Ich schleiche mich mal hier rein und lasse ein paar Kapitel da ... nein, ich habe nicht vergessen, dass ich diese Geschichte fertig schreiben wollte, komme, was da wolle ... und ja, auf ein oder zwei (oder drei) dieser Kapitel sitze ich vielleicht schon ein paar Jahre ... Asche auf mein Haupt.
Aber ich stelle das fertig!
Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs und alles andere gehört Katsura Hoshino.
10. Schlafgebunden
21. Juni 18xx, 06:43 Uhr auf der Lancashire, inzwischen zweiundfünfzig Stunden von New York entfernt
Ihre Schultern schmerzten.
Das war das erste, das Jinai auffiel, als sie bemerkte, dass sie wach war. Überhaupt merkte sie es nur daran, denn alles andere wurde von diesem Schmerz übertönt. Sie versuchte sich in eine bequemere Position zu bringen, konnte sich aber kaum rühren. Da entdeckte sie, dass ihre Arme taub waren – und hinter ihrem Rücken zusammengebunden.
Die Exorzistin riss die Augen auf.
Und musste sie sofort wieder schließen, als ein helles Licht sie blendete. Langsam kamen ihre anderen Sinne in Schwung und meldeten ihr ein paar Details, die sie wahrnehmen konnte, ohne ihre Augen noch einmal zu öffnen: Sie lag auf einem harten Untergrund. Ihre Füße waren ebenfalls gefesselt. Sie hatte einen komischen Geschmack im Mund. Unter ihr brummte etwas, das sie an den großen Schiffsmotor der Lucania erinnerte. Genauso hatte es sich angehört, als sie mit Kanda im Frachtraum gewesen war …
… doch hier roch es anders.
Erneut versuchte sie die Augen zu öffnen, diesmal durch Erfahrung vorsichtiger geworden. Sie war noch immer geblendet, aber nun erkannte sie, das das Licht nicht so stark war, wie sie zuerst geglaubt hatte: Es ging von einer einzelnen, punktförmigen Quelle vor ihr aus.
„Na endlich", murrte eine Stimme, über dem Dröhnen der Motoren noch deutlich vernehmbar. Sie klang trotzdem dumpf, als würde die Person die Worte wie durch ein Tuch aussprechen. Das Licht bewegte sich und entpuppte sich als eine abblendbare Gaslaterne, die nun auf den Boden vor ihr gerichtet wurde. Im Schein der Lampe tauchte eine Hand auf, die eine volle Schale und einen Löffel hielt. Ein gedämpftes Klicken zeigte, dass die Laterne abgestellt wurde; sie flackerte ein wenig und beleuchtete dann den Boden vor Jinai und die Hand mit der Schale. Eine zweite Hand erschien, tauchte den Löffel in die Flüssigkeit in der Schale und hielt ihn ihr hin. „Da."
Jinai zögerte. Die Situation mutete zu bizarr an, um real zu sein. Ihre letzte Erinnerung bezeugte, von einem Akuma niedergeschlagen worden zu sein. Eigentlich hätte sie tot sein müssen.
„Komm schon", drängte die Stimme barsch. „Du musst doch fast am Verhungern sein."
Das war sie allerdings. Nach dem Fieber war sie geschwächt gewesen und hatte nur ein paar Bissen verzehren können und dann war sie auch schon in den Kampf gegen die Akuma auf der Lancashire gezogen worden. Das bedeutete …
„Bin ich auf der Lancashire?", fragte sie mit rauer Stimme.
Die Stimme lachte. „Klar. Du bist unser Gast – das heißt, solange du dich benimmst."
Jinais schmerzende Schultern versteiften sich bei den Worten. Sie wusste noch nicht, ob ihr Gegenüber ein Mensch war oder nicht, aber ihre Gastgeber waren es bestimmt nicht. Warum war sie also nicht getötet worden?
„Was wollt ihr von mir?"
„Nimm dich selbst mal nicht so wichtig, Kleine. Du interessierst uns nicht ein bisschen. Dich brauchen wir nur, um den jungen Herrn ruhig zu halten." Die Hand schob den Löffel gegen ihre Lippen; Jinai presste sie fest zusammen und zog den Kopf zurück. „Hab dich nicht so. Du musst essen, um am Leben zu bleiben. Es ist essbar, garantiert. Den Koch haben wir am Leben gelassen."
Die Exorzistin zögerte ein paar Augenblicke, dann öffnete sie den Mund. Heißer Eintopf überdeckte den unangenehmen Geschmack des Erwachens, schmeckte aber ganz normal, soweit sie das beurteilen konnte. Wenn sie hier vergiftet wurde, dann schmeckte sie es nicht.
„Na also. Wenn du das jetzt brav aufisst, darfst du nachher wieder schlafen gehen. Du wirst gar nichts mitbekommen-"
„Wovon?", fragte Jinai rasche, ehe ihr Gegenüber einen zweiten Bissen in ihren Mund schieben konnte. Ein Tropfen rann ihr über die Wange, aber den Rest schluckte sie herunter, denn mit dem ersten Bissen war ihr Hunger nur noch größer geworden.
Sie bekam auch noch einen dritten und vierten Löffel, bevor er antwortete: „Ich kann es dir wohl sagen. Ein kluges Ding wie du hat doch sicher schon bemerkt, was wir wollen."
„Jeremy."
„Den Exorzisten mit der verfluchten Hand? Ja, genau den. Und er kooperiert, solange wir dich und den Finder in der Hand haben. Und mach dir keine Hoffnungen: Daran wird sich auch nichts ändern."
„Und was hindert mich daran, dich einfach zu töten, mir die beiden zu schnappen und zu verschwinden?"
„Stell dich nicht dumm, Kleine", antwortete das Akuma und bestätigte ihre Befürchtung, dass dieses Problem bereits bedacht worden war. „Wir sind mitten auf dem Ozean, also geht ihr erst mal nirgends hin. Selbst wenn du alleine fliehen könntest, wärst du vor Erschöpfung zusammengebrochen und ertrunken, bevor du Land erreicht hättest. Und die beiden kannst du erst recht nicht tragen." Während er sprach, fütterte er sie weiter mit Eintopf. „An den Finder kommst du nicht heran, dafür sorgt die Fähigkeit meines Kollegen schon. Solange er nicht essen oder Gassi muss, halten wir den Exorzisten im Tiefschlaf, und das gleiche werden wir natürlich auch weiterhin mit dir machen. Apropos – du musst doch nicht Gassi, oder?"
Jinais Wangen brannten. Diese demütigende Frage – in dieser beschämenden Situation – von einem Akuma – sie war nicht sicher, ob sie noch mehr ertrug. Trotzdem schüttelte sie den Kopf. Für den Moment musste sie so viele Informationen wie möglich sammeln und einen Plan schmieden.
„Brav", lobte das Akuma sie; nun kochte sie nicht mehr vor Verlegenheit, sondern vor Wut. „Es macht keinen Sinn, sich zu wehren", fuhr es dann fort. „Egal, was du dir überlegst – und ich bin überzeugt, da schwirren schon ein paar Ideen durch deinen Kopf – du kommst hier nicht raus und deine Freunde auch nicht. Verhalte dich ruhig, dann gönnen wir dir am Ende auch einen schnellen Tod und bringen dich nicht zu Master Ticky Mikk."
Der Bissen blieb Jinai im Hals stecken und sie hustete und rang nach Luft, während das Akuma sie auslachte.
Ticky! Sie hatte gedacht, nachdem er sie in Edo geradezu ignoriert hatte, wäre sie dieses Problem los gewesen. Hatte sie sich geirrt?
„Was sollte er noch von mir wollen?", fragte sie, als sie wieder Luft bekam.
„Das weiß ich nicht und ich kann ihn ja wohl schlecht danach fragen. Er würde mich töten … Aber er freut sich bestimmt über ein Geschenk. Ihr habt ja eine gemeinsame Vergangenheit."
So konnte man es wohl nennen. „Was wollt ihr von Jeremy?", versuchte Jinai es mit der nächsten Frage. Solange die Schüssel noch nicht leer war, hatte sie noch Zeit dazu.
„Das kannst du dir doch denken", fuhr das Akuma sie – zum ersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung aufgebracht – an. „Sein verdammtes Innocence kann uns mehr Ärger machen als ihr anderen zusammen."
„Also wollt ihr es zerstören."
„Wir wollen es untersuchen. Der Graf hat ein paar sehr kluge Köpfe auf seiner Gehaltsliste."
Das war durchaus vorstellbar – einen davon hatte sie ja schon kennengelernt. Sie kaute auf einem undefinierbaren Etwas, das sich im Eintopf befunden hatte, und erwiderte: „Irgendwann werden wir Land erreichen und dann seid ihr tot, das weißt du doch."
„Kann sein", entgegnete das Akuma überraschend gelassen und warf den Löffel in die Schüssel. „Aber darum musst du dir keine Sorgen machen. Du bist eigentlich überflüssig, ja, du warst nicht einmal eingeplant. Wenn einer von euch Unfug macht oder irgendetwas schiefgeht – und das muss nicht einmal eure Schuld sein – bist du die erste, die stirbt."
Es nahm die Laterne, richtete die geöffnete Klappe auf den Boden und entfernte sich. Als die Tür aufging, konnte Jinai das Licht dahinter nur einen Moment lang sehen, dann bewegte sich eine zweite Gestalt davor. Einen Wimpernschlag später erklang eine süße Melodie und Jinais rasende Gedanken stürzten wie Meteoriten in die Tiefe. Ihre Lider wurden schwer und ihr Kopf sank zu Boden.
Das letzte, woran sie denken konnte, war, dass sie gerade wohl dem redseligsten Akuma aller Zeiten begegnet war. Und dem vernünftigsten.
oOo
Zur gleichen Zeit auf der Lucania, noch etwas dreihundertundfünfzig Seemeilen von St. John's entfernt
Eirik Lovely runzelte die Stirn. „Das ergibt langsam alles keinen Sinn mehr für mich." Wieder studierte er die Liste, dann drehte er sich zu Kanda um, der hinter ihm auf und ab tigerte. „Wozu sollten sie sich die Mühe machen, das Schiff umzubenennen?"
„Das hat Ackerman doch gesagt", knurrte der Japaner mürrisch.
„Da war ich leider nicht dabei. Obwohl … nein, leid tut mir das eigentlich gar nicht. Und woher die Verätzungen in seinem Rachen kommen, die der Schiffsarzt gerade behandelt, will ich lieber auch nicht wissen."
„Der kann sich noch glücklich schätzen", erwiderte Kanda dumpf. Sobald er ein Telefon, Telegrafen oder was auch immer in die Finger bekam, würde er das Hauptquartier über die Misere aufklären, Geheimhaltung hin oder her. Und die würden ihm dann auch Ackerman und seine Tochter abnehmen, die gerade unter strengster Bewachung standen.
„Also, warum?"
„Kann der Kahn nicht schneller fahren?", antwortete der Exorzist mit einer Gegenfrage.
„Wir fahren schon mit zwanzig Knoten und das gegen den ausdrücklichen Rat der Ingenieure", entgegnete der Erste Offizier ruhig. „Mehr können wir dem Schiff nicht zumuten, wenn wir St. John's in einem Stück erreichen wollen."
„So holen wir sie bestimmt nicht ein."
Lovely seufzte. Er wusste, warum der Exorzist so auf Eile drängte, aber er sah auch nicht ein, wieso er ihm schon wieder erklären sollte, warum das nicht ging. Seit gestern Abend hatten beide nur wenig Schlaf bekommen und die restliche Zeit damit verbracht, die Minuten zu zählen. Der Engländer hatte gerade erst eine vernünftige Beschäftigung gefunden, um sich abzulenken.
Bis sie St. John's erreichten, war er von den meisten seiner Pflichten entbunden und fungierte als Verbindungsoffizier zwischen der Brücke und Kanda. Drinkwater wollte keine Einmischungen seitens des Exorzisten mehr, solange er an Bord war, wollte aber auch nicht den Eindruck erwecken, nicht mit ihm zu kooperieren.
„Also, warum der falsche Name?", versuchte Eirik es noch einmal.
Kanda stieß ungehalten den Atem aus. „Es sollte nicht mit Ackermans Werften in Zusammenhang gebracht werden."
„Und warum St. John's?"
„Weil eure Leute doch genau das gleiche gedacht habe. Es ist nahe genug und groß genug. Von dort aus können sie überall hin verschwinden und wir finden sie nie wieder."
„Kaum ein Transatlantikschiff steuert St. John's an, wenn es nicht muss."
„Aber genügend kleinere Schiffe. Sie können sich spielend leicht absetzen – nach Nova Scotia, nach Kanada, in die Vereinigten Staaten … Möglichkeiten gibt es genug."
„Hat dir Ackerman das alles verraten?", fragte Lovely verblüfft. So lange hatte Kanda ihn doch gar nicht verhört.
Der Exorzist warf ihm einen schiefen Blick zu. „Das meiste, den Rest konnte ich mir selbst zusammenreimen. Das wichtigste wusste er natürlich nicht."
Wohin die Akuma wollten. Die Frage nach dem Warum kam da erst an zweiter Stelle.
„Wie lange noch?", fragte der Japaner sicher schon zum zwanzigsten Mal.
„Noch etwa fünfunddreißig Stunden, wenn wir das Tempo beibehalten können", antwortete der Erste Offizier, woraufhin der Exorzist seinem Frust durch einen verächtlichen Laut und einen Tritt gegen das Tischbein Luft machte. Das konnte es vertragen, da es ja fest mit dem Boden verschraubt war. Lovely sagte nichts dazu.
Die Kabine, die Kanda sich vor weniger als vierundzwanzig Stunden noch mit Jinai geteilt hatte, war viel zu klein für sein Ermessen. Sie schrumpfte mit jeder Stunde, die er hier mit Lovely festsaß, und der Gedanke, dass sie das Wettrennen gegen die Zeit hier mit dem gemütlichen Tempo einer nachmittäglichen Spazierfahrt auf der Themse bestritten, half da nicht im Geringsten.
Sie hatten sich vollkommen überrumpeln lassen und konnten niemand anderem die Schuld dafür geben. Sicher, es konnte nur schwer ihre Schuld sein, dass die Akuma bereits auf der Lucania auf sie gewartet hatten – die Tickets hatte das Hauptquartier besorgt. Aber alles andere ging auf ihre Kappe. Sie waren diejenigen, die den Akuma in die Falle getappt waren.
Der Gedanke rotierte in seinem Kopf. Die Akuma hatten sich größte Mühe gegeben, des unerfahrenen Exorzisten habhaft zu werden, und alle Eventualitäten bedacht, doch sie hatten die Falle nur aufstellen können. Hineingetappt waren sie selbst, und jetzt war Kanda das einzige Mitglied ihrer Gruppe, das noch frei war – hingegen keine Ahnung hatte, wo die anderen waren und wie man sie ausfindig machen konnte.
Und solange sie St. John's nicht erreichten, war er zur Untätigkeit verdammt.
oOo
Bald danach, an Bord der Lancashire
Jeremy erwachte mit einem dumpfen Pochen hinter der Stirn. Er brauchte einen Moment, um sich daran zu erinnern, wo er war, und in der Sekunde, in der er sich erinnerte, packte ihn das Gefühl der Hilflosigkeit erneut, mit dem er eingeschlafen war. Nicht ganz freiwillig, wie er hinzufügen musste. Diese verdammte Flöte war eine gefährliche Waffe. Er hatte sich nicht einen Augenblick lang wach halten können, als dieses Akuma erst darauf zu spielen begonnen hatte.
Zu der Hilflosigkeit kam noch Wut hinzu, vor allem auf sich selbst. Liebend gerne hätte er all diese Akuma mit einer einzigen Handbewegung ausgelöscht, aber sie hatten Kie und Jinai und keine Skrupel, ihre Geiseln als Druckmittel einzusetzen. Er hatte keine Chance – und die spöttische Reverenz des Akumas, das ihn bewachte, rief ihm das immer wieder in Erinnerung.
Er war in einer Erste-Klasse-Kabine der Lancashire untergebracht worden und wurde umsorgt wie ein Ehrengast, durfte die Kabine aber nicht verlassen. Einmal war dieser wandelnde Kalender von Akuma da gewesen und hatte ihm die Seite gezeigt, auf der Kie gefangen gehalten wurde – eingefroren in tiefem Schlaf und, wie ihm das Akuma glaubhaft versichert hatte, tot in dem Moment, in dem das Akuma zerstört würde – und ein weiteres Mal hatte man ihn hinunter in den Frachtraum gebracht, um ihm die schlafende Jinai zu zeigen, aber abgesehen davon wurde er hier oben festgehalten. Außer den zwei Gefangenen und ihm war das Schiff verlassen; es gab eine Art Skelettmannschaft – die wenigen Mitglieder der Lancashire, die man am Leben gelassen hatte, um das Schiff zu steuern – aber die wurde ebenfalls von ihm ferngehalten. Alles in allem hatten die Akuma ganze Arbeit geleistet, um ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation vor Augen zu führen.
Sie hielten ihn in einem komaähnlichen Schlaf und weckten ihn nur, damit er ab und zu etwas aß und sich erleichtern konnte, und grimmig gestand er ihnen zu, dass diese Vorgehensweise gut durchdacht war. Er hatte keine Gelegenheit, über Fluchtpläne nachzudenken. Selbst jetzt, während er das spärliche Mahl zu sich nahm, das man ihm zugestanden hatte, damit er nicht verhungerte, und sich den Kopf zermarterte, konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen. Es war dieser aufgezwungene Schlaf, der sein Denkvermögen beeinträchtigte und ihn müde und träge machte. Und sobald er aufgegessen hatte, würden sie ihn erneut in Schlaf versetzen.
Sie hatten alle Fenster verbarrikadiert.
Alle Eingänge wurden bewacht.
Es gab kein Papier und keine Stifte in dieser Kabine und keine Sekunde, in der er nicht unter Beobachtung stand.
Er hatte keine Möglichkeit, eine Nachricht zu verfassen – und selbst, wenn: Wie hätte er sicherstellen sollen, dass sie Kanda erreichte, und was hätte er schreiben sollen? Er hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden.
Trotz all seiner Macht – und er wusste, dass sein Innocence verdammt gefährlich für Akuma war – gab es nichts, was er ausrichten konnte.
Sein Wächter zog den Teller weg. „Das reicht", erklärte er und wartete darauf, dass Jeremy den Löffel beiseitelegte. Trotz allem hatten sie Angst vor ihm, das konnte er spüren; Angst, dass seine Berührung sie töten könnte. Alles, was ihn davon abhielt, ihnen diese Berührung zu demonstrieren, waren die wenigen Menschen auf diesem Schiff, die noch am Leben waren.
Gehorsam legte der Exorzist den Löffel auf den Tisch. Im Hintergrund erklangen die ersten Flötentöne.
oOo
Jinai sah sich selbst, in diesem Raum auf der Arche, in dem sich alle versammelt hatten, als die Schlacht um die Arche geschlagen war. Sie sah an ihren hochgezogenen Schultern und dem misstrauischen Blick, wie wenig ihr die Arche behagte. Immer wieder sah sie sich um, als ob sie sich beobachtet fühlte. Aber sie war allein – nicht einmal die anderen Exorzisten waren dort, wo sie sein sollten.
Doch, halt – da war noch jemand. Jinai erkannte die kleine Road und verfolgte, wie sie selbst ein Gespräch mit der Noah begann. Etwas daran war wichtig, das wusste sie – sie hatte diesen Traum schon einmal gehabt und ihn damals schon nicht verstanden. Dass sie ihn jetzt noch einmal haben sollte, machte ihr seine Wichtigkeit noch deutlicher, aber nicht seine Bedeutung.
„Was willst du mir sagen?"
„Ihr habt etwas, das uns gehört. Wir wollen es wiederhaben. Und … wir wollen Allen."
„Allen ist tot, das hast du selbst gesagt."
„Wie oft noch? Wenn die anderen tot sind, dann nicht durch meine Hand. Und Allen würde keiner von uns etwas tun."
„Wie kommst du darauf, dass ich dir beides geben kann?"
„Ob du kannst oder nicht, schert mich nicht. Du wirst, weil du keine andere Wahl haben wirst. Und wenn ich dir noch einen Rat geben darf … dann töte den Jungen. Es wird uns milder stimmen. Vielleicht überleben dann mehr von euch, wer weiß."
Jinai erinnerte sich daran, wie die Road in ihrem Traum an dieser Stelle verschwunden war, und tatsächlich begann sie nun zu flackern. Der Traum zerbrach und Jinai kehrte in eine Welt aus Dunkelheit zurück, die ihr inzwischen vertraut war. Sie war nicht bei Bewusstsein, aber sie konnte nur wenig von dem, was sie hier erlebte, in die Realität hinüber retten, wenn sie erwachte.
Immerhin hatte sie nun erkannt, was die Botschaft aus diesem Traum zu bedeuten hatte, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, warum sie ihn gehabt hatte. Es hatte nie in ihrer Macht gestanden, in die Zukunft blicken zu können, und prophetische Träume gehörten ganz eindeutig in diese Sparte.
Allerdings hatte Road seltsame Kräfte und vielleicht hatte sie Jinai in ihrem Traum besucht. Die Exorzistin konnte sich allerdings nicht einmal ansatzweise vorstellen, welchen Grund sie dafür gehabt haben sollte, sie vor dem bevorstehenden Angriff auf das Hauptquartier zu warnen. Oder sie darauf hinzuweisen, wie wichtig Allen für die Noah war. Oder ihr aufzuzeigen, dass der Graf Jeremys Existenz nicht einfach so hinnehmen würde.
Sie konnte nur hoffen, dass sie sich im wachen Zustand noch an all dies erinnern würde.
oOo
„Du machst dich doch nicht schon wieder an ihrem Geist zu schaffen, oder?"
Tickys Stimme ließ Road die Augen öffnen. Ein träges, zufriedenes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Was wäre, wenn?"
„Lass das", erwiderte der andere Noah finster. „Das ist mein Spielzeug, das habe ich dir schon einmal gesagt."
„Ich weiß gar nicht, warum du so besitzergreifend bist", beschwerte sich Road und schob die Decke zurück, um aufzustehen. „Es ist ja nicht so, als würdest du irgendetwas für diese Exorzistin empfinden … oder?"
Der Gedanke ließ sie innehalten und Tickys Gesicht genauer beobachten. Er sprach nie von sich aus von Jinai, sondern nur, wenn sie ihn damit ärgerte, dass er dieser Exorzistin auf den Leim gegangen war. In Edo hatte sie geglaubt, dass er dieses Kapitel schon abgeschlossen hatte, aber als sie ihm erzählt hatte, dass sie Jinais Träume besucht hatte, war er sehr wütend geworden.
Sie wusste selbst nicht, warum sie das getan hatte. Es war eine Gabe, die sie sich von Wiselys Fähigkeiten abgeschaut hatte, aber sonst nie verwendete – auch weil die meisten Menschen ziemlich langweilige Träume hatten und es sowieso nur bei ganz wenigen funktionierte – aber sie hatte wissen wollen, was Ticky an diesem Mädchen fasziniert hatte. Nur dass sie nachher keinen Deut schlauer gewesen war.
Es war ein ganz normales, langweiliges Menschenmädchen gewesen. In ihren Geist einzudringen hatte Road überhaupt keine Mühe gekostet; da gab es Leute, in deren Träume einzuschleichen sich wesentlich schwieriger gestaltete. Und sie hatte Road auch nicht als fremdes Element, als Eindringling erkannt, wie es oft genug passierte. So sehr sie Ticky auch mochte, er hatte sich ein ausgesprochen dummes Spielzeug ausgesucht. Die Exorzistin hatte nicht einmal ihre Hinweise verstanden und dabei hatte Road sich wirklich sehr deutlich ausgedrückt.
Aber Ticky war immer noch hinter ihr her, das sagte ihr sein Gesichtsausdruck, auch wenn er sich Mühe gab, unbeeindruckt auszusehen. Und sei es nur, weil er sie selbst töten wollte.
Noch ehe er eine Antwort auf ihre Frage gefunden hatte, ergänzte Road: „Was, wenn ich dir sagen könnte, wo sie jetzt ist? Was würdest du dann tun?"
Tickys Gesichtsausdruck war einfach unbezahlbar.
