Hermine prustete los, hielt sich vor Lachen eine Hand vor den Mund und konnte nur mit Mühe ein irres Kichern unterdrücken, mit dem sie wirklich wieder wie ein jugendliches Schulmädchen geklungen hätte.
Sie schüttelte ungläubig den Kopf, erhob sich von dem Stuhl, der ihr eben noch Halt gegeben hatte, weil sie ihn dringend gebraucht hatte, kehrte der Schulleiterin den Rücken und trat an den Kamin, um sich dort abzustützen, tief durchzuatmen und ihren Lachanfall in den Griff zu bekommen.
Sie starrte wie hypnotisiert in die Flammen, deren Wärme sie auf ihrem Gesicht spüren konnte. Erneut musste sie den Kopf schütteln. Sie konnte es einfach nicht glauben. Immer noch ungläubig lächelnd, wandte sie sich wieder der Schulleiterin zu, die immer noch genau so dasaß wie zuvor und sich seit Hermines Ausbruch keinen Millimeter bewegt zu haben schien.
Lediglich die Stirn hatte sie stirnrunzelnd in Falten gelegt und sie fixierte Hermine mit einem Blick, den die jüngere Frau nicht deuten konnte. Aber es war ihr auch egal. Die Dreistigkeit, die diese Frau sich erlaubte.
Hermine stemmte die Hände in die Hüften, baute sich vor Minerva McGonagall auf und musste nach den richtigen Worten suchen, um ihrer Empörung Luft zu machen. „Sie haben mich allen Ernstes hierher geholt, ohne mir zu sagen, um was es geht, es so wirken lassen, als wäre etwas furchtbar Schlimmes passiert, sodass ich mir schon ausgemalt hatte, dass meine Tochter zur dunklen Seite übergelaufen sei und der Krieg für uns alle von Neuem beginnt. Nur um mir dann zu eröffnen, dass Rose in irgendeinen Jungen verknallt ist und darüber in ihrem Tagebuch schreibt?!" Hermines Stimme war mit jedem Wort immer schriller geworden.
„Sind Sie völlig wahnsinnig geworden?! Ist Ihre letzte Beziehung schon so lange her, dass sie so eine Lappalie dramatisieren, als wäre meine Tochter eine Stalkerin mit ernsthaften psychischen Problemen und der arme Junge jemand, den man vor ihr beschützen müsste? Gott, Professor, das ist selbst für Ihre Verhältnisse ein neuer Tiefpunkt an…an…Lebensferne."
Minerva McGonagall saß versteinert wie eine Statue hinter ihrem Schreibtisch und rührte keinen Muskel, während sie Hermines Schimpftirade über sich ergehen ließ. Ihr Blick war immer noch auf die brünette Hexe vor ihr geheftet, die so offensichtlich sämtliche Geduld verloren hatte. Erneut verbarg sich etwas im Blick dieser durchdringend grünen Augen, das Hermine nicht deuten konnte.
„Sie schreibt nicht über einen Jungen…"
Hermine zögerte nur kurz, um zu verarbeiten, was diese Andeutung implizierte, bevor sie zurückschoss: „Oh, na toll, also ist meine Tochter nun ein Problemfall, weil sie sich zu Mädchen hingezogen fühlt?! Als homophob hätte ich Sie gar nicht eingeschätzt." Ihre Stimme trotzte nur so vor Hohn und Spott und sie blickte Minerva herausfordernd an, die Arme vor der Brust verschränkt.
Doch die Schulleiterin hielt ihrem Blick mühelos stand und zuckte mit keiner Miene. Wenn Hermine es nicht besser wüsste, würde sie glauben, dass Minerva vollkommen ruhig und unberührt von ihren Provokationen war. Aber in ihren Augen konnte sie es sehen. Wie ein Sturm, der über einem Meer heraufzog, blitzten ihre grünen Augen bedrohlich und Hermine wappnete sich für die Fluten, die gleich über ihr hereinbrechen würden.
„Sie schreibt nicht über irgendein Mädchen." Obwohl Minerva leise sprach, schnitt ihre Stimme klar und eiskalt durch den Raum und ließ Hermine erschaudern. Sie spürte, wie sich die feinen Härchen auf ihren Armen aufrichteten und musste den Drang unterdrücken, sich schützend mit ihren Armen die Kälte aus den Gliedern zu reiben. Sie wollte nicht verletzlich oder eingeschüchtert wirken – und ging erneut in die Offensive.
„Oh, ein besonderes Mädchen also – eines, das sie nicht verdient hat, Ihrer Meinung nach? Ein Gryffindor-Mädchen, das einer Slytherin unwürdig ist? Hm?" Hermine hob die Augenbrauen, schnaubte verächtlich und schritt an Minervas Schreibtisch vorbei zur Fensterfront, die die hintere Seite des Büros einnahm. Sie konnte einfach nicht still stehen bleiben, diese ganze Diskussion erfüllte sie mit einer Unruhe, die sie nicht loszuwerden schien.
Der Ausblick war atemberaubend und wäre Hermine in der Stimmung gewesen, hätte sie sich die Zeit genommen, die Lichter zu genießen, die die vielen Fenster von Hogwarts erleuchteten und einen warmen Kontrast zu der Dunkelheit bildeten, die sich über das Schloss gelegt hatte.
Friedlich lag die Welt dort draußen da und bildete damit einen starken Kontrast zu Hermines Innenleben, der Unruhe, die sie in Gegenwart der schwarzhaarigen Hexe verspürte, der Unzufriedenheit und Verbitterung angesichts ihres gescheiterten Lebens und der unbändigen Wut und Empörung, die sie empfand, wenn sie daran dachte, weswegen die Schulleiterin sie in die Schule beordert hatte.
„Nicht ganz…", erwiderte Minerva fast schon kleinlaut und mit einer Bitterkeit in der Stimme, die Hermine bislang in ihrem Gespräch nur von sich selbst gehört hatte.
„Woher wissen Sie eigentlich, dass es ihres ist? Es könnte jedem Schüler gehören", argumentierte Hermine, während sie immer noch nach draußen blickte und sich fragte, weshalb sie überhaupt noch über dieses Thema redeten. Die ganze Unterhaltung erschien ihr so nichtig und obsolet.
In der Ferne konnte sie Hagrids Hütte am Rand des Dunklen Waldes erkennen. Ganz klein und winzig sah sie von hier oben aus und in den Fenstern brannte Licht. Eine plötzliche Sentimentalität ergriff Hermine bei dem Anblick, als unzählige Erinnerungen über sie hereinbrachen an vergangene Zeiten, bessere Zeiten.
Die Stimme der Schulleiterin riss sie aus ihren Gedanken und sie klang genervt, als müsste sie einer begriffsstutzigen Schülerin alles mehrfach erklären, obwohl die Antwort doch so offensichtlich war: „Es lag auf ihrem Schreibtisch, direkt nach dem Verwandlungsunterricht. In der Zeit hätte gar niemand anderes es dort positionieren können. Aber darum geht es jetzt nicht."
„Ach ja, das ominöse Mädchen, für das meine Tochter schwärmt. Wollen Sie mir denn nun verraten, wer es ist oder reden wir noch weiter um den heißen Brei herum? Ich hätte dann nämlich wirklich Besseres zu tun, als mir um die literarischen Liebesergüsse meiner Tochter Gedanken zu machen, die uns wohlgemerkt überhaupt nichts angehen." Sie warf Minerva einen vernichtenden Blick zu, der Bände darüber sprach, was sie davon hielt, dass Minerva einfach das Tagebuch ihrer Tochter gelesen hatte. Es war zwar gelogen, dass sie etwas Wichtigeres zu erledigen hatte, das hatte sie eben gerade nicht, weder heute noch an irgendeinem anderen Tag ihres belanglosen Lebens, aber das würde sie Minerva gegenüber niemals zugeben.
Erwartungsvoll blickte sie die Schulleiterin an, während sie an der Fensterfront lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte, um einen gelassenen Eindruck zu vermitteln, auch wenn sie zunehmend davon genervt war, dass sie Minerva jede einzelne Details aus der Nase ziehen musste. „Nun?"
Langsam erhob sich die Schulleiterin von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch, trat dahinter hervor, um Hermine gegenüberzutreten, blieb aber in der Nähe des Schreibtischs stehen und stützte ihre Hand darauf ab, als müsste sie sich an etwas festhalten, bevor sie ihrem Gast die Wahrheit eröffnete.
Sie stieß einen langen Seufzer aus, nahm die Schultern zurück und richtete sich zu ihrer vollen imposanten Größe auf, die grünen Augen glühten schuldbewusst, bevor sie nur ein Wort wisperte, so leise, dass Hermine es kaum hören konnte: „Ich."
Hermine glaubte, sich verhört zu haben und trat einen Schritt auf die Schulleiterin zu. „Was?"
Minerva holte erneut tief Luft und stieß diese, frustriert darüber, dass sie sich wiederholen musste, wieder aus. „Ich bin es. Sie schreibt über mich." Sie konnte die Verzweiflung und die Schuld, die sie darüber empfand, kaum aus ihrer Stimme verbergen, während Hermine sie nur geschockt mit offenen Mund anstarrte und zu begreifen versuchte, was sie soeben gehört hatte.
„Ihre Geschichten, ihre Fantasien, all diese Details, was sie sich ausmalt, was ich mit ihr tue und sie mit mir – in alldem geht es um mich. Ich…" Ihre Stimme brach und mit jeder Aufzählung war sie einen Schritt weiter auf Hermine zugegangen, als versuchte sie, ihr mit der Nähe, die sie zu der Mutter des Mädchens herstellte, das über seine Schulleiterin fantasierte, klarzumachen, dass all das genau das war und auch nur das: eine Fantasie.
Hermine reagierte ganz instinktiv und hob eine ausgestreckte Hand, die sie wie einen Schild vor sich hielt, um Minerva davon abzuhalten, noch näher zu kommen. Doch die Hand, mit der sie sich vor der Schulleiterin abzuschirmen versuchte, zitterte leicht und sie spürte bitter Galle in sich aufsteigen bei all den Bildern, die sich mit den letzten Worten der älteren Frau in ihrem Kopf eingenistet hatten wie ein krankhafter Parasit, der sich an ihrem Leid labte, das sie bei der Vorstellung von der Frau vor ihr zusammen mit ihrer Tochter empfand.
Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, um den Schluchzer, der sich den Weg aus ihrer Kehle bahnen wollte, zu unterdrücken und wich langsam zurück, weit weg von der Frau, die sie plötzlich in einem völlig anderen Licht sah.
„Mrs Weasley, ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, dass ich Ihre Tochter niemals angerührt oder ihr in irgendeiner Weise Hoffnungen gemacht habe, dass unsere Beziehung irgendeine andere wäre als die zwischen einer Schülerin und ihrer Schulleiterin. Aber diese Dinge, die sie über mich schreibt, haben mich wirklich schockiert und erschüttert. Sie müssen sich das ansehen."
Hermine wollte gar nichts sehen. Sie konnte nicht glauben, was da gerade passierte. Sie konnte und wollte das Gefühl, das sich in ihr ausbreitete und von ihr Besitz ergriff, nicht spüren. Sie hatte so lange daran gearbeitet, so viele Jahre nicht mehr daran gedacht, war davon ausgegangen, sie hatte es überwunden.
„Das kann nicht sein. Ich glaube Ihnen nicht", wisperte sie, verzweifelt an dem letzten Faden Hoffnung festhaltend, dass das alles nicht wahr sein konnte, dass das alles nur ein riesiges Missverständnis war, sie träumte und sich das alles einbildete und einfach gleich aufwachen würde aus diesem Albtraum, der plötzlich ihr Leben war.
„Sehen Sie selbst." Minerva drehte sich wieder zu ihrem Schreibtisch um, während Hermine das Gesicht in den Händen vergrub und ihre Schläfen massierte, in der Hoffnung, dass die sich ankündigenden Kopfschmerzen damit vertreiben ließen, die sich durch das Gespräch langsam ihren Nacken hinaufgeschlichen hatten.
Hermine hörte, wie ein Schublade geöffnet, etwas herausgeholt und die Schublade wieder geschlossen wurde, bevor etwas mit einem lauten Klatschen auf den Tisch der Schulleiterin fiel.
Seufzend hob sie den Kopf, trat an den Schreibtisch und streckte die Hand aus, um nach dem Notizbuch zu greifen, das angeblich all die schmutzigen Fantasien ihrer Tochter enthalten sollte und erstarrte mitten in der Bewegung. Ihr Herz machte setzte einen Augenblick lang aus, um anschließend nur umso schneller wieder loszuschlagen, als wollte es ihr aus der Brust springen. Nackte Angst ergriff von ihr Besitz, kalter Schweiß bildete sie sich auf ihrer Haut und sie wünschte, ein schwarzes Loch möge sich unter ihr öffnen und sie vollkommen verschlingen. Weg, nur weg von hier und von diesem Moment, der einfach nicht sein konnte, einfach nicht sein durfte.
„Das ist nicht Roses Notizbuch…", flüsterte sie leise, kaum hörbar für die Schulleiterin, die verwirrt die Reaktion ihrer ehemaligen Schülerin beobachtet hatte.
„Mrs Weasley, ich habe Ihnen doch soeben erklärt…", wiederholte Minerva.
„Sie verstehen nicht", unterbrach sie Hermine, immer noch den Blick starr auf das Notizbuch gerichtet, als ihr Tränen in die Augen stiegen angesichts der unbändigen Scham, die ihren ganzen Körper durchströmte und ihr die Kehle zuschnürte.
Nur mit allergrößter Überwindung zwang sie die Worte an die Oberfläche, die ihr Verderben bedeuteten, doch jegliche Kontrolle oder der Wunsch, ihre Reaktion zu überspielen, war ihr angesichts des Schocks, was da vor ihr lag, vollkommen entglitten. Es gab nun kein Zurück mehr, keinen Ort, an dem sie sich verkriechen konnte, sie konnte nicht fliehen, konnte nicht weg, es war zu spät. Alles lag offen da wie eine Leiche auf dem Seziertisch, direkt vor ihren Augen, und noch schlimmer vor den Augen der Frau, die dieses Notizbuch und seinen Inhalt niemals zu Gesicht bekommen sollte. Sie konnte ihr nicht in die Augen sehen, wollte gar nichts mehr sehen und kniff die Augen fest zusammen, die Tränen liefen ihr nun in freien Strömen über das Gesicht, als sie wisperte: „Es ist meins…"
