Kapitel 6 - Das Schauspiel beginnt
Marcus kam langsam wieder zu sich. Er öffnete die Augen und bemerkte das er immer noch auf dem Boden lag. Vor ihm war eine kleine Blutlache, offensichtlich von der Verletzung seiner Nase. Seine Jacke lag neben ihm. Er stützte sich nach oben um sich aufzusetzen und umzusehen. Der Fuchs befand sich in einer Zelle. Links und hinter ihm waren Betonwände, direkt vor ihm dicke Gitterstäbe. Die rechte Seite der Zelle wurde ebenfalls mit Gitterstäben von einer weiteren Zelle abgetrennt. sie waren nicht sehr groß und in jeder von ihnen befand sich nur eine Liege mit einem einfachen Kissen und einer dünnen Decke. Der Rest des Raumes schien eine Art Lager für verschiedene Fahrzeuge zu sein. Von weitem sahen diese allerdings beschädigt aus. In der Mitte vor den Zellen stand ein kleines Kontrollpult und auf der rechten Seite schien die Eingangstür zu sein.
Marcus fasste sich vorsichtig an seine Nase. Er hatte noch Schmerzen. Auch sein Oberkörper, wo der Rest der Schläge landete. Er versuchte Kontakt zu seiner Mutter aufzunehmen. Aber er fühlte sich wieder zu erschöpft um sie auf diese Entfernung zu erreichen. Schließlich zwang er sich nach oben um sich auf die Liege zu setzen.
In der Zwischenzeit saßen alle Vorgesetzten der Basis im Versammlungsraum. Auch Mira und die beiden Huskys nahmen an der Besprechung teil. Ethan hatte wieder diesen durchdringenden Blick, als er sie ansah. Und auch Leonard hatte schon mehr als sonst ein Auge auf sie. Die Wölfin war sehr unruhig, Sie hatte die letzte Nacht kaum geschlafen und fragte sich ob sie wirklich in der Lage war an Informationen zu kommen. Ein paar Minuten später kam Noel zur Tür herein und setzte sich auf seinen Platz.
„Wie ihr wahrscheinlich alle schon mitbekommen habt, ist uns gestern ein großer Fisch ins Netz gegangen. Dummerweise redet Marcus McCloud nicht. Das kleine Bürschchen ist doch tatsächlich zäher als es aussieht."
Ein Lachen ging durch den Raum, das Noel zufrieden genoss, bevor er weitersprach.
„Ich habe daher die Idee gehabt das Mira hier sich als eine weitere Gefangene ausgibt und versuchen wird ihn um den Finger zu wickeln um an Informationen zu kommen."
Die Wölfin bemerkte die skeptischen Blicke der anderen. Außer Ethan und Leonard, die ihr komisches Grinsen aufgesetzt hatten.
„Und du glaubst wirklich das der Junge sich darauf einlässt?" fragte einer der Versammelten.
„Nun..." fing der Wolf an und stand auf. „Wir wissen alle das sie es schon bei Damian geschafft hat. Aber ich weiß worauf du hinaus willst. Deswegen werden wir auch trotzdem Ethan nach Corneria schicken. So können wir an zwei Stellen versuchen an Informationen zu kommen. Und wenn es bei beiden Seiten klappt... umso besser."
Nachdem noch ein paar kleinere Details besprochen wurden, begleitete Noel die Wölfin in eines der Lager in der Nähe des Hangars. Es standen einige Regale im Raum in denen diverse Uniformen und andere erbeutete Gegenstände aufbewahrt wurden. Der Wolf lief zielstrebig auf eines zu und griff nach einer Uniform.
„Du erinnerst dich an das Schiff von Fortuna, das wir erwischt haben?"
„Ja... das war vor knapp zwei Wochen." antwortete Mira.
„Du wirst ihm erzählen das du an Bord dieses Schiffes warst. Hier ist die entsprechende Kleidung."
Die Wölfin nahm die Sachen entgegen. In dem Augenblick bemerkte Noel ihre zitternden Hände. Er legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr direkt in die Augen.
„Was ist los, Mira? Ich hoffe, du willst mir jetzt nicht sagen das du einen Rückzieher machst?"
„Nein. Natürlich nicht. Ich bin wohl nur ein bisschen nervös."
„Hm... nun ja, vielleicht kauft er dir deine Geschichte so vielleicht sogar schneller ab." meinte er und ging nicht weiter darauf ein. „Nachdem du dich umgezogen hast legen wir noch Verbände an um ein paar Verletzungen vorzutäuschen. Ein Mal am Tag holen wir dich ab um zu sehen wie weit du mit ihm bist."
„In Ordnung." sagte die Wölfin und wollte gehen um sich vorzubereiten. Noel hielt sie am Arm zurück.
„Mira, eine Sache noch." Sie sah ihrem Gegenüber in die Augen. „Enttäusche mich nicht noch einmal."
„Das werde ich nicht."
Der Wolf verließ das Lager und auch Mira ging nun auf ihr Zimmer um sich umzuziehen.
Eine Stunde später befand die Wölfin sich auf dem Weg zu ihrer neuen Aufgabe. Kurz vor dem Raum in dem die beiden Zellen waren wurde sie von Leonard abgefangen. Er schaute sie mit einem schadenfrohen Grinsen an und stellte sich ihr in den Weg.
„Dein Opfer schläft noch." sagte er nur. Sie nahm den Satz zur Kenntnis und wollte weitergehen, doch er regte sich nicht.
„Was soll das denn jetzt schon wieder, Leonard?!"
„Weißt du, ich bin froh das Noel dir diese ‚Aufgabe' gegeben hat. Es wird Zeit das du nicht ständig mit Samthandschuhen angefasst wirst."
„Was willst du wirklich?" fragte Mira nun genervt.
„Ich hab' das Kommando von Noel bekommen über deine kleine Unternehmung." sagte der Husky und seine grünen Augen blitzten bedrohlich.
„Das freut dich natürlich, nicht wahr?"
„Sicher. Und Noel hat mir nach einem kurzen Gespräch auch zugestimmt dass ein paar Kratzer die Sache noch ein bisschen glaubwürdiger erscheinen lassen."
„Was?"
Bevor Mira reagieren konnte, hatte der Husky schon ausgeholt und sie mit seinen Krallen an der linken Wange verletzt. Sie hielt sich die Hand an die Wange und drehte sich von Leonard weg. Der griff noch einmal nach ihrem Arm, drückte sie nach unten und versetzte ihr einen weiteren Schlag gegen ihre rechte Schulter. Die Wölfin gab einen kurzen Aufschrei von sich. Sie hatte kurzzeitig die Befürchtung er würde ihr den Arm brechen. Dann wurde sie nach oben gezogen und zu ihrer Zelle gezerrt. Leonard warf sie dort angekommen ziemlich grob auf den Boden. Mira warf ihm einen giftigen Blick zu als er die Tür schloss und einen Knopf auf dem Kontrollpult betätigte um sie zu verriegeln. Ihr Blick folgte ihm noch, bis er aus dem Raum verschwunden war.
Marcus wachte von dem Lärm auf und sah gerade noch das einer der Huskys den Raum verließ. Dann bemerkte er das er Gesellschaft bekommen hatte. Er setzte sich auf seiner Liege auf um die Person genauer anzusehen. Er erkannte ein Mädchen von ihm abgewandt auf dem Boden der Zelle sitzend. Offenbar eine Wölfin, wobei sie dafür sehr zierlich wirkte. Sie hatte einen Verband am linken Arm. Ein Teil ihrer dunkelbraunen Haare war am Hinterkopf mit einer Spange fixiert. Ihre sonst offenen Haare fielen über ihre Schultern und Rücken und reichten bis zur Mitte ihrer Wirbelsäule. Sie trug eine hellblaue, ärmellose Uniform mit zwei grünen, dünnen Streifen an der Seite, die sich sehr von ihrem braunen Fell abhob. Dazu weiße Stiefel und einen weißen Gürtel um ihre Hüfte. Marcus erkannte die Farben ihrer Kleidung von Fortuna.
Die Wölfin atmete tief durch und fasste noch einmal an ihre Wange. Die Verletzung brannte etwas. Im nächsten Moment hörte sie eine Stimme.
„Alles okay bei dir?"
Sie drehte sich um und sah einen blauen Fuchs in einer gelben Uniform auf der Liege sitzen. Als sie seine Augen sah stutzte sie kurz. Er hatte genauso stechend grüne Augen wie Damian.
„Im direkten Vergleich bin ich wohl noch besser davon gekommen." antwortete Mira schließlich und tippte auf ihre Nase. Der Fuchs wusste sofort das sie seine Verletzung meinte. Allerdings war er kurz von ihren lilanen, leuchtenden Augen abgelenkt.
„Wann bist du geschnappt worden?" fragte die Wölfin um das Gespräch ein bisschen am Laufen zu halten. Nebenbei stand sie auf um sich auf ihre Liege zu setzen.
„Gestern... und du?"
„Vor knapp zwei Wochen."
Marcus schwieg wieder und beobachtete seine Mitgefangene einen Moment. Sie fasste sich immer wieder an die Schnitte auf ihrer Wange. Offenbar gingen sie mit ihr aber nicht so um wie mit ihm. Dafür das sie schon so lange hier sein sollte, hatte sie wohl noch nicht so viel einstecken müssen. Er zweifelte ein wenig. Trotzdem interessierte er sich für sie.
„Du kommst von Fortuna?" wollte er wissen.
„Ja. Und du offensichtlich aus Corneria City." antwortete Mira und lächelte den Fuchs an. Der hatte nur einen fragenden Blick. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ausgerechnet hier auf Marcus McCloud treffe." fuhr sie fort.
Bevor Marcus reagieren konnte, ging die Eingangstür auf. Eine Soldatin kam herein und brachte den Beiden etwas zu essen und trinken.
„Hier. Eure Tagesration." sagte sie und verließ den Raum so schnell wie sie ihn betrat. Mira lehnte sich auf der Liege an die Wand hinter sich und zog ihre Beine an. Sie starrte eine Weile auf die Wasserflasche und den Behälter daneben. Sie hatte kein Problem damit von einer Tagesration leben zu müssen. Es fühlte sich nur komisch an dieses Gefühl kennenzulernen hinter Gitterstäben zu sitzen. Sie schloss ihre Augen und versuchte den brennenden Schmerz auf ihrer Wange zu tolerieren.
Nach einer Weile hörte die Wölfin Schritte in der Zelle neben sich. Vorerst ließ sie ihre Augen geschlossen. Marcus nahm einen Schluck aus seiner Flasche und schaute in die andere Zelle. Sie wusste wer er war aber wer war sie?
„Du hast mir gegenüber einen Vorteil." sagte er irgendwann und wartete darauf das sie ihn ansah. „Ich weiß leider nicht wer du bist."
„Mira." antwortete sie nur und wandte ihren Blick wieder ab. Irgendwie kam sie sich komisch vor. So richtig wusste sie nicht wie sie mit dem Fuchs umgehen sollte. Mit Damian ins Gespräch zu kommen viel ihr wesentlich leichter. Wahrscheinlich aber nur, weil sie von ihm keine Informationen beschaffen musste. Marcus hingegen nutzte seine Telepathie um ihre Hirnmuster zu lesen. Er erkannte das sie nervös war, Angst hatte. Einen Moment überlegte er auch ihre Gedanken zu lesen. Sie schien anders zu sein. Sie hatte etwas Außergewöhnliches an sich, wie er selbst. Fürs erste entschied er sich dagegen. Er musste seine Kraft sparen um noch einmal Kontakt zu seiner Mutter aufzunehmen. Mira spürte allmählich das Marcus sie ständig ansah. Er schien förmlich auf sie fixiert zu sein.
„Stimmt was nicht mit mir?" fragte sie schließlich, nachdem sie etwas Mut gesammelt hatte. „Du starrst mich doch die ganze Zeit an?"
„Entschuldigung. Du bist irgendwie... ungewöhnlich."
„So hat mich noch nie jemand genannt. Aber ich fasse das einfach mal als Kompliment auf."
„Das war auch nicht böse gemeint. Ich meine... also ich finde das du..."
Die Wölfin konnte sich nun ein leises Kichern nicht verkneifen, als sie Marcus so stottern hörte. Der Fuchs drehte nur peinlich berührt seinen Kopf weg.
„Ich weiß schon was du meinst." hörte er dann ihre Stimme. „Mein Vater war ein Wolf und meine Mutter ein Füchsin. Ich bin sozusagen schon ein bisschen abnormal."
„Etwas das wir gemeinsam haben." meinte der Fuchs dazu und lächelte sie an. Er war froh zu sehen das sie das Lächeln erwiderte. Für den Augenblick traute er sich aber nicht sich weiter mit ihr zu unterhalten. Er war sich noch nicht sicher ob er ihr völlig vertrauen konnte. Auch wenn ihre Hirnmuster momentan nicht darauf hindeuteten das sie irgendwelche Absichten verfolgte.
In den nächsten Stunden redeten die beiden nicht sehr viel miteinander. Sie tasteten sich nur langsam aneinander heran. Mira hatte sich mittlerweile hingelegt und dachte nach. Momentan war sie sich nicht sicher ob sie es schaffen würde, dass Marcus ihr vertraute. Den Anfang ihrer ‚gemeinsamen Gefangenschaft' hatte sie sich schon anders vorgestellt. Sie bekam einfach noch keinen richtigen Draht zu ihm. Die Wölfin versuchte sich an die Gespräche mit ihrem Verlobten zu erinnern. Es konnte doch wirklich nicht so schwer sein mit Marcus ins Gespräch zu kommen, wenn sie es bei Damian geschafft hatte. Sie musste sich jetzt zusammen reißen, wenn sie jemals hier rauskommen wollte.
Dem Fuchs ging es jedoch nicht anders. Er fragte sich ob Mira in ihren fast zwei Wochen schon etwas über die Basis erfahren hatte. Vielleicht könnte er diese Informationen an seine Mutter weitergeben. Irgendetwas mussten sie an Corneria weitergeben. Und nun, da er schon einmal da war konnte er versuchen das beste aus der Situation zu machen. Marcus setzte sich auf und sah in die andere Zelle.
„Mira?" fragte er leise um zu sehen ob sie noch wach war.
„Ja?" kam kurz darauf ihre Antwort.
„Hast du schon viel von der Basis mitbekommen? Ich meine was den Aufbau oder die Streitkräfte betrifft."
Mira erschrak für einen kurzen Moment. Versuchte er jetzt wirklich gerade den Spieß umzudrehen? Aber vielleicht war das auch ihr Draht zueinander. Sie musste ihm ja keine relevanten Informationen geben. Nur die, mit denen er sich sicher sein konnte das er keine Chance hatte.
„Sehr viel weiß ich nicht. Meistens war ich nur in einem kleinen metallenen Raum zum Verhör. Oder hier in der Zelle. Aber ich hatte oft mit zwei Huskys zu tun. Die beiden scheinen übel zu sein."
„Das Vergnügen hatte ich auch schon." meinte Marcus auf ihre Aussage. „Aber irgendeinen Schwachpunkt hat jeder."
Die Wölfin stützte ihren Oberkörper nach oben um ihn anzusehen.
„Du glaubst allen Ernstes das die Beiden irgendeine Schwäche haben?"
„Irgendetwas muss es geben. Niemand ist perfekt."
Sie sah ihn kurz ungläubig an, dann legte sie sich wieder hin. Wenn er eine Ahnung davon hätte, was sie weiß, dann würde er anders über Ethan und Leonard denken. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie manchmal sagen die Huskys wären unsterblich.
Als Mira ein paar Minuten später eingeschlafen war, nahm Marcus telepathisch Kontakt zu seiner Mutter auf. Es wurde langsam wirklich Zeit wieder ein Lebenszeichen von sich zu geben. Er brauchte einige Zeit um sich genug zu konzentrieren. Dann schaffte er es aber doch und hörte sofort die aufgeregte Stimme seiner Mutter in seinem Kopf.
„Marcus! Wir dachten schon dir ist was passiert."
„Es geht mir relativ gut. Aber- "
„Was heißt ‚relativ', Marcus?"
„Ich musste ein bisschen was einstecken. Aber was wichtiger ist: dieser Noel versucht Informationen über Corneria's Verteidigung zu bekommen."
„Dann müssen wir General Harrison warnen."
„Wartet damit noch, Mom. Vielleicht kann ich hier noch was raus finden. Immerhin sieht es im Moment nicht so aus, als würden sie mich umbringen wollen." versuchte Marcus seine Mutter zu beruhigen.
„Ich halte das für keine gute Idee."
„Bitte vertrau mir, Mom. Wir haben zu wenig Informationen über die Basis um sie direkt anzugreifen."
„Also gut. Ich werde mit deinem Vater reden." kam Krystals nervöse Antwort. „Pass bitte auf dich auf."
„Das werde ich, Mom. Mach dir keine Sorgen. Ich nehme wieder Kontakt zu dir auf, sobald ich kann."
Der Fuchs legte sich nun auch hin und und dachte darüber nach wie er überhaupt an Informationen kommen sollte. Von dieser Zelle aus würde das kaum funktionieren. Seine einzige Chance waren die Verhöre. Eventuell konnte er diesen Noel irgendwie selbst ein bisschen abhören. Vielleicht könnte Mira ihm dabei auch helfen damit sie beide hier raus kamen. Wenn sie einmal mit Corneria einen Schlag gegen diese Basis planten, könnten sie auch gleich weiteren Gefangenen hier raus helfen. Vorausgesetzt die Wölfin ließ sich darauf ein und er könnte ihr wirklich vertrauen.
Mira wachte am nächsten Morgen nach einer ungemütlichen Nacht auf. Die üblichen Gefangenen hatten es auf diesen Liegen definitiv nicht gemütlich. Sie richtete sich auf und tastete auf ihre Wange. Es fühlte sich an, als würde die Verletzung von Leonard anfangen sich zu schließen. Dann spürte sie jedoch das dafür ihre Schulter anfing zu schmerzen. Sie legte ihre linke Hand darauf und versuchte den Schmerzpunkt zu ertasten.
„Verdammter Bastard." dachte sie als sie sich an Leonards Schlag erinnerte. Nach ein paar Sekunden fand sie den Punkt und drückte darauf um zu versuchen eine Schmerztoleranz zu entwickeln. Währenddessen wanderte ihr Blick zur Seite, als sie merkte das Marcus sich regte. Sie konzentrierte sich kurz darauf aber wieder auf ihre Schulter. Der Fuchs hustete ein paar Mal, als er wach wurde. Der Druck auf seinem Oberkörper hatte immer noch nicht richtig nachgelassen.
„Das klingt nicht sehr gut." hörte er plötzlich Miras Stimme. Er drehte sich zu ihr. Sie saß nach vorne gebeugt auf der Liege. Ein Ellbogen hatte sie auf ein Knie gestützt, eine Hand auf ihre Schulter gelegt.
„Ich hab ein bisschen was eingesteckt." antwortete er dann. Die Wölfin ließ mit einem schweren Seufzen ihre Schulter los.
„Ja, die können hier ziemlich derb zuschlagen. Mich haben sie an der Schulter erwischt."
„Wir müssen irgendwie hier raus."
„Und wie wollen wir das anstellen?" fragte die Wölfin. „Wir sitzen in einer Zelle und da draußen sind wer weiß wie viele Soldaten unterwegs."
Marcus überlegte ob er ihr erzählen sollte das er Hilfe hatte. Das die Great Fox vor dem Planeten wartete. Vorerst entschied er sich jedoch dagegen.
„Wir könnten erst mal versuchen an Informationen zu kommen. Vielleicht können wir sie bei ihren Verhören dazu bringen sich irgendwie zu verraten." schlug er dann vor.
„Selbst wenn wir das schaffen, sitzen wir immer noch hier drin fest."
„Dafür können wir uns auch noch was überlegen."
„Das klingt nicht wirklich nach einem Plan, Marcus." gab Mira darauf nur skeptisch zurück.
„Ich weiß aber hast du eine bessere Idee?"
Sie schüttelte nur leicht den Kopf. Wie sie anders reagieren sollte, wusste sie auch nicht. Immerhin musste sie ja eigentlich nicht fliehen. Zumindest nicht, weil sie eine Gefangene wie er war. Marcus schaute seine Mitgefangene eine Weile an. Irgendwie wirkte sie komisch. Als hätte sie gar keine Ambitionen zu entkommen. Gerade als er ihre Gedanken lesen wollte, ging die Tür auf. Leonard kam herein und sah Mira mit einem hämischen Grinsen an. Sie gab ihm einen bösen Blick zurück.
Er stellte sich vor das Pult und richtete seine Waffe auf die Wölfin. Marcus beobachtete die Szene angespannt, als der Husky die Tür zu ihrer Zelle öffnete. Er lief auf sie zu und zog sie an ihrem rechten Arm derb nach oben. Kurz darauf spürte Mira einen weiteren Schlag gegen ihre ohnehin schon verletzte Schulter. Sie gab einen kurzen Schmerzlaut von sich und wäre wohl zusammengebrochen, wenn Leonard sie nicht immer noch festgehalten hätte.
„Hey! Lass sie in Ruhe!" Marcus sprang nun auf und sah den Husky ernst an.
„Und was willst du dagegen tun? Du kannst wohl kaum den Helden spielen, wenn du da drin sitzt."
Leonard grinste, als er bemerkte das wohl keine Antwort kommen würde. „Keine Sorge, sobald Noel sich etwas für dich überlegt hat, hol ich dich auch noch ab."
„War das wirklich nötig?" fragte Mira, nachdem sie den Gang zu Noels Zimmer entlang liefen.
„Nein, aber es war zufriedenstellend." antwortete Leonard kalt.
Noel sah die Wölfin etwas erschrocken an, als sie in der Tür standen.
„Wir haben von ein paar Kratzern geredet, Leonard." meinte er nach einem Augenblick.
„Ein bisschen Show musste sein. Der Kleine ist übrigens darauf angesprungen. Er hat versucht den Helden zu spielen als ich sie abgeholt hab."
„Nicht schlecht. Aber in Zukunft hältst du dich ein bisschen zurück und sprichst das vorher mit mir ab."
Der Husky nickte und verließ den Raum. Mira setzte sich zu Noel an dessen Schreibtisch.
„Also. Wie läuft es mit ihm, Prinzessin?"
„Viel hab ich noch nicht erfahren. Aber er scheint dieselbe Strategie wie wir zu verfolgen."
„Was meinst du damit?" fragte der Wolf skeptisch.
„Er hat mir heute vorgeschlagen das wir bei den Verhören versuchen, das du dich irgendwie verrätst."
„Ernsthaft?!" lachte Noel nun. „Und was will er damit anfangen?"
„Ich weiß es noch nicht. Aber..."
„Was ‚aber', Mira?"
Die Wölfin schwieg einen Moment. Irgendwie kamen ihr leichte Zweifel. Sie versuchte allerdings diese wieder zu ignorieren und redete weiter.
„Ich denke das könnte mein Draht zu ihm sein. Wenn ich ihm ein paar harmlose Informationen geben könnte, denkt er vielleicht das ich bei seinem Plan mitmache. Vielleicht finde ich auch heraus was er damit dann machen will."
Der Wolf dachte darüber nach.
„Du meinst er wird dir dann mehr davon erzählen was er vorhat?"
„Ja. Ich wollte vorher mit dir absprechen was ich ihm sagen soll."
„Nun gut." fing Noel nach einer weiteren Pause an. „Dann füttern wir ihn mit Informationen. Hast du ihm schon irgendwas erzählt?"
„Nur das ich außer einem Verhörraum und meiner Zelle nicht sehr viel anderes gesehen habe. Und das ich sehr viele Soldaten hier vermute."
„In Ordnung. Ich lasse dir noch etwas zu essen bringen und wir machen einen Schlachtplan während du dich etwas stärken kannst."
Noel lächelte Mira an und strich ihr vorsichtig über ihre verletzte Wange.
