Kapitel 8: Glasige Augen, Hände wie Eis...
Als er aufwachte und die Augen aufschlug, schliefen die anderen noch. Sich leise von seinem Schlafplatz erhebend, nutzte der Graf die günstige Gelegenheit und stagste vorsichtig über die reglosen Körper zur Treppe hinüber und stieg leise hinauf. Noch herrschte das Zwielicht nach Sonnenuntergang. Er beeilte sich besser zurückzukommen, solange es noch hell genug für Mircea war. Und doch gab es zuerst gewisse Mängel zu beseitigen.
Graf von Krolock erreichte die Lichtung binnen kürzester Zeit, doch er ging nicht direkt zu seinem Pferd, stattdessen suchte er sich die breiteste und tiefste Stelle des Baches und zog den Mantel aus, in dem er seit zwei Tagen in der stinkenden Gruft geschlafen hatte. Das Kleidungsstück war aus robuster Wolle gefertigt, jetzt war er voll von Laub und Schmutz. Der Graf schüttelte ihn aus und beseitigte den gröbsten Schmutz mit Wasser. Die dunkle lederne Reithose und das Wams hatten am wenigsten gelitten. Er wusch Hände und Gesicht, ehe er wieder den Mantel überzog und die langen Haare auswrang und ordnete, so gut es ging. Es mochte als der Schmutz einer langen Reise gelten. Jetzt sattelte er Mircea und zäumte ihn wieder auf.
„Jetzt geht es nach Hause, alter Freund. Lass uns hoffen, dass sie uns keinen zu ungemütlichen Empfang bereiten." Er klopfte ihm den glänzenden Hals und stieg in den Sattel.
Die Ruine und ihre Untoten weiträumig umgehend, kehrten sie auf den Waldweg zurück, auf dem sie vor zwei Tagen gekommen waren. Der Graf trieb den Rappen an. Im Schloss musste es noch immer chaotisch zugehen, nachdem was geschehen war. Je eher er alles hinter sich brachte, desto besser.
In weniger als einer Stunde erreichten sie den Saum des Waldes und er zügelte Mircea, bis er im Schritt lief. Nun keine auffällige Hast.
Gemächlich kamen sie den Weg aus festgetretener Erde herauf und schon nach wenigen Metern hörte er von den Wehrgängen den Ruf. „Da kommt Seine Exzellenz!" Der Graf atmete tief durch und stählte sich für das, was nun kommen musste. Er ließ das Pferd den Rest des Weges in einem zügige Trab zurücklegen. Er hatte das Tor noch nicht erreicht, als das schwere Fallgitter sich ratternd hob und das Tor geöffnet wurde. Er war kaum hindurch und im Schlosshof angekommen, als auch schon Hauptmann Albert mit finsterer Miene auf ihn zutrat.
„Eure Exzellenz, wo seid Ihr gewesen? Wie oft muss ich Euch sagen, dass es zu gefährlich ist, wenn Ihr ohne Eskorte reitet, Herr?"
Der Graf vollführte eine abwehrende Handbewegung und ließ die Zügel auf Mirceas Nacken fallen.
„Ich glaube, wir haben bereits oft genug darüber gesprochen, Hauptmann. Ihr kennt meine Einstellung. Abgesehen davon hat Euch die Gräfin sicher über meine Abwesenheit in Kenntnis gesetzt."
„Nein, Herr."
Das Stirnrunzeln vertiefte sich. Er gab sich noch immer ahnungslos.
„Was soll das heißen?", erwiderte er ein wenig brüsk. „Ihr wollt doch nicht andeuten, dass meine Gemahlin ihre Pflichten vernachlässigt und vergaß, Euch über meine Abwesenheit und Aufenthaltsort zu informieren!"
„Nein, Herr, jedoch..."
„Was soll das alles bedeuten, Albert? Raus damit! Wir kennen uns, seit wir beide noch junge Burschen waren. Ihr wisst, ich verabscheue dieses Gefasel."
Der Hauptmann sah den Grafen verunsichert an, ehe er zögerlich antwortete.
„Exzellenz... Eure Gattin, die Gräfin, sie..."
Er stockte und der Graf sah ihn ungeduldig mit erhobenen Brauen an.
„Die Herrin verstarb vor nunmehr zwei Tagen, Eure Exzellenz…"
Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille. Der Graf sah ihn mit Schock in den Augen an. Er schüttelte den Kopf, doch der Hauptmann erwiderte fest dessen Blick.
Dann glitt sein Herr aus dem Sattel und eilte an ihm vorbei ins Schloss. Der Hauptmann seufzte, sein Herz war voller Mitgefühl für den Grafen. Er würde nun Zeit brauchen, um mit dem Schock und der Traue fertigzuwerden. Er winkte einem in der Nähe stehenden Soldaten heran.
„Ivan, bring das Pferd Seiner Exzellenz zu den Ställen und sieh' zu, dass man sich um ihn kümmert. Er hat zweifellos eine lange Reise hinter sich."
Der Mann gehorchte und führte den Hengst in Richtung der Ställe davon. Der Hauptmann selbst nahm seinen Posten auf dem Wehrgang über dem Tor wieder ein. Er sah zu den erleuchteten Fenstern im Schloss hinauf und wieder stieg eine Welle der des Mitgefühls in ihm auf.
Seine Exzellenz hastete derweil in fast ungebührlicher Manier durch die von Fackeln erhellten Gänge. Er mochte auf die Gemächer seiner Gattin zuhalten, aber er lief ebenso sehr vor der Wahrheit wie vor sich selbst davon. Als er die vertraute Tür erreichte, zitterten seine Hänge so sehr, dass er einige Minuten benötigte, ehe er sie öffnen konnte.
Ihr Vorzimmer und der Salon waren genauso ordentlich, wie sonst auch. Genauso, wie er sie verlassen hatte. Ihr Geruch hing noch immer in der Luft...
Zögernd trat er durch die Tür, die zu ihrem Schlafgemach führte. Einen Moment war er unsicher, ob er diesen Raum betreten sollte. Doch dann drehte er den Türknauf und trat ein. Das Zimmer war in tadellosen Zustand, anders als er es zurückgelassen hatte. Das Himmelbett war ordentlich gemacht und die schweren Vorhänge zurückgezogen. Mehr noch, der Raum war leer. Sie war nicht mehr hier!
Zum ersten Mal seit er zum Schloss zurückgekehrt war, fühlte er echte Furcht in sich aufsteigen.
Wo war sie? Wo war Elisabeth?
Er lief, wie ein Schlafwandler, zur Tür hinüber und zog an der Kordel. Während er wartete, drehten sich seine Gedanken im Kreis. Hatte man sie schon beerdigt? War sie bestattet worden, ohne dass er ihr die letzte Ehre erweisen konnte?
Als das überraschte Mädchen hereinkam war die Erschütterung des Grafen nicht mehr vorgetäuscht.
„Wo ist sie? Wo ist meine Gemahlin?"
Das Dienstmädchen versank in einem tiefen Knicks.
„Sie... man hat sie… in der Kapelle aufgebahrt, Eure Exzellenz", stammelte sie.
Der Graf nickte langsam und sein Kiefer zuckte gefährlich. Schwankend verließ er die Gemächer seiner Gemahlin und das Mädchen warf ihm einen, trotz der von den kursierenden Gerüchten geschürten Angst, mitfühlenden Blick nach.
Der Graf ging, wie betäubt die Treppen hinunter, die zu der kleinen Kapelle der Familie führten. Er hatte sich nie als besonders gläubig empfunden und er war nicht allzu oft dort gewesen, was ihm häufig ein Mahnung des alten Priesters eingetragen hatte, der in regelmäßigen Abständen aus dem drei Tagesmärsche entfernten Kloster herkam, um die Messe zu abzuhalten. Doch Elisabeth war dafür oft hierhergekommen. Auch, wenn der Priester nicht zugegen war.
Die schmalen Flügeltüren standen offen und das Licht vieler Kerzen strahlte bis in den dunklen Flur hinaus.
In dieser Kapelle hatten sie vor mehr als 20 Jahren geheiratet und ihre Ehegelübte abgelegt.
Heute war der mit üppigen Wandmalereien ausstaffierte Raum mit Trauerfloren und weißen Lilien Gebinden ausstaffiert, und eine mit dunklen Stoffen drapierte Bahre stand nahe dem Altar.
Das drückende Gefühl missachtend, das ihn an diesem Ort überkam, näherte er sich der Bahre.
Sie trug ihr bestes Kleid aus grünem Brokat mit passendem Goldschmuck Ein dunkles Spitzenhalsband,verbarg die punktförmigen Male an ihrem Hals. Das helles Haar umrahmte ihr schmales Gesicht.
Er hatte die Mitte der Bahre erreicht, als er merkte, dass er keinen Schritt weitergehen konnte. Was als unangenehmes Gefühl begann, hatte jetzt die Ausmaße schlimmster Übelkeit angenommen und er musste den Impuls unterdrücken, die Kapelle schnellstens zu verlassen.
Was war das nur? fragte er sich.
Er war so oft in dieser Kapelle gewesen und hatte nie derartiges erlebt. Er blickte auf zum Altar und hob schützend einen Arm vors Gesicht, bevor er hastig einige Schritte zurückwich. Er konnte den Anblick des Kreuzes nicht ertragen, keine Sekunde lang.
Als er die Stelle betrachtete, wo er nicht hätte weitergehen können, erkannte Victor auch weshalb. Der Schatten, den das hölzerne Kreuz im Licht der Kerzen auf den Boden warf, reichte nahezu bis zu jener Stelle heran.
Es war also auch wahr. Vampire ertrugen den Anblick von Kruzifixen nicht. Zögernd näherte er sich, wieder soweit er es konnte und sank neben Elisabeth auf die Knie.
Der Geruch des Todes umgab sie und erfüllte die Kapelle. Ein Geruch der zu schwach war, als das ein Mensch ihn hätte wahrnehmen können. Er schob diesen Gedanken von sich und legte die Hand über ihre auf dem Bauch gefalteten Hände. Sie waren kalt. Beinahe kälter als seine eigenen.
Oh, meine Liebste... verzeih mir!, dachte er. Das alles ist meine Schuld!
Er vergrub den Kopf in dem dunklen Tuch an ihrer Seite und lies die Tränen fallen, die er bislang zurückgehalten hatte.
„Wieso durfte so etwas nur geschehen", flüsterte er mit erstickter Stimme.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter. Sein Körper verkrampfte sich.
In seinem Schmerz hatte er nicht bemerkt, dass sich ihm jemand genähert hatte. Und der Geruch und die Präsenz dieser Person sagten ihm, das er ihn sehr gut kannte.
Er entspannten sich und hob den Kopf, bevor er sich hastig die verräterischen Spuren der blutigen Tränen fortwischte und umwandte.
Sein Sohn stand vor ihm, in schwarz gekleidet und mit geröteten Augen, die verrieten, dass auch er trauerte.
Einen Moment lang sahen sich Vater und Sohn stumm in die Augen. Dann, mit der gleichen Bewegung die ihre Vertrautheit zeigte, umarmten sie einander. Der Graf klammerte sich wie ein Ertrinkender an seinen Sohn und Herbert erwiderte die Umklammerung. In diesem Moment existierten weder der nagende Hunger, das Brennen in seinen Adern noch der süße Geruch von Herberts Blut, oder das stetige, gleichmäßige Geräusch seines Herzschlages. Während er fühlte wie Herbert den Kopf an seiner Schulter barg, wie er es als kleiner Junge oft getan hatte, nahm er nur den Trost der beiden Arme wahr, die ihn fest umschlungen hielten.
Diesen flüchtigen Augenblick war es plötzlich wie früher. Als sei der Schrecken der vergangenen Nächte nur ein böser Traum gewesen und diese Umarmung nur die Versöhnung nach einem Streit.
Zum ersten Mal seit Wochen, wie ihm schien, konnte er sich fallenlassen, in der sicheren Gewissheit, aufgefangen zu werden. Und er genoss diesen Moment der Schwäche, fühlte sich fast erleichtert, eine Weile nicht stark sein und alles kontrollieren zu müssen.
Doch dieser Augenblick war viel zu schnell vorbei. Vorüber, noch bevor er bereit war, ihn gehen zu lassen. Er wollte daran festhalten, in diesem einen Moment verharren, doch er fühlte dass Herbert Fragen hatte, die ihm auf der Seele brannten.
Er wappnete sich für das Geflecht aus Lügen, die er nicht vermeiden konnte und schob seinen Sohn auf Armeslänge von sich for
„Wie?" fragte er Herbert leise.
„Ich weiß es nicht, Vater", gestand dieser mit zitternder Stimme.
Erst jetzt hatte der Graf Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Herberts Augen waren gerötet, dunkle Schatten langen darunter und sprachen Bände, wie wenig er in den vergangenen Nächten geschlafen hatte. Trotz seiner, wie üblich, makellosen Kleidung bot er, mit den hängenden Schultern und dem. von Kummer und mangelndem Schlaf gezeichneten Gesicht, ein Bild des Jammers. Es versetzte dem Grafen einen weiteren schmerzhaften Stich seinen stets so gut gelaunten Sohn so sehen zu müssen, zumal er selbst ihrer beider Schmerz zu verschulden hatte.
„Ich konnte den Arzt nirgends finden und schließlich sagte mir der Hauptmann, dass dieser bereits vor über einer Woche das Schloss verlassen hat", fuhr Herbert mit stockender Stimme fort und riss seinen Vater aus den trüben Gedanken.
„Deine Mutter hat ihn entlassen. Aber das weiß ich selbst auch erst seit einigen Tagen", fügte er hinzu, als Herberts anklagender Blick ihn traf. Jetzt schien diesem auch die drängendste Frage bewusst zu werden, jene, die der Graf am meisten gefürchtet und mit der er gerechnet hatte.
„Vater, wo seid Ihr gewesen? Der alte Darius konnte mir nur sagen, Ihr wärt fortgeritten und würdet wohl den ganzen Tag nicht hier sein."
Graf von Krolock hörte auch die Frage, die Herbert nicht ausgesprochen hatte, die aber dennoch in der Luft hing: Wo bist du gewesen, als ich dich am meisten gebraucht habe?
„Ich... ich bin in der nächstgelegenen Stadt gewesen, Herbert. Mit keinem Arzt mehr in der Gegend blieb mir nichts anderes übrig. Ich habe mir bei diesem Angriff im Wald etwas zugezogen. Es ist nichts Lebensbedrohliches", fügte er hinzu als er Herberts entsetzten Blick bemerkte.
„Aber ich weiß nicht, was es ist, nur deine Mutter wusste davon. Du kennst das Personal, was glaubst du, was sie über diese Geschichte verbreiten würden? Sie würden Gott weiß was daraus machen!"
Herbert nickte zustimmend und Graf von Krolock fuhr ruhig mit seiner Lüge fort.
„Deshalb bin ich so lange fortgewesen. Ich musste einen Spezialisten aufsuchen, der sich mit allerhand obskuren Krankheiten auskennt. Wenn ich das alles doch nur geahnt hätte…"
Er ließ den Satz unbeendet und senkte den Kopf.
„Was hat er gesagt, Vater?", drängte ihn Herbert weiter.
Der Graf hatte seinen Sohn nie belogen und so glaubte er ihm vorbehaltlos. In diese großen Augen zu schauen, während er ihm nichts als Lügen erzählte und sein Vertrauen missbrauchte, war eines der schwersten Dinge, die er je getan hatte.
Zögernd fuhr er fort. „Es handelt sich um eine recht seltene Krankheit, genannt exsecratio obscuri."Die Worte waren auf Latein, einer Sprache die Herbert nicht verstand. „Es gibt dafür nur eine sehr vage Übersetzung. Es bedeutet der dunkle Fluch. Die Krankheit ist nicht heilbar und geht mit einer starken Abwehrreaktion gegen Sonnenlicht und ungewöhnlicher Blässe einher. Doch ich vermag damit leben."
Der Graf sah auf die leblose Gestalt seiner Gemahlin herab.
„Wenn ich es doch nur geahnt hätte."
Er schloss die Augen. Verzeih mir, Liebste. Aber es gibt keinen anderen Weg.
Herbert, der nicht ahnte, dass die Reaktion seines Vaters einen ganz anderen Grund hatte, legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
„Selbst, wenn Ihr hier gewesen wärt, Ihr hättet es nicht ändern können. Tamara hat sie gefunden. Es war bereits Nachmittag und sie war noch nicht auf. Als Tamara nach ihr sah..."
Herbert hielt inne und schluckte.
„Als Ihr mit ihr zusammen wart, war da noch alles in Ordnung mit ihr? Ist Euch etwas aufgefallen, Vater?"
Der Graf runzelte nachdenklich die Stirn. „Nein", erwiderte er schließlich leise. „Nein, alles war wie sonst."
Er sah wieder in die Augen seines Sohnes, die denen seiner Mutter so ähnlich waren. Sie glänzten erneut von Tränen.
„Wieso, Vater? Wie konnte so etwas geschehen?"
Dann warf er sich an die Brust seines Vaters, als ob er immer noch der kleine Junge wäre, der mit seinem Vater durch die Gärten tobte.
Graf von Krolock schlang die Arme um seinen Sohn.
„Ich weiß es nicht", flüsterte er leise, während er in Gedanken stumm um seine Verzeihung flehte. Wie lange er so dastand, Herbert einfach festhielt und dessen unzusammenhängenden Gedanken lauschte, wusste er nicht zu sagen.
„Wie lange ist es her, dass du zuletzt geschlafen hast, mein Sohn?", fragte er schließlich.
„Ich weiß nicht, Vater", murmelte Herbert undeutlich. „Zwei Tage vielleicht."
„Dann solltest du das jetzt tun. Keine Widerrede! Du siehst zum erbarmen aus. Es wird ihr nichts nützen, wenn du krank wirst."
Dieses Argument schien Herbert zu überzeugen. Er nickte und drückte ein letztes Mal die Hand seines Vaters, ehe er sich müde zum Gehen wandte.
Während er ihm mit einem schwachen Lächeln nachschaute, bemerkte der Graf, dass dieser intime Moment zwischen ihnen beiden beobachtet worden war. Vater Anselm hatte die Kapelle hinter ihm betreten, und wartete nicht weit von der Eingangstür entfernt. Es überraschte Victor nicht, denn auch Herbert war gekommen, ohne dass er es bemerkt hatte. Wieder zurück im Schloß, wurde er erneut von einer Flut aus Gedanken und Geräuschen überwältigt. Es war als stünde er in einem mit Menschen überfüllten Saal, während gleichzeitig alltägliche Geräusche viel lauter waren, als gewöhnlich. Gleichzeitig hörte er Dinge, die vorher viel zu leise gewesen waren, als dass sie an sein sterbliches Ohr gedrungen waren. Ein gewöhnliches Gespräch zu führen, noch dazu eines, bei dem er sich verstellen und alle seine Reaktionen bis ins kleinste Detail beherrschen musste, verlangte ihm ein alles an Konzentration ab, während er sich gleichzeitig von dem Tumult um sich herum übermannt fühlte.
Doch während er den kleinen, untersetzten Priester betrachtete, den er nicht kommen gehört hatte, schwor er sich, dass niemand sich ihm in Zukunft nähern würde, ohne dass er sich dessen bewusst war. Er würde größtmögliche Anstrengung darauf verwenden, zu lernen, wie er das Chaos seiner neuen, schärferen Sinne kontrollieren konnte, ohne, dass er davon überwältigt wurde. Doch in diesem Fall mochte es sogar recht nützlich sein. Er war sicher, dass der kleine Priester, der dem Tratschen allzu sehr zugetan war, die Geschichte, die er gehört hatte, später in unter dem Gesinde zum Besten geben würde. Der Graf wandte sich dem Mann mit ernster Miene zu, denn es war wohl ausgeschlossen, dass er nur da war, um zu lauschen. Nein, seine Anwesenheit musste einen Grund haben.
"Was führt Euch zu mir, Pater Anselm?", fragte er.
Der Priester trat mit säuerlicher Miene näher. Zwar hatte der Graf es nie am gebührenden Respekt dem Geistlichen gegenüber fehlen lassen, doch etwas in dessen Haltung und dem Ton, in dem er zu ihm zu sprechen pflegte, hatten Pater Anselm noch nie gefallen. Es gab hie und da Kleinigkeiten zu bedenken, aber nichts Handfestes, wie er schon öfter bedauernd festgestellt hatte. Alle Vorwürfe schienen an ihm abzuprallen, egal wie er es auch drehte und wendete.
„Es geht um die Gräfin, Herr", begann der Geistliche widerwillig und Graf von Krolock erinnerte sich jäh daran, dass der kleine Priester, der ihn und seine Gattin getraut- und ihren Ehebund gesegnet hatte, nie allzu angetan von dieser Verbindung und Elisabeth im Besonderen gewesen war.
Er runzelte irritiert die Stirn. „Was ist mit ihr?"
„Nun, morgen ist sie drei Tage lang hier aufgebahrt und man sollte an das Begräbnis denken. Meiner Ansicht nach sollte sie ganz am Rande des Familienfriedhofs begraben werden, da sie nicht wie alle anderen von adliger Geb-"
„Sie wird in der Gruft beigesetzt, wie alle anderen Gräfinnen auch!" fuhr der Graf ihm ungehalten über den Mund.
„Aber Herr Graf, die Gruft ist bereits voll belegt. Gegenwärtig befinden sich die Gebeine von-"
„Dann werden sie eben in Gräber auf dem Friedhof umgebettet, wie es schon seit Generationen Brauch ist, Pater!"
Der Graf schäumte vor Zorn. Hatte es nicht genügt, dass Elisabeth dergleichen im Leben ertragen hatte? Mussten sie diese Schmähungen sogar noch im Tod erleiden? Wollte dieser kleine Tunichtgut ihm nun vorschreiben, dass man seine Gattin bei Nacht und Nebel und ohne Grabstein verscharren sollte, bloß, weil sie nicht adligen Geblüts gewesen war?
„Sie war eine gute und tugendhafte Frau; eine treue, hingebungsvolle Gattin und eine liebevolle Mutter. Eine pflichtbewusste Gräfin, pflichtbewusster als manche Frau von höherer Stellung es hätte sein können. ,,Ich Wünsche, dass ihr das in Eurer Traueransprache zum Ausdruck bringt. Mir ist der Tratsch, den Ihr während all der Zeit über unsere Ehe verbreitet habt nur zu gut bekannt." Wütend funkelte er den Mann Gottes an.
„Eure Exzellenz, ich muss doch sehr bitten!", empörte sich der Geistliche, obwohl ihm dieser Fehltritt des Grafen sehr willkommen war. „Drohungen gegen einen Priester sind eine ernsthafte Verfehl-"
„Verleumdung ist eine wesentlich ernsthaftere Verfehlung! Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten! Dies ist ein Gebot des Herrn, das Ihr Euch zu Herzen nehmen solltet!"
Der Graf starrte noch einige Minuten finster auf den Mann nieder, ehe dieser eingeschüchtert nachgab.
„Wie ihr wünscht, Euer Exzellenz. Dennoch..."
Mit einer harschen Handbewegung schnitt er dem Geistlichen das Wort ab.
„Gut. Die Trauerfeier soll morgen Abend bei Sonnenuntergang beginnen. Ihr werdet eine angemessene Ansprache halten, wie sie einer Gräfin zusteht! Sobald meine Krankheit es mir gestattet, werde ich zu der Trauerfeier hinzustoßen. Jetzt geht, Ihr dürft Euch entfernen."
Murrend darüber, wie ein Dienstbote fortgescheucht zu werden,ging Pater Anselm davon.
Der Graf atmete indessen tief durch, um sich zu beruhigen und die Kontrolle über seinen Zorn wiederzugewinnen, die ihm nahezu entglitten war.
Als Pater Anselms Schritte in der Ferne verklangen, dass er sicher sein konnte, wieder mit Elisabeth allein zu sein, näherte er sich ihr erneut. Wieder legte er seine Hand über die ihre.
„Ich kann nicht von Anfang an bei dir sein, Liebste, aber du sollst die Bestattung haben, die dir rechtmäßig zusteht. Ganz gleich was dieser Narr von einem Priester und der Rest der Grafschaft davon halten", flüsterte er. „Mögen sie denken was sie mögen, doch diese letzte Ehre wird dir niemand nehmen!"
Einige Zeit später, der Graf hatte ein rasches Bad genommen und sich seiner Trauer entsprechend gekleidet, empfing er den Haushofmeister. Igor war ein drahtiger Bursche, der die sechzig schon weit überschritten hatte, fast haarlos bis auf einen buschigen Kranz weißen Haares, aber immer noch kräftig und dominant, führte er die ihm unterstellten Dienstboten mit fester Hand.
„Ihr werdet dafür Sorge tragen, dass die Gebeine umgebettet und die Sarkophage freigemacht werden. Casimir soll die Bleitafel Morgen früh schon vorbereiten und einsetzen. Der letzte in der Reihe soll ihrer werden... Der direkt neben dem Kind..."
Der Alte nickte. „Natürlich, Euer Exzellenz."
„Und schickt umgehend Nachricht an ihre Familie. Selbst, wenn sie nicht kommen, sie sollten es wenigstens wissen."
Der Graf dachte daran, dass Elisabeths Eltern nicht einmal zur Hochzeit gekommen waren, obwohl man sie eingeladen hatte. Seit ihrem Verlobung hatten sie nichts mehr von ihnen gehört. Nicht einmal über das Begräbnis ihrer Eltern war sie informiert worden, und es hatte sie tief geschmerzt. Er erwartete nicht, dass ihre lebenden Blutsverwandten kommen würden. Es schien, als ob sie dächten, dass Elisabeth durch ihre Heirat zu hoch über ihnen stand, als das es noch schicklich gewesen wäre, mit ihr zu verkehren. Doch der Anstand gebot es, sie in Kenntnis zu setzen, auch wenn sie selbst es daran hatten mangeln lassen.
Nachdem die letzten Details besprochen waren, verabschiedete sich Igor mit einem letzten "Mein herzlichstes Beileid, Euer Exzellenz!". und ließ seinen Herrn allein.
Der Graf lehnte sich in seinen Schreibtischstuhl zurück. Der Plan stand ihm klar vor Augen. Heute Nacht würde er noch einmal in seinem Schlafgemach schlafen, doch morgen schon würde er tagsüber bei Elisabeth in der Gruft ruhen.
Eingeschlossenen hinter altem Stein, verborgen an dem am seltensten betretenen Orte des Schlosses, würde ihn die Sonne nicht erreichen. Es war höchstwahrscheinlich der dunkelste Ort, den er im ganzen Schloss finden würde, vergleichbar mit jenem Gewölbe im Wald. Und er würde zumindest in Elisabeths Nähe sein, während er ruhte. Es war die perfekte Lösung!
Da seit jeher kein Diener die Gruft, außer auf ausdrückliche Anweisung, betreten durfte, würde er dort sicher sein.
Er nahm Papier und Feder zur Hand und schrieb eine Notiz an Herbert. Da er seinen Sohn bis zum nächsten Abend nicht mehr zu Gesicht bekommen würde, war es besser, ihn auf diese Art zu informieren und ihn wissen zu lassen, was er zu tun hatte.
Dies getan, lenkte er seine Schritte zur recht umfangreichen Bibliothek. Er brauchte Antworten und eines der Bücher hier mochte sie für ihn bereithalten. Systematisch wählte er Werke aus, die ihm wahrscheinlich schienen und nahm sie mit zurück in seine Gemächer. Dort zog er die schweren Vorhänge zu und schob den Riegel vor die Tür um, ungebetene Gäste zu vermeiden. Dann streckte er sich hinter den verschlossenen Vorhängen auf seinem Bett aus und schlug den ersten der dicken Folianten auf, die er mitgebracht hatte.
Autor's Note:
Nachbearbeitet im Juli 2022 – nur Rechtschreibung.
exsecratio obscuri - lateinisch, Bedeutung dunkler Fluch. Der Graf gibt Herbert aber nicht die vollständige Übersetzung.
