Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs, alles andere gehört Katsura Hoshino.


11. Sherlock Kanda

22. Juni 18xx, 16:36 Uhr, an Bord der Lucania

„Es sind nur noch fünf Seemeilen bis St. John's, also würdest du dich bitte hinsetzen?"

Kanda warf Lovely einen vernichtenden Blick zu. Jetzt konnte er sich unter gar keinen Umständen hinsetzen. Nicht wenn sie so nahe dran waren, den Hafen zu erreichen.

„Du machst den Teppich kaputt und mich langsam wahnsinnig. Wir werden noch eine halbe Stunde brauchen, bevor wir überhaupt in den Hafen einlaufen können und selbst dann-"

„Selbst dann was?", schnappte der Exorzist aufgebracht.

„Selbst dann – hast du eine Ahnung, wie viel Zeit und Mühe nötig ist, um ein Schiff dieser Größe anlegen zu lassen? Erst recht, wenn es beschädigt ist? Erst recht, wenn niemand dort von uns weiß und sie den Hafen wahrscheinlich erst räumen lassen müssen, damit wir überhaupt Platz haben? Es könnte Stunden dauern, bevor wir von Bord kommen."

„So lange kann ich nicht warten."

„Ich weiß", erwiderte Eirik frustriert. Die Unruhe des Exorzisten machte ihn selbst nervös. „Dein Verhalten macht das Warten aber nicht gerade einfacher."

Kanda schnaubte nur verächtlich.

In seinem aufgebrachten Zustand hätte er beinahe das Schwert gezogen, als es plötzlich an der Tür klopfte. Mit Mühe zwang er sich dazu, die Hände hinter dem Rücken zu verschränken, um das Zittern seiner Finger zu verstecken. Alles in ihm drängte danach, endlich aktiv zu werden. Er war nun schon annähernd zwei Tage hier eingesperrt – der Kapitän war sehr deutlich in seinen Anweisungen gewesen: Hätte Kanda die Kabine verlassen, hätte er sich alleine in einem Ruderboot wiedergefunden. Unter solchen Umständen kooperierte sogar er zähneknirschend.

Lovely warf ihm einen warnenden Blick zu, während er aufstand und zur Tür ging, um dem Matrosen dahinter aufzumachen. Der Blick des Mannes sagte ihm schon, dass er keine guten Nachrichten brachte. Der Erste Offizier brauchte nur eine Sekunde, um sich zu entscheiden, schob den Seemann zurück und trat selbst nach draußen, die Tür mit einem entschiedenen Klicken hinter sich schließend.

„Um Himmels Willen, sagen Sie mir nicht, dass wir die Geschwindigkeit drosseln. Er ist imstande und nimmt das Schiff auseinander, wenn ich ihm das sage", brach es aus ihm heraus, noch ehe der Matrose den Mund öffnen konnte.

Dieser starrte ihn einen Moment lang verwundert an, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, da verläuft alles planmäßig, Sir. Es geht um … die Gefangenen."

„Die Ackermans?", fragte Eirik verblüfft.

„Sir Ackerman hat sich in seiner Kabine erhängt." Der Matrose ließ das einen Moment lang sacken, dann fuhr er fort: „Er dürfte die Nerven verloren haben, und wollte wahrscheinlich nicht den Behörden übergeben werden. Seine Tochter hatte sich nach dem Mittagessen etwas hingelegt und ihn erst vor einer knappen Stunde gefunden. Da war er schon längst tot."

Lovely presste grimmig die Lippen aufeinander. Die ganze Angelegenheit war verworren genug, aber sie hatten trotzdem darauf gesetzt, dass das Geständnis von Ackerman die Behörden überzeugen könnte, dass das Schiff angegriffen worden war. Man würde sich zweifelsohne bemühen, jegliches Gerede von übernatürlichen Vorkommnissen zu unterdrücken, um eine Panik zu verhindern, und die vielen Passagiere, die die Akuma gesehen hatten, würden überzeugt werden, darüber kein Wort zu verlieren, doch … Ackerman hätte die Sabotage bezeugen können.

„Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht in der Lage, eine Aussage zu machen, wie ich annehme?", fragte er ohne große Hoffnung.

„Sie ist kurz davor, hysterisch zu werden, Sir. Der Schiffsarzt musste ihr ein Beruhigungsmittel geben, bevor sie sich oder andere verletzt."

Eirik atmete tief durch und sah zu der Tür, hinter der Kanda wahrscheinlich weiter auf- und abtigerte. Das würde dem Exorzisten absolut nicht gefallen. „Gehen Sie wieder Ihrer Arbeit nach, Matrose. Ich sage es ihm."

Der erleichterte Gesichtsausdruck des Mannes gefiel ihm überhaupt nicht – schließlich lag es jetzt an ihm, Kanda über die neuesten Entwicklungen zu informieren. Er war aber auch nicht so gemein, das dem armen Matrosen zu überlassen.

„Was wollte er?", fragte Kanda sofort, als der Erste Offizier die Tür hinter sich schloss. Er sah so bemüht ruhig aus, dass Lovely ihn augenblicklich durchschaute.

„Sir Ackerman ist tot. Selbstmord."

„Niemals."

Lovely hob verblüfft die Augenbrauen. „Was macht dich da so sicher?"

„Der Kerl ist viel zu feige dafür. Zeig mir die Leiche."

„Du darfst die Kabine nicht verlassen", widersprach Eirik sofort.

„Dann geh zu deinem Kapitän und sag ihm, wenn er nicht will, dass der Mörder entkommt, sollte er meine Hilfe nicht ausschlagen." Kandas entschlossener Blick sprach Bände.

Der Erste Offizier seufzte. „Ich sehe, was sich machen lässt."

„Und beeil dich. Wir haben nur eine halbe Stunde, wenn überhaupt."

„Ich habe dir doch erklärt-"

„Ja, ja. Aber davon lässt sich ein Akuma nicht aufhalten", entgegnete der Exorzist überzeugt.

Noch eines?"

„Was sollte es denn sonst sein? Mach schon."

Lovely presste die Lippen aufeinander und schluckte die Fragen hinunter, die ihm auf der Zunge lagen. Er würde erst mit Kapitän Drinkwater sprechen, danach konnte er Kanda immer noch fragen, warum er sich so sicher war, dass sich noch ein Akuma an Bord befand.

oOo

Den Kapitän zu überzeugen, war einfacher gewesen, als Lovely gedacht hatte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er geglaubt, dass man Kandas Unruhe bis auf die Brücke gespürt hatte. Kaum hatte er erwähnt, dass der Exorzist sich die Leiche ansehen wollte, hatte der Kapitän eingewilligt und dem Exorzisten in absentia jegliche Unterstützung zugesichert. Man hätte glauben können, er war froh über die Ablenkung für Kanda.

Er hätte jedenfalls nicht froher darüber sein können als Lovely selbst.

Kaum hatte er freie Bahn, hatte der Exorzist seine ganze rastlose Energie sofort in produktivere Bahnen gelenkt. Lovely hatte sich anstrengen müssen, mit ihm Schritt zu halten, und ihm nur immer wieder Richtungen zugerufen, damit Kanda wusste, wohin er laufen musste. Man hatte Ackerman und seine Tochter in einer anderen Kabine untergebracht, wo sie leichter im Auge zu behalten wären – jedenfalls hatte man das gedacht. Die Wache vor der Tür hatte nichts mitbekommen, auch beim Mittagessen hatte der Offizier, der den beiden Gefangenen ihre Mahlzeit gebracht und sie währenddessen überwacht hatte, nichts auffälliges an Sir Ackerman beobachten können.

Nichts hatte darauf hingewiesen, dass der Mann sich das Leben nehmen wollte.

Der Erste Offizier nickte der Wache zu, die vor der Kabinentür stand, in der Ackerman sich erhängt hatte; er bewachte nun keine Gefangenen mehr, sondern einen Tatort. Camilla Ackerman hatte man diskret auf die Krankenstation verlagert, bis obenhin voll mit Beruhigungsmitteln, um die anderen Passagiere nicht noch mehr aufzuregen. Nur die Besatzung wusste über den Selbstmord Bescheid.

In der Kabine selbst wies nichts darauf hin; die Leiche war abgeschnitten worden, der Rest des Seils hing noch von der Lampe an der hohen Decke. Kanda stellte sich nur kurz darunter und streckte die Hand aus, kam aber nicht einmal ansatzweise an die Stelle heran, an der das Seil befestigt worden war.

„Hol mal die Wache herein", sagte er zu Eirik. Als die Tür sich hinter dem Matrosen schloss, fragte er: „War da ein Stuhl in der Nähe? Irgendetwas, auf das Ackerman gestiegen ist?"

„Nein, Sir. Wir haben nur die Leiche weggebracht, und die junge Miss. Sonst haben wir nichts angerührt." Der Mann fühlte sich in diesem Raum offensichtlich nicht sonderlich wohl.

„Wie kamen Sie dort hinauf?", fragte der Exorzist und deutete auf die Stelle, an der das Seil durchschnitten worden war.

Die Wache deutete auf einen der Stühle um den Esstisch in der einen Ecke des Raumes. „Wir haben einen von denen benutzt. Aber als wir hereinkamen, standen alle Stühle genau dort, wo sie jetzt stehen."

„Wann hat seine Tochter ihn zuletzt gesehen?"

„Das wissen wir nicht, Sir. Sie hat kaum einen geraden Satz herausgebracht, nur geschrien und geweint, bis der Doktor ihr die Pillen gegeben hat."

„Hat er die Leiche untersucht?"

„Nein, Sir. Es war ja offensichtlich, woran er gestorben ist."

„Ja, offensichtlich", entgegnete Kanda, jedes Wort triefend vor Sarkasmus. „Wo ist die Leiche jetzt?"

„In … der Küche, Sir."

„In der Küche?", fragte Lovely entsetzt.

„Du hast doch selbst gesagt, dass es noch Stunden dauern kann, bis wir von Bord gehen können", sagte Kanda ruhig – deutlich ruhiger, als er diese Nachricht selbst aufgenommen hatte. „Wenn sie die Leiche nicht vor aller Augen von Bord tragen wollen, müssen sie warten, bis die Passagiere weg sind. Bis dahin hätte er zu stinken begonnen. Wo ist die Tochter?"

„Sie wird uns keine Hilfe sein", antwortete Eirik kopfschüttelnd. „Die Beruhigungsmittel haben dafür gesorgt, dass sie noch ein paar Stunden lang tief schlafen wird."

„Gut gemacht", ätzte Kanda.

Damit war das Thema Camilla für ihn erledigt und Lovely und die Wache offenbar auch vergessen. Er drehte sich um und begann den Raum von oben bis unten abzusuchen. Eirik sah ihm eine Weile lang dabei zu, wie er die Fensterrahmen begutachtete, die Wände abtastete und die Fußleisten inspizierte. Schließlich wurde es ihm zu dumm und er fragte: „Was machst du da?"

„Herausfinden, wie der Mörder hinein- und hinausgelangen konnte, ohne die Tür zu benutzen", antwortete Kanda, ohne aufzublicken.

„Falls du nach einer versteckten Tür suchst – vergiss es. Wir befinden uns hier auf einem hochmodernen Schiff und nicht in einem schottischen Herrenhaus in einem billigen Detektivroman", meinte Lovely säuerlich.

„Du denkst an jemanden, der so groß ist wie ein Mensch, aber das ist bei Akuma selten der Fall."

„Er muss doch sogar größer sein als ein Mensch, wenn er Ackerman dort oben aufknüpfen konnte! Erst recht, wenn er dafür sorgen konnte, dass Ackerman sich nicht wehrt, was ja wohl seine Tochter geweckt hätte."

„Wenigstens denkst du mit. Was wurde denn zum Mittagessen serviert?"

„Was?"

„Das Mittagessen. Wenn Ackerman sich nicht wehrte, dann vielleicht, weil er unter Drogen gesetzt wurde. Es würde auch das Mittagsschläfchen seiner Tochter erklären. Wenn man von den eigenen Eltern als Köder benutzt wird, die Mutter zu Staub zerfällt und man dann eingesperrt wird, um den Behörden übergeben zu werden, haben die wenigsten die nötige Ruhe für ein Mittagsschläfchen."

Lovelys Gedanken rasten, um mit Kanda Schritt zu halten. Er hatte dem Exorzisten alles erzählt, was er wusste, nachdem er beim Kapitän gewesen war, und Kanda hatte sich wohl bereits seine eigene Theorie zurechtgelegt, aber ihn nicht eingeweiht. Jetzt alles auf einmal serviert zu bekommen, ließ ihn sich ziemlich dumm fühlen.

Er warf der Wache einen hilfesuchenden Blick zu. Woher sollte er wissen, was die Ackermans zu Mittag gegessen hatten?

„Ich kann es in Erfahrung bringen", sagte der Mann rasch und machte Anstalten zu gehen.

„Und finden Sie gleich heraus, wer es zubereitet und wer es gebracht hat und ob es irgendwann unbeaufsichtigt war", fügte Kanda von seiner Position hinter dem Sofa hinzu.

Der Matrose nickte rasch und verschwand.

„Kann man dir irgendwie helfen?", fragte Lovely, als sie alleine waren.

„Halte Ausschau nach Ritzen, Löchern, undichten Stellen – irgendetwas, wo sich etwas von der Größe einer Ratte durchzwängen hätte können."

„Eine Ratte?"

„Warst du bei dem Gespräch auf der Brücke dabei, kurz vor dem Angriff der Lancashire?"

„Ja. Und?"

„Ich war oben auf dem Dach und habe jedes Wort gehört. Damals erschien es mir nicht wichtig, aber jetzt habe ich jedes Wort noch klar und deutlich im Gedächtnis." Der Exorzist richtete sich auf; Staubflanken hingen in seinem Haar. Seitdem die Ackermans hier einquartiert worden waren, hatte man niemanden von der Putzkolonne mehr in diese Kabine geschickt.

„Da war die Rede von Robbins, dessen Braut gestorben war – ein Akuma. Marsters, der ein Küchenmädchen belästigt hatte und in seiner Kabine eingesperrt worden war – auch ein Akuma. Der kranke Kohlenschaufler aus dem Maschinenraum – ebenfalls ein Akuma. Und einer der Gäste hat in seiner Kabine-"

„Eine Ratte gesehen", vervollständige Lovely den Satz für ihn. „Dass du dich an all das erinnerst…"

„Ich hatte in den letzten zwei Tagen viel Zeit zum Nachdenken. Obwohl ich zugeben muss, dass ich gedacht hatte, alle Akuma hätten auf die Lancashire gewechselt, als sie Jeremy erst einmal hatten." Er tauchte wieder hinter dem Sofa ab.

„Dann ist dieses geblieben, um Ackerman loszuwerden?"

„Offensichtlich. Sobald wir St. John's erreichen, wird es sich absetzen – da ist es!" Der Exorzist schob das Sofa mit der Schulter von der Wand weg. Lovely umrundete es rasch und ging auf der anderen Seite in die Hocke.

Ein Loch, höchstens halb so groß wie seine Faust, war in die Fußleiste der Seitenwand gefressen worden.

„Dahinter befindet sich eine andere Kabine", sagte Lovely, die Blaupausen des Schiffs im Kopf. „Dass das niemand gehört hat… Woher wusstest du, dass es hier sein würde?"

Kanda hob eine Augenbraue. „Im Schlafzimmer hätte Ackerman es auf jeden Fall gehört und Camilla auch. In diesem Raum ist das die einzige Wand, die nicht an den Gang, eines der Schlafzimmer oder die Außenseite des Schiffs grenzt. Das Holz ist weich genug, also hat es nicht lange gedauert. Macht ihr eure Wände nicht aus Metall?"

„Nur die tragenden Wände", gestand der Erste Offizier.

Die Tür schwang auf und beide blickten von hinter dem Sofa auf. Falls die Wache den Anblick seltsam fand, sagte sie jedenfalls nichts dazu. „Die beiden bekamen eine Zwiebelsuppe mit Croutons, Hähnchenbrust und Gemüse und Vanillecreme mit Kirschen zum Nachtisch", leierte er herunter. „Der Chefkoch hat sich um die Zubereitung gekümmert, aber die Mahlzeiten gingen durch viele Hände. Steward Lee hat den fertigen Servierwagen dann hergebracht und die Mahlzeit überwacht, bevor er alles zurückbrachte. Er sagt, er sei niemandem begegnet und niemand außer ihm und den Ackermans habe die Speisen berührt, sobald er dafür verantwortlich war."

„Ist die Küche übersichtlich? Würde es auffallen, wenn ein Besatzungsmitglied hineinginge?", fragte Kanda.

„Nein und nein", antwortete Lovely. „Es sind ständig Leute von uns dort unten und die einzelnen Gänge werden von verschiedenen Köchen und Küchenhilfen zubereitet. Praktisch jeder kommt infrage."

„Nicht jeder. Hat jemand außerhalb der Krankenstation Zugang zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln?"

„Du glaubst, es ist einer von ihnen?"

„Wenn es die Fähigkeit des Akumas wäre, Leute in den Schlaf zu versetzen, wäre Camilla nicht zuerst schlafen gegangen", erwiderte Kanda, als wäre es die simpelste Sache der Welt.

„Also, hör mal, es ist ja schön, wenn das alles in deinem Kopf Sinn macht, aber ich bin hier draußen", beschwerte sich Eirik, „also würdest du mir das mal übersetzen?"

Der Exorzist warf ihm einen entnervten Blick zu. „Also, von vorne: Es gibt nur diese eine Öffnung, durch die das Akuma gekommen sein kann. Das heißt, es muss hier im Raum gewesen sein, während die Ackermans aßen. Es konnte nicht wissen, welche Portion der alte Herr essen würde, also war in beiden wahrscheinlich gleich viel Schlafmittel. Die Tochter hat weniger Körpergewicht, bekam also für ihr Gewicht mehr ab, wenn sie aufgegessen hat. Darum begann das Schlafmittel bei ihr früher zu wirken; sie zog sich zurück und Steward Lee räumte ab. Ackerman war alleine und wahrscheinlich schon benommen vom Schlafmittel. Es griff ihn an, bevor er den Raum verlassen konnte, hängte ihn auf und kroch wieder in die andere Kabine zurück – sind dort Passagiere untergebracht?", wandte er sich an die Wache.

Die schüttelte den Kopf. „Nein, sie steht leer."

„Aber er hätte es doch gesehen, wenn jemand die Nebentür geöffnet hätte", warf Lovely ein.

„Das finden wir heraus, wenn wir uns dort umsehen."

oOo

Fünf Minuten später musste Lovely sich geschlagen geben. Sie hatten in der Nebenkabine sehr rasch das Loch in der Wand entdeckt, durch das das Akuma in die Kabine der Ackermans gekrochen war, und waren von dort aus die Wände auf beiden Seiten auf Händen und Knien entlang gekrochen, bis sie schließlich im Badezimmer fündig geworden waren.

„Keine tragende Wand, nehme ich an?", meinte Kanda spöttisch, während Lovely versuchte, durch die Öffnung zu spähen.

„Da steht ein Möbelstück im Weg", entgegnete der Erste Offizier bloß ausweichend. „Soweit ich mich erinnere, ist diese Kabine allerdings belegt."

„Uns läuft die Zeit davon. Fragen wir doch einfach nach", schlug Kanda vor und stand auf.

Der Tonfall alleine hätte Eirik schon warnen sollen. Kanda klopfte zwar an die Tür, doch als niemand öffnete, trat er sie einfach ein. Lovelys gezischte Warnung, dass sie die Passagiere nicht beunruhigen sollten, überhörte er geflissentlich.

Ein junger Mann kam ihnen aufgebracht entgegen. „Sind Sie wahnsinnig?", empörte er sich flüsternd. „Was machen Sie hier? Verschwinden Sie auf der Stelle!"

„Bewohnen Sie diese Kabine alleine?", gab Kanda unbeeindruckt zurück.

„Nein, und meine Tante schläft gerade, also seien Sie bloß leise!", zischte der junge Mann wütend.

„Schläft Ihre Tante viel?", erkundigte sich Kanda mit plötzlichem Interesse.

Der Mann sah ihn verwirrt an und blickte dann hilfesuchend zu Lovely, der ungerührt einen Schritt hinter Kandas linker Seite stand, in vollem Ornat und augenscheinlich kein bisschen entsetzt über das Verhalten des Exorzisten. Lovelys steinerne Miene und Kandas Uniform verunsicherten den jungen Mann schließlich genug, um zögerlich zu sagen: „Sie ist kurz vor unserer Abreise krank geworden, hat aber auf die Reise bestanden. Sie erholt sich noch immer von der Krankheit und braucht viel Ruhe. Der Assistent des Schiffsarztes sieht jeden Tag nach ihr…"

„Und er sitzt wahrscheinlich jeden Tag sehr lange an ihrem Bett, während Sie sich irgendwo auf dem Schiff herumtreiben", ergänzte Kanda wissend. Die Röte, die seinem Gegenüber ins Gesicht schoss, sagte ihm alles, was er wissen musste. Ungeduldig schob er den jungen Mann beiseite und marschierte auf die geschlossene Schlafzimmertür zu; es musste das Schlafzimmer der kranken Tante sein, denn ihr Neffe war aus dem anderen Zimmer gekommen.

„Warten Sie-"

„Lass ihn nicht rein", sagte Kanda noch über die Schulter zu Eirik, bevor er die Tür öffnete.

Das Zimmer war vollkommen dunkel; durch die schweren Vorhänge, die das Fenster vollständig verdeckten, brachte die offene Tür den ersten Lichtstrahl in den muffigen Raum.

Das Bett war leer.

Kanda zog Mugen aus der Scheide und aktivierte es; in dem Moment, in dem das Innocence ihm ein wenig Licht spendete, schlug die Tür hinter ihm zu.

Er wirbelte herum, das Schwert schützend erhoben, einen möglichen Angreifer abwehrend, aber da war niemand.

Der Exorzist verfluchte sich selbst für seinen dummen Fehler, Lovely mit dem Jungen alleine gelassen zu haben. Im Dunkeln machte er einen Schritt auf die Tür zu …

Und wurde prompt zur Seite gestoßen.

Er fiel zu Boden; auf der anderen Seite der Tür hörte er Eirik schreien, während sich mehrere Geschosse gleichzeitig in seinen Oberkörper bohrten.