Hermine Weasley tobte innerlich vor Wut, als sie raschen und bestimmten Schrittes die Treppen zu dem Schloss hinaufstieg, das sie so lange ihre zweite Heimat genannt hatte. Doch das war schon so viele Jahre her. Wie viel hatte sich seitdem verändert.
Sie war nicht mehr das junge, idealistische Mädchen mit den buschigen Haaren, das sich voller Eifer in neue Aufgaben stürzte und hoffte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Verbittert kniff sie die Lippen zusammen, als sie nun an dieses Mädchen zurückdachte, das einst durch diese Hallen gewandert und alles gierig aufgesogen hatte, was sie über die Welt der Zauberei herausfinden konnte.
Wie sehr es doch vor Euphorie und Optimismus nur so übergeströmt war und gar nicht länger warten konnte, endlich in die Welt hinauszugehen und seinen Fußabdruck in der magischen Gesellschaft zu hinterlassen. Wie naiv ich doch gewesen war.
Und doch musste sie sich kurz fragen, was die junge Hermine Granger, die so voller Leben und Ideen gewesen war, davon halten würde, wenn sie ihr erwachsenes Ich nun so vor sich sehen würde. Nun ja, die braunen Haare waren geblieben, auch wenn sie mittlerweile um einiges länger und schon seit vielen Jahren nicht mehr buschig waren, sondern in leichten Wellen von ihren Schultern fielen.
Auch an ihrer Figur hatte sich der Zahn der Zeit bemerkbar gemacht und vor allem die Geburten ihrer zweier Kinder, Rose und Hugo, die sie mit Ron bekommen hatte und die nun selbst die Schule besuchten, in denen ihre Eltern sich kennen und lieben gelernt hatten. Dennoch war Hermine immer noch schlank, auch wenn ihr Körper weit mehr weibliche Rundungen aufwies als früher, doch diese schmeichelten ihrer Figur eher und zumindest Ron hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe durchaus Gefallen an ihrer neuen Weiblichkeit gefunden.
Erneut stieg Verbitterung in Hermine hoch, als sie an ihre nun mittlerweile 16-jährige Ehe mit Ron dachte, wenn man diese überhaupt noch als solche bezeichnen durfte. Recht schnell nach dem Krieg hatten die beiden geheiratet und ein Jahr darauf Rose bekommen, zu einer Zeit, in der das Leben so unendlich kostbar schien und die gemeinsamen Jahre, die sie in Hogwarts und vor allem in ihrem letzten Jahr auf der Jagd nach den Horkruxen erlebt hatten, hatten sie so eng zusammengeschweißt, dass es für alle nur logisch erschien, dass sie und Ron zusammengehörten. Leider war sie diesem Trugschluss ebenfalls erlegen und erst viel zu spät aus dieser Illusion aufgewacht.
Anfangs hatte sie sich noch eingeredet, dass sie sich an das Eheleben erst noch gewöhnen müsse und es einfach eine Weile dauern würde, bis sie vollends in der Mutterrolle aufgehen würde. Doch auch nach Hugos Geburt zwei Jahre später wollte sich ein Gefühl der Zufriedenheit nie so richtig einstellen.
Sie bereute es zutiefst, nie ihr letztes Schuljahr nachgeholt und Karriere im Zaubereiministerium gemacht zu haben. Doch in den ersten Jahren, als die Kinder noch jung waren und Ron seine Ausbildung zum Auroren absolviert hatte, war einfach keine Zeit dafür gewesen und danach musste auch sie die Familie finanziell zu unterstützen.
Eine akademische Ausbildung weiter voranzutreiben, ohne einen eigenen Verdienst zu haben, kam somit überhaupt nicht in Frage. Zum Teil war sie natürlich auch wütend auf sich selbst, nicht nur auf Ron, der sie in diesen goldenen Käfig der Häuslichkeit hineingezogen und nie mehr wieder hatte davonfliegen lassen.
Wie könnte sie auch? Schließlich konnte und wollte sie ihre Kinder nicht im Stich lassen – einer der Hauptgründe, warum sie überhaupt noch an dieser Ehe festhielt, die in den letzten Jahren eher einer Zweckgemeinschaft glich, in der ihre hauptsächliche Kommunikation aus Streitereien und Meinungsverschiedenheiten wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit bestand.
Hermine war es so satt. Nie hätte sie gedacht, dass sie mit Mitte 30 so frustriert und unzufrieden mit ihrem Leben sein würde. Nicht, dass sie es bereute, ihre Kinder bekommen zu haben, nein, dafür liebte sie sie viel zu sehr.
Doch sich selbst und all ihre Ambitionen aufgegeben zu haben, schnitt ihr tief ins Herz und sie musste die Tränen zurückhalten, als sie die letzten Stufen zur Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei hinaufstieg, deren Zinnen ihr plötzlich so viel höher erschienen als jemals zuvor. Als wollten sie sie verhöhnen, wie groß und hoch ihr Potenzial doch gewesen war – damals.
Und wie klein und unbedeutend ihre Existenz doch jetzt war, als einfache Hausfrau und Mutter, die Teilzeit als Sekretärin arbeitete und nun in die Schule zitiert wurde, von der sie sich geschworen hatte, sie nie wieder zu betreten.
Es wäre Rons Aufgabe gewesen, heute hier zu sein, nicht meine, dachte sie wütend und schon machte die eben noch verspürte Trauer erneut dem Zorn gegenüber ihrem Ehemann Platz, mit dem sie eigentliche eine klare Aufgabenverteilung vereinbart hatte. Sie war gerne bereit, sich um alles zu kümmern, was die Kinder anbelangte, doch niemals und wirklich niemals, wollte sie mit etwas behelligt werden, was auch nur im Entferntesten den Ort betraf, der einst das Zentrum ihres Universums und ihrer Träume gewesen war.
Ihr war durchaus bewusst, dass ihr Verhalten alles andere als reif war, doch es gab gewisse Dämonen der Vergangenheit, denen sie sich einfach nicht stellen wollte. Zumindest war das bis heute Abend so gewesen, als es sich eine überaus penetrante Eule der Schulleiterin zur Aufgabe gemacht hatte, sie so lange zu belästigen und mit dem Schnabel zu piksen, bis sie nicht nur endlich den kurzen Brief, der an ihrem Bein befestigt war, gelesen, sondern auch eine Antwort verfasst hatte, die es ihr unmöglich machte, die Aufgabe noch kurzfristig auf Ron abzuwiegeln, der gerade beruflich im Ausland war. Die Galle, die in ihrer Kehle aufstieg, als sie sich an den Wortlaut des Briefes erinnerte, konnte sie nur mit Mühe wieder hinunterschlucken.
Sehr geehrte Mrs. Weasley,
jüngste Vorkommnisse in Bezug auf Ihre Tochter, Rose Weasley, verlangen Ihr sofortiges Erscheinen im Büro der Schulleitung. Es besteht kein Grund zur Sorge bezüglich der Versehrtheit Ihrer Tochter, sie ist wohlauf. Bitte lassen Sie mir per Eule eine kurze Antwort zukommen, dass Sie diese Nachricht zur Kenntnis genommen haben und ich mit ihrem alsbaldigen Erscheinen rechnen kann.
Mit freundlichen Grüßen
Minerva McGonagall
Schulleiterin der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei
Und Hermine Weasley hatte sich direkt auf den Weg gemacht – und kochte förmlich vor Wut. Was immer die Schulleiterin auch von ihr wollte und was auch immer Rose angestellt haben mochte, solange niemand zu Schaden gekommen war, konnte sie sich kaum vorstellen, dass etwas so immens dringend sein könnte, sie sofort und ohne weitere Erklärungen zur Schule zu zitieren.
Was erlaubte diese Frau sich eigentlich? Als würde die ganze Welt sich nur um sie drehen und andere Menschen, die kein so hoch angesehenes Amt wie das einer Schulleiterin innehatten, hätten sonst nichts Besseres zu tun, als sofort angerannt zu kommen, sobald sie nur nach einem rief.
Hermine ballte vor Wut die Fäuste, als ihre Gedanken sie immer tiefer in einer Spirale aus Bitterkeit und Raserei hineinzogen, die ihre Schritte noch bestimmter und schneller werden ließ, als sie durch die Pforte des Haupteingangs marschierte, auf geradem Weg zum Büro der Schulleiterin. Den Weg kannte sie nur allzu gut.
Wie oft war sie in all den Schuljahren der Frau wie ein treuer Welpe hinterhergelaufen, die für sie so viel mehr als nur ihre Lehrerin für Verwandlung und die Leiterin ihres Hauses Gryffindor gewesen war. Ein Vorbild, eine Mentorin und jemand, zu dem sie stets aufgesehen und deren Meinung und Rat Hermine über alles gestellt hatte.
Wie auf einem Podest hatte Minerva McGonagall stets so erhaben und unerreichbar gewirkt, mit einer fast aristokratischen Ausstrahlung, obwohl sie aus einfachen Verhältnissen stammte, und einer natürlichen Autorität, die Hermine so oft den Atem geraubt hatte.
Wie sehr hatte Hermine sie bewundert, ja geradezu angehimmelt und…Nein, hör auf so zu denken, das gehört nun wirklich nicht hier her, das ist alles längst vergangen und vergessen. Du bist heute aus einem ganz anderen Grund hier, es geht um Rose, nicht um dich, zwang sie sich ihre Gedanken wieder auf ihre Tochter zu lenken und auf die Wut, die immer noch in ihr brodelte angesichts der Tatsache wegen einer womöglichen Lappalie wie ein ungezogenes Schulmädchen zur Schulleiterin zitiert worden zu sein.
Oh ja, diese Wut konnte sie nun gut gebrauchen, um der Frau gegenüberzutreten, die eine der wichtigsten Säulen der Zauberergesellschaft bildete und selbst gestandene Zauberer mit einem Blick das Fürchten lehren konnte.
Sie kannte niemanden, der so einschüchternd sein konnte und eine solche Präsenz hatte wie die schwarzhaarige Schottin mit dem strengen Dutt und den stechend grünen Augen. Diese Augen…Nein, hör auf. Rose, es geht um Rose.
Natürlich hatte sie sich auf dem ganzen Weg bis zur Schule gefragt, was Rose wohl angestellt haben mochte, um eine solche Reaktion der Schulleiterin hervorzurufen, die bestimmt weitaus Wichtigeres zu erledigen hatte, als die Aktionen einer 15-jährigen Schülerin, die gewiss nicht für ihre Streiche bekannt war, mit ihren Eltern zu debattieren.
Gut, ihre Tochter war durch und durch eine Slytherin, worüber Ron und sie, nachdem ihnen ihre Tochter kleinlaut und voller Angst vor Zurückweisung durch ihre beiden berühmten Gryffindor-Eltern die Entscheidung des Sprechenden Hutes gebeichtet hatte, gewiss ein wenig verstört und geschockt waren.
Doch diese Reaktion hielt nicht lange an, denn gerade die beiden Kriegshelden hatten bereits in jungen Jahren lernen müssen, wie gefährlich und geradezu toxisch eine feindlich gesinnte Einstellung gegenüber anderen Häusern sein konnte und ihre Vorbehalte gerade gegenüber dem mit der Schlange als Symboltier zierenden Haus über Bord geworfen. Schnell hatten sie durch und mit Hilfe ihrer Tochter gelernt, dass das Haus Slytherin weit mehr zu bieten hatte, als nur dunkle und böse Magier und Hexen hervorzubringen.
Ihre Tochter war überaus clever, ehrgeizig und entschlossen und zeigte diese Charaktereigenschaften nicht nur in ihren schulischen Leistungen, sondern auch im Umgang mit ihren Mitmenschen, denn gerade Menschen, die ihr am Herzen lagen, war sie eine fast schon besitzergreifend loyale Freundin, die bereit war, alles für diejenigen zu tun, die sie zu ihren engsten Vertrauten zählte.
Noch ein weiterer Grund, weshalb sich Hermine absolut nicht erklären konnte, was Professor McGonagall dazu gebracht haben könnte, sie wegen ihrer Tochter in die Schule zu beordern. Vielleicht wollte sie nur einem ihrer Freunde beiseitestehen und hat es mit ihrem Beschützerinstinkt übertrieben, sodass jemand dabei zu Schaden gekommen ist.
Mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen musste sie an ihren eigenen durchaus gewalttätigen Eklat in ihrem dritten Jahr zurückdenken, als sie Draco Malfoy einen ordentlichen Haken verpasst hatte, der ihn gelehrt hatte, sich in ihrer Gegenwart besser nicht im Ton gegenüber denjenigen zu vergreifen, die ihr wichtig waren. Sie konnte sich nur allzu gut vorstellen, dass ihre Tochter diesen Wesenszug geerbt hatte.
Gut, wenn das der Grund ist, soll Minerva McGonagall toben so viel und lange sie möchte. Wenn meine Tochter dafür bestraft werden soll, weil sie das Richtige getan hat, auch wenn die Mittel fragwürdig seien, werde ich hinter meiner Tochter stehen und mir bestimmt keine Moralpredigt von einer Frau anhören, die den Großteil ihres Lebens einsam in einem Schloss verbracht hat.
Mit diesen Gedanken trat sie vor den Wasserspeier und kündigte sich an: „Hermine Weasley. Professor McGonagall erwartet mich."
Ohne eine weitere Reaktion gab der Wasserspeier den Weg zur Wendeltreppe frei, die zum Büro der Schulleiterin führte. Hermine, die dieses Treffen so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, wartete gar nicht erst, bis die Wendeltreppe sie langsam nach oben getragen hatte, sondern stieg direkt selbst die Stufen bis zur breiten hölzernen Tür mit den edlen Griffen aus Gold hinauf.
Sie wollte ihrer ehemaligen Professorin so wenig Zeit wie möglich geben, um sich auf dieses Aufeinandertreffen vorzubereiten. Ohne zu zögern klopfte sie kurz und trat ein, ohne auf eine Antwort von der anderen Seite der Tür zu warten, bereit, es mit der Löwin aufzunehmen, die dort bereits wachsam lauerte.
