Kapitel 15: Alle Teufel steigen hinauf, und alle Engel müssen fall'n.
Nachdem sich das Schicksal mit Nadeschdas Tod wiederholt hatte, war nichts mehr wie zuvor. Ihr Blut rauschte durch seine Adern und in seinen Ohren, in einer Parodie der einzigen, flüchtigen Verbindung, die es jemals zwischen ihnen geben würde und gemahnte an ein ähnliches, lange zurückliegendes Ereignis. Damals, als Elisabeth in seinen Armen gestorben war, hatte er noch immer geglaubt, es würde einen Ausweg geben. Eine Möglichkeit, irgendwie wieder sterblich zu werden und Wiedergutmachung zu leisten für das, was er in der Zwischenzeit zu tun gezwungen war. Mehr als ein Jahrhundert lang hatte er sich an diese Illusion geklammert und war vor der Erkenntnis zurückgeschreckt, die wie ein gähnender Abgrund vor ihm lag. Jetzt war er über den Rand dieses Abgrunds gestolpert. Jenseits davon gab es nur noch Dunkelheit und Zorn. Es würde niemals einen Weg zurück geben. Er war verflucht für alle Ewigkeit Wofür? Was hatte er als Sterblicher verbrochen, dass es rechtfertigte, was mit ihm geschehen war? Hatte er nicht stets nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und sich für die bestmöglichen Bedingungen für alle Menschen unter seiner Herrschaft bemüht? Mörder, Vergewaltiger und Verräter – sie alle erhielten wenigstens ein schnelles Ende Ihre Qual war endlich, mit der Aussicht auf Vergebung im Jenseits, wenn sie nur vor ihrer letzten Stunde bereuten. Doch er, der sich Zeit seines Lebens um einen redlichen Lebenswandel bemüht hatte, war zu einer Strafe verurteilt, die alles in den Schatten stellte, was der schlimmste Verbrecher auf Erden erwarten konnte. Mit welchem verfluchten Recht? Sollte so Gottes unendliche Weisheit aussehen? Seine nicht enden wollende Gnade für die Kreaturen, die er selbst geschaffen hatte? Oder war alles ein elendes Glücksspiel? Eine Runde Würfeln, um zu sehen, was für ein Schicksal ein Mann wie Victor von Krolock bekommen sollte? Warum? Weil er nicht an all die düsteren Legenden geglaubt hatte? Oder sollte die Begründung seine Weigerung gewesen sein, an die weitverbreitete Bigotterie zu glauben? Dass er es vorgezogen hatte, der Kraft des Verstandes und des Wissens zu folgen? Lange genug war er in die Prozesse der Rechtsprechung involviert gewesen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es nach seinem Wissen nichts gegeben hatte, was sein Schicksal rechtfertigte. ‚Verhalte dich rechtschaffend, sei ein guter Mensch und ein gutes Schicksal wird deines sein.' Das war das Grundprinzip aller Lehren, die er sich jemals zu eigen gemacht hatte. Jetzt musste er bekennen, dass alle Versprechungen nichts als Lügen gewesen waren. Keine seiner Bemühungen hatte ihm selbst Gnade erwirkt – weder im Leben noch im Tod. Seine Taten hatten nie einen Unterschied gemacht.
Er war mittlerweile weit entfernt von dem kleinen Dorf, mitten in der Wildnis. Um ihn herum nur steil ansteigende, grasbedeckte Hänge, überschattet vom nahen Wald. Er legte den Kopf in den Nacken zurück und starrte voller Schmerz und Zorn hinauf in den sternenklaren Nachthimmel. „Du willst mir sagen, nur Verbrecher und Egoisten werden belohnt?", schrie er aufgebracht hinauf in die Dunkelheit in Richtung des Firmaments. „Ich werde die Lehre beherzigen Meine Bestrebungen zum Guten haben dein Wohlgefallen nicht erwirkt Fortan werde ich mich ihrem Gegenteil verschreiben" Niemals wieder würde er so blind sein, wie er es bisher gewesen war. Ideale? Dumme, nutzlose Märchen. Wenn dieses unendliche Niemandsland, irgendwo jenseits dem wahren Leben und für alle Zeit abgeschnitten vom Tod, alles war was ihm bleiben würde, warum sollte er nicht versuchen sich zumindest bequem darin einzurichten? Moral? Wertlos. Wieso sich noch weiter damit belasten? Rücksicht hatte ihm in mehr als einhundert Jahren weder Frieden noch Erleichterung gebracht. Jetzt würde er herausfinden, was das Gegenteil davon ihm zu geben vermochte Zahlreiche seiner Vorfahren hatten sich keinen Deut um die Menschen unter ihrer Fürsorge geschert. Niemand hatte sie je gemaßregelt. Nun, wenn es nicht mehr möglich war, dass er geliebt wurde, dann sollten sie ihn eben fürchten. Von heute an würde es ihm gleichgültig sein. Diesen Entschluss gefasst, kam er wieder auf die Beine und ging immer noch heftig atmend eiligen Schrittes weiter, jede Bewegung erfüllt von der Wut, die in ihm tobte.
In dieser Nacht versuchte er gar nicht erst, sich zu verbergen. Es war ihm vollkommen gleichgültig, ob und von wem er gesehen wurde. So versunken in seine finsteren Gedankengänge, die immerfort im Kreis herumjagten und die seinen Zorn nur noch weiter anstachelten anstatt ihn allmählich zu beruhigen, trieb es ihn immer weiter. Er bemerkte gar nicht, dass er viel schneller unterwegs war, als es seiner sonstigen Gewohnheit entsprach. Seine Überzeugungen waren verschwunden – verzehrt in einer tobenden Feuersbrunst, die auch ihn selbst zu verschlingen drohte. In diesem Gemütszustand fand er sich auf einmal inmitten einer von Schafen bevölkerten Weide wieder. Tiere waren seit jeher empfindlicher gegen die Gefahren um sie herum als es Menschen waren. Denn kaum war er unvermittelt in ihrer Nähe aufgetaucht, kam Unruhe in die Herde. Nicht weit entfernt von ihm begann ein Hund zu bellen. Victor fuhr mit einem tiefen animalischen Laut zu der struppigen Kreatur herum. Ein tiefes, grollendes Knurren, das gleichfalls die langen Reißzähne entblößte. Mit einem grellen, jaulenden Bellen, ähnlich dem schrillen Laut der gewöhnlich nur bei großen körperlichen Schmerzen zu hören war, floh der Hund, der begriff, was da in der Nacht in seine Nähe gekommen war. Doch damit hatte er nicht nur die seiner Wache anvertrauten Tiere aufgeschreckt, sondern auch den Schäfer. Graf von Krolock hörte einige gellende Pfiffe. „Ion", rief eine raue Stimme, „Ion Wo zum Teufel bist du?" Aber das Tier kehrte nicht zurück. Schritte näherten sich und eine Stimme brummte undeutliche Worte vor sich hin. „Dreimal verfluchter Köter, wo bist du nur?" Der Mann kam näher, ohne, dass er sich des Vampirs in seiner Nähe gewahr wurde. „Sollte ihn etwas erwischt haben?", murmelte der Schäfer noch, als er sich suchend zwischen den unruhig umher eilenden Schafen umschaute.
Dann stand plötzlich eine hochgewachsene Gestalt vor ihm und hielt ihn gepackt. „Ihn nicht – aber dich" zischte eine tiefe, grollende Stimme und lange, scharfe Reißzähne blitzten im Mondlicht auf, während der Sterbliche hilflos in einem stahlharten Griff festgehalten wurde. „Du bist …", keuchte der Schäfer entsetzt, konnte das sonst nur verstohlen geflüsterte Wort aber nicht herausbringen. „Dein schlimmster Alptraum", zischte Victor nur als Antwort. Der Mann schrie laut auf vor Angst und begann dann zu winseln und zu heulen. Doch ohne Erbarmen überstreckte Victor den Hals des Hirten mit einer Hand und biss zu - in einer anmutigen Bewegung, so langsam ausgeführt, dass sein Opfer es genau sehen konnte, was auf ihn zukam. In mehr als einem Jahrhundert hatte es immer wieder Sterbliche gegeben, die ihm zum Opfer gefallen waren. Meist waren es arme Geschöpfe, die in einem Augenblick der Schwäche, wenn er ihnen in einem Moment zu nahe gekommen war, an dem der ständige Hunger zu stark und nagend wurde, seinen Weg kreuzten. Diesem hier war er stattdessen störrisch einfach nicht aus dem Weg gegangen und hatte die Gelegenheit wahrgenommen, obwohl es nicht notwendig gewesen wäre. Er hätte ihn einfach im Dunkeln vorbeigleiten lassen können. Doch wozu? Es gab keine Gnade. Für Niemanden. Auch nicht für diesen armseligen Schäfer, der wenigstens das Glück hatte, dass diese Begegnung nun sein Ende war und nicht der Anfang von etwas viel Schlimmerem. Das Herz des Mannes raste. Er hatte Angst und wand sich in Victors Klammergriff in dem sinnlosen Versuch, sich zu befreien. Er fühlte und schmeckte die Angst.Es war berauschend. Der Mann stammelte unzusammenhängende Wörter. Aber es war vollkommen unnötig. Sein Geist lag offen vor ihm. ‚Bitte nicht Lass mich gehen Ich werde nichts von allem verraten, aber lass mich leben' Der Gedanke drehte sich endlos im Kreis. Aber das Opfer bekam darauf nie eine andere Antwort, als den ruhigen, erbarmungslosen Druck der Finger, die ihn fest hielten.
Das Gefühl der Macht und Dominanz über dieses armselige Geschöpf war überwältigend. Wo er einst entsetzt zurückgeschreckt war, nahm er es jetzt bereitwillig an. Unberührbar im Angesicht der Angst des Sterblichen. Sie konnte ihn nicht mehr berühren und mit jedem Schluck des warmen Blues kostete er seinen Triumph darüber aus. Sein eigener Zorn für den Moment vergessen im Rausch des Augenblicks. Die plötzliche Ruhe seines eigenen Geistes, die ihn angesichts der sich überschlagenden Emotionen seines Opfers überkam und dem mittlerweile so vertrauten Gefühl neuen Lebens und der Wärme, die ihn durchströmte. Er schwelgte in der Verbindung zu seinem Opfer und dem was er mit jedem Schluck über ihn erfuhr, dem unaufhörlichen Flehen seines Verstandes, der allmählich in Benommenheit abdriftete, während Victor ihm immer wieder im Stillen antwortete: ‚Keine Gnade für dich. So etwas gibt es nicht. Für niemand.' Er weidete sich an der immer größer werdenden Verzweiflung seines Opfers und kostete damit seine Rache an einer Welt aus, die zugelassen hatte, dass Wesen wie er selbst existierten. Für eine Weile zog das Leben des Mannes vor seinem inneren Auge vorbei, teilte er durch das Blut alle Emotionen und Erinnerungen, ehe der träge, taumelnde Rhythmus des Herzens den nahenden Tod ankündigte, der bald darauf dem Erlebnis einen krönenden Abschluss verlieh. Victor ließ den leblosen Körper mit gebrochenem Genick neben einem Steinhaufen zurück. Wenn man ihn fand, würde jeder glauben, dass er in der Finsternis darüber gestolpert und unglücklich gestürzt war. Die wahren Umstände verschleiert, wandte sich der Graf zum Gehen. Den ungestümen Zorn hatte er einstweilen besänftigt, doch er war keineswegs verschwunden.
Die eher zufällig zustande gekommene Jagd, die dem Tod Nadeschdas, Victors daraus resultierenden Schlussfolgerungen über den neuerlichen Verlust, sowie seiner veränderten Gemütsverfassung gefolgt war, wurde zu einem neuen Ritual. Vorbei war die Zeit, in der er freiwillig ausschließlich Tiere gejagt hatte. Wenn es sowieso keine Rolle spielte, was er tat oder auch nicht, weshalb sich noch wehren und gegen den unentrinnbaren Hunger und die Gier auflehnen? Weshalb sich selbst damit geißeln, dem Hunger zu trotzen und sich den einzigen Moment der Nacht verweigern, der ihm eine gewisse Linderung verschaffte? Die Lust an der Jagd, das aufreizende Gefühl der Angst seiner Opfer und nicht zuletzt die Gabe, mit jedem Tropfen ihres Blutes ihr Leben auszukosten, alles zu wissen, was es zu wissen gab. All das vermischte sich in dem Einnehmen des Blutes zu einer Empfindung, die fast körperlich und dem nicht unähnlich war, was er früher einmal bei der Erfahrung von körperlicher Liebe empfunden hatte. Er begann täglich auszugehen, um sich ein neues Opfer zu suchen. Manchmal auch mehr als nur eines, wenn die Nächte seinen stets latent vor sich hin brodelnden Groll und Zorn aufrührten. Dazu brauchte es bei ihm nun nicht mehr viel. Ein unbedachtes Wort genügte um dafür zu sorgen, dass er viel zu heftig auf Bagatellen reagierte. Dinge, die ihn bis vor kurzem kaum berührt hatten, erschienen ihm plötzlich wie Kränkungen und Provokationen, die er ungestüm quittierte. Diese Veränderungen im Wesen ihres Grafen, wurden für alle Angehörigen seines Haushalts sehr schnell unübersehbar. Alle, die ihm nahe genug standen, hätten Victor von Krolock zeitlebens bestätigt, dass er zwar durchaus von leidenschaftlichem Gemüt war, jedoch keinesfalls zu übermäßigem Jähzorn neigte. Stattdessen hatte er sich stets durch seine große Selbstbeherrschung ausgezeichnet. Aber die jüngsten Entwicklungen zeigten eine vollkommen unbekannte Seite an ihm. Von einem Abend auf den anderen schien sich sein Naturell verändert zu haben. Nicht nur dass er auf die unvorhersehbarsten Dinge aufbrausend, impulsiv und unbeherrscht reagierte, ja, er war zuweilen ruhelos und missgestimmt, ging häufig ohne erkennbares Ziel auf und ab. Wurde er angesprochen, war er ungeduldig, barsch und übellaunig.
Bei seinen nächtlichen Streifzügen, die er meist schon begann, kaum, dass er sich aus seinem Sarg erhoben hatte, beobachtete er die Menschen. Was er zu sehen bekam, verhärtete ihn nur noch mehr gegen sie. Es begegneten ihm so viele Streitigkeiten über Nichtigkeiten. Männer, die ihre Frauen und Kinder schlugen, bis sie sichtbare Male davon trugen. Verbrecher, die durch die Nacht spazierten, ohne dass sich eine strafende Hand nach ihnen ausgestreckt hätte. Wenn ihm dann gelegentlich der Gedanke kam, er selbst könnte zu diesem Zweck an jenen Ort geführt worden sein, begann er höhnisch zu lachen. ‚Was? Ausgerechnet ich soll jetzt deine Arbeit tun, wo du mir doch allzu deutlich gezeigt hast, wie wenig meine Bemühungen dir bedeutet haben? Wieso sollte ich? Wenn du ihn haben willst, dann hol' ihn dir selbst', dachte er dann trotzig. Manchmal tötete er die Missetäter auch, nur weil er es konnte und wie um zu beweisen, dass es noch größere Raubtiere gab als rücksichtslose und skrupellose Menschen. Dennoch durften sie nahezu alle weiterleben. Niemand scherte sich darum, was sie taten. Die Strafe blieb aus und sie durften weitermachen wie bisher, als ob nichts geschehen wäre. Ein Besuch zur Beichte beim nächsten Pfaffen, und schon war alles vergeben und vergessen. Und er selbst, der versucht hatte, so unbescholten wie möglich zu sein, was war mit ihm selbst geschehen? Allmählich empfand er bitteren Neid für jeden Sterblichen, der keine deutlichen Anzeichen dafür zeigte, dass er oder sie bald sterben würde. Diese Missgunst schürte umso mehr die Gier nach diesem Leben, das ihm selbst für immer verwehrt war, in Form von frischem Blut. Es machte ihn verschlossen gegen alles und jeden, kalt wie ein weit entfernter Stern und ebenso kompromisslos und unbarmherzig wie die aufgehende Sonne.
Als Erster bekam Banel das zu spüren. Pflichtschuldig legte er nach wie vor die Korrespondenz auf den Schreibtisch des Grafen und überbrachte die gelegentlich eintreffenden mündlichen Nachrichten. Die Antworten, die er zur Weitergabe darauf erhielt, waren in Wortlaut und Ton unwirsch, kompromisslos und zuweilen von beißendem Sarkasmus. Die Briefe wurden nicht mehr regelmäßig von ihrem Ablageort entnommen und die Anzahl der Antwortschreiben, die der Diener abholte, um sie in die entsprechenden Kanäle weiterzuleiten, wurden merklich weniger. Es dauerte nicht lange, und es kamen immer mehr Menschen, die Banel in seiner Funktion als persönlicher Diener des Herrn Grafen zu sprechen wünschten. „Ist seine Exzellenz erkrankt?", war eine häufige Frage. Banel verneinte. Der Herr befände sich so wohl wie immer, danke der Nachfrage. „Wo bleibt dann die Antwort auf die Korrespondenz?" Banel zuckte mit den Schultern. „Der Herr Graf wird sich schon darum kümmern, wenn Ihr dran seid. Ihr wisst, er ist ein vielbeschäftigter Mann, der sich um vieles zu kümmern hat." Doch die Gesuche wurden nicht weniger und nicht nur die Menschen begannen sich Sorgen und Gedanken zu machen. In den Jahren, die er ihm nun schon diente, hatte Banel Graf von Krolock als einen gewissenhaften Herrn erlebt. Seine Zeiteinteilung mochte seltsam sein, aber bisher konnte man sich darauf verlassen, dass er gewissenhaft abarbeitete, was ihm auf den Schreibtisch flatterte, bis der Morgen kam, verzwicktere Sachen einmal ausgenommen. In mancher Nacht produzierte er praktisch kleine Berge an säuberlich gesiegelten und adressierten Umschlägen. Meist vollkommen alleine, ohne zusätzliche Schreiber oder Buchhalter, und nur mit seinem Sohn als gelegentlicher Unterstützung. Es war ungewöhnlich, dass er jetzt so plötzlich seine Gewohnheiten änderte. Einige Male hatte Banel es gewagt, beiläufig zu bemerken, „Exzellenz, ich konnte nirgends Briefe zum Weiterleiten finden." Um daraufhin mit einem barschen, „Wenn es Korrespondenz gibt, die es weiterzugeben gilt, wirst du sie schon an ihrem üblichen Platz finden", abgewiesen zu werden.
Als sich danach auch weiterhin nichts änderte und der Umgang mit seinem Herrn immer schwieriger wurde, hatte er nur vorsichtig den jungen Herrn anzusprechen gewagt. „Ist mit Seiner Exzellenz alles in Ordnung, junger Herr?", hatte der Leibdiener des Grafen Herbert von Krolock eines Abends gefragt, als er seine Exzellenz wieder einmal nicht gefunden hatte, um ihm diverse mündliche Nachrichten zu überbringen. „Aber natürlich, Banel, was sollte mit ihm nicht in Ordnung sein?", erwiderte der junge Adlige. „Verzeiht, junger Herr, aber ich bin ein wenig in Sorge um Seine Exzellenz. Ich habe ihn nirgends finden können. Würdet Ihr gütigst an ihn weitergeben, er möchte doch nach mir klingeln, sobald er einige Momente entbehren könnte? Da wären einige wichtige Dinge, die ich ihm mitzuteilen hätte. Ich werde noch wach sein, darauf mag er vertrauen. Es ist wirklich wichtig, junger Herr. Ich würde Euch nicht ohne triftigen Grund behelligen." Der junge Mann nickte und hatte ihn freundlich, aber bestimmt entlassen. Was Banel nicht wusste, war, dass er den letzten Tropfen in ein Fass gegossen hatte, das bereits bis zum Rand gefüllt war. Herbert war keinesfalls blind für das, was um ihn herum vorging. Eines Abends war sein Vater sehr aufgebracht und außer sich nach Hause zurückgekehrt. Seitdem war er nicht mehr Derselbe. Diverse Versuche, mit ihm darüber zu sprechen, was denn geschehen sei und wo sein plötzlicher Sinneswandel herrührte, waren brüsk abgewiesen worden. Mit nichts, was er tat, konnte er den Älteren aus der Reserve locken. Wenn er zu sehr bohrte oder wenn auch nur der Hauch einer Kritik auftauchte, brauste sein Vater unbeherrscht auf und seine Wortwahl war entweder beißend sarkastisch oder verletzend, sodass er ihm immer öfter aus dem Weg gegangen war. Er war sich dessen bewusst, dass es der Dienerschaft keinesfalls besser dabei erging als ihm selbst. Eher das Gegenteil, nach allem was er mitgehört hatte. Es war genug, jemand musste versuchen, ihn wieder zu sich zu bringen. Und da seine Mutter schon lange nicht mehr da war, um diese Aufgabe zu übernehmen, blieb Herbert nichts anderes übrig, als es selbst zu versuchen. Er spürte seinen Vater schließlich in der Bibliothek auf, wo er ohne Vorwarnung in den mehrgeschossigen Erker der Bibliothek hereinplatzte, wo der Graf sich einen astronomischen Arbeitsplatz eingerichtet hatte. Dort saß er gerade mit diversen Instrumenten über eine ausgebreiteten Sternenkarte gebeugt, die auf dem großen Zeichentisch ausgebreitet lag. Zudem strahlte er solch negative Energie ab, dass es dem jüngeren Vampir unangenehm wurde, wenn er sich längere Zeit in seiner Nähe aufhielt. Herbert hatte geglaubt, den Grund zu erahnen. Das Ereignis, auf das er lange gewartet hatte, war eingetreten und sein Vater hatte den Punkt erreicht, an dem er sich endlich keine Illusionen mehr machen konnte. In für ihn typischer Weise, hatte der junge von Krolock angenommen, die Phase der Verstimmung, die der Erkenntnis folgen musste, würde sich rasch genug legen. Eine Vermutung, die sich auf die sonst so vernünftige, rationale Ader seines Vaters gründete. Stattdessen hielt dieser Zustand nun schon seit Wochen an, und er verhielt sich allen gegenüber, die das Pech hatten, mit ihm Umgang haben zu müssen, mehr als nur unmöglich.
Der Sohn des Grafen war also bereits aufgebracht, als er die Bibliothek betrat. Er hatte den Schreibtisch im Arbeitszimmer des Grafen gesehen, wo sich noch verschlossene Briefe und unbearbeitete Papiere türmten. Dazu kam das, was er ohne Mühe dem Geist Banels entnommen hatte – und das war ihm keinesfalls schwer gefallen. Es war an der Zeit, seinen Vater wieder zu Verstand zu bringen. „Bist du dir sicher, dass du dich nicht im Tisch geirrt hast?", fragte Herbert denn auch, kaum dass er die letzten Stufen heraufgekommen war und seines Vaters ansichtig wurde. „Mir scheint, dein Schreibtisch hätte deine Aufmerksamkeit sehr viel nötiger als..." Er machte eine ungeduldige, wegwerfende Geste mit seiner Hand, „Was auch immer du da gerade tust!" Victor von Krolock sah weder auf noch wandte er sich um. „Der Zustand meines Schreibtischs ist noch immer meine Angelegenheit!", entgegnete er barsch. „Nicht wenn sich dein persönlicher Handlanger, den du im Übrigen selbst ins Schloss geholt hast, damit du deine Grafschaft weiterhin selbst führen kannst, an mich wenden muss, weil du ihn offensichtlich nicht mehr empfängst, damit er mündlich überbrachte Nachrichten an dich weitergeben kann. Ganz abgesehen davon, dass der Mann, der mir ständig Vorträge über meine zukünftigen Pflichten hält, gut daran tun würde, sich seinen eigenen Ratschlägen entsprechend zu verhalten!", fuhr Herbert wütend auf. „Da wir beide wissen, dass es aber niemals deine sein werden, da ich nicht mehr sterben kann, ist dein Argument hinfällig", knurrte sein Vater ungehalten zurück und wandte sich ihm zum ersten Mal zu, seit Herbert den Raum betreten hatte. „Es ist keineswegs hinfällig", entgegnete der Sohn des Grafen hitzig. „Du verhältst dich wie ein aufmüpfiger Halbwüchsiger und nicht wie jemand, der mehr als 150 Jahre alt ist! Es war klar, dass der Punkt, an dem du deine Illusionen nicht mehr aufrechterhalten kannst, schwer für dich werden würde. Aber das ist noch lange kein Grund, deinen Unmut am Personal und jedem anderen auszulassen, der mit dir zu tun hat!" „Woher willst du überhaupt wissen was ich tue?", gab Victor unwirsch zurück. „Du bist viel zu sehr mit Malen und Musizieren beschäftigt!" Verletzt durch die unfaire Anschuldigung, ging Herbert in Abwehrhaltung. „Bloß weil du mich nach deinen verallgemeinerten Vorurteilen betrachtest, macht das diese noch lange nicht zu einer Tatsache!", hielt er energisch dagegen. „Mal ganz abgesehen davon, dass ich weder taub noch mein siebter Sinn eingeschränkt ist. Außerdem möchte ich dir mitteilen, dass ich mit Ausnahme von dir der einzige Angehörige der Familie hier im Schloss bin. Wohin, glaubst du, wenden sich die Dienstboten, wenn sie deiner nicht habhaft werden können, oder es gar nicht mehr wagen?" Der jüngere Mann wurde beim Sprechen immer lauter. „Du hattest schon immer einen Hang zur Übertreibung", wies sein Vater ihn zurecht, aber es war offensichtlich, dass er versuchte, das Offensichtliche zu leugnen. „Oh, meine Fehler sind zwischen uns nie ein Geheimnis gewesen. Du erinnerst mich seit meiner Kindheit ja oft genug daran!", zischte Herbert. „Aber wer tut das außer mir schon bei dir?" „Was willst du damit sagen?", entgegnete Victor wütend. „Du jagst jetzt jede Nacht, ist es nicht so?" Es lag ein deutlicher Vorwurf in der Stimme seines Sohnes, die Victor sofort zur Gegenwehr übergehen ließ. „Wer hat sich denn vor ein paar Wochen darüber beschwert, jeder Schwindsüchtige sehe besser aus als ich es tue?", entgegnete er ungehalten. „Versuche nicht mir einzureden, du tätest das, weil du neuerdings meinen Rat befolgst. Ich habe dich gesehen, Vater Was ich da mit ansehen musste, hat nicht das Mindeste mit dem gemein, was ich dir angeraten habe. Du bist grausam zu ihnen! Es ist nicht nötig, einem Opfer für unsere Zwecke zu verletzen. Du hast deinen eigenen Schöpfer genau deswegen immer gehasst!" „Wage es nicht, Herbert!" Die Stimme des Grafen hatte einen drohenden Unterton angenommen. „Oh, doch, das tue ich!", hielt Herbert heftig dagegen. „Weißt du was, es ist mir gleich, dass du als Graf im Rang über mir stehst und, dass du mein Vater bist. Das gibt dir nicht das Recht zu allem! Du hast es verdammt noch mal nötig, dass dir endlich jemand die Stirn bietet und dich wieder zu Verstand bringt!" „Mich zu Verstand bringen? Was erlaubst du -" Herbert ließ seinen Vater gar nicht erst zu Wort kommen und sprach, ihn übertönend, selbst vollkommen außer sich weiter. „Wenn du es wärst, würdest du dich nicht so verhalten. Es bringt dir deine verlorene Sterblichkeit nicht zurück! Es macht dich nur zu einem ähnlichen Monster, wie er es gewesen ist!" „Es reicht jetzt, Herbert!", fuhr Victor empört auf. „Ja, es reicht allerdings Du wirst jetzt sofort mit deiner Spielerei hier aufhören, dich an deinen Schreibtisch setzen und zusehen, dass du deinen Pflichten nachkommst!" „Wer bist du eigentlich, dass du glaubst, du kannst mir Befehle erteilen?" Victor kam aufgebracht auf die Beine und richtete sich drohend zu voller Größe auf. Sein Vater hatte in all der Zeit, die er ihn kannte, nie so offensichtlich körperlich auf einen Streit reagiert und Herbert, der ein wenig kleiner als sein Vater war, konnte es nicht verhindern, dass er instinktiv ein Stück vor ihm zurückwich. „Dein Sohn. Dein Gefährte. Dein Freund!", entgegnete er in traurig vorwurfsvollen Ton. „Zumindest hast du das zu mir gesagt und es mich glauben lassen, nachdem du mich zu dir in die Dunkelheit geholt hast. Oder gilt das jetzt auch nicht mehr?" Für einen Moment schienen die Worte und der unverhohlene Vorwurf ihre Wirkung auf Victor nicht zu verfehlen. Für einen Moment glitt ein ungläubiger Ausdruck über seine Züge und die hellen Augen weiteten sich im Entsetzen, der Herbert zumindest sagte, dass er die Verbindung zu ihm noch nicht verlorene hatte, dass er seinem Vater trotz seines Verhaltens noch immer etwas bedeutete. Zorn und Unmut hatte einen Dämpfer erhalten und gerieten für einen Augenblick in den Hintergrund. Herbert nutzte die sich ihm bietende Gelegenheit. „Wenn gerade ich dir sagen muss, was du zu tun hast, dann ist es schon weit gekommen mit dir und du weißt das. Der Mann, der dir Unterstützung sein soll für die Dinge, die du nicht selbst erledigen kannst, weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als zu mir zu kommen." Herbert versuchte in einem halbwegs angemessenen Ton zu sprechen. Aber seine Enttäuschung und seine Wut spiegelten sich noch in seiner Stimme wider. „Banel lässt im Übrigen höflichst ausrichten, er sei aufgeblieben und warte so lange auf dich, wie nötig. Du möchtest doch bitte klingeln, wenn du ein paar Augenblicke erübrigen könntest. Es gibt wohl ein paar wichtige Dinge, die er an dich weiterzugeben hat. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du den armen Kerl nicht allzu lange zappeln lassen würdest." Die letzten Worte sprach Herbert nicht ohne schneidender Spitze aus. Mit einem Schlag veränderten sich Victors Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck erneut. Herbert sah, wie eine innere Tür sich gegen ihn verschloss. „Deshalb bist du also wirklich zu mir gekommen?" Victors Stimme nahm einen warnenden Ton an, und seine Züge verfinsterten sich zusehends. „Nein, keines Wegs", entgegnete Herbert bestimmt. „Ich bin jederzeit und gerne für dich da, wenn du über, was auch immer passiert sein mag, sprechen möchtest, dass dich an diesen Punkt gebracht hat. Aber irgendjemand muss dir schließlich den Kopf zurechtrücken, wenn du dich so unmöglich verhältst, wie du es zurzeit tust!"
Statt die versöhnliche Hand anzunehmen, sah Victor nur den vermeintlichen Angriff auf seine Person. „Ich verhalte mich unmöglich?", wiederholte er zutiefst empört. ‚Was glaubte der Bengel eigentlich, dass ihm das Recht gab seinen eigenen Vater zu kritisieren und zu maßregeln?' Aber Herbert war nie der Diplomat der beiden gewesen und hatte bei weitem nicht die Selbstbeherrschung, die seinen Vater in seinen Augen stets ausgezeichnet hatte, auch wenn man davon derzeit herzlich wenig sehen konnte. „Genau das habe ich gesagt!", herrschte er seinen Vater an. „Es ist im Moment wahrlich kein Vergnügen, Zeit in deiner Gesellschaft zu verbringen." „Es zwingt dich niemand dazu!", konterte Victor im gleichen Tonfall. Damit hatte jetzt er einen emotionalen Treffer bei Herbert gelandet, der seinerseits immer Wert auf die gemeinsam verbrachte Zeit gelegt hatte. „Was ist eigentlich aus deiner vielgerühmten Beherrschung geworfen?", entgegnete der Jüngere daraufhin in schneidendem Ton. „Hörst du dir gelegentlich noch selbst zu? Ist das der Graf, der du jetzt sein möchtest? Wenn ja, wüsste ich gerne, was aus dem Versprechen geworden ist, das du mir gegeben hast? Einfach wunderbar, wie du mir zuhörst. Weißt du, ich habe es nie bereut, dir so leichthin verziehen zu haben, jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es nicht ein Fehler gewesen ist." Zutiefst getroffen, verhärtete Victor sein Herz noch mehr gegen seinen Sohn und bedachte ihn mit einem abfälligen Blick, der geschickt verbarg, wie sehr der Junge ihn gerade verletzte. „Solche Urteile überlasse ich deiner erleuchteten Einschätzung", schlug er mit beißendem Sarkasmus zurück. Jetzt waren es Herberts Züge, in denen Victor erkennen konnte, wie sich eine Tür für ihn verschloss. „Gut, wie du möchtest. Predige Wasser und trinke Wein, aber erwarte dafür nicht auch noch Verständnis von mir! Von dem Mann, der mich großgezogen hat, habe ich mehr erwartet!" Damit drehte sich Herbert auf dem Absatz um und eilte die Treppe hinunter. Victor blieb allein zurück. Herbert hatte ihn mehr aufgewühlt als er ahnte. Einen vermeintlichen Angriff aus dieser Richtung hatte Victor von dem einzigen Verbündete, an dessen Existenz er noch immer glaubte, nicht erwartet. Von dem jungen Mann, der so großzügig und leichthin den von ihm verschuldeten Tod seiner Mutter verzieh, hatte seinerseits er mehr erwartet. Und er grollte ihm dafür. Sollte Herbert doch sehen, ob er die Pflichten seines Vaters besser ausführen konnte als dieser selbst. Aber halt, dafür hatte der Bursche ja noch nie wirkliches Interesse gezeigt. Gerade der wollte ihm jetzt erzählen, was er zu tun und zu lassen hatte? Eine Unverschämtheit, was bildete er sich ein? Rückblickend würde er ihn heute nicht mehr so sehr verwöhnen, wenn er nur gewusst hätte, wie er sich entwickeln würde. Schade, um all die Gelegenheiten, zu denen er ihm die Hosen hätte strammziehen sollen und es nicht getan hatte. Dann wüsste der Junge jetzt wenigstens, wo sein Platz war. Sein Platz, das war der nächste wunde Punkt. Wie konnte er glauben, dass sich etwas an ihrem Verhältnis geändert hatte? War Herbert denn blind? Seit einem Jahrhundert war er Victors einzige Konstante. Wie konnte er auch nur im Traum daran denken, dass sich daran jemals etwas ändern würde? Hatte er nicht alles für ihn getan, was er konnte? Ihm die fehlenden Spielkameraden ersetzt, ihm die Familie erhalten, in die er geboren worden war, gegen alle Widerstände, die meisten Wünsche erfüllte, die Herbert jemals geäußert hatte, und ihn auch jetzt in ihrem untoten Dasein nicht anders gehalten? Und so dankte er es ihm jetzt? Was für ein wundervoller Beweis seiner Zuneigung Vollkommen gereizt und aufgewühlt und in einer Spirale düsterer und bitterer Gedanken gefangen, warf er das teure Instrument auf den Tisch, das er gerade in der Hand hielt. Es nutzte alles nichts. Victor wusste selbst nur zu gut, dass er jetzt im Schloss keine Ruhe finden würde. Er musste hinaus zu der einzigen Beschäftigung, die den Zorn stillen und ihn wieder beruhigen konnte.
Wenig später war Victor bereits unterwegs. Da die Nacht bereits fortgeschritten war, zog er in Richtung eines bestimmten Ortes los. In einem gewissen Tal lag ein größeres Dorf, dessen Gasthaus sich bei Reisenden und auch bei den Menschen der umliegenden Ortschaften größter Beliebtheit erfreute. Selbst zu dieser Stunde würden sich dort noch hartgesottene Trinker finden. Niemanden würde es wundern, wenn einer von ihnen auf Nimmerwiedersehen verschwand. Mit der Schnelligkeit des Vampirs, brauchte es nicht lange, ehe Victor den Rand der Siedlung erreichte. Vorsichtig hielt er sich in den Schatten, und erreichte den Hinterhof des Gasthauses. Einige Sträucher dienten ihm als Versteck. Durch die Zweige verborgen, behielt er die Tür im Auge, die vom Schankraum hierher führte – denn in der abgelegenen Ecke des Hofes stand die Latrine. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis sich einer der Trinkenden hierher verirrte. Der Hof war zudem an zwei Seiten nicht umgrenzt. Die geringe Distanz zum Wald und seinem Hort aus schützender, undurchdringlicher Schwärze der perfekte Verbündete für ein Wesen wie ihn. Diese Art zu jagen stellte keine Herausforderung für seine Jagdkünste dar, aber darauf hatte er es auch gar nicht abgesehen. Jetzt wollte er nur ein Opfer, und das möglichst rasch. Victor musste sich nicht übermäßig gedulden. Bald näherte sich eine raue Stimme, die vollkommen schief ein zotiges Lied vor sich hin sang. Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen, eine korpulente und ungepflegt wirkende Matrone kam stolpernd und torkelnd heraus. Die Tür fiel mit einem dumpfen Laut hinter ihr zu. Victor löste sich aus seiner kauernden Haltung, verließ sein Versteck ohne das geringste Geräusch. Einige wenige, lange Schritte, dann packte er sein Opfer. Eine Hand presste sich fest auf ihren Mund, die andere griff hart in die fleischige Stelle direkt unterhalb ihres Nackens. Schneller als ein Mensch es sehen konnte, zerrte Victor die Betrunkene in den Schutz der Bäume und erfreute sich derweil an den dumpfen, erstickten Angstlauten. „Sie haben dir immer gesagt, deine Trinkerei würde irgendwann dein Untergang sein, nicht wahr?", fragte er sie mit einem finsteren Knurren. „Sie hatte recht, weißt du? Das hier ist das Letzte, was du je erleben wirst!" Er löste die Hand von ihrem Mund, um mit wenigen groben Bewegungen ihren Hals frei zu legen. Sie heulte und jammerte in einem fort, mit von hochprozentigem Alkohol rauer, krächzender Stimme, unzusammenhängende Laute und Worte ausstoßend. ‚Zetere nur so viel du willst.' Dachte Victor mit finsterer Befriedigung. ‚Es wird dir nichts nützen.' Er genoss diesen Moment. Das hilflose Opfer, das glaubte, sein lautes Wehklagen würde vielleicht ein Retter herbei rufen. Den Duft der Angst, der den Geruch nach ungewaschener Haut und schalem, alten Schweiß überlagerte. Das unglaubliche Hochgefühl, das die alles verzehrende, panische Angst des Opfers in ihm auslöste. Er ließ sich bewusst Zeit, kostete das lustvolle Gefühl der Erwartung aus in der die Furcht der Frau sich wenn möglich sogar noch steigerte, ehe er seine Reißzähne in dem fülligen Hals vergrub. Victor schloss genießerisch die Augen und gab sich vollkommen dem ekstatischen Rausch des Moments hin. Nichts kam dem Geschmack eines vollkommen verängstigten Opfers gleich. Es gab nur noch diesen Moment, den Taumel absoluter Verzückung, die lustvolle Erregung daran, das süße Gefühl frischen Blutes, das in seine Adern strömte. Das gesammelte Wissen und Erinnerungsvermögen des Opfers, das offen vor ihm lag, an ihm vorbeizog wie ein rascher Strom, für eine Weile seine eigene Wirklichkeit verdrängte, bis sie wie hinter einer Nebelwand von ihm getrennt schien. Er trank gierig in tiefen, langsamen Zügen, achtsam dieses unbeschreibliche Vergnügen nicht noch schneller zu beenden. Dennoch wandelte sich das anfangs laute Heulen bald zu einem schwächer werdenden Wimmern, ehe es ganz verstummte. Das Herz schlug schneller und schneller, steigerte seinen Genuss mit der freudigen Erwartung des nahenden Todes, der schließlich in einem Moment absoluter Verzückung eintrat. Victor atmete schwer und heftig. Er genoss das Gefühl träger Ruhe, das ihn mit einem Mal durchströmte, einige Herzschläge lang. Dann wurde er sich wieder seiner Umgebung und des Gewichts des toten Körpers bewusst, den er noch immer in einem harten Griff umklammerte. Er sah sich kurz um. Nicht weit entfernt überragte ein Findling eine tiefe Mulde im Waldboden. Nur eine kurze, ruckartige Bewegung, dann brach das Genick des Opfers unter seinen Fingern. Danach ließ er sie einfach in die Mulde fallen, genau auf die mäßig dicken Stämme einiger abgebrochener Fichten, die darin zum Liegen gekommen waren. Wenn sie gefunden wurde, würden die Sterblichen nur zu bereitwillig glauben, der Sturz auf die Stämme habe die Trinkerin getötet. Niemand würde sich wundern, dass sie die Latrine verfehlt und stattdessen im Wald ins Unglück geraten war.
Nachdem er ins Schloss zurückgekehrt war, hatte sich Victor von Krolock nicht beeilt, seinen Leibdiener zu sich zu rufen. Zu sehr grollte er ihm noch ob der Tatsache, dass er seinen Sohn gegen ihn aufgebracht und somit diesen Streit zwischen ihnen verursacht hatte. Stattdessen brütete er eine ganze Weile über dem Buch eines Mathematikers, für dessen Arbeiten er sich schon seit geraumer Zeit begeisterte und führte zu seiner eigenen Zerstreuung nach dessen Beispiel komplizierte Berechnungen aus. Für eine Weile verlor er sich in dieser angenehmen Beschäftigung. Schließlich gab er grollend zu, dass er es nicht mehr lange vor sich her schieben konnte, und legte Papier und Feder beiseite. Er ging zur Kordel hinüber und betätigte den Klingelzug. Dann setzte er sich wieder an den Tisch und vertiefte sich erneut in den mathematischen Text. Er hörte es sehr wohl, als das vertraute, unaufdringliche Klopfzeichen ertönte, ehe Banel eintrat. Doch Victor sah demonstrativ weder auf, noch gab er ein sonstiges Zeichen, dass er das Eintreffen des Mannes bemerkt hatte. Soll er ruhig noch eine Weile zappeln für das, was er angerichtet hatte. Victor las ungerührt weiter. Hinter ihm konnte er hören, wie Banel zunächst eine Weile lang von einem Fuß auf den anderen trat und sich dann leise räusperte. Er fühlte sich also unwohl. Gut so! Geschah ihm ganz recht. Die leisen Geräusche hinter ihm wurden wiederholt. Auch diesmal reagierte der Graf nicht. Ich werde dem Burschen schon zeigen, dass ich mich ihm erst dann zuwenden werde, wenn es mir beliebt. Keinesfalls vorher. Mit den Augen überflog er seine Zahlenreihen und überprüfte die Berechnungen eingehend auf Fehler. Das Zappeln und Rascheln hinter ihm dauerte diesmal länger, wie er befriedigt feststellte. Na also. Er ist also zumindest lernfähig - das ist doch ein Anfang. Er erwartete bewusst das nächste Hüsteln; als es erklang, ließ er einige Augenblicke verstreichen, ehe er sich langsam und gemessen umwandte. Sein harter Blick richtete sich bohrend auf den Diener und ließ ihn mit der Art, wie er die Augen verengte und ihn dann unverwandt anstarrte, seine Missbilligung deutlich spüren. Banel fiel es schwer, den auf ihn gerichteten Augen standzuhalten. Seine ruhelosen, kleinen Bewegungen zeigten es deutlich. Recht so! Du hast auch allen Grund dazu. „Seit wann bestimmst eigentlich du, wann ich dich rufen lasse?" Victor sprach leise, aber es lag eine unverhohlene Drohung in seiner Stimme. „Was erlaubst du dir? Wage es nicht, eine solche Dreistigkeit noch einmal zu begehen!" „Jawohl, Herr Graf", antwortete Banel nervös und verbeugte sich rasch unterwürfig. „Des Weiteren solltest du dir gut merken, dass mein Sohn nicht Erfüllungsgehilfe deiner Wünsche ist, Holzfäller! Er hat dergleichen nicht nötig. Du solltest seine Gutmütigkeit nicht missbrauchen, wenn du weißt, was gut für dich ist!", herrschte der Graf seinen Gegenüber an, das noch immer in gebeugter Haltung vor ihm verharrte. „Eine Wiederholung dieses Umstands wird es nicht mehr geben, hast du mich verstanden? Wenn du auch nur ein klein wenig Wert auf deine Stellung und die mit ihr verbundenen Privilegien legst, sollte was auch immer der Grund für diese Unverschämtheit ist, besser wirklich wichtig sein!" Banel zuckte erschrocken zusammen, verharrte dann aber, so standhaft er es vermochte, in derselben Haltung. Eines musste Victor ihm lassen, der Mann war kein vollkommener Feigling. „Vergebung, Eure Exzellenz", antwortete er leise und in einem demütigen Tonfall, „aber es ist wichtig." Der Stuhl knarrte leise, als Victor sich erhob und die Arme vor der Brust verschränkte. „Ich höre!", antwortete er knapp und barsch. „Exzellenz, ich bedaure zutiefst es Euch mitteilen zu müssen, aber die Fälle häufen sich, in denen sich Leute bei mir erkundigen, warum sie bereits so lange auf Antwort von Euch warten...", begann Banel vorsichtig und mit leichtem Zögern. „Mittlerweile kommen Menschen zu mir, um mich darum zu bitten, mich bei Euch dafür zu verwenden, doch bald auf die Korrespondenz zu antworten."„Sag ihnen, sie werden von mir hören, wenn es an der Zeit ist", antwortete Victor ungehalten. Es fehlte gerade noch, dass ich mich von meinen Untergebenen am Gängelband führen oder gar drängen lasse! „Das habe ich getan, Herr", versicherte Banel inständig. „Aber irgendwann stehen sie dann wieder vor mir und bitten darum, mich als Euer Diener für -" „Überschätze deine Stellung nicht, Banel!" zischte der Graf. Wollte auch dieser Handlanger ihm nun vorschreiben, was er zu tun hatte? Diese Dreistigkeit „Du bist nicht mehr als ein Gehilfe, hörst du? Ich kann dich jederzeit ersetzen!" „Ich weiß, Herr." Jetzt hob der Bedienstete zum ersten Mal, seit er eingetreten war, den Kopf. „Vergebung, Exzellenz!", begann er, sichtlich seinen ganzen Mut zusammen nehmend, in dem ehrerbietigsten Tonfall, den er zuwege brachte. „Doch auch ich kann nicht umhin zu bemerken, dass Ihr nicht mehr so viele Briefe schreibt, wie noch vor ein paar Wochen. Ich bitte Euch nur um eins, kümmert Euch möglichst rasch um die Belange dieser Leute. Ich weiß mir nichts mehr mit ihnen anzufangen, wenn sie mir so mit ihren Bitten auf den Leib rücken. Das ist alles, Herr!" Victors Augen wurden noch schmaler, als er sein Gegenüber fixierte. „Vielleicht wäre es besser für sie, länger zu warten", gab er unwirsch zurück. „Umso länger haben sie Hoffnung auf Gnade!" Die Betonung der Worte war seltsam und ein merkwürdiger Ton lag in der Stimme des Mannes, der Banel unwillkürlich einen Schauder über den Rücken jagte. „Sie wollen rasche Antworten? Gut, sie sollen sie haben!", knurrte er ungeduldig. „Ob sie ihnen gefallen werden, sei dahin gestellt. Du kannst gehen!" Er machte eine ungeduldige Geste mit der Hand, um seine Worte noch zu betonen und wandte sich nach einem letzten finsteren Blick auf den Diener wieder seinen Büchern zu. Er sah schon gar nicht mehr, wie Banel sich verbeugte, um sich danach rasch zu entfernen.
In den darauffolgenden Tagen nahm die Zahl der Briefe wieder ihren gewohnten Umfang an. Aber wenn Banel und alle anderen glaubten, dies sei ein Zeichen dafür, dass es seiner Exzellenz „besser ging," so irrten sie sich gewaltig. Das Gegenteil war der Fall. Tief im Innern hatte sich der Graf vielleicht aus Instinkt mit seiner Schreibarbeit zurückgehalten. Der letzte Schutz seiner Untergebenen vor der großen Veränderung, die in seinem Glaubenssystem stattgefunden hatte. Doch durch Banels Worte in die Pflicht genommen, war diese letzte fadenscheinige Barriere gefallen. Wenn die Leute, die gegen das Ausbleiben von Reaktionen und Antworten protestiert hatten, Freude oder Glück empfunden haben mochten, als sie die lang erwartete Antwort erhielten, so war dies nur von kurzer Dauer, denn der Inhalt der Antwort blieb weit hinter dem zurück, was viele von ihnen erwartet oder erhofft hatten. In der Folgezeit verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Eine Veränderung war über den Grafen gekommen. Denn obwohl die Briefe und Antworten immer noch von derselben vertrauten Hand geschrieben wurden, hatte sich seine Herangehensweise an die Dinge radikal verändert. Konnte man früher in einem begründeten Fall auf seine Rücksichtnahme und Großzügigkeit vertrauen, so war er jetzt streng und hielt sich peinlich genau an den exakten Wortlaut des Gesetzes. Ohne Ausnahme. Das galt nicht nur für seine Antworten, wenn er bei Urteilen hinzugezogen wurde, sondern auch für seine Antworten, wenn die an ihn herangetragenen Angelegenheiten seine Pächter betrafen. Bis hinunter zu den niedrigsten Leibeigenen veränderten sich die Verhältnisse für die Menschen in der Grafschaft. Obwohl er in seinem Territorium immer die Ordnung aufrecht erhalten hatte, wurden die Regeln verschärft. Er hatte den Forderungen seiner Standesgenossen, er sei zu nachsitig und müsse ihrem Beispiel folgen und das Militär ausbauen, früher immer entschieden widersprochen und nichts dergleichen getan. Stattdessen war er bis jetzt standhaft geblieben, hatte darauf beharrt, dass die bisherige Ordnung immer ausgereicht habe. Nun sahen seine Ländereien den Anbruch eines neuen Wehrdienstes, der die Zahl der stehenden Soldaten, die in Reserve gehalten werden sollten, aber auch die Zahl der Milizen in den ländlichen Regionen, die im Kriegsfall eingezogen werden sollten, erhöhte. Die Steuern, die sich unter seiner Herrschaft kaum verändert hatten, wurden angehoben. Der Grund waren angeblich die neuen Ausgaben aufgrund der notwendigen militärischen Aufrüstung. Auf Nachfrage erklärte er, dass sie sich alle an die Vorgaben ihres neuen Oberherrn halten. Ihr Gebiet gehörte seit einiger Zeit zum Herrschaftsgebiet des Hauses Habsburg - ob ihnen alles dies gefiel oder nicht. Von ihnen alle wurde nun erwartete, den Forderungen von oben zu entsprechen und die ungeliebten Pflichten als Region an den Außengrenzen des Reiches zu erfüllen. Direkt um Gnade gebeten, ganz gleich in welchem Kontext, war seine Antwort immer die gleiche. Mit einem bitteren und harten Blick sagte er immer: ,,Barmherzigkeit ist nichts als eine leere Illusion!" Das war stets sein letztes Wort zu diesem Thema. Es war etwas geworden, woran er selbst fest glaubte. Wohin er auch blickte, alles schien Victor darin Recht zu geben. Sogar sein persönlicher Diener. Einst hatte er Banel in seine Dienste genommen, weil ihn dessen Geschichte und die Tatsache, dass er seine Taten bereute und sühnen wollte, persönlich berührte. Nun blickte er mit heimlichem und bitteren Neid auf ihn. Obwohl sie beide Mörder waren, konnte der Diener immer noch glauben, dass er seine Tat sühnte, indem er gute Arbeit leistete und jemand ganz anderes geworden war. Solange er in Diensten seines Lehnsherren stand, war er darüber hinaus auch noch geschützt und vor jedweder Verfolgung sicher. Victor hingegen, von dem man behaupten konnte, dass er sich noch mehr als Banel bemüht hatte, indem er versuchte das Vorzeigemodell eines guten Vampirs zu sein und das Los aller unter seiner Herrschaft stehenden Menschen soweit wie möglich zu verbessern, war unentrinnbar in seiner Existenz als Vampir, in die er unverschuldet hineingestoßen worden war, gefangen und damit gestraft. Ohne Ausweg, egal was er tat oder nicht tat. Es würde niemals Gnade geben. Gnade hatte für ihn nie seine Untertanen im Gegensatz zu ihm hatten, war die beneidenswerte Illusion, dass alles besser werden könnte und würde, dass irgendwo ein gutes Ende auf sie wartete. Er war im orthodoxen Glauben erzogen worden, aber er war nie sehr religiös gewesen. Inzwischen glaubte er, dass das, was den Menschen am Ende der irdischen Zeit erwartete, nicht die versprochene Belohnung sein würde. Wenn es überhaupt etwas gab, dann konnte es nur schlimmer sein.
Selbst seine adligen Standesgenossen wurden sich der Veränderung bewusst, die über ihn gekommen war. Während seiner unnatürlich langen Amtszeit hatte er die Verbindung zu den anderen Mitgliedern seines Standes nur in Briefen aufrechterhalten und jede Einladung, andere Adlige in ihrer Residenz zu besuchen, mit der Begründung seiner bekannten Krankheit und seiner als auch seines Sohnes schwächlicher Gesundheit abgelehnt. Manchmal hatte er andere Aristokraten in seinem eigenen Schloss zu Gast, aber die Gelegenheiten waren sehr selten. Jahrzehntelang hatten seine Nachbarn Graf von Krolock gebeten und ihm nahegelegt, härter zu seinen Untertanen zu sein. Victor hatte sich stets geweigert und sich damit den Tadel seiner Standesgenossen zugezogen. Nicht nur, dass er viele ihrer Erwartungen nicht erfüllte, was Militärausgaben und dergleichen anging. Er erregte sogar die Gemüter der einfachen Leute in den angrenzenden Territorien, weil er weit weniger Steuern verlangte als die noblen Herren um ihn herum, und sich zudem bemühte, dass zu tun, was er für seine Untertanen für das Beste hielt. ,,Krolock der Heilige", war schon vor langer Zeit zu einem abfälligen Beinamen für ihn geworden und war noch immer sehr gebräuchlich, wenn seine Standesgenossen über ihn sprachen. Aber selbst sie mussten zugeben, dass sich sein Gebaren geändert zu haben schien. Waren seine Antworten bisher immer höflich, aber auf den Punkt gebracht, so hatten seine Briefe nun eine harte, strenge Note, die manchmal beinahe feindselig war. Viele von ihnen fragten sich, ob das Haus von Krolock nun im Niedergang begriffen war. Auch sein eigener Haushalt bekam die Auswirkung der Veränderung im Wesen ihres Herrn zu spüren. Bislang hatten seine Bediensteten einem recht anspruchslosen Herrn gedient. Da er selbst, solange es seinem Personal gedachte, verwitwet und sein einziger Sohn nie etwas anderes als ein Junggeselle gewesen war, brauchten beide nicht viel Bedienung. Seine Exzellenz sogar noch weniger als der junge Herr. Es hatte nie unverschämt wirkende Forderungen nach Badewasser in tiefster Nacht oder dergleichen gegeben. Beide Adlige hatten ihre festen, dem Personal bekannten Routinen. Was sie benötigten, wurde zeitig nach Sonnenuntergang bereitgestellt, das Feuer bis dahin gründlich gepflegt, die Leuchter entzündet und dergleichen. Für etwaige nötige Kleinigkeiten gab es ein kleines Kontingent an Bediensteten in nächtlicher Bereitschaft, aber sie wurden selten nach Mitternacht noch gestört. Die beiden adligen Herren schienen mit der Gesellschaft des jeweils anderen zufrieden. Der Jüngere frönte den schönen Künsten, der Malerei, der Musik, dem Tanz und Ähnlichem; der Graf vergrub sich in seinen Büchern und Gäste gab es äußerst selten. Doch mit einem Mal war es seitens des Grafen von jetzt auf gleich mit der stillschweigenden Rücksichtnahme für das Personal vorbei. Heißes Wasser, gleich zu welcher Uhrzeit; sein Pferd, das mitten in der Nacht gesattelt werden sollte; um nur einige Beispiele zu nennen, und die Anordnungen waren nicht länger entschuldigend charmant, sondern herrisch, manchmal sogar fast feindselig. Wer es nicht ohnehin schon getan hatte, machte einen großen Bogen um den Grafen. Das Gesinde bemerkte mit der Zeit immer deutlicher, dass auch etwas zwischen Vater und Sohn in der Luft zu liegen schien, wenn sie sich im selben Raum aufhielten.
Der Sommer war im Gebirge eingezogen. Unter dem ausgiebigen Regen zeigte sich der dichte Wald um das Schloss zu seinem für diese Jahreszeit üblichen, dunklen Grün. Doch der Wechsel der Jahreszeit hatte im Schloss selbst keine Veränderungen herbeigeführt. Wer konnte mied den Herrn der Grafschaft soweit ging – und das nicht mehr nur wegen der Dinge, die man sich hinter vorgehaltener Hand über ihn erzählte. Brächte die Stellung härtere Arbeit und schlechteren Lohn, gar mancher der Dienstboten würde die Livree gegen eine neue Stellung eingetauscht haben. Victor von Krolock war die Meinung seiner Angestellten jedoch gleichgültig. Wenn er es wollte, konnte er sie jederzeit durch andere ersetzen, so glaubte er zumindest. Abgesehen davon war es nicht seine Aufgabe, sie mit den unausweichlichen Tatsachen des Lebens zu versöhnen. Es war hart und unerbittlich – für jedermann. Ganz gleich welchem Stand die betreffende Person angehörte. Was sie davon hielten, war schließlich nicht sein Problem.
An diesem Abend war der Salon im zweiten Stock für Besuch hergerichtet worden, genauso wie das große Arbeitszimmer des Grafen, denn er erwartete eine Gruppe Abgesandter verschiedener Stadträte und Gemeinden. Die Beschwerden, die sie mit ihm zu besprechen wünschten, waren allesamt die gleichen, weshalb er es nicht eingesehen hatte, Zeit zu vergeuden, indem er jedem von ihnen eine private Audienz gewährte. Victor war bereits zum Jagen draußen gewesen. Jedoch nicht mehr wie noch in vergangenen Zeiten, um zu versuchen, einem bestimmten Bild zu entsprechen. Er hatte dies genauso aufgegeben wie seine Ideen von Idealen, die alles besser machen würden. Wozu versuchen, wie ein Sterblicher auszusehen? Er würde nie wieder einer sein. Aber seiner Einschätzung nach, würde die anberaumte Unterredung längere Zeit in Anspruch nehmen. Er hatte keine Lust verspürt, seine eigenen Bedürfnisse aufzuschieben. Seinen sterblichen Gästen würde man ein, dem Haushalt ihres Gastgebers angemessenes, Abendessen servieren, ihm selbst stand auf seine Weise das Gleiche zu. Er hatte es allerdings dieses Mal vorgezogen, die Sache rasch hinter sich zu bringen. Nun saß er im Salon in seinem großen Lehnstuhl und wartete darauf, dass Banel die Männer zu ihm brachte. Ungeduldig trommelte er mit den Fingerkuppen der zu einer Spitze zusammengelegten Händen gegeneinander. Endlich ertönte das erwartete Klopfen. „Herein!", antwortete er knapp. Die Tür öffnete sich und Banel trat, sich verbeugend, ein. „Die Herren der Gesandtschaft, Herr Graf", sagte der Mann höflich. „Schicke sie herein, Banel, und dann geh! Das ist vorerst alles", entgegnete Victor kühl. Seit jenem Gespräch war die Stimmung zwischen ihnen merklich abgekühlt und angespannt. Der Mann machte eine weitere Referenz und ging dann nach draußen, um den Herren zu melden, dass sie eintreten sollten.
Kurz darauf traten vier Männer in den Raum. Alle waren bereits in mittleren Jahren und entsprechend ihren würdigen Positionen gekleidet. Victor von Krolock machte eine auffordernde Geste zu dem großen Tisch mit den wartenden Stühlen. „Nehmt Platz, meine Herren. Ihr seid mit nahezu identischen Anliegen an mich herangetreten. Aber ich bin ein vielbeschäftigter Mann, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit. Fasst euch also kurz." Die Männer warfen sich gegenseitig verstörte Blicke zu. Sie alle dienten ihrem Lehnsherren bereits seit geraumer Zeit. Diese forsch und kühl vorgebrachten Worte und das Ausbleiben der gewohnten freundlich, charmanten Einleitung zur Begrüßung, setzte sie in Erstaunen. Ebenso der verschlossene Gesichtsausdruck. Ein Mann mit bereits gänzlich ergrautem Haar, ergriff schließlich als erster das Wort. „Nun, Exzellenz, es muss gesagt werden, dass uns die neuen Abgaben, die Ihr einzuführen gedenkt, uns doch beunruhigt haben. Und wir fragen uns, ob es wirklich notwendig ist." Die Worte wurden bestimmt, aber nicht unhöflich vorgetragen. Der Graf hob mit einem Seitenblick eine Braue. „Ich habe sie eingeführt. Das sollte euch bereits genug über ihre Notwendigkeit sagen", entgegnete er lakonisch. „Des Weiteren müssen die gestiegenen Wehrausgaben ausgeglichen werden", fügte er hinzu. „Ihr erwähnt einen weiteren wichtigen Punkt, Herr Graf. Sollten wir uns wegen des neuen Kriegs- und Wehrdienst Sorgen machen? Plant der König einen Feldzug, von dem wir nichts wissen, Herr?", wollte ein weiterer der Männer beunruhigt wissen. Der Graf rollte sichtlich die Augen. „Ich nehme an Ihr seid alle ebenso in dieser Gegend geboren, wie ich selbst", entgegnete er brüsk. „Jeder der mit der Geschichte Transsylvaniens vertraut ist, sollte eigentlich nur zu gut wissen, dass wir uns niemals auf unseren Lorbeeren ausruhen dürfen. Wir konnten uns nicht davor bewahren, dem Osmanischen Territorium einverleibt zu werden, in dem wir untätig geblieben sind", dozierte Victor ungeduldig. Einige der Anwesenden murmelten zustimmend, wie er befriedigt feststellte. „Abgesehen davon solltet ihr wissen, dass wir seit einiger Zeit unter der Herrschaft eines anderen Fürstenhauses stehen. Auch ich kann mir die politischen Gegebenheiten nun einmal nicht aussuchen", fuhr Victor gereizt fort. „Ich habe so lange, wie möglich dem Druck zur Aufrüstung widerstanden, der von allen Seiten auf mich ausgeübt wurde. Es steht Euch aber frei, Euch in den Nachbarregionen zu erkundigen. Soweit ich weiß sind deren Abgaben höher – und ihre anderweitigen Verpflichtungen größer." „Das ist uns bekannt, Eure Exzellenz", antwortete ein hagerer kleiner Mann mit Monokel daraufhin. „Dennoch-" „Was erwartet Ihr eigentlich?", fuhr der Graf ungeduldig dazwischen. „Dass ich im Alleingang ändere, was die Habsburger von uns erwarten? Wie stellt ihr euch das vor?" Victor hatte die Arme sinken lassen und beugte sich, die Anwesenden einen nach dem anderen direkt fixierend, in seinem Lehnstuhl nach vorne, die Stimme vorwurfsvoll. „Glaubt ihr allen Ernstes, dass ein großes Adelsgeschlecht, das seit Jahrhunderten den Kaiser eines großen Reiches stellt, sich von einem kleinen Grafen irgendwo in den bergigen Ausläufern seines Reiches reinreden lässt?" Er sprach mit vor Sarkasmus triefender Stimme weiter und lachte dann bitter auf. „Wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, meine Herren, dann frage ich mich tatsächlich, in welchem Traum ihr bisher gelebt habt." „Exzellenz, selbst Ihr könnt nicht leugnen, dass wir bislang von Euch anderes gewohnt waren", hielt ein dritter der Männer entrüstet entgegen. Victor zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Die Dinge ändern sich", konterte er scheinbar gelassen. „Wenn dies geschieht, müssen sich auch die Umstände ändern. Auch ich kann da nichts anderes tun! Verflucht, was erwartet ihr eigentlich? Dass ich dem Kaiser sage, er könne sich seine Forderungen an den Hut stecken und versuchen, einen dieser langwierigen und kaum erfolgreichen Aufstände anzuzetteln, wie sie in ganz Europa in den letzten 100 Jahren nur allzu häufig geschehen sind? In unserer kärglich besiedelten Region?" Sein Tonfall war ruppig und sagte nur allzu deutlich, was er von der Vorstellung hielt. „Natürlich nicht, Exzellenz!", versuchten seine Gäste zu beschwichtigen. „Das ist alles was ich von Euch höre", erwiderte Victor in scharfem Tonfall. „Versetzt Euch einmal an meine Stelle. Ich bin verantwortlich für alle Menschen unter meiner Herrschaft. Was ist wohl besser für sie? Wenn ich versuche, meinen Vorgesetzten zu trotzen und nach meinem Gutdünken Neuerungen durchzusetzen, weil ich glaube, meine Untertanen würden davon profitieren? Oder ist es nicht klüger, denjenigen, die über uns stehen, ein wenig entgegenzukommen? Neuerung einzuführen, mit denen wir beweisen können: seht, wir leisten unseren Beitrag im Rahmen unserer Möglichkeiten! Oder sollte ich das Äußerste riskieren, den Tod Tausender in Kauf nehmen und die Überlebenden einem neuen Lehnsherren überlassen, der mit Sicherheit härtere Bedingungen festlegen würde, wie sie bei uns bislang gelten und euch viel mehr an Abgaben abpresst als ihr sie bisher leisten sollt. Es ist Sicherheit nicht den Preis wert, den wir dafür zu zahlen haben?" Der Graf sprach eindringlich und mit leidenschaftlichem Ton. „Da habt ihr natürlich Recht, Herr Graf!", antwortete der älteste Herr in der Runde nachdenklich. „Aber Ihr müsst verstehen, wenn wir Bedenken haben. Was ist mit den kleinen Leuten? Wird sie diese neue Steuer nicht zu sehr einschnüren?" Der Graf sah den Mann hart an. „Ihr erwartet nicht von mir, dass ich Euch das glaube, Negrescu. Ich weiß sehr wohl um Eure Handelstätigkeiten. Seid Ihr so ängstlich darauf bedacht, nicht mehr Steuern zahlen zu müssen, damit Euer Gewinn ja nicht schmäler wird? Ein wenig heuchlerisch, deswegen das einfache Volk ins Feld zu führen. Euer Geschäft wird es überleben! Aber wisst Ihr was passiert, wenn ein Söldnerheer eine Stadt einnimmt? Plünderung, Brandschatzung und Schändung der Frauen! Wie viel würde wohl von Euren profitablen Unternehmungen dann noch übrig bleiben? Wollt Ihr mir allen Ernstes erzählen, es sei besser, dieses Risiko einzugehen?" Die Worte des Grafen waren hart und unerbittlich. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Euch diese Sorge für das gemeine Volk glaube, Exzellenz!", hielt Negrescu ein wenig pikiert entgegen. „Auch glaube ich, dass ich für die anderen Versammelten spreche, wenn ich das sage, wir alle haben gehört, dass Ihr viele Gnadengesuche abweist, die Euch erreichen." Victor richtete einen durchbohrenden Blick auf den Sprecher. „Die Aufgabe eines Richters ist oft keine sehr angenehme. Und die Entscheidungen müssen wohl abgewägt werden. Die Dinge, die an mich herangetragen werden, sind im allgemeinen solcher Art, dass viele mindere Männer sich davor scheuen." Victors Antwort war streng und bestimmt. „Wenn ich alle Verbrecher laufen lasse, was glaubt Ihr passiert dann bald auf unseren Straßen und in den Dörfern und Städten? In einer Zeit, in der die Zahl der Verbrechen steigt, muss auch die Anzahl an erwiesenen Gnadenakten rückläufig sein! Ich halte mich an die Gesetze, die von unseren Vorfahren festgelegt wurden und die uns bisher gut gedient haben, wie mir scheint. Was gibt es daran auszusetzen? Und was davon ist ein Zeichen dafür, dass ich mich weniger um meine Untertanen kümmere?" Seine Stimme war stetig lauter und unwirscher geworden, während er sprach. Wie konnte dieser ungehobelte Kerl es wagen, ihn derart anzugehen? „Gewiss, ich habe die Gesetze auch schon großzügiger ausgelegt. Aber sehr zu meinen und den Ungunsten der mir unterstellten Menschen, wie mir scheint. Oder die Zahlen der mir vorgelegten Fälle wäre nicht so groß. Ich kann Euch gerne meine Aufzeichnungen zeigen, wenn ihr mir nicht glauben mögt", schlug er dann gereizt vor. „Schon gut, Exzellenz, schon gut!", lenkte derjenige der vier in versöhnlichem Ton ein, der bisher still geblieben war. „Wir glauben Euch. Euer Pflichtbewusstsein und Gründlichkeit ist ja allgemein bekannt. Vergebt uns, wenn die Umstände insgesamt uns ein verzerrtes Bild gezeigt haben!" Der Graf lehnte sich mit einem deutlich hörbaren, tiefen Atemzug wieder zurück und seine verfinsterten Züge entspannten sich ein wenig. „Niemand möchte, dass man uns am Ende gar die Söldner schickt, nur weil unsere Grafschaft nicht die an sie gestellten Aufgaben erfüllt", ergänzte ein weiterer der vier Männer. Der Graf nickte zustimmend und sah verhaltene Zustimmung reihum. „Nun, was erwartet mich jetzt, wenn ich Euch mit keinen besseren Nachrichten an Euere Wirkungsstätten entlasse?", fragte er misstrauisch. „Wird man gegen mich skandieren und versuchen die Rathäuser zu stürmen?" „Gewiss nicht, Herr! Niemand von uns hat öffentlich über diese Unterredung gesprochen oder gar Unmut in den Straßen verbreitet", erklärte erneut der jüngste der Runde, in beflissenen Tonfall. „Wir sind nur hierher gekommen, um uns selbst ein zutreffendes Bild zu machen Wir sind natürlich froh, dass Ihr so bemüht darum seid, unser aller Sicherheit zu garantieren und wollen gewiss das unsrige dazu beitragen! Könnt Ihr uns denn Eurerseits versichern, dass wir keinen Krieg erwarten müssen?", wollte er dann abschließend wissen. „Ich kann euch versichern, dass mich bislang keine Kunde davon erreicht hat und Ihr es rasch erfahren sollt, sobald sich daran etwas ändert!", versicherte der Graf ruhig. „Für den Augenblick sieht es nicht danach aus, aber als Region an der Außengrenze eines Reiches sehen wir uns nun mit anderen Anforderungen konfrontiert, die an uns gestellt werden." Er zuckte scheinbar schicksalsergeben mit den Schultern. „So sind nun einmal die Tatsachen, auch ich muss jenen gehorchen, die von höherem Stand sind als ich selbst", setzte er unverblümt hinzu. „Und es gibt nicht mehr, das Ihr tun könntet, Herr Graf?" Negrescu kam scheinbar nicht umhin, noch ein wenig mehr zu wehklagen.. „Was getan werden konnte, wurde bereits getan! Das Leben ist hart – für uns alle!"
Nach geraumer Weile wurde die Unterredung im Sinne Victor von Krolocks beendet und die Männer hatten seine Gegenwart verlassen, überzeugt von dem, was ihr Graf ihnen mit auf den Weg gegeben hatte. Dass ihr Beitrag, durch den zu leistenden, erweiterten Wehrdienst und die zusätzlichen Abgaben nur zu ihrem Besten, und zum Wohl der Sicherheit aller Bewohner der Grafschaft war und diese somit garantierte. Er hatte sich dabei den Ruf zunutze gemacht, der dem Haus Habsburg anhaftete, das seit einigen Jahrzehnten die Region seinem Regentschaftsbereich einverleibt hatte. Und in der Tat gab es genügend Aufstände, die blutig niedergeschlagen worden waren. Victor bezweifelte zwar, dass die Männer genaue Details kannten, aber die Andeutungen hatten vollkommen genügt. Und das sollten sie besser. Wenn ihn einer seiner adligen Nachbarn anschwärzte, würde es ihnen allen übel bekommen, soviel stand fest. Ganz gleich, was die neuen Oberherren nun genau einforderten oder nicht. Es war also keine direkte Lüge. Denn wenn jemand mit dem Finger auf seine Grafschaft zeigte, würde er jetzt jederzeit argumentieren können, bereits so viel zu unternehmen, wie es in ihrem Gebiet möglich war. Dass er das Risiko früher einmal leichthin eingegangen war, musste niemand wissen. Was er persönlich zu riskieren bereit war, ging nur ihn selbst etwas an. Und wenn er seine Meinung in verschiedenen Punkten geändert hatte, war das gleichwohl seine Sache. Gerade hatte er mit wenig Begeisterung ein letztes Dokument unterzeichnet und gesiegelt, da klopfte es an der Tür. Victor sah überrascht auf. Er erwartete weder jemanden, noch hatte er nach etwas geschickt. Sein Sohn pflegte zudem, ohne zu klopfen einfach herein zu stürzen. „Ja?", rief er schließlich unwillig. Die Tür wurde geöffnet und Banel trat herein, als sei er erwartet worden. Victor runzelte die Stirn. „Ich kann mich nicht erinnern, geklingelt oder nach dir geschickt zu haben," bemerkte er scharf. „Das habt Ihr auch nicht, Herr", entgegnete der Diener gelassen. „Dann entferne dich, ich bin beschäftigt!", zischte Victor empört. „Ich werde erst gehen, wenn ihr mich angehört habt!" Banel verschrenkte nervös seine Finger wieder und wieder ineinander und schaute zu Boden. Die Augen des Grafen weiteten sich drohend. „Was erlaubst du dir?", herrschte er den Bediensteten an. „Alles hat seine Grenzen, Herr! Ich weiß, Ihr haltet nicht viel von meiner Meinung, aber ob es Euch nun gefällt oder nicht, Ihr werdet sie Euch anhören!" Der Diener holte tief Luft, ehe er weiter sprach. ,,Seit Monaten stehe ich zwischen Euch, dem Personal und jedem Menschen, der mit irgendeinem Anliegen hierher kommt." Banel sprach rasch und mit unverhohlener Ungeduld in der Stimme. „Und du wirst gut dafür entlohnt genau das zu tun Holzfäller!" versetzte der Graf scharf. „ Das solltest du besser nicht vergessen!" „Bezahlung ist nicht alles!", entgegnete Banel fest. „Wenn ich sehe, wie Ihr Euch seit einiger Zeit verhaltet, dann denke ich, es gibt Dinge, die wichtiger sind als ein üppiger Lohn!" Victor lachte bitter auf. „Ist das so?", entgegnete er dann ungläubig. „Es steht dir jederzeit frei zu gehen, wenn deine Sicherheit dir so wenig bedeutet. Was glaubst du, wohin du sicher zurückkehren könntest?" „Was glaubt Ihr eigentlich, was ich meinen Häschern über Euch erzählen könnte, wenn sie meiner habhaft werden?", gab Banel nun seinerseits unwirsch zurück. Victor schnaubte verächtlich. „Wer würde dir schon glauben, wenn mein Wort gegen deines steht?", gab er höhnisch zurück. „Bei allem Respekt, Herr, so wie Ihr Euch gegenwärtig verhaltet, würde ich genug offene Ohren finden, die mir glauben würden", antwortete Banel entschlossen. „Ihr mögt diesen Herren heute Abend genug Angst eingejagt haben, damit sie sich Eurem Standpunkt angeschlossen haben und es tatsächlich glauben. Aber wer würde schon daran zweifeln, wenn ich erzähle, dass gewisse dunkle Geheimnisse der Wahrheit entsprechen?" Victors Gesicht nahm einmal mehr den neutralen Gesichtsausdruck an, der ihm schon so oft gute Dienste geleistet hatte, eher er den Bediensteten wissend und kalt ansah, während ein seltsamer Zug dabei seine Mundwinkel umspielte. Seine Stimme war mit einem Mal vollkommen ruhig und kalt. „Einmal angenommen, deine absurden Anschuldigungen hätten auch nur den kleinsten Wahrheitsgehalt. Und gehen wir noch einen Schritt weiter und behaupten, all die dunklen Legenden wären mehr als dumme Hirngespinste... Du willst mir allen Ernstes drohen, während du andeutest, dass du glaubst, ich sei ein eben solches Wesen?", entgegnete der Graf mit beißender Häme. Die hellen Augen abfällig auf Banel gerichtet, schenkte der Graf ihm ein boshaftes Lächeln. „Wenn das tatsächlich so ist, dann bist du vollkommen verrückt!" Der Graf erhob sich ohne Hast und Banel schluckte sichtlich, als sein Lehnsherr, noch immer mit diesem Lächeln, das ihm die Nackenhaare aufrichtete, begann, langsam um ihn herumzugehen. „Wenn du Recht hättest, dann hättest du wohl gerade deine größte Torheit begangen, nicht wahr?", fragte Victor leise, die Stimme spöttisch verständnisvoll. „Was für ein Malheur. Aber auch dann, wenn es nicht stimmt-" Victor blieb hinter Banel stehen, seine Lippen sehr nahe dem Ohr des Mannes. ,,Glaubst du allen Ernstes, ich werde einen Mann in meinen Diensten dulden, der es wagt, mir zu drohen?" Banel hatte gerade noch genug Zeit um zusammenzuzucken, dann presste sich die Spitze eines Dolches an die verwundbarste Stelle seines Rückens, genau zwischen den Schulterblättern. Er hatte weder die Bewegung in seinem Rücken gespürt, noch hatte er ein Geräusch gehört, das ihm verraten hätte, dass Victor den versteckten Dolch aus seiner Scheide zog, den er selbst nach all der langen Zeit noch immer stets bei sich trug. „Du wirst mich jetzt nach draußen begleiten, Holzfäller!," knurrte er kaltblütig. „Ich kann sehr gut mit dieser Klinge umgehen. Du bist tot, ehe du schreien kannst!", „Was habt ihr mit mir vor?", brachte Banel gepresst heraus. „Oh, ich werde dich persönlich aus meinem Schloss entfernen. Hast du wirklich geglaubt, du seist nicht ersetzbar? Oder hast du dich Illusionen hingegeben, ich würde mich von einem dahergelaufenen Mörder, wie dir, erpressen lassen?" Noch immer war die Stimme dicht neben dem Ohr des Dieners, kaum mehr als ein Flüstern. Aber die Drohung darin war nur allzu deutlich zu hören. „Ihr seid vielleicht noch schlimmer als ich!", antwortete Banel vor Angst zitternd. „Vielleicht bin ich das", kam die unerbittliche Antwort. „Aber sei versichert – du wirst es niemals herausfinden" Die Klinge presste sich fester in Banels Rücken, genug, um die Haut zu verletzen, sodass einige Tropfen Blut hervorquollen, der Sterbliche sollte es spüren. „Vorwärts! Du gehst, wohin ich es dir befehle! Eine falsche Bewegung und ich töte dich sofort!" „Und wenn nicht, verschont ihr mich?" Die unverhohlene Hoffnung in der Stimme des Dieners war beinahe amüsant. „Vielleicht erhöht es deine Chancen... Fordere mich nicht heraus, Banel! Ich spreche keine leeren Drohungen aus!", entgegnete der Graf ungeduldig. Der Mann gehorchte. Victor atmet genüsslich den Duft der Angst ein. Gut so! Das hatte sich dieser Narr selbst zuzuschreiben. Sollte er glauben, dass er ihn einfach nur nach draußen schaffen und einen Häschern überlassen würde. Es war gleichgültig, solange es ihn nur vor die Schlossmauern brachte. Durch selten benutzte Flure brachte er den Diener zuerst hinunter ins Erdgeschoss und von dort aus zu einer Seitentür, die dem Friedhof am nächsten lag. Der Bursche begann ängstlich zu werden, als er das dicht befüllte Gräberfeld vor sich erahnte. „Ihr werdet mich hier umbringen!", keuchte er entsetzt, mit fast schriller Stimme. „Nicht doch. Schön leise, wir wollen ja nicht, dass du das ganze Schloss aufschreckst", antwortete Victor von Krolock mit gespielt nachsichtiger Milde. „Du bist tot, bevor sie dir helfen können, wenn du mir nicht gehorchst, Vergiss das nicht!", versetzte er dann schroff. „Schräg nach links jetzt, los, vorwärts!" Er drängte ihn nach und nach dicht zum Fuß einer Mauerstelle, die nicht so hoch war wie die restliche Umfassungsmauer. Fast dort angekommen, gab er Banel einen Stoß, sodass er heftig dagegen taumelte. „Was tut Ihr?", keuchte er erstickt und entsetzt. „Das ist dein Ausgang, Holzfäller!", antwortete Victor herrisch. „Verschwinde aus meinem Schloss!" Der Mann sah ungläubig über seine Schulter zurück. „Aber-" „Du wirst das Schloss verlassen, wie der töricht kleine Verbrecher, der du bist!", entgegnete Graf von Krolock mit einem boshaften Knurren. „Du hast deinen Herrn bedroht und dann aus Angst vor den Konsequenzen, die deine infamen Lügen dir eingebracht haben, die Flucht ergriffen. Sobald es Tag wird, werden sie hinter dir her sein. Und jetzt verschwinde, ehe ich es mir anders überlege!" Victor beobachtete ihn finster und unerbittlich. Den im schwachen Licht der Sterne glitzernden Dolch noch immer drohend erhoben. Mehr brauchte es nicht. Mit einem atemlosen keuchenden Schluchzen begann Banel die Mauer zu erklimmen. Victor hörte kurz darauf das dumpfe Geräusch, mit dem er unten auf dem Boden aufkam. Ein grausames Lächeln umspielte seine Lippen, während er den Lauten hastig rennender Füße lauschte. Langsam ging er mehrere Minuten zwischen den verwitterten Gräbern auf und ab. Dann erklomm er ohne Mühe die Mauerkrone und glitt auf der anderen Seite zu Boden. Dann überließ er sich genüsslich dem Jagdinstinkt. Der Sterbliche hatte geglaubt, er würde mit einer großen Portion Glück davonkommen. Er hatte beklagenswert falsch gelegen. Es war nicht mehr gewesen als ein Schmierentheater, das ihn nur ungesehen aus den Schlossmauern hinausbefördern sollte. Es war notwendig, wenn er sich an die Kardinalregel halten wollte, die er für sich und seinen Sohn schon vor langer Zeit etabliert hatte.
Der Sterbliche hatte das Täuschungsmanöver die ganze Zeit nicht durchschaut. Victor hätte ihn nur sehr ungern innerhalb der Schlossmauern getötet. Doch er würde es getan haben, wenn sich die Notwendigkeit ergeben hätte. Aber dies hier... dies war, was er die ganze Zeit über beabsichtigt hatte. Mühelos heftete er sich auf die Fährte des Menschen und verfolgte seine frische Spur in den nahen Wald. Der Geruch nach Angst hing noch immer in der Luft, wie ein vertrautes, schweres Bouquet. Obwohl er sich nicht übermäßig beeilte, wusste Victor, dass er unaufhaltsam zu Banel aufschloss. Schließlich konnte er ihn nicht nur riechen, sondern auch hören. Auf die Möglichkeit seine Position mit seinem siebte Sinn zu erfassen, hatte er aus purer Jagdlust verzichtet. Er genoss den Nervenkitzel der Hatz auf die fliehende Beute, das Gefühl von Macht und Überlegenheit. Banel hatte gewagt ihm zu drohen, jetzt würde er ihm beweisen, wie kurzsichtig und dumm es gewesen war, sich ein Wesen, wie ihn, zum Feind zu machen. Der Mann schien zu ahnen, dass er verfolgt wurde, auch wenn der Vampir auf seinen Fersen bisher kein Geräusch gemachte hatte, denn er drehte immer wieder den Kopf, um beim hastigen Laufen immer wieder über die Schulter zu sehen. Eine Woge heftiger freudiger Erregung überkam den Jäger nicht weit hinter ihm. Fast! Er ließ es zu, dass seine Schritte das Laub zum Rascheln brachten, dass der Sterbliche es hören konnte und wurde damit belohnt, dass dieser umso schneller lief und noch öfter über die Schulter blickte. Jetzt war er nahe genug, dass der Flüchtenden den Schatten erkennen würde, der ihm folgte, schneller als er selbst. Banel legte noch ein letztes Mal in vollkommenem Schrecken an Geschwindigkeit zu, sah wieder über die Schulter, dann stürzte er über einen vom Boden abstehenden Ast und überschlug sich. Er kam zitternd auf die Beine und rannte mühsam wieder los. Aber es war offensichtlich, dass der Sturz nicht ohne Folgen geblieben war: eines seiner Beine schien ihm nicht recht zu gehorchen. Mit einem letzten, übermenschlich schnellen Spurt erreichte Victor seine Beute, packte den Mann an der Schulter und zog ihn mit einem Ruck an sich. Banel hatte kaum Zeit zu schreien, bevor er ihn an den Haaren packte und seinen Hals überstreckte. Dann versenkte Victor die Reißzähne im Fleisch seines Opfers. „Nein, bitte nicht!" , schrie der ehemalige Diener schrill auf. „ Es tut mir leid! Ich werde es niemandem verraten! Und wenn sie mich foltern sollten…" Dummer Narr! Begreifst du nicht, dass es längst zu spät ist? Es ist zu spät gewesen, von dem Moment an, in dem du die Drohung ausgesprochen hast. Jeder tiefe Schluck war ein Triumph. Die Furcht, der tiefe Schrecken, der Banel in die Glieder gefahren waren, schmeckten köstlicher auf seiner Zunge, als es der erlesenste Wein während seiner Tage als Sterblicher getan hatte. Das Gefühl der nackten Angst des Opfers steigerte das Gefühl der Lust. Er kostete jeden Moment gierig aus, genoss es, ihm seine armseligen, kleinen Geheimnisse zu entreißen, beobachtete neidisch, was Banel sich selbst genommen hatte, indem er aus Jähzorn das Wesen vernichtete. Victor verlor sich für eine Weile in einem Taumel aus berauschender Lust, sich so vom Geist des Sterblichen umgeben zu fühlen, und dem süßen Rausch des lebendigen Blutes. Schneller und schneller raste das Herz, ehe es zu taumeln und zu stocken begann. Dann kam der letzte intensive Moment, als der Tod einsetzte, der das Erlebnis vollendete. Heftig atmend schob Victor den leblosen Körper ein wenig von sich, ehe er ihm mit einer beiläufigen Bewegung das Genick brach. Dann schaffte er Banel zurück zu der Stelle, wo er gestürzt war und ließ ihn dort mit verdrehten Gliedern zurück. Wenn er gefunden wurde, sprach alles für einen Unfall auf der Flucht. Niemand würde es hinterfragen. Bevor der Morgen graute, würde er entsprechende Befehle geben, dass Banel zu suchen und gefangen zu nehmen war. Er hatte es gewagt, seinen Herren zu bedrohen, war dann geflohen, als er ihn über die Konsequenzen seiner Tat in Kenntnis setzte. Wenn sie herausfanden, was er sich in seinem alten Leben hatte zu Schulden kommen lassen, würde niemand seine Verfehlung bezweifeln. Wenn sie ihn so fanden, würden alle denken, er habe nur bekommen, was er verdiente. Und das hat er auch!, dachte Victor zufrieden mit einem finsteren Seitenblick auf die leblose Gestalt, ehe er sich umwandte und den Ort des Geschehens still und spurenlos verließ.
Autors Note:
Dieses Kapitel hat mir einige Probleme bereitet, obwohl die dafür geschriebenen Stichpunkte sehr eindeutig waren. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Mal zwei Wochen länger gebraucht habe. Ich fürchte, ich mache Victor hier ganz schön unsympathisch. Die Grundlagen vieler Ideen dazu stammen tatsächlich aus dem englischen Demo „Endless Appetite". War für mich hier eine unglaublich hilfreiche Inspirationsquelle.
Lasst mich gerne eure Meinung hören!
Negrescu – rumänischer Nachname. Bedeutung „Sohn der schwarzhaarigen Person".
