte Paejonn zögernd.
"Ein Notfall, hm? Keine schlechte Idee und gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt", meinte Breghala. "Gut gemacht, Junge."
Paejonns Gesicht glühte vor Stolz und seine Haltung wurde gleich noch ein bisschen straffer. "Danke, Sir!" schmetterte er.
Aber so schnell ließ Breghala ihn nicht vom Haken. Zuckerbrot und Peitsche und das immer schön abwechselnd – so funktioniert es am besten, dachte er.
"Und was hat er zu Ihrer Notfallgeschichte gesagt?" fragte er.
"Äh ... er hat eine ganze Menge dazu gesagt, Sir", sagte Paejonn ausweichend und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Es war nicht zu übersehen, dass er es lieber vermieden hätte, eine detaillierte Beschreibung der Reaktion des Polizeipräsidenten abzuliefern. "Also wenn ich ehrlich sein soll, Sir – er war ziemlich wütend."
"Er ist vierundzwanzig Stunden am Tag wütend. Die wichtigste Qualifikation für seinen Job – und seine einzige Qualifikation, fürchte ich", erwiderte Breghala mit einem sardonischen Funkeln in den Augen. "In Ordnung, Junge. Sie dürfen jetzt gehen."
Paejonn ergriff dankbar die Flucht, bevor sein Chef dazu kam, es sich wieder anders zu überlegen. Breghala lehnte sich in seinem Schalensessel zurück und nippte an seinem Tee, der sogar noch heiß war.
"Er macht sich, ja, er macht sich wirklich. Ist auch höchste Zeit, dass er sich ein bisschen am Riemen reißt", murmelte er vor sich hin. "Sie glauben ja gar nicht, wie mühsam es ist, so einen Grünschnabel abzurichten, der praktisch eben erst aus dem Ei gekrochen ist", fuhr er mit einem Blick auf Jessamy fort. "Aber nehmen Sie sich doch ein Sandwich, Lieutenant, nur keine falsche Bescheidenheit", fügte er liebenswürdig hinzu.
Jessamy griff gehorsam nach einem Sandwich und würgte es anstandshalber hinunter, obwohl sie im Gegensatz zum Colonel, der völlig ausgehungert zu sein schien, nicht den leisesten Appetit verspürte. Aber dies war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, um unhöflich zu sein.
"Fahren Sie ruhig fort, Sorkin", sagte Breghala, als er sah, dass sie nervös ihre Tasse hin- und herdrehte, unschlüssig, ob sie weiterreden oder warten sollte.
"Ja, Sir. Wo waren wir stehen geblieben?" erkundigte sich Jessamy. Die kleine Teezeremonie hatte sie ein wenig aus dem Konzept gebracht.
"Sie haben in der Imperial News inseriert", soufflierte Breghala, der niemals den Faden verlor – nicht einmal dann, wenn Paejonn eine komplikationsträchtige und sehr, sehr zeitaufwändige Unterbrechung verursachte, was zu seinen Spezialitäten gehörte. Aber nicht mehr lange – hoffe ich jedenfalls, dachte Breghala.
"Ja, richtig", murmelte Jessamy und versank in ausdrucksvollem Schweigen, woraus Breghala fälschlicherweise den Schluss zog, dass sie nicht recht wusste, wie sie jetzt weitermachen sollte.
"Und? Hat der ehrfurchtgebietende Mr. Furgan die Spreu vom Weizen getrennt? Hat er die Scharen von Bewerberinnen vorab schon ein bisschen ausgesiebt, um Sie zu entlasten und Ihnen die Entscheidung zu erleichtern?" fragte er, um ihr wieder auf die Sprünge zu helfen.
"Nein. Dazu hatte er überhaupt keine Gelegenheit", erwiderte Jessamy.
"Warum nicht?"
"Weil sich niemand gemeldet hat."
"Niemand?"
"Überhaupt niemand. Weder auf mein erstes Inserat noch auf die beiden Anzeigen, die ich danach geschaltet habe. Erst beim nächsten Mal hatte ich endlich Glück. Aber auch da haben sich nur sechs Frauen gemeldet ... nein, eigentlich sieben. Am Ende waren es insgesamt sieben. Ist schon merkwürdig."
"Sie haben also mit einer wesentlich stärkeren Resonanz auf Ihre Anzeigenaktion gerechnet?"
"Oh ja. Delameres Wohnungsmarkt steht immer kurz vor dem Kollaps, das ist doch heutzutage in allen großen Städten so. Die Nachfrage nach einer halbwegs bezahlbaren Unterkunft ist immer viel größer als das Angebot. Viele Leute sind pausenlos auf der Suche nach einer einigermaßen günstigen Wohnmöglichkeit. Das gilt vor allem für Singles, die ja mit einem Gehalt auskommen müssen. Einzelne Zimmer, möbliert oder unmöbliert, und Wohngemeinschaften stehen bei uns hoch im Kurs. Deshalb hat es mich ja auch so gewundert, dass sich zuerst gar nichts gerührt hat.
Wissen Sie, die Imperial News ist die größte Tageszeitung auf Devon. Schon als Papierausdruck hat sie eine hohe Auflagenzahl, ganz zu schweigen von all den Lesern, die sie einfach jeden Tag über Dev-Net abrufen. Man erreicht schon ein ziemlich breites Publikum, wenn man in der News inseriert.
Als ich zum ersten Mal nach einer Untermieterin gesucht habe, hatte ich auf eine einzige Chiffre-Annonce hin achtundsechzig Zuschriften. Dass damals ausgerechnet Kaye Drumheller bei mir gelandet ist, war ein reiner Zufallstreffer. Ein Kollege, der wusste, dass ich ein Zimmer zu vermieten hatte, erzählte mir von einer Freundin, die verzweifelt nach einer Bleibe suchte. Er hat Kaye und mich zusammengebracht."
"Es geht doch nichts über gute Beziehungen", brummte Breghala.
"Ich hätte also nie gedacht, dass es so schwierig sein würde, jemand anderen zu finden. Tja, und nachdem ich dann endlich ein halbes Dutzend Interessentinnen aufgegabelt hatte, stellte sich heraus, dass jede von ihnen darauf bestand, zusammen mit der Wohnung auch gleich mich zu besichtigen. Sie alle wollten sich nur mit mir persönlich treffen und nicht erst mit Mr. Furgan. "
"Das muss ja ein schwerer Schlag für Mr. Furgan gewesen sein", kommentierte Breghala mit einem Anflug von trockenem Humor.
Jessamy lächelte ein wenig. "Das war es auch. Als er mir seine Liste gegeben hat, war er richtig eingeschnappt."
Sie nahm noch einen Schluck Tee, bevor sie fortfuhr: "An meinem nächsten freien Wochenende sind sie dann alle angerückt, eine nach der anderen. Mr. Furgan hatte auf meine Anweisung hin Termine mit ihnen ausgemacht. Sie kamen am Samstag und immer im Abstand von anderthalb Stunden zwischen den einzelnen Treffen. Ich wollte nämlich genug Zeit haben, um ihnen alles zu zeigen und mit ihnen zu reden, sie ein bisschen kennenzulernen. Na ja, das hätte ich mir sparen können. Reine Zeitverschwendung. Eine halbe Stunde für jede hätte vollkommen ausgereicht, vielleicht sogar eine Viertelstunde."
"Es war also kein großer Erfolg, was?" warf Breghala ein.
"Es war eine Katastrophe! Sie waren alle so ... na ja ... so zickig. "
Breghala zog eine Augenbraue hoch. "Zickig?" wiederholte er halb amüsiert, halb fragend.
"Das ist das beste Wort dafür, Sir, wirklich. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie die sich angestellt haben. Und was die alles an meiner Wohnung auszusetzen hatten! Sie war ihnen entweder zu klein oder zu groß, zu primitiv oder zu luxuriös, zu zentral oder zu abseits gelegen. Die Miete war natürlich reiner Wucher für so ein baufälliges altes Gemäuer, die Nebenkosten waren der helle Wahnsinn und die Gegend ganz allgemein war überhaupt nicht nach dem Geschmack der Damen. Und das war noch längst nicht alles.
Der einen gefiel einfach die Aussicht nicht – und sie war doch so sensibel für ihre Umgebung! Die andere litt unter Höhenangst – unter diesen Umständen konnte sie natürlich auf gar keinen Fall in den neunundvierzigsten Stock ziehen.
Die nächste war eine Musikstudentin, die gleich verkündet hat, dass sie jeden Tag sechs oder sieben Stunden lang auf ihrer Geige herumsägen muss und das war nun sogar mir zu viel. Mir reicht es schon, dass eine von meinen Nachbarinnen Cimbarolo–Unterricht gibt. Ich meine, wer sich dauernd das Runterklimpern von Tonleitern und die Tarzom–Etüden für Anfänger anhören muss, braucht vielleicht Nerven aus Stahlseil, aber ganz bestimmt nicht noch mehr klassische Musik.
Nummer vier war wenigstens in diesem einen Punkt ganz meiner Meinung und nahm schon deshalb gleich wieder Reißaus. Nummer fünf war gegen Katzen allergisch und bekam beim Anblick meines Katers prompt einen Hustenanfall, als würde sie gleich ersticken – ich dachte schon, ich müsste den Notarzt rufen. Nummer sechs entpuppte sich dafür als extrem tierlieb und hätte meine Wohnung am liebsten gleich in einen Zoo verwandelt. Es war schon von einer Voliere mit Shirin–Sittichen die Rede, von einem Terrarium mit Kussh–Eidechsen und von einem 200–Liter–Salzwasseraquarium für ihre ganz private Seepferdchenzucht."
"Seepferdchen", murmelte Breghala fasziniert und krakelte mit seinem Lichtstift auf dem Datapad herum, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Er machte sich die ganze Zeit über Notizen.
"Tja, und das war's", fuhr Jessamy fort. „Ein einziger Reinfall – bis sie plötzlich aufgetaucht ist …"
Devon:
Nachdem Jessamy die Seepferdchenfetischistin überstanden und hinauskomplimentiert hatte, sank sie sofort auf die Wohnzimmercouch, um ihre müden Füße hochzulegen und sich ein wenig von den Widrigkeiten des Lebens im allgemeinen und den Enttäuschungen dieses Tages im besonderen auszuruhen, bevor sie wieder in Aktion trat.
"Das darf doch wohl nicht wahr sein! Jetzt muss ich noch mal inserieren! Das glaube ich einfach nicht", stöhnte sie vor sich hin.
Nach dieser Feststellung ging sie dazu über, dem Kater ihr Leid zu klagen, der auf der Rückenlehne der Couch kauerte und mit dem rätselhaften Gesichtsausdruck einer Sphinx auf sie herunterstarrte. Irgendwann schien er zu dem Schluss zu kommen, dass sein Mitgefühl gefragt war, was ihn dazu veranlasste, mit einem teilnahmsvollen Miauen und einem eleganten Satz auf Jessamy hinunterzuspringen, wobei er rein zufällig, aber mit ziemlich viel Schwung genau auf ihrem Solarplexus landete.
Jessamy war noch damit beschäftigt, sich von dieser spontanen, aber schmerzhaften Sympathiekundgebung zu erholen, als die Türklingel schon wieder ihr melodisches Ging Gong Dong ertönen ließ.
"Du dämliches ... vollgefressenes ... Katzenvieh!" keuchte Jessamy.
Sie schüttelte ihre empört fauchende Samtpfote ab, die unbestreitbar gut im Futter stand, und kam irgendwie wieder auf die Beine, obwohl sie einen Augenblick lang ernsthaft daran gezweifelt hatte, dass sie dazu überhaupt in der Lage sein würde.
Während der Kater sich beleidigt auf das hohe Regal zurückzog, das mit einem Sammelsurium aus Holovid- und Audio-Discs, Bücherchips und allem möglichen Nippeskram vollgestopft und sein bevorzugter Aussichtspunkt und Schmollwinkel war, marschierte seine Dosenöffnerin, deren Laune inzwischen den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, in Richtung Wohnungstür, grimmig entschlossen, dem nächsten Schicksalsschlag die Stirn zu bieten.
Ist wahrscheinlich sowieso nur Mr. Furgan, der wissen will, wie es gelaufen ist, dachte sie.
Aber es war nicht der treue Wächter und beinahe unumschränkte Herrscher des Shaalizaar Inns, der Einlass und Aufklärung begehrte. Es war eine junge Frau, ein unscheinbares Geschöpf in einem unauffälligen dunkelgrauen Kostüm, das an ihrer schlaksigen Gestalt herunterhing wie ein Batuknollensack.
Ihre demütige Haltung – leicht vornüber gebeugt, die schmalen Schultern vorgezogen, den Kopf ein wenig gesenkt – erinnerte an die von Verzweiflung geprägte Unterwürfigkeit erfolgloser Vertreter, die Tag für Tag klinkenputzend von Haus zu Haus und von Wohnungstür zu Wohnungstür zogen, um irgendwelche überflüssigen und überteuerten Haushaltsartikel oder Kosmetika zu verkaufen.
Ihr bloßer Anblick löste sofort sämtliche Alarmsirenen in Jessamys Kopf aus. Vielleicht gehörte die Frau sogar zu diesen unglaublich aufopferungsbereiten Zeitgenossen, die pausenlos für irgendwelche Hilfsaktionen Spenden sammelten, zum Beispiel für die Errettung der vom Aussterben bedrohten Buntschwanzziegenfisch-Seeadler oder irgendwelcher grausam malträtierter Versuchskaninchen.
Oh nein! Bitte nicht! Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt! dachte Jessamy, denn sie war momentan alles andere als hilfsbereit oder gar spendabel gestimmt – eine Haltung, an der sich so schnell auch nichts ändern würde. (Es sei denn, irgendjemand kam auf die glorreiche Idee, eine kleine Spendenaktion für die Errettung imperialer Junioroffiziere ins Leben zu rufen, die zwar nicht gerade vom Aussterben bedroht waren, aber dafür genug andere Probleme am Hals hatten – Probleme, die beinahe genauso grausam waren wie das Schicksal von Versuchskaninchen!)
"Ja?" sagte sie so abweisend wie nur möglich.
Sie wollte die unerwünschte Besucherin schnell wieder abwimmeln und sie wusste aus Erfahrung, dass man bei solchen Leuten energisch und kurz angebunden auftreten musste, sonst wurde man von ihnen ruckzuck in Grund und Boden geplappert und hoffnungslos eingewickelt. Und wenn sie einen erstmal so weit hatten, dann wurde man sie nur noch los, indem man seinen Geldbeutel zückte oder seinen Namen auf irgendeinen obskuren Wisch von Unterschriftenaktion setzte. (Was noch viel schlimmer war, weil die meisten Unterschriftenaktionen, die heutzutage im Umlauf waren, die Tendenz hatten, sich mit gefährlichen Themen zu beschäftigen. Themen, die so gefährlich waren, dass man es hinterher wahrscheinlich für den Rest seines Lebens bereute, seine Meinung mit einem leichtsinnig hingeschmierten Namenszug verewigt und publik gemacht zu haben, statt die Tür geschlossen zu lassen und am besten gleich noch zusätzlich zu verriegeln!)
Schrecklich! Mir bleibt heute aber auch gar nichts erspart! dachte Jessamy missmutig.
Doch ihr schroffer Tonfall hatte eine geradezu vernichtende Wirkung auf ihr Gegenüber. Die junge Frau knickte in der Mitte ein, als hätte Jessamy ihr einen Fausthieb in den Magen verpasst, und wäre ein Mauseloch in der Nähe gewesen, hätte sie sich garantiert darin verkrochen oder es wenigstens versucht.
"Ich … Mein Name ist Rakosh, Sondra Rakosh", stammelte sie.
"Ach ja?" gab Jessamy ungerührt zurück.
Jetzt nur nicht weich werden! ermahnte sie sich selbst.
Sie reckte das Kinn, fixierte die Frau mit einem kühlen Blick und gab durch ihren betont gleichgültigen Gesichtsausdruck zu erkennen, dass diese Auskunft bei ihr auf ein geradezu monumentales Desinteresse stieß. (Dieses kleine Einschüchterungsmanöver hatte sie übrigens von Captain Dakall gelernt, der seinen Untergebenen auf diese Art und Weise klarzumachen pflegte, wie gelangweilt er sich fühlte, wenn man ihn mit Mitteilungen belästigte, die seiner Meinung nach völlig unwichtig waren. Wer einmal so kaltblütig abgefertigt und in die Flucht geschlagen worden war, dachte in Zukunft lieber zweimal darüber nach, ob er dem Captain ausgerechnet in der Frühschicht mit so unwesentlichen Dingen wie Krankmeldungen oder Urlaubsanträgen auf den Pelz rücken sollte, wenn der Mann doch sichtlich noch darum kämpfte, richtig wach zu werden, oder mit der Verdauung seines dritten Frühstücks rang.)
"Aber ... haben Sie mich denn nicht erwartet?" erkundigte sich Sondra Rakosh zaghaft und beäugte Jessamy mit großen, feuchten, dicht bewimperten braunen Rehaugen. "Ich weiß, ich bin ein bisschen zu früh dran, aber ich habe mir gedacht …"
Sie brach ab und wurde aus unerfindlichen Gründen purpurrot.
Und Jessamy ging endlich ein Licht auf. "Sie kommen wegen dem Zimmer?"
"Aber ja. Haben Sie das denn nicht gewusst? Ich habe doch extra einen Termin mit dem Mann von der Hausverwaltung ausgemacht. Sie haben das Zimmer doch noch nicht vermietet, oder?" fragte Sondra Rakosh beinahe ängstlich.
"Nein, nein, es ist noch frei. Kommen Sie doch rein", sagte Jessamy schnell und trat zur Seite, um die unerwartete, aber hochwillkommene Interessentin hereinzulassen. "Tut mir Leid, dass ich eben so unfreundlich war, aber ich dachte, Sie wären ... Na ja, spielt ja eigentlich keine Rolle. Ich habe wirklich nicht gewusst, dass noch jemand kommt. Mr. Furgan hat mir gar nichts von Ihnen gesagt. Er muss Sie irgendwie vergessen oder übersehen haben."
"Das würde mich nicht wundern. So was passiert mir oft. Die meisten Leute vergessen oder übersehen mich irgendwie", erwiderte Sondra Rakosh mit einer unüberhörbaren Spur von Bitterkeit in ihrer Stimme.
Jessamy ging nicht auf diese Bemerkung ein. Was hätte sie dazu auch sagen sollen? Minderwertigkeitskomplexe an sich waren ihr völlig fremd, denn sie waren mit einer Selbstverachtung verbunden, die sie nur schwer nachvollziehen konnte, weil sie mit sich und ihrem Leben im großen und ganzen ziemlich zufrieden war. Außerdem machte es sie immer ein wenig verlegen, wenn sie bei anderen Menschen auf so viel Verwundbarkeit, auf so viel Schmerz stieß.
Trotzdem, wäre Sondra Rakosh eine Freundin gewesen, hätte Jessamy jetzt das Gefühl gehabt, sie unbedingt moralisch aufbauen zu müssen. Aber sie war keine Freundin. Sie war eine Fremde. Sie kannten sich nicht, sie waren sich gerade eben erst begegnet und für Jessamys Geschmack war das wirklich noch ein bisschen sehr früh für intime Bekenntnisse und vertrauliche Unterhaltungen …
"Wie auch immer, Sie sind hier und das Zimmer ist noch frei", sagte sie betont munter, um die etwas peinliche Gesprächspause zu überbrücken. "Ich zeige Ihnen gleich alles."
Und genau das tat sie dann auch. Zum siebten Mal an diesem Tag, der kein Ende zu nehmen schien, führte sie ihre ganz private kleine Sightseeingtour durch, komplett mit allen erforderlichen Erklärungen und Erläuterungen – sie kam sich allmählich vor wie ein Reiseführerdroide des städtischen Informationszentrums, der die Touristen rudelweise von einer Sehenswürdigkeit zur anderen treiben und dabei immer wieder denselben kleinen Vortrag abspulen musste.
Doch bei diesem letzten Besichtigungsrundgang gab es einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu ihren übertrieben kritischen Vorgängerinnen war Sondra Rakosh restlos begeistert. Alles, aber auch alles in und an der Wohnung gefiel ihr und brachte sie zum Schwärmen.
Die Wohnung war ja so groß, so hell, so bezaubernd altmodisch – sie war in jeder Hinsicht perfekt! Die Miete, die Nebenkosten? Ach, das war doch nur ein Klacks oder jedenfalls ein sagenhaft günstiges Angebot für dieses ziemlich teure Viertel. Es war phantastisch, es war märchenhaft, es war Liebe auf den ersten Blick! Letzteres galt übrigens auch für den Kater, der – magisch angezogen von Sondras entzückten kleinen Schreien – plötzlich wieder auf der Bildfläche erschien und schnurrend um ihre Beine strich, was Jessamy noch mehr überraschte als alles andere.
"Also darauf können Sie sich wirklich etwas einbilden", sagte sie zu Sondra. "Normalerweise ist er Fremden gegenüber sehr scheu."
"Ach, ich liebe Katzen!"
Sondra bückte sich, um den Kater zu streicheln, der sich sofort auf den Rücken rollte und sich sein weiches Bauchfell kraulen ließ, alle vier Pfoten wehrlos von sich gestreckt – eine fast noch erstaunlichere Demonstration von Zutraulichkeit.
"Sie sind also grundsätzlich an diesem Zimmer interessiert beziehungsweise mit den Konditionen einverstanden?" fragte Jessamy vorsichtig.
"Aber ja!" antwortete Sondra, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt.
"Na schön", sagte Jessamy.
Sie versuchte nicht allzu enthusiastisch zu klingen, obwohl sie natürlich selig war, dass sie endlich jemanden gefunden hatte, der überhaupt zum Einzug bereit war.
Aber nach all den Bauchlandungen, die sie heute schon erlebt hatte, war sie immer noch ein bisschen auf der Hut – sie hatte momentan nicht gerade ein bedingungsloses Vertrauen in ihr Glück. Möglicherweise bahnte sich hier endlich die Lösung ihres Problems an – die erste Klippe war jedenfalls umschifft –, aber trotzdem musste sie sich noch mit dieser Frau unterhalten, ihr ein bisschen auf den Zahn fühlen, um herauszufinden, was für sonderbare Marotten sie hatte.
"Setzen wir uns doch für einen Augenblick, damit wir ein bisschen reden können", schlug sie vor.
Sondra Rakosh nickte zustimmend und sie gingen ins Wohnzimmer hinüber. Jessamy ließ sich auf ihren Lieblingssessel fallen und machte es sich bequem. Ihre potenzielle Untermieterin ließ sich so behutsam auf der Couch nieder, als hätte sie Angst, das gute Stück könnte unter ihr zusammenbrechen, und setzte sich noch dazu auf die alleräußerste Kante, als wäre sie bestrebt, so wenig Platz wie nur irgend möglich einzunehmen.
Der Kater, der ihnen gefolgt war, hüpfte ohne zu zögern auf Sondras Schoß, um noch mehr Streicheleinheiten einzuheimsen. Es war, als würde er sie seit Jahren kennen. Jessamy hielt das für ein gutes Omen.
Jetzt, da sie endlich Gelegenheit dazu hatte, nahm sie die junge Frau, die ihr bolzengerade gegenübersaß und mit der linken Hand nervös ihre kleine Handtasche umklammerte, während sie mit der rechten mechanisch den schnurrenden Kater tätschelte, näher in Augenschein. Sie fand ihren allerersten Eindruck mehr oder weniger bestätigt.
Eine graue Maus – und ganz schön verklemmt! entschied sie.
Tatsächlich wirkte Sondra Rakosh eigenartig farblos, trotz ihrer dunklen Augen und schwarzbraunen Haare, die sehr dicht und sehr wellig waren. Sie hatte eine wahre Löwenmähne, die sie schulterlang, offen und mit einem streng gezogenen Mittelscheitel trug, so dass sie in zwei gekräuselten Vorhängen über ihr papierweißes Gesicht fiel und es halb versteckte, sobald sie den Kopf ein wenig neigte – eine Art Tarneffekt, der vielleicht sogar beabsichtigt war.
Für jemanden, der so brünett war wie sie, war sie sehr blass, beinahe fahl. Ihren fast durchsichtigen Lilienteint hätte man eigentlich eher bei einer Blondine vermutet.
Aber auch nur bei einer, die entweder vor jedem Sonnenstrahl flüchtet oder sich gleich pfundweise Creme mit einem extra hohen Lichtschutzfaktor aufkleistert, dachte Jessamy, die trotz ihrer ebenfalls sehr hell pigmentierten Haut immer leicht sonnengebräunt war, was sich auch kaum vermeiden ließ, wenn man bei Wind und Wetter segeln ging.
Sondras Gesicht an sich war eher unauffällig, ein typisches Durchschnittsgesicht. Das Bemerkenswerteste daran war noch ihre Stupsnase, die irgendwie drollig aussah, und ihr Kinn, das ein wenig eckig war und genau in der Mitte eine kleine Kerbe hatte.
Auffällig war dagegen die steife, verkrampfte Art und Weise, wie sie da auf dieser Couch saß – ihre Schüchternheit war unübersehbar. Ihr Blick war unstet, irrte im Zimmer hin und her, verharrte hier und dort eine Sekunde lang und streifte gelegentlich auch Jessamy, schweifte aber sofort wieder ab, als wollte sie einen direkten Augenkontakt vermeiden.
Jessamy, die ihr Gegenüber immer klar und offen ansah, ihm freimütig direkt in die Augen sah, fand diese Ausweichmanöver ziemlich irritierend, begriff aber, dass sie Teil von Sondras teenagerhafter Befangenheit waren. Sie hatte überhaupt etwas eigenartig Kindliches an sich, diese Sondra, etwas Unreifes, Unfertiges, das nicht so ganz zu dem Bild einer erwachsenen jungen Frau passte.
Dabei muss sie ungefähr in meinem Alter sein, überlegte Jessamy.
"Am besten sagen wir gleich Du zueinander — wir müssen ja nicht so steif und förmlich sein, oder?" meinte sie und hoffte im Stillen, dass ihr Angebot das Eis brach und die Stimmung ein wenig auflockerte.
Sondra antwortete mit einem scheuen Lächeln. "Von mir aus. Gern."
"Mein Name ist Jessamy, aber meine Freunde nennen mich Sam."
„Dann also Sam", erwiderte Sondra und entspannte sich ein ganz klein wenig, aber sehr viel lockerer wurde sie nicht. Sie war so unruhig wie eine Schülerin vor der alles entscheidenden Abschlussprüfung – ein Vergleich, der Jessamy sofort auf eine naheliegende Frage brachte.
"Was machst du eigentlich so? Beruflich, meine ich."
"Oh, nichts Weltbewegendes. Ich arbeite als Bürokraft für eine Zeitarbeitsagentur. Du weißt schon, so eine Vermittlung, die Leute für ein paar Tage oder Wochen an alle möglichen Firmen vermietet, die gerade Personalmangel haben. Also so eine Art moderner Sklavenhandel auf Freiwilligenbasis."
Jessamy würdigte diesen nervösen kleinen Versuch auf einen Scherz mit einem anerkennenden Grinsen.
„Dann musst du dich also dauernd an einem neuen Arbeitsplatz zurechtfinden und mit neuen Kollegen klarkommen. Das ist bestimmt gar nicht so einfach. Bei so einem Job musst du ganz schön auf Draht sein", sagte sie freundlich, denn sie hatte das Gefühl, dass ein paar nette, aufmunternde Worte angebracht waren. „Aber es hört sich nach viel Abwechslung an. Langeweile kommt bei dir wohl nie auf, was?"
„Doch, manchmal schon. Es ist eigentlich immer dasselbe. Und was die neuen Kollegen betrifft … Gerade wenn du dich ein bisschen mit ihnen angefreundet hast, musst du schon wieder gehen. Nein, auf die Dauer ist das nichts für mich.
Aber was ist mit dir? Dieser Mann von der Hausverwaltung hat mir erzählt, dass du Offizier bei der Raumflotte bist. Das klingt ja nun wirklich toll! Auf einem Raumschiff sein, zwischen den Sternen dahinfliegen ... das muss doch wunderschön sein. Und aufregend."
„Na ja, so aufregend nun auch wieder nicht. Ich bin auf einem Kreuzer stationiert, der den Flugverkehr in diesem Sektor überwacht. Das wird mit der Zeit auch ziemlich langweilig. Hier in der Gegend ist es ja ganz ruhig, abgesehen von ein paar Schmugglern, die immer wieder mal versuchen, sich an uns vorbei zu mogeln.
Nein, so toll ist mein Job auch nicht. Aber er hat seine Vorteile. Unsere Patrouillen laufen normalerweise in so einer Art 14-Tage-Rhythmus. Dadurch habe ich ziemlich viel Landurlaub. Ich komme im Schnitt jedes zweite Wochenende nach Hause, manchmal auch für zwei oder drei Tage unter der Woche. Kommt drauf an, was da draußen los ist. Es hängt natürlich auch von unserem Dienstplan ab", fügte Jessamy hinzu und dachte dabei unwillkürlich an Captain Dakalls organisatorische Kapriolen.
Aber dann erinnerte sie sich ein wenig schuldbewusst an ihre zahlreichen Kollegen, die kreuz und quer durch die Galaxis gejagt wurden und nur nach Hause kamen, wenn sie ihren Jahresurlaub antraten. Und was war mit all den Offizieren und Mannschaften, die unmittelbar an der Front waren, die in Sektoren herumschwirrten, wo sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute mit Feindkontakt rechnen mussten? Es war Krieg! Man musste sich immer vor Augen halten, dass nicht alle so viel Glück hatten wie die Crew der Warbride, deren einzige Aufgabe darin bestand, einen sicheren Sektor im Herzen des Imperiums zu kontrollieren.
Man muss seinem Schicksal auch dankbar sein, dachte Jessamy reumütig. Ab und zu jedenfalls
"Manchmal bin ich auch etwas länger weg und habe dafür dann eine ganze Woche frei – wir nennen das Volldienstausgleichsphase", fuhr sie fort. "Es kommt eben ganz darauf an, wie es läuft. Und dann ist da natürlich auch noch mein regulärer Urlaub ...
Trotzdem, alles in allem bin ich ziemlich viel unterwegs. Du hättest die Wohnung also meistens ganz für dich allein, Sondra. Eine sturmfreie Bude sozusagen. Wir hätten nicht allzu viel Gelegenheit, uns gegenseitig auf die Zehen zu treten."
"Ich bin sicher, wir würden uns ganz wunderbar verstehen", sagte Sondra warm.
"Schon möglich." Jessamy schwieg einen Augenblick lang, dann sagte sie: "Ich bin eigentlich ziemlich pflegeleicht, weißt du. Große Ansprüche würde ich nicht an dich stellen."
Sie dachte an Kaye und schmunzelte erinnerungsselig vor sich hin. Wer eine Zeitlang mit Kaye Drumheller zusammenwohnte, schminkte sich große Ansprüche ganz schnell ab.
"Ich würde also nicht von dir erwarten, dass du den ganzen Tag mit einem Putzlappen durch die Gegend rennst und auf jedes einzelne Staubkorn Jagd machst. Aber wie eine Mülldeponie sollte die Wohnung natürlich auch nicht aussehen, wenn ich heimkomme.
Und richtig wild macht es mich, wenn ich gärende Milchtüten, verfaultes Gemüse oder irgendetwas Verschimmeltes aus dem Kühlschrank ausgraben muss!"
Wieder dachte sie an Kaye, die speziell auf diesem Gebiet ein echtes Phänomen war. Jessamy hatte jedes Mal, wenn sie den Kühlschrank inspizierte, halb und halb damit gerechnet, etwas darin zu finden, dessen Verfallsdatum schon irgendwann kurz nach den Klon-Kriegen abgelaufen war. Würg!
"Oh nein! So was würde bei mir garantiert nie vorkommen. Ist ja eklig!"
Auch Sondra schien es schon beim bloßen Gedanken regelrecht zu schütteln. Offensichtlich teilte sie Jessamys Vorstellungen über gewisse Grundregeln der Hygiene.
Jessamy sah sie nachdenklich an, wog Pro und Kontra gegeneinander ab und traf eine Entscheidung, was ihr nicht schwer fiel, weil sie im Prinzip gar keine Alternative hatte.
"Okay", sagte sie leichthin. "Und wann willst du einziehen?"
Sondra starrte sie einen Augenblick lang wortlos an, dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht, als hätte Jessamy ihr ein kostbares Geschenk gemacht.
"Du gibst mir das Zimmer? Du willst es wirklich mit mir versuchen?" Sie schien ihr Glück kaum fassen zu können.
„Natürlich. Warum nicht? Ich glaube, wir passen ganz gut zusammen."
„Oh ja, das tun wir", erwiderte Sondra und war von einem Augenblick auf den anderen wieder ganz ernst. "Das tun wir wirklich. Vielleicht mehr als du denkst…"
Einen Augenblick lang fragte sich Jessamy, was Sondra mit dieser Bemerkung meinte, dann tat sie es mit einem Achselzucken ab. Sondra war schon ein bisschen versponnen, aber auf eine sympathische Art. Und Jessamy konnte es sich nicht mehr leisten, allzu wählerisch zu sein…
„Du hast mir noch keine Antwort gegeben. Wann willst du einziehen?"
Sondra zögerte. „Also … wenn es dir nichts ausmacht ... am liebsten gleich morgen."
Das kam nun doch ein bisschen plötzlich!
„Geht das denn überhaupt?", fragte Jessamy erstaunt. „Ich meine, es macht mir nichts aus, du kannst ruhig kommen, aber was ist mit deiner alten Wohnung? Kannst du da einfach so ausziehen, von heute auf morgen? Brauchst du nicht noch ein bisschen Zeit, um zu kündigen und alles zu regeln? Und was ist mit deinen Sachen, deinen Kleidern und dem ganzen Zeug? Musst du nicht erst alles zusammenpacken und es herkutschieren lassen?"
„Ich wohne noch bei meinen Eltern. Und meine paar Sachen hierher zu schaffen ist kein Problem."
„Ach so …", murmelte Jessamy.
„Ich muss ja zum Glück keine Möbel herschleppen. In dem Zimmer ist ja eigentlich schon alles, was ich brauche. Und du hast nichts dagegen, wenn ich gleich morgen einziehe?"
Warum eigentlich nicht? Je schneller, desto besser, dachte Jessamy.
"Ja, sicher", sagte sie. "Immer rein in die gute Stube. Ach ja, bevor ich es vergesse – brauchst du es schriftlich? Willst du einen richtigen offiziellen Mietvertrag oder reicht es, wenn wir uns einfach die Hand darauf geben?"
Sondras Mundwinkel zuckten, als würde sie sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Aber das Lächeln, das ihr trotzdem entwischte, war schelmisch genug, um zum ersten Mal eine Spur von Schalk in ihren dunklen Augen aufblitzen zu lassen.
"Aber Sam, einen Mietvertrag brauche ich nun wirklich nicht von dir."
Irgendetwas an diesem Lächeln, das eigentlich ein unterdrücktes Lachen war, störte Jessamy – sie wusste selbst nicht genau, was oder warum. Vielleicht war es nur dieser Unterton, der in Sondras Stimme mitschwang, ein Unterton, der anzudeuten schien, dass sie zwar keinen Mietvertrag brauchte, aber dafür etwas anderes. Etwas ganz anderes …
Mit plötzlichem Unbehagen wurde Jessamy bewusst, dass sie im Begriff war, einem wildfremden Menschen Einlass in ihre Wohnung und damit auch in ihr Leben zu gewähren, einem Menschen, über den sie im Grunde nichts, aber auch gar nichts wusste. Sie würde schon am Montagmorgen in aller Frühe auf die Warbride zurückkehren und rund zwei Wochen lang weg sein, während Sondra sich hier breit machte, wo sie in Jessamys Abwesenheit ganz nach Belieben schalten und walten konnte.
Aber da ist immer noch Mr. Furgan – er wird sie schon im Auge behalten. Was ist denn los mit dir? Nimm dich zusammen! Sei froh, dass du endlich jemanden gefunden hast, ermahnte Jessamy sich selbst.
"Alles in Ordnung?" fragte Sondra, beunruhigt durch ihr Schweigen, und sah sie aus weitgeöffneten Augen an.
Ja, diesmal wichen sie Jessamys Blick nicht aus, diese braunen Augen. Rehaugen ... so sanft, so unschuldig …
Auf einmal kamen Jessamy die Zweifel, die sie so unvermutet überfallen hatten, absurd vor, geradezu lächerlich. Wenn sie jemals einen hundertprozentig harmlosen Menschen vor sich gehabt hatte, dann Sondra Rakosh. Und damit warf Jessamy alle Bedenken endgültig über Bord …
"Aber ja", erwiderte sie und meinte es sogar ehrlich. Sie gab ihrer neuen Untermieterin die Hand. "Herzlich willkommen im Shaalizaar Inn, Sondra", sagte sie lächelnd.
Ein paar Minuten später – Sondra war gerade gegangen – warf Jessamy sich mit einem Jubelschrei auf ihre Couch, schnappte sich den Kater und knuddelte ihn durch, was er gnädig über sich ergehen ließ, obwohl er eben damit angefangen hatte, diskret seine Krallen an den grünen Seidenquasten der Kissen zu wetzen, die natürlich viel verführerischer waren als sein mit Sisalfasern bespannter Kratzbaum.
"Wir haben es geschafft, Tiger!" rief Jessamy.
Sie fühlte sich, als würde sie auf einer rosaroten Wolke schweben, nachdem ihre finanziellen Sorgen wie zentnerschwere Felsbrocken von ihrer Seele heruntergerollt waren. Im Überschwang des Augenblicks beschloss sie sogar, sich zur Feier des Tages ein teures Ferngespräch mit Soraya zu gönnen. Sie wollte die frohe Botschaft an jemanden loswerden, der sich mit ihr freute, und bei der Gelegenheit auch gleich einen längst überfälligen kleinen Plausch mit Kaye halten. Dieser kleine Plausch zog sich dann allerdings ziemlich in die Länge, weil auch Kaye gerade eine mitfühlende Seele brauchte, der sie ihr Herz ausschütten konnte …
Sie hatte sich immer noch nicht davon erholt, dass sie Hals über Kopf nach Soraya verpflanzt worden war, was vor allem daran lag, dass sich die imperiale Garnison, der sie zugeteilt worden war, wirklich irgendwo im Nirgendwo befand. Tatsächlich war die Giantana-Basis so weit von der nächsten menschlichen oder auch nicht-menschlichen Siedlung entfernt, dass Kaye zu ihrem hellen Entsetzen dazu gezwungen gewesen war, dort ein Quartier zu beziehen, statt sich eine eigene Wohnung oder eine ähnlich private und vor allem zivile Unterbringungsmöglichkeit zu suchen.
Sogar ihre Freizeit in der wenig anheimelnden Atmosphäre eines Militärstützpunktes verbringen zu müssen, schlug der lebenslustigen Kaye schon sehr auf das Gemüt, aber es gab offenbar auch noch andere Faktoren, die ihr das Einleben schwer machten. Worum es dabei ging, konnte Jessamy nur aus ein paar sehr vorsichtig formulierten Andeutungen heraushören, denn Kaye legte zwar oft ein bisschen mehr Temperament an den Tag, als gut für sie war, war aber doch nicht so leichtsinnig, ihren Frust ausgerechnet über eine öffentliche Kom-Leitung zu verbreiten, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überwacht wurde.
So blieb es also im Wesentlichen Jessamys Phantasie überlassen, sich den Kern von Kayes Schwierigkeiten auszumalen – und da sie selbst Mitglied einer fast ausschließlich männlichen Crew war, musste sie dafür nicht gerade besonders viel Phantasie aufwenden.
Die ziemlich kostenintensive Unterhaltung endete schließlich mit großer Herzlichkeit und dem von beiden Seiten oft wiederholten Versprechen, sie so schnell wie möglich fortzusetzen.
Nachdem sie so mit Kayes tatkräftiger Unterstützung dafür gesorgt hatte, dass ihre nächste Kom-Rechnung furchterregende Dimensionen annehmen würde, rief Jessamy Mr. Furgan an, um auch ihm mitzuteilen, dass sie eine neue Mitbewohnerin hatte.
"Ah, es hat also endlich geklappt! Das freut mich aber für Sie, Miss Sorkin."
Das von zahllosen Falten und Fältchen zerknitterte Gesicht des alten Mannes verzog sich zu einem freundlichen Schmunzeln.
"War aber auch höchste Zeit, nicht wahr?"
"Oh ja!", seufzte Jessamy, die an ihren desolaten Kontostand dachte.
"Und für welche der jungen Damen haben Sie sich jetzt entschieden?" erkundigte sich Mr. Furgan.
Jessamy war amüsiert und gerührt zugleich. Es war so typisch für Mr. Furgan, dass er einfach davon ausging, dass sie die Wahl getroffen hatte. Es wäre ihm niemals in den Sinn gekommen, dass es Leute gab, die sein Haus für eine halbe Ruine ohne jeden modernen Wohnkomfort hielten. Für ihn war es einfach unvorstellbar, dass irgendjemand auf die Idee verfallen konnte, lieber in einem anonymen Neubau zu hausen, dessen Appartements ungefähr die Größe von Hamsterkäfigen hatten, statt die atemberaubende Möglichkeit wahrzunehmen, in den weitläufigen Zimmerfluchten des grandiosen Shaalizaar Inns zu leben.
Guter alter Mr. Furgan …
"Für Sondra Rakosh", erwiderte sie. "Sie will gleich morgen einziehen. Ich muss ihr noch Kayes Codeschlüssel geben. Kann ich ihn morgen bei Ihnen abholen, vielleicht gegen elf Uhr?"
"Aber natürlich", sagte Mr. Furgan. Dann zog er seine buschigen Augenbrauen zusammen. "Wie war doch gleich noch mal der Name?"
„Rakosh. Sondra Rakosh", wiederholte Jessamy.
"Das ist aber keine von den jungen Damen auf meiner Liste, oder?" fragte Mr. Furgan zweifelnd.
„Äh … nein." Jessamy zögerte. Dieses Thema hätte sie eigentlich lieber vermieden – sie wollte den alten Mann nicht kränken und er war schrecklich schnell gekränkt.
„Sie war gar nicht auf der Liste. Sie hat Sie wohl erst viel später angerufen, nachdem Sie mir die Namen und die Termine schon durchgegeben hatten", erklärte sie schließlich mit diplomatischem Feingefühl.
Aber das half auch nichts. Mr. Furgan fühlte sich in seiner Ehre verletzt und stellte sofort die Stacheln auf.
„Es hat mich aber gar niemand mehr angerufen, nachdem ich Ihnen die Liste durchgegeben hatte", protestierte er. "Und alle, die mich vorher angerufen haben, habe ich sofort aufgeschrieben. Es waren sechs. Sechs junge Damen. Genau ein halbes Dutzend. Leicht zu merken."
Der Hinweis, dass diese Zahl leicht zu merken war, enthielt eine deutliche Warnung, dass Jessamy sich ja davor hüten sollte, ihm so etwas wie Vergesslichkeit zu unterstellen.
„Ist ja auch egal", sagte Jessamy beschwichtigend. Sie hatte die Kampfansage erkannt und wollte die Sache nicht auf die Spitze treiben. „Also morgen um elf. Benachrichtigen Sie die Hausverwaltung wegen dem Zuschlag für die nächste Nebenkostenabrechnung? Oder soll ich …"
"Nein, das mache ich", fiel Mr. Furgan ihr brüsk ins Wort.
Es war nicht zu übersehen, dass er sehr verstimmt war. Sogar sein salz- und pfefferfarbener Haarschopf schien sich vor Empörung zu sträuben.
„Aber um auf meine Liste zurückzukommen: Ich kann sie ja noch mal heraussuchen und Ihnen zeigen, wenn Sie mir nicht glauben, Miss Sorkin. Ich kann Ihnen auch meinen Einzelverbindungsnachweis für diesen Tag zeigen. Dann sehen wir ganz genau, von wem, wann und wie oft ich angerufen worden bin. Ja, genau das werde ich tun. Ich werde den Nachweis sofort ausdrucken und zu Ihnen heraufkommen. Und dann …"
"Aber das ist wirklich nicht nötig, Mr. Furgan", unterbrach Jessamy ihn hastig und ein wenig verzweifelt. "Ich glaube Ihnen auch so."
Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber sie wollte auf gar keinen Fall wegen einer im Grunde völlig unwichtigen Kleinigkeit in eine endlose zähflüssige Diskussion verwickelt werden. Sie hatte einen langen Tag hinter sich.
„Bis morgen dann. Gute Nacht."
"Gute Nacht, Miss Sorkin", sagte Mr. Furgan steif. Und damit war das Gespräch beendet.
"Ach du liebes Bisschen! Da habe ich ja wieder was angerichtet. Hätte ich doch nur die Klappe gehalten", murmelte Jessamy vor sich hin.
Sie stieß einen kleinen Seufzer aus und ging in die Küche, um den Kater zu füttern, der eine eingebaute Uhr im Magen zu haben schien und inzwischen demonstrativ vor dem Schrank Stellung bezogen hatte, in dem ganze Stapel von Shiwa der Powersnack! (Wertvolle Vitamine und Proteine für Ihren vierbeinigen Liebling!) und anderes Katzenfutter aufbewahrt wurde.
Als der Kater über seinen gefüllten Napf herfiel, machte sich Jessamy an die Vorbereitungen für ihr eigenes Abendessen. Während sie damit beschäftigt war, ging sie im Geist noch einmal die Unterhaltung mit Mr. Furgan durch.
Natürlich hatte er vergessen, Sondra auf die Liste zu setzen beziehungsweise ihren Besuch anzukündigen, so viel stand fest. Er musste einfach mit Sondra gesprochen haben – woher hätte sie sonst Jessamys genaue Adresse und das Datum des Besichtigungstermins wissen sollen? Beides war in den Annoncen nie erwähnt worden, also konnte Sondra es nur von Mr. Furgan persönlich erfahren haben.
Und hatte Sondra nicht gesagt, dass Mr. Furgan ihr sogar erzählt hatte, dass Jessamy bei der Raumflotte war?
Na also! Er wird eben auch nicht jünger, dachte Jessamy nachsichtig, obwohl Mr. Furgan bis jetzt eigentlich noch keine Anzeichen von beginnender Senilität gezeigt hatte. Aber genau so fängt es an – man wird einfach ein bisschen vergesslich und bringt die Fakten durcheinander.
Und damit war die Angelegenheit für sie erledigt …
Aber für Mr. Furgan war sie noch lange nicht erledigt, darüber war Jessamy sich vollkommen im Klaren. Und deshalb war sie auch ein klein wenig erleichtert, als sie ihn am nächsten Morgen um elf Uhr weder in seinem Büro im Erdgeschoss noch in seiner Wohnung, die direkt daneben lag, finden konnte.
Stattdessen traf sie in der Eingangshalle auf Gleb Botkin, der immer als Mr. Furgans Assistent bezeichnet wurde, obwohl niemand so genau wusste, worin er dem Hausmeister des Shaalizaar Inns eigentlich assistierte, denn die Arbeit hatte Gleb nach der allgemein vorherrschenden Meinung nicht gerade erfunden. Diesen Eindruck hatte jetzt auch Jessamy, als sie Gleb beobachtete, der sich auf einen zerfledderten Wischmop lehnte und vorwurfsvoll auf die schwarzweiß gewürfelten Marmorfliesen des Bodens starrte, die es offensichtlich ablehnten, sich selbst zu putzen.
"Guten Morgen, Gleb."
Gleb Botkin runzelte die Stirn und grunzte etwas vor sich hin, das sich ganz entfernt wie "...'n Morgen" anhörte.
Er sprudelte immer beinahe über vor Herzlichkeit, wenn einer der Mieter die Unverfrorenheit besaß, nicht nur seinen Weg zu kreuzen, sondern ihn auch noch anzusprechen. Doch wenn er gehofft hatte, die Bedrohung seiner kleinen Verschnaufpause mit einem finsteren Gesicht zu verscheuchen, so hatte er sich geirrt. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn war Jessamy an den Umgang mit wirklich grimmigen Zeitgenossen gewöhnt und daher von Glebs Griesgrämigkeit nicht besonders beeindruckt.
"Wissen Sie zufällig, wo Mr. Furgan ist?" fragte sie.
"Zufällig ja", brummte Gleb. "Hängt irgendwo drüben im Nordflügel rum. Kümmert sich um einen Wasserrohrbruch."
Sein Tonfall ließ klar erkennen, dass er davon überzeugt war, dass die Bewohner des Shaalizaar Inns Wasserrohrbrüche und ähnliche Unannehmlichkeiten aus reiner Bosheit verursachten, nur um den Hausmeister auf Trab zu halten – von seinem geknechteten und hoffnungslos überarbeiteten Assistenten natürlich ganz zu schweigen!
"Und wo genau im Nordflügel, wenn ich fragen darf?" erkundigte sich Jessamy. (Sie konnte hartnäckig sein, wenn es sein musste. Und bei Leuten wie Gleb musste es sein.)
Gleb machte ein leidendes Gesicht – eine mimische Leistung, die er außergewöhnlich gut beherrschte! – und schüttelte langsam und traurig den Kopf. Es war nicht zu übersehen, dass die Beantwortung von so vielen Fragen auf einen Schlag beinahe über seine Kräfte ging.
"Weiß ich doch nicht", knurrte er schließlich und starrte Jessamy mit unverhohlener Feindseligkeit durch die flachsfarbenen Haarbüschel an, die ihm strähnig in die Augen hingen und förmlich nach einer Schere schrien.
"Wenn Sie ihn sehen, dann richten Sie ihm doch bitte aus, dass ich später noch mal vorbeikomme, um den Codeschlüssel zu holen", sagte Jessamy mit angestrengter Höflichkeit. (Glebs Antipathie beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.)
"Ach so, Ihr Schlüssel", grummelte Gleb.
Er fing an, in sämtlichen Taschen seines schmierigen blauen Overalls herumzukramen. Nach einer eher lustlos durchgeführten Suchaktion förderte er endlich das Objekt von Jessamys Wünschen zutage. Er übergab ihr die transparente, rechteckige Kunststoffkarte, auf die der Computercode für den elektronischen Schließmechanismus ihrer Wohnungstür eingeprägt war, im Zeitlupentempo.
„Den sollte ich Ihnen ja bringen. Hab ich glatt vergessen."
Die Tatsache, dass er Mr. Furgans Auftrag vergessen hatte, schien ihn nicht gerade in Verzweiflung zu stürzen. Um genau zu sein: Das breite Grinsen, das sein Gesicht von einem Ohr bis zum anderen spaltete, war mehr als nur ein bisschen unverschämt und eine offene Herausforderung. Jessamy überlegte kurz, wie Captain Dakall auf eine derartige Provokation reagieren würde, und kam zu dem Schluss, dass er seinem Gegner mit einer geballten Ladung gletscherkalter Ironie den Wind aus den Segeln nehmen würde.
"Danke, Gleb. Sie waren eine große Hilfe – so wie immer! " sagte sie kühl, drehte sich auf dem Absatz um und ging davon.
Sie hatte schon den Lift erreicht, als es Gleb endlich dämmerte, dass er gerade beleidigt worden war.
"He! He, Sie!"
Jessamy ignorierte ihn einfach. Schlechte Manieren bestrafte man am besten mit schweigender Verachtung – auch hierin gab Captain Dakall bei jeder Gelegenheit ein nachahmenswertes Beispiel ab. (Captain Dakall war überhaupt in jeder Lebenslage ein leuchtendes Vorbild – eine Tatsache, auf die er immer wieder ausdrücklich hinwies –, aber das änderte im Grunde auch nichts daran, dass er als Vorgesetzter eine wahre Heimsuchung war.)
Die Lifttüren öffneten sich mit einem asthmatischen Schnaufen und Jessamy betrat gerade die mit angelaufenen Spiegeln ausgekleidete Kabine, als Gleb gereizt hinter ihr her blökte: "Mr. Furgan lässt Ihnen ausrichten, dass er heute irgendwann bei Ihnen vorbeikommt. Er hat gesagt, dass er irgendwas mit Ihnen besprechen will."
Oh nein, nur das nicht! dachte Jessamy. Hoffentlich taucht er wenigstens noch vor Sondra auf, sonst wird es vielleicht peinlich.
Aber als Sondra am späten Nachmittag eintraf, hatte Mr. Furgan noch nichts von sich hören oder sehen lassen.
Jessamys neue Mitbewohnerin rückte mit einem Koffer, zwei Reisetaschen und drei großen Kartons an, deren Gewicht ihrem Umfang zu entsprechen schien. All das wurde nach und nach von einem jungen Mann, der in Sondras Kielwasser folgte und das Abzeichen der Taxigleitergilde am Kragen seines Jacketts trug, unter theatralischem Keuchen und Stöhnen hereingeschleppt und mit viel Gepolter auf dem Boden ihres Zimmers abgesetzt.
Als das vollbracht war, zückte der Taxifahrer sofort ein zerknülltes Papiertaschentuch, wischte sich demonstrativ nicht vorhandene Schweißtropfen vom Gesicht und befühlte mit wehleidiger Miene seinen Rücken, womit er offensichtlich andeuten wollte, dass Sondras Gepäck seine Wirbelsäule irreparabel geschädigt und wahrscheinlich auch noch seine durchschnittliche Lebenserwartung um Jahre verkürzt hatte.
Nachdem er mit einem kurzen prüfenden Seitenblick festgestellt hatte, dass sein Fahrgast von seiner Darbietung gebührend beeindruckt war, lehnte er sich, scheinbar von einem Schwächeanfall heimgesucht, gegen die Tür und forderte mit versagender Stimme einen unverschämt hohen Preis für all seine Mühen.
Sondra wühlte zunehmend nervös in ihrer Handtasche, fischte schließlich einen Geldbeutel heraus, dessen Münzfach so mit Creditchips vollgestopft war, das es fast aus den Nähten platzte, und bezahlte die verlangte Summe widerspruchslos.
Nachdem die skrupellose Entfaltung seines schauspielerischen Talentes auch noch mit einem viel zu großzügigen Trinkgeld gewürdigt worden war, erholte sich der Taxifahrer mit wunderbarer Schnelligkeit von seinem kräftezehrenden Auftritt und verschwand, um sich auf die Jagd nach seinem nächsten und vielleicht genauso nachgiebigen Kunden zu machen.
Jessamy, die die filmreife kleine Szene mitverfolgt und sich dabei nur mit Mühe das Lachen verkniffen hatte, empfand fast so etwas wie Bewunderung für die professionelle Freibeutermentalität, mit der dieser moderne Pirat des öffentlichen Nahverkehrs auf Kaperfahrt ging.
„So ein Gauner! Der hat dich ganz schön abgezockt, Sondra."
„Ich weiß. Aber ich habe immer Schwierigkeiten damit, Nein zu sagen, wenn's drauf ankommt. So bin ich nun mal", sagte Sondra und lächelte verlegen. "Außerdem halte ich mich an den Grundsatz: Jeden Tag eine gute Tat …"
Jessamy grinste.
"Sieht so aus, als hätte ich mir gerade eine echte Pfadfinderin zugelegt. Soll ich dir beim Auspacken helfen?" fuhr sie mit einem Blick auf Sondras Gepäckstapel fort.
"Nein, nein, das ist nicht nötig", wehrte Sondra hastig ab. "Das schaffe ich auch allein."
Nun, aufdrängen wollte Jessamy sich nicht.
„Na dann …", sagte sie achselzuckend. „Ich bin im Wohnzimmer, falls du mich doch noch brauchst oder irgendeine Frage hast."
"Gut", sagte Sondra.
Und damit ging sie in ihr Zimmer hinein und machte die Tür hinter sich zu, was den Kater, der seit ihrer Ankunft um sie herumwieselte und um ihre Aufmerksamkeit bettelte, sichtlich irritierte. Einen Augenblick lang verharrte er schmollend vor der Tür, die ihm einfach vor der Nase zugeschlagen worden war, dann trottete er zu Jessamy, die es sich inzwischen gemütlich gemacht hatte, um Musik zu hören und die letzten Stunden ihrer kurzlebigen Wochenendfreiheit zu genießen.
An diesem Tag sah Jessamy nicht mehr viel von ihrer Untermieterin, obwohl sie dafür umso mehr von ihr hörte. Sondra werkelte stundenlang unter großem Gepolter in ihrem Zimmer herum – die Verstauung ihrer Habseligkeiten schien eine komplizierte und vor allem langwierige Angelegenheit zu sein.
Sie kam erst wieder zum Vorschein, als Jessamy gegen Abend an ihre Tür klopfte und sie zu einem kleinen Imbiss in der Küche einlud, ein Angebot, das Sondra mit einer so überschäumenden Dankbarkeit annahm, als hätte Jessamy ihr ein 3-Gänge-Menü in einem 5-Sterne-Restaurant spendiert.
Aber eine besonders lebhafte Unterhaltung kam bei dieser ersten gemeinsamen Mahlzeit nicht auf. Sondra erklärte und entschuldigte ihre Einsilbigkeit damit, dass sie nach dem ganzen Hin und Her des Tages todmüde sei, und Jessamy war inzwischen in eine leicht umwölkte Stimmung verfallen, die die spottlustige Kaye immer als die klassische Sorkin-Sonntagabend-Melancholie bezeichnete. (Eine Bemerkung, auf die Jessamy übrigens immer zu antworten pflegte, dass die Aussicht, vierzehn endlose Tage lang einem Plagegeist wie Captain Dakall auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, auf die Dauer sogar die sprichwörtliche heitere Gelassenheit eines tivatanischen Bettelmönches überfordern würde.)
Nach dem Essen wünschten die beiden sich gegenseitig eine gute Nacht und gingen bald darauf schlafen.
Doch als Jessamy am Montagmorgen aus ihrem Bett taumelte und mit halbgeschlossenen Augen in Richtung Badezimmer schlafwandelte, drang aus der Küche bereits ein verheißungsvolles Klappern und Klirren von Schranktüren und Geschirr. Das würzige Aroma von frischem Cofecea zog eine unwiderstehliche Duftspur durch den Flur, die Jessamys Nase kitzelte und sie wie ein Magnet zum Schauplatz des Geschehens zog. Wie sie gleich darauf mit mildem Erstaunen feststellte, war Sondra nicht nur schon hellwach, sondern auch bereits damit beschäftigt, ein großartiges Frühstück zu zaubern.
"Hallo!" sagte sie strahlend, als Jessamy hereinstolperte und leicht verdrossen in das helle Licht der Küchenlampe blinzelte wie ein Nachtkauz, der von der Morgensonne geblendet wurde. "Willst du dein Ei hartgekocht oder wachsweich?"
"Weich", murmelte Jessamy und gähnte, als könnte sie nie wieder damit aufhören.
Aber diese zusätzliche Sauerstoffzufuhr trug so viel zu ihrer vollständigen Wiederbelebung bei, dass sie jetzt sogar dazu in der Lage war, die Augen ganz aufzumachen und eine Frage zu formulieren.
"Bist du aus dem Bett gefallen oder bist du immer schon so früh munter?"
"Nein, aber wir können doch nur heute zusammen frühstücken – bis du wiederkommst, meine ich –, und die Gelegenheit müssen wir nützen, finde ich", sagte Sondra.
Es dauerte einen Augenblick, bis Jessamy die ganze Tragweite dieser Aussage erfasst hatte – ihr Körper war inzwischen vielleicht schon wach, aber ihre Logik befand sich morgens um 04.30 Uhr für gewöhnlich noch im Reich der Träume.
"Soll das heißen, dass du nur meinetwegen praktisch mitten in der Nacht aufgestanden bist?" fragte sie verwundert.
Sondra nickte eifrig.
"Wow! Also das ist wirklich nett von dir, danke."
Jessamy war ganz erschlagen von so viel Selbstlosigkeit. An diese Form von Altruismus war sie nicht gewöhnt.
Kaye Drumheller war durch und durch ein nettes Mädchen, aber um sie auch nur zehn Minuten früher als unbedingt notwendig aus den Federn zu bringen, hätte man schon einen Feueralarm auslösen müssen. Sondra dagegen hatte ihr Bett nur verlassen, um mit Jessamy frühstücken zu können.
Das war rührend und irgendwie richtig süß, fand Jessamy und als Sondra ihr schüchtern vorschlug, sie solle gleich ins Bad zu gehen und ihre Morgentoilette hinter sich bringen, damit ihr für das Frühstück auch noch genug Zeit blieb, ging sie sofort darauf ein.
Sie zog sich in ihre Nasszelle zurück und erledigte die ganze alltägliche Prozedur vom Duschen übers Zähneputzen bis zum Anziehen im Schnellverfahren. Trotzdem war es schon fast fünf, als sie mit einem Kamm bewaffnet aus dem Bad stürmte und ihren feuchten Haarschopf einigermaßen glattstriegelte, während sie in ihr Zimmer lief, wo sie ihren roten Seidenpyjama über eine Stuhllehne warf und rasch ihr Bett machte, indem sie Laken, Kopfkissen und Decke zurechtzupfte und -schüttelte, bevor sie sich wieder in der Küche einfand.
"Phantastisch!" lobte sie mit einem Blick auf den üppig gedeckten Frühstückstisch, der keine Wünsche offen ließ. "Nur schade, dass ich so wenig Zeit habe. Ich muss punkt 06.15 Uhr am Raumhafen sein."
"Bis dahin ist es doch noch eine Ewigkeit", sagte Sondra beruhigend und legte eine frische Scheibe Röstbrot auf Jessamys Teller, vor dem schon ein Eierbecher mit einem kochendheißen Ei wartete. "Jetzt setz dich erstmal hin und iss was. Du kannst doch nicht mit leerem Magen auf- und davonfliegen."
"Genau das hat meine Mutter auch immer gesagt. Sie hatte eine Menge Sprüche dieser Art auf Lager, wenn es darum ging, mich zum Essen zu bringen."
Jessamy Lächeln fiel ein wenig schief aus – es tat immer noch weh, wenn sie so unerwartet an ihre Eltern erinnert wurde, die sie vor drei Jahren im Abstand von nur wenigen Monaten verloren hatte.
Aber Sondra hatte einfach ein Lächeln verdient, nicht wahr? Sie war so nett, so fürsorglich, so …
"Vermisst du sie sehr?" fragte Sondra unvermittelt.
Doch als sie sah, dass Jessamys Lächeln einfror und wortlosem Staunen Platz machte, überzog eine flammende Röte ihr blasses Gesicht, bis es von innen heraus zu glühen schien wie ein Tanagrakristall.
"Oh … ich … du hast doch in der Vergangenheitsform von ihr gesprochen und du hast dabei so traurig ausgesehen ... da habe ich mir natürlich gedacht, dass sie tot ist ... deine Mutter, meine ich", stammelte sie und war ganz außer sich vor Verlegenheit. "Oh Gott, ich hätte lieber den Mund halten sollen. Du hältst mich doch jetzt bestimmt für schrecklich aufdringlich und taktlos", sagte sie niedergeschlagen.
Jessamy atmete tief durch. "Nein. Nein, das tue ich nicht. Ist ja auch kein Geheimnis oder Tabuthema oder so. Nur ... ich möchte meine Familiengeschichte nicht unbedingt hier und jetzt durchkauen, verstehst du?"
„Aber ja, natürlich!" erwiderte Sondra hastig. „Tut mir ja so Leid, dass ich überhaupt davon angefangen habe."
„Schon gut", sagte Jessamy ruhig. „Gibst du mir bitte das Salz? Danke. Oh, ist das etwa frischer Rangoonasaft? Na, ich muss schon sagen, das ist mit Abstand das feudalste Montagmorgenfrühstück, das ich je hatte. Du verwöhnst mich ja richtig."
Sondras Miene hellte sich so schnell wieder auf wie ein verhangener Himmel, dessen Regenwolkenfront von einem kräftigen Wind davongewirbelt wurde. Es dauerte nicht lange, bis es Jessamy gelungen war, sie in ein Gespräch zu verwickeln, obwohl sie den Löwenanteil dieser Unterhaltung alleine bestreiten musste, wie sich bald herausstellte.
Um sowohl Sondra als auch sich selbst bei Laune zu halten beziehungsweise in Stimmung zu bringen, bevor der graue Alltag sie endgültig wieder einholte, erzählte Jessamy von den kleinen Schrullen und Macken ihrer diversen Vorgesetzten, denen man teilweise durchaus eine komische Seite abgewinnen konnte – solange man nicht unmittelbar mit ihnen konfrontiert wurde.
Sondra erwies sich als dankbares Publikum und quittierte die Pointen von Jessamys Anekdotensammlung mit viel Gekicher. Unter Essen und Schwatzen verging die Zeit wie im Flug und als Jessamy einen Blick auf das Wandchrono warf, um zu sehen, ob sie sich noch ein Stück Brot mit dem köstlichen Melusinengelee gönnen konnte, mit dem Mrs. Lagardia sie immer so großzügig bedachte, war es schon 05.42 Uhr – eine Erkenntnis, die Jessamy nach einer Schrecksekunde mit einem wilden Aufschrei aufspringen ließ.
"Oh, nein! Ich komme zu spät!"
Sie stürzte in den Flur hinaus, wo sie in der Hektik ihrer Aufbruchsstimmung ihre Hausschuhe ausnahmsweise schwungvoll in die nächstbeste Ecke schleuderte, statt sie wie üblich ordentlich wegzuräumen, bevor sie energisch ihren rechten Fuß in einen ihrer Uniformstiefel hineinzwängte.
"Ach was. Du kommst nicht zu spät. Du hast doch noch über eine halbe Stunde Zeit und so früh am Morgen wirst du nicht mal vom Berufsverkehr aufgehalten. Das schaffst du leicht", sagte Sondra, die ihr mit der Cofeceatasse in der Hand gefolgt war.
Aber Jessamy beurteilte die Situation etwas weniger optimistisch und dazu hatte sie auch allen Grund. Um den Raumhafen zu erreichen, der außerhalb von Delamere lag, musste sie mit ihrem Gleiter durch die ganze Innenstadt. Und in der City gab es zurzeit nicht weniger als vier Großbaustellen, die für ein kaum noch überschaubares Wirrwarr aus komplizierten Umleitungen zwischen den Häuserschluchten sorgten.
Hinzu kamen Flugbahnwechselverbote, Geschwindigkeitsbegrenzungen, willkürlich installierte Ampeln und Warndisplays, die wie exotische Giftpilze über Nacht aus dem Boden zu schießen schienen, und Scharen von tyrannischen Überwachungsdroiden, die ihre ausgesprochen größenwahnsinnige Vorstellung von ihren Kompetenzbereichen und Machtbefugnissen mit ihren menschlichen Pendants von der Verkehrspolizei teilten und damit das Chaos komplett machten.
Um diesem vorprogrammierten verkehrstechnischen Infarkt wenigstens morgens zu entgehen, machten sich die berufstätigen Bürger von Delamere momentan so früh wie nur möglich auf den Weg zu ihren Arbeitsplätzen, was unweigerlich zur Folge hatte, dass der tägliche Guerillakrieg der klassischen Rushhour einfach eine Stunde früher ausbrach als sonst. Und deshalb bezweifelte Jessamy ernsthaft, dass sie es schaffen würde, sich noch rechtzeitig auf der Landeplattform einzufinden, wo ein Shuttle von der Warbride bereit stand, um die Wochenendlandurlauber zurückzubringen.
Oh, der Shuttle-Pilot natürlich warten, wenn ihm gemeldet wurde, dass die Schäfchen seiner Herde noch nicht vollzählig versammelt waren. Ihm war es egal, ob er eine Viertelstunde früher oder später im Hangar der Warbride landete.
Aber Captain Dakall war es nicht egal und er würde ziemlich schnell herausfinden, wer an dieser Verspätung schuld war. Danach würde er die Sünderin sofort zu sich zitieren und ihr vor den Augen und Ohren der halben Besatzung eine lange, lange Strafpredigt halten. Er würde ihr mit seiner tiefgekühlten Gelassenheit, die so viel wirkungsvoller war als das Geschrei und Gezeter von anderen Vorgesetzten, klarmachen, dass Pünktlichkeit nicht nur die Höflichkeit der Könige, sondern auch eines der vielen Markenzeichen von imperialen Offizieren war.
Er würde Jessamy mit dem frostigen Sarkasmus, der so typisch für ihn war, zu verstehen geben, dass ihr offensichtlich gestörtes Verhältnis zum Faktor Zeit die Disziplin der ganzen Raumflotte unterminierte und dass ihr egoistisches Bedürfnis nach einem möglichst ausgedehnten Frühstück eines Tages höchstwahrscheinlich den totalen Zusammenbruch des Imperiums verursachen würde, womit natürlich automatisch die ganze Galaxis dem sicheren Untergang geweiht war.
Nach diesem niederschmetternden Blick in die Zukunft würde er Jessamy in Ungnaden entlassen. Und für die nächste Zeit würde er sich wie ein Biest aufführen und Jessamy bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Leben schwer machen, um sie endgültig von den Segnungen militärischer Disziplin und der Notwendigkeit, die Vorschriften einzuhalten, zu überzeugen. Schon der Gedanke daran versetzte Jessamy in eine milde Panik, die Kaye ziemlich treffend als „fünf Minuten vor der Angst" bezeichnet hätte.
"Hoffentlich laufe ich jetzt nicht auch noch Mr. Furgan in die Arme", seufzte sie, während sie gewaltsam den zweiten Stiefel über ihren linken Fuß zerrte. "Sonst fängt er wieder mit seiner Liste an.
Er kann es gar nicht fassen, dass er dich vergessen hat. Stell dir vor, er hat doch tatsächlich behauptet, dass er überhaupt nicht mit dir gesprochen hat."
Sie griff nach einer Tasche, die ein paar unverzichtbare persönliche Kleinigkeiten enthielt. „Er wollte gestern sogar zu mir kommen und mir den Ausdruck von irgendeinem Nachweis-Dingsbums zeigen, um es mir zu beweisen."
In diesem Augenblick ließ Sondra ihre Tasse fallen. Das oval geformte Gefäß zersprang sofort in tausend Stücke, als es auf eine Ecke von Jessamys Greelholzkommode prallte. Ein Regen aus orangefarbenen Keramikscherben und goldbraunem Cofecea ergoss sich über das kitschige himmelblaue Blümchenmuster von Sondras bravem Kleinmädchennachthemd.
"Oh … das tut mir so Leid. Wie dumm von mir! Ich bin heute Morgen wirklich das reinste Trampeltier!"
In Sondras Augen erschien ein verdächtig feuchter Schimmer – die Vorhut einer ganzen Armee aus Tränen.
"Ach, mach dir nichts draus. Scherben bringen Glück – und Glück ist genau das, was ich jetzt brauche", sagte Jessamy leichthin.
Doch im Stillen hoffte sie, dass Sondra nicht zu diesen schusseligen Zeitgenossen gehörte, die ständig das Gesetz der Schwerkraft unter Beweis stellten, indem sie praktisch ununterbrochen Gläser, Teller und andere leicht zerbrechliche Küchenutensilien Bodenkontakt aufnehmen ließen. Jessamys Geschirrbestände konnten ein paar Ausrutscher durchaus verkraften, aber unerschöpflich waren sie nicht.
Dieser Gedanke brachte sie darauf, dass sie Sondra noch gar keine Verhaltensmaßregeln für kleine und größere Notfälle gegeben hatte. Den Türknauf schon in der Hand drehte sie sich noch einmal um, um dieses Versäumnis schnell nachzuholen.
"Ach ja, noch was: Wenn du irgendein Problem hast, während ich weg bin, dann wendest du dich am besten an Mr. Furgan."
"Oh, das werde ich, darauf kannst du dich verlassen", murmelte Sondra.
"Du kannst auch zu Mrs. Lagardia gehen. Sie wohnt direkt neben uns und ist ein echter Schatz", sagte Jessamy hastig.
Sie war mit einem Fuß schon draußen auf dem Hausflur, denn die Zeit zerrann ihr wie Sand zwischen den Fingern und in ihrer Phantasie erhob sich drohend eine Vision von Captain Dakall, der mit unheilverkündendem Lächeln ein wahres Dracheneinest von grässlichen Schikanen für einen gewissen Lieutenant ausbrütete. Die bloße Vorstellung beschleunigte ihre Abschiedszeremonie fast auf Lichtgeschwindigkeit.
"Aber ich muss jetzt wirklich los. Freitag in zwei Wochen sehen wir uns ja wieder – hoffe ich jedenfalls! Bis dann und mach's gut, Sondra", sprudelte sie atemlos heraus.
"Auf Wiedersehen, Sam", sagte Sondra mit Wärme. "Pass auf dich auf. "
"Ich werd's versuchen", seufzte Jessamy und stürmte davon.
Sie legte die glücklicherweise recht kurze Strecke bis zum Aufzug in Rekordzeit zurück, was aber nichts daran änderte, dass der Lift Jahre zu brauchen schien, bis er sich in den neunundvierzigsten Stock hinaufgequält hatte.
Doch die Talfahrt mit seinem einzigen Passagier dauerte Jahrhunderte – zumindest kam es Jessamy, die inzwischen vor Ungeduld fast verging, so vor. Als der Lift endlich im Erdgeschoss angekommen war und seine Türen sich unendlich langsam Millimeter für Millimeter aufgeschoben hatten, stob Jessamy hinaus wie ein TIE-Jäger aus seiner Startrampe.
Im nächsten Augenblick erfüllten sich ihre schlimmsten Befürchtungen, denn sie entdeckte Mr. Furgan, der direkt neben der Eingangstür auf der Lauer lag, jederzeit bereit zum Angriff.
"Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Miss Sorkin", rief er sofort, als er Jessamy erspähte. "Ich …"
"Lieber Mr. Furgan, ich bin schrecklich spät dran und wenn ich nicht in … oh Gott! ... siebenundzwanzig Minuten am Raumhafen bin, bekomme ich furchtbaren Ärger!", fiel Jessamy ihm ins Wort.
"Aber ich…" begann Mr. Furgan.
"Ich weiß, ich weiß", unterbrach Jessamy ihn erneut, denn sie hatte seine ersten Worte als Beginn einer Beichte aufgefasst. "Sie haben sich geirrt, es tut Ihnen Leid, Sie wollen sich dafür entschuldigen und ich nehme Ihre Entschuldigung hiermit an. Wiedersehen!"
Ohne Mr. Furgans Reaktion auf ihren Wortschwall abzuwarten, fegte sie durch die Drehtür des Shaalizaar Inns hinaus auf die Straße, wo ein strahlender Morgen sie in Empfang nahm.
Als sie sich Sekunden später mit ihrem Gleiter in den fließenden Verkehr einfädelte und ihre Aufmerksamkeit von anderen Dingen in Anspruch genommen wurde, hatte sie Mr. Furgan und all die anderen kleinen Sorgen und Nöte ihres häuslichen Daseins bereits vergessen …
Vardiss:
"Fassen wir doch noch einmal zusammen, nur fürs Protokoll."
Colonel Breghala sprang mit bemerkenswerter Elastizität aus seinem Schalensessel und begann mit schwungvollen, raumgreifenden Schritten hinter seinem Schreibtisch auf- und abzugehen.
"Sie mussten insgesamt viermal in der größten Tageszeitung von Devon inserieren, um überhaupt ein paar Interessentinnen für Ihr möbliertes Zimmer zu finden", dozierte er. "Aber sogar diese wenigen Bewerberinnen sind am Ende alle abgesprungen – trotz Ihres relativ günstigen Angebotes und trotz der allgemein schlechten Wohnungsmarktlage in Delamere. Und sie alle haben ihre Ablehnung mit eher irrelevanten Argumenten begründet. Alle haben abgelehnt. Und dann kam Sondra Rakosh …"
Er blieb einen Augenblick lang stehen und starrte nachdenklich vor sich hin, bevor er fortfuhr. "Inzwischen war seit Drumhellers Auszug natürlich schon einige Zeit vergangen …"
"Mehr als zwei Monate, Sir", warf Jessamy ein.
„… und Ihre finanziellen Reserven waren restlos erschöpft", fuhr Breghala unbeirrt fort.
"Restlos nicht", widersprach Jessamy und fragte sich im gleichen Augenblick, warum sie sich überhaupt die Mühe machte. Es ging schließlich niemanden etwas an, wie sie mit ihrem Geld umging – oder vielleicht doch?
Breghala lächelte ein wenig. "Na schön, aber Sie hatten auf jeden Fall einen kleinen ... Engpass, der sich leicht zu einem echten Problem hätte auswachsen können, nicht wahr? Sie waren also in einer Situation, in der Sie Sondra Rakosh einfach akzeptieren mussten. Sie hätten sie gar nicht ablehnen können – nicht einmal dann, wenn sie Ihnen unsympathisch gewesen wäre, oder?"
"Na ja … ich hätte es wahrscheinlich trotzdem mit ihr versucht", räumte Jessamy ein.
"Aber zum Glück war sie Ihnen ganz und gar nicht unsympathisch ... und schon haben sich all Ihre Probleme in Wohlgefallen aufgelöst."
Die leise Ironie in Breghalas Tonfall gefiel Jessamy nicht, aber bevor sie sich dazu äußern konnte, sagte er trocken: "Ich schlage vor, wir machen weiter."
Jessamy schluckte ihren leicht angekratzten Stolz hinunter und gehorchte.
„Als ich zwei Wochen später wieder nach Hause kam", begann sie, "schien auf den ersten Blick alles ganz in Ordnung zu sein. Mehr als nur in Ordnung …"
Fortsetzung folgt ...
