Kapitel 12: Viel ist erreicht, wenn man Sorgen vergessen kann
Wenn Vater und Sohn geglaubt hatten, dass sie einfach zu alten Rollenverteilungen zurückkehren würden, zeigten bereits die ersten Nächte, die sie beide als Vampire miteinander verbrachten, dass es nie wieder sein würde, wie zuvor. Als Sterbliche hatte sie ein Altersunterschied von mehr als zwanzig Jahren getrennt. Als Vampir war der Graf nur wenige Monate älter als Herbert und seine noch immer andauernde Weigerung sein Schicksal zu akzeptieren und seine standhafte Suche nach einem Ausweg daraus, hatte nicht dazu beigetragen, dass er seine vampirischen Fähigkeiten mit besonderem Interesse ausgelotet hätte. Er wusste, was ihn vernichten konnte und war in der Lage, sich zu ernähren. Der Graf hatte im Schloss begonnen zu lernen, wie er seinen Geist von den Sterblichen abgrenzen konnte, deren wimmelnde Gedanken und Gefühle sonst in sein Unterbewusstsein eindrangen, wie Grundwasser in einen schlecht abgedichteten Keller. Seine Kontrolle darüber war noch lange nicht perfekt, doch gut genug, um weitergeben zu können, was er bisher darüber gelernt hatte. Er war klug genug zu begreifen, dass es unangenehme Konsequenzen haben würde, sollte jemals ruchbar werden, was sie beide nun waren und was sie tun mussten, um zu überleben. Aber sah man davon ab, welcher Aberglaube über ihre Art sich als falsch erwiesen hatte, konnte er Herbert tatsächlich nicht mehr als dieses dürftige Angebot an Fertigkeiten anbieten. Er war genauso sehr ein Schüler, wie es sein Sohn war. Noch dazu ein äußerst unwilliger. Sein Sohn hingegen schien seinen eigenen Widerwillen weder zu teilen, noch diesen zu verstehen. Nach allem, was er ihm erklärt und gestanden hatte, betrachtete Herbert seinen Vater immer noch als seinen Retter. Er lebte noch, ganz gleich welche Einschränkungen sein neues Leben mit sich brachte. Dass er nun endlich sicher sein konnte, gewiss nie in die Verlegenheit zu kommen, den Titel seines Vaters mit all den dazugehörenden Pflichten übernehmen zu müssen, schien für ihn eher eine Befreiung zu sein. Es schien tatsächlich so, als sei der Junge ganz froh darüber, dass sich an seiner aktuellen Gegenwart in Zukunft nicht viel verändern konnte. Bis auf eines. Auch Herbert zeigte durchaus Anzeichen, dass er seine Mutter vermisste und um sie trauerte. Aber es war nicht dasselbe, wie für seinen Vater, der nicht nur den Verlust einer Ehefrau und Seelengefährtin betrauerte, sondern auch noch mit der Gewissheit leben musste, dass er selbst sie in ein viel zu frühes Grab gebracht hatte. Und bereits seine erste Lektion in Sachen Jagd auf dem Weg zur Stadt hatte sich als Herausforderung für sie beide erwiesen.
„Tiere?." hatte Herbert angewidert ausgerufen als der Graf ihm zum ersten Mal ausführlich von seinen eigenen Jagderfahrungen berichtete, während sie zu Pferd gemeinsam auf dem Weg in Richtung Stadt unterwegs waren. „Du willst mir allen Ernstes beibringen, wie ich Tiere erlege, als ob ich ein Jäger bin, der unsere Schlossküche beliefert?" „Was hast du denn geglaubt? Denkst du, du kannst dir deine nächste Mahlzeit auf einem Silbertablett servieren lassen, wie du es bisher gewohnt warst?", erwiderte der Graf mit beißendem Sarkasmus und hatte seinen Sohn mit einem vielsagenden Blick bedacht. „Deine nächste Mahlzeit wirst du dir ab jetzt selbst suchen müssen. Und ja, du musst sie wohl oder übel selbst fangen und ihr in die Augen sehen, bevor du sie am Ende töten wirst. Ich kann es nicht ertragen, Menschen töten zu müssen. Und ich bin nicht stolz darauf, es ein paar mal getan zu haben. Also verlange nicht von mir, es dir beizubringen." Bei diesen Worten bedachte er Herbert mit einem harten Blick, der nur zu deutlich sagte, dass sein Sohn ihn niemals dazu bringen würde, ganz gleich, was er sagte oder tat.
„Ich bin mir zwar sicher, dass deine neuen Instinkte dir zu gegebener Zeit nur zu deutlich zeigen werden, wie du auch das Zuwege bringst, wenn es dein Wunsch sein sollte. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen, dass dir der Zufall einen Menschen vor die Nase setzt, wenn es dir gerade bequem wäre. Das heißt, du kannst dir jetzt aussuchen, ob du entweder hungern, oder dir von mir beibringen lassen möchtest, wie du dich hier draußen selbst ernährst." „Ist ja gut, ich werde mir anhören, was auch immer du mir beibringen möchtest", lenkte Herbert seufzend ein. Er wusste ohnehin, dass er keine andere Wahl hatte. „Ich mag es nicht, wenn du so tust als würde ich dir unzumutbare Dinge abverlangen. Du hast wenigstens den Vorzug, nicht alles alleine herausfinden zu müssen. Auch, wenn du dich mit einem Lehrmeister zufrieden geben musst, der wenig mehr weiß als du selbst." Herbert seufzte erneut. „Verzeih' mir, Vater. Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Es tut mir leid, wenn ich undankbar geklungen habe. Es sollte kein Vorwurf sein. Ich konnte der Jagd nie etwas abgewinnen, wie du weißt. Und der Gedanke daran, dass-" „Schon gut, Herbert. Glaube nicht, dass mir unsere Situation Freude bereitet. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, alles sofort rückgängig zu machen, ich würde es tun, zu nahezu jedem Preis." „Ich weiß. Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen. Ich weiß nun ohnehin alles, was dir in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, hast du das vergessen?" „Ich wäre dir dankbar, wenn du das nicht weiter erwähnen würdest", presste der Graf peinlich berührt hervor. Herbert sah ungläubig zu seinem Vater hinüber. Kerzengrade saß dieser im Sattel, Mirceas Zügel in scheinbar entspannter Haltung in beiden Händen, und blickte unverwandt geradeaus. „Aber ich wollte doch nur sagen, dass-" „Genug, Herbert! Ich glaube, ich habe zu genüge ausgedrückt, dass ich nicht darüber reden möchte. Es reicht, dass du es weißt." Nach einigen Augenblicken fügte er leiser hinzu. „Ich möchte nicht daran denken, wie viele Dinge ich dir offenbaren musste, die ich lieber für mich behalten hätte." Herbert lächelte schmal. „Ich bin kein Kind mehr, Vater." „Das weiß ich, Herbert. Aber ich habe dich um die Einhaltung persönlicher Grenzen gebeten.",,Verzeih,. das war gedankenlos von mir." Sein Vater nickte knapp. „Wir suchen jetzt einen Platz an dem wir die Pferde für eine Weile anbinden können, ohne, dass sie direkt von jedem Vorbeikommenden gesehen werden", beendete er das Thema. der Graf tat, als ob es die kurze Wendung in ihrer Unterhaltung gar nicht gegeben hätte und sein Sohn verstand.
Nach einer Weile erreichten sie eine Stelle, an der ein kleiner, kaum zu bemerkender Seitenpfad von der Straße abzweigte. „Sieh dort, Vater. Wenn wir diesem Pfad ein Stück folgen, sollten wir bald von der Straße aus nicht mehr zu sehen sein." „Gut gedacht, mein Sohn. Ich glaube, den meisten Sterblichen wird dieser Pfad zu dieser Tageszeit gar nicht auffallen." Der Graf zügelte sein Pferd und klopfte Mircea den Hals, dann stieg er aus dem Sattel und führte den Rappen am Zügel in den Wald hinein. Herbert tat es ihm gleich und folgte mit einigen Schritten Abstand. Bei einem dichten Baumgruppe von Buchenbanden sie Apoll und Mircea an ein paar kräftigen Ästen an. „Hier sind sie für ein paar Minuten gut aufgehoben. Es sollte nicht lange dauern. Aber ich glaube, die beiden werden es vorziehen, wenn sie nicht mitbekommen, was wir vor haben." „Du denkst, wir würden ihnen Angst einjagen?", fragte Herbert, während sie sich von ihren Reittieren entfernten und in den dichten Wald hinein traten. „Nicht verängstigen, nein. Aber ich denke, sie fühlen es, wenn sie in unserer Nähe nicht sicher sind. Sie spüren, wenn sich die Aufmerksamkeit unseres Hungers nach Blut auf sie richtet. Und sie wissen, dass sie potenzielle Beute sein könnten. Auch wenn ich persönlich sie als Beute ausschließe. Aber wenn du dich konzentrierst, wirst du die beiden Pferde in der Nähe spüren können." „Spüren?", fragte Herbert ratlos. „Leere deinen Geist, Herbert, höre auf, zu denken. Ich weiß, das fällt dir schwer, aber versuche es. Du hast jetzt einen siebten Sinn. Dein Geist reicht viel weiter, deine Aufmerksamkeit ist nicht mehr an deine eigene, innere Grenze gebunden. Lass sie wandern und suche nach einem anderen lebenden Wesen. Apoll und Mircea sind nur ein paar Meter entfernt. Du solltest sie ohne Schwierigkeiten finden können." Er ließ dem Jungen einige Augenblicke Zeit. „Nun?" „Du hast recht. Ich kann sie spüren. Und sie werden unruhig." „Natürlich werden sie das. Ein Jäger hat sie bemerkt und das spüren sie. Nun lass die beiden hinter dir. Sie sind nicht die Beute, die du suchst. Der Wald ist voll von Tieren. Finde ein anderes in deiner Nähe. Und wenn du es gefunden hast, dann gehe darauf zu. Folge dem Gefühl, das dir sagen wird, was du tun musst. Denke nicht an mich. Ich bin hier."
Graf von Krolock wartete ab. Er schenkte der geistigen Verbindung zwischen ihnen keine Beachtung und fokussierte sich stattdessen auf sich selbst. Doch er wusste es dennoch als Herbert fand, was er suchte. In der Art, wie er plötzlich den Kopf hob und in eine bestimmte Richtung wandte. So, wie er es aus eigener Erfahrung kannte, strebte Herbert augenblicklich dem Opfer zu, das er auserkoren hatte. Rasch, geräuschlos und sicher bewegte er sich durch das dichte Unterholz als hätte er nie etwas anderes getan. Der Graf folgte langsamer in sicherer Entfernung. Entfernt genug, um seinen Sohn zu behindern, aber dicht genug, um ihn im Auge zu behalten. Er hätte nicht sagen können, wie lange er seinem Sohn folgte. Er wusste, dass sie schneller unterwegs waren, als ein Mensch in der gleichen Situation, auch wenn er selbst nicht das Gefühl hatte zu laufen. Doch schließlich geschah das Unvermeidliche. Herbert näherte sich zielstrebig einem Dickicht, und auch ohne den immer lauter werdenden Pulsschlag in der Nähe, hätte der Graf gewusst, dass es jetzt gleich soweit sein würde. Herbert legte noch einmal an Geschwindigkeit zu und verschwand dann mit einem Satz im Gebüsch. Victor vernahm einen kurzen Aufprall und ein keuchendes Fiepen. Er musste sich nicht auf Herbert konzentrieren, um zu wissen, dass der Junge Erfolg gehabt hatte. Langsam näherte er sich dem Gewirr aus dichten Buchenästen und fand eine Stelle an der er relativ geräuschlos hindurch schlüpfen konnte. In ein paar Metern Entfernung konnte er Herbert sehen. Sein Opfer schien ein junger Rehbock zu sein. Victor war kein Experte, doch er schätzte das Tier auf wenig mehr als ein Jahr. Das Herz schlug bereits sehr schnell und die langen schlanken Beine zuckten nur noch verhalten. Herbert kauerte, den zierlichen Hals und den schmalen Kopf mit den Hörnern umklammert, hinter dessen Rücken. Wenn er an sein erstes Opfer, den armen Fuchs dachte, war diese Leistung… beeindruckend. Der Junge scheint ein Naturtalent zu sein. Das war unerwartet. Vielleicht war es aber auch nur ein Zufall gewesen, der manche Individuen stärker begünstigte als andere. Er gönnte es Herbert von Herzen, falls dieser nicht den gleichen schweren Anfang hinter sich zu bringen hatte, wie er selbst.
Graf von Krolock wartete bewegungslos an der Stelle, an der er das Dickicht betreten hatte. Er konnte den unregelmäßigen, stockenden Rhythmus des Herzens des Opfers hören und wusste, dass es jeden Moment vorbei sein würde. Er hielt sich bereit, Herbert im schlimmsten Fall von seinem Opfer wegzuziehen. Er wusste nicht wieso, aber sein Instinkt sagte ihm, dass er dies nicht zulassen sollte. Dass es immer wieder Zöglinge gab, die den zu Anfang gefährlichen Moment überschritten. Er hätte nicht sagen können, worin die Gefahr bestand, aber der Graf wollte es auch gar nicht heraus finden. Im Stillen musste er anerkennen, dass ihn keiner seiner neuen Instinkte bisher getrogen hatte. Aber es war nicht notwendig einzugreifen. Herbert ließ von sich aus im richtigen Moment los, und der schlanke, Hals mit dem schmalen Kopf sank in ein Bett aus aufgewühlten, trockenen Blättern.
Herbert erhob sich heftig atmend. Der Graf trat langsam näher und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Herbert spannte sich kurz unter seiner Berührung an, dann wandte er sich zu ihm um. Er zeigte keine Spur von Verwirrung oder Überforderung, die sein Vater erwartet hätte. Noch nicht einmal den Widerwillen den er nach den Worten seines Sohnes erwartet hätte. „Nun, dass war gar nicht so schlimm wie ich erwartet hätte. Allerdings eine etwas haarige Angelegenheit, wie ich finde." Der Vater sah Herbert erstaunt an. Er hatte mit viel gerechnet, aber nicht damit. Herbert war nie ein begeisterter Jäger gewesen. Er hatte diesen Zeitvertreib, dem viele Adlige frönten, immer als unästhetisch empfunden, wie nutzbringend sie auch sein mochte und ihr blutiges Ende stets verabscheut. Ebenso abstoßend hatte er den Gedanken an Blutvergießen immer bei seiner Vorbereitung auf den Kriegsdienst empfunden, und das auch lautstark kundgetan. Wie notwendig dieses Übel in seiner zukünftigen Position auch sein würde. Nun mitanzusehen, wie scheinbar unberührt Herbert jetzt von dem Tod dieses Tieres blieb, war etwas verstörend.
„Was ist denn? Stimmt etwas nicht, Vater? Du siehst mich seltsam an." Der Graf schüttelte mechanisch den Kopf.
„Nichts. Du bist sicher, dass du dich wohl fühlst?" „Oh ja. Viel wärmer als vorher und… kräftiger! Aber es war anders als…" Herbert sprach den Satz nicht zu Ende. Sie wussten beide, dass er damit erneut eine Grenze zwischen ihnen übertreten hätte. „Natürlich ist es anders", bemerkte der Graf trocken und mit einem leicht tadelnden Seitenblick zu seinem Sohn. „Sie sind uns dafür nicht ähnlich genug, denke ich. Es ist nicht das gleiche, wie mit einem menschlichen Opfer. Es ist …" Für einen Moment suchte er nach den richtigen Worten. „Schlichter, weniger intensiv. Aber es genügt, um uns am Leben zu erhalten. Auf diese Weise hat noch ein anderes Wesen etwas von dem, was wir zurücklassen. Die Wölfe, Füchse und Bären werden sich über eine einfache Mahlzeit nicht beschweren. Dieser Tod wird immerhin nicht vergeudet sein." Sein Tonfall war sachlich, aber düster und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich immer weiter, je länger Victor über dieses Thema sprach. „Du denkst, wenn ein Mensch stirbt, um uns zu nähren, ist es eine Vergeudung?", fragte Herbert vorsichtig. „Ist es das nicht?", entgegnete sein Vater ungestüm und erbittert. „Ist es das nicht sogar jetzt? Ein Leben erlischt, damit wir weiter leben dürfen." „Das ist jetzt selbst für dich sehr philosophisch, Vater. Ein jedes Raubtier tötet, um zu überleben. Auch Menschen tun das. Und sie machen sich keine Vorwürfe deswegen. Sie betrachten es als Teil des Lebens. Ist es so falsch, wenn wir das gleiche tun?" Herbert sprach mir ruhigem, respektvollen Tonfall, doch seine Worte machten deutlich, dass er nichts Verwerfliches an der Tatsache fand, über die sie sich unterhielten. „Was ist, wenn meine Antwort Ja lautet?", entgegnete der Graf verbittert. „Wir sind doch gar nicht so verschieden, Vater", versuchte Herbert ihn zu beschwichtigen. „Sag das noch einmal, wenn du deinen ersten Mord begangen hast", murmelte der Graf leise. „Wenn du zum ersten Mal einen Menschen nur wegen seines Blutes getötet hast als ob er ein Tier auf der Schlachtbank wäre, dann wiederholst du das sicher nicht." Er wurde allmählich lauter und aufgebrachter. „Wir brauchen nicht mehr das Fleisch und die Früchte der Erde zum Leben, Herbert. Sondern ausschließlich das Blut der Lebenden. Was sind wir anderes als eine Art widerlicher Schmarotzer. Wie Blutegel oder-" „Genug, Vater, Bitte!", schnitt ihm Herbert bestimmt das Wort ab. Der Graf atmete tief ein und schluckte die Worte hinunter, die ihm auf der Zunge brannten. Herbert hatte recht. Es gab keine Rechtfertigung dafür, ihm gegenüber so hart zu sein. Der Junge hatte sich dieses Dasein nicht ausgesucht. Sein Vater schloss einige Herzschläge lang die Augen und atmete tief durch. „Verzeih mir", bat er schließlich mit einem resigniertem Seufzen. „Ich wollte dich nicht angreifen. Es ist nicht deine Schuld, wenn mir dieses Dasein weniger leicht fällt als dir."„Was ist mit dir, Vater? Bist du nicht hungrig?" Der Graf schüttelte abwehrend den Kopf. Es war eine Lüge. Ja, er fühlte den Hunger. Aber er konnte sich noch immer nicht überwinden, täglich zu jagen. Zwischen seinen Mahlzeiten lagen gewöhnlich mehrere Tage. So lange er das Gefühl hatte, es sicher hinausschieben zu können. Er hatte letzte Nacht gejagt. Zwar hatte er, was er selbst getrunken hatte, später mit Herbert geteilt, doch er war sich sicher, dass es ihm selbst einstweilen genügen würde. Und nach dem Schauspiel, dessen Zeuge er gerade geworden war, fühlte er sich wahrlich nicht in der Stimmung. „Hungrig vielleicht, aber ich habe nicht den Wunsch, diesem nachzugeben", antwortete der Graf ernst. „Findest du das richtig? Dich selbst mit Hunger zu kasteien, wie ein fanatischer Mönch?" Herbert klang aufrichtig besorgt. Graf von Krolock zuckte nachlässig mit den Schultern. „Mir ist nicht danach", entgegnete er tadelnd. „Was ist daran so falsch? Es schadet niemandem." Herbert seufzte frustriert. Wenn sich sein Vater etwas in den Kopf gesetzt hatte, würde er ihn schwerlich davon abbringen können. Das wusste der junge Mann aus Erfahrung. „Wie es dir beliebt. Es ist deine Entscheidung, Vater." „Da du den Inhalt deiner heutigen Lektion offensichtlich begriffen hast, sollten wir zu den Pferden zurückkehren", sprach sein Vater bestimmt und wandte sich zum Gehen um. „Sommernächte sind kurz und der Morgen wartet nicht."
Herbert hatte zustimmend genickt und Seite an Seite waren sie zu ihren Pferden zurückgekehrt, in die Sättel gestiegen und hatten sich wieder auf den Weg gemacht. Ehe der Morgen graute, waren sie in einer Herberge eingekehrt, die entlang des Weges in einer kleinen Ortschaft lag. Die Wirtsleute, die sie aus dem Schlaf schrecken mussten, um Einlass zu erhalten, hatten die Geschichte über „verirrte Reisende" geglaubt, auch wegen der großzügigen Entlohnung, die der Graf ihnen daraufhin wortlos in die Hand drückte. Sie hatten sich ein Zimmer mit Fensterläden und dicken Vorhängen gesucht und der Graf hatte Anweisung gegeben, sie den Rest des Tages nicht zu stören. Sie würden Wort geben, wenn sie etwas benötigten. Es sei vollkommen genug, dass man sich gut um ihre Reittiere kümmerte und dafür Sorge trug, dass sie kurz vor Sonnenuntergang bereit zur Weiterreise sein würden. Und dann hatte Victor von Krolock die Tür ohne weitere Worte geschlossen und den schweren Riegel vorgelegt. Herbert hatte die Fensterläden geschlossen und die schweren Vorhänge zugezogen. Aus Vorsicht hatten sie die schwere Bettdecke über sie beide gebreitet und auch die schweren Wolldecken, die sie zu genau diesem Zweck mitgebracht hatten. Wer konnte schon sagen, wie dicht die Vorhänge und die Läden hier tatsächlich waren? Auf diese Weise Verbrachten sie den Tag und brachen kurz nach Sonnenuntergang wieder auf, die zu erwartenden Proteste des Herbergswirts darüber, dass sie zu so später Stunde aufbrechen wollten, missachtend.
Der Rest ihrer Reise zur Stadt, welche die offizielle Hochburg des Herrschaftsgebiets von Graf von Krolock darstellte, verlief auf sehr ähnliche Weise. Sie brachen auf, sobald es dunkel wurde, dann legten sie eine Distanz zwischen sich und den Ort, an dem sie den Tag verbracht hatten, der ihnen als groß genug erschien, suchten sich eine verborgene Stelle für ihre Pferde und machten Rast, während zumeist aber nur der Sohn des Grafen tatsächlich jagte. Sein Vater hatte es ihm nur ein einziges Mal während ihrer mehrtägigen Reise gleichgetan. Herbert hatte jede Gelegenheit genutzt und sich Nacht für Nacht in der Jagd geübt. Nach seinen abfälligen Worten zu Anfang, überraschte es Victor aufs Äußerste, zu sehen, wie sein Sohn sich nun die Lebensweise eines Jägers ohne weitere Widerworte und ohne Bedenken zu eigen machte. Dass es für ihn so natürlich zu sein schien, wie es zuvor gewesen war, als er seine nächste Mahlzeit zum Verzehr bereit von einem Bediensteten entgegen genommen hatte. Im Gegensatz zu ihm selbst, schien Herbert weder Widerwillen noch Ekel davor zu empfinden, was er tun musste, um zu überleben. Das ist nur die erste Hürde, die er nehmen muss, hatte er sich gesagt. Warte ab, wenn wir in der Stadt sind und er es nicht vermeiden kann, ein menschliches Opfer zu töten. Sein Gewissen hatte sich heftig dagegen gesträubt, aber er wusste nur zu gut, dass es vollkommen unrealistisch war zu glauben, Herbert würde niemals ein menschliches Wesen töten. Er wusste es selbst nur zu gut. Danach wird er begreifen, wie widernatürlich wir tatsächlich sind. Aber, es sollte anders kommen.
Eingedenk des Gesprächs, das sie geführt hatten nachdem sie das Stadthaus bezogen, war Herbert sehr vorsichtig. Es war schwierig in der Stadt tierische Beute zu finden und diese ohne Spuren und Beobachter zur Strecke zu bringen. Auch war es gar nicht einfach die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit ungesehen und unbemerkt zu verlassen. Die Ringmauern waren aus gutem Grund Tag und Nacht bewacht. Und während der Graf seine Fastenzeiten verlängerte und den unvermeidlichen Zeitpunkt immer weiter hinauszögerte, an dem er sich einen weiteren, armen Streuner in einem anderen Winkel der Stadt suchen musste, um kein Aufsehen zu erregen, machte Herbert stattdessen den für einen Vampir logischen, naheliegendsten Schritt. Er suchte sich seine Opfer unter den Menschen. Und er erwies sich auch hier als das, wofür er bereits bei seiner ersten Jagd ein Potenzial gezeigt hatte: ein Naturtalent. Wie dunkel die Tat auch sein mochte, für die er hier sein Talent bewies. Bei seinem ersten Opfer hatte der Graf nicht widersprochen. Er hatte das Gefühl, dass er selbst, nachdem er es gewesen war, der Herbert zu diesem Unleben in der Finsternis verdammt hatte, wohl kaum das Recht hatte, seinem Sohn vorzuschreiben, was er versuchen durfte und was nicht. Die Schuld lag auf seinen eigenen Schultern. Das war der Preis, den er zahlen musste, dass er Herbert an seiner Seite behalten durfte. Er hatte es in jener verzweifelten Nacht nicht bedacht und nun war es zu spät. Graf von Krolock musste die Konsequenzen seiner Tat tragen, so wie er es seinem Sohn immer gepredigt hatte, wie auch immer sie ausfallen mochten. Tatsächlich hatte Herbert sein erstes Opfer mit Bedacht ausgewählt, einen Umstand, den sein Vater bei ihm so gar nicht erwartet hatte. Er hatte fest damit gerechnet, dass er selbst Herbert zu einem geeigneteren Opfer lotsen musste, wie unerträglich er dies auch finden mochte. Stattdessen war er dem Jungen still und unauffällig gefolgt und hatte zugesehen, wie er sich sorgsam umsah und sich dann für einen Obdachlosen in einer stillen, dunklen Seitengasse entschied. Die Gasse war leer. Alle Fensterläden fest verschlossen, denn es ging bereits auf Mitternacht zu.
Herbert bedeute seinem Vater, der mehrere Meter entfernt die Straße hinunter stehen geblieben war, wen er sich auserkoren hatte. Vater und Sohn hatten schnell begriffen, dass sie sich miteinander wortlos verständigen konnten, ohne dass sie sich allzu viel von ihren tieferen Gedankengängen preis gaben. Und in solchen Situationen war diese stille Art der Kommunikation das geeignetere Mittel, denn kein Sterblicher würde jemals davon erfahren. Er, war alles was Herbert ihm lautlos mitteilte. Und die Antwort, die er bekam, war ein Gefühl wortloser Zustimmung. Den intensiven Anflug von Reue und Bedauern, der ihn durchflutete, behielt der Graf für sich. Er beobachtete, wie Herbert sich geräuschlos an den Mann anschlich, der sich im Schatten des vorspringenden Dachs eines Holzschuppens zum Schlafen auf dem Boden zusammengekauert hatte. Ohne, dass sein ahnungsloses Opfer ihn kommen hörte, näherte Herbert sich, bis er den Schlafenden von hinten packen und mit sich in den tieferen Schatten der dicht stehenden Häuser ziehen konnte. Eine lange schlanke Hand presste sich fest auf den Mund des Opfers, die andere hielt den mageren Körper des Mannes zwischen seinem eigenen Körper und einer Hauswand gefangen. Der lange schwarze Mantel des jungen Adligen verbarg beide in der finsteren Gasse vor den Augen der Sterblichen, die zufällig vorbeikommen mochten. Und dann hörte Victor das vertraute Geräusch mit dem sich die Fangzähne durch die Haut des Opfers bohrten. Der Graf wandte sich ab und betrachtete den Ausschnitt des gestirnten Himmels, den er von hier aus sehen konnte, während er versuchte, die Geräusche hinter ihm auszublenden. Er versuchte nicht daran zu denken, dass alles seine Schuld war, was sich jetzt hinter ihm abspielte, ebenso sicher, als wenn er den armen Teufel dort hinten selbst getötet hätte. Was würde dieses erste menschliche Opfer aus Herbert machen? Würde es ebenso an ihm abperlen, wie die Tiere im Wald, oder würde es ihn verändern? Würde der junge Mann, den er gekannt und von Kindesbeinen an großgezogen hatte, überdauern, oder würde er sich bis zur Unkenntlichkeit verändern? Er erschauerte bei dem Gedanken. Hinter ihm erklang plötzlich ein lautes, ekelerregendes Knacken brechender Knochen. Victor fuhr herum. Herbert. Der Ruf war lautlos, aber deswegen nicht weniger eindringlich. Er sah gerade noch, wie sein Sohn lebloses Opfer unterhalb einer Leiter mit verdrehtem Hals zu Boden gleiten ließ. Was hast du getan? 'Er wird morgen mit gebrochenem Genick hier gefunden werden. Sie werden glauben, er sei von der Leiter gestürzt, als er zu diesem Dachstuhl hinauf klettern wollte – und keine weiteren Fragen stellen.' 'Die Bisswunden werden ihnen zu denken geben.' ‚Sie sind auf der anderen Seite. Hast du nicht immer gesagt, die meisten Leute sehen nur das, was sie sehen wollen? Warum sollten sie nach einer anderen Erklärung suchen, wenn es eine offensichtliche gibt? Ihn wird niemand vermissen.' der Graf trat näher und betrachtete Herbert mit geweiteten Augen. Damit hatte er nicht gerechnet. Er selbst hatte dem Jungen eingeschärft, dass sie ihre Spuren verwischen mussten, aber dass er es so berechnend und gezielt in die Tat umsetzen würde. Ausgerechnet Herbert, der zu Lebzeiten immer geschludert hatte, wenn es auf Genauigkeit ankam. Dabei wirkte er so ruhig und gelassen als habe er nur den Staub von seinem Mantel geklopft und nicht, als ob er gerade einen Menschen getötet und dessen Todesursache verschleiert hätte. Er bedeutet seinem Sohn mit einer knappen Geste ihm zu folgen und Herbert kam dem Befehl ohne Widerspruch nach. Sie ließen die Gasse hinter sich, auch wenn der Graf sich weiterhin an dunkle, wenig begangene Nebenstraßen hielt, seinem Sohn verstohlene Blicke zuwerfend und dabei unmerklich den Kopf schüttelnd. „Vater, stimmt etwas nicht? Habe ich etwas Falsches getan?" Herbert klang ein wenig unsicher. „Nein. Es ist nur…" Er seufzte tief und schüttelte wieder den Kopf. „Ich hätte nicht erwartet, dass es dir so wenig ausmacht. Es kommt mir vor als…" Er rang für einen Moment nach den richtigen Worten. „Als wäre es vollkommen natürlich für dich, so gewöhnlich, wie atmen oder schlafen." „Ist das etwas Schlechtes? Menschen töten auch, um zu überleben. Und haben sie Gewissensbisse wegen der Tiere, die sterben müssen, um sie zu ernähren?", entgegnete Herbert nüchtern. „Das ist nicht das gleiche. Wir sind kaum anders als sie", wehrte der Graf kategorisch ab und machte eine abwehrende Handbewegung. „Hast du bedacht, dass, wer auch immer uns erschaffen hat, sich vielleicht ebenso etwas dabei dachte, wie dabei, als er den Wolf erschuf, der andere Tiere tötet, um zu leben? Und auch seine Opfer sind nicht viel anders als er selbst." Der Graf gab ein leises, freudloses Lachen von sich. „Für deine Verhältnisse war das eine fast philosophische Bemerkung", stellte er leicht abfällig in düsteren Ton fest. „Ich habe mir dieses Dasein nicht ausgedacht, Vater. Ich habe kein Antwort für dich", entgegnete Herbert versöhnlich mit sanfter Bestimmtheit. Der Graf seufzte. „Ich weiß, mein Junge, vergib mir. Ich habe noch immer Ehrfurcht vor dem Leben. Ich kann das nicht einfach abstreifen. Auch wir sind, scheint es, nicht alle gleich. Weder du, noch ich, noch diese elenden Gestalten im Wald." Er erschauerte. „Du bist also unzufrieden mit mir?", fragte sein Sohn unsicher. „Nein", entgegnete Victor ruhig mit väterlich nachsichtigem Ton. „Vergib mir den Vergleich aber ich glaube, du warst schon immer der sprichwörtliche, unschuldige Narr. Ich sollte glücklich darüber sein, dass dich diese untote Existenz in deinem tiefsten Wesen nicht zu berühren scheint." 'Es wäre mir unerträglich wenn du dich zu einem blutrünstigen Monster entwickeln würdest, für das es ein Sport ist, zu töten.' Er sprach diesen Gedanken weder aus, noch gab er ihn seinem Sohn Preis. Dennoch beunruhigte dieser Unterschied zwischen ihnen beiden den Grafen ebenso, wie er ihn insgeheim faszinierte.
In der ersten Zeit starben Herberts menschliche Opfer noch sehr schnell. Er betrachtete sie tatsächlich ausschließlich, wie ein Jäger das Wild betrachten würde, das er erlegt, um sich davon zu ernähren. Die telepathisch-sinnliche Verbindung zu seinem Opfer, das der Biss und das Trinken des Blutes mit sich brachten, waren zunächst eine vergnügliche Dreingabe, denn eigentlich wollte er von seiner Beute zunächst nur ihr Blut. Aber es brauchte nicht lang, bis der Junge begann, diese Verbindung zu seinen Opfern für andere Zwecke auszuschöpfen. Seine Opfer veränderten sich. Es waren nicht mehr nur arme Teufel, die er am einfachsten finden und ohne Aufsehen töten konnte. Herbert war unbestreitbar ein Ästhet und dies begann sich bald auch an seinen Opfern widerzuspiegeln. Er wählte sie immer kritischer aus, wie der Graf bald erkannte. Er hatte binnen kurzer Zeit aufgehört, Herbert bei der Jagd zu begleiten. Er selbst ertrug dessen tägliche Ausflüge dazu nicht und zog es vor, nicht ihr regelmäßiger Zeuge zu werden, ebenso, wie Herbert es vorzog, nicht bei den Mahlzeiten seines Vaters zugegen zu sein. Der Graf hielt immer noch an tierischer Beute fest als der einzigen für ihn erträglichen Art zu überleben. Aber auch dies nicht Nacht für Nacht. Dennoch behielt er den Jungen aus der Ferne und ohne, dass Herbert dessen gewahr zu werden schien, im Auge, wie ein wachsamer, dunkler Schutzengel. Bis er eines Nachts etwas zu sehen bekam, das ihn gleichermaßen faszinierte und abstieß.
Im Hinterhof eines bekannten Etablissements zweifelhaften Rufes, sah er Herbert eines erinnerungswürdigen Abends mit einem scheinbar schwindsüchtigen jungen Burschen, der dort seine Dienste verkaufte. In eine dunkle Ecke gedrängt, gab es keinen Zweifel daran, dass Herbert seine Fangzähne in dem schmächtigen, blassen Hals des ohnehin todgeweihten Jünglings versenkt hatte. Aber er hielt ihn anders als alle Opfer, mit denen der Graf ihn bisher gesehen hatte. Weniger, wie eine Beute, die jederzeit entkommen konnte und mehr, wie einen Geliebten, während seine langen, schlanken Hände begehrlich über den Körper seines Opfers glitten. Die lustvollen Laute, die beide von sich gaben, waren nur allzu eindeutig und als er Herberts Geist flüchtig mit seinem streifte, zog Victor sich hastig wieder zurück. Kein Zweifel. Er hatte sich nicht getäuscht. Herbert hatte ganz offensichtlich gelernt, die sinnlich-geistige Verbindung zu seinem Opfer zum größtmöglichen Vorteil auszunutzen. Nun, er wusste, dass der Junge geschickt darin war, das wahre Schicksal seiner Opfer zu verschleiern. Erfinderisch genug, sodass es bisher weder Gerüchte, noch Gerede gegeben hatte. Er war sicher, darauf vertrauen zu können, dass dies auch diesmal der Fall sein würde. Das hier war nichts, dessen Zeuge er sein wollte. Herberts Privatangelegenheiten würden auch weiterhin die seinen bleiben. Von seinem Sohn unbemerkt zog sich Victor von Krolock in die Stadtresidenz zurück.
Er nahm eines der Bücher zur Hand, die man ihm seinen Anweisungen gemäß hierher nachgeschickt hatte. Aber so sehr er sich auch auf den juristischen Text zu konzentrieren versuchte, immer wieder schwammen seine Gedanken zwischen ihn und die Seiten, deren Inhalt er sich noch einmal genauer ansehen wollte. Schließlich klappte er den Folianten unwillig zu und ließ ihn in den Schoß sinken. Unweigerlich kehrten seine Gedanken zu seinem Sohn zurück. Er wusste, er sollte wahrscheinlich froh darüber sein, dass Herbert eine Möglichkeit gefunden hatte, alle seine Bedürfnisse mit ein und demselben Akt zu befriedigen ohne damit aufzufallen. Er selbst hatte gerade genug Erfahrung, um sich ausmalen zu können, wie er darauf gekommen war. Er missgönnte es ihm nicht. Er erinnerte sich nur allzu gut der süßen, intensiven, Nähe, die er mit Elisabeth empfunden hatte. So sehr er es ablehnen mochte, wenn er darüber nachdachte, auch bei den darauf folgenden Malen war diese Empfindung Teil der Erfahrung gewesen, die diese so unwiderstehlich gemacht hatte. Aber bei dem Schauspiel dessen Zeuge er heute Abend gewesen war, war klar, dass Herbert seine Beute bereits mit dem klaren Ziel vor Augen ausgewählt hatte, was mit ihr geschehen würde. Es war Graf von Krolock noch immer unbegreiflich, wie der Junge es zuwege brachte, noch immer scheinbar unverändert derselbe zu sein, den er sein Leben lang gekannt hatte, und dennoch gleichzeitig bereit, sich diese neue, dunkle Existenz so vollkommen unbefangen zu eigen zu machen. Für Herbert schien es nur eine andere Art zu Leben darzustellen. Sah er vielleicht nur das Aufregende, das Neue? Dass ihm Zeit, Jugend und Aufmerksamkeit nie ausgehen würden? Und war dies nicht ein weiteres Zeichen dafür, dass er allem zum Trotz noch immer derselbe eingefleischte Kindskopf war, wie vor seinem Übertritt in die Finsternis? Während er noch da saß und grübelte, erklang ein Stockwerk tiefer das Geräusch der Haustür, die sich öffnete und wieder schloss. Nicht lange danach betrat Herbert mit einem freundlichen Gruß den Salon. Aber er bekam nicht gleich eine Antwort. Er warf einen Blick zu seinem Vater hinüber, der in einem der Sessel vor dem leeren Kamin saß, ein Buch im Schoß liegend, einen Finger noch zwischen den Seiten. Die steile Falte zwischen seinen Brauen zeigte allzu deutlich, dass er mit seinen Gedanken gerade vollkommen woanders war. Herbert ließ sich elegant in den freien Sessel zur Linken des Grafen sinken und schlug die Beine lässig übereinander. Das sicherte dem jungen Adligen zum ersten Mal seit er eingetreten war die Aufmerksamkeit seines Vaters. Die hellen Augen betrachteten ihn aufmerksam, obwohl seine Züge sich entspannt hatten, wirkte er immer noch sehr ernst. „Stimmt etwas nicht, Vater?" „Ich habe dich heute Abend mit diesem Burschen gesehen", entgegnete der Graf in neutralem Tonfall. „Oh." Herbert lächelte verlegen. Er wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte. „Deine Angelegenheiten sind die deinen, Herbert. Ich werde mich nicht einmischen. Aber du solltest wissen, dass du, wenn du jagst, in Zukunft vollkommen auf dich gestellt sein wirst. Bisher habe ich dich aus der Ferne im Auge behalten. Aber ich glaube, du hast bewiesen, dass dies nicht mehr nötig sein wird." Die Worte des Älteren waren ruhig und es lag keinerlei Vorwurf darin. „Ich danke dir für dein Vertrauen, Vater." Herbert klang eifrig, als ob er gerade gelobt worden wäre. „Hör auf damit. Du bist weder ein Kind, noch ein halbwüchsiger Junge, der meine Zustimmung braucht", fuhr der Graf ungehalten auf. Herbert runzelte irritiert die Stirn und schüttelte den hellen Schopf. „Vater, ich habe das Gefühl, dass es etwas gibt, mit dem du ganz und gar nicht einverstanden bist", begann Herbert zerknirscht. „Gleichzeitig erzählst du mir, du vertraust mir genug, um mich vollkommen alleine auf die Stadt los zu lassen. Wenn das eine neue Art sein soll, mir zu sagen, dass du mit meinen Handlungen nicht einverstanden bist, kann ich einfach die Gardinenpredigt hinter mich bringen, damit, was auch immer es ist, nicht mehr zwischen uns steht?" Der Graf konnte nicht an sich halten, er begann zu lachen. Herberts stetig verdutzter werdender Gesichtsausdruck machte es nur schlimmer. „Was?" Victor schüttelte den Kopf und wandte sich ab, um sich leichter wieder zu fassen. Aber es dauert dennoch eine Weile, bis er sich genug beherrschen konnte und es wagte, Herbert wieder anzusehen, und das spitzbübische Lächeln war immer noch da. „Machst du dich etwa über mich lustig, Vater?" „Nein. Aber du benimmst dich so, als ob du etwas angestellt hättest", lachte der Graf, dabei eine Hand vor den Mund haltend, wie um das Lachen zu verbergen. Herberts Verwunderung wuchs noch weiter. „Habe ich nicht?" Sein Vater schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist doch nicht deine Schuld, das dir diese Existenz leichter fällt als mir. Du bist ein lebendiges Paradoxon, mein Sohn. Noch immer dasselbe langgezogene Kind. Und gleichzeitig macht es dir nichts aus zu jagen und zu töten. Du bist mir unbegreiflich." Das Lächeln war aus dem bleichen Gesicht verschwunden, aber die Augen hatten immer noch diesen Ausdruck von Wärme. Herbert wurde sich bewusst, dass es, seit sie in der Stadt angekommen waren, das erste Mal war, dass er sich die Zeit nahm, seinen Vater genauer zu betrachten. Das schmale Gesicht war hager und hohlwangig geworden und obwohl Victor von Krolock schon immer von schlanker Statur gewesen war, konnte der junge Adlige nicht umhin zu bemerken, dass er in den letzten Monaten merklich dünner geworden war. Seine Hautfarbe war nicht nur blass, sie wirkte fast ungesund. „Vater, wann hast du das letzte Mal getrunken?", fragt Herbert plötzlich. Der Graf zuckte nichtssagend mit den Schultern. „Nicht so wichtig", murmelte er ausweichend. „Nicht wichtig? Weißt du, wie du aussiehst? Wenn ich nicht wüsste, dass du nicht mehr krank werden kannst, würde ich mir allmählich Sorgen machen", empörte sich sein Sohn. „Mir geht's gut. Vielen Dank", entgegnete der Graf sanft. „Außerdem weißt du recht gut, dass es mich nicht mehr umbringen kann. Kein Grund also sich Sorgen zu machen, mein Junge." Er schenkte Herbert ein schmales Lächeln, das allerdings nur allzu deutlich zeigte, dass es den jungen Mann nur beschwichtigen sollte. Herbert seufzte frustriert. Es konnte so schwer sein, Victor von Krolock beizukommen. Er warf seinem Vater einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wann.? Ich will eine Antwort!", drängte er unnachgiebig. Der Graf ließ sich einen Moment Zeit, ehe er mit sorgfältig zur Schau getragener Ruhe antwortete, „Es dürfte vor vier Tagen gewesen sein, denke ich. Und ich glaube, morgen Nacht ist früh genug. Wenn du mich jetzt darum bitten möchtest, dass ich mir mein nächstes Opfer suchen soll", fügte er schnell hinzu, um möglichen Protest von Seiten Herberts im Keim zu ersticken. Aber da kannte der Graf seinen Sohn schlecht, wenn er glaubte, damit durchzukommen. „Und nicht nur das. Es wäre gut, wenn du dir etwas anderes aussuchst, als einen weiteren dieser armseligen, halbverhungerten Köter", ereiferte sich Herbert hitzig. „Vielen Dank für deine Fürsorge, mein Lieber, aber du kannst die Auswahl meiner nächsten Mahlzeit getrost mir überlassen. Außerdem, du brauchst keine übertriebenen Umstände zu machen, ich kann auf mich selbst aufpassen." „Da bin ich mir nicht mehr so sicher", widersprach Herbert säuerlich. „Herbert. Ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten, dafür erwarte ich, dass du es ebenso hältst."„Vater, bei allem Respekt, ich glaube, dir könnte im Moment ein Gefährte nicht schaden, der sich ein wenig deiner annimmt. Für jeden, der dich gekannt hat, musst du zum Erbarmen aussehen", tadelte der junge Mann missbilligend. „Gut so. Dann sollte die Geschichte mit der Krankheit ja bald allgemein angenommen werden", entgegnete der Graf trocken. „Vater, bitte! Ich weiß, du hast einen sehr schweren Anfang in dieses Dasein gehabt-" „Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts!", wurde er mit einem freudlosen Lachen unterbrochen. „Aber bitte, es ist möglich trotzdem ein komfortableres Daseins zu führen als du es gerade tust. Ich denke, ich habe in der letzten Zeit ein paar Dinge herausgefunden, die für alle Beteiligten das Meiste aus der Situation machen. Eine Lösung, bei der auch das Opfer etwas von der Tatsache hat, dass wir es schlussendlich töten." Herberts Stimme wurde immer eindringlicher und leidenschaftlicher. „So, wie dieser arme Bengel?", entgegnete der Graf zynisch und warf Herbert einen vielsagenden Seitenblick zu. Herbert riss unwillkürlich den Kopf zur Seite als habe sein Vater ihm eine Ohrfeige verpasst. Der Tonfall des Grafen war ruhig gewesen, ohne jede Andeutung eines Vorwurfs. Aber es lag eine Welt voll Skepsis darin. Herbert schaute ihn einen Moment mit trotzig vorgeschobenem Kiefer an, ehe er mit mühsam beherrschter Stimme sprach. „Ja, ganz genau, so, wie dieser arme Bengel. Und nur zu deiner Information, er hat es als eine mehr als angenehme Erfahrung empfunden. Er wäre ohnehin über kurz oder lang gestorben. Auf diese Weise musste er vielleicht früher gehen, aber nicht auf die entwürdigende Weise, die ihm bevorgestanden hätte. Ja, wir hatten dabei auch beide Vergnügen miteinander. Was ist daran verwerflich? Ich glaube, auf seine Art hatte er genauso viel davon, wie ich." Graf von Krolock atmete langsam durch und antwortete dann mit bemüht neutralem Tonfall. „Herbert, ich wollte dich nicht kritisieren. Ich finde es bemerkenswert und löblich, dass du eine Möglichkeit gefunden hast, deinem Opfer etwas zurückzugeben und ihm seine Würde zu erhalten. Es freut mich für dich, wenn dir das genügt, um dich vor der Schuld und dem nagenden Gewissen zu bewahren, das mich verfolgt. Ich gönne es dir von Herzen. Niemand hat es mehr verdient als du, den man um ein sterbliches Leben betrogen hat. Wenn du in den Armen deiner sterblichen Beute einen Ersatz für die Liebe eines Partners findest, dann sei dir das gegönnt, denn es ist wenig genug in meinen Augen. Aber erwarte nicht dasselbe von mir. Ich bin nicht du, Herbert. Du hast dich nie für die tieferen Fragen des Lebens interessiert, das hat für dich nie eine Rolle gespielt. Vielleicht ist das deine erlösende Gnade und wenn dem so ist, muss dir klar werden, dass sich dieser Zustand nicht einfach reproduzieren lässt. Selbst wenn es möglich wäre –" Der Graf schüttelte vehement den Kopf. „Ich kann es nicht, mein Sohn!", fuhr er dann leidenschaftlich fort. „Ich wünsche nichts von dem haben, was mir dieses Dasein angeblich bieten könnte. Ich will mein Leben zurück, das Leben, das meins war, bevor mir dieses Scheusal im Wald begegnet ist. Ich möchte nicht noch mehr Schuld auf mich laden, nur weil es mir dann vielleicht besser geht, oder für den geschmacklosen, abstoßenden Abglanz von etwas, das ich als Sterblicher mit einem besonderen Menschen geteilt habe. Nichts, nichts kann jemals den Tod deiner Mutter wiedergutmachen!" Er wandte heftig atmend den Kopf in eine andere Richtung und versuchte sich wieder zu fassen, ehe er weitersprach. Seine Stimme zwar versöhnlich und ernst, doch nicht minder bestimmt und endgültig. „Es tut mir leid, mein Sohn. Meine Meinung soll keine Abwertung der Lösungen darstellen, die du für dich gefunden hast. Ich fühle mich geehrt, dass du dein Wissen an mich weitergeben möchtest und, dass du dich nach allem immer noch um mich sorgst. Aber ich muss dein wohlmeinendes Angebot leider ausschlagen." Der Graf deutete mit dem Kopf eine elegante Verneigung an. „Du bestrafst dich also noch immer für Mutters Tod? Obwohl es die Schuld desjenigen war, der dich zum Vampir gemacht hat?", tadelte Herbert ihn behutsam. „Er hat sie nicht getötet, sie starb durch mich. Diese Schuld lastet ganz allein auf mir!", entgegnete sein Vater harsch. „Sie würde nicht wollen, dass du leidest, Vater." Der Graf ignorierte diesen neuerlichen, milden Tadel und entgegnete bitter, „Sie würde es wohl kaum gutheißen, wenn ich tausendfach zum Mörder werde. Wie könnte irgendjemand gut heißen was wir sind und was wir tun müssen, um zu überleben. Ich kann es ja selbst nicht akzeptieren." Er seufzte und schüttelte ablehnend den Kopf, bevor er nachsichtiger weitersprach. „Lass es gut sein, Herbert. Ich ertrage deine Art zu jagen ebenso wenig, wie du meine. Damit müssen wir uns wohl beide abfinden."
In der nächsten Zeit wurde es für Herbert zur Gewohnheit, seinen Vater wieder vermehrt an einem Schreibtisch sitzend vorzufinden. Mit den Büchern und Papieren, die ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin hierher nachgesendet worden waren, saß er nun wieder stundenlang da. Aber er verrichtet nicht nur notwendige Aufgaben, denen er nachkommen musste. Herbert sah ihn vermehrt über diversen juristischen Texten und Staatsmodellen brüten, von denen er bald das eine, bald das andere zu Rate zog. Victor von Krolock schien sich auch emsig eigene Notizen zu machen, auch wenn Herbert immer noch nicht ganz verstand, was sein Vater denn eigentlich vor hatte.
Zuweilen starrte der Graf auch nur angestrengt nachdenkend ins Leere. Herbert war mit solchen Episoden von Kindesbeinen an vertraut und war sich sicher, dass er über irgendeinem ‚Problem' brütete. Mal wieder. Was auch immer es war – ehe es nicht zur vollen Zufriedenheit Victor von Krolocks gelöst war, würde es ihn nicht mehr loslassen.
Bald glich sein kleines Arbeitszimmer in der Stadtresidenz einem geordneten Chaos aus Papieren und Listen, die auf allen zur Verfügung stehenden Flächen ausgebreitet lagen. Dazu gesellten sich bald diverse Karten der Grafschaft.
Als Herbert schließlich die Frage zu stellen wagte, was sein Vater da täte, hatte er zunächst einen vernichtenden Blick geerntet. „Dir sollte eigentlich klar sein, dass unser neuer Zustand eine komplette Überarbeitung des Verwaltungsapparates erfordert!," entgegnete der Graf verärgert. „Ich muss gewährleisten, dass ich meinen Aufgaben nachkommen kann, auch wenn es mir nicht mehr möglich sein wird, bei den meisten wichtigen Angelegenheiten persönlich anwesend zu sein. Das bedeutet, ich muss neue Bezirke schaffen, die Ortsvorstehern unterstellt sind, die des Lesens und Schreibens mächtig sind, damit sie möglichst genau mit mir korrespondieren können.
Was ich hier tue ist das Leisten der Vorarbeit. Je genauer ausgearbeitet meine Vorgabe, desto schneller können sie in den betreffenden Städten und Orten umgesetzt werden. Ich muss meinen Aufgaben nachkommen können, Herbert, ganz gleich was aus mir selbst geworden ist." Auf Herberts Bemerkung, dass das alles logisch und plausibel klänge, hatte der Ältere ihm einen langen Vortrag über die Einteilung von Bezirken gehalten, bei dem Herbert schon nach dem ersten Drittel der Kopf geraucht hatte. Wenn es um persönliche Begabung ging, war es nicht von der Hand zu weisen, dass sein Vater als Graf ganz sicher ein Ausnahmetalent darstellte. Bei allen Vorwürfen, die der Graf sich machte, wäre die Tatsache, dass seinen Untertanen ein sehr tüchtiger und umsichtiger Lehnsherr erhalten bleiben würde, durchaus als ausgleichender Faktor zu werten. Oder das zumindest war die Meinung des jüngeren Adligen, die er aber wohlweislich für sich behielt. Es war ihm nur zu bewusst, dass sein Vater diese Meinung kategorisch ablehnen würde.
Eine Unmenge schwerer Briefe ergoss sich an die Stadträte und bereits bestehenden Ortsvorsteher der Grafschaft, alle aus eigener Hand des Herrn Grafen verfasst, in denen er die Neuordnungen verschiedenster Bereiche regelte und verschiedene Pflichten an entsprechende Amtsträger delegierte. Diese jedoch – und hierauf bestand seine Exzellenz eisern, wählte er selbst sehr genau aus. Mögliche Kandidaten waren ihm selbst zu melden und mussten klar formulierte Fähigkeiten und Eigenschaften nachweisen, sowie einschlägige Referenzen in schriftlicher Form mitbringen.
Alles in allem war es ein schlüssiges und sorgsam durchdachtes System, aber dessen Einführung würde noch vieler Arbeit bedürfen, bis sie derart aufgestellt war, die seine Exzellenz wünschte. Doch die ersten Schritte waren getan. Ehe die Antworten auf seine vielen Briefe erfolgten, konnte er in dieser Sache nichts weiter ausrichten und so wandte er sich einer weiteren Schwierigkeit zu, die es gleichfalls zu lösen galt: sein und Herberts Zustand musste für die Sterblichen plausibel erklärt werden. Des Grafen eigenen Erklärungen und Behauptungen waren ein Anfang gewesen, aber diese würden sie ohne scheinbare Beweise nicht allzu weit bringen. Wollte er seinen bereits gefassten Vorsatz, einen geeigneten Scharlatan zu finden, der seinen Befehlen gehorchen und ihm und seinem Sohn eine seltene Erbkrankheit glaubhaft bestätigen würde, in die Tat umsetzen, wurde es nun Zeit, dass er sich auf die Suche machte nach einem geeigneten Individuum, das ihm als vermeintlicher ‚Spezialist' für obskure und seltene Krankheiten dienen konnte.
Victor hatte sehr schnell herausgefunden, dass es keines großen Aufwands dazu bedurfte, die Gedanken der sterblichen Menschen um ihn herum wahrzunehmen. In den ersten Wochen hatte es ihn manchmal fast verrückt gemacht, denn sein wohldisziplinierter Verstand war sehr empfänglich für die Gedanken um ihn herum. Es hatte ihn Monate gekostet zu lernen, dieses ungewollte Stimmengewirr aus seinem Kopf auszuschließen, wenn er es nicht hören wollte. Jetzt lernte er, in den Gedanken der Sterblichen gezielt nach Informationen zu suchen, die er haben wollte, ohne lange den Verstand eines Einzelnen danach durchsuchen zu müssen. Als er sicher zu sein glaubte, diese Fähigkeit genügend gemeistert zu haben, begann er, sich nach der Art von Person umzuhören, die er für seine Zwecke benötigen würde.
Der Sommer war noch nicht in den Herbst übergegangen und die Zeit, in der Bader, Quacksalber und zwielichtige Kurpfuscher übers Land zogen, war noch nicht vorüber. Der Graf war sicher, dass er bald genug herausfinden würde, wann ein geeignetes Subjekt in der Stadt auftauchen sollte. Doch es dauerte noch mehrere Wochen bis er sicher war, von einem geeigneten Mann gehört zu haben. Während einem seiner nächtlichen Streifzüge, den er ohne seinen Sohn unternahm, da dieser in eigener Sache unterwegs war, glaubte er, er einen passenden Kandidaten gefunden zu haben. Ein Mann war vor einigen Tagen in die Stadt gekommen. Er stach Furunkel auf, zog Zähne, versorgte Verletzungen und führte eine beachtliche Sammlung entfernter 'Steine' seiner 'dankbaren' Patienten mit sich. Außerdem verkaufte er viele wunderartige Elixiere, Salben und Tinkturen. Nun, da Victor sicher war, gefunden zu haben wonach er suchte, war es recht einfach, ein Gespräch zwischen potentieller Kundschaft des Quacksalbers zu belauschen, um mehr Informationen zu gewinnen. Während von Krolock in seinen üblichen weit geschnittenen Kapuzenmantel gehüllt, mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze da stand, erregte das Gespräch zweier älteren Damen seine Aufmerksamkeit, die sich gerade lebhaft über einen fahrenden Gesellen zu unterhalten schienen.
,,…und er ist tatsächlich noch so unverschämt, sich einen Medicus zu nennen", ereiferte sich die erste Frau erzürnt. „Nein, diese Dreistigkeit! Wo doch die ganze Stadt bereits davon spricht, dass diese ganzen Heiltränke und Kräutermischungen nicht einmal einen Pfifferling wert sind. Habt Ihr von der Witwe des Schusters gehört? Sie kaufte einen Trank und Salben bei ihm, um ihre Gicht zu lindern. Fünf Kupfermünzen hat sie ihm bezahlt. Geholfen hat es ihr nichts. Der Trank stank so abscheulich, dass sie ihn kaum einnehmen konnte und er ist ihr so übel bekommen, dass sie sich tagelang in der Nähe des Abtritts aufhalten musste", berichtete die Zweite. „Nein!", entfuhr es der Ersten, die sich sogleich die Hand vor den Mund presste. „Doch!", fuhr die Zweite nun aufgebracht fort. „Und diese Salben waren sicher auch alle gepanscht. Abscheuliches Zeug. Die arme Frau hat sie natürlich vorsichtshalber auch alle weggeworfen. Und sie ist nicht die Einzige, der es so ergeht." „Er zieht auch Zähne, habe ich gehört, und sticht Furunkel aus. Das schient er ja recht ordentlich zu tun, nach allem, was man hört. Einige sind sogar recht zufrieden damit. Wenn man von diesen seltsamen Mixturen absieht, die er verkauft, scheint er seine Sache doch recht sorgfältig zu machen", wandte die Erste vorsichtig ein. „Aber er ist teuer, schrecklich teuer. Fünf Kupfermünzen für einen Zahn. Und noch mehr für das Stillen der Blutung. Und zehn Kupfermünzen für das Ausstechen und Behandeln von Furunkeln. Nun, zumindest bei denen die sich zu ihm hinwagten. Habt Ihr gehört, wie er mit dem alten Böttcher umgegangen ist? Es sollte unbedingt jemand den Stadtvogt des Grafen benachrichtigen. Oder Seine Exzellenz selbst. Es ist ungeheuerlich!" „Was ist dem armen Böttcher denn geschehen? So sprecht doch!", bat die andere und hing gebannt an den Lippen der Erzählerin. Graf von Krolock hatte genug gehört. Es brauchte nur ein klein wenig Konzentration und er wusste, wo er nach diesem Mann suchen musste. Ausgezeichnet. Selbstsicher, abschätzen zu können, wie lange sich ein solcher Mann hier aufhalten konnte, ehe er eilig weiter ziehen würde, zog sich der Graf zurück. Er wusste genug, um sein Ziel finden zu können, nun war es Zeit, diese Gestalt aufzusuchen und in Augenschein zu nehmen.
In der dämmrigen, rauchigen Schankstube eines Wirtshauses von fraglichem Ruf, beugte sich ein Mann mit kratzendem Gänsekiel über einen Haufen beschriebener Blätter und berechnete eifrig den Gewinn, den er in den letzten Tagen gemacht hatte. Er kam nicht so recht voran, da er immer noch vor Zorn kochte. Hier saß also der große Sergius, ein Heilkundiger, wie er im Buche stand, und musste sich mit diesem billigen Essig abgeben, den der hiesige Wirt seinen besten Rotwein nannte. Alles nur, weil dieser Lump von einem Wirt des weithin bekannten besten Gasthauses der Stadt, genannt 'Grafenhof', sich weigerte, ihm ein Zimmer zu vermieten. Ungeheuerlich! Dabei konnte er mühelos zahlen, was der Wirt verlangte. Immerhin ging er einer ehrlichen und einträglichen Arbeit nach. Dort könnte er jetzt sitzen und einen anständigen Schluck zu sich nehmen. Doch hier hockte er nun, vor einem billigen Binsenlicht und musste sich mit drittklassigem Fusel begnügen, der kaum gut genug für einen dahergelaufenen Bauernlümmel war. Was für eine Unverschämtheit! Als sei die abwertenden Haltung des Pöbels nicht bereits schlimm genug. Dabei wusste ein jeder, das Arzneien, die nicht schmackhaft waren, auch wirklich halfen. Manchmal fragte er sich wahrhaftig, warum er sich mit so etwas abgab. Vielleicht wurde er allmählich zu alt. Er war es langsam leid, sich mit dem billigen Gauklergebahren, die nötige Aufmerksamkeit verschaffen zu müssen, aber ohne passende Unterhaltung war es kaum möglich, genug Kundschaft anzulocken. Auch ein Heiler musste von irgendetwas leben, mochte es ihm auch noch so missfallen.
„Seid Ihr der fahrende Bader, von dem die ganze Stadt spricht?", erklang plötzlich eine Stimme dicht hinter ihm.
Sergius erschrak und zuckte heftig zusammen, ein hässlicher, dicker Tintenfleck bedeckte plötzlich dass so mühsam berechnete Ergebnis auf seinem Papier. Er fluchte heftig. „Was zum Teufel fällt Euch ein, Mann? Könnt Ihr nicht sehen, dass ich gerade beschäftigt bin", herrschte er sein Gegenüber gereizt an. Der Quacksalber wandte sich dem Störenfried nicht einmal zu. Stattdessen starrte er ärgerlich auf den großen Tintenfleck, der die Zahlen unter sich ertränkt hatte. Er würde die Berechnung nun nochmals von vorne beginnen müssen. „Nun, ich nehme an, dass soll wohl 'ja' bedeuten?" antwortete die Stimme und der Tonfall troff, zu Sergius Ingrimm, vor Sarkasmus. „Schert euch zum Teufel." Der Bader erhob die Hand und ließ sie krachend auf den Tisch niederfahren, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Ich bin beschäftigt. Außerdem ist meine Sprechstunde für heute bereits beendet. Wenn Ihr Euch nicht davon schert, dann sorge ich dafür, dass der Wirt Euch hinaus werfen lässt." „Tatsächlich? Und seid Ihr Euch sicher, dass er nicht Euch zuerst vor die Türe setzen wird?", erwiderte der Andere hämisch. Eine Gestalt glitt plötzlich auf den windschiefen Stuhl dem Quacksalber gegenüber. Aber als Sergius aufsah, konnte er von seinem Gegenüber nur grob das in eine weite Kapuze gehüllte Gesicht erkennen, das so in Schatten gehüllt war, dass er in dem spärlichen Licht kaum die Lippen ausmachen konnte. Der Quacksalber kniff abschätzend die Augen zusammen und fixierte sein Gegenüber. „Wir wissen doch beide, Bader, das Euresgleichen allgemein nicht zu den 'ehrbaren' Leuten gezählt wird. Wen wird der Wirt wohl eher vor die Tür setzen? Mich, der ich viel zu leise bin, als das er mich über den Lärm hier drin gehört haben kann, oder Euch, der ihm seit Tagen Ärger macht wo es nur möglich ist, weil ihr glaubt, dass er es verdient hat und keinen Hehl daraus macht, wie sehr ihr den Wirt, der Euch unter seinem Dach beherbergt, verabscheut?" Sergius starrte den Mann unverhohlen an. Wie konnte der Bursche das alles wissen? „Es dürfte so oder so nur eine Frage der Zeit sein, wann Ihr diese Stadt wieder verlassen müsst. Sie reden bereits, nicht wahr?" Eine bedeutungsschwere Pause trat ein, ehe der Andere weitersprach. „Welche Mühe Ihr Euch auch macht, ihnen zu helfen, sie werden immer nur sehen, was ihr nicht vermögt und dafür in Euch einen Sündenbock suchen." Sergius starrte sein Gegenüber urverwandt an. „Woher wisst Ihr das alles?", fragte er schließlich und bemühte sich redlich dabei ruhig zu bleiben und nicht die Fassung zu verlieren. „Ich weiß es einfach. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand sich beim Stadtvogt beschwert. Seine Exzellenz ist erkrankt, wie man hört. Dass heißt, es fällt zur Zeit einzig dem Vogt zu, sich um solche öffentlichen Ärgernisse zu kümmern, nicht wahr? Und der dürfte weit weniger Verständnis für Euch haben, als der Graf es getan haben würde." Sergius schluckte schwer. Er wusste, dass der Fremde recht hatte. Er wusste auch, dass ihn dieser Umstand nun teuer zu stehen kommen konnte. „Was wollt ihr von mir, verdammt?", zischte der Bader ungehalten. „Nun, vielleicht habe ich ein Angebot für Euch. Wenn Ihr es annehmt, soll es Euer Schaden nicht sein. Mehr noch, es könnte Euch aus Eurer gegenwärtigen Misere erlösen, wie mir scheint." Seufzend lehnte sich Sergius schwer in seinen Stuhl zurück. „Und was soll ich für Euer ‚Wohlwollen' tun? Wie soll dieses Angebot aussehen?", fragte der Quacksalber. „Nicht hier!" raunte der Mann schnell. „Es richten sich bereits zu viele Blicke auf uns. Trefft mich in zwei Stunden am Ostrand des Kirchhofs. Niemand wird sich zu dieser Stunde dorthin verirren." Die Gestalt stand auf und wandte sich zum Gehen. „Wartet, Ihr habt mir noch nicht einmal gesagt, wer." Aber der unheimliche Fremde war bereits verschwunden. Erschauernd fragte sich Sergius wo er da gerade hineingeraten war.
Fröstelnd und widerwillig fand sich der Bader zwei Stunden später an dem besagten Ort ein. Es war eine der dunkelsten Ecken der ganzen Stadt. Das alte hochgotische Gotteshaus überragte den Friedhof, der sich um den Fuß der Kirche herum ausbreitete und der Stadt seit Jahrhunderten diente. Alte, verwitterte Grabsteine, steinerne Engel und gesprungene Grabplatten. Dazwischen alter Baumbestand: hoch, dick und von Wind und Wetter gezeichnet. Die meisten davon uralte, dicke Eichen. Es überliefen ihn eiskalte Schauder an diesem Ort. Sicher, jene, die man hier zur letzten Ruhe gebettet hatte, würden sich an seiner Anwesenheit nicht weiter stören. Aber er hatte genug Geschichten über Wesen gehört, die ungebeten des Nachts auf Friedhöfen ihr Unwesen trieben. Er musste sehr an sich halten, um jetzt, nur mit einer einfachen kleinen Laterne ausgerüstet, nicht argwöhnisch in die Schatten zu spähen, die diese nur unzureichend in Schach hielt. Ja, dieser Ort war zu dieser Zeit, vor einigen Augenblicken hatte die Glocke das letzte Viertel vor der dritten Stunde der Nacht geschlagen, wahrhaftig Menschen verlassen. Und er konnte nicht begreifen, warum jemand gerade diesen Ort und gerade diese Stunde wählen würde. Er begann sich zu fragen, ob es eine Falle war. Vielleicht hatte der dreimal verfluchte Wirt ja vor, es ihm zusammen mit einem Mob aus Nachbarn ordentlich heimzuzahlen. Wieder späte Sergius unruhig in die Schatten, konnte aber nichts erkennen. Nun, zumindest würde man Fackeln sehen können, mit denen jeder Mob der gegebenenfalls auf ihn zukommen würde, gewiss unterwegs sein würde. Gerade als er sich zum Gehen umwandte, weil er sicher war, dass die Gestalt aus der Schenke nicht mehr auftauchen würde, drang eine bekannte Stimme an sein Ohr. „Ihr seid hierher gekommen, um Euch einen Vorschlag anzuhören. Wollt Ihr so bald schon gehen, ohne auch nur ein Wort davon gehört zu haben?" Die Stimme war kaum ein paar Schritte von ihm entfernt. Sergius fuhr auf der Stelle herum. Alles was er sehen konnte war ein dunkler Schemen, schwärzer als die von seiner Laterne spärlich erhellte Finsternis.„Ich- ich dachte, Ihr würdet nicht mehr kommen." brachte er schließlich mühsam und stotternd hervor. „Nun, ich bin hier und ich danke Euch, dass Ihr Wort gehalten habt und hierher gekommen seid." „Werdet Ihr mir nun endlich sagen, was Ihr von mir wollt, damit wir endlich von hier verschwinden können?" Sergius stellte erschüttert fest, dass seine Stimme keineswegs so fest klang, wie er das beabsichtigt hatte. Stattdessen konnte man die Angst darin nur allzu deutlich hören. „Nein, nicht hier! Folgt mir und ich werde Euch an einen Ort führen, an dem wir ungestört reden können und der dafür besser geeignet sein dürfte als dieser."
Die schattenhafte Gestalt führte ihn fort von dem stockdunklen Kirchhof. Allerdings waren die dunklen Gässchen, die sie nun durchschritten, wenig besser. Die Läden der Fenster waren fest verschlossen, an den dicht stehenden Häusern zu beiden Seiten. Sein Führer sprach kein einziges Wort und bewegte sich rasch und sicher, sodass Sergius sich sputen musste, um ihn trotz seiner Laterne nicht aus den Augen zu verlieren. Wie lange er so durch die dunkle Stadt geführt wurde, hätte der Bader nicht zu sagen vermocht, er hatte sehr schnell sowohl jegliches Zeitgefühl, als auch die Orientierung verloren. Das Einzige,was er Sicherheit sagen konnte war, dass die Straßen allmählich breiter und die Häuser größer und stattlicher wurden. Auf noch immer gewundenen Wegen ging es durch eine Nachbarschaft, in der offensichtlich die wohlhabenden Einwohner der Stadt lebten. Viele der Häuser standen hinter hohen Umfassungsmauern und Zäunen, es gab auch solche, die offensichtlich Stallungen und Nebengebäude besaßen. Vor einer Seitenpforte in einer Umfassungsmauer, die teilweise aus Mauerwerk und Gitterwerk bestand, blieb die Silhouette, der Sergius bisher gefolgt war, endlich stehen. Der Mann zog etwas unter seinem Mantel hervor und einen Moment später öffnete er ein Tor und gebot dem Bader einzutreten. Vorsichtig trat Sergius an dem Mann vorbei, der ihn um einiges überragte, und schritt über die Schwelle. Sein Gegenüber folgte ihm und verschloss die kleine Pforte wieder hinter sich. Mit wenigen langen Schritten war er an Sergius vorbei und bedeutete ihm mit einer herrischen Geste, ihm zu folgen. Der Heilkundler gehorchte, es war ohnehin zu spät, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen, was auch immer aus dieser seltsamen Geschichte werden mochte. So folgte er seinem unbekannten Führer um den Seitenflügel eines Gebäudes, das nach dem, was er von seiner Form her sehen konnte, eine Villa von stattlicher Größe sein mochte. Wieder wurde er zu einem kleinen Seiteneingang geführt, eine Tür wurde vor ihm geöffnet und hinter ihm wieder verschlossen. Im Licht seiner Laterne konnte er einen mit Steinen gefliesten, schlicht möblierten Korridor erkennen. Sie passierten verschiedene schmale Türen und Abzweigungen und er war sich allmählich sicher, dass er in einem Teil des Gebäudes war, das normalerweise den Dienstboten vorbehalten war. Schließlich traten sie hinaus in einen breiteren, mit Holz verkleideten Flur, mit weitaus geschmackvollerem und behaglicherem Dekor. Der flackernde Schein seiner Laterne enthüllten schwere Vorhänge in bestimmten, aufeinander folgenden Abständen, Konsolen mit Nippsachen und Bilderrahmen mit Gemälden, die er keine Zeit hatte zu betrachten. Sie erreichten eine geräumige Eingangshalle, von der eine polierte Holztreppe in breiten Windungen hinauf führte. In der Mitte verlief ein breiter Streifen Teppich, wie ein geschlungenes rotes Band. Hier brannten zum ersten Mal in nregelmäßigen Abständen Kerzen in dafür vorgesehenen Wandhaltern. Sergius folgte seinem Führer mehrere Treppenabsätze hinauf und einen breiten Flur entlang. Nach einigen Metern öffnete die Gestalt vor ihm eine Tür. Licht strömte in den Flur hinaus und beleuchtete die gepflegten Dielen aus Buchenholz mit ihrer wunderschönen Maserung. Ohne auf ihn zu warten betrat der Mann den Raum und Sergius folgte zögernd, unsicher, was ihn nun erwarten würde. Nach dem spärlichen Licht, an das er sich zu gewöhnen begonnen hatte, wurde er jetzt schier geblendet. Er schloss die Augen und hob eine Hand, bis er sich allmählich wieder an die Helligkeit gewöhnt hatte. Als er die Hand sinken ließ und sich umsah erkannte er, dass er sich in einem geschmackvoll eingerichteten, mit Eichenholz getäfelten Salon befand, dessen Stirnseite von einem Wandteppich geschmücht wurde, der eine ritterliche Turnierszene zeigte.
Als er sich nach seinem Führer umschaute, sah er, dass dieser wartend mitten im Raum stehen geblieben war. Im Licht der vielen Kerzen leuchtete ein auffallender Amethystring an seiner dünnen Hand auf, der ein kleines Vermögen wert sein mochte, als die Gestalt die Kapuze zurückschlug und ihn ansah. Sergius keuchte.
Er blickte in ein Gesicht das hohlwangig und ausgezehrt wirkte. Die Hautfarbe von ungewöhnlicher, ungesunder Blässe, durch das dichte, dunkle Haar noch betont. Womöglich schwindsüchtig. Schoss es ihm sofort durch den Kopf. Da wäre mit Kräftigungsmitteln sicher einiges zu verdienen! Vielleicht auch mit Mitteln zur Potenzsteigerung oder diversen Salben, je nachdem wie die Beschwerden seines neues Patienten gelagert sein mochten!
Der weite, schwarze Kapuzenmantel mochte die Kleidung darunter verbergen, aber die Qualität des Stoffes, ebenso wie seine Umgebung, sprachen eine deutliche Sprache. Sergius hatte keinen Zweifel daran, dass er es hier mit einem Adligen zu tun hatte. Und die luxuriöse Einrichtung, sowie die Art des Wohnhauses ließ nur einen einzigen Schluss zu. Sergius verbeugte sich tief. „Ich nehme an, ich habe das Vergnügen seiner Exzellenz Graf von Krolock gegenüber zu stehen?" „Ihr habt eine rasche Auffassungsgabe," war die trockene Antwort, die ihm mit einem huldvollen Nicken gewährt wurde. „Nun, Herr Graf, Ihr habt mich aus einem bestimmten Grund hierhergebeten. Darf ich diesen nun erfahren?" Sergius bemühte sich um einen ruhigen, geschäftsmäßigen Ton, war sich jedoch gleichzeitig bewusst, dass es ihm nur halb gelang. Die Sorge und die Angst waren leicht genug zu erkennen. Nach all den Andeutungen des Mannes vor ihm in der Schenke, hatte er dazu wahrlich allen Grund. Ein spöttisches Lächeln umspielte die Mundwinkel des Adligen. „Fürchtet ihr, ich könnte Euch zur Stadt hinaus jagen oder in den Kerker werfen lassen? Wenn das meine Absicht gewesen wäre, hätte ich mir wohl kaum die Mühe gemacht, Euch selbst hierher zu bringen." Der Graf wandte sich ab und ließ sich auf dem nächstbesten der in gedecktem Grün bezogenen Sessel nieder und bedeutete ihm mit einer herrischen Geste näherzukommen und sich ebenfalls zu setzten.
Was auch immer der hohe Herr mit ihm vorhatte, er schien ihn zumindest anhören zu wollen und so trat der Bader vorsichtig näher und setzte sich auf die Kante eines breiten Sessels.
„Ich benötige die Dienste von jemandem mit gewissen… medizinischen Fähigkeiten", begann der Graf in nüchternem, fast schon geschäftsmäßigem Tonfall. „Jemand, der eine klar definierte Aufgabe übernehmen soll, um danach meine Dienste mit einer großzügigen Aufwandsentschädigung zu verlassen. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Fähigkeiten von Euresgleichen begrenzt sind. Aber das spielt für die Aufgabe, die ich Euch zugedacht habe, keine große Rolle. Ihr werdet ohnehin nur noch wenig Zeit in der Stadt verbringen können, ohne das die allgemeine Stimmung gegen Euch umschlägt, wie es in Eurem Berufsstand nur zu häufig und allzu leicht vorkommt." „Das ist sehr vage, Eure Exzellenz", entgegnete Sergius zurückhaltend. Er wollte erst mehr über diese ganze Sache wissen, ehe er sich auf irgendetwas festnageln ließ. Der Graf nickte zustimmend. „Ja, das ist es. Und ich will Euer Wort haben, dass der Inhalt dieses Gesprächs diesen Raum niemals verlassen wird, ehe ich mehr ins Detail gehe", antwortete der Adlige scharf und bestimmt. Die blauen Augen sahen seinen Gegenüber berechnend und durchdringend an. Ein Blick unter dem schon standhaftere Männer zurückgewichen waren. „Würde mir irgendjemand glauben, wenn Euer Wort gegen das meine stünde?", entgegnete der Bader bitter. Ein kühles Lächeln glitt über die Züge des Hausherren und seinen Augen sah Sergius eine stählerne Härte, die er diesem Mann ob seines Rufes in dieser Gegend, und der hündischen Zuneigung, die ihm seine Untertanen entgegenbrachten, niemals zugetraut hätte. Seine Stimme klang gleichfalls drohend als er schließlich antwortete. „Wohl kaum. Und Ihr würdet Euch auch nur allzu schnell im Verlies wiederfinden, sollte es dennoch geschehen." Der Graf warf ihm einen weiteren strengen Blick zu, unter der Bader sich sichtlich wand. „Nun, habe ich Euer Ehrenwort, großer Medicus Sergius?" Die leisen Worte klangen trügerisch sanft und der Adlige hob vielsagend eine schmale Braue. Der Angesprochene seufzte. Er ahnte, dass er sich womöglich in irgendein politisches Ränkespiel verstricken würde. Aber er wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb als zu tun, was auch immer der Graf von ihm verlangte. „Ihr habt mein Wort, Herr Graf!", versicherte er schließlich leise und resigniert. „Sehr gut. Nun, da wir uns einig sind, sollt Ihr die Einzelheiten erfahren." Die Stimme des Adligen klang nun freundlicher. „Mein Sohn und ich leiden unter einer seltenen, obskuren Krankheit, für die es keine Heilung gibt. Sie geht mit ungewöhnlicher Blässe und Blutarmut einher, ebenso mit einer starken Abwehrreaktion auf Sonnenlicht, sodass wir uns beide nur mehr des nachts frei bewegen können. Ihr wisst, was man in diesem Land seit jeher munkelt. Ich kann aber kein dummes Gerede brauchen." Der Graf deutete auf seinen Gegenüber. „Ihr werdet die Rolle eines Spezialisten übernehmen und mir und meinem Sohn vor einer Delegation der Einwohner meines Schlosses und der Stadt bestätigen, dass es sich um eine ernsthafte, aber nicht lebensbedrohliche Erkrankung handelt." In der Stimme des Adligen lag eine bestimmte Aufforderung, die, obwohl die Worte ruhig gesprochen wurden und ohne laut zu werden, sehr deutlich machte, dass er kein ‚Nein' akzeptieren wü seltene Erbkrankheit, die über Generationen schlummern kann, um dann plötzlich wieder aufzutreten. Unser Geschlecht ist sehr alt. Eine solche Krankheit kann unbemerkt schon seit Generationen weitergegeben worden sein, ohne dass es erkannt wurde. Ihr nehmt eine falsche Identität an, spielt den Fachmann für obskure Krankheiten, den ich eigens dazu herbeigerufen habe und verlasst meine Dienste mit einer Vergütung, die so großzügig ausfallen wird, das Ihr es nicht mehr nötig haben werdet, von Stadt zu Stadt zu ziehen und eurem ‚Handwerk' nachzugehen. Über den Preis werden wir uns sicher einig werden. Nun, was sagt Ihr?" Der Adlige sah ihn abwartend und berechnend an. „Und wie stellt Ihr Euch das vor, Eure Exzellenz? Die ganze Stadt weiß schließlich, dass ich hier bin und wird mich sicher erkennen, sollte ich unter einem anderen Namen in Erscheinung treten." Sergius hatte in einem angemessenen Tonfall gesprochen, aber die spöttische Spitze darin war nicht zu überhören. Der Graf schenkte ihm im Gegenzug ein boshaftes, überlegenes Lächeln. „Das ist sogar sehr einfach", entgegnete er herablassend als sähe sein Gegenüber die einfachsten Tatsachen nicht. „Ihr verlasst die Stadt öffentlich und in aller Eile. Einen Tagesritt entfernt liegt eine kleine Herberge. Dorthin begebt ihr Euch. Ich werde Euch einen vertrauenswürdigen Barbier schicken." Der Graf ließ seine Augen vielsagend über die langen Haare und den dichten, langen Bart des Baders wandern. Beide waren für seine Verhältnisse recht gepflegt, aber der Blick des Adligen sagte mehr als Worte. „Wenn er mit Euch fertig ist, werdet ihr die Kleider anlegen die Euch übergeben werden und nehmt das Pferd, das man Euch dorthin bringen wird. Am anderen Tag reist ihr mit dem Pferd zurück in die Stadt, wo man im ‚Grafenhof' ein Zimmer für Euch bereithalten wird. Der Bader von zweifelhaften Ruf ist verschwunden und an seiner Statt residiert nun ein eigens einbestellter Fachmann in der Stadt. Niemand wird Euch wiedererkennen. Haltet Euch zurück und bleibt für Euch allein. Benutzt Eure besten Manieren und niemand wird den Schwindel bemerken. Ich habe die Sicherheit, dass ich unliebsames Gerede von mir und meinem Sohn fern halte und Ihr verlasst die Stadt als ehrbarer und reicher Mann. Was haltet Ihr von meinem Vorschlag?" Der Graf legte den Kopf schief und sah ihn mit aufforderndem Blick abwartend an, die dunklen Brauen gehoben. Zum ersten Mal seit Stunden fühlte Sergius sich entspannt. Das hier war nichts weiter als ein Geschäft. Ein etwas zwielichtiges Geschäft vielleicht, aber keines, das ihm unmoralisch erschien. Wenn er den Grafen so betrachtete, schien es einiges zu geben, dass seine Geschichte von einer Krankheit zu bestätigen schien. Da gewisse Untersuchungen zweifellos zu seiner Aufgabe gehören würden, war er sicher, nichts zu bestätigen, was nicht eine bestimmte Richtigkeit haben würde. Ganz nebenbei konnte er sein Gewissen zusätzlich damit beruhigen, dass er ohnehin nicht ablehnen konnte, nicht wahr? Der Bader lehnte sich zum ersten Mal entspannt in den Sessel zurück. „Was für eine Art der ‚Bestätigung' habt Ihr Euch denn vorgestellt? Und an was für eine Summe habt Ihr zu meiner Entlohnung gedacht?"
Die weiteren Verhandlungen nahmen einige Zeit in Anspruch. Doch schließlich wurden sie sich handelseinig. Der Graf hatte sich als großzügiger erwiesen als Sergius gedacht hatte. Seine Vorschläge waren sinnvoll und nachvollziehbar gewesen und gemeinsam hatten sie einen Plan ausgeheckt, der alle nicht Eingeweihten Beteiligten des Spektakels überzeugen würde. Nach dem alle Einzelheiten zu ihrer beider Zufriedenheit besprochen und geregelt waren, hüllte sich der Graf wieder in seine Kapuze und brachte Sergius über Umwege an eine Ecke der Hauptstraße, von der aus dieser sicher war, den Weg zurück zu der Schenke zu finden, in der er abgestiegen war. „Haltet Euch an den Plan. Ihr müsst mir die benötigte Vorbereitungszeit lassen, ehe Ihr die Stadt verlasst!", schärfte ihm die Stimme des Grafen noch einmal leise ein. „In der Zwischenzeit verhaltet Euch still. Hört mit diesen Streitereien auf, die unnötige Aufmerksamkeit auf Euch lenken." „Ja, Herr, wie Ihr wünscht." Sergius verbeugte sich ergeben. „Ich lasse Euch eine Nachricht zukommen, wenn alles vorbereitet ist. Nun seht Euch vor, ich verlasse mich auf Eure Diskretion!" Damit verschwand der Graf in den Schatten und war schon bald Sergius' Blicken entschwunden.
Einige Tage später war das gräfliche Gefolge in der Stadtresidenz ihres Herren eingezogen. Wie der Graf Herbert an ihrem ersten Abend erklärt hatte, war die Delegation aus dem Schloss zwar groß, aber im Vergleich zu dem Personal, dass sie sonst umgab überschaubar. Jedoch so beschaffen, dass jeder der vor Ort war, später ein möglichst großer Multiplikator unter dem Gesinde sowie nach außen sein wü den Anwesenden befanden sich sowohl die persönlichen Diener des Grafen und seines Sohnes, Hauptmann Albert mit einem seiner Leutnants und einer berittenen Eskorte, der Unterstallmeister mit einem Kontingent an Stallburschen, der alte Igor mit einem handverlesenen Anteil verschiedener Bediensteter aus allen erforderlichen Bereichen der Haushaltsführung. Sie alle bevölkerten nun die Residenz und nötigten den beiden Adligen größtmögliche Vorsicht auf.
An jenem Abend, ehe sie das Eintreffen der Leute aus dem Schloss am nächsten Tag erwarteten, hatte der Graf seinen Sohn eindringlich gewarnt.
„Von nun an, Herbert, heißt es vorsichtig zu sein. Wir können nicht mehr so freimütig ein und ausgehen, wie wir das bisher getan haben. Sobald Hauptmann Albert hier ist, wird er praktisch auf uns sitzen, wie eine alte Glucke. Es ist leider nunmal so, dass es wesentlich einfacher ist sich aus dem Schloss hinauszuschleichen, wenn es sein muss als aus unserem Stadthaus. Wer auch immer die Umfassungsmauer geplant hat, er hat gründlich gearbeitet. Das auf die Mauer eingepflanzte Gitter ist engmaschig und solide. Es gibt keine lockeren Stäbe, keine Unregelmäßigkeiten zwischen denen man gerade noch hindurch schlüpfen könnte und die wenigen Pforten die es gibt, wird er, wie ich Albert kenne, Tag und Nacht bewachen lassen. Stelle dich also darauf ein, dass du vielleicht ein paar Tage fasten musst, bevor wir wieder Gelegenheit haben werden zu jagen. Und halte dich bitte vom Personal fern, so weit und so oft das möglich ist. Bis unser guter Spezialist alle seine Analysen und Untersuchungen abgeschlossen hat, werden sie sich ohnehin zurückhalten. Vergiss nicht, sie glauben, dass unsere Krankheit auch für sie ansteckend sein könnte." Herbert begann schallend zu lachen. der Graf zuckte mit den Schultern. „Das war das einzig Vernünftige was mir einfiel", entgegnete er ein wenig spöttisch. „Es ist recht schwer Albert abzuwimmeln und ich musste einen glaubwürdigen Grund anführen, sonst hätte er uns nicht so bereitwillig gehen lassen, geschweige denn, uns dabei noch unterstützt. Im Grunde ist es ja auch nicht könnten sie jederzeit und alle ‚anstecken', wenn wir es darauf anlegen würden. Nur das der Teil mit der Krankheit eine erfundene Ausrede ist." Herbert nickte mit geschürzten Lippen. ,,Was wir aber auf keinen Fall tun werden", stellte der Graf in scharfem Tonfall bereits im nächsten Atemzug klar, „Du warst eine Ausnahme, mein Sohn und ich bin mir nicht sicher, ob ich den Umstand noch einmal wiederholen möchte. Außerdem bitte ich dich davon abzusehen, die Anzahl der Wesen unserer Art zu vergrößern." Victor von Krolock senkte kopfschüttelnd das Haupt und schien einen Moment mit sich selbst zu ringen, ehe er sanfter, aber bestimmt fortfuhr, „Ich möchte dir nicht einen ähnlichen Schwur aufnötigen müssen, wie diesen Geschöpfen im Wald. Aber ich bitte dich inständig, wenn es jemals irgendjemand geben sollte, von dem du der Meinung bist, dass du ohne ihn, oder sie nicht leben kannst, dann sprich mit mir darüber, ehe du diesen Schritt gehst!" Er sah seinem Sohn eindringlich in die Augen und hielt seinen Blick mehrere Herzschläge lang fest, ehe er in der Andeutung einer leichten Verbeugung die Hand auf sein Herz legte. „Ich verspreche dir im Gegenzug dasselbe." Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. „Und auch, dass ich dich anhören werde, solltest du auch Dinge sagen, die ich vielleicht nicht gerne hören möchte."„Einverstanden, Vater!", entgegnete Herbert zustimmend und schenkte dem Grafen ein offenes Lächeln, das dieser sogar einen Moment lang erwiderte. „Nun gut, wenn du es noch nicht getan hast, solltest du heute Nacht jagen", er seufzte tief „Und ich vermutlich auch", setzte er wehmütig. „Und vergiss nicht, größte Diskretion und Vorsicht ab morgen! Nimm dir Bücher mit in dein Schlafzimmer. Und wenn es dir trotzdem zu langweilig sein sollte, gibt es immer noch die Verbindungstüren. Ich habe das Schachbrett aus dem großen Salon mit herauf gebracht und-" „Danke, aber ich glaube mein letzte spektakuläre Niederlage wird mir eine ganze Weile reichen." Der Graf zwinkerte seinem Sohn spitzbübisch zu. „Etwas mehr Übung könnte dir nicht schaden. Dann würdest du in Zukunft vielleicht nicht so oft ver-" „Nicht grundsätzlich verlieren, meinst du wohl. Glaube ja nicht, dass ich es nicht durchschaut habe, dass du mich hin und wieder einfach nur aus Mitleid gewinnen lässt. Oder damit du nicht immer gegen dich selbst spielen musst", schnitt ihm Herbert ironisch das Wort ab. „Wie auch immer, vergiss nicht deine Läden fest zu schließen, die Vorhänge vor zu ziehen und darauf zu achten, dass die Tür verschlossen und verriegelt ist, ehe du dich zur Ruhe begibst. Keine unnötigen Risiken, hörst du? Verrate uns bloß nicht, wenn der Zeitpunkt für die große Scharade gekommen ist, es könnte das Verderben für die gesamte Grafschaft bedeuten, wenn sich ein wütender, fanatischer Mob auf Vampirjagd begeben sollte!"
Bisher hatte sich der Junge gut gehalten. Sie beide hatten sich, wie vereinbart hauptsächlich in ihren Gemächern aufgehalten. Der junge Herr hielt sich noch mehr zurück als sein Vater, denn der Graf musste wohl oder übel mehr Kontakt zu den Abgesandten seines Haushalts haben, um alles zu koordinieren. Aber er tat es aus diesem Anlass mit gebührendem Abstand. Er empfing den Hauptmann, Igor oder seinen Diener am Ende des kleinen Salons, der zu seinen Gemächern gehörte, während diese dazu aufgefordert wurden in einem Sessel im Eingangsbereich des Raumes Platz zu nehmen, den er genau zu diesem Zweck dort platziert hatte. Aber er gab nur die nötigsten Anweisungen und bat eindringlich um die Wahrung von Abstand und Diskretion, bis der Spezialist Dr. Constantinus Vulpius seine Untersuchungen und Analysen beendet hatte. Die letzten Untersuchungen seien in den nächsten Tagen geplant, sodass mit der Verkündung seiner Diagnose wohl bald zu rechnen sei. Der Spezialist, der eigens aus weiter Ferne angereist sei, logierte im Grafenhof, dem besten Gasthaus der Stadt, wo bei Bedarf nach ihm geschickt werden konnte. Tatsächlich ging der vermeintliche Arzt, ein älterer Mann makellos dunkel gekleidet, wie man es von einem Mann seines Standes erwartete - in den Tagen, die der Ankunft der Leute aus Schloss von Krolock folgte, in den Zimmern der beiden Adligen ein und aus. Oder vielmehr hielt er sich für nicht näher bekannte Untersuchungen, bald bei dem einen oder dem anderen auf. Diener, die gelegentlich Grund hatten einzutreten, um Dinge zu bringen, nach denen geschickt worden war, hatten Gelegenheit, dies später in der Küche zu berichten. Während das versammelte Personal gespannt auf die Ergebnisse der Untersuchungen wartete, hielten sich der Graf und sein Sohn aus Rücksicht auf die anderen Anwesenden hauptsächlich in ihren Räumlichkeiten auf und verließen diese nur selten. Endlich ging ein mit den Initialen C. V. versiegelter Brief ein und die Nachricht verbreitete sich, wie ein Lauffeuer: Am nächsten Abend sollte der Spezialist die Ergebnisse seiner Untersuchungen bekanntgeben und es hieß, der Graf habe dazu ebenfalls die wichtigsten Herren des Stadtrates geladen.
Am folgenden Abend, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, empfing der Graf seine Gäste in dem geräumigen Ballsaal seiner Stadtresidenz. Im Lauf des Tages hatte das Personal Stühle und Bänke hereingebracht und sie in Reihen aufgestellt. An der Frontseite des Raumes waren drei hohe geschnitzte Stühle aus dem Salon im ersten Stock nahe beieinander gruppiert worden. Der Graf und sein Sohn hatten bereits Platz genommen, als die für die Gäste bereitgestellten Sitzgelegenheiten sich allmählich füllten. Etwas entfernt von den beiden hohen Herren saß die dunkel gekleidete Gestalt des Spezialisten, den seine Exzellenz konsultiert hatte. Beide Adlige Gastgeber waren zu diesem Anlass ihrem Stand entsprechend adrett gekleidet. Beide der Trauer entsprechend in schwarz und ohne auffälligen Zierrat. Nur Material und Schnitt ihrer Kleidung zeigte ihren hohen Rang. Ein seltenes Bild bot sich den eintreffenden Gästen, denn zu diesem Anlass zeigten sich Vater und Sohn beide mit im Nacken zusammengebundenen Haaren. Es betonte an diesem Abend nicht nur die Ähnlichkeit zwischen den beiden, sondern auch ihre Blässe. Seit dem Tod der Gräfin, darin waren sich alle Anwesenden Diener einig, war der Graf immer hagerer geworden. Aber auch der junge Herr wirkte nicht gesund. Er, der einst so rosig und frisch gewesen, war nun wachsbleich. Seine Haut spannte sich über den Wangenknochen und Schatten lagen unter ihnen ebenso, wie unter den Augen. Auch der junge Adlige wirkte wahrlich nicht gesund, obgleich man ihm ansah, dass es ihm noch besser ging, als dem Grafen selbst. Als die Ratsherren und die wichtigeren Diener Platz genommen, sowie das restliche Gesinde sich dahinter dicht gedrängt versammelt hatte, erhob sich Seine Exzellenz. Das Gemurmel, das sich allmählich ausgebreitet hatte, verstummte augenblicklich. „Meine verehrten Gäste, meine treue Dienerschaft. Ich möchte es kurz halten, denn ich bin sicher, ihr alle habt viele Fragen, die euch beschäftigen. Ich weiß, dass es in den vergangenen Wochen und Monaten einige Gerüchte gab. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, dass ihr dabei sein sollt, wenn Doktor Constantinus Vulpius uns mitteilen wird, zu welchen Ergebnissen und Einsichten er gelangt ist – und welche Schlüsse er daraus zieht. Ich bin sicher, er wird die Fragen zu eurer aller Zufriedenheit beantworten können, die ihr eingeladen seid, zu stellen." Der Graf wandte sich nun dem vermeintlichen Spezialisten zu und meinte auffordernd, „Herr Doktor, darf ich bitten?" Der Graf machte eine auffordernde Handbewegung und setzte sich wieder. Die nüchtern und streng wirkende Gestalt des Arztes erhob sich von seinem Stuhl und trat vor, um sich sogleich ergebenst zuerst vor den beiden Adligen, und dann vor den Herren des Rates und der anwesenden Menge zu verneigen. „Hohe Herren, Herrschaften, gute Leute", begann er mit Pathos. „Ich bin mir sicher, dass viele von euch von der bedauerlichen Erkrankung Seiner Exzellenz gehört haben und von seiner Befürchtung, dass auch der junge Herr davon betroffen sein könnte." Er machte eine kunstvolle Pause, um den Effekt zu steigern, ehe er dramatisch weitersprach. „Es gibt keine galante Art, dies zu sagen, also lasst es mich kurz machen, Herrschaften. Die Befürchtungen sind wahr. Sowohl Graf von Krolock als auch sein Sohn Herbert von Krolock leiden an einer seltenen Erkrankung." Lautes Gemurmel erhob sich und der Scharlatan gab den Leuten einige Augenblicke, das Gehörte zu verinnerlichen, ehe er abwehrend die Arme, hob um das Stimmengewirr zu beruhigen. Dann fuhr er gemessen fort. „Es handelt sich um eine bekannte, wenn auch nicht allzu häufig anzutreffende Krankheit. Sie wird exsecratio obscuri genannt. Sie geht unter anderem mit starker Blässe, Abmagerung, verminderter körperlichen Belastbarkeit, sowie einer starken Abwehrreaktion auf Sonnenlicht einher. Nach allem, was meine Amtsgenossen und ich bisher darüber wissen, wird diese Krankheit ausschließlich innerhalb von Familien vererbt." Wieder machte er eine kunstvolle Pause und schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf. „Sie kann lange schlummern, bleibt manchmal viele Generationen verborgen, um dann erneut auszubrechen. Aber…", Hier hob der scheinbare Medicus bedeutsam den Finger, um seine Aussage zu betonen. „Bei vorsichtigem Lebenswandel ist diese Krankheit nicht tödlich." Wieder eine theatralische Pause, ehe der er seine Hand wieder senkte und fortfuhr. Dabei war sich Sergius durchaus der Tatsache bewusst, dass seine Zuhörer ihm gespannt an den Lippen hingen und sich allmählich sogar für die Situation begeisterten „Aber sie schränkt das Leben der Betroffenen stark ein, wie ihr euch sicher vorstellen könnt, vorallem, wenn man bedenkt, dass das Wandeln im Sonnenlicht nicht mehr uneingeschränkt möglich ist, so, wie vor dem Ausbruch der Krankheit."
Gemurmel erhob sich unterschwellig. „Ihr alle müsst einstweilen keine Sorge um euren geliebten Herrn haben!", beschwichtigte der vermeintliche Arzt schnell. „Ich gebe zu, dass es nicht unbedingt ermutigend aussieht, aber soweit ich sagen kann, seid ihr alle nicht in Gefahr Seine Exzellenz in absehbarer Zeit zu verlieren. Bei gutem Lebenswandel sollte nichts dagegensprechen, dass er ebenso alt werden könnte, wie gesunde Männer seines Alters", dozierte Doktor Vulpius ein wenig schmeichlerisch weiter und der Graf musste sich, als er es hörte, bemühen, nicht dem Impuls nachzugeben und mit den Augen zu rollen. „Um den jungen Herrn steht es besser, bei ihm zeigen sich hauptsächlich frühe Symptome", dröhnte der Spezialist unterdessen weiter. „Und es ist bei dieser Krankheit auch nie gewiss, dass ein Fall exakt so verläuft, wie ein anderer, selbst wenn wir von so nahen Verwandten wie Vater und Sohn sprechen." Er machte eine philosophische Geste zum Zeichen, dass es einfach nicht genauer zu sagen sei. Wieder Gemurmel. Schließlich erhob sich ein angehöriger des Küchenpersonals. „Was ist mit den Gerüchten, dass seine Exzellenz im Wald von einem Vampir angefallen wurde?", fragte der Mann furchtsam. „Was soll damit sein?", fragte der Arzt scharf. „Böswillige Gerüchte finden sich überall. Der Mann, den ich untersucht habe, war ganz sicher weder ein Dämon, noch ein Schattenwesen. Er ist lediglich ein Mann, der das Unglück hatte, nach einem Überfall im Wald an etwas erkrankt zu sein, das er schon immer in seinem Blut hatte." Der ‚Arzt schaute finster in die Runde. „Menschen erkranken täglich, wollt ihr dafür auch Geister und Dämonen verantwortlich machen?" Hauptmann Albert erhob sich und fragte, „Bedarf es irgendwelcher besonderer Sicherheitsmaßnahmen, Herr Doktor?" „Nein." Der Spezialist machte eine wegwerfende Handbewegung. „Der Graf wird selbst herausfinden müssen, was er sich zumuten kann, ohne sich schlecht oder unwohl zu fühlen. Aber abgesehen davon gibt es keine Einschränkungen, die ihm oder dem jungen Herrn aufzuerlegen wären. Da die Ansteckung von einer Generation an die nächste erfolgt und nicht notwendigerweise weitergegeben wird, oder in der nächsten Generation wieder ausbricht, sind die beiden ungefährlich für ihre Umgebung und können sich ohne Bedenken frei bewegen", führte der Arzt aus.
„Ist die Krankheit heilbar?", wollte der alte Igor betroffen wissen. „Nein, sie kann nur periodisch gemildert werden", war die bedauernde Antwort. „Das ist alles. Schwankungen im Zustand des Patienten kann es natürlich immer geben." „Aber sie wird die beiden nicht umbringen?", fragte Igor besorgt weiter. „Höchstwahrscheinlich nicht, wenn sie sich an gewissen Vorsichtsmaßnahmen halten, die ich ihnen bereits genannt habe", erhob der angebliche Fachmann mahnend den Zeigefinger. „Inwieweit dies die Lebensspanne der beiden hochwohlgeborenen Herren im Vergleich zu einem vollkommen gesunden Menschen verändert, kann ich natürlich nicht sagen. Niemand könnte das." Er seufzte ergeben. Der alte Igor nickte und setzte sich wieder. So ging es noch eine Weile weiter, bis schließlich alle Fragen von Gesinde und Städtern beantwortet waren und der Graf seine Gäste allmählich verabschiedete. Das Personal hatte ebenfalls damit begonnen, sich wieder zurückzuziehen und seinen Aufgaben nachzugehen ,oder nach getanem Tagwerk nun die zugewiesenen Schlafstätten aufzusuchen.
Schließlich waren Vater und Sohn alleine miteinander zurückgeblieben und in stiller Übereinkunft zogen sie sich in den Salon des Hausherren zurück. „Denkst du, sie werden es glauben?", fragte Herbert leise und besorgt. Der Graf zuckte mit stoischer Ruhe mit den Schultern. „Menschen glauben ohnehin nur das, was sie glauben wollen, Herbert. Aber ich denke, wir haben ihnen ein überzeugendes Schauspiel geliefert, das ihr Getuschel im Zaum halten wird. Dass du im Moment so erbärmlich aussiehst, spielt uns in die Hände, armer Junge!" Herbert schnaubte verächtlich. „Als ob du besser aussehen würdest." „Was soll ich sagen? Ich bin ein kranker, alter Mann!" entgegnete Victor von Krolock mit übertriebener Theatralik. Der Graf zwinkerte Herbert zu und legte einen Finger auf die Lippen. Allzu große Heiterkeit würde nur unnötige Aufmerksamkeit erregen. „Und nun?", fragte der junge Mann halblaut. „Nun, unser Spezialist wird uns später einen letzten Besuch abstatten, ich werde ihm die vereinbarte Entlohnung aushändigen. Danach kann er gehen wohin er möchte. Der Wirt im Grafenhof wurde bis einschließlich morgen Abend für Unterkunft und Verpflegung unseres Gastes bezahlt. Alle Pläne, die er im Anschluss auszuführen gedenkt, sind seine eigenen. Sobald unser Spezialist die Residenz zum letzten Mal verlassen hat, werde ich mit dem Hauptmann reden. Du und ich werden morgen Abend abreisen. Er muss das Nötige in die Wege leiten, denn wir reisen natürlich bei Nacht. Der Großteil der Eskorte unter Leutnant Jaromir wird das Gesinde zurückbegleiten. Es genügt wenn sie am Morgen nach uns aufbrechen. Auf diese Weise müssen wir uns nicht mit ihnen allen auf dem Rückweg belasten. Ich fürchte, der gute Albert wird uns nicht von hier fortreiten lassen, ohne uns mit einigen von seinen Männern zu begleiten." Der Graf seufzte. „Und ich fürchte auch, dass ich ihm diesmal etwas entgegenkommen und mein Versprechen halten muss, nicht immer ohne Eskorte unterwegs zu sein. Aber ich denke, mit nur ein paar von ihnen in einem Gasthof haben wir eine gute Chance, uns zum Jagen davonzustehlen, ohne dass sie bemerken, dass wir eine Weile fort sind." Er warf seinem Sohn einen vielsagenden Blick zu. „Das bedeutet allerdings auch, dass du dich in nächster Zeit wieder mit den Tieren im Wald zufrieden geben musst. In ein paar Tagen sind wir zurück im Schloss und dann wird es wieder einfacher, unbemerkt nach draußen zu kommen, damit wir Jagen und uns nähren können. Ich werde dir unseren inoffiziellen Ein- und Ausgang zeigen, sobald wir wieder dort sind. Falls du ihn nicht schon selbst gefunden hast", erklärte der Graf. „Wie geht es danach weiter?", fragte Herbert neugierig. „Nun, wir werden nach und nach das Personal auf das absolute Mindestmaß reduzieren. Freiwerdende Stellen werden nicht mehr besetzt." Der Graf klang nachdenklich und auch ein wenig versonnen. „Ich denke, eine handvoll von ihnen wird in Zukunft genügen. Diese müssen vielleicht noch nicht einmal alle im Schloss weilen. Die Zeit wird es zeigen, Herbert. Ich kann dir nicht sagen, ob alle meine Ideen funktionieren und was in Zukunft daraus werden wird." Er sah seinen Sohn aufmunternd an. „Denkst du, sie werden uns irgendwann Schwierigkeiten machen?", wollte Herbert besorgt wissen. „Die Sterblichen, meinst du?" Sein Vater klang mehr als skeptisch. „In absehbarer Zeit vermutlich nicht. Ich denke, sie werden die Scharade glauben, weil sie es im tiefsten Grund ihrer Herzen glauben möchten." Er verdrehte die Augen. „Bis sie begreifen, dass etwas nicht stimmt und sie mit ihren anfänglichen Vermutungen recht hatten, wird es zu spät sein. Die Angst wird sie hindern die Hand gegen uns zu erheben. Oder vielleicht auch die Loyalität. Ich weiß es nicht." Er zuckte zum Zeichen seiner Unwissenheit die Schultern. „Unser Grundstein ist gelegt. Jetzt liegt es an uns. Sie dürfen niemals mit Sicherheit wissen was wir sind. Wir müssen dafür sorgen, dass sie immer im Ungewissen bleiben. Und ich werde bewirken, dass sie an mir, als ihrem Herren, so wenig, wie möglich auszusetzen haben. Solange wir all das schaffen, sollten sie keinen Grund haben, sich gegen uns zu wenden."
Author's Note:
Nachbearbeitet im August 2022
Mir war es hier besonders wichtig die Unterschiede zwischen Vater und Sohn herauszuarbeiten. (Hand auf's Herz - wer hat das Alfred-Zitat gefunden?) Und ich denke auch diese Beziehung wird in Zukunft interessant bleiben.
Die Frage, wie hält er seine Grafschaft zusammen nur mit Koukol war ziemlich weit oben auf meiner Persönlichen Frageliste. Ihr seht ihn hier dabei, wie er sich sein ‚System' aufbaut.
„exsecratio obscuri" – frei ins Deutsche übersetzt: Der dunkle Fluch
