Kapitel 14: Getrieben von Träumen und hungrig nach Glück…

Bereits bei der nächsten Abenddämmerung war Victor von Krolock wieder zurück. In der letzten Nacht war er in eiliger Hast von diesem Schicksalsort geflohen. Er hatte zuerst noch versucht sich auszureden, dass es geschehen war, dass er sich seine Gefühle nur eingebildet hatte. Aber es hatte nichts genutzt. Was auch immer er anfing, stets kehrten seine Gedanken zu ihr und jenem kurzen, elektrisierenden Augenblick zurück. Ihr Gesicht blieb, wie in seiner Erinnerung eingebrannt, obwohl er es kaum ein paar Herzschläge lang gesehen haben konnte. Trotzdem sah er es stets vor seinem geistigen Auge. Eher rundlich mit dichten Brauen weiter als gewöhnlich auseinander stehender dunkle Augen. Mit ihrer griechisch anmutenden Nase und einem breiten Mund war sie keine klassische Schönheit. Kein Gesicht, das ihm in einer Menge auffallen würde, und doch konnte er sich ihrer Anziehungskraft nicht erwehren. Etwas an ihr zog ihn fast magisch an und welche Tätigkeit er auch immer er begann, um ihr Bild, das rastlos durch seinen Geist schwebte, wieder loszuwerden. Sie wollte ihm einfach nicht aus dem Sinn. Noch ehe die Nacht vorbei gewesen war, war dem Grafen bewusst geworden, dass er sie unbedingt wiedersehen wollte, dass es nicht bei diesem einen, flüchtigen Moment bleiben sollte. So war er aufgebrochen, sobald er sich erhoben hatte, wohl wissend, dass sein Diener in dieser Nacht lange würde auf ihn warten müssen. Diesmal verhielt er sich jedoch vorsichtiger. Noch immer war er sich nicht vollkommen sicher, ob sie ihn da draußen in den tiefer werdenden Schatten tatsächlich gesehen oder nur geahnt hatte, dass er da war, als ihre Blicke sich für einen kurzen Moment getroffen hatten. Wie es auch gewesen sein mochte, Umsicht war geboten. Der Graf wollte sie auf gar keinen Fall verschrecken und wie könnte er dass nicht, wenn sie feststellte, dass sie aus den fallenden Nachtschatten heraus von einem Wesen der Finsternis beobachtet wurde? Denn für wie menschlich er sich selbst auch betrachten mochte, kein Sterblicher würde jemals mit ihm einer Meinung sein. Vermutlich zu Recht. So wartete er im Schatten einiger dicht beieinander stehender Sträucher und beobachtete das Fenster, an dem er sie zuletzt gesehen hatte. Wieder stand es der abendlichen Kühle wegen offen und dies wunderte ihn ein wenig. Das Frühjahr war bisher recht ungemütlich gewesen. Die meisten Sterblichen würden schon allein deswegen mit dem Brennmaterial knausern und die Fenster, soviel es ging geschlossen halten. Weshalb sie nicht? Wer war sie und was für ein Leben führte sie hier? Sicherlich nicht das einer Dienstmagd. Ihre Beschäftigung in dem Moment, als er sie zuerst entdeckt hatte, sprach dagegen, andernfalls hätte sie über einer Näharbeit oder ähnlichem gesessen. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass die wenigsten Dienstmägde in einer solchen Umgebung lesen konnten, oder die Mittel hatten, sich Bücher zu leisten. Sie musste also in irgendeiner Weise mit dem Pastor in Verbindung stehen. In welcher, das blieb für ihn herauszufinden. Sie enttäuschte ihn an diesem Abend nicht. Wieder hielt sie sich vor dem Fenster auf. Wieder in Gesellschaft eines Buches, wie schon bei ihrer ersten Begegnung. Victor war früher hier als beim letzten Mal. Noch war es hell genug für sterbliche Augen, um ohne die Hilfe einer Kerze lesen zu können, auch wenn es gewiss nicht mehr lange dauern würde, bis es damit vorbei war. Er konnte sehen, dass eine Kerze bereits in ihrer Nähe bereit stand. Mit einem schmalen Lächeln fragte er sich, was sie gerade las. Suchte sie nach Wissen und der Wunsch zu lernen und mehr zu erfahren war ihr Antrieb für diese Beschäftigung? Oder versuchte sie über einer abenteuerlichen Erzählung ihrem tristen Alltag zu entfliehen, träumte sich vielleicht in ein Leben, das sie selbst nicht hatte? Als leidenschaftlicher Buchliebhaber hätte der Graf selbst beide Gründe zu lesen verstehen können. Doch für den Moment blieb ihm nur zu warten und zu hoffen, dass es irgendwann Antworten auf die wachsende Anzahl an Fragen geben würde. Er hätte versuchen können in ihren Gedanken zu lesen, aber aus irgendeinem Grund wollte er das an diesem Punkt nicht. Diese Faszination für ein weibliches Wesen war für ihn zu sehr mit seinem sterblichen Dasein verknüpft. So lange es möglich war, würde er versuchen, ohne seine übernatürlichen Fähigkeiten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen.

Wie viel Zeit verstrich, während er so stand und sie beobachtete, hätte er nicht zu sagen vermocht. Nur dass es irgendwann so dunkel wurde, dass sie ihre Kerze anzünden musste. Noch etwas anderes fiel ihm auf und das machte ihn stutzig: Sie saß sehr nahe vor ihrer Lichtquelle, ungewöhnlich nahe. Fast so, als sollte die Nähe ihres Körpers das Licht verbergen, oder zumindest vor jedem verschleiern, der sich ihr aus jener Richtung zu nähern versuchte, dem sie den Rücken zuwandte. Gewiss handelte es sich dabei nicht um einen Zufall. So vertieft sie in ihr Tun zu sein schien, erkannte er dennoch eine gewisse Anspannung in ihrer Haltung. Einen gewissen, raschen Pulsschlag, den sein empfindliches Gehör wahrnehmen konnte und der eine gewisse Furcht verriet. Ein junges Geschöpf, das noch keine 20 Sommer alt sein konnte; die letzten Unruhen im Land in einer Ferne, die sowohl in Zeit als auch räumlichen Abstand groß genug war, dass es keinen Schrecken in ihrem Leben darstellen konnte, was konnte ihr also Angst bereiten? Es konnte nicht die Furcht vor den Wesen der Nacht sein, denn sonst wäre ihr Fenster weder offen noch zu dieser Stunde unverhüllt. Hätte sie sich dann nicht auch im Inneren eines Hauses sicher fühlen müssen? Nein, es war irgendetwas anderes. Etwas, das näher und greifbarer sein musste. Gerade als er sich fragte, ob er es tatsächlich wissen wollte, passierte es. Irgendwo hinter ihr wurde eine Tür quietschend aufgerissen.

„Nadeschda!" Sie sprang auf und griff hastig nach etwas anderem, das nahe bei ihr gelegen hatte und lies es auf das Buch fallen, ehe sie sich umdrehte. „Ja, Vater, brauchst du etwas?" Ihre Stimme versuchte ruhig zu bleiben, aber er konnte das Zittern darin hören. „Ich wünsche, dass du dich an unsere Vereinbarung hältst. Du kannst deine Zeit mit lesen verschwenden, wenn all deine Aufgaben getan sind. Dazu gehört es auch, dich jeden Abend der Dorfgemeinschaft zu zeigen. Wie sonst, glaubst du, soll ich es zuwege bringen, eine vernünftige Ehe für dich zu arrangieren? Es gibt schon wenig genug, dass für dich spricht, auch ohne, dass du es dadurch noch schlimmer machst, den Leuten gegenüber vollkommenes Desinteresse zu zeigen und dir durch Bücher Flausen in den Kopf setzen zu lassen, wie sie einer jungen Frau wohl kaum angemessen sind." „Aber Vater, sie tun nie etwas anderes als über die Arbeit des Tages und übereinander zu tratschen. Als ob sich daran jemals etwas ändern würde." „Sehr richtig! Sie leben im Hier und Jetzt und sind sich der Wichtigkeit ihres täglichen Handelns bewusst. Das solltest du auch, mein Kind. Deshalb gehst du morgen Abend nicht mit einer Ausrede und einem Buch in deine Kammer, sondern nach draußen unter die Leute, wo du hingehörst und wirst das gefälligst wieder regelmäßig tun. Glaube nicht, dass es mir nicht zu Ohren kommt, wenn du eine ganze Woche ohne guten Grund dabei säumig bist. Wehe dir, wenn du mir nicht gehorchst. Als Tochter bist du mir Gehorsam schuldig und als deinem Priester allemal. Vergiss das nicht!" „Ja, Vater", seufzte sie und senkte den Kopf. „Und nun lösche die Kerze und begib dich zu Bett. Es ist schon spät genug und ich wünsche weder, dass du unnötig gutes Kerzenwachs vergeudest, noch das Teile deines Tagwerks unvollendet bleiben, weil du nicht genug schläfst." „Ja, Vater. Gewiss." Sie tat wie geheißen und hinter ihr schloss sich die Tür. Sie schloss eilig das Fenster und zog ein paar schwere Vorhänge vor. Die Läden ließ sie jedoch offen. Ihm war bewusst, dass sie sich , wenn auch widerstrebend, dem Willen ihres Vaters beugen würde. Das war es also gewesen. Sie hatte einen Vater, der in keiner Weise, denn wie auch immer gearteten Wissensdurst seiner Tochter zu schätzen wusste. ‚Es gibt schon wenig genug, dass für dich spricht'? Selbst für einen Vater waren das sehr harte Worte. In Victors Augen gab es bereits mehr als genug, dass für sie sprach. Er konnte nicht glauben, dass alle Sterblichen ebenso blind sein würden, wie ihr Vater es zu sein schien. Doch dieser Punkt berührte etwas in ihm. Auch Graf von Krolock hatte sich von seinem eigenen Vater weder wirklich geschätzt noch verstanden gefühlt. Er hatte niemals dieselbe enge Bindung mit ihm geteilt, wie sie Herbert und ihn selbst verband. Dasselbe schien hier der Fall zu sein. Sie hatte gefürchtet, entdeckt und gescholten zu werden und genauso war es gekommen. Doch noch etwas hatte diese eher traurige Episode, deren Zeuge er geworden war, ihm über sie verraten: ihren Namen. Nadeschda. Er verstand kaum mehr als ein kleines bisschen der russischen Sprache, aber in diesem Fall war es genug. Hoffnung. Dies konnte einfach kein Zufall sein. Bist du vielleicht zurückgekommen, meine Liebste? fragte er sich. Sollten seine Bemühungen vielleicht endlich belohnt werden? Nun, wenn sie sich morgen Abend unter die Bewohner des Dorfes mischen sollte, dann war das die perfekte Gelegenheit, um mehr über sie zu erfahren und dabei vielleicht eine Antwort auf diese Frage zu erhalten.

Schon auf dem Weg zurück nach Hause hatten seine Pläne zuerst nur einen weiteren Berg neuer Fragen und Schwierigkeiten aufgeworfen. Es würde nicht mehr genügen in den Schatten zu lauern. Er musste näher an sie heran kommen, er würde sich vermutlich sogar unter die Sterblichen mischen müssen. Aber wie? Jedes Kleidungsstück, das er besaß, sogar noch die schlichtesten, mussten ihn zwangsläufig als einen Angehörigen des Adelsstandes verraten. Ganz zu schweigen davon, dass es schwierig sein würde zu verbergen, was er war. Herbert hätte, das was er hier vorhatte, viel leichter ausführen können, vor sich gab er es unumwunden zu. Für ihn selbst würde es schwieriger sein, auch wenn er versuchte, wie ein kranker Mensch zu wirken. Mit einem angeekelten Schauder wurde ihm bewusst, dass er sich für ihn vollkommen untypischer Völlerei würde hingeben müssen, wenn er es auch nur versuchen wollte. Er durfte nicht, wie ein Adliger gekleidet gesehen werden. Nach dem er zurückgekehrt und sein Tagewerk für diese Nacht vollbracht hatte, wandte er sich erneut dem Problem zu, wie er sich die Anordnung des Pastors an seine Tochter zu Nutze machen konnte. Den Ellenbogen auf seinen Schreibtisch gestützt und das Kinn auf der angewinkelten Hand ruhend saß er da und dachte nach. Das Problem würde darin bestehen rein optisch zu verbergen, dass er von adliger Herkunft war. Allein dadurch, dass es noch genug Sterbliche gab, die wussten, wie ihr Graf aussah, würde dies an sich schon schwierig genug werden. Das Problem waren nicht seine Haare. Schwarzes Haar war in der Region nicht selten, aber seine hellen Augen mussten auffallen. Er konnte die Lider nicht die ganze Zeit gesenkt halten bei dem was er zu tun gedachte. Es würde ein Risiko sein. Aber daran ließ sich nichts ändern. Sein auffallend gepflegtes Haar sollte er besser nicht offen zur Schau tragen. Langes Haar war nichts Ungewöhnliches. Aber bei den meisten Männern seines Alters erreichte es bei weitem nicht dieselbe Länge wie sein eigenes.

Was nun das Kleidungsproblem betraf… Der Graf hob plötzlich den Kopf und richtete sich kerzengerade auf, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Das Wäschehaus. Es gab genug Männer im Schloss und um diese Tageszeit würde dort unten keiner mehr zugegen sein. Wenn er es geschickt anstellte würden ein paar fehlende Kleidungsstücke keinen Argwohn erregen. Es konnte leicht etwas liegen bleiben oder in den falschen Korb geraten, nicht wahr? Ein flüchtiges Lächeln huschte bei diesem Gedanken über sein Gesicht, eher er sich erhob. Leise verließ er seine Gemächer und bewegte sich geräuschlos durch die vertrauten Korridore, bis er das Treppenhaus erreichte. Graf von Krolock geräuschlos stieg er ins Erdgeschoss hinunter und betrat den Bereich des Schlosses der von jeher dem Gesinde vorbehalten war. Er wusste ungefähr, wohin er gehen musste, aber nicht mehr. Es war seinem Stand nicht angemessen, hier gesehen zu werden, und es gab Grenzen, die selbst er im Allgemeinen nicht überschritten hatte. Aber er kannte die Baupläne. Es kostete ihn dennoch einige Zeit, aber schließlich öffnete er eine eisenbeschlagene Tür und trat hinaus in einen Raum, der sich nach außen hin in einen nicht übermäßig großen Innenhof zwischen zwei Gebäudeteilen öffnete. Ein von einem Gewölbe überspannter Ort mit vielen gemauerten Waschbecken und Waschplätzen; über einer Quelle errichtet, welche die Becken mit Wasser versorgte. Die Stirnseite wurde nicht von einer vierten Wand eingeschlossen, sondern lag offen. Ein kleiner gepflasterter Weg durchschnitt von dort ausgehend die Rasenfläche des kleinen Hofs. Dieser Ort war der Arbeitsbereich der Wäscherinnen. Zusätzlich zu der schweren Arbeit mussten die Frauen hier wenigstens nicht auch noch das Wasser eimerweise aus dem Brunnen herbeischaffen, oder sich zum nächsten Bach im Tal begeben. Wer auch immer den Ort ausgewählt hatte, an dem das Schloss seinerzeit erbaut wurde, war kein Narr gewesen. Für heute war die Arbeit der Mägde aber längst getan und er hoffte, dass sie die fertige Wäsche noch nicht an die Eigentümer zurückgegeben hatten. Es dauerte nicht lange, bis er fand, wonach er suchte. In einem nahen Raum im Inneren des Schlosses, sammelten sich Regale voller zum Waschen notwendiger Utensilien. Auf einer langen Tischreihe fanden sich ordentliche Stapel von gefalteter und noch ausgebreiteter Wäsche. Seine Augen glitten suchend über die noch nicht gefalteten Kleidungsstücke. Das Letzte was er wollte war Aufmerksamkeit zu erregen, indem er etwas durcheinander brachte. Die Sachen mussten nur einigermaßen seinen eigenen Proportionen entsprechen. Das würde genügen. Er griff sich ein Leinenhemd, das bereits leicht vergilbt war und eine dunkle Hose, die ebenfalls schon bessere Tage gesehen hatte, dafür aber so wirkte, als wäre der Träger ähnlich gebaut, wie der Graf. Ein wenig zu kurz vielleicht. Während sein Augen weiter über die Tische wanderten und nach er nach einer geeigneten Ergänzung zu seiner Auswahl Ausschau hielt, gewahrte er ein wenig abseits eine schlichte, etwas verwaschene dunkelgraue Weste. Der Grund, warum sie ein wenig abseits lag, war auch nicht schwer erkennbar. Sauber, aber zu abgetragen und vermutlich für den Lumpenhändler vorgesehen. Für seine Zwecke war sie bestens geeignet. So nahm er das häufig getragene Kleidungsstück ebenfalls an sich. Es war sicher nicht das, was er gewohnt war, aber auch dieses Stück passte. Seine Ausbeute sollte dazu tauglich sein, ihn mit einer Menge seiner gewöhnlichen Untertanen verschmelzen zu lassen. Trotzdem versetzte der Gedanke, wie seine Auswahl an ihm aussehen würde, seiner Eitelkeit einen Stich.

Das ist keine Zeit für Selbstgefälligkeit!, schalt er sich selbst. Es geht darum, sich zu tarnen, nicht um deine Vorteile zur Geltung zu bringen. Er schüttelte unwillig den Kopf und trat geräuschlos mit seiner Beute aus dem Raum und zog die Tür leise hinter sich zu. Einer Eingebung folgend verließ er das Schloss in Richtung der Ställe. Hinter der Tür zur Geschirrkammer hingen ein Kutschermantel und ein Umhang. Beides zwar weder neu noch abgetragen, aber vor allem aus einer Wolle von einer Güte, wie sie sich die Menschen der Gegend leisten konnten. Ohne lange nachzudenken nahm er den Umhang, In der in der Nähe lagen Säcke aus Leinen, wie sie häufig für den Transport von Gegenständen genutzt wurden, sorgfältig aufeinander gestapelt. Der Graf nahm einen davon heraus und ließ seine Beute hinein gleiten. Er wusste, er würde seine Verkleidung nicht im Schloss anlegen können, wenn der nächste Abend kam. Dankbar dafür, dass er an diesem Abend einen seiner eigenen, weit schwingenden Umhänge trug, der den schweren Stoffbeutel zwischen den dunklen Falten verbergen würde, verließ er die Stallungen und schlenderte ohne erkennbare Hast in Richtung der Kapelle davon und von dort aus, wie zufällig, über den Familienfriedhof. Einmal mehr musste er jene dienstbare Mauerstelle nutzen, um unbemerkt aus dem Schloss zu schlüpfen. Gemessenen Schrittes entfernte er sich in Richtung Wald. Diesmal jedoch hat er ein vordringlicheres Ziel als das nächstbeste Tier aufzuspüren. Langsam bewegte er sich zwischen dem alten Baumbestand und dem Unterholz. Es dauerte trotzdem eine ganz Weile, ehe er fand, wonach er suchte.

An einem Hügelkamm stieß er auf einen breiten, überhängenden Felsen. In seinem Schatten wuchsen einige niedere, struppige Büsche. Dahinter kaum zu sehen, öffnete sich eine Höhle in den Berghang. Eine kurze Inspektion enthüllte, dass sie weder besonders tief noch groß genug für ein menschenähnliches Wesen war. Dafür, seine Verkleidung ungesehen zu verwahren, war sie dagegen brauchbar. Er würde sich auch keine Sorgen darüber machen müssen, dass diese von einem Tier verschleppt oder beschädigt werden würde, denn seine scharfen Sinne sagten ihm deutlich, dass dieser Ort derzeit keinen Bewohner hatte. Ein Lächeln glitt über seine Züge. Ausgezeichnet. Er platzierte sein Bündel, sodass es noch erreichbar war, beschwerte es mit mehreren Steinen und bedeckte alles mit trockenem Laub aus der Umgebung. So unkenntlich gemacht, würde es niemand dort finden. Der überhängende Felsen und die kleine Höhle würden Schutz vor einem unerwarteten Regenschauer bieten. Nasse Kleidung mochte ihm vielleicht nicht mehr den Tod durch ein Fieber bescheren können, aber angenehm würde sie auch für ihn nicht sein. Der Ort würde ihm damit sogar zweifach nützlich sein, denn natürlich durfte er in der geplanten Aufmachung im Schloss nicht gesehen werden. Nachdem sein Vorhaben, sich, wie ein gewöhnlicher Bürger einzukleiden, abgeschlossen war, widmete er sich der zweiten Angelegenheit, wegen der er hierhergekommen war. Es war für seine Verhältnisse noch recht früh nach seiner letzten Mahlzeit. Aber wenn er auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, für einen Menschen gehalten zu werden, musste er trinken. Es blieb kein anderer Ausweg, wenn er sich so nahe an misstrauische Sterbliche heranwagte. Herberts Worte hallten ihm noch in den Ohren: ‚Jeder schwer Schwindsüchtige sieht gesünder aus als du es zurzeit tust!' Er konnte sich eine derartige äußere Erscheinung in diesem Fall einfach nicht leisten. So widmete er sich widerwillig der Aufgabe, die er vor sich hatte. Wenn auch kein begeisterter Jäger, war der Graf dennoch mit den Jahren effizient geworden, die verschiedenen Abläufe waren für ihn genug zur Routine geworden, das er kaum darüber nachdenken musste was er zu tun hatte. Eine Beute finden und sie zur Strecke zu bringen kostete ihn keine große Mühe. So war es auch diesmal.

Kaum einige Minuten später hatte er getan, was notwendig war. Eine Damhirschkuh lag tot und blutleer vor ihm auf dem Waldboden. Victor von Krolock unterdrückte die aufsteigende Übelkeit und erhob sich. Ruhig und ohne Hast kehrte er zu der Stelle zurück, an der er das Schloss verlassen hatte. Doch als er sich seinem Durchschlupf näherte, war er sich dessen bewusst, dass er auf der anderen Seite bereits erwartet wurde. Er überwand die Mauer, kam leichtfüßig unten auf und grüßte nachlässig im Vorbeigehen seinen Sohn. „Guten Abend, Herbert. Gehst du aus?" „Nein, tatsächlich nicht. Es wundert mich nur, dich in der letzten Zeit so häufig diesen Ausgang benutzen zu sehen." „Nun, sagen wir es so, ich hatte keinen weiteren Bedarf nach unpassenden Bemerkungen über meine Jagdgewohnheiten." „Kann es sein, dass du mir aus dem Weg gehst?", fragte Herbert geradeheraus. „Wieso? Bereust du deine Respektlosigkeit?", erwiderte der Graf. „Vater, bitte!" rief ihn Herbert zur Räson. „Schon gut." Der Graf machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Wo bist du in den letzten Tagen gewesen? Du hast das Schloss verlassen, kaum dass du dich aus deinem Sarg erhoben hattest. Ich musste Banel ständig vertrösten, weil ich nicht wusste, wann du wieder auftauchst. Selbst, nachdem die Wachen am Tor berichteten, du seist wieder zurück, habe ich dich nicht zu Gesicht bekommen", sagte er vorwurfsvoll. „Nun, hier bin ich. Gibt es etwas Bestimmtes?", erwiderte der Graf forschend. „Bist du böse auf mich?", verlangte Herbert von seinem Vater zu wissen. „Das sollte ich wohl. Verdient hättest du es allemal." Der Graf seufzte. Er konnte den besorgten Ausdruck auf Herberts Gesicht nicht lange ertragen. Das war schon immer das Problem mit diesem Bengel gewesen. „Nein!", antwortete er schließlich leise. „Aber ich habe meine Angelegenheiten und du hast deine. Können wir uns darauf einigen und es für den Moment dabei belassen?", fragte er müde. Herbert nickte und sah dabei bereits wieder ein wenig beruhigter aus. Der Graf betrachtete seinen Sohn für einen Moment aufmerksam und legte dann in einer versöhnlichen Geste seine Hand auf dessen Schulter. „Es ist schon gut, mein Sohn. Ich weiß es zu schätzen, dass du dir nach all der Zeit immer noch Sorgen um deinen alten Herrn machst. Und da du die Worte für deinem Seelenfrieden zu brauchen scheinst, es sei dir verziehen! Aber glaubst du nach all den Jahren tatsächlich so etwas, wie eine kleine Meinungsverschiedenheit, könnte eine Kluft zwischen uns öffnen?" Herberts betretener Gesichtsausdruck sagte ihm alles, was er wissen musste. „Törichter Junge! Wann willst du endlich erwachsen werden?", schalt er. Damit erntete er ein breites Lächeln seines Sohnes. „Na, also. Das ist schon besser. wenn du mich entschuldigen würdest, ich würde es vorziehen, mich nach meinem… späten Abendessen ein wenig frisch zu machen." Herbert trat beiseite und Victor von Krolock ließ seine Hand sinken. Aber dann fiel ihm noch etwas ein. „Ich habe morgen Abend etwas außerhalb des Schlosses zu tun. Du würdest mir einen Gefallen tun, wenn du Banel ausrichtest, dass die Nacht ihm gehört. Falls er irgendwelche mündlichen Nachrichten hat, soll er sie an dich weitergeben. Du kannst sie aufschreiben und auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Ich werde mich um alles kümmern, sobald ich zurück bin. Aber ehe du fragst, ich kann wirklich nicht voraussehen, wann das sein wird." Er hob warnend den Zeigefinger, „Denke daran, was ich dir sagte, das ist etwas Persönliches!" Herbert nickte. „In Ordnung, Vater. Ich werde deine Wünsche respektieren." Der Graf hatte kaum ein paar Schritte getan, da rief Herberts stimme hinter ihm her. „Was ist mit dieser Schachpartie, zu der du mich neulich überreden wolltest? Hast du ein wenig Zeit, nachdem du dich zurecht gemacht hast?" Der Graf warf Herbert einen amüsierten Blick über die Schulter zu. „Natürlich. Du kannst im Salon auf mich warten. Aber sei bereit zu verlieren!"

Am nächsten Abend verließ Graf von Krolock das Schloss umgehend, nachdem er aufgestanden war. Bevor er für die versprochene Schachpartie zu Herbert herunter gekommen war, hatte er die letzten Vorbereitungen getroffen. Er hatte sich umgezogen und seine Kleidung, die er trug, mit Bedacht ausgewählt. Er trug einen unauffälligen dunkelblauen Mantel und eine farblich passende Weste, mit einem schlichten Gürtel. Dazu ein Paar schlichter Reitstiefel. Herbert hatte es nicht beachtet oder vielleicht gar nicht bemerkt, aber der Graf hatte schon während ihrer Schachpartie nur noch einen einzelnen Ring getragen. Eingedenk seines Vorhabens in der nächsten Nacht, hatte er allen Schmuck, einschließlich seines Siegelrings, abgelegt und sorgfältig in seiner Schatulle verschlossen, zurückgelassen. Alles, bis auf Elisabeths Ring, der an einer Kette um seinen Hals hing und seinem Ehering. Seit Elisabeth ihm den Ring bei ihrer Trauung an den Finger gesteckt hatte, war dieser sein steter Begleiter gewesen. Er hatte ihn nie wieder abgenommen. Auch jetzt nicht, wo er ihm allmählich zu weit wurde, da seine Finger nun dünner waren als vorzeiten, als der Ring für ihn angefertigt worden war. Seit ihrem. In seiner Innentasche versteckt befand sich einer seiner Kämme. Er war sich dessen bewusst gewesen, dass er auf seine Rückkehr nicht weniger Sorgfalt verwenden durfte, wie auf sein Vorhaben selbst.

Er kehrte zu der Stelle zurück, an der er seine Verkleidung zurückgelassen hatte, holte sie sorgsam hervor und tauschte sie rasch gegen seine eigene Kleidung, die er bis auf Stiefel und Gürtel nun in dem dienstbaren Versteck zurück ließ. Gekleidet in das entwendete Ensemble sah er an sich herab. Das grobe Leinenzeug fühlte sich ungewohnt kratzig auf seiner Haut an. Alles saß einigermaßen, soweit er es sehen konnte, aber trotzdem ging es, wie befürchtet, nicht ohne Gürtel. Die Stiefel waren für ihn selbst angefertigt worden und verbargen die Tatsache, dass die Hose für ihn sowohl etwas zu weit geschnitten als auch zu kurz war. Danach waren seine Haare an der Reihe. Für das, was er vorhatte, sollten sie nicht allzu ordentlich aussehen, also brauchte er einige Minuten, um die Masse gepflegter langer Strähnen zu verwirren und zu zerzausen. Der nächste Schritt bestand darin, sie zu einem Zopf zu flechten. Ebenfalls nicht allzu ordentlich, denn sie sollten den Eindruck erwecken, dass sie während eines langen Arbeitstages in der Flechte eingesperrt gewesen waren. Keine Frisur blieb bei so etwas vollkommen intakt. Als er ein letztes Mal abschließend an sich herunter sah, glitzerte der Amethyst an seiner linken Hand im Dämmerlicht. Er betrachtete den auffälligen, teuren Stein an seiner Hand. Die Kette war unter seiner Kleidung nicht zu sehen. Aber dieses Stück? Nach kurzem Überlegen drehte er den Ring an seinem Finger so, dass der auffällige Edelstein auf der Innenseite seiner Hand verborgen lag. Jetzt war der Ring nur noch als breites Band aus Silber an seinem Finger zu erkennen. Das sollte auch für einen Bürger möglich sein. Ein Erbstück vielleicht.

Zufrieden machte er sich auf den Weg. Unterwegs nutzte er die Gelegenheit noch einmal zu jagen. Die Bemerkung seines Sohnes über sein Aussehen als mahnende Warnung im Ohr. Diesmal konnte er die aufsteigende Übelkeit nicht unterdrücken, als er über dem blutleeren Körper eines jungen Keilers kauerte. Es lag nicht an dem Tier selbst, auch wenn der Geruch für seine empfindlichen Sinne stark war. Er war es nicht mehr gewohnt, dass so viel Blut durch seine Adern floss. Er versuchte sich angestrengt daran zu erinnern, ob es sich ähnlich angefühlt hatte, bei Festen zu viel gegessen zu haben, als er noch sterblich war. Während er es vergeblich versuchte, wurde er von krampfhaften Würgeanfällen geschüttelt, die sich erst nach Minuten wieder beruhigten. Schließlich, unter vollen Ausnutzung seiner übernatürlichen Fähigkeiten, erreichte er sein Ziel schneller als jemals zuvor, um ja möglichst wenig von der kostbaren Zeit der Dämmerung zu versäumen. Wenn sie sich an die Anordnung hielt, die sie erhalten hatte, dann sollte sie heute Abend dort draußen unter den Menschen sein. Das Herz schien in seiner Brust heftig zu schlagen, als er sich dem Rand des Dorfes näherte. Er hatte lange genug Zeit gehabt, sich eine Geschichte zurecht zu legen. Er musste nur darauf achten, rechtzeitig zu verschwinden, um sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. So tat er das Naheliegendste, was ein sterblicher Wanderer tatsächlich tun würde, er fand sich an einem der wackligen Stehtische draußen vor dem kleinen Schankhaus ein und nicht lange darauf erschien auch schon der Wirt, mit einem fleckigen Tablett voller Humpen in den großen Händen. Victor kannte den rauen Ton an solchen Orten zur Genüge, doch fiel es ihm nicht leicht, in die ungewohnte Umgangssprache zu verfallen, ohne sich durch eine gewählte Sprache zu verraten. „He da, Wirt, hast du auch einen für 'nen müden Wanderer?" Er sprach tiefer als mit seiner normalen Stimmlage und versuchte seine Stimme rauer und bärbeißig klingen zu lassen. Je weniger er, wie er selbst klang, desto besser. Der Mann wandte sich zu ihm um und musterte ihn abschätzig. Victor sah mit Genugtuung, dass der Mann offenbar nichts Besonderes an der Gestalt vor sich fand, deren Kleidung eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte. „Kannst du denn überhaupt zahlen, Kerl? Und woher kommst du? Von hier biste nich'. Ich hab dich zumindest noch nie bei uns gesehen", meinte der Wirt argwöhnisch. Statt einer Antwort knallte der Graf dem Wirt eine Kupfermünze auf die Tischplatte und sah ihn finster an. „Reicht das? Was schert es dich, wo ich herkomme, bin neu hier in der Gegend, dafür können sie mich nicht hängen!" Der Wirt nahm das Geldstück und reichte seinem Gegenüber einen der kleinen Holzkrüge. „Ist ja schon gut, Mann. Ich werd' ja schließlich noch fragen dürfen, sonst könnte sich hier ja jedes Gesindel breit machen, das nicht zahlen kann und mich um meinen ehrlichen Lohn bringen. Es muss ja jeder sehen, wo er bleibt!" Der Graf sah ihn nur an und brummte unwirsch. Dann mimte er einen großen Schluck aus seinem Krug und der Wirt wandte sich wieder seinen anderen Gästen zu.

Still beobachtete Victor das Treiben um sich herum. Die Tische begannen sich zu füllen, aber er hatte sich bewusst einen Platz am Rande ausgesucht, in der Nähe eines Fasses, das mit Grünzeug bepflanzt war. Wenn er nicht auffallen wollte, dann musste er den Inhalt seines Kruges unauffällig irgendwo entsorgen, da er ihn nicht selbst trinken konnte. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit entleerte er den größten Teil seines Getränks in das bepflanzte Fass, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Es mischten sich nun auch Frauen unter die Schwatzenden. Sie beäugten ihn, den seltsamen Fremden, zunächst misstrauisch und machten erst einmal einen Bogen um ihn. Einige schienen sich offen mit dem Wirt über ihn zu unterhalten, während er so tat, als würde er langsam den Inhalt seines nahezu leeren Kruges in sich hinein schütten. Unterdessen hielt er hoffnungsvoll die Augen offen, und schließlich, als er schon fürchtete, sie vielleicht verpasst zu haben, sah er sie. Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit sie genauer zu betrachten. Sie war kleiner als er vermutet hätte. Kleiner, als Elisabeth es gewesen war. Auch hatte sie nichts von deren feingliedrigen Körperbau. Sie war keineswegs korpulent, und doch war sie eine vollkommen andere Erscheinung. Eher die Schönheit einer Wildblume als einer Zuchtrose. Für hiesige Verhältnisse vielleicht ein wenig zu klein und mit wenigen wohlgefälligen Rundungen, als viele der andere Frauen in der Menge. War es das, was ihr Vater gemeint hatte? Er hörte Gesprächsfetzen. Was sie hörte, schien sie nicht besonders zu interessieren. Aber dennoch machte sie mit bemühtem Gesichtsausdruck Konversation. Aber am Klang ihrer Stimme konnte er hören, dass sie es nur aus Pflichtbewusstsein tat. Während er so seinen eigenen Gedanken nachhing, gesellte sich ein vierschrötiger Mann zu ihm, der wie ein Bauer gekleidet war. „Der Wirt behauptete, du bist neu hier. Wo kommst du her?" „Aus einer miserablen Bruchbude im Wald. Ich habe zurzeit nichts Besseres. Aber ein Mann wird wohl auch die Gesellschaft von seinesgleichen suchen dürfen, wenn er schon die meiste Zeit alleine verbringen muss."

Finster funkelte er sein Gegenüber an, der entwaffnet seine Arme hob. „Ruhig, Mann. Es wird ja noch erlaubt sein, Fragen zu stellen. Es verirren sich nicht so viele neue Gesichter zu uns. Wie kommt's?" Der Graf zuckte gleichgültig die Schultern. „Pech gehabt. Wie sowas halt passiert. Und dann muss man eben so gut zurechtkommen, wie es gerade geht. Immerhin habe ich ein Dach überm Kopf und mit harter Arbeit, wird es sicher schon werden." Erneut mimte er einen Schluck, beobachtete stattdessen jedoch Nadeschda, die weiter mit einer Gruppe Frauen zu plaudern schien, zu der sich jetzt auch ein Mann gesellt hatte, den der Graf in seinen Dreißigern vermutete. „Das ist auf jeden Fall die richtige Einstellung", erklärte sein Tischnachbar lebhaft. „Wie nennt man dich?" Die Frage war zu erwarten gewesen. „Vitja", knurrte Victor brummig. Er hatte die Abkürzung seines Namens, mit der ihn diverse Jugendfreunde zu rufen pflegten schon immer gehasst. Aber es war besser so. Die alte Koseform war ihm vertraut genug, dass er darauf reagieren würde, wenn ihn jemand so ansprach. Es war besser als irgendein Name, mit dem er keine Verbindung hatte. „Und du?", entgegnete er. „Toma", antwortete sein Gegenüber. Der Graf nickte und gab ein zustimmendes Brummen von sich und sah gedankenverloren hinüber, wo Nadeschda stand. Diesmal hatte sie es wohl gemerkt, dass er sie ansah, denn sie schaute auf und ihre Blicke trafen sich. Sein Herz setzte für einen Schlag aus und versuchte es dann damit auszugleichen, dass es umso schneller schlug. Er hatte auf diesen Moment gehofft und schenkte ihr ein schmales Lächeln, vorsichtig, um die Fangzähne dabei nicht zu enthüllen. Er versuchte es wie beiläufig, aber Toma war es trotzdem nicht entgangen. „Ah, ich würde mir die aus dem Kopf schlagen, wenn ich du wäre", stellte er trocken fest. „Sieht doch brauchbar aus", brummte der Graf kurz angebunden, nahm erneut einen falschen Schluck und bemerkte zufrieden, dass die junge Frau leicht errötend zurücklächelte, ehe sie den Blick abwandte. „Mag sein, mag sein. Aber sie ist wohl nicht das, was ein Mann braucht, wenn er sich gerade aus einer Pechsträhne heraus arbeiten muss, würde ich sagen." „Und was soll das heißen?", fragte Victor unwirsch und sah den Mann mit struppigem, dunkelbraunem Haar direkt an. „Wenn du es erzählen willst, dann tu's einfach." Der Graf bemühte sich darum, unwirsch, aber nicht abweisend, zu klingen. Darauf schien der Bauer nur gewartet zu haben. Scheinbar gehörte er zu jener Sorte Männer, die jedem neuen Ohr nur allzu begierig alten Klatsch erzählten. „Nun, es ist die Tochter des Pastors Petre. Ein passender Name, wenn du mich fragst, denn er ist genauso hart, wie Stein. Wettert in seinen Predigten jedenfalls gegen alles und jeden, wirst es schon noch selbst zu hören kriegen. Das Mädel scheint wohl so 'ne Art Strafe vom lieben Herrgott zu sein. Verhält sich wohl nicht so wie er's will." „Soll heißen? Treibt sie sich herum?" Er warf dem Bauern einen vielsagenden Blick zu. „Nein, nein. So arg scheints nicht zu sein." Toma machte eine wegwerfende Handbewegung und sprach dann lebhaft weiter. „Steckt wohl aber die Nase zu viel in Bücher, wie man so hört. Das kommt davon, wenn man dem Weibervolk solche Sachen beibringt. Wirklich, wahr wohl 'ne blöde Idee, das. Aber damit muss sich der Pastor Petre jetzt halt rumschlagen. Setzt ihr scheinbar 'ne Menge Flausen in den Kopf, das Bücherlesen. Spricht nicht gern mit den Leuten. Merkt man gleich. Hält sich gewiss für was Besseres. So eine kann man wohl kaum zum Arbeiten brauchen, wenn sich zum Schluss alle Enden treffen müssen." Victor brummte, was alles oder nichts bedeuten konnte, aber seinem Gesprächspartner schien das vollkommen zu genügen. Dann sah er wieder zu ihr hinüber und erkannte an ihrer Reaktion, dass sie ihn bis eben selbst verstohlen beobachtet haben musste. Er erlaubte sich ein verhaltenes Lächeln, ehe er seinem Gesprächspartner antwortete. „Ihrem Vater ungehorsam, also?" Das machte sie ihm noch sympathischer, als er seiner eigenen, lange vergangenen Jugend gedachte. Toma zuckte mit den Schultern. „Widerborstig. Aber sie geht wohl nicht zu weit damit. Er ist'n harter Kerl, der Pastor. Ich sag dir, Vitja, der heißt nicht umsonst ‚Stein'." „Du meinst, er schlägt sie?" fragte der Graf forschend. Der Bauer zuckte desinteressiert die Schultern. „Wundern täts mich nicht. Wenn's Not tut…" Er zuckte wieder mit den Schultern. „Wer tut's nicht' , wenn sie nicht hören wollen, eh?" Der Graf hatte Mühe seine unwillkürliche Reaktion zu unterdrücken und sich nichts anmerken zu lassen. Es war ein Jahrhundert her, aber er war selbst verheiratet gewesen, ohne jemals seine Hand gegen seine Frau erhoben zu haben. Nie wäre es ihm nie den Sinn gekommen, sie mit solchem Verhalten seinen eigenen Wünschen zu unterwerfen. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er dergleichen bei seiner Tochter getan hätte, wenn Sophia die Nacht ihrer Geburt überlebt hätte. Sein Gegenüber schien nichts bemerkt zu haben. „Aber er tut's scheinbar nicht so arg wie manch andere. Wäre auch nicht schlau an seiner Stelle. Er will sie verheiraten, und das wird auch nicht leichter, ohne dass er's selbst noch schlimmer macht, in dem er das bisschen beschädigt, das für sie sprechen könnt'. mal abgesehen von dem Mädel, jeder künftige Schwiegersohn wär mit dem alten Petre als Brautvater gestraft und hätt' ihn fortan als Teil seiner Familie zu ertragen." Um sich nicht zu verraten, verbarg der Graf sich rasch hinter seinem Krug. Er beobachtete noch immer aus dem Augenwinkel die junge Frau, aber er war sich nicht sicher, wie viel er noch ertragen würde. Es war an der Zeit, den Abend zu beenden. Mit einem lauten Geräusch stellte er den Humpen auf dem Tisch ab. „Ich danke dir für ein gutes Gespräch und die Gesellschaft. Aber ich muss jetzt gehen. Der Rückweg wird nicht kürzer, wenn man trödelt." Toma nickte. „Da ist was Wahres dran", seufzte er. „Aber es gibt morgen noch mehr zu erzählen, wenn du auf'n Humpen vorbeikommst." Victor schüttelte mit einem Laut des Bedauerns den Kopf. „Nein, ich glaub nicht. Der Weg ist für alle Tage zu weit, auch wenn's ein recht gutes Zeug ist. Aber ich werde die Tage sicher wieder vorbeischauen." Damit drehte er sich um und ging. Diesmal allerdings ganz bewusst durch die Menge, der er kaum einen Blick gönnte, direkt an Nadeschda vorbei.

Wie gehofft hatte sie ihn wohl ebenfalls im Auge behalten und schien zu bemerken, dass er sie wieder direkt ansah, denn in dem Moment blickte sie auf und ihre Augen trafen sich. Victor von Krolock war sich seines Aussehens und seiner Wirkung auf Frauen immer bewusst gewesen. Auch jetzt, nach allem was geschehen war, hatte er nicht vergessen, wie er seine Vorzüge einsetzen konnte. Während er an ihr vorbeiging, hielt er ihren Blick und schenkte ihr ein Lächeln. An ihrer Reaktion merkte er, dass er ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Das war ein vielversprechender Anfang. Er ging einige Schritte und warf ihr dann im Gehen erneut ein Lächeln über die Schulter zu, ehe er zielstrebig den Ort in Richtung des nahen Waldes verließ und im schwächer werdenden Dämmerlicht verschwand.

Ein paar Tage später war er wieder zurück im Dorf, in dem Nadeschda lebte und nahm denselben Platz ein wie beim letzten Mal. Er hatte im den Tagen, in denen er sie nicht gesehen hatte, mehr als einmal darüber nachgedacht, ob er das Recht tat. Hatte er nicht versprochen zu warten, wie lange es auch dauern würde? Doch wie sollte er sie jemals finden, wenn er sich die nur im Schloss aufhielt. Er konnte wohl kaum darauf hoffen, dass sie eines Tages einfach vor seiner Türe stand. Wenn er sie jemals wiederfinden wollte, dann musste er das Risiko einer neuen Bekanntschaft eingehen. War das nicht zu Anfang immer so, hatte er sich gefragt? Nach über 100 Jahren würde ihm wohl jeder das Recht zugestehen, einen Neubeginn zu wagen. Ich versuche nur, dich zu finden, Elisabeth, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Das hat nichts mit Untreue zu tun. Es gab keinen Tag, an dem sie ihm nicht fehlte, auch, wenn er gelernt hatte, mit der Leere zu leben, die sie in seinem Leben hinterlassen hatte, und mit dem Schmerz, der damit verbunden war. Wenn er Recht behielt, wie konnte es falsch sein, wenn sie sich am Ende wieder haben würden?

Der Wirt war vielleicht ein wenig freundlicher, aber nicht viel. Wieder fand er Gelegenheit den Inhalt seines Kruges so zu entsorgen, dass es niemandem auffiel und behielt ihn dann in der Hand, um zu verbergen, dass er leer war. Sie war noch nicht hier und er konnte nur hoffen, dass sie in den letzten Tagen nicht so enttäuscht gewesen war, dass sie heute Abend nicht kommen würde. Was er brauchte, war die Gelegenheit, um mit ihr reden zu können, es gab keine andere Möglichkeit, um Antworten zu finden. Während er noch nachdachte, hörte er, wie sich Schritte näherten. Aber er wusste bereits. Er konnte an dem schweren Schritt und der Art wie er atmete hören, dass es ein Mann war. „Ah, Vitja. Hast ja lang auf dich warten lassen." Victor seufzte unhörbar. Er hatte es befürchtet. Jetzt würde er sich eine weitere Runde Klatsch und Tratsch anhören müssen, ob er wollte oder nicht. Er gab einen unbestimmten, Zustimmungslaut von sich. „Geht nicht immer, wie man's sich wünscht", konterte er dann mit einem Schulterzucken. „Hab' ohnehin gesagt, es geht nicht jeden Tag." „Stimmt, stimmt", seufzte der andere. Der Graf hoffte, dass er ihn diesmal nicht so lange würde ertragen müssen. Die Tische füllten sich, während er mit halbem Ohr dem Tratsch lauschte, mit dessen Nacherzählung Toma umgehend angefangen hatte. Gelegentlich nickte er und gab einen Laut von sich, der nahezu alles hätte bedeuten können. Stellte gelegentlich eine kurze Frage, um nicht zu deutlich zu machen, dass er nicht richtig zuhörte. Dann tauchte Sie auf und sein Tischnachbar verlor endgültig seine Aufmerksamkeit. Sie gesellte sich zu zwei älteren Frauen an einem anderen Tisch. Das war die Gelegenheit. Er wandte sich dem Bauern neben ihm zu. „Mach' dir nichts draus, ich hab' noch etwas anderes vor." Der Graf klopfte ihm kurz auf die Schulter und ließ den Mann einfach stehen. Toma sah ihm mit leicht geöffnetem Mund nach, erwiderte aber nichts mehr. „N'abend. Ich hoffe, ich störe nicht", sagte der Graf freundlich zu den versammelten Frauen am Tisch, an dem auch Nadeschda saß. Die älteren Frauen sahen ihn misstrauisch an. „Das ist der Neue, der, von dem Toma erzählt hat", bemerkte eine der beiden, die in ein unförmiges, graues Umschlagtuch gewickelt war. Die andere nickte zustimmend und machte dabei ein eher griesgrämiges Gesicht. Nadeschda rollte unauffällig mit den Augen. „Natürlich ist er das. Das habt ihr in den letzten paar Minuten schon mehrfach bemerkt", warf die junge Frau ein. Dann wandte sie sich Victor mit einem schmalen Lächeln zu. „Guten Abend. Du bist willkommen hier, wo immer du auch hergekommen sein magst. Der Tisch ist in jedem Fall groß genug. Setz' dich doch!", forderte sie ihn auf. „Nadeschda!" zischte die andere der beiden Älteren empört mit gesenkter Stimme. „Was denn?", entgegnete die junge Frau sehr leise. „Stimmt es etwa nicht? Und er sieht nicht so aus, als wäre er ein Dämon oder Unhold." „Du solltest besser vorsichtig sein, Mädchen. Was weißt du schon über ihn?",die alte Frau, die neben Nadeschda saß mochte tuscheln, aber der Tonfall war deswegen nicht weniger hart. Ihr versuch nicht unhöflich zu sein war ohnehin vergeudet. ER hörte auch so jedes Wort. „Nun, wenn niemand mit ihm spricht, wird auch niemand je mehr über ihn wissen, nicht wahr?", erwiderte sie altklug. „Oder soll er Jahre lang am Rande der Gesellschaft leben, weil keiner wagt, mit ihm zu reden, da er neu in der Gegend ist?" Die Frau mit dem grauen Umschlagtuch schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Wirklich, Kind, du weißt in der Tat nicht, was gut für dich ist. Ich habe es ja schon immer gesagt", fuhr sie empört auf. Sie gab ihrer Begleiterin einen Wink und beide standen auf, um sich mehrere Tische weiter weg niederzulassen. Während sie an Nadeschda und dem Mann vorübergingen, warfen die Frauen den beiden Zurückgebliebenen missbilligende Blicke zu. „Ich hoffe, du bekommst wegen mir keinen Ärger", meinte der Graf schließlich. Sie winkte ab. „Ach was, Oana sieht böse Omen überall. Ich kann es einfach nicht mehr hören." Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Du bist neu hier und sie mögen alles Neue hier nicht so gerne", erklärte sie. Er schenkte ihr den Anflug eines Lächelns. „Und du nicht?", wollte er wissen. „Nein, ich nicht. Ich kann dieselben, immer gleichen Geschichten und Gespräche nicht mehr hören. Sie langweilen mich!" Sie seufzte und senkte den Blick. Er begann zu verstehen, warum die Kerle hier im Dorf sich nicht für sie erwärmen konnten. Sie war unkonventionell. Das gefiel ihm. „Verständlich, es ist auch ermüdend, wenn die Leute immer und immer wieder die ewig gleichen Geschichten aufwärmen", stimmte er zu. Damit hatte er ihr Interesse gewonnen, er sah es daran, wie ihre Augen bei seinen Worten plötzlich aufleuchteten. „Geht es dir auch so?", fragte sie ihn erwartungsvoll. Er nickte und ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen, während er sie belustigt ansah. „Wem nicht?", fragte er. Sie lachte kurz auf. „Den meisten Leuten hier, wie du feststellen wirst, wenn du länger hier bleibst. Mein Vater sagt, dass zeige nur, dass sie vernünftig wären und ihren Platz kennen." Sie schnaubte verächtlich. „Ich würde eher sagen, es zeigt, sie kennen nichts anderes", entfuhr es dem Grafen, ehe er seine Worte bedacht hatte. Im nächsten Moment bereut er es auch schon. Wenn er nicht acht gab, würde er sich verraten. „Du bist auch anders", sagte sie bestimmt mit einem abschätzigen Seitenblick. „Und du bist gewiss kein Bauer oder etwas ähnliches. Du heißt Vitja, nicht wahr? Das hat zumindest Toma herum erzählt. Woher kommst du?", verlangte sie zu erfahren. Victor zuckte unangenehm berührt die Schultern. Die Wahrheit konnte er ihr nicht erzählen. „Ich hatte eine gute Stellung, dann aber Pech gehabt. Das ist alles. Aber nichts ist mehr wie zuvor, sobald man in eine andere Welt blickt", erwiderte er ausweichend. Sie nickte zustimmend. Die knappe Antwort schien ihr zu genügen, zumindest vorerst. „Ich wollte, sie würden das verstehen", seufzte sie ärgerlich. Jetzt betrachtete Victor sie mit einem forschenden Blick. „Ich hörte, du liest. Ist es das, was dich anders macht?" „Sie haben dich vor mir gewarnt, nicht wahr?" Sie sah ihn etwas gekränkt an. Er zuckte wieder mit den Schultern. „Vielleicht haben sie das. Aber ihr Gerede ist mir gleich. Ich mache mir gerne selbst ein Bild." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu, „Und... ist es nun wahr oder nicht?" „Und wenn es so wäre?" Sie klang fast ein wenig trotzig. „Nun, ich mag nicht danach aussehen, aber …" Er senkte verschwörerisch die Stimme, ehe er leise und ihr dabei direkt in die Augen sehend fortfuhr, „…Ich mag Bücher." „Du kannst lesen?", entfuhr es ihr lauter als sie beabsichtigt hatte und schnell schlug sie die Hände vor Überraschung vor den Mund. Doch sie beruhigte sich schnell wieder, als sie um sich schaute und feststellte, dass keiner der um sie herum sitzenden Dörfler sonderliches Interesse an ihrem Gespräch mit dem Neuen zeigte. Nun wandte Nadeschda ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Gegenüber zu. Seine Antwort war ein Lächeln und ein Nicken. Sie senkte ihre Stimme, bevor sie weitersprach. „Und es stört dich nicht, wenn eine Frau lesen kann?" Erneut schüttelte Victor den Kopf. „Nein. Warum sollte es?" Sie sah ihn verwundert an. „Weil Männer es normalerweise nicht gutheißen", erwiderte sie leidenschaftlich. „Ich denke, sie fürchten, dass Klugheit ungehorsam macht." Je mehr sie sprach, desto mehr ereiferte sie sich und er erkannte, dass es ein Thema war, das ihr sehr viel Verdruss bereitete. „Es ist ihnen lieber, wir müssen alles glauben, was sie erzählen, wenn der Tag lang ist. Dabei sind die meisten so tumb!" Sie warf ihm einen vorsichtigen Seitenblick zu. „Zumindest die meisten die ich kenne", fügte sie dann hinzu und deutete an, dass sie ihn einstweilen nicht zu der von ihr genannten Gruppe mit einschloss. Ihr Lohn war ein erheitertes, fast spitzbübisches Lächeln. „Oh, ich zweifle nicht daran, dass es bei den meisten Kerlen hier auch so ist," antwortete er ernst und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Aber mach dir keine Sorgen", fuhr er dann in beruhigendem Ton fort. „Der Gedanke eine Frau könnte mehr wissen als ich, erschreckt mich nicht. Im Gegenteil. Wenn ich jemanden überzeugen möchte etwas zu tun, setzte ich im auf gute Argumente." Ihre leuchtenden Augen, die verrieten dass sie glaubte eine seltene Rarität unter Menschen gefunden zu haben entlockten ihm ein weiteres Lächeln.

„Was liest du?", fragte er dann, um ihr Gespräch wieder auf das Thema zurückzulenken. „Magst du lieber Geschichten, oder versuchst du Neues zu erlernen?", fragte er wissbegierig. „Geschichten. Aber meine Auswahl ist natürlich begrenzt. Ich muss mich an die Bücher halten, die mein Vater sein Eigen nennt. Er wird keine neuen Bücher hinzufügen, nur weil ich gerne Geschichten lese." Sie lachte leise auf und senkte verlegen den Blick. „Aber er hat einiges über die Sagen des Altertums. Er mag es aber nicht, wenn er mich damit erwischt. Ich darf zwar lesen, wenn ich meine Arbeit gemacht habe, aber er hält es für pure Zeitverschwendung." Graf von Krolock machten ihre Worte stutzig. „Wenn er Lesen für Zeitverschwendung hält, wieso hat er dann zugestimmt, dass du es lernst?" Jetzt hob sie unangenehm berührt die Schultern. „Es... hat mit meiner Mutter zu tun", erwiderte sie zögernd. „Ihre Familie stammte aus besseren Verhältnissen als seine. Sie hat immer gehofft, dass ich meine Lage verbessern könnte, wenn…" Sie brach ab. Nach einer kleinen Pause sprach sie leise weiter. „Die Ehe mit meinem Vater war das Beste, was sie damals für sie arrangieren konnten und sie hat gehofft, dass…" Wieder zuckte sie mit den Schultern und verfolgte den begonnenen Gesprächsfaden nicht weiter. Stattdessen sagte sie, „Aber Vater wird es nicht sehr weit bringen. Er reibt sich an allem und jedem. So sind wir ja auch hier gelandet. Nachdem meine Mutter vor ein paar Jahren gestorben war, wurde er noch zänkischer. Außerdem komme ich auch nicht nach ihr. Das bekomme ich sehr oft zu hören. Mein Vater meint, er kann von Glück sagen, wenn er eine halbwegs passable Ehe für mich arrangieren kann, so, wie ich aussehe. Wenn er nicht streitlustig wäre, könnte er besser dafür sorgen, dass ich nicht alleine vor die Türe komme, aber da er es sich auch hier mit beinahe jedem schon verdorben hat, muss es ihm genügen, dass mich die alten Klatschweiber im Auge behalten, solange ich hier draußen bin. Er fragt sie dann regelmäßig aus, ob ich mich an seine Vorschriften gehalten habe. Da er ihr Pastor ist, müssen sie ihm Antwort geben…." Sie brach beschämt ab und er konnte sehen, dass sie selbst nicht genau begriff, warum sie ihm so viel erzählt hatte. Es war einfach aus ihr herausgesprudelt, wie ein Bergquell. „Und es macht es nicht besser, dass du lesen kannst?", fragte er sanft. Sie nickte traurig. Victor stellte seinen leeren Krug ab und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Nun, ich mochte meinen Vater auch nie", gestand er lebhaft. „Zu rechthaberisch und streng. Nie etwas gut genug und seine eigenen Manieren waren…" Er schnaubte verächtlich. „Naja, je weniger darüber gesagt wird, desto besser, fürchte ich." „Oh, dass tut mir leid." Ihre Stimme klang tatsächlich so, als würde sie Anteil nehmen. „Das ist alles lange her und jetzt nicht mehr von Belang", entgegnete er gleichmütig. „Ich bin sehr froh, dich kennenzulernen. Es tut gut jemanden zu treffen, der nicht direkt urteilt und mit dem man sich unterhalten kann." Sie errötete ein wenig.

Dieser Satz machte ihn hellhörig. Hatte sie ihm gerade gesagt, dass sie ihn mochte? „Danke für das Kompliment. Ich bin ebenfalls sehr erfreut jemanden, wie dich zu treffen, Nadeschda." Wieder schenkte er ihr ein Lächeln. Sie wirkte erstaunt. „Du hast dir meinen Namen gemerkt?" „Natürlich. Wenn ich mit jemandem spreche, höre ich zu." Sie seufzte und senkte den Kopf. „Sie haben dich sicher schon vor mir gewarnt", murmelte sie leise, mit ernüchtertem Tonfall. „Das ist unwichtig. Ich kann für mich selbst denken. Ihre Meinung von dir ist nicht meine. Dennoch solltest du etwas wissen. Dein Vater wird es wohl kaum mit Wohlwollen sehen, dass du mit mir Umgang pflegst. Es gibt nicht viel, das für mich spricht." Sie hob den Kopf und sah ihn direkt an. „Und wenn mir das egal wäre?" Er hob leicht eine Augenbraue und erwiderte ernst ihren Blick. „Das sollte es nicht. Er ist das Oberhaupt deiner Familie. Du solltest vorsichtig sein." Er wurde sich plötzlich bewusst, dass viele Blicke auf ihnen ruhten. Wenn er nicht wollte, dass es Gerede gab, sollte er besser bald gehen und dafür sorgen, dass er nicht in ihrer Nähe bemerkt wurde, wenn er das nächste Mal hierher kam. Aber nach ihrem Gespräch war er sich über eines absolut sicher: er wollte sie wiedersehen. Etwas an ihr zog ihn magisch an und es war nicht mehr die rein körperliche Anziehungskraft. Sie erschien ihm, wie eine verwandte Seele. „Sie gaffen schon", murmelte er halblaut und tat so als nähme er einen Schluck aus seinem leeren Krug. „Höre, ich werde in den nächsten Tagen keine Gelegenheit haben, hierherzukommen. Wenn doch, wird es schon dunkel sein. Solltest du dennoch hin und wieder gerne mit jemand reden wollen, der nicht nur dieselben Geschichten zu erzählen hat…" Er zog eine Schulter ein wenig hoch. „Nun, dann könnte es eine Möglichkeit geben. Interessiert?" Sie sah sich vorsichtig um und nickte dann kurz. „Ich weiß welches das Pfarrhaus ist", flüsterte er so leise, dass nur sie es hören konnte. „Stelle einfach einen Strauß weiße Blumen außen auf deine Fensterbank. Wenn ich das nächste Mal im Ort bin, werde ich kleine Steine gegen die Glasscheibe werfen. Danach ist es deine Entscheidung, ob du mit mir sprechen möchtest, oder nicht. So oder so, ich werde es akzeptieren." Sie nickte erneut. „Nun...", meinte er bewusst laut genug, dass auch die anderen um ihn her es hören konnten. „Ich verstehe. Aber Bücher, nein! Das passt nicht zu jemandem wie mir. Ich danke dir trotzdem für deine Freundlichkeit." Mit einem abweisenden Gesichtsausdruck wandte er sich zum Gehen. Dabei warf er ihr vorsichtig einen Blick zu und hob leicht eine Braue. Sie nickte kaum merklich, und er wusste, dass sie begriffen hatte. Er sah sich suchend nach Toma um und ging nun bewusst an dem Mann vorbei. Dabei ließ er seine Hand schwer auf die Schulter des Bauern fallen. Als er sicher war, dessen Aufmerksamkeit zu haben, brummte er laut: „Hattest recht mit dem Weib. Hätte gleich auf dich hören sollen." Dann wandte er sich ab und verschwand alsbald zwischen den Häusern.

In den nächsten beiden Tagen hatte der Graf sich ferngehalten. Obwohl es für ihn genug zu tun gab, war ihm die Zeit lang geworden. Am dritten Tag wartete er gerade genug ab, um Banel zu empfangen und das Notwendige mit ihm zu klären. Aber kaum, dass er seinen Handlanger für den Abend entlassen hatte, verließ der Graf das Schloss. Auch dieses Mal nahm Victor sich die Zeit, zuerst in seine Verkleidung zu schlüpfen, ehe er sich auf den Weg zum Dorf machte. Heute betrat er es erst nachdem es dunkel geworden war. Er näherte sich dem Pfarrhaus von seiner Rückseite. Für einen Moment war er unsicher, ob sie sich tatsächlich auf dieses gefährliche Spiel einlassen würde. Er war sich dessen bewusst, dass sie ein viel größeres Risiko einging als er selbst. Doch kaum, dass Victor in Sichtweite des Pfarrhauses kam, erkannte er bereits den kleinen Strauß aus Gänseblümchen, der in einem Schnapsglas auf der Fensterbank ihres auf der stand. Zu klein, als dass es die meisten beachtet hätten, und ohnehin auf der Fensterbank ihrer auf der rückwärtigen Seite des Erdgeschosses gelegenen Kammer verborgen. Doch ihm entlockte es ein Lächeln und ließ sein Herz erwartungsvoll schneller schlagen. Geräuschlos überwand er die hölzerne Konstruktion, die das zum Pfarrhaus gehörende Areal eingrenzte und näherte sich vorsichtig ihrem Fenster. Schon auf dem Weg ins Tal hatte er kleine Kiesel gesammelt, die jetzt in der Tasche der abgetragenen Weste ruhten. Vorsichtig warf er den ersten kleinen Stein. Er wartete kurz ab. Danach folgten in geringem Abstand weitere. Dann wartete er einige Herzschläge lang. Es folgten ein paar weitere Kieselsteine.

Ein schwerer Vorhang bewegte sich und wurde beiseitegeschoben. Es blieb dunkel im Zimmer, aber das Fenster wurde geöffnet. Dann hörte er ihre Stimme. „Vitja? Bist du das?", fragte sie leise. Bedacht darauf, dass sie ihn hören konnte trat er ans Fenster. „Sei bitte leise", gemahnte er sie streng, um sanfter hinzuzufügen:„ Aber ja, ich bin hier." Sie schenkte ihm ein zittriges Lächeln, das ihm nur allzu deutlich sagte, dass auch sie nicht sicher gewesen war, ob ihr seltsamer neuer Freund sich an die geheime Abmachung halten würde. „Ich kam mir so närrisch vor, in den vergangenen Tagen. Ich war mir nicht sicher, ob du Wort halten würdest." „Wieso sollte ich dir so etwas vorschlagen, nur um dich hier vergebens warten zu lassen?" „Ich hatte schon begonnen mich zu fragen, ob sich nicht irgendjemand mit mir einen schlechten Scherz erlaubt." Wieder klang ihre Stimme bange, und das unsichere Lächeln war noch immer da. „Warum? Weil ich erst heute gekommen bin?" „Ich weiß, es ist töricht." Sie senkte beschämt den Kopf. „Nein, ist es nicht. Wenn doch, so wären wir beide in passender Gesellschaft." Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Ich konnte ebenso wenig wissen, ob ich nicht umsonst hierherkomme. Du hättest einen triftigen Grund gehabt, es dir anders zu überlegen." Sie atmete einmal tief durch und nickte zustimmend. Sie schien sich ein wenig zu beruhigen. Dann sah sie ihn plötzlich sehr ernst an. „Du sagtest, es spräche nicht viel für dich, was hast du damit gemeint?" Ihre Augen wanderten über sein vom Mondlicht erhelltes Gesicht und dem offenen Haar, das unter dem Umhang verschwand. Die Geste zeigte ohne Worte, dass sie die Meinung nicht teilte und ihr gefiel, was sie sah. Victor schenkte ihr den Anflug eines Lächelns und hob eine Braue. „Merke dir, gutes Aussehen mag nicht schaden. Aber es gibt so viel anderes, das mehr zählt!" Sie errötete zwar ein wenig, sah ihn aber dennoch ernst an. „Das ist keine Antwort, Vitja", beharrte sie ruhig. Der Graf verzog das Gesicht. „Victor, mein Name ist Victor. Ich mag die Abkürzung eigentlich gar nicht." „Aber du hast dich so vorgestellt", sagte sie vorwurfsvoll und sah ihn stirnrunzelnd an. „Ein zu großer Name für diese Gegend, fürchtete ich", antwortete er ausweichend. „Wie kommst du darauf?", fragte sie überrascht. Verlegen lockerte er seine Schultern, ehe er antwortete. „Gibt es nicht einen hier recht bekannten Träger dieses Namens? Mit ihm sollte ich besser nicht konkurrieren." Er sah ihren vollkommen ahnungslosen Blick und schalt sich selbst einen Narren. In seiner Vorsicht hatte er offensichtlich den Wissensstand seiner gewöhnlichen Untertanen überschätzt. Für sie war er nur „Graf von Krolock." Der Rest war den meisten wohl nicht so geläufig, wie er es angenommen hatte. Aber jetzt war es zu spät. Er seufzte tief, ehe er schließlich antwortete. „Seine Exzellenz trägt ebenfalls diesen Namen…soviel ich weiß." Er räusperte sich umständlich, um sein Unwohlsein zu vertuschen. „Tatsächlich? Deshalb würde ich mir an deiner Stelle keine Gedanken machen. Der Graf ist weit weg. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand hier das weiß." Sie sah ihn von der Seite an. „Erzähl mir mehr von dir. Du wirkst unnahbar und geheimnisvoll. Ich weiß fast nichts über dich, außer deinem Namen und deinem Interesse für Bücher." Er hatte es befürchtet, doch für den Moment konnte er ihr nicht die reine Wahrheit sagen. „Das ist ein wenig schwierig, fürchte ich. Es würde zu seltsam klingen, wenn ich es erzählte", versuchte er auszuweichen. „Du sagtest, du hättest eine gute Stellung gehabt?" fragte sie mit sanfter Stimme. „Das ist richtig." „Was ist passiert?" Sie klang vorsichtig und er blickte ihr in die Augen und nickte beifällig. Sie war trotz des Risikos, das sie bereit war einzugehen, auf eine eigenwillige Art doch auch vorsichtig. Er konnte es ihr nicht verübeln. „Nun, was zuweilen manchmal geschieht...", antwortete er nicht ohne einen Hauch Bitterkeit in der Stimme und senkte, ihrem Blick ausweichend, den Kopf. „Du tust deine Pflicht und führst etwas, das du für ein ehrliches Leben hältst. Dann gibt es da jemand, dem du ein Dorn im Auge bist und der sorgt dann dafür, dass du strauchelst und fällst. Ein Fallstrick, den du dir gedankenlos selbst geschaffen hast. Danach ist nichts mehr, wie es einmal war." Er hob den Kopf und sah sie direkt an, ehe er weitersprach. „Ich habe mich nicht entehrt oder dergleichen. Aber an mir haftet ein Makel. Torheit ist keine Entschuldigung, Nadeschda. Merke es dir gut!" „Das ist alles sehr vage, Victor." „Ja, das ist es", stimmte er ihr sanft zu. „Aber für den Moment muss es genügen. Ich gebe dir mein Wort darauf, dass ich es dir deutlicher erzählen werde. Aber dazu sollten wir uns erst ein wenig besser kennenlernen. Ich habe nicht vor, deine Ehre zu beflecken. Deshalb treffen wir uns auf diese Weise. Kein Gerede, keine schlimmen Folgen für dich. Wenn du mich nicht mehr sehen möchtest, sobald du mein Geheimnis kennst, werde ich das akzeptieren. Ich werde aus deinem Leben verschwinden, als wären wir uns nie begegnet. Auch ich wünsche mir, nicht gleich beurteilt zu werden. Ich denke, gerade du solltest das verstehen." Sie nickte zustimmend. „Gut. Dennoch ist es besser, wenn du eines weißt, ich gehöre nicht dem gleichen Stand an, wie du. Ich werde es ohnehin nicht vor dir verbergen können. Ich habe dich gern. Aber du musst nicht fürchten, dass ich dich verführe und dann deinem Schicksal überlasse. Ich bin nicht mehr jung, aber ich glaube, wir sind einander ähnlich. Das ist es, worauf du dich einlassen würdest und ich denke du solltest das wissen." Sie sah ihn überrascht an. „Das ist richtig. Aber woher…" Er schnaubte belustigt. „Das ist nicht schwer zu verstehen. Jede vernünftige junge Frau sollte sich darüber Klarheit verschaffen. Das gebietet schon allein die Vorsicht." „Du bist wirklich ungewöhnlich." Sie lächelte. „Ich versuche redlich zu sein. Ich sollte ohnehin nicht jeden Abend kommen. Es erhöht die Gefahr, dass ich vor deinem Fenster gesehen werde. Du würdest die Konsequenzen ertragen müssen, lange bevor ich davon weiß. Dein Risiko ist größer als jenes, das ich selbst eingehe. Wir kennen uns kaum. Es ist also dein gutes Recht meine Absichten zu hinterfragen." Sie begann zu lachen, erstickte es aber rasch hinter ihrer Hand. „Was denn?", fragte er verwirrt. „Ich glaube, niemand hier im Dorf würde auch nur annähernd dasselbe denken. Sie würden behaupten, ich kann froh sein, wenn überhaupt jemand den Mut hat, Interesse an mir zu zeigen. Seine Absichten würden dabei wahrscheinlich keine Rolle spielen, solange es mein Vater es erreicht, mich endlich unter die Haube zu bringen." „Wieso sprichst du so abfällig von dir selbst? Das hast du weder verdient noch nötig." Sie schenkte ihm ein nachsichtiges, fast vorwurfsvolles Lächeln. „Du hast ganz eindeutig keine Ahnung, wie es hier zugeht. Das bestätigt wohl deine Behauptungen. Aber Danke für das Kompliment." Während er noch nach den rechten Worten suchte war sie bereits einen Schritt weiter. „Deine eigene Geschichte ist zu kompliziert, sagst du, dann erzähl mir etwas anderes über dich. Du hattest mich gefragt was ich gerne lese. Welche Bücher magst du?"

Und so, mit der Hilfe einer geteilten Leidenschaft, glitten sie allmählich tiefer in diese seltsame, neue Bekanntschaft. Sie redete über Bücher, was sie daran mochten, über die Vorzüge von bestimmten Geschichten, bestimmten Helden und Schurken, die darin vorkamen. Sie fragte ihn über Werke aus, die er gelesen hatte und die sie selbst nicht kannte. Er fand in ihr ein begeistertes Publikum. Sie hörte aufmerksam zu und stellte an den richtigen Stellen viele scharfsinnige und kritische Fragen. Bald fing er in Absprache mit ihr an, später zu kommen, um die Gefahr der Entdeckung möglichst kleinzuhalten. Er klopfte dann so lange leise an ihr Fenster, bis sie aufgewacht war. Jeden Abend begrüßte sie ihn mit der gleichen Freude. Es machte ihn traurig, dass sie offensichtlich noch immer niemanden aus ihrer Welt getroffen hatte, der sie genauso zu schätzen wusste, wie er selbst. Allmählich begann sie, ihm mehr über sich zu erzählen. Davon, dass ihr strenger Vater kaum einmal mit ihr zufrieden war. Dass er kein gutes Haar an gleich welcher ihrer täglichen Arbeiten ließ, egal wieviel Mühe sie sich gab. „Der Einzige, von dem ich glaube, dass er mich mag, ganz genauso, wie ich bin, bist du", beichtete sie ihm eines Abends. „Ganz gleich, wann und an wen Vater mich verheiraten wird, er wird mich nie so gern haben, wie du." Sie sah ihn unverwandt an. Wäre er noch ein Mensch, dies wäre die perfekte Gelegenheit für eine ganz eindeutige Frage. Victor wusste, er konnte jetzt weder ausweichen, noch es ignorieren. „Ich wünschte, es gäbe eine einfache Lösung, Nadeschda. Aber die gibt es nicht. Wenn ich deinen Vater fragen würde, wäre ich ein Fremder. Selbst wenn ich ihm offenbaren würde, wer ich bin, es würde nichts besser machen. Im Gegenteil. Kein Vater auf dieser Welt würde mich akzeptieren. Mehr noch, er hätte Recht." „Was meinst du? Was soll das heißen?" Victor senkte den Kopf und atmete tief durch. Wochen lang hatte er es geschafft, diesen Moment zu umgehen. Jetzt war es ihr gelungen, ihn an den Punkt zu bringen, an dem ihm keine Wahl mehr blieb als ihr die Wahrheit zu sagen. Für alles andere würde sie sich ganz zu Recht von ihm abwenden. Dennoch würde ihre Zeit miteinander vorbei sein, sobald sie es wusste. Aber er hatte keine Wahl. Er hob den Kopf und sah sie bekümmert an. „Ich bin nicht dein Ritter in strahlender Rüstung. Vielleicht bin ich noch schlimmer als dein Vater. Er verbirgt zumindest nicht was er ist. Vermutlich wirst du mich nach heute Nacht nicht wiedersehen wollen. Aber ich werde mein Wort halten. Ich werde nicht wiederkommen, wenn du es nicht wünschst." Er schluckte schwer, ehe er weitersprach. In ihrem Gesicht konnte er sehen, dass sie sich vor dem fürchtete, was er als nächstes sagen würde. „Du kennst die alten Geschichten über die Wesen der Finsternis, die sich des Nachts aus ihren Gräbern erheben?" Sie nickte stumm. „Nun, sie sind wahr. Ich bin kein Mensch, Nadeschda. Es gibt uns wirklich. Mein voller Name ist Victor von Krolock und ich bin kein Mensch mehr seit über 100 Jahren." Er schenkte ihr ein trauriges Lächeln, das ganz bewusst seine langen Fangzähne enthüllte. „Das ist der Grund, warum du mich noch nie bei Tag gesehen hast. Der Weg ist weit, das ist nicht gelogen. Aber das war nie ein Hindernis. Ich bin gefangen in der Dunkelheit. Ich muss töten, um zu überleben. Für dich bin ich eine noch größere Gefahr als jeder dieser ungehobelten Kerle hier, aber auf keinen Fall ein Ausweg." Er schloss mit einem tiefen Seufzen die Augen und senkte den Kopf. „Jetzt sag mir, dass du mich nie wiederzusehen wünschst, denn ich habe es verdient." „Wer spricht jetzt abfällig von sich selbst?", drang ihre sanfte Stimme an sein Ohr. Victor hob ungläubig den Kopf. „Hast du nicht gehört was ich gesagt habe? Ich bin ein Vampir! Diese Alte, die ständig nur böse Omen sieht, sie hatte Recht." „Nein, hatte sie nicht. Du hast mir nie wehgetan. Und du hast auch nie versucht mich in den nächstbesten Heuschober zu locken. Du warst ehrlich und treu." „Eine halbe Wahrheit ist auch eine Lüge." „Du warst ehrlich soweit du es konntest. Ich wusste immer, dass du ein Geheimnis haben musst. Hätte mich das erschreckt, dann hätten wir uns nach dieser ersten Nacht nie wiedergesehen." Er sah sie ungläubig an und schüttelte entsetzt den Kopf. „Du bist verrückt!" flüsterte er. Sie lächelte ihn an und zuckte mit den Schultern. „Nun ja, das ist für dich doch nicht wirklich neu, oder? Das haben sie dir doch sicherlich gleich am ersten Abend über mich erzählt?" Ihr Tonfall war so trocken, dass sie beide lachen mussten. Sein Lächeln verschwand nicht, als er begriff, dass das Unmögliche passiert war. Sie kannte die Wahrheit, und sie akzeptierte ihn.

Von diesem Zeitpunkt an, hörte der Graf auf, sich zu verkleiden und zu verschleiern was er war. Es hatte etwas seltsam befreiendes, dass es ein menschliches Wesen gab, das ihn als das sah, was er tatsächlich war. Er begann ihr von den Schwierigkeiten zu erzählen, die sein Alltag mit sich brachte. „Ich kenne keinen anderen sterblichen Menschen wie dich", stellte er immer wieder bewundernd fest. Ihr strahlendes Lächeln daraufhin blieb stets das gleiche. Er fand keine Antwort auf die Frage ‚Ist sie Elisabeth oder nicht?' Ihm wurde klar, dass die Antwort schon lange keine Rolle mehr spielte. Er wollte sie nicht mehr missen. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, wie sein Leben ohne sie darin weitergehen sollte. Dennoch wusste Victor von Krolock ganz genau, dass es töricht wäre zu hoffen, dass sie jemals mehr haben konnten, als dass, was sie jetzt miteinander teilten. Sie würde irgendwann ein eigenes Leben beginnen, mit einem sterblichen Mann und die Zeit mit ihm hinter sich lassen. Wenn gleich dieser Gedanke noch so sehr schmerzte, wusste er doch, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es geschah und dass er es besser zulassen sollte, wenn er sie wirklich aufrichtig liebte. Sie würden nie mehr sein als zwei Liebende, dazu verdammt, nie zusammen zu sein. Manchmal in der Nacht sagte er sich, er sollte sie besser jetzt gleich gehen lassen, es beenden, bevor es ihnen beiden noch schwerer fiel und er sie vollkommen für die sterbliche Welt verdarb. Victor wusste, jede weitere Nacht brachte sie näher an den Punkt, von dem es keine Rückkehr mehr gab. Trotzdem war er unfähig, sich von ihr abzuwenden oder sie gehen zu lassen. Die Anzahl der Nächte, in der sie sich sahen, war größer als jene, in denen er nicht zu ihrem Fenster kam. Er ahnte, dass sie sich mehr wünschte als den artigen Handkuss zur Begrüßung und zum Abschied, der sein einziges Zugeständnis an sie war. Er missachtete es bewusst, viel zu deutlich warnten ihn der stetige Schlag ihres Herzens und der allzu deutliche Geruch ihres Blutes. Vielleicht würde es Nadeschda eines Nachts dazu bewegen, diese fatale Verbindung zwischen ihnen zu beenden, wenn sie glaubte, sein Interesse an ihr sei nicht groß genug. Wenn sie glaubte, er würde sie nicht anziehend genug finden.

Er hatte nichts geahnt, als er an diesem Abend zu ihr kam. Die Zeit der großen Andachten im Mai war vorüber. Es war wieder einmal nicht gar so spät, da sie nicht mit Nachbarn rechnen mussten, die sich lange über ihren frommen Übungen aufgehalten hatten. Es war eine warme Nacht im Frühling, angenehm lau und mild, nachdem dieses Frühjahr kalt und feucht gewesen war. Als er an ihr Fenster trat, sah er, dass es offen stand. Der schwere Vorhang bewegte sich im Wind, zwischen den Falten hindurch schimmerte Licht. Direkt wurde er vorsichtig und fragte sich, ob er besser in den Schatten zurückweichen sollte. War etwas geschehen? War es soweit und sie hatte anderen Besuch als ihn? Sollte ich besser wieder gehen?, fragte er sich. Er lauschte vorsichtig in die Stille. Graf von Krolock erkannte ihren Herzschlag und die vertrauten Atemzüge. Sie schien zu schlafen und sie war allein. Was sollte dann das offene Fenster? Sie ließ es sonst niemals offen stehen, wenn sie sich schlafen legte. Unentschlossen stand er vor den offenen Fensterflügeln. War das ihre Idee einer Einladung? Er schüttelte ungläubig den Kopf. Selbst, wenn das ihr Gedanke gewesen sein mochte, gebot jede Regel des Anstands, dass sie ihre ausdrückliche Zustimmung geben musste, bevor ein Mann, der etwas auf seine Ehre hielt, auch nur über ihre Schwelle treten durfte. Schon vor Jahrzehnten hatte er herausgefunden, dass die Legende darüber, dass Vampire nur durch eine Einladung ein Gebäude betreten konnten, keinen Funken Wahrheit enthielt. Was Victor wie angewurzelt auf dieser Seite des Fensters hielt, waren seine eigenen Moralvorstellungen, an die er sich noch immer klammerte. Es half alles nichts. „Nadeschda! Ich bin hier, wach auf." Der leise Ruf schien ihm in der nächtlichen Stille sehr laut. Er wartete einige Herzschläge lang. Alles blieb ruhig. Wieder rief er leise ihren Namen. Es schien endlos lange zu dauern, aber schließlich hörte er, wie sie sich aufrichtete. „Bist du wach?" Wollte er leise wissen „Victor? Bist du es?", fragte sie gedämpft, ihre Stimme klang schläfrig. „Wer sollte es um diese Zeit wohl sonst sein?" „Wieso bist du draußen?" Sie klang fast ein wenig enttäuscht. „Was soll das heißen?", entgegnete er irritiert. „Selbstverständlich bin ich hier draußen. Erkläre mir lieber, wieso du bei geöffnetem Fenster schläfst? Immerhin weißt du, dass die alten Geschichten nicht wahr sind. Kein Vampir muss auf eine Einladung warten, um ein Haus zu betreten. Und ich bin weiß Gott nicht der Einzige von uns, den es in dieser Grafschaft gibt." Die nervöse Anspannung war deutlich zu hören. „Wieso bist du dann noch immer draußen?", wollte sie wissen. „Wie bitte?" Er konnte kaum glauben was er da hörte. „Wieso bist du noch immer draußen und nicht hier? Das Fenster war eine Einladung. Ich dachte, du würdest es verstehen." Sie klang nun enttäuscht. „Nadeschda, ich bitte dich! Es gibt gewisse Dinge, die sich nicht gehören. Ein Mann überschreitet die Türschwelle einer Dame nicht ohne ausdrückliche Einladung", versuchte er sich zu rechtfertigen, ein wenig ungeduldig, weil er ihr erklären musste, was sie selbst ganz genau wissen sollte.

Sie trat im Nachthemd neben den Tisch vor ihrem Fenster. „Würdest du es denn tun?" Ihre Stimme zitterte ein wenig. „Was?" Victor hatte die Frage nicht erwartet. Auch nicht, dass sie nur in ihrem Nachthemd ans Fenster kommen würde. Sie hatte stets ihr Kleid getragen, wenn er zuvor bei ihr gewesen war. Was war los mit ihr? „Würdest du bitte hereinkommen, wenn ich dich einlade?" Sein Herz begann höher zu schlagen. Er konnte nicht verleugnen, dass ihre Beharrlichkeit ihn berührte. Der Gedanke war verlockend und er wusste er sollte die Einladung nicht annehmen, wenn sie sie tatsächlich aussprechen sollte. „Warum solltest du das tun?", entgegnete er ausweichend. „Du weißt ganz genau, du bist viel sicherer, wenn ich auf meiner Seite deines Fensters bleibe." „Weil ich möchte, dass du hereinkommst", bat sie leise. Der Graf seufzte und schloss für einen Moment die Augen. Ihm wurde klar, dass er auf verlorenem Posten kämpfte. Sie würde sich nicht von ihrem Wunsch abbringen lassen und im tiefsten Grund seines Herzens wollte er es selbst ebenso, wie sie. Er konnte ihrer Bitte nicht widerstehen. „Wenn du darauf bestehst", murmelte er. „Das tue ich", entgegnete sie bestimmt. „Das habe ich befürchtet. Tritt zur Seite." Sie gehorchte. Victor sah sich kurz um und lauschte in die Nacht. Nichts rührte sich in der Nähe. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Mit fließenden Bewegungen zog er sich auf ihr Fensterbrett, glitt über die Schwelle und landete geräuschlos, wie eine Katze auf den Füßen. Es war das erste Mal, dass er mehr sehen konnte als den Tisch und die Tür nicht weit dahinter. Das Zimmer war klein und äußerst bescheiden eingerichtet. An der Stirnseite zu seiner Linken stand ihr Bett, eine Truhe an dessen Fußende. Eine kleine Kommode war gegenüber in den Winkel gequetscht worden. Nicht weit entfernt davon stand ihr kleiner Tisch mit einem einzelnen, Stuhl. Darauf ein Buch das er mit einem schnellen Seitenblick als eine arg mitgenommene Kopie von Homers Ilias erkannte. Seine Augen richteten sich auf Nadeschda und er dachte, dass auch sie selbst ebenso stiefmütterlich bedacht worden war, wie dieses winzige Zimmer. Sie stand vor ihm in einem hochgeschlossenen Nachthemd aus grobem Leinen, das weder durch seinen Schnitt noch durch irgendwelche schmückenden Elemente Zugeständnisse an ihre Jugend machte. Es hätte ebenso einer alten Matrone gehören können, wie einer jungen Frau. Er war sich plötzlich sehr bewusst, dass er, obgleich für seine Verhältnisse schlicht gekleidet, wie er war, ausgesprochen fehl am Platz wirkte. Nadeschda ließ ihm nicht mehr als einen Moment damit er sich umsehen konnte. Kaum stand er in ihrer Kammer, fiel sie ihm auch schon in die Armee und hielt ihn fest. „Du bist hier, du bist endlich hier!"

Unwillkürlich schlangen sich seine Arme um ihren Körper. Victor zog sie fester an sich, um sie in den Armen zu halten. Er schloss die Augen, als er sich für einen Moment erlaubte ihre Nähe zu genießen, ihre Wärme, die er durch mehrere Schichten Kleidung spüren konnte. „Du weißt, was dich erwartet, wenn uns jemand bemerkt?" murmelte er leise, ohne die Augen zu öffnen. „Es ist für mich unmöglich schnell genug zu verschwinden, ohne gesehen zu werden. Jeder wird auf den ersten Blick erkennen, wer und was ich bin." Als Antwort klammerte sie sich noch fester an ihn. „Ich habe mir das hier so lange gewünscht", flüsterte sie erstickt. „Aber in meinen Träumen hast du es nie bedauert, wenn sich die Gelegenheit ergab." „Himmel, wie könnte ich das?" Ihm war klar, dass es kein Zurück mehr gab. Er würde sie nicht mehr hergeben können, dieser eine Moment veränderte alles. „Ich müsste aus Stein sein, wollte ich es auch nur versuchen und selbst den würdest du erweichen", antwortete er mit belegter Stimme. Nadeschda wand sich in seinen Armen. Er öffnete die Augen und lockerte seinen Griff, damit sie zu ihm aufsehen konnte. Ihre dunklen Augen trafen seine, hoffnungsvoll und sehnsüchtig. „Wirklich?", hauchte sie. Seine lange, dünne Hand berührte sanft ihre Wange und sie zuckte unter der Kälte seiner Finger nicht zurück. „Von Anfang an warst du die Einzige, die es hätte verhindern können, dass dies passiert." Victors Stimme war kaum mehr als ein raues flüstern. „Ich bin verloren, seit sich unsere Blicke das erste Mal trafen, da draußen in der Dunkelheit." „Das warst du?", fragte sie überrascht. „Ich dachte immer, ich hätte mir diesen Moment eingebildet." Er lächelte vielsagend auf sie herab. „Du hast doch nicht geglaubt, dass mein Auftauchen reiner Zufall war, oder? Nicht nach allem, was ich dir erzählt habe." Sie ging nicht auf seinen belustigten Tonfall ein, betrachtete ihn stattdessen mit einem eindringlichen Blick. „Trotzdem hättest du nie den nächsten Schritt getan, nicht wahr?", fragte sie wehmütig. Er schüttelte langsam den Kopf, seine Lippen kräuselten sich noch immer zu einem Lächeln, seine Augen waren voller Wärme. Er strich mit dem Daumen sanft über ihre Wange, die einzige Freiheit, die er sich erlaubte. „Warum?", drängte sie beschwörend. „Du willst es doch genauso sehr, wie ich. Du kannst es nicht leugnen." „Weil ich für dich gefährlich bin", antwortete er eindringlich. „Ich habe kein Recht auf so etwas, und das weißt du auch." „Du würdest mir nie weh tun", beharrte sie inbrünstig. Seine Finger streichelten liebevoll ihre Wange und er sah sie schwermütig an. „Überschätze mich nicht. Ich bin schwächer als du denkst. Ich könnte dir Schaden zufügen, ohne es je zu wollen." „Niemals!", beharrte sie leidenschaftlich. Victor warf ihr einen tadelnden Blick zu. Nadeschda hob den Kopf in einer einladenden Geste. Ihre Augen trafen die seinen, dann wanderten sie hinunter zu seinen Lippen und verweilten dort, bevor sie seinem Blick wieder begegnete.

Die Spannung und das Verlangen zwischen ihnen war ihm schmerzlich vertraut. Er wollte sich nur noch hinunterbeugen und ihrem stillen Verlangen nachgeben, sich dem Versprechen hingeben, wozu es führen könnte... die Gefahr vergessen, die wie ein Damoklesschwert über ihnen hing. Ihr zuliebe tat er es nicht. Er sollte sich jetzt von ihr losmachen, ehe es zu spät war. Seine Arme sinken lassen und ein paar Schritte zurück treten, bevor sie den Mut für den letzten Schritt aufbrachte. Auch wenn es bedeutete, dass sie ihn danach nie wiedersehen wollte. Aber allein der Gedanke daran war ihm unerträglich. Er wollte nachgeben und sich ihr hingeben. Ein paar kleine Bewegungen nur und die letzte Grenze wäre überschritten. Nichts wünschte er sich mehr als ihr die Freiheit und das Recht zuzugestehen ihn zu berühren, wann und wie es ihr beliebte. Victor atmete heftig und unregelmäßig. Die Vernunft zog ihn in die eine, sein Herz in die andere Richtung. Er rang mit sich selbst, jede Faser seines Körpers verzehrte sich nach ihr. Das Äußerste,was er zustande brachte, war, regungslos stehen zu bleiben und gar nichts zu tun. ,,Nadeschda, ich bitte dich...", flüsterte er heiser und flehentlich. „Ich sollte wirklich nicht... Du weißt nicht, was du da verlangst!" Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und neigte den Kopf zurück, so dass ihre Lippen nur wenige Zentimeter von den seinen entfernt waren. ,,Liebst du mich nicht?", flüsterte sie begehrlich und vergrub eine Hand in den Haaren knapp über seinem Nacken. ,,Ich glaube, du kennst die Antwort bereits. Das ist der Grund, warum ich das nicht tun sollte", Victor konnte hören, wie rau seine Stimme klang, wie außer Atem und sehnsuchtsvoll. Sein Herz raste. ,,Bitte!" Ihre flehenden Augen waren sein Untergang. Sein Widerstand war endgültig gebrochen, er überbrückte die letzten Zentimeter und berührte ihre Lippen mit seinen eigenen. Es begann langsam. Ihre Lippen streiften einander nur sacht. Aber aus der flüchtigen Berührung wurde bald ein Kuss. Dann ein zweiter und ein dritter, jeder tiefer als der vorherige. Sie klammerte sich an ihn und folgte seinem Beispiel. Ihre Lippen waren nun offen unter seinen und begannen ebenso viel zu suchen, wie sie empfingen. Eine Hand lag in seinem Nacken, vergraben in seinen Haaren, die andere glitt begehrlich über seine Brust. Es war überwältigend nach einem Jahrhundert allein. Er konnte ihren schnellen Herzschlag ebenso fühlen, wie hören. Er konnte ihr Blut direkt unter der Oberfläche ihrer Haut schmecken. Mit jedem Augenblick wuchs in ihm das Verlangen danach, aber er wollte sich einfach nicht von ihren immer intensiver werdenden Küssen lösen, von ihren zärtlichen Berührungen und ihrem warmen Körper in seinen Armen. Es war, als hätte er lange Zeit gehungert. Nach dem ersten Geschmack dessen, was er so lange entbehrt hatte verzehrte er sich nach mehr. Seine Adern brannten. Ein scharfer Schmerz setzte direkt über den langen Reißzähnen ein; das verzweifelte, dringende Verlangen nach ihrem Blut wurde schier übermächtig. Der Graf beendete den Kuss sanft und versuchte, sie von sich fortzuschieben, Abstand zwischen sie beide zu legen, in dem er sich nach hinten von ihr weglehnte. Doch sie umschlang seinen Nacken und zog ihn wieder dicht an sich heran. Er konnte nicht widerstehen, er küsste die Stelle unterhalb ihres Ohrs, dann wanderten seine Lippen an ihrem ihrem Hals entlang und setzte kleine zärtliche Bisse und liebkoste ihre Haut. Victor folgte der Bewegung, mit der sie sich in die Berührung lehnte, bis er eine Stelle ihres Halses erreichte, unter der er das Pulsieren der Ader unter ihrer Haut fühlte, zeichnete sie mit seiner Zunge nach. Ihr schaudernder Seufzer erwies sich als sein endgültiges Verhängnis. In einem sanften Biss gruben sich die Fangzähne in ihre Haut und sie erschauerte in stillem Entzücken als er den ersten Schluck nahm. Seine langen Finger streichelten zärtlich ihren Nacken, ihren Hals. Plötzlich gab es keine Geheimnisse mehr. Er kannte alle kleinen, tristen Details ihres Lebens: die kurze, glückliche Kindheit bis zum Tod ihrer Mutter und den danach einsetzenden Abstieg durch die sich steigernde zänkische Art ihres Vater; seine Gewohnheit alles und jeden zu verteufeln. Auch jene, die sein Weiterkommen gefördert haben würden, hätte er sich nur ein wenig umgänglicher gezeigt. Über allem schwebte ihr reines Wesen.

Erneut wurde er von dem Gefühl fast grenzenloser Nähe übermannt. Er konnte ihre Liebe in jedem Schluck schmecken und spüren und erwiderte dieses Gefühl mit jedem Zug. Ihre zierlichen Hände waren auf seinem Rücken ausgebreitet und zogen ihn fest an sich, wanderten von Zeit zu Zeit in einer unschuldigen sinnlichen Liebkosung. Ihre Nähe und Gegenwart waren wie ein schwerer Mantel um ihn gebreitet und er wollte, konnte, sich nicht von ihr lösen, versuchte sie fester bei sich zu halten, als er das Gefühl hatte, dass sie ihm allmählich entglitt. Dann war es vorbei. Graf von Krolock wurde sich erst wieder dessen gewahr, was um ihn herum geschah, als sie plötzlich schlaff und leblos in seinen Armen hing. Kein Geräusch von Puls oder Atmung traf sein Ohr und auch seine tastenden Finger konnten keinen Herzschlag fühlen. In stillem Entsetzen hielt er sie noch minutenlang in seinen Armen, unfähig zu begreifen, dass sich die Geschichte in diesem Moment wiederholte. Seine Gedanken waren leer. Wäre ihre Tür jetzt geöffnet worden, er hätte weder versucht zu fliehen, noch hätte er um sein Leben gekämpft. Der Schmerz wütete scharf und schneidend in ihm, dazu kam die Gewissheit seiner Schuld. Er hätte ihr niemals nachgeben dürfen. Wenn er doch nur draußen vor ihrem Fenster geblieben wäre. Nichts von dem, was sich zwischen ihnen abgespielt hatte, wäre geschehen und sie wäre noch immer am Leben. Wie viel besser wäre es gewesen, sie hätte ihn für seine Weigerung ihr nachzugeben nie wiedersehen wollen. Victor drückte Nadeschdas leblosen Leib krampfhaft fester an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Rote Tränen rannen lautlos und ungehindert über seine Wangen in ihre Locken. „Ich hätte wissen sollen, dass du meine Warnungen in den Wind schlägst." Seine Stimme war nur ein raues, verbittertes Flüstern. „Du hast die Gefahr, in der du dich befunden hast, nie verstanden. Aber ich…Ich hätte es besser wissen müssen." Ersticktes verzweifeltes Schluchzen drang tief aus seiner Brust und ein stechender, sengender Schmerz durchdrang ihn. Hatte er nicht alles versucht, um genau das zu verhindern, was nun geschehen war? Hatte er nicht all diese Wochen lang versucht, den Abstand zwischen ihnen groß genug zu halten? War es nicht genug gewesen, dass er ihr mit all dem Respekt begegnet war, den sich eine Frau nur wünschen konnte, ohne auch nur ein einziges Mal eigene Forderungen an sie zu stellen? Weshalb musste seine Schwäche so geahndet werden, als er es nicht fertig gebracht hatte, ihren Wunsch abzuschlagen? War das gerecht? Hieß es nicht immer, der Redliche würde belohnt werden? Hatte er nicht alle ihm übertragenen Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt? Hatte er nicht ohne zu murren weitergekämpft, ganz gleich was ihm aufgebürdet worden war? Hatte ihn alles, woran er jemals geglaubt hatte, getäuscht? Sollten all die Lehren, die er jemals studiert hatte, nichts als eine leere Farce gewesen sein, das dumme Gewäsch alter Männer? War das gerechtfertigt? Was war mit den Versprechungen der Kirche, mit denen er aufgewachsen war? Wieso hatte Gott erlaubt, dass es geschehen war, nicht einmal, sondern nun sogar zweimal? War dies der Lohn für die Ergebenen und die Törichten?

Victor von Krolock hatte nie an die Hölle geglaubt, auf die sich die Römische Kirche so häufig beriefen. Aber er hatte Dantes "Göttliche Komödie" gelesen und sah sich nun selbst gefangen in einem Zustand ewiger Strafe. Er begann heftig am ganzen Körper zu zittern. ‚Wofür? Was habe ich jemals getan, dass dies rechtfertigt? Habe ich nicht mein Möglichstes getan, um ein guter Vampir zu sein, in allen Punkten dem Weg folgend, den die Weisen vorgezeichnet haben? Warum wird mir das angetan?' Nadeschda noch immer in den Armen haltend, dachte er über diese quälenden Fragen nach und konnte keine Antwort finden. Nichts was ein solches Los gerechtfertigt hätte. Nach einer gefühlten Ewigkeit bettete er ihren leblosen Körper sorgsam auf ihr Bett, schloss mit einer letzten, zärtlichen Geste ihre Augen und faltete ihre Hände über ihrer Brust. „Du hattest so viel mehr verdient!", klagte er bitter. „Wenn es auch nur für irgendjemand Gerechtigkeit gibt, dort wo du jetzt bist, dann wünsche ich dir, dass dir deine Freundlichkeit und Liebe so vergolten werden, wie es dir von Rechtswegen auf Erden hätte zustehen sollen. Ich hätte dir niemals nahekommen sollen. Selbst ein fades, tristes Leben ist besser als ein ewiges Nichts oder ein ewiges Inferno." Er hatte laut gesprochen, ohne an Entdeckung oder Konsequenzen zu denken. Seine Hand ruhte noch immer auf der ihren. Er beugte sich in einer letzte Abschiedsgeste über sie und küsste ihre farblose Stirn. Zwei rote Tränen fielen auf ihre weiße Haut. „Unsere Hoffnungen und Illusionen waren nur sinnlose Narreteien, Nadeschda, und du hast sie zu Unrecht mit deinem Leben bezahlt. Redlichkeit wird nicht vergolten und Mühe nicht belohnt. Ich kann dir noch nicht einmal die Schmach all der nutzlosen, abergläubischen Bräuche ersparen, die sie jetzt auf dich anwenden werden." Grenzenloser Zorn stieg in ihm auf, als ihm klar wurde, dass alles, woran er sich über ein Jahrhundert lang geklammert hatte, nichts als eine Lüge gewesen war. Ein hohles, leeres Versprechen. Mit einem letzten gequälten Blick und einem animalischen Fauchen stieß er das Fenster weiter auf und verschwand mit einem weiten Sprung hinaus in die Nacht.

Author's Note:

Toma - rumänischer Vorname. Variante von Thomas, was übersetzt „Zwilling" bedeutet.

Petre - Rumänischer Vorname. Biblischer Name, angelehnt an den HeiligenApostel Petrus. Übersetzt steht Petre für einen „Felsen" oder einen „Stein".

Oana - rumänische Form von Hanna