Kapitel 18: Ich will hoch und höher steigen…
Wie lange sie so da standen, hätte Victor nicht zu sagen vermocht. Als er sich selbst genug gefasst hatte, um in der Lage zu sein mehr wahrzunehmen, als Herberts Arme, die fest um seine Schultern geschlungen waren, hatte sich der Tränenschleier vor seinen Augen zwar verzogen, aber er konnte die Nässe auf seinen Wangen immer noch fühlen. Ein Schniefen an seiner Schulter verriet ihm, dass auch Herbert geweint hatte. Instinktiv glitt eine Hand ohne sein bewusstes Zutun weiter nach oben und er zog seinen Sohn zärtlich an sich, während die Finger der andern beruhigend über dessen Rücken strichen. „Es tut mir leid", murmelte er leise. „Ich habe schon befürchtet, du würdest nie kommen", antwortete Herbert mit belegter Stimme. Victor schnaubte belustigt. „Wann konnte ich dir je lange böse sein?", antwortete er dann. „Diesmal hast du es aber verdammt lange ausgehalten!" erwiderte Herbert vorwurfsvoll. „Leider, gerade dann, als ich den wenigsten Grund dazu hatte, nicht wahr? Glaub' mir, ich bin nicht stolz darauf." Victor seufzte tief, senkte den Kopf und schmiegte für einen Moment die Wange an Herberts Haar. „Ich werde es wieder gut machen", versicherte er ihm dann in entschlossenem Ton. Victor war kein Narr. Trotz aller Erleichterung über Herberts großmütige Art, war er sich dessen bewusst, dass es diesmal nicht so einfach werden würde, wie nach seiner ersten Beichte vor fast zweihundert Jahren. Der arme Junge hatte allen Grund, Wiedergutmachung zu fordern. „Du solltest darüber nachdenken, wie meine Buße aussehen soll," forderte er ihn dann bestimmt auf. Herbert löste sich von ihm, trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn prüfend mit leicht verengten Augen und zur Seite geneigtem Kopf. „Du meinst das ernst", stellte er dann fest. Victor sah ihm ohne auszuweichen in die Augen, eher er entschieden antwortete. „Jedes Wort." Herbert nickte langsam und bedächtig. „Meine Vergebung ist nicht an einen Preis geknüpft," erwiderte er dann. „Ich will nicht, dass du dich einer Strafe unterziehst, die ich wie ein Pfaffe oder Richter festsetzen muss. Ich glaube dir, dass du bereust, was du getan hast und das scheint mir Bürde genug zu sein. Nein, ich erwarte von dir, dass du versuchst, deine Fehler zu verstehen und lernst, sie in Zukunft zu vermeiden."
„Das ist leichter zu fordern als umzusetzen und du weißt das, Herbert", antwortete Victor irritiert. „Ich wüsste nicht einmal wo ich verdammt noch mal anfangen soll!" Herbert störte das allerdings in keinster Weise. „Das macht nichts!", hielt er gelassen dagegen. „Ich habe eine Idee und wenn du dein Versprechen einlösen und mich anhören willst, werde ich dir dabei helfen." Victor lächelte und sah seinen Sohn von der Seite her an. „Ich hätte nicht erwartet, dass du einmal mein Lehrer sein würdest." Herbert zuckte die Schultern. „Macht das einen Unterschied?" Victor schüttelte mit einem weiteren kleinen Lächeln den Kopf. „Tut es nicht. Aber das ist nicht alles, oder?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. „Nein, das ist es nicht. Es ist nur der Anfang", bestätigte Herbert. „Du musst lernen, dich unter Menschen zu bewegen, ohne dass es dich zu etwas verleitet, was du nicht tun willst. Maßvoll zu jagen und deine Opfer so auszuwählen, dass sie keine bleierne Reue hinterlassen." Victor schüttelte missbilligenden den Kopf, als hätte sein Sohn etwas vollkommen unsinniges vorgeschlagen. „Alleine dieser letzte Punkt scheint mir unmöglich", bemerkte er düster. „Das ist es gewiss nicht. Ich glaube nur, dass deine Antwort eine andere sein wird, als meine." Herbert sprach mit einem fast beruhigenden Tonfall. „Wir müssen sie lediglich finden. Aber du musst auf Rückschläge gefasst sein. Ganz ohne Versuch und Irrtum werden wir sicher nicht auskommen." Victor seufzte tief. „Das tut es nie," bemerkte er dann ein wenig bitter. Herbert legte ihm in einer Geste die Hand auf die Schulter, die vermutlich ermutigend sein sollte. „Du wirst es schaffen. Ich werde dir helfen." Victor sah Herbert deprimiert an. „Weißt du, manchmal denke ich, es wäre soviel einfacher mich der aufgehenden Sonne auszusetzen, wenn ich nur den verdammten Mut dazu aufbringen könnte!" Bei diesen Worten wich schlagartig alle Farbe aus Herberts Gesicht und für einen Moment sah er seinen Vater entsetzt an. „Das kann nicht dein Ernst sein!", bemerkte er dann und sein Entsetzen wandelte sich in Missbilligung und er bedachte seinen Vater mit einem finsteren Blick. Victor senkte betreten den Kopf und schüttelte diesen. „Ich weiß", antwortete er leise. „Ich gab dir mein Wort und das werde ich halten. Aber selbst du unverbesserlicher Optimist, der du bist, kannst nicht abstreiten, dass es vielleicht besser gewesen wäre, ich hätte dich zu deinem Schöpfer heimkehren lassen und mich selbst und diese gesamte elende Brut den Sterblichen überantwortet!" Er hob den Kopf und sah Herbert Verständnis suchend wieder in die Augen. „Verstehe mich nicht falsch," bat er eindringlich. „Ich bereue es nicht, dass du jetzt hier bei mir bist. Doch wie viele Menschen hätten durch diese einfache Reihe von Taten weiterleben können? Wie viele werden noch sterben, weil ich es nicht getan habe?"
„Wenn wir schon mal bei der ‚Brut' sind, wie du sie nennst, können wir ja auch gleich weiter reden. Das hält dich in jedem Fall von diesem anderen unnützen Gedankengang ab," konterte Herbert vorwurfsvoll. „Wann bist du zuletzt dort gewesen?" Victor zuckte ungerührt die Schultern. „Ich weiß es nicht. Schon seit geraumer Weile nicht mehr", gestand er. „Auch ihnen hast du einst etwas versprochen. Nämlich einmal im Monat dort zu sein und dir ihre Sorgen und Nöte anzuhören. Ob es dir gefällt oder nicht, Vater, sie sind da! Du bist ihr Graf genauso wie für die Sterblichen. ‚Manche Dinge musst du tun, auch wenn dir nicht gefällt, dass man sie dir aufgebürdet hat'. Wo habe ich das gleich noch einmal gehört?" Herbert klang ungewohnt streng und unerbittlich. „Du hast sie noch viel mehr vernachlässigt, als deine sterblichen Untertanen und es muss aufhören! Das ist im Übrigen keine Bitte. Du wirst es tun! Betrachte es meinetwegen als eine Art um Abbitte zu leisten. Wenn du tatsächlich das Bedürfnis verspürst, etwas wieder gut zu machen, dann nicht bei mir, sondern bei denjenigen, die unter deiner Vernachlässigung zu leiden hatten. Und das tun sie. Dieses alte Gemäuer zerfällt immer mehr über ihnen. Es wäre auch nicht damit getan, es auszubessern. Die Gelegenheit dafür ist schon lange vorbei! Wenn du nicht bald etwas unternimmst, wird es irgendwann über ihnen einstürzen. Das wäre eine sehr heimtückische Art sie schleichend zu vernichten und deiner absolut unwürdig."
„Du bist dort gewesen", stellte Victor ohne Groll fest. „Ja, einige Male", bestätigte Herbert. „Wenn du sie bestrafen wolltest, dann lass' es jetzt genug sein. Diejenigen, die deinen Groll wahrhaftig verdient hatten, sind seit Jahrhunderten nicht mehr unter ihnen."
Victor warf ungeduldig die Arme auf. „Was möchtest du von mir? Was soll ich deiner Meinung nach tun?" fragte Victor ungeduldig.
„Sie brauchen eine neue Bleibe und du wirst diese schaffen", entgegnete sein Sohn ohne mit der Wimper zu zucken. „Wo soll das deiner Meinung nach geschehen?", wollte Victor im herausfordernden Ton wissen. „Wieso nicht auf dem Schlossgelände? Der Inhalt der Gräber auf dem Familienfriedhof muss seit Jahrhunderten nur noch Staub sein." „Nein! Auf gar keinen Fall!" lehnte Victor kategorisch ab und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wieso nicht? Wäre das nicht am naheliegendsten?", drängte Herbert sanft. „Wer sagt, dass ich sie in meinem Schloss haben will?" erwiderte Victor herrisch. Aber Herbert ging einfach darüber hinweg und wischte es mit einer Handbewegung beiseite. „Ich sage das!" beharrte er. „Es ist doch allemal groß genug für uns alle." „Ich will sie nicht im Schloss haben, Herbert!" zischte Victor ungehalten. „Diese Entscheidung habe ich vor Jahrhunderten getroffen und werde sie auch nicht ändern!" „Du willst etwas wieder gut machen, schon vergessen?" mahnte Herbert. „Also komm mir ein bisschen entgegen, ja? Du musst sie meinetwegen ja nicht im Schloss dulden. Aber auf dem Friedhof und in den Wirtschaftsgebäuden der Vorburg wäre genug Platz für sie, auch wenn das Wetter schlecht ist." Victor war alles andere als überzeugt, seine Ablehnung zeigte sich in seiner ganzen angespannten Körperhaltung. „Herbert, hast du auch nur einmal an die Dienerschaft gedacht? Sie wären Freiwild!" murrte er ungehalten. „Abgesehen davon - welcher Sterbliche wird noch freiwillig in unsere Dienste treten, wenn sie offen in den äußeren Bereichen des Schlosses hausen?" Herbert runzelte die Stirn und kaute nachdenklich an seiner Unterlippe, eine Angewohnheit, die Victor schmerzlich an Elisabeth erinnerte. „Weißt du", antwortete sein Sohn schließlich, „vielleicht brauchen wir gar nicht so viel Personal. Ich lebe hier vollkommen frei davon – und es funktioniert. Einmal im Monat kommt eine Gruppe Frauen, um sauber zu machen. Ich verbringe dann ein paar Tage in verschiedenen Gasthöfen. Wenn es einmal Reparaturarbeiten gab, habe ich es ähnlich gemacht." „Herbert, das hier ist eine dreistöckige Villa von moderater Größe!" antwortete Victor gereizt. „Ist dir eigentlich klar, um wieviel größer das Schloss ist? Ganz abgesehen davon, dass ich im Stande sein muss, meiner Arbeit nachzugehen, müssen wir ein gewisses Prestige wahren. Kannst du mir verraten, wie ich das alles ganz ohne Personal tun soll? Alles, was ich bei Tage nicht tun kann, muss ich in fremde Hände legen! Vergiss außerdem nicht, dass wir hier in der Stadt sind. Ich kann nicht jeden beliebigen Bauer anwerben, um ihn nach relativ kurzer Zeit wieder seiner Wege zu schicken, wie du es vielleicht mit deinem Reinigungspersonal hältst! Für die Städter bist du ein exzentrischer Wohlhabender. Es ist ein passender Ort für diese Maskerade. Auf dem Land wird das nicht funktionieren. Dort kennt innerhalb eines Ortes jeder jeden. Weißt du, was das für ein Getratsche auslösen würde, wenn Menschen erst angeworben und kurz darauf wieder entlassen werden? Mit dem Schloss gibt es keine Anonymität und du hast diese nur wahren können, weil du deinen Familiennamen für dich behalten und dich nie selbst hast blicken lassen!" Victor machte eine offensichtliche Bemühung sich zu fassen und sprach dann ruhiger weiter. „Lass dir dennoch gesagt sein, dass ohnehin nur noch das notwendigste Personal im Schloss vorhanden ist." Herbert nickte bedächtig. „Hängst du sehr an den Dienern, die du gerade hast?" fragte er dann vorsichtig. „Nein", entgegnete Victor nüchtern. „Ich habe so wenig Berührung mit ihnen wie möglich." „Ich nehme an, du hast sie ganz klassisch im Erdgeschoss untergebracht?" bohrte Herbert weiter. „Natürlich. So wie es immer gewesen ist", bestätigte Victor ernst. Doch Herbert hatte schon die nächste Frage für ihn. „Es sind ihrer wenige genug, um sie in den Wirtschaftsgebäuden der Vorburg unterzubringen?" „Das ist korrekt." „Dann werden wir die Dienerschaft komplett austauschen, riet Herbert bestimmt. „Die neuen kennen die alten Gepflogenheiten nicht und werden sie wohl kaum in Frage stellen. Ein paar Umbauten und sie werden alles haben, was sie für ihre Arbeit und sich selbst benötigen. Sobald die Sonne untergeht, darf keiner von ihnen mehr das Schloss und das innere Areal betreten und..." An dieser Stelle wurde er jäh unterbrochen. „Da kannst du ihnen gleich direkt sagen, was wir sind!" entgegnete Victor abweisend und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es wäre eine Sache, den armseligen Geschöpfen im Wald den Schwur abzunehmen, keinen Bewohner des Schlosses anzurühren. Aber ich kann auf keinen Fall dulden, dass sie sich frei im Schloss bewegen!" fuhr er dann frustriert fort. Ein breites Grinsen stahl sich über Herberts Züge. Ihm war nicht entgangen, dass der erste Teil seines Vorschlages rein hypothetisch angenommen war. Er zögerte nicht und nutzte seinen Vorteil sofort aus. „Gehen wir also einfach davon aus, dass wir ihnen die Gastfreundschaft des Familienfriedhofs anbieten würden", fuhr der jüngere Vampir im heiteren Tonfall fort. „Wenn ich ihnen einen Aufenthaltsraum geben wollte, einen Gemeinschaftsbereich, wo sie sich versammeln könnten, ohne den Witterungen ausgesetzt zu sein. Welchen Kompromiss könntest du mir anbieten?" Victor sah Herbert grimmig an und seine noch immer angespannte Haltung zeigte nur zu deutlich, wie sehr er sich gegen die Vorstellung sträubte, die anderen Vampire, in welcher Art auch immer, im Inneren des Schlosses zu dulden. Aber Herbert hob nur vielsagend die Brauen und sah ihn auffordernd an. Der Graf seufzte unwillig und ließ sich in den nächsten Sessel gleiten. Herbert bemerkte es mit einem zufriedenen Lächeln und setzte sich seinem Vater gegenüber. Dieser saß, den Ellenbogen auf ein Knie gestützt da und umfasste mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel. Es war offensichtlich, dass er nachdachte und der jüngere Vampir lehnte sich zufrieden in seinen Sessel zurück. Nach einer Weile ließ Victor die Hand sinken und richtete sich auf. Herbert beugte sich neugierig vor, aber der strenge Blick, den er von seinem Vater erntete, sagte ihm, dass die Antwort nicht sehr großzügig ausfallen würde. „Es gibt ein Kellergewölbe im Verliesbereich. Es ist durch einen kleinen Seiteneingang in der Nähe des Friedhofes erreichbar." Als er Herberts missbilligenden Blick bemerkte, setzte er mit einem Seufzen hinzu. „Es ist ein Aufenthaltsraum für Wachmannschaften. Es gibt zwei gemauerte Kamine. Ich wusste, alles andere würdest du ablehnen. Das ist mein äußerstes Angebot, Herbert, hörst du? Die oberen Etagen und alle anderen Bereich des Schlosses außer dem Friedhof sind ihnen untersagt!" „Sicher erwartest du nicht, dass sie alle unseren geheimen Hintereingang benutzen!" warf Herbert missbilligend ein. „Noch dazu jede Nacht." Victor machte eine ungeduldige Handbewegung. „Dann kommt eben ein eisernes Tor in die Umfassungsmauer! Wenn sich erst Gerüchte darüber verbreiten, was da hindurch ein- und ausgeht, wird sich niemand mehr dieser Seite des Schlosses zu nähern wagen. Auf keinen Fall dürfen sie den Weg der Sterblichen kreuzen." Herbert nickte. Er war sich dessen bewusst, dass dies das Beste war, was er für die armen Kreaturen erwirken konnte. „Einverstanden – unter einer Bedingung", lenkte er ein. Victor machte eine verärgerte Geste mit beiden Armen. „Himmel, Herr Gott! Was willst du denn noch? Reicht es nicht, dass ich diese Abscheulichkeiten dulde?", knurrte er ungehalten. „Nein, tut es nicht!" erwiderte Herbert schärfer als beabsichtigt. „Sie haben meiner Meinung nach mehr von dir verdient!" Victor seufzte resigniert und schürzte die Lippen. „Sprich denn, ich höre!" Er machte eine einladende Handbewegung. Herbert ließ sich das nicht zweimal sagen und brachte seine Forderung gehasst und selbstsicher vor. „Ich möchte, dass wir einmal im Jahr, in der längsten Nacht, um genau zu sein, einen Ball geben, bei dem sie eingeladen sind. Ein Fest, wie du es früher manchmal auch für Verbündete gegeben hast."
„Das kann man wohl kaum vergleichen, Herbert!", hielt Victor dagegen. „Ach nein? Du hast zweihundert Jahre lang gescheut, sie als das zu betrachten, was sie sind: unseres Gleichen!", widersprach Herbert heftig. „Stattdessen hast du sie büßen lassen für Vergehen, an denen die meisten von ihnen sicher nicht beteiligt waren. Die Verantwortlichen sind seit langem zu Asche zerfallen. Jene, die noch übrig sind, haben jahrhundertelang deine harschen Anordnungen akzeptiert und danach gelebt. Dabei haben sie sich unterworfen, obwohl du gleichzeitig immer sowohl Richter als auch Ankläger warst. Es ist Zeit für ein wenig Wohlwollen. Auch sie haben das Recht auf ein wenig Würde. Wenn du mir beweisen willst, dass du ein guter Herrscher bist, dann sei das auch für sie." Sein Sohn sprach streng und mit voller Überzeugung, dennoch hielt Victor an seinen Vorbehalten fest. „Du erwartest allen Ernstes von mir, dass ich die längste Nacht des Jahres für sie den charmanten Gastgeber spielen soll?", fragte er pikiert. „Obwohl du weißt, dass mir ihr Anblick schier unerträglich ist?" „Ich weiß dass du sie nur mit großem Widerwillen betrachtest", erklärte Herbert und versuchte ein wenig beruhigend zu klingen. „Ich erwarte nicht, dass du etwas heuchelst, was nicht da ist. Aber ich hoffe, dass du mit der Zeit deine Abscheu und Verachtung für sie ablegst. Mir wäre es genug, wenn du es schaffen würdest, sie mit Toleranz und ein wenig Respekt zu betrachten." Herbert schüttelte nachsichtig den Kopf und sah seinen Vater eindringlich an, sein Tonfall war verständnisvoll, aber bestimmt. „Es mag sein, dass du glaubst, ich verlange sehr viel von dir. Aber bedenke: Sie haben in dir einen rachsüchtigen, unerbittlichen, ja, manchmal fast tyrannischen Herrscher erlebt. Über jedwedem Ungehorsam schwebt die Drohung ihrer sofortigen Vernichtung. Vielleicht sogar aller auf einmal. Weißt du eigentlich, wie viel Glück du hast, dass ihr klägliches Dasein ihnen wichtig genug ist, sich daran festzuhalten? Hast du je darüber nachgedacht, ob du die Drohung heute noch genauso in die Tat umsetzen würdest, die du in deinem ersten Jahr als Vampir ausgesprochen hast?" Herbert seufzte und schüttelte sich selbst unterbrechend den Kopf. „Ich weiß, dass du selbst wenig genug an diesem Dasein findest. Du glaubst gar nicht, wie oft ich Angst davor hatte, du könntest einfach in die Sonne gehen, während ich hier alleine war und gehofft habe, dass du bald kommen würdest. Es erleichtert mich zwar ungemein zu hören, dass dein Grauen davor immer noch zu groß ist. Aber bedenke: "Wenn du deine Drohungen wahr machen wolltest, würden die Menschen uns beide ebenfalls pfählen." Herbert hatte ruhig gesprochen und ohne jeden Vorwurf. „Du warst damals noch sterblich", kam die kaum hörbare Antwort seines Vaters. Herbert lächelte traurig. „Aber jetzt nicht mehr", entgegnete er sanft. „Sie glauben immer noch an eine mittlerweile leere Drohung. Sei dankbar dafür. Besser noch: sorge dafür dass sie keinen Grund haben, sich gegen dich aufzulehnen. Komm mir ihretwegen ein klein wenig entgegen. Ein Fest für sie im Jahr – was ist schon eine Nacht im Vergleich zum Rest des Jahres? Ich erwarte doch gar nicht, dass du alles im Alleingang tust. Wenn du willst werde ich der Gastgeber sein, sie empfangen und so weiter. Du darfst nachkommen. Aber merke dir: auch für dich besteht Anwesenheitspflicht!" „Die ganze Nacht?", fragte Victor ungläubig. „Wenn es nicht einen sehr guten Grund gibt, aus dem du dich zurückziehen möchtest. Aber sei gewarnt, Widerwille gehört nicht dazu!", beharrte Herbert unnachgiebig. Victor sah ihn mit verengten Augen und zusammengezogenen Brauen vorwurfsvoll an. „Ich glaube nicht, dass ich zu dir jemals so streng war", murrte er. „Pa! Was verstehst du davon, was in meinen Augen streng war?", wandte Herbert patzig ein. „Ich musste mir sehr viele Vorträge und Ermahnungen anhören und von den Dingen, die ich tun musste, vor denen ich mich auch lieber gedrückt hätte, wollen wir mal gar nicht anfangen. Ich habe es überlebt, und du wirst das auch!" Victor betrachtete seinen Sohn für einige Herzschläge lang mit einem Blick in dem sich widerwilliger Respekt und gereizte Ungeduld mischten. Aber es war das letzte Aufbäumen vor der Kapitulation und einen Moment später wusste Herbert, dass er gewonnen hatte. Ein Ausdruck von Resignation nahm dem schmalen Gesicht seines Vaters den harten, strengen Zug, der dort bislang geherrscht hatte und die zusammengezogenen Augenbrauen entspannten sich. „Nun gut. Wenn das deine Bedingungen sind, bleibt mir nichts anderes übrig, als sie zu akzeptieren. Zumindest wenn ich wert auf deine Gesellschaft lege. So ist es doch, oder?" Victor sah seinen Sohn ein wenig tadelnd an, doch Herbert schüttelte den Kopf. „Ich würde dich niemals derartig erpressen,Vater. Ich glaube, das weißt du auch. Sei ehrlich und gib zu, dass du schlicht und ergreifend einsiehst, dass du meine Argumente nicht widerlegen kannst", widersprach Herbert sanft. „Du musst einmal mehr das letzte Wort haben, nicht wahr?", entgegnete Victor leicht tadelnd, ehe er seufzend einlenkte. „Na schön, ich gebe zu, dass sich deine Argumentation nicht widerlegen lässt. Bist du jetzt zufrieden, mein Sohn?" „Noch nicht ganz" , antwortete Herbert streng. ,,Ich möchte dich darauf hinweisen, dass du dich bis auf weiteres bereit zu halten hast, was deine anstehenden Lehrstunden betrifft. Die Festsetzung von Zeitpunkt und Dauer obliegt mir. Das Vorschieben irgendwelcher, angeblich dringender, unverschiebbarer Verwaltungstätigkeit ist kein Grund zum Nichterscheinen. Du wirst dich einfinden und dich meiner Unterweisung ebenso unterwerfen, wie ich das damals bei deiner getan habe. Sind wir uns darüber einig?" Herbert erhielt die letzte Reaktion, mit der er gerechnet hatte, sein Vater begann zu lachen. „Du genießt es gerade, dass du den Spieß jetzt endlich umdrehen kannst, was?", bemerkte er dann mit einem ehrlichen Lächeln. „Na schön, Herbert, einverstanden. Ich werde mich deiner Führung anvertrauen, aber das bedeutet nicht, dass du ab jetzt absolute Narrenfreiheit hättest!" Herbert streckte auffordernd seine Hand aus und Victor ergriff sie ohne zu zögern und sah Herbert dabei fest in die Augen. Die Vereinbarung war getroffen.
Victor und Herbert verbrachten noch mehrere Wochen gemeinsam in der Stadt. Wie er es angekündigt hatte, nahm Herbert Victor unter seine Fittiche. Unter den wachsamen Augen seines Sohnes musste Victor sich unter die Sterblichen mischen. Der Anfang war, wie Herbert es insgeheim vermutet hatte, holprig verlaufen. Seinem Vater, als Graf von einem sehr jungen Alter an gewohnt, selbst zu bestimmen, was er tat und wann, fiel es zunächst schwer, sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Es irritierte und frustrierte ihn, einen ständigen Beobachter bei sich zu haben und er fühlte sich zunächst bei allem kritisiert, ganz gleich, ob Herbert etwas sagte oder nicht. Um es ihm einfacher zu machen, verbrachte Herbert auch außerhalb ihrer gemeinsamen Streifzüge so viel Zeit wie möglich mit Victor. Obwohl er nur ein leidlicher Schachspieler war, forderte er seinen Vater regelmäßig dazu auf und bald verbrachten sie Stunden über dem Schachbrett. Er fand in ihm einen angenehmen Trainingspartner, immer mit einem Ratschlag oder einer Verbesserungsmöglichkeit zur Hand, stets bereit beiseite zu legen, was auch immer er selbst gerade angefangen hatte, mit welchem Vorschlag Herbert auch immer zu ihm kam. Es war offensichtlich dass er versuchte, verlorene Zeit wieder gut zu machen. Tatsächlich war Victor sogar der unumstößlichen Meinung, nach allem hätte Herbert einen Anspruch auf seine Zeit und Aufmerksamkeit, da er beides hatte sehr lange entbehren müssen. Da es höchstwahrscheinlich sinnlos gewesen wäre, ihn von seiner Absicht abzubringen, nahm es Herbert einfach hin. Als Victor eines Abends sein Buch hastig beiseite legen wollte, als Herbert herein kam, winkte dieser mit leichter Missbilligung ab. „Du musst wegen mir nicht aufhören. Du könntest ja einfach vorlesen", bemerkte er dann. Victor zögerte einen Moment. „Das Buch ist in Englisch geschrieben", bemerkte er dann vorsichtig. „Das ist kein Problem, du bist nicht die einzige Person in diesem Haus, die sich andere Sprachen angeeignet hat, weißt du? Du hast dir nur nie die Mühe gegeben, diese Tatsache herauszufinden!" Victor schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln. „Touchè, Herbert. Verzeih mir!" Herbert setzte sich und nickte seinem Vater dann huldvoll zu. „Wenn du jetzt anfängst vorzulesen, dann tue ich das vielleicht sogar", bemerkte er dann spitzbübisch. Victor nahm das Buch mit einem nachsichtigen Kopfschütteln wieder auf und begann an der Stelle, wo er zuvor bei Herberts Eintreten aufgehört hatte.
„Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun." *1
Noch lange in dieser Nacht lauschte Herbert der warmen Baritonstimme seines Vaters, der das Stück lebendig vortrug und ihn damit daran erinnerte, wie sehr er solche Gelegenheiten als Kind geliebt hatte. Als er schließlich nach Stunden plötzlich verstummte, sah Herbert auf. „Hör' nicht auf!", bat er mit bedauerndem Ton. Victor begann zu lachen und ließ das Buch in seinen Schoß sinken. „Bemerkenswert, wie wenig sich manche Dinge ändern," sagte er dann mit einem Grinsen. Herbert sah ihn irritiert an. „Wie meinst du das?" „Schon als kleiner Junge wolltest du nie ins Bett, mit der Begründung du seist noch nicht müde und ich soll nicht aufhören", erklärte Victor mit einem versonnenen Lächeln. „Nun, ich bin jetzt allerdings kein kleiner Junge mehr, auch wenn es dich gerade daran erinnert", bemerkte Herbert ein wenig indigniert. „Nein, bist du nicht. Aber es wird bald hell, Herbert. Ob es dir gefällt oder nicht, der Kaufmann von Venedig wird bis morgen warten müssen", entgegnete Victor mit noch immer amüsierten Tonfall. Herbert zog absichtlich einen Schmollmund und freute sich über das Lachen mit dem sein Vater darauf reagierte. „Siehst du. Ich sage doch, manche Dinge ändern sich wohl nie." Herbert betrachtete seinen Vater nachdenklich. „Wieso gerade dieses Stück?", fragte er dann neugierig. Victor zuckte mit den Schultern. „Das hier ist eine Gesamtausgabe, Herbert. Es war einfach die nächste Geschichte in der Sammlung. Nicht alles hat eine tiefere Bedeutung, weisst du?" Herbert warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Hm, bei dir bin ich mir da nicht immer so sicher", bemerkte er dann skeptisch. Aber Victor wischte es mit einer wegwerfenden Geste beiseite. „Shakespeare ist Unterhaltungsliteratur. Nicht mehr, nicht weniger. Auch wenn es recht gute Unterhaltung ist. Abgesehen davon, muss ich mich hier mit dem begnügen, was der Hausstand hergibt", warf er dann noch nachträglich ein. „Du denkst also, meine Bücher sind ungeeignet?" ereiferte sich Herbert nun doch ein wenig beleidigt. Victor warf ihm einen tadelnden Blick zu, ehe er antwortete. „Das habe ich nicht gesagt, Herbert. Aber du weist ebenso gut wie ich, dass wir uns auch häufig mit unterschiedlichen Themen befassen. Ich muss nicht alles mögen, was dir gefällt, und umgekehrt. Aber scheinbar haben wir mit Shakespeare einen Autor gemeinsam, denn ich glaube, andernfalls hättest du mir nicht den Großteil der Nacht zugehört." Herbert nickte bedächtig und beobachtete seinen Vater, der gelassen aufstand, und das Buch auf einem Beistelltisch in der Nähe ablegte. „Würdest du dir auch Geschichten anhören, die ich mag?", fragte er dann vorsichtig. Victor drehte sich abrupt um und betrachtete Herbert ein wenig überrascht. „Natürlich", antwortete er, ohne einen Augenblick zu zögern. „Morgen kannst ja gerne du vorlesen, wenn du möchtest", schlug er vor. „Erst nachdem du den Kaufmann von Venedig beendet hast!", verlangte Herbert bestimmt. Mit einem schelmischen Gesichtsausdruck fuhr Victor Herbert durch die Haare und zerzauste sie ihm damit absichtlich. „Nur wenn du jetzt ein braver Junge bist und schlafen gehst. Es wird wirklich bald hell", beharrte er ein wenig ironisch und beide hatten sich schließlich zu ihren jeweiligen Schlafplätzen zurückgezogen.
Aber am anderen Abend, nachdem sie von ihrem üblichen Streifzug zurückkehrten, hatten sie sich in stillschweigender Übereinkunft im Salon getroffen, und Victor las die letzten verbleibenden Szenen des Buches vor. Als er geendet hatte, legte er den schweren Folianten beiseite und sah Herbert erwartungsvoll an. Dieser zog fast ein wenig verlegen ein kleines, schlankes Büchlein hervor. „Du darfst mich nicht auslachen", sagte er leise und fast ein wenig entschuldigend. „Es ist keine so schwere Kost wie…" Victor unterbrach ihn sanft. „Das macht keinen Unterschied. Es ist dir wichtig, also werde ich zuhören. Aber frage mich nur nach meiner Meinung, wenn du sie wirklich hören möchtest. Ansonsten werde ich schweigen." Herbert nickte. Das schien ihm eine recht respektvolle Übereinkunft zu sein. Dann schlug er die erste Seite auf und begann. Es war eine schlichte, kleine Novelle über zwei junge Fischer und ihre tragische Liebesbeziehung. Beide träumten davon auf dem ersten Schiff, dass ihre kleine Stadt anlief, gemeinsam davon zu segeln. Stattdessen wurde der jüngere Har seines jungen Alters von nur fünfzehn Jahren wegen zurückgelassen. Als das Schiff seines Geliebten endlich zurückkehrte, versank es im Sturm und der lange Erwartete kam mit allen anderen ums Leben. Har beweinte bitterlich den Verlust. Doch auch Manor fand in seinem Grab keine Ruhe und kehrte von dort zu seinem Geliebten zurück.
„Er kannte die Gestalt! Trotz der Dunkelheit hatte er sie sogleich erkannt! Langsamen Schritts kam sie heran; legte sich zu ihm ins Bett; er zitterte; aber er wehrte ihr nicht. Streichelte ihm die Wangen, aber mit kalter Hand, oh! so kalt, so kalt! Ihn durchschauerte Fieberfrost. Küßte den warmen schwellenden Knabenmund mit eiskalten Lippen. Er fühlte des Küssenden nasses Gewand; nasses Haar hing auf die Stirn ihm herab. Ihn durchfuhr ein Grauen. Aber es war mit Wonne gemischt. Die Gestalt seufzte. Ihm klang's, als wolle sie sagen: »Mich trieb die Sehnsucht her zu Dir! Ich finde nicht Ruhe im Grab!«
Er wagte nicht zu sprechen. Zu atmen wagte er kaum. Und schon erhob sich die Gestalt. Seufzte als wollte sie sagen: »Nun muß ich wieder zurück!« Erstieg die Fensterbank; entfernte sich wie sie gekommen.
»Manor ist dagewesen«, sagte Har leise vor sich hin. (...) In nächster Nacht kam Manor wieder, eiskalt wie gestern, doch verlangender. Umschlang den Knaben mit kalten Armen; küßte ihm Wange und Mund; legte den Kopf ihm auf die weiche Brust. Har erbebte. Ihm fing das Herz zu pochen an bei dieser innigen Umschlingung.
Und gerade auf das pochende Herz legte Manor den Kopf. Die Lippen suchten den sanft schwellenden Hügel über dem Herzen, der durch das Pochen mit in Bewegung geriet. Dort begann er zu saugen, verlangend und dürstend, wie ein Säugling an Mutterbrust. Doch schon nach wenigen Augenblicken ließ er nach; erhob sich; entfernte sich. Har war zu Mut, als ob ein saugendes Tier sich an ihm vollgesogen.
(...)
Auch in den nächsten Nächten kam Manor wieder. Umarmte den Knaben bisweilen im Schlaf. Denn hin und wieder überkam ihn Schlaf, bis Manor kam. Erwachte dann in seiner Umarmung. Jedesmal suchten die Lippen die weiche Erhöhung über dem Herzen. War es Tag geworden, so sah Har dann und wann, wie aus der linken Brustwarze ihm noch ein schwaches Tröpflein Blut hervorperlte. (...)Nur in der Vollmondnacht kam er nicht. Ein Toter ist oft mächtig erfüllt von Sehnsucht nach einem oder dem anderen unter seinen zurückgelassenen Lieben, so mächtig, daß er Nachts das Grab verläßt und zu ihm kommt. (...)Kommt besonders vor bei jungen Leuten, die in der Blüte der Jahre der bittere Tod hinwegraffte. Den Zurückkehrenden erfüllt zugleich große Blut- und Wärmebedürftigkeit. Dann lechzt er nach dem frischen Blut der Lebenden und, wie ein Liebender, nach Umarmungen. Aber er teilt auch große Sehnsucht mit und bereitet dadurch oft heftige Qual." *2
Die anrührende Geschichte endete schließlich mit der Wiedervereinigung des Paares in einem gemeinsamen Grab. Herbert ließ das schlanke Bändchen sinken und sah verstohlen zu Victor hinüber, der nachdenklich einen Finger an die Lippen gelegt hatte. „Und?", fragte Herbert beinahe atemlos und beobachtete gespannt den Gesichtsausdruck seines Vaters. Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen, die Augen auf die Flammen im Kamin gerichtet, sah er sehr gedankenverloren aus und schien seine Worte genau zu überdenken, ehe er endlich antwortete. „Es ist sehr direkt geschrieben. Eine ungewöhnliche Geschichte, würde ich sagen", war schließlich seine besonnene Antwort. „Wie meinst du das?", wollte Herbert neugierig wissen. „Nun, das Manor zu einem Wesen wird, das uns ähnelt, kann dir nicht entgangen sein. Ich vermute, dass es ein Grund dafür ist, warum dich diese Geschichte anspricht. Aber auch die Offenheit, wie der Autor diese gleichgeschlechtliche Beziehung erzählt, ist ungewöhnlich. Vergiss nicht, es ist immer noch per Gesetz verboten", erklärte Victor unverblümt. „Woran auch du nie etwas geändert hast!" Herberts Bemerkung war recht spitz, denn er fühlte sich ein wenig angegriffen, obwohl Victor vollkommen sachlich und nüchtern gesprochen hatte. Er sah Herbert fast ein wenig vorwurfsvoll an, ehe er ihm antwortete. „Ja, aus gutem Grund. Wirklich jeder, der ein wenig über unsere Familie weiß, hätte diese Nachtigall sofort trapsen gehört! Erwartest du allen Ernstes, dass ich Schritte unternehme, die dich exponieren würden? Glaubst du, ich würde dir einen Gefallen tun, wenn ich versuchen würde, etwas in meinem Herrschaftsgebiet zu legitimieren, das sowohl Staat und Kirche ablehnen?" Er hielt einen Moment inne und sah seinen Sohn eindringlich mit erhobenen Brauen an, ehe er fortfuhr. „Aber du solltest auch nicht vergessen, dass ich immer möglichst großzügig mit Fällen umgegangen bin, die mir vorgelegt wurden. Ich tat was immer ich konnte. Es ist nichts Verwerfliches daran. Du weißt es und ich weiß es auch. Unsere dunkle Existenz hat uns ein breiteres Wissen ermöglicht, als es die meisten Sterblichen ihr Eigen nennen. Sie würden uns zweifellos für ebenso widernatürlich halten. Doch es liegt nicht in meiner Macht, die menschliche Gesellschaft zu verändern, Herbert. Auch wenn ich mir noch so sehr wünsche, dass du glücklich wirst. Es tut mir leid. Ich kann mir vorstellen, dass auch du dich einsam fühlst. Es gibt Dinge, die wir einander niemals ersetzen können." Victor senkte melancholisch den Kopf.
Dann stand er auf, um Herbert ein wenig Raum zu lassen und ging zum Flügel hinüber.
„Hat es dir nie etwas ausgemacht?", wollte Herbert plötzlich wissen,
„Deine Neigungen, meinst du?", fragte Victor vom Flügel herüber. Es entstand eine kurze Pause, dann drang ein selbstironisches, leises Lachen an Herberts Ohr. „Naja, es gab Zeiten, da wünschte ich mir, mich zu irren. Es war eine schwierige Situation. Aber es war nie deine Schuld, dass du mein einziges Kind bist. Außerdem spielt es schon lange keine Rolle mehr. Sieh uns an. Ich bin immer noch hier. Die Grafschaft ist nie an einen deiner Vettern gefallen und du hast mich immer noch nicht aufgegeben und hinaus geworfen, obwohl du allen Grund gehabt hättest. Man könnte sagen, ich hätte Grund genug zufrieden zu sein."
Die Frage ‚Bist du es denn?' lag Herbert förmlich auf der Zunge, aber er wagte es nicht, sie auszusprechen. Er hatte insgeheim Angst davor, die Antwort darauf zu wissen. Als hätte er es gespürt, wandte sich Victor von diesen melancholischen Gedanken ab und kehrte zum Ausgangspunkt ihrer Unterhaltung zurück.
„Ich kann verstehen, warum du diese Geschichte magst. Es ist ein bittersüßes Ende. Mehr als wir uns erhoffen können, nehme ich an…" Eine zufällige Tonfolge erklang, als sein Vater wahllos einige Tasten anschlug und Herbert sah interessiert zu ihm hinüber. „In der Tat ein viel anmutigerer, und reinerer Klang als bei deinem alten Spinett zu Hause", bemerkte Victor anerkennend. „Würdest du gerne lernen wie man darauf spielt, Vater?", fragte Herbert eifrig. Victor antwortete nicht sofort, aber seine Finger lagen noch immer bewegungslos auf den Tasten des Flügels. „Du warst von uns beiden immer der Musikus, nicht ich", erwiderte er dann vorsichtig in selbstironischer Weise. „Ich bin nicht sicher, ob ich auch nur einen Hauch Talent für so etwas habe." „Ich kann es dir beibringen", erbot Herbert enthusiastisch. „Natürlich nur wenn du es möchtest", in seiner Stimme lag die Andeutung, wie sehr er hoffte und sich wünschte, dass sein Vater das Angebot annahm. Victor begriff es sofort und nur um Herbert den Gefallen zu tun willigte er ein. Einfach um ihm zu zeigen, dass er sich wirklich darum bemühte, Dinge anzunehmen, die sein Sohn versuchte ihm beizubringen.
All die gemeinsamen Erlebnisse und die miteinander verbrachte Zeit tat ihrer lang vernachlässigten Beziehung gut und das verfehlte auch die Wirkung auf ihre gemeinsamen Streifzüge nicht. Victor begann sich merklich zu entspannen und Herbert erhielt zunehmend einen Einblick in seine tatsächlichen Jagdgewohnheiten.
Eines Abends konnte er beobachten, wie sein Vater einen Bettler auflas, in einem der ärmlichen Bezirke der Stadt, in der sie beide zu diesem Zeitpunkt gerade unterwegs waren. Der Mann war auf sie zugetreten, eine schäbige, kleine Holzschale vorgestreckt. „Eine milde Gabe, für einen Unglückseligen, werter Herr!", hatte er mit brüchiger Stimme gemurmelt. Seine heruntergekommene Erscheinung hatte eine eigene Geschichte erzählt. Niemand würde diesen armen Teufel vermissen. Eine lange, dünne Hand hatte sich um den Arm des Bettlers geschlossen. „Folge mir", war die leise, bestimmte Antwort und ganz gleich ob aus Hoffnung oder aus instinktiver Furcht, der Mann war Victor in eine dunkle Seitengasse gefolgt. Danach passierte alles in sehr rascher Folge. Mit einer Bewegung, viel zu schnell für einen Sterblichen, war Victor hinter ihm und drängte sein Opfer unbarmherzig gegen die Mauer eines Hauses. Eine Hand auf dem Mund des Bettlers dämpfte jedes Geräusch das er von sich gab, der andere Arm umschloss ihn eisern. Herbert musste es ihm lassen, sein Vater ließ dem armen Teufel nicht lange Zeit um sich zu fürchten. Kaum fand sich sein Opfer in seiner Umklammerung wieder, als auch schon die langen Reißzähne in seinem Hals versanken. Vielleicht lag es daran, dass Victor wusste, dass er beobachtet wurde. Aber Herbert konnte nicht umhin zu bemerken, dass sein Vater nichts an ihrer anfänglichen Positionierung änderte. Es ging ausschließlich um das Blut des Opfers und darum, möglichst rasch an es heranzukommen. Sobald er seine Beute allerdings hatte, wo er ihn haben wollte, lies er sich Zeit und schien den Moment auszukosten. Sobald der Mann tot in seinem Arm hing, ließ er ihn zu Boden gleiten, und drapierte ihn dort wie ein zusammengesunkenes Häuflein Mensch. Eine lange, von einem seiner scharfen Fingernägel stammende Wunde, tilgte geschickt die Punkt-male. Klar und gleichzeitig hässlich genug, um für das Werk einer schlecht geschärften Klinge gehalten zu werden. Wenn er es beschreiben müsste, würde er das Jagdverhalten seines Vaters als tödlich effizient bezeichnen.
Sie waren schweigend weiter gegangen, doch nach einer Weile ergriff Herbert das Wort. „Du hast nur eine Maxime, oder? Es darf nicht auffallen", fragte er. Victor nickte ernst. „Das ist richtig. Es hat bis zu Nadeschdas Tod ausgereicht. Vergiss nicht, mehr als einhundert Jahre lang habe ich so wenig gejagt wie es nur möglich war," Victor merkte es nicht, aber er klang, als ob er aufgefordert worden wäre, sich für ein Vergehen zu rechtfertigen. Doch Herbert ging gar nicht auf seinen Tonfall ein. „Ich verstehe", erwiderte er nüchtern. „Nun, wenn dir das lieber ist, dann kannst du wieder dazu übergehen. Aber ich schlage vor, dass du diese Sache mit den Tieren nicht wieder anfängst, auf die du sehr lange beharrt hast. Das wird dein Beherrschungsproblem nicht lösen. Was du brauchst ist menschliches Blut, und alles was dazu gehört, um es zu nehmen."
„Ich fürchte, es wird nicht so einfach sein, wie du dir das gerade vorstellst, Herbert", warf Victor indigniert ein. „Was für ein Unsinn! Du kannst doch tun, was immer du willst!", widersprach sein Sohn etwas spöttisch. „Wenn du zu deinem alten Jagdstil zurückkehren möchtest, dann tu es einfach. Aber sei dir bewusst, dass es dir zwischen deinen Jagden größere Selbstbeherrschung abverlangt."
„Herbert, ich sagte schon, ich kann nicht einfach umkehren, als wenn nichts geschehen wäre. Dafür ist es schon lange zu spät, fürchte ich." Der Graf klang allmählich ungeduldig.
„Was willst du damit sagen?", bohrte Herbert nach.
Victor seufze. Sein Gesichtsausdruck wirkte plötzlich fast verschlossen und Herbert begriff, dass es um etwas ging, über das sein Vater nur ungern sprechen mochte. Eingedenk seines Versprechens gab dieser sich dann aber doch einen Ruck. „Es gibt Situationen im Leben, in denen du nicht in alte Verhaltensmuster zurückkehren kannst, auch wenn du es möchtest, mein Sohn. Momente, in denen dir keine andere Wahl bleibt", erklärte er dann mit Bedacht. „Was soll das schon wieder heißen? Geht das auch deutlicher?" Herbert wurde allmählich ein wenig ungeduldig. „Ich fürchte, das wirst du nur allzu schnell selbst erkennen, Herbert. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dieses Problem so lange noch für mich behalten." Victor atmete deutlich angespannt aus, ehe er seinen Sohn von der Seite her ansah. „Ich bin noch nicht bereit um darüber zu reden."
Mehr bekam Herbert nicht aus seinem Vater heraus, ganz gleich, was er auch versuchte. Gleichzeitig musste er zugeben, dass sich der Graf ansonsten merklich bemühte, sich an Herberts Rat und Vorschläge zu halten. Bald gab es auch die ersten Erfolge vorzuweisen. Eingedenk der generellen Charaktereigenschaften seines Vaters, hatte Herbert nach sorgfältiger Überlegung eines Nachts einen Vorschlag vorgebracht, der ihm vielversprechend erschien. „Ich glaube, du solltest dich auf Beute konzentrieren, die es verdient, zu sterben, Vater. Mörder, Schänder, notorische Betrüger und dergleichen. Du hast zu lange zu viel mit Gerichten zu tun gehabt und im Zweifelsfall um gerechte Urteile gerungen. Wenn du deine Opfer so auswählst, dass nicht nur du, sondern auch die Gesellschaft der Sterblichen einen Nutzen davon haben, musst du dich nicht schuldig fühlen. Es muss dich keine Gewissensbisse kosten, wie diese Opfer, die du lediglich aufgrund der Tatsache auswählst, dass ihr Verschwinden weder auffallen noch jemanden kümmern wird. Mit unseren Sinnen bedeutet es keine Mühe, die tiefsten Geheimnisse in einem menschlichen Geist zu entdecken, ohne dass die Sterblichen auch nur ahnen, dass wir sie lesen, wie ein offenes Buch, wenn wir das wollen."
Victor sah Herbert mit zusammengezogenen Brauen skeptisch an. „Das mag hier in der Stadt funktionieren. Aber wie sieht das ganze aus, wenn wir zurück im Schloss sind? Ist diese Idee nicht spätestens dann zum scheitern verurteilt?" Der jüngere von Krolock schüttelte mit einem ein wenig selbstzufriedenen Lächeln den Kopf. „Keineswegs. Weist du, ich habe herausgefunden, dass es möglich ist, Sterbliche eines bestimmten Schlages auch einfach zu dir zu rufen. Sie kommen immer, wie die Motte zum Licht, ohne jemals zu wissen, was sie angelockt hat. Diese Fähigkeit hat mir auf dem Land gute Dienste geleistet, nachdem wir die Stadtresidenz damals wieder zusammen verlassen haben, weißt du?" Victor sah Herbert verblüfft und fast ein wenig entsetzt an. „Schau nicht so! Was ist daran verwerflich? Nur suche ich meine Beute nach anderen Kriterien aus – aber das ist jetzt auch vollkommen unerheblich. Was zählt, ist, dass ich dir zeigen kann, wie es funktioniert. Mehr noch, ich verspreche dir sogar, es ist sehr einfach. Man muss ein wenig Geduld haben, und es dauert ein wenig länger auf dem Land. Aber in unserem Alter wird es immer einfacher, sich Zeit zwischen den Mahlzeiten zu lassen. Wenn du es also möchtest, sehe ich keinen Grund, warum du in diesem Punkt nicht zu alten Gewohnheiten zurückkehren können solltest, wenn das dein Wunsch ist."
Victor hatte darauf nicht geantwortet, sondern Herbert nur einen sonderbaren Blick zugeworfen, den dieser nicht einordnen konnte. Rein aus einer intuitiven Eingebung ließ der jüngere Vampir einige Tage verstreichen, ohne dass sie zu einem weiteren Jagdzug aufgebrochen wären. Stattdessen war er seiner Lehrtätigkeit in anderer Weise nachgekommen. Lange Zeitabschnitte hatte er mit seinem Vater am Flügel zugebracht und überwachte mit wachsamen Augen, dass dieser fleißig seinen Übungen nachkam. Der junge von Krolock musste zugeben, dass sein Schüler bereits große Fortschritte gemacht hatte. Was er sah, schien Herbert vielversprechend, obwohl ihm bewusst war, dass sein Vater sich auf dieses Unterfangen nur ihm zu liebe eingelassen hatte und nicht weil es eines seiner eigenen Themen war. Trotzdem freute sich Herbert darüber, dass er erkennen konnte, dass Victor einmal an einem Flügel ganz brauchbar werden würde. Auch wenn er freilich niemals mit Herberts Talent und Kunstfertigkeit würde mithalten können. Mehr noch. Er genoss es, seinen Vater wieder bei sich zu haben und sonnte sich nur allzu gerne in seiner lange vermissten Aufmerksamkeit und es tat dem jüngeren Vampir gut, dass diese ihm in so großzügigem Umfang gewährt wurde.
Doch Herbert konnte nicht umhin zu bemerken, dass sein Vater immer reizbarer und unruhiger wurde, je mehr Zeit verging. Er antwortete knapp und schroff, ging ruhelos umher, ohne dass er klare Absichten hatte, etwas zu tun. Es wurde auch nicht besser mit immer er ihn fragte, was mit ihm los sei, gab sein Vater ausweichende Antworten. Aber er bekam nie die Wahrheit aus ihm heraus. Trotzdem erkannte er, dass es ihm immer schlechter ging. Er konnte sehen, wie Victors Finger auf der Klaviertastatur zitterten und während sie Schach spielten. Und was noch seltsamer war, er wurde unkonzentriert genug, um einige der Partien gegen Herbert zu verlieren. Als er ihn eines Morgens in einem Sessel zusammengesunken vorfand, den Kopf müde an die Polsterung gelehnt, die Stirn mit einem Film roter Feuchtigkeit bedeckt, hatte er endlich genug. Schwungvoll ließ er sich vor seinem Vater auf die Knie fallen und sah aufgebracht und besorgt zu ihm auf. „Du wirst mir jetzt endlich verraten, was zum Teufel mit dir los ist, Vater! Ich habe genug von deiner Heimlichtuerei! Was auch immer es ist, wird auf keinen Fall besser davon, dass du es mir verschweigst!" Unter halb gesenkten Lidern sah Victor zu ihm herunter. Er wirkte ungewohnt müde und es wunderte den jüngeren Vampir, dass er nicht einmal versuchte eine bissige Bemerkung zu machen. „Ich brauche Blut. Das ist alles", entgegnete er matt. „Das glaube ich dir nicht",entgegnete Herbert streng. „Das erklärt nicht deinen Zustand!" Die halb geschlossenen Augenlider öffneten sich ein wenig mehr und unter den langen Wimpern konnte man einen flüchtigen Blick auf die blaue Iris erhaschen.
„Natürlich tut es das", antwortete Victor leise. „Mir ergeht es nicht anders als jedem Sterblichen, der von irgendeinem Suchtmittel abhängig ist. Mit Symptomen bei der Abstinenz, die den ihren beschämend ähnlich sind." Es folgte ein bitterer, heiserer Laut, der nur vage Ähnlichkeit mit einem Lachen hatte und Victor schloss die Augen, um Herbert nicht länger ansehen zu müssen. Herbert runzelte verwirrt die Stirn und versuchte, sich einen Reim auf die Worte seines Vaters zu machen.
„Aber Vampire werden nicht abhängig von Blut, wie manche Sterbliche nach Alkohol!", erwiderte er dann scharf und fast ein wenig vorwurfsvoll. „Das ist die dümmste Ausrede, die ich jemals gehört habe! Dass gerade du versuchst sie mir aufzutischen, ist ungeheuerlich!" Victor schüttelte, ohne die Augen zu öffnen, den Kopf. „Es ist keine Ausrede. Du kannst mir getrost glauben, dass alles was ich gesagt habe, der Wahrheit entspricht", entgegnete er leise. „Aber wie ist so etwas überhaupt möglich?", wollte Herbert ungläubig wissen. Victor öffnete plötzlich die Augen und sah seinen Sohn unerwartet direkt an. „Wie kannst gerade du so etwas fragen?" Seine Stimme klang jetzt lauter, fast ein wenig vorwurfsvoll. „Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, mit wie viel Kraft ich dir bei deiner ersten Mahlzeit mein Handgelenk entreißen musste! Du weißt, wie leicht und verführerisch es ist, dich in ihnen zu verlieren. Ich bin an den Hunger gewöhnt und daran, dass er nie weit weg ist. Das ist es nicht." Mit einer langsamen Bewegung wandte er sein Gesicht von Herbert ab, dessen Augen immer noch unverwandt auf ihn gerichtet waren. „Was dann?", bohrte Herbert fordernd nach. Victor rang einige Herzschläge lang um die richtigen Worte. Als er schließlich antwortete, sprach er zögernd und beschämt. „Der Rausch des Erlebnisses. Eine menschliche Seele, ihr ganzes Leben vereint in den wenigen Minuten der Berührung, des Geschmacks und des daraus entstehenden Wissens. dieses Leben auszutrinken, von ihm umhüllt zu sein…" Herbert konnte sehen, wie sich seine Lider flatternd schlossen. Er verharrte einige Herzschläge lang so, dann wandte er sich mit einer langsamen Kopfbewegung wieder zu Herbert um. „Kannst du ehrlich sagen, dass es dir überhaupt nicht den Sinn vernebelt?", fragte Victor eindringlich. Herbert wandte sich nun seinerseits ein wenig geniert ab. Sein Vater lächelte nachsichtig. „Natürlich nicht. Es gehört einfach zu dem, was wir sind. Wenn wir unsere untoten Untertanen fragen würden, zweifle ich nicht daran, dass sich herausstellen würde, dass sie es ebenfalls hoch schätzen. Wie könnte einer von uns auch nicht?" Herbert sah bestürzt zu ihm auf. „Wie um Himmels Willen ist das passiert?", fragte er ungläubig. Victor schenkte ihm ein bitteres Lächeln. „Es begann als Rachefeldzug nachdem Nadeschda nicht mehr da war. Du hast meine Gewohnheiten zu dieser Zeit abscheulich gefunden und bist auch nie davor zurückgeschreckt mich darauf hinzuweisen. In dieser Zeit fing ich an, oft mehrmals pro Nacht zu jagen. Wenn man davon ausgeht, dass es keine Gnade gibt, für nichts und niemanden, was für einen Unterschied macht es dann? Weshalb sich das wenige versagen, was dich noch berührt?" Victor verzog angewidert das Gesicht, dieses Mal wandte er nicht nur das Gesicht von Herbert ab, er drehte sich in seinem Sessel soweit zur Seite wie es ihm möglich war. „Entsetzlich, ich weiß. Nachdem du dann fort bist, wurde es nicht besser. Aber statt mir einzugestehen, wen ich vermisste, wurde es mein einziger Ersatz für das, was mir wirklich fehlte. Du bekommst eines nicht ohne das andere…" Er ließ den Satz in der Luft hängen, ohne ihn vollständig zu beenden. Er seufzte und sah Herbert dann düster an. „Du siehst, ich habe dir also die Wahrheit gesagt. Ich brauche Blut. So beschämend das sein mag, das ist der Grund für was du gerade siehst."
„War es das, was du mir nicht sagen wolltest, weil du nicht bereit dazu warst?", fragte Herbert vorsichtig. „Kannst du mir das verübeln?" Victor legte eine Hand über die Augen und seufzte tief. „Weiß der Himmel, was du jetzt von mir halten wirst!" Herbert warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, was Victor natürlich in dieser Haltung nicht sehen konnte. „Was wäre so schlimm daran gewesen, mir das zu sagen?", fragte er scharf. „Ist dir vielleicht einmal in den Sinn gekommen, dass es Dinge geben könnte, derer man sich schämt, sie vor seinem eigenen Sohn zugeben zu müssen?", erwiderte Victor gedämpft im resignierten Ton.
„Kann nicht schlimmer sein, als irgendwann festzustellen, dass man sich nicht für Frauen interessiert!", widersprach Herbert herausfordernd. „Als Erbe eines Grafen, ohne Brüder, die einem diese Last abnehmen könnten. Mit einem Vater, dem gar nichts anderes übrig bleibt als darauf zu bestehen, dass du ein Mädchen heiratest und die Blutlinie weiterführst. Ach ja, und dann offenbart er dir eines Nachts, dass er - weiß der Teufel woher! - alles weiß!" Victor konnte sich eines dünnen Lächelns nicht erwehren, nahm die Hand von den Augen und sah seinen Sohn traurig an. „Du wurdest so geboren, Herbert. Es ist schlicht die Art, wie der Allmächtige dich geschaffen hat. Auch wenn viele das nicht so sehen wollen. Du hast es nicht selbst über dich gebracht, wie es bei mir der Fall ist. Denn genau das ist das beschämende an der Sache."
„Auch du hast dich nicht selbst zu einem von uns gemacht!", beharrte Herbert entschieden. „Nein, aber es waren meine Entscheidungen, denen ich meinen Zustand jetzt verdanke", erwiderte Victor nüchtern. Herbert zuckte leichthin mit den Schultern und sah ihn aufmunternd an. „Es ist nur eine Schande, nichts zu ändern. Was ist schon ein Handicap mehr für dich? Du wirst trotzdem lernen können, was ich dir beibringen möchte. Verdammt noch mal, du hast es als Jungvampir geschafft den schmalen Grad entlang zu wandern zwischen kompletter Enthaltung, so lange du es aushalten konntest und gelegentlichem stillen deiner notwendigsten Bedürfnisse. Mach dir diesen elenden Sturschädel endlich mal bei etwas brauchbaren zu Nutze!"
„Zum Beispiel?", fragte Victor zum ersten Mal in diesem Gespräch mit deutlicher Herausforderung in der Stimme. „Nun, du könntest dich auf gewisse meiner Vorschläge einlassen! Wir müssen dein kleines Problem gar nicht umgehen. Kanalisieren wir es eben. Alte Stolpersteine müssen dich in Zukunft nicht mehr belasten. Doch du wirst dich auf meine Ideen einlassen müssen." Victor lächelte, aber es war eines, dem es anzusehen war, dass er es nur ihm zu liebe aufgesetzt hatte. „Wohl an, Magister Herbert! Beginne er mit dem Unterricht", meinte er trocken und begleitete die Worte mit einer elaborierten Geste seiner Hand.
Wenig später hatten sie die Residenz verlassen und waren unterwegs durch dunkle, verlassene Straßen. Sie gingen bis sie den Rand des ärmlichen Teils der Stadt erreicht hatten und suchten sich dort eine dunkle, enge Sackgasse. „Das ist zum Üben gut genug", entschied Herbert. Er sprach so leise, dass es kein Sterblicher gehört hätte. „Jetzt suchen wir ein geeignetes Opfer für dich. Einen richtigen Schurken, der es verdient hat und dessen Ende jeden erleichtern wird." Victor nickte stumm und sah Herbert erwartungsvoll an. „Was soll ich tun?", fragte er dann unentschlossen. „Du konzentrierst dich auf die Sterblichen um dich herum", erklärte Herbert rasch. „Suche nach einem dunklen Jäger unter ihnen. Jemandem, der nur zu gut weiß, dass er viel zu verbergen hat. Der Geist eines solchen Sterblichen müsste sich deutlich abheben. Benutze deinen siebten Sinn und du solltest bald genug einen ausfindig machen. Wenn du ein passendes Opfer aufgespürt hast, erlange so viel an Wissen, wie du kannst und benutze es. Umschmeichle diesen Sterblichen Geist, flüstere ihm ein was zu ihm passt und nötig ist um ihn anzulocken. Dann lasse dieses Wesen zu dem Ort kommen, wo du es erwartest. Der Rest erklärt sich von selbst, nehme ich an." Victor nickte ernst. „Wohl an, mein Sohn. Ich vertraue auf deine kundige Führung." Herbert schenkte ihm ein breites Lächeln und schlug ihm beherzt auf die Schulter. „Sehr gut! Das ist genau die richtige Einstellung! Fang an."
Victor hob das Kinn ein wenig höher und schloss die Augen. Seine Konzentration auf die neue Aufgabe zeigte sich an seinen zusammengezogenen Brauen und der leichten Falte dazwischen. Eine unmerkliche Spannung lag plötzlich in der Luft und Herbert wusste instinktiv, dass sein Vater den ersten Schritt geschafft hatte. Es dauerte eine Weile, in der nichts und alles zu geschehen schien. Dann öffnete er Victor mit einem jähen Ruck die Augen und sah Herbert grimmig an. „Er kommt", murmelte mit finsterem Gesichtsausdruck. „Ein Kerl, der es nicht verdient, den Morgen zu erleben!" Seine Stimme klang mehr wie das Knurren eines Raubtiers. „Sehr gut, umso größer wird der Dienst sein, den du deinen Untertanen erweist", entgegnete Herbert zustimmend. „Du hast ja keine Ahnung!", empörte sich Victor. „ Wie ist es möglich, dass notorische Mörder in dieser Stadt ganz unbemerkt bleiben?" Herbert zuckte in einer Geste der Unwissenheit die Schultern. „Nun, wir tun es auch", gab er dann gelassen zu bedenken. „Vielleicht hat er einfach nur Glück gehabt, bis jetzt. Oder er ist noch nicht lange hier. Abgesehen davon, ohne solche wie ihn, müsstest du hungern." Sein Vater warf ihm einen finsteren Blick zu, der ihm allzu deutlich sagte, was er von seiner Antwort hielt. „Schon gut," beruhigte Herbert mit erhobenen Händen. „Ich ziehe mich jetzt zurück. Es wird das Beste sein, wenn dein Opfer dich alleine vorfindet. Ich nehme an, dass ich mich nicht irre mit der Vermutung, dass du seine Jagdlust ausgenutzt hast." Victor nickte finster. Herbert betrachtete das entschlossene Gesicht seines Vaters für einen Moment, und er zog es vor, eine letzte Ermahnung auszusprechen. „Ein Rat zum Abschluss: Verhalte dich immer passend zu dem, was du deinem Opfer eingeflüstert hast", schärfte er seinem Vater ein. „In diesem Fall so, dass der Mörder keinen Verdacht schöpft, bis er nahe genug an dich herankommt." „Verstanden", entgegnete der Graf kurz angebunden. Herbert schmunzelte ein wenig und legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter. „Er gehört ganz dir, Vater. Erfolgreiche Jagd, wünsche ich." Mit diesen Worten verschwand er geräuschlos im Dunkeln. Victor konnte ihn nicht mehr sehen – wohl aber fühlen, dass er sich nicht weit entfernt hatte. Eingedenk Herberts Warnung begann der Graf mit hinter dem Rücken verschränkten Händen scheinbar ungeduldig auf und ab zu gehen, wie ein Sterblicher, der auf etwas oder jemand wartet. Dann und wann sah er hinauf zu den Sternen, als versuche er, mit ihrer Hilfe die vergangene Zeit abzuschätzen, ehe er seine ruhelose Wanderung wieder aufnahm. Dann und wann stieß er das eine oder andere leise Wort aus, wie man es zu tun pflegt, wenn man in ärgerlicher Laune auf etwas warten muss. Tatsächlich musste Victor nicht so lange warten, wie er es erwartet hatte. Ähnlich wie er es bei seinen ersten Versuchen bemerkt hatte, ein Tier mit Hilfe seines siebten Sinnes aufzuspüren, war der Geist des von ihm herbeigerufenen Sterblichen wie ein kleiner, heller Punkt in seinem Bewusstsein. Er hätte es nutzen können, um ihn selbst aufzuspüren. Dieses Mal ließ er ihn einfach zu sich kommen. Erwartungsvolle Spannung ergriff ihn, sobald Victor in der Ferne Schritte vernehmen konnte, die sich immer weiter näherten. Herbert hatte nicht übertrieben. Er war den Einflüsterungen des Vampirs gefolgt, der es nur allzu leicht verstanden hatte, die Gier des Sterblichen nach Blutvergießen zu wecken. Er war genau dorthin gekommen, wohin Victor ihn befohlen hatte, hielt es für die Einflüsterung seiner eigenen Intuition. Sorgsam hielt der Jäger seine eigene Maskerade aufrecht und ließ den Sterblichen glauben, dass er sich an eine ahnungslose Beute heran pirschte. Es wäre Victor ein Leichtes gewesen, die Gedanken des Sterblichen zu lesen, und seinen Plan gekonnt zu durchkreuzen, bevor er wusste, wie ihm geschah. Aber aus irgendeinem Grund hatte etwas in ihm das abgelehnt. Nein, dieser hier sollte die Sinnlosigkeit seiner Tat zu spüren bekommen. Victor erlaubte, dass der Mensch ungehindert an ihn herantreten konnte. ‚Ganz gleich, was du siehst und hörst – mische dich nicht ein!' warnte er Herbert von Geist zu Geist und spürte sofort dessen wortlose Zustimmung.Wie er es erwartet hatte, bohrte sich kurz darauf eine Klinge zwischen seine Schulterblätter. Es war eine wohl abgewogene Entscheidung, dem Mörder seinen ungeschützten Rücken darzubieten. Dennoch konnte er weder das Keuchen noch den unwillkürlichen Schmerzenslaut unterdrücken, als ihm das Metall ins Fleisch drang. Sofort wurde die Waffe aus dem Wundkanal gerissen. Von Krolock wirbelte mit der Schnelligkeit des Vampirs herum und packte den Sterblichen. Eine unerbittliche Hand an seiner Kehle schnürte ihm die Luft ab, eine weitere brach ihm gleichzeitig in einer blitzschnellen Bewegung das Handgelenk – und die Waffe fiel nutzlos zu Boden. Mit langen, im Sternenlicht gefletschten Zähnen knurrte der Graf auf den wimmernden Menschen in seinem Griff herunter. Es war ein bedrohlicher Laut tief aus seiner Kehle und der unverkennbare Geruch nach Angst und Urin lag plötzlich in der Luft. Eine Tatsache, die Victor noch mehr Abscheu einflößte, als er sie ohnehin schon vor diesem Mistkerl empfand. „Dachtest, es würde so einfach sein?"Seine Stimme war ein dunkles, drohendes Grollen, gerade laut genug, dass der Sterbliche in seinen Klauen es hören konnte. „Diesmal hast du dich mit der falschen Person angelegt. Das hier ist meine Stadt. Gleichgültig, was meine Untertanen heute von mir denken mögen, ich dulde keinen Abschaum wie dich unter ihnen! Hättest nie gedacht, dass du den Tag erleben würdest, an dem du ertappt wirst, wie? Noch viel weniger, dass du eines Tages ein Opfer finden würdest, dem du stattdessen selbst anheimfällst! Aber so ist der Lauf der Welt. Heute ist dein letzter Morgen!"
Mit einer groben Bewegung und einem gefährlichen Kehllaut überstreckte Victor den Hals des Mannes. Dann gruben sich seine Zähne tief in das entblößte Fleisch. Nichts konnte jemals dem ersten Schluck gleich kommen. Das Gefühl neuen Lebens und Kraft. Diesmal war es mehr als das. Es war der unbeschreibliche Triumpf, diesen Abschaum eigenhändig zur Strecke gebracht zu haben. Mit jedem Schluck, mit jedem Moment, in dem das Kaleidoskop aus Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen dieses Menschen durch sein Bewusstsein wirbelte, kostete er ein Gefühl düsterer Genugtuung aus. Jeder Schluck eine Racheakt für einen namenlosen Menschen, der durch seine Beute zu Tode gekommen war. Die Angst und das Grauen eine verdiente Strafe und bei jedem Schluck umso süßer und befriedigender – und Victor ließ sich reichlich Zeit. Noch mehr als sonst war der Eintritt des Todes ein genussvoller Höhepunkt des Erlebnisses. Doch schon kurz darauf löste der Vampir sich mit einem angewiderten Fauchen von seinem Opfer und ließ es schwer atmend achtlos fallen. „Du hast bekommen, was du verdient hast! Von heute an werden sie vor dir sicher sein!", knurrte Victor abfällig, als er auf ihn herab sah, für den Moment ungewiss, was er jetzt tun sollte, denn es widerstrebte ihm zutiefst ihn noch einmal zu berühren.
Genau in diesem Moment machte sich Herbert mit einer leichten Berührung seines Geistes bemerkbar, ehe er sich aus den Schatten herab fallen ließ und leichtfüßig direkt neben seinem Vater zum Stehen kam. „Ob es dir gefällt oder nicht, du musst deine Spuren verwischen. Sonst wird was dir nützen soll dein Untergang sein", ermahnte er seinen Vater streng. Mit einem Gesichtsausdruck, der seinen Ekel nur allzu deutlich machte, hob Victor das zu Boden gefallene Messer auf und stieß es dem Toten in den Hals. Dann richtete er sich auf, ließ es dort zurück und entfernte sich einige Schritte. „Das wird genügen. Das Blut an seinen Händen und die Spritzer an seiner Kleidung werden ihnen genug sagen. Sie werden keine weiteren Fragen stellen." Herbert gab einen zustimmenden Laut von sich. „Lass uns gehen. Ich möchte nicht noch länger in seiner Nähe sein." Herbert nickte zustimmend und folgte seinem Vater aus der Gasse hinaus und einige weitere entlang, ohne etwas zu sagen. Als sie an einem Eingang mit breiten, wuchtigen Treppenstufen vorbeikamen, ließ Herbert sich elegant darauf sinken und bedeutete seinem Begleiter es ihm gleich zu tun. Victor zögerte kurz und kam dann der unausgesprochenen Aufforderung nach. „Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass du ihm erlauben würdest, dich zu verletzen", bemerkte sein Sohn mit einem nachdenklichen Blick. „Es war klar, dass du etwas vor hast, sonst hättest du mich nicht angewiesen, nicht einzugreifen. Aber das hatte ich nicht erwartet." Herbert klang ein wenig beeindruckt. Victor berührte bedauernd die Stelle an seinem Rücken. Die Wunde war bereits verheilt und der Schmerz lange vergangen. Dort aber, wo das Messer eingedrungen war, fühlte er einen schmalen Schnitt, der sich durch alle Schichten seiner Kleider zog. Dieser Schaden würde bleiben. „Es ist ein Jammer um die Sachen. Alles gute Stücke und längst nicht aufgetragen, seufzte er dann. Herbert grinste ihn amüsiert an. „Das ist alles was du daran bedauerst?", fragte er dann vorsichtig. Victor dachte einen Moment nach und schien in sich hinein zu hören. „Ich glaube schon." Herbert klatschte erfreut in die Hände. „Großartig! Diese Strategie scheint ein Volltreffer zu sein!", rief er begeistert aus. „Herbert, sei still! Du weckst noch die ganze Nachbarschaft!", ermahnte Victor. „Verzeihung. Aber ich bin begeistert von deinem Erfolg heute Nacht! Du hast begriffen, wie es funktioniert. Von jetzt an, kannst du dich allein in der Vervollkommnung dieser Fähigkeit üben. Sie wird dir auch auf dem Land gute Dienste erweisen – du wirst sehen!" Es war kaum möglich sich Herberts aufrichtiger Freude und Zufriedenheit zu entziehen, und Victor vergalt es ihm mit einem halbherzigen Klaps auf die Schulter. „Wer hätte es gedacht? Du machst dich am Ende gar nicht so schlecht als Lehrer, scheint mir. Ich hätte früher auf dich hören sollen." „Ja, es wäre besser gewesen." Victor machte eine philosophische Geste. Dann sah er seinerseits Herbert mit offenkundigen, neugierigem Interesse an. „Wonach suchst du, wenn du diese Möglichkeit der Jagd nutzt?", fragte er dann.
„Nach jungen Männern mit Todessehnsucht oder solchen, die bereit sind, für ein prickelndes Abenteuer in den Armen des Geliebten zu sterben", antwortete Herbert ungerührt und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Victor nickte bedächtig. Es passte zu Herbert und wunderte ihn auch nicht. Er hatte ganz eindeutig Möglichkeiten und Wege gefunden zu überleben und einen Ersatz für seine Bedürfnisse zu finden, ohne dabei Schaden zu nehmen, stellte Victor nicht ohne aufrichtige Bewunderung fest. Herbert jedoch konnte den Blick nicht ganz deuten. Nachdenklich und zugleich… Anerkennung? „Was ist? Wieso siehst du mich so an?", fragte er. „Oh, gar nichts, gar nichts!", entgegnete Victor mit einem belustigten Unterton und hob entwaffnend die Hände. „Ich bewundere nur andächtig deine Fähigkeiten und Errungenschaften."
Vater und Sohn blieben noch einige weitere Wochen in der Stadt. Der jüngere Vampir genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es war ihm angenehm, dass Victor die ganze Zeit seinen Launen gehorchte und sich meist nach seinem Willen richtete. So gerne er ihm noch mehr der begehrten Aufmerksamkeit entlocken wollte, spürte er dennoch, dass sein Vater des Stadtlebens allmählich überdrüssig wurde. Er folgte noch immer klaglos Herberts Lehren und Anweisungen, stürzte sich von ihm begleitet jede Nacht ins Getümmel der Sterblichen. Oft hungrig und auch den Tagen, an denen er normal jagen würde, bevor er dies getan hatte. Dabei machte er sich trotz seines Problems recht gut, befand Herbert, obwohl er aus Victors Erzählung natürlich begriffen hatte, dass die eigentliche Herausforderung dann kommen würde, wenn ihm irgendwann ein weiterer Sterblicher auf der Bildfläche erschien, der ihm etwas bedeuten würde. Bislang war er trotz eindeutiger Angebote einiger ambitionierter Dirnen – und auch des einen oder anderen Burschen, wie Herbert belustigt feststellte – standhaft geblieben. Die erste solche Person hatte er recht schnell davon komplementiert, als es das erste Mal passierte, das er mit Herbert, scheinbar trinkend, in einer vollen Schenke saß. Danach hatten sie eine kleine Unterhaltung gehabt.
„Du darfst mit ihnen Spaß haben, auch wenn du nicht hinter ihrem Blut her bist, weisst du?", bemerkte sein Sohn belustigt, als das dralle, dunkelhaarige Schankmädchen sichtbar enttäuscht wieder abgezogen war. „Du magst dünner und hagerer sein als früher – aber du hast dein gutes Aussehen nicht verloren, im Gegenteil." Sein Sohn betrachtete ihn noch immer abschätzend und Victor warf ihm einen vielsagenden Blick zu und atmete tief durch. Herbert lächelte schelmisch zurück. „Wir wiederholen das in der nächsten Zeit. Sobald sich eine weitere solche Gelegenheit ergibt, lässt du deinen Charme spielen. Du wusstest früher, wie man das macht! Bei Frauen, die dich keinen Deut interessiert haben, und auch bei den Männern, mit denen du zu tun hattest. Benutze es! Wenn der Appetit zu groß wird, sieh zu, dass du sie auf passende Art rasch los wirst oder bringe etwas Abstand zwischen dich und die Person. Das ist deine nächste Übungsaufgabe, mein Lieber!" Victor rollte ungeduldig mit den Augen. „Zu Befehl, Herr Oberlehrer!" Er hatte gehorcht und sich daran gehalten, aber es war sein ungeduldiges seufzen wenn sie loszogen, ein Blick hier, und eine scharfe kleine Bewegung dort, die Herbert deutlich sagten, dass ihre festen Routinen, so sinnvoll und nützlich sie auch waren, allmählich zum Ausdauertest für seinen Vater wurden. Nach einer Aussprache und als alle Details die Herberts Heimkehr betrafen besprochen waren, hatten sie die Stadt gemeinsam hinter sich gelassen, und waren ins Schloss zurückgekehrt.
Für Herbert war dieser erste Tag wieder zu Hause ein wenig ein Nachhall ihrer Zeit in der Stadt. Noch einmal war er das Zentrum der Aufmerksamkeit seines Vaters. Er begriff nur zu deutlich, wie froh dieser war, ihn wieder im Haus zu haben. Doch bereits am nächsten Abend entschuldigte sich Victor bereits recht bald, nachdem sie sich erhoben hatten, da ihn, wie er resigniert bemerkte, ein Berg an aufgeschobener Arbeit erwartete. Herbert seinerseits reagierte ebenfalls großzügig und erbot sich, seinem Vater zur Hand zu gehen. Nach kurzem, überraschten Stutzen hatte dieser angenommen. Da Herberts Arbeitsweise in der Vergangenheit allerdings oft zu wünschen übrig gelassen hatte, wurde ihm die Rolle des Schreibers zuteil. Die ersten beiden Nächte brachten sie fast ausschließlich damit zu, die angesammelten Papiere zu sichten, und nach Wichtigkeit in drei Kategorien einzuordnen: ‚muss sofort erledigt werden', sollte in absehbarer Zeit erledigt werden' und ‚kann einstweilen warten'. Seltsam genug, es war gar nicht so schrecklich, wie Herbert ähnliche Gelegenheiten aus seiner Jugend in Erinnerung hatte. Eine weitere Nacht verbrachte er größtenteils mit seinem Vater in dessen großem, offiziellen Arbeitszimmer. Herbert löschte Briefe, die Victor ihm reichte, adressierte Umschläge oder siegelte Dokumente, nachdem sein Vater die letzte Unterschrift darunter gesetzt hatte. Es tat ihm fast ein wenig leid, als die Ankunft seiner Habe aus der Stadt während des folgenden Tages ihn dazu zwang, sich erst einmal mit Anordnungen und Organisation diese betreffend zu kümmern und seinen Vater mit den Bergen aus Papier alleine zu lassen. Als er dies äußerte, hatte Victor jedoch nur beruhigend abgewinkt. „Ist schon gut. Geh' nur. Irgendjemand muss sich auch darum kümmern, dass deine Sachen an den richtigen Ort gebracht werden. Wenn du mir noch weiterhelfen möchtest, kannst du mir in der nächsten Zeit alle Angelegenheiten abnehmen, die unseren Haushalt hier betreffen. Verkenne es nicht, es wäre wirklich eine große Hilfe, wenn ich das hier…", er machte eine ausholende Handbewegung, die die vollen Tische um ihn herum bezeichneten, „ einfach nur abarbeiten kann." „Dann werde ich dir diesen Gefallen selbstverständlich tun!" willigte Herbert ohne zu Zögern ein. Victor lächelte zufrieden. „Sehr gut. Ich sorge dafür, dass die betreffenden Personen wissen, dass ich dich in dieser Angelegenheit zu meinem Bevollmächtigten ernannt habe. Briefe diesbezüglich werden in Zukunft an dich adressiert werden." Es brauchte einen Herzschlag oder zwei, ehe er Herberts entgeisterten Gesichtsausdruck bemerkte. „Was ist?", fragte Victor dann, irritiert. „Es nützt mir nichts, wenn das alles auch noch hier drauf landet!" Er deutete auf seinen vollen Schreibtisch. „Ich richte dir einen freien Betrag für die Haushaltsführung ein und du kümmerst dich um den Rest. Das hast du in der Stadt auch gemacht, tue also nicht so, als wäre das etwas Neues für dich. Aber sei mir bloß nicht so schlampig mit der Buchhaltung, wie du es früher warst! Na los, an die Arbeit mit dir!" Mit einer vielsagenden Geste hatte Victor seinen Sohn hinaus gescheucht.
So übernahm Herbert also die Regelung ihrer Haushaltsangelegenheiten und übersah in den folgenden Wochen den Wechsel des Personals. Er zahlte sie aus und gewährte ihnen eine vierwöchige Zeitspanne, innerhalb derer sie ihre Angelegenheiten geklärt und das Schloss verlassen haben mussten. Am Morgen des letzten Tages dieser Frist verließen sie alle das Schloss. Zu ihrer Sicherheit schliefen Victor und Herbert deshalb nicht wie üblich in der Gruft, sondern in ihren verdunkelten und verriegelten Schlafzimmern. Zumal das neue Personal am späten Nachmittag seine neuen Stellungen antrat. Herbert hatte dafür gesorgt, dass ein junger Advokat sie mit einem Gehilfen empfing und gemäß seiner schriftlichen Anordnung gleich einwies. Kurz nach Sonnenuntergang lernten die Dienstboten bei einem kurzen Empfang ihre künftige Herrschaft kennen. Sie empfingen Anweisungen, die Victor und Herbert nicht dem Advokaten hatten anvertrauen wollen. Danach sahen die meisten von ihnen ihren obersten Dienstherren nur noch gelegentlich. Lediglich der handverlesene, persönliche Diener des Grafen, der kurz vor allen anderen unter Aufsicht des Anwalts ins Haus gekommen war, hatte regelmäßig mit diesem zu tun und gab die Anordnungen seines Herren weiter. Um Fragen und sonstige Belange des Haushalts kümmerte sich Herbert. Victor nahm seine pflichtbewusste Arbeitsweise wieder auf, nachdem er seinen Rückstand aufgearbeitet hatte. Obwohl er es nie laut ausgesprochen hatte, wusste de Graf, dass Herberts Worte nur allzu viel Wahrheit enthalten hatten. Er war in den vergangenen Jahrzehnten allen seinen Untertanen nicht der Graf gewesen, der er einst war, und er schuldete es ihnen, dies wieder zu beheben. Auch wenn sein Glaube an ihre absolute Wahrheit der Vergangenheit angehörte, kehrte er dennoch zu den Lehren über den „guten Herrscher" der alten Griechen und Römer zurück. Zudem beschäftigte er sich zunehmend mit aktuellen Schriften, die sich mit Gedanken beschäftigten, wie das Los der einfachen Bevölkerung zu verbessern sei. Viele seiner harschen, vermeintlich zur Sicherheit seiner Untergebenen geschaffenen Neuordnungen verschwanden. Der Wehrdienst wurde gelockert, gerechter ausgestaltet, wenngleich er in kleinerem Umfang erhalten hatte zu lange im Schatten des Osmanischen Reiches gelebt, um sich nicht bewusst zu sein, dass man in ihrer Gegend auch in ruhigen Zeiten darauf gefasst sein musste, dass diese plötzlich vorbei sein konnten. Doch sorgte eine entsprechende Besoldung für einen freiwilligen Anreiz, der viele fähige Burschen und Männer anlocken sollte. Nach vorsichtigen Kalkulationen nahm er ebenfalls eine Steuerreform vor, die bei gleichzeitiger Kostendeckung trotzdem die Bevölkerung entlastete und deren Abgaben verringerte.
Nicht ohne Widerwillen hatte er sich jenem Teil seiner Untertanen zugewandt, denen er sich am wenigsten verbunden oder geneigt fühlte. Von seinem Sohn als moralische Unterstützung begleitet, war er noch bevor der Mond zum nächsten Mal voll und rund am Himmel stand, zu der Ruine im Wald hinüber geritten. Selbst ihn hatte der Anblick, der sich ihm bot, nicht unberührt gelassen. Von dem Gemäuer selbst, das an diesem Ort einst aufragte, war kaum noch etwas übrig. Das Holz der schweren Falltür war verwittert und der unebene Boden zeigte nur zu deutlich, dass die Gewölbe darunter nicht mehr lange standhalten würden. Die Stätte hatte nicht mehr viel mit dem Schauplatz von Kastors Vernichtung in seiner Erinnerung gemeinsam. Doch wenn ihn der Ort erschüttert hatte, war das nichts im Vergleich zu dem Anblick der heruntergekommenen, vernachlässigten Gestalten, die sich bereits kurz nach ihrer Ankunft um sie scharten. Als er sie zum ersten Mal als junger Vampir sah, waren sie zerlumpt und heruntergekommen. Sie waren noch immer besser daran als damals, doch Victor erkannte wohl, dass sie diesen Umstand seinem Sohn verdankten – und nicht ihm. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahrhunderten fühlte er so etwas wie Mitleid mit diesen unseligen Geschöpfen. Seine Augen glitten aufmerksam von einem zum anderen, doch die gewohnte, alte Abscheu war fort. Wenn Herbert es schaffte, ihm zu vergeben, ohne mit der Wimper zu zucken, sollte er es wohl fertigbringen, sich ihrer angemessen anzunehmen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. „Ihr, die ihr noch übrig seid, hattet niemals meinen Zorn, noch meine Vernachlässigung verdient," sagte er dann mit ruhiger, fester Stimme, die jedes Ohr erreichte, obwohl er sie nicht erhoben hatte. „Ihr habt Euch dennoch unter widrigsten Bedingungen an meine Befehle gehalten. Es ist Zeit diese Loyalität zu vergelten. Dieser Ort kann nicht mehr lange eure Bleibe sein. Ihr sollt ein neues Quartier in meinem Schloss erhalten!" Die Menge um sie herum reagierte zunächst nur mit verhaltener, ungläubiger Erleichterung. Dann trat eine Frau vor, die dem Aussehen nach eine der ältesten der Gruppe war und in den mittleren Jahren gewesen sein mochte, als sie zur Vampirin wurde. „Ist das wirklich wahr, Herr? Ihr werdet uns im Schloss aufnehmen?", begehrte sie unsicher zu wissen. „Das werde ich, erwiderte Victor kühl, „doch nicht so, wie ihr möglicherweise glaubt. Auf dem Schlossgelände gibt es einen Friedhof. Die Gräber sind alt, ihr Inhalt ist seit langem zerfallen. Allerdings sind sie besser erhalten und geschützter als dieser Ort hier, der Euch nicht mehr lange beherbergen kann. Er soll zu Eurer neuen Ruhestätte werden. Desweiteren sollt Ihr einen Ort in den Kellergewölben erhalten, der Euch als Gemeinschaftsraum dienen wird. Er ist durch einen Zugang nicht weit von euren neuen Lagern erreichbar." Zustimmendes Gemurmel erhob sich. „Das Ganze ist allerdings an Bedingungen geknüpft!" Victor hob die Stimme und übertönte mit scharfem Ton ihre Stimmen. Nur in den dunkelsten, tiefsten Stunden der Nacht sollt ihr Euch erheben. Es leben noch immer sterbliche im Schloss. Sie sind für meine Zwecke unvermeidlich! Vermeidet, dass sie Euch sehen! Niemals dürfen sie sicher sein, dass ihr überhaupt existiert. Die Leute der Gegend sind alle abergläubisch und werden Geistergeschichten nur allzu bereitwillig glauben, wenn sie sich um einen Jahrhunderte alten Friedhof ranken. Aber schwört im Namen der Hölle, des Feuers und des Blutes, keinen Sterblichen innerhalb der Mauern meines Schlosses zu berühren! Niemals darf einer von ihnen Euch zum Opfer fallen!" Die versammelten Vampire waren dergleichen von ihm gewohnt. Doch der Preis, der dieser neuerliche Schwur ihnen zu verschaffen versprach, war verlockend genug, dass sie ihm wohl auch ohne alte Gewohnheit dafür zu willen gewesen wären. „Wir schwören im Namen der Hölle, des Feuers und des Blutes niemals einen Sterblichen zum Opfer zu nehmen, der sich in Eurem Schloss aufhält, oh Herr!", ertönte der vielstimmige Chor, Victor nickte zufrieden. Dann erklang die Stimme seines Sohnes. „Eure einzige Ausnahme wird die Verpflegung sein, die wir Euch anlässlich einer kleinen Festivität zugestehen, deren Einführung der Herr Graf großzügig gewährt hat!" Herbert hatte Victor dieses weitere Zugeständnis nur unter Mühe abgerungen. Anschließend hatte sein Vater darauf beharrt, dass er seinen Günstlingen also ebenso gut selbst verkünden konnte, was er für sie erwirkt hatte. Deshalb war es für ihn keine Überraschung gewesen, dass Herbert das Wort nahm. Jetzt, Wochen später, konnte er es gelassen mit anhören ohne, dass sich sein ernster Gesichtsausdruck veränderte. Bei der Versammlung der Vampire jedoch, die sie beide umgaben, löste diese Ankündigung verwunderte Erregung aus. „Ein Fest? Was für ein Fest? Der Herr hat uns noch nie zu so etwas eingeladen, junger Herr!" Die Äußerungen kamen von allen Seiten. „Natürlich nicht!", antwortete Herbert gönnerhaft. „Der Herr Graf hat erst kürzlich zugestimmt, dass ihr die längste Nacht des Jahres mit uns im Schloss zubringen sollt!" Bevor Herbert ihnen Dinge zugestehen konnte, denen Victor keinesfalls zustimmen würde, ergriff er selbst wieder das Wort. „Euch wird in dieser einzigen Nacht des Jahres gestattet, das Schloss selbst zu betreten. Doch seid gewarnt! Lediglich das Betreten des Ballsaals ist Euch in dieser Nacht gestattet. Mein Sohn wird Euch in Empfang nehmen und sicherstellen, dass ihr euch am rechten Ort versammelt. Ferner ist es Euch nicht gestattet, das Schlossgelände durch die Toranlagen zu betreten oder zu verlassen! Ein schmiedeeisernes Tor wird ausschließlich für Euren Gebrauch in der Mauer eingelassen, die das Friedhofsareal begrenzt. Ihr werdet ausschließlich jenes benutzen und kein anderes! Schwört es!" Auch dieses Mal gehorchten sie ihm sofort. „Nun gut. Die Arbeiten werden eine Weile in Anspruch nehmen. Eure neuen Ruhestätten sind vorzubereiten, und die Bauarbeiten müssen erst abgeschlossen sein, ehe ihr sie beziehen könnt. Ich werde beim nächsten Vollmond zurückkehren und Euch näheres berichten. Habt bis dahin einstweilen noch Geduld, meine Brüder und Schwestern. Ihr geht besseren Zeiten entgegen!" Damit hatten sie sich verabschiedet und waren zum Schloss zurückgekehrt.
Victor hatte sich auch tatsächlich an die Vorbereitungen gemacht, wie Herbert zufrieden feststellte. Es hatte eine Weile gedauert, aber irgendwo hatte er einen Trupp Handwerker aufgetrieben. Tagelöhner zumeist, die froh genug waren, die lukrative Arbeit zu übernehmen, die ihnen in Aussicht gestellt worden war. Sie räumten die alten Gräber aus, begruben das wenige, was darin noch erhalten war, in einer abgelegenen Ecke des Friedhofs, und brachte das neue schmiedeeiserne Tor an. Dem Gesinde hatte man die Geschichte erzählt, ihr Lehnsherr habe vor, den Wert des Besitzes zu steigern, indem der angeblich arg verwitterte Familienfriedhof im Gedenken an seine Ahnen wieder hergerichtet wurde. Bis alle fremden Menschen wieder aus dem Schloss verschwunden waren, blieb die Gruft verweist. Vater und Sohn ruhten in dieser Zeit stattdessen bei vorgelegten Riegeln, Läden, und von schweren Vorhängen geschützt in ihren Schlafzimmern. Endlich war alles bereit und die lange vernachlässigte Versammlung Untoter bezog im Schutze der tiefsten Nacht ihr neues Domizil. Mit den Jahren sollten sich tatsächlich einige Geschichten über gelegentliche, vermeintliche Geistersichtungen und über quietschende und scharrende Geräusche um den Friedhof im Schatten der Schlosskapelle ranken, sodass kein Dienstbote sich ihm freiwillig näherte. Doch während Herbert bereits jetzt mit seinem Vater zufrieden war, genügten seine Fortschritte Victor noch lange nicht. Er hatte Schritte unternommen, seine Fehler seinen Untergebenen gegenüber wieder gut zu machen. Doch es gab noch jemand, dem er unrecht getan zu haben glaubte. Er war nie besonders gläubig gewesen, doch nun hatte er das Gefühl, sich auch mit Gott versöhnen zu müssen. Es war ewig her, seitdem er zuletzt eine Bibel in der Hand gehalten oder tatsächlich in einer gelesen hatte. Selbst wenn die alte Familienbibel in der Kapelle nicht durch das Altarkreuz unerreichbar gewesen wäre, war es fragwürdig, ob sie mit ihren vielen religiösen Bildern für ihn tatsächlich nutzbar gewesen wäre. Also beschaffte er sich zunächst ein Exemplar, mit dem er tatsächlich etwas anfangen konnte. Ein einfaches, äußerst schlicht gebundenes, schmuckloses Buch, das nicht einmal von einem Kreuzzeichen geziert wurde. Es wurde für ihn ein zähes Unterfangen. Doch als Zeichen des guten Willens arbeitet er sich entschlossen durch das ungeliebte Lesematerial. Danach folgten die Werke diverser kirchlicher Gelehrter, die trotz oft philosophischer Schriften, seiner Meinung nach nur, wenig besser waren. Er las sie dennoch. Als Mahnung und wie eine eigene Form der Buße. Außerdem spendete er großzügig an verschiedene Kirchen und Klöster und auch für allerlei mildtätige Zwecke. Herbert schüttelte nur den Kopf, als er davon hörte. Aber da es Victor ernst zu sein schien, ließ er ihn Schulterzuckend gewähren. Die fast kindliche, törichte Hoffnung dahinter, begriff der Sohn des Grafen allerdings nicht. Victor mochte akzeptiert haben, dass er unwiderruflich in dieser Existenz als Vampir gefangen war. Doch diese Erkenntnis schmerzte noch immer. Einst hatte er sich so etwas wie Erlösung erhofft. Diese Hoffnung mochte noch so katastrophal zunichte geworden sein – es hielt ihn nicht davon ab, sich jetzt an eine neue zu klammern. Dabei waren seine Wünsche noch nicht einmal sehr hoch gesteckt. Er wusste, er würde es niemals genießen können, was aus ihm geworden war. Zu tief saß Schmerz über seine verlorene Sterblichkeit. Von allem, was ihm lieb und teuer gewesen war, war ihm nur Herbert geblieben. Sein väterlicher Instinkt hatte seinen Sohn in jener schicksalhaften Nacht jedoch ebenfalls verflucht. Alles, was Victor jetzt wollte, war dieses Dasein erträglich finden zu können. Herberts Bemühungen waren keinesfalls umsonst gewesen. Sie hatten seine Lage genug verbessert, dass er sich nicht nur ihm zu Liebe aufgerafft hatte, um den Scherben, die von seiner bisherigen Existenz übrig waren, neu zusammenzusetzen. Es hatte seine Lage genug verbessert, dass er wieder Hoffnung geschöpft hatte, es könne vielleicht doch alles einmal besser werden. Er konnte sicher sein. dass der Tod, den er unweigerlich jedem seiner Opfer brachte, nun zumindest einen Sinn hatte. So vertieften diese den Morast aus Schuldgefühlen, Reue und Qual, indem er sich gefangen sah, nicht noch weiter. Die Rolle als immerwährender Rächer an den Niederträchtigen war zumindest irgendwo in den Schatten jener gegensätzlichen Ideale, die er nacheinander vergeblich angestrebt hatte. Doch es gab so vieles aus den vergangenen Jahrhunderten, das er bereute und doch weder ändern noch wieder gut machen konnte. Nun hoffte er nur noch, dass die Schuldgefühle mit der Zeit aufhören würden, wenn er sich nur redlich genug verhielt, alle Aufgaben erfüllte und sich durch die Verbesserung der Lebensumstände seiner Untertanen aufrichtige Wiedergutmachung leistete. Sicher würde er sich damit irgendwann des Lohnes, den er sich wünschte, mittels harter Arbeit verdienen. Bisher hatte er alle guten Vorsätze in die Tat umgesetzt und hielt an dem steinigen Weg fest, den er gewählt hatte. Es war ihm bewusst, dass es Zeit kosten würde, sich in den Augen der gesamten Grafschaft zu rehabilitieren. Doch er war entschlossen ihn klaglos zu gehen.
Nachdem die Posten seiner Mittelsmänner vollkommen neu besetzt waren, hatte er das Gefühl, nun endlich eine neue Seite aufgeschlagen zu haben, auf der er neu beginnen würde. Als Zeichen dafür hatte er sich in derselben Nacht alleine aufgemacht und einen Ort im Schloss betreten, den er seit langem gemieden hatte. Er hätte nicht mehr sagen können, wie lange er die Kapelle nicht mehr betreten hatte. Nach Elisabeths Tod hatte es nicht mehr viel Grund gegeben, hierher zu kommen. Es hatte sich hier nicht viel verändert, auch wenn man dem kleinen Gotteshaus anmerkte, dass es nur noch selten genutzt wurde. In alten Zeiten hatte es hier immer den Jahreszeiten angepassten, einfachen Schmuck, wechselnde Floren und Drapieren gegeben. Jetzt gab es nur noch das Inventar, das immer hier gewesen war, die üppigen Wandmalereien und Ikonen und nicht mehr. Als Mensch war ihm die Atmosphäre hier ruhig und still vorgekommen. Manchmal vielleicht auch ein wenig feierlich. Jetzt spürte er die Spannung an diesem Ort, sobald er ihn betrat. Wie früher schon, fühlte er sich unwohl, fast bis zur Übelkeit. Es schien mehr Druck auf ihm zu lasten, als gewöhnlich und unter anderen Umständen hätte er diesen Ort wohl sehr rasch verlassen. Doch nicht jetzt. Mit hoch erhobenem Kopf näherte er sich dem Kruzifix, soweit er es vermochte. Fast mit so etwas wie trotziger Herausforderung. Er erinnerte sich an den Schatten des Kreuzes auf Elisabeths aufgebahrter Gestalt, der seine Bewegungsfreiheit einschränkte – es ihm unmöglich machte, sich so weit zu nähern, wie er es gewollt hatte. Jetzt war der Ort nur schwach vom Licht der Sterne erhellt. Es gab dieses Mal keine Schatten und keine von ihm unbemerkten, unerwünschten Beobachter. Er war allein. Entschlossen hielt er die Augen auf den Altar gerichtet. Nach all der Zeit konnte er das Kreuz nicht direkt betrachten. Es war nicht wie eine helle Lichtquelle, die einen Menschen blendet – aber ähnlich. Ein starker Abglanz, nicht von Helligkeit, sondern von Kraft, die jener entgegenstand, der er als Vampir jetzt angehörte. Doch dieses Mal würde er nicht klein beigeben.
Victor begann leise zu sprechen, während er einen Schritt nach dem anderen langsam weiter vorwärts trat. „Ich weiß, ich bin hier nicht willkommen, das fühle ich. Aber es gibt einen Grund für meine Anwesenheit. Einst war auch ich dein Geschöpf, ganz gleich was aus mir geworden ist. Du, der du dich großer Vater nennen lässt, bist es sicher auch einem verlorenen Sohn schuldig, zuzuhören." Victor war so nahe gekommen, wie er es vermochte, hatte sich dem Druck entgegen gestellt, der ihn zum Zurückweichen zwingen wollte, auch wenn es mit jedem Schritt schwerer wurde. Doch einige Meter vor dem Altar spürte er deutlich, dass er eine Grenze erreicht hatte, deren Überschreitung seine Macht überstieg. Noch immer hielt er den Blick trotzig an der Aura der Macht vorbei auf den Altar gerichtet. Er verharrte einen Moment, atmete zitternd aus, kniete langsam nieder und senkte den Kopf. Erneut begann er halblaut zu sprechen. „Da ich vermute, dass du mich lieber nicht sehen möchtest, werde ich mich kurz fassen. Ich schlage dir einen Handel vor: Ich gelobe, der beste Vampir zu sein, der ich sein kann. Ich werde nur noch jenen den Tod bringen, die es wollen oder es in den Augen der Welt verdienen. Ich werde mich mäßigen und die Folgen dessen, was ich über mich selbst gebracht habe, wie eine gerechte Strafe ertragen. Im Gegenzug erbitte ich nur eins." Er hob ein wenig die Augen in Richtung des Altars. „Ich wollte niemals sein, was ich geworden bin – doch ich kann dem nicht entrinnen. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Zwiespalt ertragen kann, ohne davon innerlich zerrissen zu werden! Lass diese Qual enden! Ich möchte diese Existenz wenigstens ertragen können!" Mit einem tiefen Seufzen ließ er die Stirn auf die gefalteten Hände sinken und verharrte wortlos in derselben Haltung, mit der stummen Bitte, dass dieser einseitige Handel angenommen werden würde. Nach einer ganzen Weile richtete sich Victor langsam wieder zur vollen Größe auf. Den Kopf hielt er noch immer gesenkt, in einer ebenso bewussten Geste des Respekts, wie sein Auftreten eine Provokation gewesen war.
„Ich habe keine Antwort erwartet", sagte er dann leise. „Aber ich hoffe wenigstens dieses eine Mal erhört zu werden."
Autors Note:
Allen Reviewern herzlichen Dank. Ich freue mich immer wahnsinnig darüber.
Es tut mir leid, dass es diesmal so lange gedauert hat, dieser Winter hat mich doch sehr gebeutelt – und das hat sich leider auch beim Schreiben bemerkbar gemacht. Aber ich hoffe, dass die Länge des Kapitels mit knapp über achtzehn Seiten ein wenig darüber hinwegtröstet. Lasst mich gerne eure Meinung hören.
*1 Victor liest hier ein Stück aus dem „Kaufmann von Venedig" von William Shakespeare, (Aufzug 3, Szene Eins. Es handelt sich um Shylocks Monolog. Mein Dank geht hier an „The Project Gutenberg", von deren Homepage das Zitat entnommen wurde. Das Zitat ist zudem in Fett-kursiv gekennzeichnet, um sich von meiner eigenen Arbeit besser unterscheiden zu lassen.
*2 Ein weiteres direktes Zitat. Herbert liest vor aus „Manor", von Karl Heinrich Ulrichs. Mein Dank geht auch hier an „The Project Gutenberg", von wo dieses Zitat stammt. Für meine Zwecke hier ist der Text der gewählten Passage allerdings etwas gekürzt. Das Zitat ist erneut in Fett-kursiv gekennzeichnet, um sich von meiner eigenen Arbeit besser unterscheiden zu lassen.
Alastor: Graf von Krolocks gegenwärtiges Pferd. In der griechischen Mythologie ist Alastor ein Rappe und eines der Pferde, die Hades Streitwagen ziehen. In meiner Vorstellung reitet Victor im Moment allerdings einen Braunen mit sehr dunklem Fell.
