Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs, alles andere gehört Katsura Hoshino.
12. Sonnenuntergang in St. John's
Kanda schnappte nach Luft.
Sein Blut tränkte den Teppich, aber die Wunden begannen sich bereits zu schließen. Er hatte genug Erfahrung mit solchen Situationen, um den Schmerz zu ignorieren und sich zur Seite zu rollen, ehe die nächsten Kugeln ihn trafen. Sie gruben sich neben ihm in den Boden, während der Exorzist sich aufrappelte und Mugens Griff fester packte.
Draußen war ein Krachen zu hören und dann ein weiterer Schrei.
Kanda sprang nach vorne und durchbohrte das Akuma, ehe es erneut anvisieren konnte. Er riss das Schwert nach oben und schnitt mitten durch das Level 1 durch; die folgende Explosion schleuderte ihn zurück, genau gegen die Kommode, woraufhin ein gleißender Schmerz durch seinen Körper schoss.
Nicht imstande sich zu rühren, fiel er zu Boden. Einen Moment lang kämpfte er gegen den neuerlichen Schmerz an, der von seiner Hüfte ausging, dann ebbte der Schmerz genug ab, dass der Exorzist sich nicht gerade elegant erheben konnte.
Er humpelte zur Tür und lehnte sich daneben an die Mauer. Nach einem tiefen Atemzug griff er nach dem Türknauf und öffnete die Tür; sofort stand der Spalt unter Beschuss. Neben der Tür wartete er ab, bis der Kugelhagel aufhörte.
Als die Tür zum Stillstand kam, weiter geöffnet durch die Akumageschosse, die sie halb zerschossen hatten, stieß der Exorzist sich ab, zielte und schoss ein Kaichuu Ichigen durch den ramponierten Türrahmen. Er wusste, dass das Akuma in Deckung gegangen war, wenn es nicht komplett dämlich war, doch im Schutz der Attacke konnte er zumindest durch die Tür huschen und sich einen Überblick verschaffen.
Mitten im Raum lag Lovely, einen netten Bluterguss an der Schläfe; im Eingang konnte er gerade noch die blau bekleideten Beine einer weiteren Person ausmachen; doch von dem Akuma war nichts zu sehen.
Seinem Gefühl folgend, wandte er sich nach links, der einzigen anderen Tür im Raum zu, und stürmte in das Schlafzimmer des anderen Akumas. Er ignorierte die auf ihn gerichteten Kanonen und erledigte das Level 1 mit einem einzigen Hieb. Diesmal war er schnell genug, um der Explosion beinahe gänzlich zu entgehen; die Druckwelle fegte über ihn hinweg, ohne großen Schaden anzurichten.
Kanda blickte hinter dem Bett auf, über das er blitzschnell gerollt war, bevor das Akuma explodiert war. Stille legte sich über den Raum.
Er steckte Mugen zurück in die Scheide und kehrte in den Hauptraum der einst luxuriösen Kabine zurück. Lovely lag noch immer reglos am Boden; der Exorzist spritzte ihm Wasser ins Gesicht, aus einem Glas, das den kurzen, aber heftigen Kampf auf wundersame Weise überlebt hatte.
Spuckend und fluchend kehrte der Erste Offizier ins Bewusstsein zurück. „Verdammt, mein Kopf", klagte er und griff nach der Beule an seiner Schläfe. Mit einem schmerzerfüllten Zischen zog er die Finger wieder zurück. „Er hat mich überrumpelt. Es tut mir leid", sagte er zu Kanda, der die Hand ausstreckte, um ihm auf die Beine zu helfen.
„Meine Schuld", gab der Exorzist kopfschüttelnd zu. „Ich hätte bedenken sollen, dass der Junge ebenfalls ein Akuma sein könnte. Es ist ein Wunder, dass es dich nicht gleich getötet hat."
„Nicht wirklich", antwortete Lovely und blickte zu der zweiten Person im Türrahmen.
Kanda folgte seinem Blick. Es war die Wache, die er zuvor nicht erkannt hatte. Der Lärm musste den Mann alarmiert haben; viel hatte er nicht ausrichten können. Er starrte blicklos zur Decke.
„Er kam hereingestürmt und hat den Kerl abgelenkt. Der hat ihn einfach beiseite gestoßen; ich bin selbst gestürzt. Danach weiß ich nichts mehr."
„Du hast dir nur den Kopf gestoßen, aber er hat nicht so viel Glück gehabt." Kanda stieg über die Leiche und griff nach dem Nacken des Matrosen. „Sein Genick ist gebrochen."
„Er wollte mir nur helfen", presste Eirik hervor, die Hände zu Fäusten geballt. Sein Blick glitt zu der halb offenen Schlafzimmertür.
„Vergiss es", ermahnte ihn Kanda. „Da drin findest du nichts, woran du dich rächen könntest."
Lovely warf ihm einen wütenden Blick zu. „Wir haben hier eine Spur aus Leichen – erst Ackerman, dann diese Tante, dann ihr Neffe und jetzt einer meiner Männer! Alles nur, damit sie ihre Spuren verwischen können! Ich will … auf irgendetwas … einschlagen …"
„Wo ist die Tochter?"
Lovely blinzelte. „Was?"
„Wo ist Ackermans Tochter?", wiederholte Kanda eindringlich. „Sie ist ebenfalls eine Zeugin."
„Sie ist … auf der Krankenstation", sagte der Erste Offizier langsam, während ihm dämmerte, worauf Kanda hinaus wollte. „Du meinst … Aber dann hätten sie sie doch gleich mit ihrem Vater zusammen umbringen können."
„Zwei Selbstmorde auf einmal? Nicht sehr glaubhaft. Aber ein junges Mädchen, das sich aus Verzweiflung über den Selbstmord ihres Vaters das Leben nimmt …"
„Und die Tante wurde jeden Tag vom Assistenten des Schiffsarztes besucht!"
„Dreimal darfst du raten, wo der jetzt ist."
oOo
22. Juni 18xx, 16:56 Uhr, im Hafen von St. John's
Ticky verließ vergnügt das Hafenbüro, den eleganten Gehstock, den er für seine heutige Verkleidung mitgenommen hatte, in der linken Hand schwingend. Mit Roads Intervention war er direkt in einen der kleineren, aber nicht weniger ausgefeilten Pläne des Grafen gestolpert. Er hatte sich in letzter Zeit weniger darum gekümmert, aber er bewunderte die Effektivität, mit der der Graf vorging. Schiffe zu versenken war so viel einfacher als Kriege anzuzetteln.
Der Bonus an der ganzen Sache war die improvisierte Entführung. Nachdem genau die Exorzisten, derer der Graf mitunter am dringendsten habhaft werden wollte, auf genau jenes Schiff gestolpert waren, das er versenken wollte, waren sie gleich in den Plan mit eingebunden worden – ohne zu wissen, welche Rolle sie spielten. Leider hatte Ticky die Lancashire in St. John's verpasst; das riesige Schiff hatte sich dem Hafen nicht einmal ansatzweise genähert, nur ein Beiboot zu Wasser gelassen, um Nachricht zu überbringen und Vorräte für unerwartete Gäste zu laden.
Das hatte der Noah von seinen Quellen im Hafenbüro erfahren; er selbst hatte natürlich schon gewusst, dass Jinai sich an Bord des Schiffes befand. Dass jenes aber nicht im Hafen anlegen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Sonst hätte er sich nicht von Road hier absetzen lassen. Nun musste er dem Schiff hinterher reisen. Es wäre einfach gewesen, sich von einem Akuma hinüberfliegen zu lassen, aber dafür war ihm die Strecke zu weit. Es gab kleine, schnelle Boote, die dem Atlantik trotzen und ihn hinbringen konnten. Damit würde er wesentlich bequemer reisen.
Gerade eben waren ein paar Akuma aufgebrochen, um für ihn und seinen Begleiter eines solcher Boote zu besorgen. Währenddessen konnte er einen kleinen Hafenspaziergang machen; sie würden ihn ohne Probleme wiederfinden.
Das Hafenbüro lag nicht weit vom eigentlichen Hafen entfernt – nur logisch – und Ticky brauchte nicht lange, um die Strecke zurückzulegen. Wie jeder Hafen, den er bisher besucht hatte, roch auch dieser nach Meer und totem Fisch, aber erst jetzt fiel dem Noah das ungewöhnliche Treiben hier auf. Hafenviertel waren immer geschäftig, Boote, Passagiere und Seemänner kamen und gingen, Händler versuchten ihre Waren an den Mann zu bringen, Einkäufer feilschten um Preise, Touristen latschten immer genau dort herum, wo man gerade langgehen wollte – doch hier war es anders.
Die Händler packten gerade ihre Waren zusammen, dabei war der Verkaufstag noch gar nicht um. Sämtliche Menschen, die nicht durch ihre Kleidung oder Tätigkeit als Hafenarbeiter oder Seeleute zu erkennen waren, wurden von der Hafenaufsicht weggeschickt. Alle Fischer eilten zu ihren Booten, von denen die meisten gerade ablegten.
Es war äußerst seltsam.
Ticky sah zum Hafenbüro hinauf. Er war doch gerade in der Zentrale gewesen, von der aus der gesamte Verkehr und Handel im Hafen geregelt wurde. Hätte er da nicht etwas mitbekommen müssen, das ihm dieses Treiben hier erklären könnte?
Dann dachte er daran, dass dieses Treffen im Geheimen stattgefunden hatte. Und Akuma waren bekanntlich dumm. Er hatte nur nach einem Schiff gefragt, auf dem sich Exorzisten befanden. Folglich hatte er nur diese Informationen erhalten. Nach etwas anderem hatte er nicht gefragt, und was auch immer sich während ihres Gesprächs, in dessen Verlauf er erst von dem ganzen ausgeklügelten Plan erfahren hatte, draußen ergeben hatte, hatte sowieso keiner von beiden mitbekommen.
Ticky sah, seinen Begleiter wie einen stummen Schatten hinter sich, eine Weile lang vom Rand aus zu und fragte sich, ob er unter diesen Umständen noch ein Boot bekommen würde, das ihn zur Lancashire bringen konnte. Es sah nicht so aus, als würde die Hafenaufsicht auch nur einen Stein auf dem anderen beziehungsweise nur ein Boot im Hafen bleiben lassen.
„Sir, würden Sie bitte den Hafen verlassen?"
Der Noah drehte sich zu dem uniformierten Beamten um, der ihm den Weg wies, auf dem er verschwinden sollte. „Was ist denn der Anlass?", fragte er mit bedrohlich freundlichem Lächeln. Hätte der Beamte gewusst, wer er war, hätte er sich davor in Acht genommen.
So aber erwiderte er nur stur, aber nicht unhöflich: „Ich muss Sie bitten, den Hafen zu verlassen."
Ticky sah sich einen Moment lang um. Es herrschte immer noch reger Betrieb, weil alle von der Hafenaufsicht aufgescheucht wurden. Die Hausecke, an der er lehnte, mündete in eine kleine Seitengasse, die durch die niedrig stehende Sonne nur spärlich ausgeleuchtet wurde. Es war eine Sackgasse. Er beschloss, sich zu amüsieren. „Und wenn ich bleiben möchte?", fragte er immer noch freundlich.
„Dann muss ich Sie auffordern, den Hafen zu verlassen."
„Was ist der Unterschied?"
„In diesem Fall erlaubt es das Gesetz, Gewalt anzuwenden."
Seelenruhig wich Ticky ein Stück in die Gasse zurück. Der entnervte Beamte folgte ihm, die Hand ausgestreckt, um ihn festzuhalten. Beide verschwanden im Halbdunkel der Sackgasse. Tickys Begleiter beobachtete weiterhin stumm den Hafen.
Eine Minute später trat Ticky wieder ins Licht, streifte vergnügt frische Handschuhe über – und blieb wie angewurzelt stehen.
Eines der Schiffe am Horizont war wesentlich größer als die anderen und es wurde immer größer – und bewegte sich direkt auf den Hafen zu.
Die Lucania.
„Die sollte doch auf dem Meeresgrund liegen …", murmelte Ticky fassungslos.
oOo
22. Juni 18xx, 17:00 Uhr, an Bord der Lucania
Wie prophezeit, hatte der Hafen von St. John's erst einmal geräumt werden müssen, damit die Lucania darin manövrieren konnte. Da man das große Schiff schon von weitem kommen sehen hatte, hatte die Hafenaufsicht damit bereits begonnen, noch bevor der Ozeandampfer den Hafen erreicht hatte. Ein Problem stellte allerdings die enorme Länge des Schiffs dar, denn St. John's wies keinen einzigen Steg von einhundertundsechzig Metern Länge auf, geschweige denn eine Hafenkante. Es gab zwar Bordtüren weit genug vorne, doch die Lucania an einem der Stege anlegen zu lassen, hätte bedeutet, sie im flachen Hafengewässer auf Grund laufen zu lassen. Da man den Rumpf nicht noch weiter beschädigen wollte, hatte die Besatzung, kaum dass man die Hafeneinfahrt passiert hatte, ein bemanntes Boot zu Wasser gelassen. Die Boote, die den Hafen eben erst verlassen hatten, wurden zurückgeholt, und bereitgestellt, Passagiere und Gepäck aufzunehmen und an Land zu bringen.
Bis das organisiert war, blieb Kanda und Lovely noch Zeit.
Die Passagiere drängten sich bereits auf den Korridoren im unteren Bereich des Schiffs, und auch hier in der ersten Klasse tauchten langsam immer mehr Leute auf den Gängen auf. Das erschwerte das Durchkommen; erst recht, weil Lovely immer wieder angesprochen und gefragt wurde, wann man denn endlich von Bord gehen könne, ehe das Schiff noch unterging. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte der Erste Offizier nicht darauf antworten können, denn in die Abwicklung dieses Manövers war er nicht mehr eingeweiht. Stattdessen versuchte er nur, mit Kanda Schritt zu halten.
Der Weg zur Krankenstation war übersichtlich ausgeschildert und daher nicht schwer zu finden. Der Exorzist hatte sich nicht mit den anderen Passagieren aufgehalten und mit der Tür nun erst recht nicht. Ohne anzuklopfen, war er in das Vorzimmer gestürmt, hatte die diensthabende Schwester erschreckt, die sogleich aufgesprungen und vor die Tür ins Krankenzimmer gehechtet war, und sich, noch bevor sie ihn ermahnen konnte, barsch nach Camilla Ackerman erkundigt.
„Ich wüsste nicht, was Sie das-"
„Schon gut, Schwester Francis", mischte sich Eirik ein, der gerade erst aufgeholt hatte. „Er hat vom Kapitän uneingeschränkte Befugnis bekommen."
Die Schwester musterte Kanda indigniert – sie erinnerte ihn sehr an die unbarmherzigen Krankenschwestern im Orden – und verzog dann das Gesicht. „Wenn Sie meinen, Sir … aber Doctor Cline ist gerade bei ihr."
„Der Assistenzarzt?", fragte Kanda scharf.
„Ja- Augenblick mal!"
Lovely hastete hinter Kanda her, die empörte Krankenschwester auf den Fersen.
Die einzelnen Betten der Krankenstation der ersten Klasse waren durch Vorhänge voneinander getrennt, um den Anschein von Privatsphäre zu wahren, aber im Moment war nur ein Vorhang vorgezogen – alle Passagiere warteten darauf, von Bord gehen zu können.
Kanda riss den Vorhang beiseite, Mugen blankgezogen.
Camilla Ackerman lag friedlich da, wie schlafend, die Hände klischeehaft auf der Brust verschränkt. Der Exorzist beugte sich über sie, horchte einen Moment auf ihren Atem und richtete sich dann wieder auf. Misstrauisch sah er sich im Raum um, den Blick auf den Boden und die Sockelleisten gerichtet.
„Lebt sie noch?", erkundigte sich der Erste Offizier besorgt, während die Schwester zornig an ihm vorbeirauschte.
Sie bezog neben ihrer Patientin Stellung, überprüfte persönlich noch einmal Atmung und Puls, nachdem Kanda keine Antwort gab, und sah sich dann verwirrt um. „Doctor Cline sollte doch hier sein … Ich habe ihn doch hier hinein gehen sehen …"
„Geht es ihr gut?", fragte Lovely noch einmal.
„Nein, natürlich geht es ihr nicht gut", fuhr ihn Schwester Francis an, „das arme Mädchen hat gerade erst Mutter und Vater verloren! Ohne die Beruhigungsmittel würde sie überhaupt nicht schlafen können!"
„Überprüfen Sie lieber, ob sie nicht vergiftet wurde", sagte Kanda und schob Mugen zurück in die Schwertscheide. „Er ist entkommen", wandte er sich an Eirik. „Wahrscheinlich hat er sich schon vor Wochen einen Fluchtweg hier rausgeknabbert. Bei dem Chaos da draußen holen wir ihn nicht mehr ein."
„Doctor Cline arbeitet für die Leute, die das Schiff versenken wollten", erklärte Lovely der verwirrten Schwester. „Miss Ackermans Vater hat sich nicht umgebracht, er wurde ermordet, weil er ein wichtiger Zeuge war, und mit Miss Ackerman hatten sie das auch vor."
„Guter Gott!", entfuhr es Schwester Francis und sie bekreuzigte sich rasch. „Ich hole sofort Doctor Lewis!" Und schon eilte sie davon.
Der Blick des Ersten Offiziers wanderte zu Kanda, der missmutig die schlafende Camilla betrachtete. „Hast du es auf einmal nicht mehr eilig, von Bord zu kommen?", erkundigte er sich verwundert.
„Ich denke nach", knurrte der Exorzist.
„Denk laut. Das hilft."
Kanda zögerte einen Moment, dann gab er nach. „Bisher dachte ich nur daran, als erstes den Orden zu informieren. Das Netzwerk für mich arbeiten zu lassen. Geheimhaltung ist ja nicht mehr notwendig, da die Akuma jetzt wissen, wo wir sind, und selbst, wenn ich alle finde und wir wieder untertauchen, können sie uns von St. John's aus verfolgen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher – die Akuma haben hier einen ziemlich großen Plan verfolgt. Das Schiff zu versenken und Menschen zu töten, Leid zu verursachen, noch mehr Akuma zu generieren, das ist alles logisch, aber … wir wussten bis zu dem Moment, als wir in Queenstown ankamen, nicht, welches Schiff wir nehmen würden. Dass wir ausgerechnet jenes erwischen, das die Akuma versenken wollen, halte ich für einen zu großen Zufall. Ackerman wurde schon viel früher rekrutiert und hätte so kurzfristig nie mit seiner Familie an Bord gehen können."
Der sonst so wortkarge Exorzist hatte sich richtig in Fahrt geredet; währenddessen marschierte er zwischen den Krankenbetten auf und ab.
„Ackerman machte auf mich keinen charakterstarken Eindruck. Wahrscheinlich ist er nervös geworden und der Graf wollte sich seiner entledigen. Ihn auf einem seiner eigenen Schiffe verschwinden zu lassen, kam ihm sicher lustig vor. Den Akuma kam das sicher gelegen."
„Weil seine Tochter den Lockvogel gespielt hat?"
„Sie müssen uns von der Wüste aus verfolgt haben, ohne dass wir es mitbekamen. Wahrscheinlich wussten unsere Verfolger über den Plan, die Lucania zu versenken, Bescheid, und haben sich mit ihren Kollegen hier an Bord abgesprochen. Wenn ursprünglich geplant war, das gesamte Schiff mitten im Atlantik verschwinden zu lassen, muss die Lancashire erst ab diesem Zeitpunkt ins Spiel gekommen sein, damit die Akuma mit ihrer Beute entkommen konnten. Sie hauten aber ab, bevor sie sicher sein konnten, dass die Lucania sinkt – warum haben sich diese Akuma hier nicht auf die Lancashire hinübergerettet? Warum den Plan aufgeben und all diese Menschen entkommen lassen?"
„Vielleicht, weil das Akuma, das die Schiffshülle durchbrechen sollte, nicht mehr existiert?", warf Lovely dazwischen ein.
„Möglich, aber trotzdem hätte sich dann keines der Akuma mehr hier an Bord befinden sollen. Alle Zeugen wären mit dem Schiff untergegangen – so hätten sie geglaubt, denn sie verschwanden, ohne sich davon zu überzeugen, dass ihr Plan funktioniert."
„Ein Plan B?"
„Der Gedanke kam mir ebenfalls schon. Meine Frage lautet nun: Wer steckt dahinter?"
„Wie meinst du das?"
Schwester Francis kam wieder zurückgeeilt, einen Arzt und zwei weitere Schwestern im Schlepptau. Kanda und Lovely zogen sich in den Vorraum zurück.
„Akuma alleine hätten sich diesen Plan niemals ausdenken und organisieren können", fuhr der Exorzist fort. „Sie sind Puppen an den Fäden des Grafen oder der Noah. Wenn die Lancashire in der Absicht, die Lucania zu versenken, gekapert wurde, wurde dafür eine bestimmte Stelle ausgesucht? Wenn ja, ist es Zufall, dass St. John's der nächstgelegene Hafen ist, der groß genug ist, einen Ozeanriesen wie die Lucania aufzunehmen, und die Lancashire ebenfalls dorthin unterwegs ist?"
„Du meinst, dass die graue Eminenz hinter diesem Plan in St. John's auf uns wartet?"
„Nicht auf uns, aber auf die Lancashire. Sie ist nicht beschädigt und schneller als wir, hätte St. John's also schon längst erreichen müssen, wenn Ackermans Informationen stimmen. Wenn sie schon da waren und wieder weitergereist sind, muss es Aufzeichnungen darüber im Hafenbüro geben. Ein Schiff dieser Größe fällt einfach auf. Das Akuma hole ich niemals ein, und vielleicht folgt es seinen Kameraden auch nicht, sondern macht sich einfach aus dem Staub."
„Du willst es also laufen lassen?"
„Meine oberste Priorität sind meine Kameraden", hielt Kanda kurz und bündig fest. „Wenn ich mich im Hafenbüro auf die Autorität des Ordens berufe, wird das überprüft und der Orden weiß automatisch, wo ich bin. Ohne die Autorität des Ordens komme ich aber nicht an die entsprechenden Informationen."
„Ich dachte, die Geheimhaltung wäre jetzt nicht mehr so wichtig."
„Doch, wenn ein Noah im Spiel ist. Ich kann nicht riskieren, von einem von ihnen entdeckt zu werden."
„Das heißt, du bist in einer Sackgasse gelandet", schloss der Erste Offizier, der nun auch verstand, warum Kanda zögerte.
„Nicht zwangsläufig", erklärte der Exorzist bedeutungsvoll. „Dem Ersten Offizier der Lucania würden sie diese Informationen mit Sicherheit geben."
