Kapitel 7: Aus den Gräbern und Ruinen werden Tote aufersteh'n

Das erste was er bemerkte als er zu sich kam war, dass er allein war.

„Elisabeth...", murmelte er leise, ohne die Augen zu öffnen. „Elisabeth, wo bist du? Ist es schon wieder Zeit zum aufstehen?"

Er wartete eine Weile vergeblich auf eine Antwort. Als er die Augen aufschlug und das modrige Gewölbe über sich erblickte, verflüchtigte sich die Illusion, an der er beim Aufwachen noch festgehalten hatte und die Ereignisse der letzten Nacht kehrten in seinen Geist zurück.

Elisabeth würde nicht zurückkommen, nie wieder.

Er fühlte wie ihm die Trauer Tränen in die Augen trieb und seine Kehle zuschnürte. Ihm wurde schmerzhaft bewusst, wie sehr er sich nach ihr sehnte. Er würde sie immer vermissen.

Der Graf richtete sich auf und wischte die Tränen fort. Er brauchte einige Herzschläge lang, um sich wieder etwas zu sammeln und sich zu erheben. Das einzig Positive, das es an diesem Abend für ihn gab war die Tatsache, dass er keine Schmerzen mehr spürte. Die Verletzungen der vergangenen Nacht schienen vollständig verheilt, während er geruht hatte. Er fühlte mit unfehlbarer Gewissheit, dass die Sonne soeben hinter dem Horizont versunken war. Und diese Erkenntnis brachte einen weiteren Gedanken mit sich.

In den vergangenen Stunden war Elisabeth gefunden worden und er konnte sich die Aufregung vorstellen, die im Schloss herrschen musste. Sein Sohn erlebte wohl gerade die schlimmste Zeit seines Lebens und er war nicht in der Lage, ihm dabei zur Seite zu stehen. Dieser Gedanke schmerzte sehr, denn das, was Herbert jetzt ertragen musste, war ganz allein die Schuld seines Vaters. Dennoch würde er in dieser Nacht nicht nach Hause zurückkehren können, wenn er sich nicht selbst verraten wollte. Er hatte alles genau durchdacht. Er hatte sich eine Erklärung für sein Verschwinden nachprüfbar zurechtgelegt. Die einzige Person, die seine Worte Lügen strafen konnte, war fort und die Wahrheit würde mit ihr zu Grabe getragen werden.

Ehe er zurückkehrte gab es noch vieles zu bedenken und zu erforschen. Der Graf klopfte den Schmutz von seinem Reisemantel und verließ das muffige Gewölbe, um nach seinem Pferd zu sehen. Als er die Treppe hinaufgestiegen war und in den zerfallenden Reste des nahezu dachlosen Gebäudes heraus kam, herrschte um ihn das mattes Dämmerlicht, welches dem Sonnenuntergang gefolgt war, ehe die Schatten der Nacht es restlos verschlang.

Das ist es also, was mir vom Sonnenlicht bleibt, dachte der Graf traurig. Ein blasser Abglanz. Ebenso wie von meinem eigenen Leben...

Er sah sich die nähere Umgebung an. Nicht länger menschlich, war ihm dieser Ort noch immer befremdlich. Im letzten schwachen Licht des Tages bemerkte er auch, was ihm an diesem Morgen entgangen war. Er war keineswegs allein an diesem Ort. Doch diese unsichtbaren Wesen waren genauso wenig menschlich, wie er selbst. Er spürte ihre Gegenwart, sie fühlten sich ähnlich an, wie der Vampir, den er in der vergangenen Nacht getötet hatte, nicht, wie die eines Menschen. Auch hörte er seltsame, schabende Geräusche aus unterschiedlichen Richtungen. Manche schienen weiter entfernt, andere ganz nah. Und jetzt, wo er sich suchend umblickte, sah er, wo das Geräusch herrührte. Ganz in seiner Nähe hatte sich eine dünne, mit langen Nägeln bewerte Hand aus dem Boden gegraben. Ihr folgte eine weitere und bald entwand sich eine dürre, vor Dreck starrende Gestalt dem Boden, an genau einem jener Plätze, wo die Erde unberührt geblieben war. Der Graf erschauerte. Er blickte sich um und erkannte, dass sich überall um die Ruine weitere Gestalten aus dem Boden gruben. Der Graf beobachtete mit geweiteten Augen das Schauspiel und schüttelte entsetzt, langsam in die Ruine zurückweichend, den Kopf. Das konnte einfach nicht wahr sein. Er fühlte sich als sei er in einem Albtraum gefangen.

Nun ergaben die Worte des Vampirs einen Sinn. Es gab mehr als nur eine Hand voll von ihnen, wie er inständig gehofft hatte.

Graf von Krolock schluckte krampfhaft. Doch während er zusah, wie sich immer mehr Vampire aus ihren Gräbern erhoben, straffte er seine Schultern und richtete sich zu voller Größe auf. Erneut setzte er die altbewährte Maske auf. Keine dieser Kreaturen sollte wissen, wie sehr ihn dieses Schauspiel entsetzte, sogar beängstigte. Ihn, der in seinen ganzen Leben noch nie etwas begegnet war, das solche Angst in ihm auslöste. Bis vor wenigen Tagen.

Die anderen schienen ihn nicht zu bemerken und dies verschaffte ihm Zeit, wieder etwas Fassung zu bewahren. Es war schließlich eine Frau, die ihn zuerst bemerkte und auf ihn zukam. Sie war klein und von schmächtiger Statur. Verfilztes Haar fiel um ihre dürren Schultern und ihre Kleidung bestand nur noch aus schmutzigen Fetzen.

„Du bist das also", meinte sie mit dunkler, rauchiger Stimme, die man bei einer so zierlichen Frau kaum vermutet hätte. „Dich hat Kastor ausgewählt."

„Ausgewählt, wofür?", entgegnete Graf von Krolock ruhig, auch wenn es ihm übel aufstieß, mit solch schamloser Vertraulichkeit von einer Fremden angesprochen zu werden. „Ich bin sicher, dass er das bereits erklärt hat. Immerhin sagte er uns, er hätte dich auserwählt."

„Auserwählt wofür, Weib? Erklärt Euch deutlicher!", erwiderte er ungeduldig.

Allmählich schien sie jedoch zu ahnen, dass etwas nicht stimmte. Sie spähte an ihm vorbei in die Ruine, ganz so, als ob sie nach jemandem ausschau hielt.

„Wo ist Kastor?", fragte sie nun unsicher.

„In der sogenannten Hölle, wo er hingehört. Er hat bezahlt für die Verbrechen, die er begangen hat!"

„Verbrechen? Welche Verbrechen?"

Ein weiterer Vampir stieß dazu. Er war nahezu so groß, wie der Graf selbst, doch längst ergraut und hager mit sich lichtendem Haaransatz und verkniffenen Zügen. Nichtsdestotrotz ebenso dreckbesudelt, wie der Rest von ihnen.

Die blassen Augen des Grafen richteten sich mit eisiger Kälte auf sein neues Gegenüber.

„Sieh' mich an!", zischte er. „Glaubst du, ich wollte jemals sein, wie ihr?"

„Du solltest das Geschenk, das dir zuteil geworden ist, lieber zu schätzen lernen, Kleiner! Es wird nicht einfach an jeden verschwendet!", erwiderte der ältere Vampir gekränkt.

Graf Von Krolock fühlte seine Beherrschung dahinschwinden und seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Wie habt Ihr mich gerade genannt? Ihresgleichen hat mich 'Herr Graf' oder 'Eure Exzellenz' zu nennen!"

Der grauhaarige wandte sich der schmächtigen Frau zu.

„Und dieser hier soll uns in ein besseres Leben führen, Hildiko? Hat Kastor jetzt voll und ganz den Verstand verloren?", spuckte er aus.

„Wenn Ihr Kastor nicht Gesellschaft leisten wollt, solltet Ihr Eure Zunge hüten, mein Freund!"

Seine Stimme war kalt, gefährlich ruhig und war voll Entschlossenheit.

Jetzt war er nicht der rachsüchtige Mensch, der an diesem Morgen noch seine tote Frau gerächt hatte. Er hatte einen harten Blick angenommen, der ihm in seiner gesamten sterblichen Existenz fremd gewesen war. Gleichzeitig fielen alle Skrupel und Ängste von ihm ab. Aus ihm sprach nicht mehr der Mensch, sondern das Wesen der Finsternis.

Er sah sich kurz um. Die übrigen Vampire hatten sich ihnen nun genähert und verfolgten aufmerksam dem Disput. Graf von Krolock schätzte ihre Zahl auf etwa zwei Dutzend.

„Lasst mich eines klarstellen", sagte er leise, doch er war sich sicher, dass ihn alle hörten. „Die Umstände, die dazu führten, dass ich jetzt 'einer von euch' bin, tun nichts zur Sache. Ich bin immer noch der Graf von Krolock, Herr über diese Grafschaft und alle seine Einwohner, Lebende, wie Tote! Und jeder, der mich nicht respektiert, oder meine Befehle missachtet, wird teuer dafür bezahlen! Habt ihr mich verstanden?"

Er ließ den Blick der Reihe nach über alle Anwesenden gleiten.

„Und wer sagt Euch, das wir nicht den Gehorsam verweigern werden, Herr Graf?", erklang plötzlich eine Stimme. Er wandte sich dem Sprecher zu. Einem kleinen Mann, mit struppigen dunklen Haaren, der einmal ein stattlicher Mensch gewesen sein mochte, bevor er zu einem Dreck starrenden, Lumpen tragenden Scheusal verkommen war.

Graf Von Krolock musterte ihn von Kopf bis Fuß und bedachte ihn dann mit einem verachtungsvollen Blick. „Und welchen Nutzen hätte das für euch? Solltet ihr mir heute Nacht nicht ewige Treue schwören, verrate ich den Menschen alles was ich weiß. Ich werde diesen Ort ebenso preisgeben wie jeden einzelnen von euch!", beschwor er die Anwesenden. Seine Stimme klang fest und entschlossen.

„Das würdet Ihr nicht wagen!", zischte die Stimme einer Frau und er hörte zufrieden, dass sie sich zum wiederholten Mal um die korrekte Anrede bemühten.

„Ihr würdet selbst vernichtet werden!"

„Und ihr glaubt, ich fürchte den Tod?", fuhr Graf von Krolock sie an.

Mit einem Schlag herrschte Stille.

„Ich habe dieses Dasein weder gewählt, noch jemals begehrt. Ich habe im Gegensatz zu euch nichts zu verlieren und lasse meine Angelegenheiten in guten Händen zurück! Könnt ihr das Gleiche auch von euch behaupten?"

Mit einem zynischen, schmallippigen Lächeln betrachtete er einen nach dem anderen mit einem harten Blick.

„Ihr würdet niemals alle eurer Art, die es in diesem Lande gibt, mit euch in den Tod reißen!", erklang eine weitere Stimme.

„Wenn ihr wirklich wollt, dass ich euch das Gegenteil beweise, dann versucht mir zu trotzen! Ihr wollt etwas von mir, nicht umgekehrt. Ich selbst würde mich nur allzu bereitwillig der süßen Umarmung des ewigen Nichts überantworten! Was aus euch wird kümmert mich nicht. Mögen die Sterblichen also tun, was sie mögen und ihr begonnenes Werk an euch vollenden." Er funkelte sie grimmig an.

„Wenn ihr das verhindern wollt, ist euer Treueschwur und immer währender Gehorsam der Preis, den ihr mir für die Bewahrung eurer Existenz schuldet!"

Erneut glitten sein Blick über die Versammelten.

„Also?", knurrte er. „Ich höre!"

Viele von ihnen murrten und zornige Augen richteten sich auf ihn. Viele dachten es, aber eine Frau, die bereit hohen Alters war, als sie eine Braut Luzifers wurde, sprach es schließlich aus.

„Und was für eine Art von Leben erwartet uns unter Eurer Herrschaft, Eure Exzellenz?!"

Sie spie die beiden letzten Worte förmlich aus.

Graf von Krolock hatte mit dieser Frage gerechnet und war vorbereitet.

„Ihr habt mein Wort, dass ich mein Wissen niemals preisgebe, solange ihr euch an euren Eide erinnert. Ihr mögt euch eure Opfer unter jenen suchen, die sich des Nachts hier in die Wildnis der Wälder verirren. Aber niemals dürft ihr einen Sterblichen zu Unseresgleichen machen, ohne das ich euch zuvor meine Zustimmung erteile!

„Was?", fauchte jener ergraute Bursche, der den Grafen zuvor noch ' Kleiner' genannt hatte. „Seit wann darf nur einer von uns entscheiden, wann unsere Zahl vergrößert wird? Dieses Recht, einen Sterblichen unseren Reihen hinzuzufügen, steht uns allen zu! Und wie sollen wir uns hier draußen ernähren? Die elenden Sterblichen verirren sich bei Nacht nur selten in die Wälder, und es werden immer weniger."

„Was eure Rechte sind und was nicht, bestimme ich und niemand sonst! Was eure Nahrung betrifft: Menschen müssen manchmal wochenlang hungern und die meisten überleben es. Erzählt mir nicht, das ihr das nicht überstehen könnt, die ihr nicht mehr im Stande seid Hungers zu sterben!"

Sein Blick wanderte über die Menge, die ihn ungläubig und bisweilen sogar entsetzt anstarrte.

„Wenn euch meine Bedingungen jedoch so wenig zusagen, könnt ihr immer noch der Alternative den Vorzug geben."

Er sagte dies mit einem boshaften schmalen Lächeln, das ihm zu Lebzeiten fremd gewesen war und seine Stimme troff vor geheuchelter Nachsicht. Dann wurde sein Gesichtsausdruck wieder hart und er sprach weiter,

„Aber das ist noch lange nicht alles. Niemals sollt ihr die Menschen behelligen, die als Diener in meinem Schloss leben! Habt ihr mich verstanden? Wehe euch, wenn auch nur einem von ihnen ein Haar gekrümmt wird!"

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er der Reihe nach die Schar der Vampire, die mit zunehmender Resignation seinen Blick erwiderte.

Einige Momente herrschte Stille unter den Versammelten. Dann ließ sich Hildiko vernehmen, die den Grafen zuerst angesprochen hatte.

„Kastor hatte uns versprochen, dass Ihr dafür sorgen würdet, das wir unser Dasein in einer annehmbaren Lebensart verbringen würden. Was habt Ihr dazu zu sagen? Was soll daraus werden?"

Ihre Stimme zitterte und Graf von Krolock war sicher, dass sie sich vor der Antwort fürchtete. Sie hatten allen Grund dazu.

Er verzog spöttisch den Mund und ließ seinen Blick vielsagend über die Versammelten schweifen. Sie waren allesamt so schmutzig und verschmiert von Erde, dass ihr Anblick wahrhaftig abscheulich war.

„Lebensart wollt ihr? Ich nehme an, ihr würdet gerne wie feine Herrschaften in meinem Schloss residieren und Recht über dieses Land sprechen. So hatte sich Kastor das doch wohl gedacht, nicht wahr? Das ich seine Marionette werde, während ihr in diesem Land tut, was immer euch gefällt. Das könnte euch so passen. Seid versichert, ihr habt in meinen Augen nicht mehr Stellung, als meine armseligen unfreien Bauern! Vielleicht nicht einmal das. Lebensart, wollt ihr? Die müsst ihr euch erst verdienen!"

Zornig funkelte er sie an und erkannte an ihren betretenen Mienen, dass er mit seinen Vermutung ins Schwarze getroffen hatte. Doch während seine Augen über die zerlumpte Ansammlung der Vampire glitt, stieg ein neues Gefühl in ihm hoch. Eines, das von seiner menschlichen Seele stammte. Er empfand fast so etwas, wie Mitleid mit diesen heruntergekommenen Kreaturen.

Er mochte nicht viel für sie übrig haben, doch auch für sie trug er nun Verantwortung, ganz gleich, ob er wollte oder nicht. Und er hatte zu lange Jahre die Wege eines tugendhaften Fürsten studiert und sich in der Ausübung seiner Pflichten zu sehr darum bemüht, dies nach besten Kräften umzusetzen, als dass er sich jetzt davon abwenden könnte. Wie sehr diese Wesen es auch verdienen mochten, zu sterben.

Was hatte er Herbert stets gepredigt? Manche Aufgaben musst du übernehmen, egal ob es dir gefällt, dass man sie dir aufbürdet, oder nicht und du musst die Verantwortung dafür ebenso tragen, wie für alles andere auch. Graf von Krolock seufzte unwillig und seine Züge entspannten sich ein wenig.

„Ihr mögt es nicht verdient haben, aber ein wenig sollte sich dennoch ändern, nehme ich an."

Er atmete tief durch. „Nun gut. Ihr sollt anständige Kleidung erhalten. Doch ich wünsche nicht zu sehen, dass ihr euch damit wie Maulwürfe durch den Dreck wühlt! Von heute an braucht ihr eine saubere Schlafstatt."

„Und wo soll das sein?", fragte ein weiterer Vampir aus der Menge.

„Was ist mit diesem alten Gewölbe hier? Wenn ihr es sauberhaltet und mit einer ordentlichen Falltür versehen sollte es brauchbar und für euch ausreichend sein."

Stille herrschte um ihn herum und er erntete argwöhnische Blicke. Graf Krolock hob fragend eine schmale Braue.

„Ihr habt Einwände?"

Zögernd antwortete ein Vampir, der noch in früher Jugend zu ihrer Schar gestoßen war.

„Bislang durfte nur der Älteste dort schlafen. Kastor wollte-"

„Was Kastor wollte oder nicht, kümmert uns nicht mehr! Kastor brennt jetzt in den Feuern der Hölle. Jetzt zählt nur noch was ich sage, habt ihr das verstanden?"

Scharf sah er sie der Reihe nach an.

„Also, nehmt ihr meine Bedingungen an? Oder werden wir alle Staub sein, wenn die Sonne das nächste Mal versinkt?"

Er blickte in die Runde und wartete ab, wofür sie sich entschließen würden. Sie drängten sich dicht zusammen und schienen gemeinsam zu entscheiden. Der Graf ließ ihnen die Zeit, die sie offensichtlich benötigten. Er konnte nicht erwarten, dass sie ihnen ebenso leicht fiel, wie sie es für ihn gewesen wäre.

Er blickte in den Wald hinaus, während er wartete und betrachtete die Bäume im Mondlicht.

Trotz der allgegenwärtigen Dunkelheit sah er schärfer als jemals in seinem sterblichen Leben. Die Welt bei Nacht bestand für ihn nicht mehr aus Schattierungen von schwarz und grau, sondern aus Farben, die kräftiger und intensiver waren, als alles, was ein menschliches Auge jemals sehen konnte. Alles um ihn her hatte jetzt einen Detailreichtum und eine Schärfe, die ihn winzige Kleinigkeiten fasziniert in ihren Bann zogen als sei er ein Kind, das zum ersten mal die Welt um es herum entdeckt. Der Himmel war nicht mehr das samtene Schwarz, sondern von einem intensiven, dunklen Blau, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Die Sterne, ehemals schlichte Tupfen aus bläulichem Licht strahlten am Firmament, wie funkelnde Diamanten. Dennoch würde er nahezu alles dafür geben, wenn nur alles wieder so sein könnte, wie noch vor einigen Tagen.

Seine Gedanken kehrten zu Elisabeth zurück und eine neuerliche Welle von Reue und Sehnsucht überkam ihn. Wieso hatte so etwas geschehen dürfen? Wieso hatte der Himmel zugelassen, dass er genau die Frau tötete, die ihm neben ihrem gemeinsamen Sohn das Liebste und Teuerste war in dieser Welt?

Er sah auf zu den Sternen. Wieso hast du das zugelassen?

Auch wenn er diese Frage nicht laut aussprach, hallte sie doch viele Male in seinem Herzen wider und es fiel ihm schwer seine Trauer im Angesicht der versammelten Vampire zu beherrschen. Sich trotzdem zu beherrschen schien ihn alle Kraft zu kosten, die er in sich hatte.

Und als hätten sie es geahnt, hörte die Gruppe zerlumpter Vampire in diesem Moment auf zu murmeln und ersparte ihm somit die Mühe noch länger zu lauschen. Der verkniffen wirkende Bursche verkündete schließlich, „Wir nehmen Eure Bedingungen an... Exzellenz!"

Aber man sah ihm an, dass ihm diese Entscheidung wenig Freude bescherte.

Graf von Krolock selbst war indessen ebenfalls nicht sicher, ob ihn diese Entscheidung freute oder nicht. Im Gegensatz zu manchen der Vampire jedoch, zeigte er dies nicht offen.

„Ich habe mit nichts anderem gerechnet", entgegnete er trocken.

Von Krolock taxierte sie wieder der Reihe nach und mancher schien dabei nichts Gutes zu befürchten. Sehr gut. Er würde ihnen schon klar machen, wer hier das Sagen hatte.

„Jetzt fehlt nur noch euer Eid."

Er sah sie abwartend an doch keiner der Versammelten rührte sich.

„Auf die Knie!", bellte er schließlich härter als es in seiner Absicht gewesen war.

Murrend ging sie vor ihm auf dem Waldboden in die Knie, da er sie weiter unnachgiebig mit zusammengezogenen Brauen anstarrte, einige wie es schien schafften es nur mit Schwierigkeiten, ob steifer Glieder. Von vielen aus der Menge erntete er für diese Erniedrigung zornige Blicke. Es war für manchen Vampir ein schwerer Schlag ins Gesicht, dass gerade der Jüngste unter ihnen sie derart unter seine Knute zwang!

Victor war es jedoch gleich, was sie davon hielten. Er hatte getan was er zum Wohl aller für richtig hielt, seien sie nun lebendig oder tot.

„Legt die rechte Hand auf euer Herz. Und jetzt wiederholt diese Worte: Ich schwöre auf ewig dem Grafen von Krolock und jedem seiner Befehle zu gehorchen und ihm treu zu sein. Nun schwört!"

„Ich schwöre auf ewig dem Grafen von Krolock und jedem seiner Befehle zu gehorchen und ihm treu zu sein", ertönte es zögernd vielfach von den Knienden vor ihm.

Er überlegte einen kurzen Moment, was für ein Eid einer Kreatur der Nacht heilig – oder doch wenigstens bedeutsam genug sein konnte, um nicht gebrochen zu werden.

„Schwört im Namen der Hölle und des Blutes den, Eid den ihr abgelegt habt, niemals zu brechen!"

„Ich schwöre im Namen der Hölle und des Blutes, den Eid den ich abgelegt habe, niemals zu brechen!", antwortete der vielstimmige Chor abermals.

Mit verengten Augen blickte er die kniende Schar vor ihm an.

„Ich werde dafür Sorge tragen, dass ihr euch daran haltet. Wenn ihr diesen Eid jemals brecht, wisst ihr, was euch blüht!"

Er seufzte und machte eine ungeduldige Handbewegung. „Ihr könnt euch wieder erheben."

Obwohl die Nacht noch jung war, fühlte sich der Graf unsagbar müde. Er wandte sich von der Versammlung ab und ging in die Richtung davon, in der die Lichtung lag, wo er Mircea zurückgelassen hatte.

„Wo geht Ihr hin?", rief ihm die raue Stimme Hildikos nach.

„Das muss Euch nicht kümmern! Glaubt Ihr etwa, ich habe mich nicht um mehr als nur um euch zu kümmern?"

Er hielt seine Stimme bewusst abweisend. Das letzte was er jetzt wollte, war eine Eskorte dieser, vor Dreck strotzender, Gestalten. Er konnte auf sich selbst achtgeben und er würde es auch nicht ertragen, wenn ihn die anderen jetzt behelligen würden. Er dankte seinem Glücksstern, dass keiner der Vampire ihm folgte.

In kurzer Zeit hatte er die Lichtung erreicht und atmete erleichtert auf. Mircea war noch da. Er schien das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht zu haben, denn die Wiese war, soweit es ihm das Seil erlaubte, abgegrast. Tatsächlich schien das Pferd vor sich hinzudösen.

Der Graf sah sich aufmerksam um. Er würde den Rappen am Morgen auf der anderen Seite der Lichtung anpflocken müssen. Das würde wohl ein kleines Problem werden, denn dann war Mircea den ganzen Tag über ohne Wasser.

Nachdenklich presste der Graf die Lippen zusammen und ließ den Blick über die Lichtung schweifen. Schließlich kam er zu dem Ergebnis, das wenig Gras besser war, als gar kein Wasser. Abgesehen davon würde der Hengst am kommenden Abend wieder alles im Überfluss haben. Der Graf ging auf das schöne Tier zu und stieß einen leisen Pfiff aus. Mircea hob den Kopf und kam auf ihn zu. Er lächelte und strich sanft über die Blesse des Hengstes. „Wie ich sehe, hast du den Tag gut überstanden. Sehr gut. Dein zweiter Tag hier wird nicht ganz so angenehm sein, wie der erste, aber keine Sorge, dafür sind wir Morgen wieder zu Hause, mein Freund."

Während er Mircea streichelte, schwand sein Lächeln plötzlich.

„Ich frage mich, wie sie uns wohl empfangen werden werden, Mircea. Ich glaube, meine morgige Nacht wird noch unangenehmer als die heutige!"

Er schlang Trost suchend die Arme um den Hals des Pferdes und lehnte die Stirn an das warme Fell. Er fühlte wie das Tier den Kopf auf seine Schulter senkte und ihm sanft warme Luft zuschnaubte.

Der Graf schloss die Augen und klammerte sich fester an den Hengst. Er mochte ihm nicht helfen können, aber seine freundliche Gegenwart hatte etwas Beruhigendes. Als wüsste er nur allzu gut, um den Sturm an Gefühlen, den sein Herr durchlitt, gab Mircea ein leises, tröstendes Schnauben von sich.

Der Graf hatte keine Ahnung wie lange sie so dastanden. Er verlor jegliches Zeitgefühl und überließ sich dankbar dem Trost seines vierbeinigen Kameraden.

Eine ganze Weile konnte er seine gegenwärtige, prekäre Situation nahezu vollkommen von sich wegschieben. Seine Gedanken blieben für eine Weile erholsam leer als gäbe es nichts außer der Zeit von einem Atemzug bis zum nächsten.

Dann wurde das Tier plötzlich unruhig und Graf von Krolock war sich bewusst, dass er begonnen hatte, dem kräftigen Herzschlag des Tieres zu lauschen, und das der unterschwellige Geruch nach Blut für ihn zusehends deutlicher hervortrat. Eingedenk dessen was geschah, als er zuletzt ähnliche Eindrücke missachtet hatte, löste er sich von seinem Begleiter und trat einige Schritte zurück.

„Es scheint als seist noch nicht einmal du vollkommen sicher, mein Freund", seufzte der Graf. „Und du hast es gespürt, nicht wahr? Aber fürchte dich nicht. Dir wird nichts geschehen."

Er trat weiter von dem Rappen zurück und ließ seinen Blick die Lichtung und die Bäume an ihrem jenseitigen Ende entlang schweifen, ohne sich recht bewusst darüber zu sein. Wenn seine Sinne auf die Anwesenheit von Mircea reagierten, bedeutete dies doch im Umkehrschluss, dass er auch andere Tiere wahrnehmen konnte? Die Tatsache, dass sein mörderischer Instinkt ihn auf den Geruch von Mirceas Blut aufmerksam werden ließ, bedeutete damit wohl gleichsam, dass auch tierisches Blut zu seinem Überleben dienen konnte? Graf Von Krolock schnaubte verächtlich. Wie er bereits so treffend bemerkt hatte: auch er konnte nicht mehr an Hunger sterben. Aber die Ereignisse der letzten Nacht machten ihm deutlich, dass er vielleicht viel gefährlicher für jedes lebende Wesen in seiner Umgebung war, wenn er versuchte vollkommen nüchtern zu bleiben.

Er fühlte bereits, wie sich eine Kälte, die so eisig war, dass sie fast in seinen Adern brannte, ausbreitete. Es war noch nicht, wie in der letzten Nacht. Aber sein neuer Instinkt sagte ihm, dass dies nicht besser werden würde. Dies war das neue Hungergefühl seines Körpers, so, wie es früher ein knurrender und schmerzender Magen gewesen wäre.

So schmerzhaft es war, er musste sich in Erinnerung rufen, wie es gewesen war, als er diesem Hunger um ersten Mal nachgegeben hatte.

Es war, wie eine Essenz des Lebens und Wärme gewesen, berauschender als Alkohol. Und je länger er darüber nachdachte, desto gieriger verlangte sein Körper erneut danach. Und nach der Nähe, die für ihn untrennbar mit dieser Erinnerung verbunden war. Er scheute heftig vor den Bildern in seinem Kopf zurück. Niemals…niemals wieder! Auf keinen Fall würde er den Vorfall der letzten Nacht wiederholen, nur wegen einem fehlgeleiteten, pervertierten Gefühls von Nähe und Intimität. Schon allein die Vorstellung daran, etwas Vergleichbares mit jemand anderem als Elisabeth zu teilen war unsagbar verstörend. Dennoch blieb eine dunkle Verlockung, die ihn mit Ekel erfüllte, dass er sie überhaupt empfand.

Victor vergrub beide Hände in seinen Haaren oberhalb, während er ruhelos an den alten Bäumen entlang wanderte, welche die Lichtung umringten. Wenn die letzte Nacht ihn eines gelehrt hatte, dann, dass er diesen Hunger nicht beherrschen konnte, solange er in ihm wütete. Er würde eine Möglichkeit finden müssen, diesen Drang im Zaum zu halten, um die Menschen in seinem Umfeld zu schützen, bis er gelernt hatte sich auch in diesem neuen Bedürfnis zu mäßigen. Konnten Tiere also eine Lösung sein, für die Zeit, die es brauchen würde, sich von seinem Zustand zu befreien? Er stellte sich vor, wie einfach es gewesen wäre, vorhin einfach die Zähne in Mirceas Hals zu schlagen und eine Welle jäher Übelkeit durchfuhr ihn. Aber es war möglich, auch wenn er diese spezielle Möglichkeit ablehnte. Überdies war er sich auch bewusst, dass kein Tier in Frage kam, das so viel größer und schwerer war als er selbst. Kastor hatte ihn als Sterblichen mühelos überwältigen können, aber er hatte keine Ahnung wie groß seine eigene körperliche Kraft war. Und ein Gefühl sagte ihm, dass Menschen die eigentliche Beute waren, die er jagen sollte. Doch davor schrak er zurück.

Nun, auch als Mensch hatten Tiere ihm zum Überleben gedient, ermahnte der Graf sich. Bis er eine Möglichkeit gefunden hatte, sich selbst von diesem Fluch zu befreien, sollte er diese Möglichkeit, um Schaden zu vermeiden wenigstens in Betracht ziehen, auch wenn der Ekel schon beim bloßen Gedanken daran in ihm aufstieg.

Tu es!, mahnte er sich selbst. Es bleibt dir keine Wahl! Du musst dafür sorgen, dass du nicht zu einer tödlichen Gefahr für jeden wirst, der dir über den Weg läuft! Deine Spitzfindigkeiten nützen niemandem etwas.

Victor schloss die Augen und überließ sich instinktiv seinen übernatürlichen Sinnen. Doch dazu gehörten nicht mehr nur seine Sinne, so wie er sie als Mensch gekannt hatte. Instinktiv war er sich seines siebten Sinnes bewusst. Es war wie ein geistiger Fühler, den er um sich herum ausstrecken konnte. Nicht weit entfernt von ihm stand Mircea. Er konnte die Nervosität des Tieres spüren, ein Schwanken zwischen Vertrauen wachsamen Misstrauen ihm gegenüber.

Weiter! drängte er sich. In diesem Wald muss es tausende Tiere geben! Und irgendeines wird sicher auch in der Nähe sein! Er konzentrierte sich mehr, ließ es geschehen, dass Mirceas Gegenwart von dem Faden bewusster geistiger Wahrnehmung abperlte und ließ dieses Gespür sich weiter tasten bis…Da!

Es war, als sei in seinem Kopf ein helles Licht aufgeflammt und auf den trägen Geist eines niederen Lebewesens gerichtet, das in ahnungslosem Schlaf lag. Mit plötzlicher Klarheit, zog ihn sein Sinn in die ungefähre Richtung. Er öffnete die Augen und wandte sich in Richtung Westen. Dort. Nur ein paar hundert Meter.

Victor von Krolock schluckte schwer. Dann leerte er seine Geist erneut, um nicht darüber nachdenken zu müssen was er tat. Stattdessen überließ er sich dem Instinkt der mit jeden Moment mehr erwachte und ließ zu, dass dieses Gespür seine Handlungen leitete, als sei er selbst lediglich Mitreisender und stiller Beobachter der Ereignisse.

Sobald der Graf die ersten widerwilligen Schritte getan hatte, kam der Rest von allein. Der schlafende Verstand des Tieres war noch immer dort, wo er ihn wahrgenommen hatte und es war als könnte er, wie mit einem Kompass direkt darauf zugehen. Er, der sich nie für die Jagd interessierte, noch versucht hatte, diese von vielen Adligen geschätzten Zeitvertreib zu erlernen, verfiel ohne Anstrengung und ohne dass er die nötigen Fähigkeiten jemals erlernte, in einen sicheren und geräuschlosen Schritt. Schließlich konnte er das Herz seiner Beute schlagen hören, viel schneller als das eines Menschen und er konnte es riechen. Jetzt!

Der Graf hatte keine Ahnung woher er es wusste, aber er lief los, schneller als er sich jemals zuvor bewegt hatte. Er erreichte einen alten Baum, dessen obere Hälfte abgebrochen war, und stürzte sich mit einem Hechtsprung auf den Spalt dazwischen. Mit sicherer Hand bekam er den jungen Fuchs zu fassen, der in einer Kuhle unter diesem Baum geschlafen hatte, und zog ihn mit einem Ruck heraus.

Das Tier hatte keine Chance, sich zu befreien oder einen Laut von sich zu geben. Kaum hatte Victor ihn erwischt, drehte er das Tier in seinen Händen und fand zielsicher die relativ haarlose Stelle an seinem Bauch – und schon gruben sich seine Fangzähne in das Fleisch seiner Beute.

Es war nicht zu vergleiche mit dem was er in der Nacht zuvor erlebt hatte. Er konnte die panische Angst des kleinen Wesens spüren und einen verzweifelten Willen zu entkommen, für alles andere waren sie einander zu unähnlich. Aber der Rest war beschämend gleich. Das gleiche Gefühl von neuer Kraft, die ihn durchströmte, als ob der Frühling nach einem langen, harten Winter zurückkehrte und das Leben neu beginnt. Die Wärme, die das Eis vertrieb, die sich in seinen Adern ausgebreitet hatte, das Nachlassen einer Ruhelosigkeit, von der er nur etwas gefühlt hatte, dass sie auf ihm lastete. Bis schließlich nichts mehr übrig war. Entsetzt betrachtete Victor das leblose Wesen in seinen Händen und ließ es schließlich fallen als hätte er sich daran verbrannt. Übelkeit stieg in ihm auf. Er kam auf die Beine und taumelte zurück ehe er auf die Knie sank und zu würgen begann. Aber anders als zu seiner Zeit als Sterblicher gab es nicht mehr das Gefühl eines sich verkrampfenden Magens, der etwas abzustoßen versuchte. Keine Flüssigkeit ergoss sich auf den Waldboden. Es war eine rein psychische Reaktion. Sein Inneres rebellierte gegen diese neue Art von Mahlzeit. Sein Körper war der Durchführung dessen schon gar nicht mehr fähig, deren matter Schatten von der Seele heraufbeschworen wurde, die sich noch immer daran klammerte, in ihrem tiefsten Grund menschlich zu sein.

Die heftige Übelkeit und das erfolglose Würgen dauerten einige Minuten an, dann war es vorbei, so plötzlich wie es begonnen hatte. Der Graf strich sich die Langen Haare aus dem Gesicht und richtete sich schwer atmend auf.

Er fühlte sich beschmutzt und angewidert. Niemals hatte er seiner nächsten Mahlzeit in die Augen sehen müssen, geschweige denn, sie selbst er zu fangen. Aber dieses Experiment konnte einstweilen als Erfolg betrachtet werden. Er fühlte sich ruhiger als bei seinem Aufbruch von der Ruine. Höchste Zeit sich um seine Verpflichtungen hier draußen zu bemühen, wer konnte schon sagen, was dieser Haufen an Scheusalen mit Mircea tun würde, falls sie ihn entdeckten.

Er kam auf die Beine und kehrte durch das dichte Unterholz zur Lichtung zurück. Als er dort ankam, stand der Mond schon hoch über ihnen. Da die Sommernächte kurz waren und die Sonne früh zurückkehrte, würde diese elende Nacht nicht mehr allzu lange dauern.

Als er am Bach vorbeikam kniete er nieder und wusch sich in dem fließenden Wasser lang und gründlich die Hände und dann das Gesicht. Er hätte jetzt stundenlang baden können, ohne sich besser zu fühlen.

Schließlich ging er zu Mircea hinüber und der Hengst kam nach kurzem Zögern auf ihn zu. Der Graf ließ eine Hand über das glatte Fell des Pferdes gleiten.

„Du spürst, wenn du in meiner Nähe nicht sicher bist, nicht war? Viel besser als jeder Mensch."

Auch jetzt konnte er den Puls des Hengstes hören. Der Geruch nach Pferd und Blut lag in der Luft. Doch jetzt war es nur ein Teil der gesammelten Eindrücke um ihn herum. Er konnte es ausblenden. Nicht, wie zuvor und nicht, wie letzte Nacht. Der Graf lachte freudlos auf. „Du hast mich besser durchschaut als ich selbst es tue."

Er klopfte dem Hengst beruhigend den Hals.

„Keine Sorge, mein Freund. Ich habe dich früher nicht als potentielle Mahlzeit betrachtet, und ich werde jetzt ganz bestimmt nicht damit anfangen."

Nicht, wenn ich es verhindern kann, dachte er beklommen, und seine Gedanken kehrten zu Elisabeth zurück. Das Leben eines Tieres gerettet, und dafür das eines der wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren. Es schien, wie der blanke Hohn. Es konnte niemals vergelten, was in der vergangenen Nacht geschehen war.

Er fasste das Seil mit dem das Pferd angepflockt war und zog den Pfahl aus der Erde. Dann führte er den Rappen weiter, und platzierte das Holzstück nahe des Baches im Boden, sodass Mircea in Ruhe trinken konnte. Es mochte keine fürstliche Ausbeute an Gras sein, aber es würde genügen. Anschließend zog er ein kleines Messer aus dem Stiefelschaft und kratzte vorsichtig die Hufen des Tieres aus. Der Graf konnte es nicht riskieren, dass das Pferd sich bei Tag einen Stein eintrat. Wenn er lahmte, wenn es an der Zeit war zurückzukehren, mochte das fatale Konsequenzen haben.

„Mehr kann ich nicht für dich tun. Du musst noch einen Tag hier ausharren, alter Freund. Dafür hast du morgen Nacht dein übliches Quartier zurück. Mein Ehrenwort!"

Der Graf entfernte sich ein Stück von seinem Pferd und ließ sich schließlich mit einem leisen Seufzen ins Gras fallen. Die Ereignisse dieser Nacht warfen neue Fragen auf, für die er bis zum Morgengrauen Antworten gefunden haben musste.

Stunden lang lag er dort im Gras und wälzte ein Problem nach dem anderen im Kopf hin und her und suchte nach möglichst unkomplizierten Lösungen, die nicht wieder ein Dutzend neuer Probleme mit sich brächten.

Irgendwann glitt sein erschöpfter Verstand dem Dämmerzustand. Es war mehr ein Zustand geistiger Betäubung, einer tiefen Entspannung, ohne, dass sich seine Sinne entschärften.

Das drängende Gefühl, dass die Sonne bald aufgehen würde war es schließlich, das ihn wieder aufschrecken ließ. Ein Blick zum Himmel sagte ihm, dass er nicht mehr lange zögern sollte.

Victor verabschiedete er sich mit einem sanften Tätscheln am Hals von dem Rappen und kehrte zu der Ruine zurück.

Schon lange bevor er sie betrat fühlte er, dass sich die anderen schon in das feuchte Gewölbe zurückgezogen hatten. Tatsächlich schienen einige bereits zu schlafen, als er herein kam. Er beachtete jedoch weder die Blicke, noch die Bemerkungen, die ihm folgten und zog sich stattdessen an jenen Platz zurück, den man in widerwilligem Respekt für ihn freigelassen hatte. Aber er bezweifelte nicht, dass gar mancher Vampir gehofft hatte, dass er sich einfach der aufgehenden Sonne aussetzen und sie damit von seiner Herrschaft befreien würde. Aber diesen Gefallen konnte er weder ihnen noch sich selbst tun. Er streckte sich denn also so würdevoll er es vermochte auf dem Boden aus und schloss die Augen. Vielleicht hatte jemand Mitleid mit ihm, denn während er da lag und die Blicke auf sich ruhen fühlte, musste er nicht lange darauf warten, dass die gnädige Dunkelheit ihn mit ihren wartenden Armen umschlang.

Author's Note:

Rechtschreibung im 7. Kapitel im Juli 2022 nachbearbeitet.