Kapitel 9: Kein Stern zu seh'n...

Die Fahnen mit dem Familienwappen flatterte auf Halbmast und aus jedem Fenster hingen dunkle Banner. Das Schloss trug trauer und alles war in Trauerflore gekleidet.

Doch während das Schloss dem äußeren Schein nach in Trauer versunken war, herrschte in seinem inneren reges Leben.

Unter der Schar von Dienern kursierten allerhand Gerüchte, von denen es nicht unwahrscheinlich war, dass der alte Pater Anselm die Quelle war.

Es war von einer seltsamen, seltenen Krankheit die Rede, die sich Seine Exzellenz nach eigenen Angaben zugezogen habe. Sein plötzliches Verschwinden hätte daher gerührt, dass er einen Spezialisten aufgesucht habe und nur die Herrin darum gewusst hätte.

Das Gerücht machte schnell die Runde und zur Mittagszeit wusste es wohl ein jeder im Schloss. Aber Graf von Krolock hätte in seinem abgedunkelten Schlafzimmer wohl nicht so ruhig geschlafen, wenn er gewusst hätte, dass dieses von ihm ausgestreute Gerücht nicht so Fuß fasste, wie er es sich gewünscht hatte.

Die Wächter, die in jener Nacht auf Streife gewesen waren, hatten sehr wohl gesehen, dass er der Letzte gewesen war, der vor ihrem Tod mit der Gräfin zusammen gewesen war. Das Gesinde hätte vielleicht an einen Schicksalsschlag glauben mögen, hatten diese das Paar doch so oft getroffen, wären da nicht die Geschichten gewesen, die während der Tage umgingen als der Graf auf Leben und Tod zu Bett lag. Es hatte sich rasch verbreitet, dass der Graf womöglich von einem Vampir infiziert worden war.

Jetzt tauchte diese neue, sonderbare Geschichte auf, nachdem die Herrin Tage zuvor gestorben war. Viele wollten ihrem Grafen glauben, hatte er sie in den all den Jahren, in denen er die Geschicke des Landes führte, doch noch nie betrogen. Doch die Saat des Zweifels war ausgestreut und so fanden sich viele hin und her gerissen zwischen den Gerüchten, die von alten Geschichten untermauert wurden, und jener, für die einzig die Worte des Grafen sprachen.

Das Geflüster unter der Dienerschaft riss an diesem Tag kaum ab und wenn, dann nur, weil sich der junge Herr näherte.

Die Vorbereitungen für das Begräbnis waren in vollem Gange. Die Gebeine, die bislang in der Gruft geruht hatten, wurden unter den wachsamen Augen Pater Anselms mit der nötigen Würde in hastig errichtete Gräber auf den Friedhof in dem Wald am nächsten gelegenen Ausläufer des Schlossgeländes umgebettet.

Der Schmied fertigte, wie von seiner Exzellenz befohlen, die Bleitafel für die Gräfin, gravierte sie und setzte sie ein. Die Gruft wurde mit Gebinden aus roten und weißen Rosen sowie weißen Lilien geschmückt und mit Fackeln ausgestattet.

Die Vorbereitungen für erwartete Gäste hielten sich in Grenzen. Schon vor dem Morgengrauen wurden eilige Boten ausgesandt. Doch ihre Zahl blieb überschaubar.

Es war klar, dass nicht viele der verstorbenen Gräfin die letzte Ehre erweisen würden.

Vielleicht noch weniger, als es unter anderen Umständen gewesen wären, denn es mochte gut sein, dass doch einige Verwandte seiner Exzellenz gekommen wären, um ihm in dieser dunklen Stunde ihr Beileid auszudrücken, auch wenn es noch so unaufrichtig sein mochte.

Das große Speisezimmer wurde mit Trauerfloren und schlichtem Blumenschmuck für wenige Gäste hergerichtet. Ein Feuer brannte den Tag über in dem großen Kamin. Doch an diesem Tag schmückten hochglanzpolierte Lüster mit dunklen Trauerkerzen und ein Tuch aus schwarzem Damast den meist verwaisten eleganten Tisch aus dunklem Ebenholz und das Tafelsilber war auf Hochglanz poliert. Doch das feine Arrangement wurde von der Tatsache überschattet, dass nichtmal die Hälfte der langen Tafel besetzt sein würde und es war nicht einmal sicher, ob sich die vorbereiteten Plätze überhaupt zur Gänze füllen würden.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang begannen alle Glocken im Schloss zu läuten, und die Gräfin wurde mit allen Ehren in einem Trauerzug von der Kapelle aus über das Schlossgelände zur Gruft getragen.

Auffällig war es, dass dieser Trauermarsch nicht von seiner Exzellenz, sondern von dem jungen Herrn angeführt wurde. Eigentlich schickte es sich nicht, Der Graf hätte an der Spitz neben seinem Sohn zu gehen, direkt hinter der Bahre.

Doch niemand hatte ihn an diesem Tag gesehen oder gehört. Und man wunderte sich allgemein darüber, hatte doch jeder erwartet, dass er mit Argusaugen über die Vorbereitungen wachte.

Dem jungen von Krolock folgten einige wenige Angehörige Seiner Exzellenz, vermutlich erschienen, um sich lieb Kind zu machen, einige Dorfbewohner aus der Gegend, die eigens zu diesem Anlass angereist waren, sowie nahezu die gesamte Dienerschaft.

Auf dem Vorplatz, nahe der Treppe, die zur erleuchteten Gruft hinunter führte, sammelte sich die Menge und Pater Anselm begann seine Trauerrede.

Währenddessen warf er dem jungen Herrn immer wieder finstere Blicke zu.

Doch dann, Anselm war mitten in der Lobrede auf die Gräfin, teilte sich die versammelte Menge und ein Raunen wurde ging um, das den Priester innehalten ließ. Im Dämmerlicht hatte sich der Graf genähert.

Wie sein Sohn, war er in schwarz gekleidet. Doch im Gegensatz zu den übrigen Adligen, war seine Kleidung auffällig schlicht. Unter dem offenen Gehrock aus schwarzem Samt trug er eine schmucklose Weste, aus deren Ausschnitt und den weitgeschnittenen Ärmeln die schmucklosen, schwarzen Spitzenrüschen seines schlichten Hemdes hervorblitzten. Das grau melierte Haar, zurückgebunden, der Siegelring an der einen und sein Ehering an der anderen Hand, dienten als einziger Schmuck.

Auf seinem bleichen Zügen zeichnete sich deutlich sein Kummer ab, während er würdevoll an der murmelnden Menge vorüberschritt und den Platz neben seinem Sohn einnahm.

Er warf Pater Anselm einen strengen Blick zu, und der Priester räusperte sich nervös, gewann aber rasch die Fassung.

„Außerdem wird sie allen Anwesenden als eine liebenswerte und zuvorkommende Edelfrau in Erinnerung bleiben, die sich stets um das Wohl ihrer Untergebenen sorgte. Das Pflichtbewusstsein ihrer Familie, ihrem Untertanen und der Kirche gegenüber." Er dröhnte, dem Grafen immer wieder verstohlene Blicke schenkend weiter, ohne sich bewusst zu werden, das ihm außer der Hand voll Adligen niemand zuhörte.

Für das gemeine Volk war das Auftauchen ihres Grafen zu interessant und Gerüchteküche begann erneut zu brodeln.

Der Graf sah im Licht der Fackeln wahrhaftig nicht gesund aus. Er war schrecklich bleich und die Haut spannte sich straff über seinen hohen Wangenknochen, die dunkle Schatten auf die farblosen Wangen warfen. Seine sonst so strahlenden, klaren Augen waren gerötet und wirkten glanzlos und leer. Am Gerücht über seine Krankheit schien offensichtlich doch etwas dran zu sein. Doch blieben die Älteren unter dem Gesinde noch immer misstrauisch und beäugten ihn mit scheelen Blicken. Er hielt sich aufrecht und trug eine scheinbar gefasste Mine zur Schau, die einzig dieser hoffnungslose Blick seiner Augen Lügen strafte. Dann und wann überkam ihn ein fast unmerkliches Zittern.

Endlich beendete der Pater einem letzten langatmigen Gebet seine Predigt und die Herrin wurde, nur von der kleinen Schar Adliger begleitet, in die Gruft hinunter getragen, wo man sie zur letzten Ruhe betten würde.

Auch hier dominierte die düstere Schlichtheit, denn nur die gotischen, aus dem Fels der Karpaten heraus gemeißelten Säulen, die das hohe, Gewölbe trugen und die Ornamente und Verzierungen an den drei großen Steinsarkophagen, konnten als Schmuck dieses Ortes bezeichnet werden.

Durch die schmalen Fenster, die kaum mehr als schmale Schlitze waren, war noch entfernt das Gewirr sich langsam entfernender Stimmen zu hören.

Das Licht der Fackeln erleuchtete diesen Ort, den seit der Bestattung des letzten Grafen, kaum jemand betreten hatte. Zu Ehren der Gräfin waren allerdings auch hier Trauerflore und Gebinde aus Lilien angebracht. Aber die Diener hatten sie in ihrer Hast, diesen Ort wieder zu verlassen, mehr schlecht als Recht an den Säulen befestigt.

Die Bahre wurde nahe des am äußersten gelegenen Sarkophags abgesetzt. Das Innere des aus dem dunkelgrauen Stein der Umgebung gefertigten Sarkophags war sorgfältig mit einer neuen Schicht aus grauer Seide ausgeschlagen worden. Auf der Bleitafel stand jetzt ihr Name. Elisabeth von Krolock. Ein Kreuz, das Jahr 1617 und der Tag und Monat ihres Todes vervollständigten den Schriftzug.

Auf ein Zeichen des Priesters wurde die Gräfin behutsam, mit dem weißen Leichentuch in den Sarkophag gebettet, während die blassen Augen des Grafen scharf über jede Bewegung wachten.

Dann trat der für diese Angelegenheit in seine beste priesterliche Robe gekleidet und mit einem goldenen mit Juwelen geschmückten Kreuz ausstaffierte Pater Anselm noch einmal an das noch offene Grab.

„Hier betten wir dich zur Ruhe, Schwester. Mögen deine sterblichen Überreste hier Frieden finden, und deine Seele in das Reich des Herrn eingehen."

Er bekreuzigte sich und die Anwesenden wiederholten hastig seine Geste. Allerdings hätte er auf die Bibel geschworen, dass er von seiner Exzellenz, den er aus dem Augenwinkel gerade noch sehen konnte, keine Bewegung wahrgenommen hatte.

Wie es der Tradition entsprach, machten die Anwesenden der Verstorben eine letzte Reverrenz und wünschten den beiden Hinterbliebenen Herzliches Beileid.

Die Augen des jungen Herrn waren gefährlich glasig, doch der Graf nahm es mit versteinerter Miene hin, sagte aber kaum ein Wort und antwortete meist nur mit einem knappen Nicken. Auf ein Zeichen von ihm, begleitete Herbert die Gruppe von Adligen hinaus zum großen Speisesaal, während der Graf noch in der Gruft zurück blieb.

Pater Anselm betrachtete, wie er noch einmal an den offenen Sarg trat und auf das bleiche Gesicht der Gräfin hinab sah. Er führte zwei Finger seiner schlanken Hand an seine Lippen und berührte dann ihre. Dann strich er ein letztes mal über ihre kalte Wange.

Er trat auf die andere Seite des Sargs und versperrte Pater Anselm mit seiner hohen Gestalt die Sicht. Sanft nahm er die bleiche Hand. Sie war noch kälter als seine eigene, doch im Gegensatz zu seinem eigenen war ihr Herz für immer verstummt. Vorsichtig streifte den Ehering von ihrem Finger, den er ihr einst selbst angesteckt hatte.

„Ich werde ihn bei mir tragen, bis du eines Tages zu mir zurückkehrst, meine Liebste," flüsterte er so leise, dass Anselm und die hinter ihm versammelten Knechte, die darauf warteten, sich von dem düsteren Ort zu entfernen, ihn nicht hören konnte.

„Ich werde auf dich warten... und irgendwann wirst du aufs Neue meinen Ring tragen. Doch so lange werde ich ihn für dich aufbewahren. Als ein Zeichen der Hoffnung, dass der Tag nicht allzu fern sein mag, an dem wir wieder vereint sein werden."

Er schluckte schwer und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.

„Ich liebe dich. Und werde dich immer lieben... in Ewigkeit."

Er senkte den Kopf und kämpfte gegen den roten Schleier an, der seine Sicht nun zu verwischen drohte. Er durfte jetzt nicht weinen, oder er würde sein dunkles Geheimnis offenbaren.

Sanft nahm er die Ränder des weißen Tuchs und schlug sie über der reglosen Gestalt zusammen.

Lebe wohl, meine Liebste, dachte er. Ich hoffe, auf bald.

Er nickte Pater Anselm und den Knechten kurz zu und trat beiseite, während die Männer den schweren Steindeckel wieder zurück auf seinen Platz schoben. Der Sarkophag schloss sich mit einem Knirschen, das schrecklich endgültig war. Einen Moment länger verharrte Der Graf an seinem Platz und betrachtete wehmütig die steinerne Ruhestadt seiner Frau. Dann zog er vorsichtig die einzelne rote Rose unter seinem schwarzen Gehrock hervor, die er bislang dort verborgen hatte. Er führte die frisch aufgeblühte Blume sacht an seine Lippen, ehe er sie auf die schwere Steinplatte legte, unter der Elisabeth von nun an ruhen würde.

Dann wandte er sich widerwillig ab, denn er wusste, dass er erwartet wurde. Der Gedanke an den Leichenschmaus grauste ihm. Bis auf eine einzelne Ausnahme erwarteten ihn nur Menschen, die noch heute Nacht freudig auf den Tod seiner Frau anstoßen würden. Wäre da nicht sein Sohn, hätte er es vielleicht fertiggebracht, sie sich selbst zu überlassen, um stattdessen hier auszuharren. Ihr so nah wie möglich zu sein... und doch so schrecklich fern. Aber er kannte seine Pflichten, kannte seinen Platz. Und sich jetzt gehenzulassen würde sie nicht wieder zurückbringen.

Die versammelte Gruppe der Adligen erhob sich als der Schlossherr den Saal betrat. Es war ihm nur allzu bewusst, dass sie den armen Jungen mit Fragen über seinen Verbleib bestürmt hatten. Zudem hatte er sie gehört. Aber nachdem er ruhig und gemessen eintrat, waren sie verstummt.

Er ging schweigend zu seinem Platz am Kopf der Tafel, Herbert zu seiner rechten, der reichlich mitgenommen wirkte. Er schenkte ihm ein schmales Lächeln und streifte seinen Geist mit einer flüchtigen, Berührungen. Du bist nicht allein, mein Sohn. Er sah, dass Herbert plötzlich zu ihm aufblickte, einen leicht erstaunten Ausdruck in seinen Augen. Hatte er ihn gehört? Wenn sein Gefühl ihn nicht trog, dann mochte das so sein. Aber er würde sich nicht noch einmal verraten und so erwiderte er nur ruhig seinen Blick, ehe er seine Augen auf den Rest der Versammelten richtete.

Fünf seiner Schwester samt Ehemännern und ein paar von ihnen mit beinahe erwachsenen Söhnen und Töchtern, wie er amüsiert bemerkte.

Wo sie früher versucht hatten, ihn von einer anderen Partie zu überzeugen, setzten sie wohl nun auf seinen Sohn. Oh, ihr armen Narren, dachte er. Ihr mögt ihm noch so hübsche Fratzen vorführen, doch all' eure Hoffnungen sind vergebens.

Er hatte schon seit ein paar Jahren geahnt, das sein Sohn sich mehr für junge Burschen erwärmte, als für Mädchen. Manche junge Maid im Schloss hatte versucht, seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber keine war erfolgreich. Er hatte seine Vermutungen für sich behalten, da er Elisabeth nicht hatte beunruhigen wollen. Er hatte gehofft, es würde sich finden, wenn Herbert sich ein wenig die Hörner abgestoßen hätte. Doch nun wurde er im nächsten Frühjahr schon mündig und diese Neigung war geblieben. Und was bislang nur Vermutung gewesen, war seit einigen Tagen Gewissheit. Das dunkle Blut erlaubte ihm, in Herbert zu lesen, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Mehr noch, als zuvor. Seine Gedanken lagen ausgebreitet vor ihm...

Er würde mit ihm sprechen müssen. Wenn es ruchbar werden sollte, würde es den Jungen den Kopf kosten. Trotz seiner Stellung konnte Victor ihn dann nicht mehr beschütze.

Einen Moment länger glitt der Blick über seine versammelten Verwandten. Doch die Erklärung, die sie mit gespannter Miene erwarteten, würde er ihnen nicht geben. Wenn ihnen nicht klar war, wo er bis jetzt gewesen war, würde er nicht seine Zeit damit vergeuden, es ihnen zu erklären.

Stattdessen ergriff er seinen bereits gefüllten Weinkelch und hob ihn an.

„Auf Gräfin von Krolock!", sagte er ernst und setze seinen Kelch an die Lippen.

Um den Tisch herum wurde der Trinkspruch aufgegriffen als die Versammelten es ihm gleichtaten. Er dankte indessen dem Schicksal, denn das schwere Silber des Kelchs verbarg gnädig die Tatsache, das er keinen Schluck getrunken, sondern nur so getan hatte. Sobald der schwere rote Wein seine Lippen berührte war ihm in einem Moment tiefen Abscheus klar geworden, dass er keinen Tropfen davon trinken konnte.

So setzte er das unberührte Gefäß wieder ab und winkte den Dienern aufzutragen.

Es gelang ihm seinen Ekel genug zu beherrschen, um höflich in seinem eigenen Teller herumzustochern, und den anderen Zeit zu geben, ihre Mahlzeit zu beenden. Ehe er sein eigenes Besteck beiseite legte und die Tafel damit aufhob.

Sich in seinen Hohen Stuhl zurücklehnend hoffte er, dass sie einfach sich rasch verabschieden mochten. Nie hatte er die Anwesenheit so vieler Gäste, bei denen es ihm lieber gewesen wäre, sie wären nicht erschienen, weniger erwünscht. Er wusste nicht, wie viel mehr er noch ertragen konnte.

Doch keines der behaglichen Gesichter verriet etwas über die Absicht eines frühen Aufbruchs. Es war zu befürchten, dass sie darauf spekulierten, die Nacht im Schloss zu verbringen, wenn er all die unvertrauten Gedankenfetzen richtig deutete. So wenige hatte sich in all den Jahren geändert. Es war als sei in diesem Punkt die Zeit stehengeblieben. Als sei er noch immer der junge Bursche, der nach dem Tod des Vaters nun die Last der Amtswürde schultern musste und dem seine vielen Schwestern samt Ehemännern diese Aufgabe nach Kräften noch schwerer machten.

Während er einen Punkt an der gegenüberliegenden Seite des Saals anstarrte, ohne ihn wirklich zu sehen und an vergangene Anlässe dachte, die diesem hier ähnlich gewesen waren, gefroren seine Züge zu jener ausdruckslosen Maske, die ihm in den langen Jahren seiner Amtszeit zur Natur geworden war.

Gerade gab er sich einem Moment bittersüßer Erinnerung an Elisabeth hin, als er sich bewusst wurde, dass viele Augen auf ihn gerichtet waren.

„Verzeiht, meine Gedanken sind ein wenig abgeschweift." Der Graf sprach mit kühler, fast schon gelangweilter Stimme, ohne die Augen von jenem Stückchen Mauerwerk zu lösen, das er die ganze Zeit blicklos angestarrt hatte. „Ihr sagtet gerade?"

Einer seiner Schwager verzog angewidert das Gesicht, seiner Meinung nach war es nur allzu offensichtlich wohin die Gedanken seiner Exzellenz abgeschweift waren. Und er hasste die ruhige Gleichgültigkeit in die er sich hüllte. Die kühle Distanz, die jede peinliche Berührung über diesen so offensichtlichen Schnitzer ausschloss und gleichzeitig andeutete, was auch immer es gewesen sein mochte, dass ihn beschäftigt hatte, wichtiger gewesen war, als dass, was seine Verwandten nun von ihm verlangten.

Der Schwager seiner Exzellenz wurde noch röter. „Ich sagte, wann gedenkst du eigentlich-"

„Ich erinnere mich nicht daran, Dir jemals eine solch vertrauliche Anrede gestattet zu haben, Mihai", fiel ihm Graf von Krolock ins Wort. „Du magst von uns beiden der Ältere sein, aber du bist dennoch nur ein Emporkömmling, an den mein Vater seine Tochter verschachert hat. Du entstammst lediglich dem Landadel, du hast weder einen Titel vorweisen noch ein nennenswertes Vermögen – gleichgültig wie alt die Familie auch sein mag, die dich hervor gebracht hat. Kenne deinen Platz. Und vergiss niemals, dass du noch immer mit deinem Grafen sprichst!"

Nun sah er den plumpen, ungehobelten Kerl an, den er noch nie hatte leiden können. Eine Abneigung, die wenig mit seiner kleinen, korpulenten Gestalt, dem grobschlächtigen Gesicht mit dem strohfarbenen Haar zu tun hatte, sondern mit dem ganzen Wesen seines Schwagers.

Die Augen seiner Exzellenz waren wie Eis und Mihai erschauerte unter diesem Blick. Die schmalen Brauen dicht über den Augen, schenkte ihm seinem Schwager einen eisigen Blick und musterte ihn mit demonstrativer Verachtung von oben herab.

Mihai war der älteste Sohn eines Landadligen gewesen. Eine Standesgemäße Partie. Er entstammte einer ähnlich alt ehrwürdigen Familie wie seine Frau, obwohl das Vermögen seines Hauses schon seit Generationen immer weiter abgenommen hatte Seit der Heirat mit Daciana, der ältesten Schwester des Grafen, schien er das Gefühl zu haben, er hätte einen Anspruch auf die Amtswürde. Victor von Krolock war fast noch ein Kind gewesen, als die beiden geheiratet hatten. Und Mihai hatte es sich seit jeher angemaßt, dem damals jungen Grafen von Krolock Ratschläge erteilen zu wollen, die dieser, ebenso, wie alle Versuche seines älteren Schwagers ihn auf unziemliche Art vertraulich, wie einem Gleichrangigen gegenüberzutreten, stets brüsk abgewiesen hatte.

Der Graf ließ ihn nun bei jeder Gelegenheit spüren, was er von ihm hielt. Er sprach ihn bewusst in der vertraulichen Form an, und verweigerte ihm jede respektvolle Anrede, etwas das selbst im Umgang mit seinen einfachen Untertanen für ihn unüblich war. Er war so unhöflich zu ihm, wie er es sein konnte ohne, dass man dem Grafen schlechte Manieren hätte vorwerfen können und ließ ihn und jeden anderen der zugegen war genau spüren was er von ihm hielt.

„Aber ich werde über Eure mangelnden Umgangsformen diesmal hinweg sehen, wenn es nicht wieder vorkommt. Nun, ich höre. Ich glaube Ihr wolltet eine Frage an mich richten?"

Graf von Krolock hob eine einzelne Braue und schenkte seinem Schwager einen durchdringenden Blick. Mihai räusperte sich wichtigtuerisch.

„Nun, ich bin sicher, meine Schwägerinnen werden mir dabei rechtgeben und auch Ihr, mein verehrter Schwager, müsst zugeben, dass es nach den Ereignissen der letzten Wochen wieder einmal sehr deutlich geworden ist, dass es sehr gefährlich ist, dass die Grafschaft nur einen Erben hat."

Er lächelte schmierig und die Schwestern seiner Exzellenz schenkten ihm beifällige Blicke. Einige nickten.

„Ich sehe nicht, inwiefern Euch das rührt", entgegnete er kühl. „Abgesehen davon dürfte es euch doch freuen. Denn sollte mein Sohn mir nicht nachfolgen können, wird mein Titel und die Ländereien, wie es nun einmal seit jeher Brauch ist, meinem nächsten männlichen Verwandten zufallen. Und ich bin sicher, es würde dich und meine liebe Schwester nur allzu glücklich stimmen, wenn dieser Lümmel, den ihr meinen Neffen nennt, meinen Titel tragen würde!"

Der besagte Neffe wurde zunächst kreidebleich, dann jedoch hoch rot. Sein Vater zeigte die gleiche Pupurfärbung und an seiner Schläfe pulsierte eine Ader. Seine Ehefrau hatte, obgleich ebenfalls erbleicht, ihre Fassung gewahrt und verzog keine Miene.

„Victor, mein Lieber", hob Daciana stattdessen in süßlichem Ton an, „Du musst zugeben, die Situation ist bedenklich. Der Himmel allein weiß, was hätte passieren können, wäre dir ernstlich etwas geschehen. Nicht auszudenken, wenn auch noch dem lieben Herbert etwas zustoßen sollte."

Der Graf sah seine Schwester kühl an. Ihr Haar war seit er sie zuletzt gesehen hatte nahezu ganz ergraut. Sie war für ihr Alter noch immer eine attraktive Erscheinung - und die einzige seiner vielen Schwestern, mit ähnlich hellen Augen wie er selbst..

„Empfindet Ihr es als angemessen, Daciana? Wir sind hier versammelt, weil man die Gräfin zu Grabe getragen hat. Ihr und Euer Gatte tut wohl daran, den Anlass nicht aus den Augen zu verlieren! Ich werde heute keine Diskussion zur Klärung der Erbfolge abhalten."

„Sie haben aber recht!", ließ sich nun die Stimme Estera von Krolocks vernehmen, der Schwester, die der Graf seit jeher am meisten verabscheut hatte.

„Ihr solltet Euch wirklich Gedanken um die Zukunft der Grafschaft machen, Victor. Ihr könnte Euch nicht leisten Euch zu vergraben und wie ein Weib zu trauern! Es wäre an der Zeit, dass Ihr zumindest Euren Sohn standesgemäß vermählt, wenn Ihr es schon nicht selbst tun wollt."

Normalerweise war der Graf sehr beherrscht. Doch nun merkte er, wie ihm seine schwindende Kontrolle entglitt.

„Ich sagte bereits, keine Erbfolge-Gespräche an dem Tag, da meine Gattin bestattet wurde, Estera!"

Graf von Krolock sprach leise und mit gepresster stimme. Er grub die Nägel in seine Handfläche während er sprach. Er konzentrierte sich auf den stechenden Schmerz, mit dem sie in sein Fleisch drangen, um nicht der rasenden Wut nachzugeben, die ihn zu überwältigen drohte.

Lass sie jetzt schweigen, flehte er innerlich, obgleich er nicht wusste, wem dieses Flehen galt. Lass sie jetzt einfach schweigen.

„Aber wirklich, Victor, Ihr tut gerade so, als ob das ein ungehöriges Thema sei. In Anbetracht der Umstände werdet Ihr wohl einsehen, dass es an der Zeit ist schnellstmöglich zu handeln", fiel eine weitere Schwester ein. Ileana war nur wenig älter als der Graf, ihr Haar und die Augen hatten den in der Gegend typischen braunton, doch ihr fein gemeißeltes Gesicht verkündete die Verwandtschaft nur allzu deutlich. „Ihr seid wirklich sehr egozentrisch!"

Gegen seine sonstige Gewohnheit sprang Victor aufgebracht auf. Seine heftige Bewegung ließ den schweren Stuhl hinter ihm geräuschvoll zu Boden stürzen.

„Habt Ihr alle kein Schamgefühl? Keinen Sinn für Höflichkeit und Anstand? Meine Gemahlin wurde heute zu Grabe getragen und Ihr verlangt, dass ich beginne die Vermählung meines Sohnes zu planen? Hinaus! Ihr Alle! Ich will euch so lange ich lebe kein weiteres mal in diesem Schloss sehen!"

Während die Anwesenden sich betreten anblickten, eilte Graf von Krolock zur Tür und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Sie hörten noch, wie er davon hastete und donnernd nach dem Haushofmeister verlangte.

Bevor sie sich von diesem Schrecken erholen konnten, um den jungen Herbert Von Krolock zu bestürmen, was dies nun bedeuten sollte, kamen bereits die ersten Diener mit Hüten, Hauben und Mänteln herein. Allen voran der alte Igor.

„Seine Exzellenz hat angeordnet, die Anwesenden zu ihren Kutschen zu geleiten. Die selbigen fahren gerade im Schlosshof vor."

Er endete mit einer eleganten Verbeugung, die bei seinem Alter erstaunlich war. Herbert sah einen Moment verwundert in die Runde. Dann wurde er sich seiner Pflichten bewusst und erhob sich rasch.

„Nun denn, es scheint, die Tafel ist aufgehoben, die Feierlichkeiten sind beendet. Einen wunderschönen Abend, meine verehrten Gäste und eine gute Heimreise, allerseits."

Er verbeugte sich ebenfalls und mit einem charmanten Lächeln schaffte er es, das gute Dutzend aufgebrachter Vettern und Basen auch wirklich zum Schlossportal hinauszukomplementieren.

Nicht eher waren die letzten Kutschen verschwunden als Herbert von Krolock die Fassade charmanter, gut gelaunter Höflichkeit fallen ließ und sich mit der Frage an den alten Igor wandte, die ihn schon beschäftige seit sein Vater die Gesellschaft verlassen hatte.

„Bei allen Heiligen! Was ist nur über ihn gekommen, Igor? Ist das derselbe Mann, der versucht hat, mich Geduld zu lehren?"

Doch der alte Igor erwiderte Herberts beinahe spitzbübisches Lächeln nicht.

„Ich habe seine Exzellenz noch nie so außer sich gesehen, junger Herr", erwiderte er vorsichtig. „Und ich kennen ihn schon, seit er selbst noch der junge Herr war. Ihr könnt es mir glauben, um die da ist es nicht schade! Er hat es nie leicht gehabt mit diesem Pack, wenn der junge Herr mir diesen Ausdruck vergeben möchte. Euer Vater hat von seiner Sippe mehr ertragen müssen als Ihr Euch vorstellen könnt. Mehr als er Euch jemals erzählen wird. Der Herr im Himmel selbst, könnte ihm keinen Vorwurf für das machen, was er heute Nacht tat."

Der alte Igor seufzte tief und schüttelte den Kopf.

„Kein Mann verdient einen Haufen Schwestern, wie die, junger Herr."

„Wo ist er hin, Igor?"

„Er ging in Richtung der Parks davon, als ich ihn zuletzt sah."

Herbert wollte sofort losziehen, um seinen Vater zu suchen, doch Igor hielt ihn mit den Worten zurück,

„Ihr werdet mir die Bemerkung verzeihen, junger Herr, aber es wäre besser, Ihr würdet seiner Exzellenz jetzt nicht nachgehen. Er würde nicht wollen, dass Ihr ihn so seht. Nicht nach all den Lehren, die er Euch über die Tugend der Mäßigung und Selbstbeherrschung gehalten hat. Er wird zurückkommen, wenn er sich wieder beruhigt hat." Diesmal schenkte ihm Igor ein breites Lächeln. Und Herbert konnte nicht anders als es mit dem ersten Lachen seit Tagen zu beantworten.

Es war in der Tat besser, dass Igor Herbert aufgehalten hatte. Zwar war es unwahrscheinlich, dass der junge von Krolock seinen Vater in dieser Nacht gefunden hätte, doch wenn er es getan hätte, wäre er sicher entsetzt vor ihm zurückgewichen.

In dieser Nacht war Graf von Krolock mehr Vampir als Mensch. Und selten in den Jahrhunderten, die folgten, wurde er derart von jenem Teil seiner Selbst beherrscht, der vollkommen jene finstere Kreatur war, das er niemals sein wollte.

Er hatte ohne Schwierigkeiten in den Park entkommen können. Der Graf machte allmählich Fortschritte darin, den Wächtern durch die Finger zu schlüpfen. Von dort aus war es einfach. Es gab eine Stelle auf dem Familienfriedhof an der die Burgmauer nicht so hoch war, wie anderswo. Es gab hier keinen Wehrgang auf der Mauerkrone und durch den Winkel, in dem sie zur Familienkapelle lag, war es von den meisten Wehrgängen aus unmöglich diese Stelle der Ringmauer zu sehen, die Schloss von Krolock umgab. Natürlich war diese Stelle mit gefährlichen Metallspitzen gesichert worden, aber schon als junger Mann hatte er gelernt diese Stelle für sich nützlich zu machen wenn er dessen bedurfte. Die Notwendigkeit hatte irgendwann nicht mehr bestanden, sobald er volljährig geworden war und ihm kein übereifriger Vormund ihm mehr Vorschriften machte.

Aber als Vampir war es noch einmal einfacher die Mauer Steinen zu erklimmen, vorsichtig an den Metallspitzen vorbei zu schlüpfen und wie eine Katze leichtfüßig am Fuß der Steinwand auf zu kommen.

Der Wald lag hier dem Schloss am nächsten und Victor schlüpfte lautlos in die Dunkelheit davon.

Glühender Zorn tobte in seinem Innern und er hatte das Gefühl hinter den schweren Burgmauern ersticken zu müssen. Er selbst hätte es kaum beschreiben können, aber er folgte dem Impuls, der ihn hinausdrängte und dazu, sich zu bewegen. Er lief schneller als er es ahnte, schneller als ein Mensch und er erreichte das Unterholz in kurzer Zeit. Seine Kleidung wurde in Mitleidenschaft gezogen, denn er nahm keine Rücksicht, drängte einfach immer weiter.

Seine Gedanken jagten einander im Kreis. Wie konnten sie es wagen? Wie konnten sie wagen ihn noch immer, wie einen halbwüchsigen Burschen behandeln zu wollen, von dem man glaubte, dass er sich einfach am Gängelband führen lassen würde. Wie konnten sie sich in Angelegenheiten mischen, die privater Natur waren und sie nichts angingen?

Dass sie recht hatten, machte es nicht besser. Herbert sollte schon längst verheiratet sein, oder es bald werden. Aber was würde es nützen? Dass er seit kurzem wusste, was in dem Jungen vorging, war nur ein weiterer wunder Punkt. Welche Zukunft sollte der Junge haben? Selbst wenn er es schaffte einen Burschen zu finden mit dem er glücklich werden könnte, er würde diese Beziehung niemals offen zeigen dürfen. Sein Leben würde immer zum Teil eine Charade sein müssen und würde sich stets im Schatten der Gefahr abspielen, das sein Geheimnis entdeckt wurde.

Zu seinem eigenen Schmerz gesellten sich jetzt das Bedauern und der Kummer für all die Schwierigkeiten, all die Täuschungen und Lügen, die Herbert in Zukunft bevorstanden, wenn er ein zufriedenes Leben führen wollte, ohne ertappt zu werden.

Und dennoch hatte niemand das Recht, ihm vorzuschreiben was er tun sollte.

Man wollte ihn nicht einmal trauern lassen.

Je mehr Victor nachdachte, desto mehr trieb er sich selbst an, als könnte er seinen Gedanken und Gefühlen entkommen, wenn er nur schnell genug war. Er war sich dabei kaum der Richtung bewusst, die er eingeschlagen hatte. Der Graf wurde noch schneller, setzte über Hindernisse hinweg, die er als Sterblicher kaum bewältigt hätte. Es half einfach nichts. Wo körperliche Verausgabung früher ein Linderungs verschafften, wenn er glaubte seine Gefühle nicht mehr beherrschen zu können, war ihm dies nun verwehrt.

Verdammt sollten sie alle sein! Diese scheinheilige Brut, ebenso wie Kastor, der das Leben das er kannte zerstörte und ihn zu dem gemacht hatte was er nun war.

Zorn und Aggression befeuerten einen neuen Instinkt, dessen Feinheiten Victor noch zu neu waren, um ihn früh genug zu begreifen. Er hätte behauptet, sich einfach wahllos durch den dichten Wald zu bewegen, in eine vollkommen andere Richtung, die allen üblichen Wegen entgegen lag. Je anstrengender, desto besser. Steile Hügelkämme hinauf und wieder hinunter.

Er hatte dabei nicht bemerkt, dass er seine Richtung unmerklich verändert hatte, seit er losgelaufen war. Und zwar nicht wahllos, sondern einem subtilen Impuls folgend. Der Graf hatte sich seit dem Fuchs nicht noch einmal genährt und auch, wenn er es vorzog den Hunger zu ignorieren, weil der Gedanke daran ihn ekelte, war er dennoch da. In seinem Unterbewusstsein brodelte ein Wunsch nach Befreiung. Vor allem, dem schier unerträglichen Sturm aus Emotionen, dem Hunger, seinen eigenen Gedanken, die sich im Kreis drehten, wie ein wild gewordener Hund, der seinem eigenen Schwanz nachjagte.

Sein siebter Sinn hatte begonnen ihn zu führen, bewusst oder unbewusst, denn der Hunger hatte seine unsichtbaren Krallen tiefer in ihn versenkt als er es ahnte. Und da es menschliche Wesen waren, deren Verhalten seinen Zorn befeuerte, richtete sich dieser auf das nächste erreichbare menschliche Ziel, der Quelle die ihn auf einen Schlag von all dem befreien konnte, was ihn gegenwärtig plagte.

Zuerst waren es nur seine übersinnlichen Fähigkeiten, dann sein feiner Geruchssinn, der ihn Meter für Meter in die richtige Richtung führte. Er war sich nur dessen bewusst, dass der Strudel aus Gedanken allmählich nach nachzulassen schien. In seinem Kopf begann sich eine dumpfe Stille auszubreiten, die er einfach nur für eine Weile festhalten wollte.

Schließlich wurde er sich allmählich des vertrauten, süßlich-metallischen Geruchs von Blut bewusst und eine Woge krampfhafter, schmerzhafter Kälte durchzuckte ihn, die ein Gefühl zittriger Schwäche zurückließ als sie abebbte und das wütende, gierige Verlangen nach Blut heftiger und mächtiger als er es bisher erlebt hatte. Es schloss, wie der Reflex zu atmen, jede Möglichkeit an Widerspruch oder Verweigerung aus.

Wie ein Hai, der einer nur kleinen Menge Blut im Wasser zu seiner Quelle zurückverfolgte, folgte Victor dem Geruch und dem untrüglichen Sinn für den Aufenthaltsort seines Opfers.

Vollkommen lautlos näherte er sich und erreichte nicht lange darauf eine kleine Lichtung. Der schwache Geruch eines Feuers, das schon zu einem fast durchgeglühten Häufchen Asche heruntergebrannt war, lag noch schwach in der Luft und um einen Kreis aus unordentlich aufgebauten Steinbrocken lagen zwei zerlumpte Gestalten in tiefem Schlaf.

Von Krolock betrachtete genau ihren Lageort in Relation zu seiner eigenen Position. Einer der Beiden lag näher beim Waldrand und mit dem sicheren Instinkt des Jägers wählte er das Opfer aus, das am einfachsten abzusondern und zu erwischen war.

Dann stürzte er sich auf den Schlafenden, packte ihn bei den Schultern und zerrte ihn mit sich in den Schutz der nahen Bäume. Der Mann war jetzt wach, aber er sollte seinen Angreifer niemals zu sehen bekommen. Eine Hand presste sich fest auf seinen Mund und erstickte seine Schreie. Ein Arm um seine Brust hielt ihn mit hartem Griff fest gegen den Körper seines Angreifers gepresst. Er wehrte sich und versuchte sich loszureißen, doch wie viele Sterbliche vor ihm, musste er feststellen, dass es unmöglich war und schon bohrten sich die Fangzähne in seinen Hals.

Erregung durchpeitschte Victor, die Jagdlust und das schiere Gefühl seiner eigenen Kraft und Macht, vermischt zu einem berauschenden Gemisch, mit dem Moment in dem seine Fangzähne sich ins Fleisch gruben und Blut durch die tiefen Wundmale aufstieg, wie ein Höhepunkt.

Er konnte die Angst seines Opfers schmecken und es war berauschend, wie eine Droge, ein dunkles, heimliches Vergnügen. Mit dem ersten tiefen Schluck kam ein Gefühl intensiver Erleichterung als er fühlte, wie neues Leben seine Adern durchströmte. Er konnte das Leben des Mannes vor seinem geistigen Auge ausgebreitet sehen, ein schnell fließender Fluss aus Bildern, alle seine Erinnerungen, Emotionen und Geheimnisse in dessen Blut schmecken.

Und dann gab es nur noch den gierigen unstillbaren Durst nach mehr – mehr! Er trank schnell, mit langen, tiefen Zügen, schwelgte in der Angst, die seine eigene Erregung steigerten zu einer fast körperlichen Empfindung, die ihn abgestoßen hätte, wäre er bei Sinnen gewesen. Das Herz des Landstreichers musste immer schneller schlagen, um in Gang zu bleiben, bis es einen Punkt erreichte, an dem es begann zu stolpern und zu stocken, das Zeichen, dass der Tod nun nahe war. Und aus Instinkt heraus ließ er sein Opfer los, kurz bevor es passierte, ließ es achtlos zu Boden fallen und ließ den Leichnam dort liegen, wo er war. Er hatte sich tagelang aushungern lassen und sein Körper verlangte nach mehr von der Substanz, die er zum Leben brauchte. Der Geruch nach menschlichem Blut lag schwer in der Luft und in der Nähe konnte er den raschen Herzschlag eines weiteren Sterblichen hören, der zweite der beiden Männer, die nahe bei dem Feuer gelegen hatten. Er wandte sich um und sah eine Gestalt, bei dem fast toten Feuer kauern, die mit einem Stock in der Asche nach den letzten noch glühenden Kohlestücken grub und versuchte, diesem kleine Ästchen zu verfüttern, in der Hoffnung, ein wenig Licht zu machen.

"Greagor! Verdammt, wo bist du, Mann!", rief er mit heiserer Stimme in die Nacht hinaus. „Erst machst du einen elenden Lärm und jetzt das! Hör auf damit, ich kann deine dummen Späße nicht mehr ausstehen. Zeig dich gefälligst!"

Doch er sah den Schatten vor sich erst als es bereits zu spät war und er gepackt wurde. Zwei Hände hielten ihn umklammert, unerbittlich und unnachgiebig, ein Arm umschlang seine Schulter, die andere hatte ihn bei den Haaren ergriffen und zwang seinen Kopf nach hinten. Auch dieses struppige, hagere Menschenwesen hatte keine Chance . Kaum lag die Kehle frei, bohrten sich die Fangzähne in einer blitzschnellen Bewegung durch die weiche Haut. Wieder das Gefühl unbeschreiblicher Erleichterung als die heiße, süßlich- metallische Flüssigkeit seinen Mund erfüllte. Flüssiges Leben und Wärme und mit jedem Schluck alle Geheimnisse dieses menschlichen Lebens, in allen seinen ärmlichen, bedauernswerten Facetten, das er mit jedem Schluck in sich aufnahm und ein Gefühl von zufriedener Ruhe, als das Herz seines Opfers in jenem schrecklichen Rhythmus pochte, das letzte Aufbäumen vor dem Ende.

Als der kleine, zerlumpte Mann vor ihm auf dem Boden aufschlug, kam der Graf wieder zur Besinnung. Er konnte sich an alles erinnern was er getan und gesehen hatte. Und doch war es, als sei er gleichzeitig nicht anwesend gewesen und hätte durch seine eigenen Augen jemand anderem zu gesehen, und nicht sich selbst. „Oh Herr!", keuchte er entsetzt, die geweiteten Augen starrten blicklos auf den toten Körper, der zu seinen Füßen lag. „Was habe ich nur getan?"

Autor's Note:

Nachbearbeitet im Juli 2022. Ein paar Anpassungen in der Leichenschmaus – Szene.

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Estera - Rumänischer Frauenname. Bedeutung "Stern"

Daciana - Rumänischer Frauenname. Wahrscheinlich vom Namen der römischen Provinz Dacia gleitete.

Ileana - Rumänischer Frauenname. Eine Variante von Helena.

Mihai – Rumänischer Männername. Bedeutung "gleich dem gütigen Allmächtigen".