Der Raum hatte sich kaum verändert, seit sie zuletzt hier gewesen war. Der runde Eingangsbereich, von dem einige wenige flache Stufen zum Zentrum des Büros führten, gab den Blick in einen hohen Raum frei, dessen Wände allesamt Regale säumten, die über und über mit Büchern gefüllt waren, was in Hermine sofort ein wohliges Gefühl auslöste, wie sie es immer durchströmte, wenn sie in einem Raum voller Bücher war.

Sie ließ ihren Blick sehnsüchtig über die endlosen Reihen von Buchrücken gleiten und am liebsten wäre sie nähergetreten und hätte sie sacht berührt, wie alte Liebhaber, zu denen sie zurückgekehrt war und in deren vertrauter Umarmung geschwungener Sätze und intellektueller Gedanken sie sich nur allzu gern wieder verlieren würde.

In der rechten Hälfte des Büros prasselte ein Feuer im Kamin und warf ein warmes Licht auf das davorstehende Sofa und einen herrlich bequem aussehenden Sessel, zu dem sich Hermine ebenso hingezogen fühlte wie zu den Büchern und sie konnte das Bild, das sich vor ihr inneres Auge schob, nicht ignorieren, in dem sie genau dort mit einem Buch und einer heißen Tasse Tee saß, die Beine hochgezogen und völlig versunken in den Gedanken eines anderen Menschen, in einer anderen Welt, ohne auch nur einen Hauch davon mitzubekommen, was um sie herum geschah. Völlige Weltflucht, völliges Verschwinden – oh, wie sehr sie sich danach sehnte.

Eine Bewegung über dem Kamin ließ ihren Blick nach oben schweifen, wo die Gemälde ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen die Wände zierten, einige vor sich hindösend, andere gerade wohl unterwegs in anderen Bildern, denn sie waren leer und zeigten nur den zurückgelassenen Hintergrund und nur wenige waren sowohl präsent als auch wach und folgten ihr auf ihrem Weg zum Zentrum des Raumes mit ihren Blicken.

Denn dort stand, wie auf einem Podest thronend und den Eingangsbereich sowie den Rest des Büros mühelos überblickend, ein großer massiver Schreibtisch aus Mahagoni, den Hermine bereits aus Professor McGonagalls Zeiten als Verwandlungslehrerin kannte, als er noch ihrem dortigen Büro gewesen war.

All die Jahrzehnte hatten keine offensichtlichen Gebrauchsspuren an dem Arbeitsplatz der Frau hinterlassen, die sie wie keine andere mit Zuverlässigkeit und einer unumstößlichen Arbeitsmoral verband.

Nie war sie jemandem begegnet, der so lange, unermüdlich und gewissenhaft seine Arbeit verrichtete wie Minerva McGonagall. Sie schien die personifizierte Arbeit zu sein, niemals müde zu werden und stets alle Tätigkeiten mit einer eleganten Leichtigkeit zu bewältigen, die Hermine so oft bewundert hatte.

Kein Wunder, dass sie die schwarzhaarige Frau stets mit dem Geruch von Tinte, altem Pergament und einem Hauch Minze assoziierte, der auch jetzt Hermines Nase hinaufstieg und Erinnerungen in ihr weckte, die sie verzweifelt zu verdrängen suchte, als sie dem erwartungsvollen Blick der Schulleiterin begegnete, die trotz Hermines brüsken Eintretens nicht im Mindesten überrascht oder überrumpelt schien.

Verfluchte Animagus-Fähigkeiten. Die Frau hat ein Gehör wie ein Luchs.

Hermine ließ ihren Blick zu Minerva McGonagall hinaufgleiten, die in aller Seelenruhe neben ihrem Schreibtisch stand, als hätten sie genau diesen Zeitpunkt für das Treffen vereinbart. Die zartgliedrigen Hände locker vor sich ineinander verschränkt, ganz in schwarz gekleidet, wie sie es immer war, seit sie Schulleiterin geworden war und die grünen Umhänge von ihrer Zeit als Verwandlungslehrerin abgelegt hatte.

Hermine konnte nicht leugnen, wie elegant die Hexe auch nach all den Jahren immer noch war, als sie ihre Augen über die ältere Frau gleiten ließ. Schwarz stand ihr verdammt gut, musste sich Hermine zähneknirschend eingestehen. Es brachte ihre leuchtend grünen Augen nur noch mehr zur Geltung und gerade in Kombination mit ihrem zum gewohnten Dutt zusammengebundenen schwarzen Haar und der kerzengeraden Haltung sah sie geradezu majestätisch aus und fast bedrohlich.

Hermine schauderte und konnte nicht fassen, dass es diese Frau immer noch schaffte, dass sie, eine erwachsene Frau, eine ehemalige Kriegshelden, intelligenteste Hexe ihres Zeitalters und Mutter von zwei Kindern, sich wieder fühlte wie ein kleines Schulmädchen.

Angesichts des makellosen Erscheinungsbildes der älteren Frau wurde sich Hermine nur noch mehr ihres eigenen Aussehens bewusst und in der schwarzen Stoffhose und der hellblauen Bluse war sie zwar angemessen für den Anlass gekleidet, aber im Vergleich zu der Frau vor ihr fühlte sie sich blass und unscheinbar.

„Mrs Weasley", unterbrach die Schulleiterin ihre Gedanken. „Wie ich sehe, haben Ihre Manieren im Laufe der letzten Jahre deutlich abgenommen. Oder ist es Ihr Gedächtnis, das nachgelassen und vergessen hat, dass es sich nicht gehört, unaufgefordert einen Raum zu betreten?", begrüßte sie die Schulleiterin kühl.

Hermines Wut, die sich angesichts der Erinnerungen, die beim Anblick der Professorin in ihr aufgekeimt waren, zurückgezogen hatte, brach sich erneut mit voller Wucht bahn und sie konnte das Gift in ihren Worten kaum zurückhalten: „Oh, das Kompliment kann ich nur zurückgeben, Schulleiterin. Sie haben es ebenfalls nicht für nötig gehalten, um einen Termin mit mir zu bitten, geschweige denn mir die Möglichkeit zu lassen, auf einen anderen Tag auszuweichen. Stattdessen befehligen Sie mich geradezu zu sich, ohne mir nicht mal den eigentlichen Grund für die Notwendigkeit meiner Anwesenheit hier zu nennen. Wenn hier jemandes Manieren zu wünschen übrig lassen, sind es gewiss nicht meine."

„Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen."

„Womit wir schon beim Thema wären."

„Nehmen Sie doch Platz", forderte Minerva McGonagall sie auf und deutete auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

„Nein danke, ich habe nicht vor, lange zu bleiben."

„Oh, ich fürchte, von Kurzweiligkeit wird diese Unterredung gewiss nicht geprägt sein, Mrs Weasley, und selbst wenn, glauben Sie mir, für das, was ich Ihnen zu sagen habe, sollten Sie sich setzen."

Mit der Hand weiterhin einladend auf den Stuhl vor sich deutend fixierte Minerva sie mit ihren grünen Augen, die an diesem Abend nicht hinter eckigen Brillengläsern verborgen waren, was ihren Blick nur noch durchdringender machte.

Hermine erwiderte ihren Blick finster und war fest entschlossen, das Blickduell nicht zu verlieren und sich nicht bereits zum Beginn dieses Aufeinandertreffens irgendwelche Blöße zu geben.

Minerva schien die Sturheit ihrer ehemaligen Schülerin zu spüren, wandte sich ab und nahm selbst hinter ihrem Schreibtisch Platz, die Ellenbogen auf den Armlehnen abgestützt und die Hände wie zum Gebet vor sich ineinander verschränkt.

Erneut fiel ihr erwartungsvoller Blick auf Hermine, geduldig und ohne jegliches Anzeichen, dass sie Hermines Verhalten in irgendeiner Weise provozierte. Ein Schmunzeln lag in ihren Augen, als sie sie herausfordernd anschaute.

Hermine konnte geradezu hören, was sie dachte: „Ernsthaft, du willst dich mit einem Katzen-Animagus in Geduld messen? Bitte sehr, ich habe alle Zeit der Welt."

Das Schmunzeln weitete sich auf ihre schmalen Lippen aus, als sie erneut mit einer knappen Geste auf den Stuhl vor sich deutete. Hermine ließ die Schulleiterin nicht aus den Augen, als sie sich langsam dem Schreibtisch näherte und sich steif und mit erhobenem Kopf in den angebotenen Stuhl setzte, die Beine verschränkte und ihre gefalteten Hände in ihren Schoß legte, bemüht, so professionell und erwachsen wie möglich zu wirken, auch wenn sie sich in diesem Augenblick überhaupt nicht so fühlte.

„Nun gut, ich sitze. Zufrieden? Sagen Sie mir nun, was los ist oder muss ich mich dafür erst noch hinlegen?", fragte sie trotzig.

Minerva schienen einen Moment lang nachzudenken, bevor sie sagte: „Was ich mit Ihnen zu besprechen habe, Mrs Weasley, ist von ziemlich heikler Natur."

„Davon gehe ich aus, wenn Sie mich extra her zitieren, ohne jegliche Erklärung", schnaubte Hermine.

Die Schulleiterin zögerte kurz, bevor sie gestand: „Ich weiß, dass das kein sehr elegantes Vorgehen war, doch meine heutige Entdeckung ließ zum einen keinen Aufschub zu und zum anderen ist dies ein Thema, bei dem es selbst mir schwerfällt, es in angemessene Worte zu fassen, was mir schriftlich keineswegs gelungen wäre, und das Risiko, dass ein solcher Brief in die falschen Hände gerät, wäre zu groß gewesen, die Folgen bei Bekanntwerden dieses Falls zu schwerwiegend."

Hermine runzelte besorgt die Stirn angesichts der Ernsthaftigkeit, mit der Minerva von dieser Situation sprach, zu der sie immer noch nicht den Hauch einer Information erhalten hatte. Sie war so wütend und so davon überzeugt gewesen, dass es lediglich eine Kleinigkeit war, um die es ging und die die Schulleiterin einfach zu sehr dramatisierte, doch langsam breitete sich zunehmend ein Gefühl der Sorge um ihre Tochter in ihr aus wie zähfließende Lava, die sich Stück für Stück den Weg in ihre Eingeweide bahnte.

„Was ist mit Rose? Wo ist sie überhaupt? Sollte sie nicht bei diesem Gespräch anwesend sein? Schließlich ist sie 15, also alt genug, um Stellung zu beziehen, was auch immer Sie ihr vorwerfen."

„Rose weiß nichts davon. Die Angelegenheit schien mir allerhöchste Sensibilität zu erfordern und ich sollte in diesem Moment die letzte Person sein, die sie mit meinem Fund konfrontiert", seufzte Minerva.

„Sie sprechen in Rätseln, Professor. Was haben Sie gefunden?"

Minerva schien sich innerlich zu wappnen für das, was sie nun sagte: „Ein Notizbuch."

„Ein Notizbuch?", wiederholte Hermine skeptisch. Sie konnte sich gerade noch eine sarkastische Bemerkung dazu verkneifen und bemühte sich um einen neutralen Ton: „Verzeihen Sie mir den Kommentar, Professor, aber ein Notizbuch ist in einer Schule, in der sich die Schüler täglich Notizen im Unterricht machen, nicht allzu ungewöhnlich."

Die Schulleiterin hob lediglich eine Augenbraue angesichts dieser offensichtlich überflüssigen Information und fuhr fort: „Ein Notizbuch, das leider keine Einträge zum behandelten Unterrichtsstoff oder Hausaufgabennotizen beinhaltet, sonst wären Sie wohl kaum hier."

Hermine verengte die Augen, als sich die Rädchen in ihrem Kopf zu drehen begannen und sie gedanklich all die möglichen Inhalte durchging, die dazu führen konnten, dass Minerva McGonagall, die wirklich schon einiges in ihrem Leben durchgemacht, zwei Zaubererkriege überlebt und einen großen Teil dazu beigetragen hatte, den dunkelsten Lord in der Zaubereigeschichte zu besiegen, so besorgt war.

Hermines Tochter war eine Slytherin und auch wenn sie für Rose die Hand ins Feuer legen würde und schon lange alle Vorurteile gegenüber dem Haus, das in der Vergangenheit so viel Dunkelheit hervorgebrach hatte, längst abgebaut hatte, konnte sie ihr Gehirn nicht davon abhalten, eine Verknüpfung zwischen dem Schlimmsten, was sie sich vorstellen konnte, einer Rückkehr der dunklen Mächte, und dem Haus herzustellen, dessen Wappen eine silberne Schlange zierte.

Kaum zu Ende gedacht, konnte Hermine den Gedanken nicht länger aufhalten, der sich wie kaltes Gift in ihren Adern ausbreitete, sich um ihr Herz klammerte und zudrückte, bis sie das Gefühl hatte zu ersticken.

Hilfesuchend blickte sie in die grünen Augen ihrer einstigen Mentorin, diesmal voller Hoffnung, sie möge ihr die Angst nehmen, die von ihr Besitz ergriffen hatte, und die Kälte vertreiben, gegen die selbst das warme Kaminfeuer, das so friedlich im Büro der Schulleiterin vor sich hin knisterte, nichts ausrichten konnte.

Der mitfühlende Blick, den sie von Minerva erntete, wirkte alles andere als beruhigend auf die jüngere Hexe und mit einem Mal war alle Ungeduld, die sie bis eben empfunden hatte, wie weggewischt und ein Teil von ihr wünschte, Minerva würde einfach schweigen und sie vor dem Wissen bewahren, das sie mit ihr teilen wollte und von dem sie nun immer mehr das Gefühl hatte, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

Doch Minerva McGonagall war nicht so gnädig: „Mrs Weasley, wie soll ich sagen…" Sie blickte unsicher auf die Tischplatte vor sich, als würde dort ein unsichtbares Skript liegen, von dem sie sich hilfesuchend die richtigen Worte erhoffte, auch wenn der Schreibtisch vor ihr beneidenswert aufgeräumt war.

„Das Notizbuch Ihrer Tochter, das sie heute nach dem Unterricht in Verwandlung so leichtsinnig auf ihrem Tisch hat liegen lassen, als würde sie es geradezu darauf anlegen, dass es der nächstbeste Vorbeikommende findet, enthält…" Sie kniff sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel, als versuchte sie, sich anbahnende Kopfschmerzen wegzumassieren und kniff kurz die Augen zusammen, bevor sie sie wieder öffnete und weitersprach: „Gedanken. Äußerst intime Gedanken, die mir große Sorgen bereiten und die Gefühle des Mädchens offenbaren, die sehr tief zu gehen scheinen."

Hermine riss erschrocken die Augen auf, als sich ihre Gedanken von eben mit den Worten der Schulleiterin zu bewahrheiten schienen. Oh Gott. Wie konnte ich das nur übersehen haben? War ich so mit mir selbst und meiner Unzufriedenheit beschäftigt gewesen, dass ich nicht bemerkt habe, wie meine eigene Tochter zur dunklen Seite abdriftet? Waren da Anzeichen? Hätte ich das nicht spüren müssen? Ich bin ihre Mutter, Herrgott nochmal.

Hermine spürte, wie sie immer mehr in den Strudel ihrer eigenen Gedanken hineingezogen wurde und musste sich am Stuhl festhalten, um sich zu erden, um irgendetwas zu fühlen und nicht in die völlige Dunkelheit ihres Innenlebens zu versinken. Plötzlich war sie froh, dass die Schulleiterin so vehement darauf bestanden hatte, sich zu setzen. So völlig in ihrem Kopf versunken hätte sie die nächsten Worte, die Minerva sprach, beinahe nicht gehört.

„Am Anfang schien es lediglich um Lust zu gehen und ich war zugegebenermaßen schockiert von den ausgeprägten Details ihrer Ausführungen, doch je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass diese Gefühle weit über Lust hinausgingen und Ihre Tochter definitiv eine sehr tiefe Liebe empfindet für…das Objekt ihres Begehrens, die fast schon obsessiv ist", schlussfolgerte sie.

Hermines Kopf schoss hoch und sie glaubte, nicht ganz richtig gehört zu haben: „Was? Wovon reden Sie da?"

Die Schulleiterin seufzte, knetete die Hände ineinander und setzte sich noch aufrechter hin, als müsse sie Kraft sammeln, um ihre Worte zu wiederholen: „Die Geschichten, die ich heute im Notizbuch von Rose gelesen habe, zeichnen ein eindeutiges Bild: Ihre Tochter ist verliebt und das auf eine extrem ungesunde obsessive Art, die mir große Sorgen bereitet."

Sie wich Hermines Blick aus, als sie die nächsten Worte über die Lippen brachte, leiser diesmal, als würde sie ihr ein Geheimnis anvertrauen, das sonst keiner hören durfte: „Die Details gehen in eine geradezu…", sie musste sich sichtlich überwinden, „pornographische Richtung."

Noch immer mied sie Hermines Blick und es wirkte fast so, als würde sich die Schulleiterin…schämen? War das Scham, was sie in dem Gesicht ihrer ehemaligen Professorin sah? Wieso, wofür zum Henker sollte sie sich schämen?

Hermine starrte die Schulleiterin völlig verblüfft an, als sich das soeben Gesagte langsam einen Weg in ihr Gehirn bahnte, die Rädchen einrasteten und alle Gedanken und Sorgen, die sie sich eben noch um ihre Tochter gemacht hatte, plötzlich mit einem Schlag weggewischt waren.

Wie eine Tafel, die eben noch mit dunkler Magie, bösen Zauberern und Blut und Gewalt vollgekritzelt gewesen war, hatte die Schulleiterin sie mit nur wenigen Sätzen völlig blankgeputzt und neue Bilder formten sich darauf. Bilder, die ein ganz anderes Gefühl in Hermine auslösten, bis es Klick machte und alle Puzzleteilchen an ihren Platz fielen.