Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs, alles andere gehört Katsura Hoshino.
13. Der Begleiter
22. Juni 18xx, 17:10 Uhr, an Bord der Lucania
Eirik Lovely schwieg sich aus. Es nervte Kanda. Er brauchte eine Antwort, und er brauchte sie schnell.
„Also?"
Der Erste Offizier der Lucania sah ihn lange zweifelnd an. Dann endlich entgegnete er: „Ich bin mir nicht sicher, ob mir Captain Drinkwater das gestattet. Mich einfach so von der Mannschaft zu entfernen …"
„Du bist mir doch als Verbindungsoffizier zugeteilt worden."
„Aber ich bin immer noch Teil der Crew und muss Rücksprache mit dem Captain halten."
„Dann tu das, aber beeil dich dabei."
Eirik seufzte und führte Kanda aus der Krankenstation zurück zur Brücke. Der Exorzist war alles andere als begeistert über den Umweg, musste sich aber in Geduld üben, wenn er Eirik dabei haben wollte. Also stand er, äußerlich die Ruhe in Person, vor den Räumlichkeiten der Offiziere, während Lovely darin versuchte, seinen Captain zu überzeugen. Der schlechte Eindruck, den dieser von Kanda hatte, hielt offenbar noch an, denn es dauerte keine drei Minuten, bis Eirik zurückkehrte, Kanda zunickte und wieder die Führung übernahm. Was auch immer besprochen worden war, er verlor kein Wort darüber.
Der Weg an Deck war das reinste Chaos. Überall liefen Crewmitglieder und Gäste durcheinander, weil die Passagiere in ihrer Panik alle als erste das Schiff verlassen wollten. Sie schleppten ihre Koffer durch die schmalen Gänge und rempelten einander – und den Exorzisten – rücksichtslos an, schubsten und drängelten an den Beibooten und versuchten, die Mannschaft zu bestechen, um schneller von Bord zu kommen. Da sahen sie erst recht nicht ein, wieso Lovely und Kanda sofort ein Beiboot für sich alleine bekamen, und die restlichen Crewmitglieder konnten sie nur mit Mühe zurückhalten, während die beiden zu zwei Matrosen ins Boot stiegen und über die Bordwand zu Wasser gelassen wurden.
Auf dem Weg zu einem der Fischerkutter, die ihnen schon entgegenkamen, blickte der Erste Offizier so missmutig zum Schiff zurück, dass selbst Kanda den Blick irgendwann nicht mehr ignorieren konnte. „Was?"
Lovely zuckte zusammen und riss den Blick von der Lucania los. „Wie bitte?"
„Du siehst aus, als wolltest du das Schiff alleine mit deiner Gedankenkraft versenken."
Wieder seufzte Lovely, lang und tief. „Das nicht, aber Captain Drinkwater war nicht gerade begeistert. Ich hoffe, ich habe meinen Posten noch, wenn ich zurückkomme."
Kanda musterte ihn einen Moment lang kritisch, dann sagte er: „Du hättest auch einfach bleiben können, wenn dir der Posten so wichtig ist."
Lovely zuckte mit den Schultern. „Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht jahrelang darauf hingearbeitet", meinte er spöttisch. „Andererseits stehe ich in eurer Schuld – und Captain Drinkwater auch, wenn er es zugeben würde. Also entweder helfe ich den Leuten, die meinen Bruder gerettet haben, oder ich lasse euch im Stich und verzichte auf meine Ehre. So schwer war die Entscheidung nicht."
Kanda verzichtete auf eine Antwort, da sie im selben Moment den ersten Fischkutter erreicht hatten und umsteigen mussten. Das Beiboot schipperte zurück zur Lucania und der Fischkutter drehte bei und kehrte zurück zum Hafen. Als sie erst an der wild zusammengewürfelten Flotte aus Schiffen und Booten vorbei waren, hatten sie einen guten Blick auf den Hafen, der seltsam leer aussah – zumindest die Hälfte, die im Wasser lag. Auf den Stegen und am Rand sammelten sich langsam Kutschen, die wohl die Passagiere aufnehmen und auf Hotels in der Nähe verteilen sollten, bis man eine Weiterreise arrangiert hatte.
Sie waren gar nicht mehr weit von den ersten steinernen Stegen entfernt, als es in einem der größten Häuser an der Wasserfront plötzlich einen Lichtblitz im obersten Stockwerk gab, der eine Sekunde später von einem dumpfen Knall untermalt wurde. Das zweite Stockwerk explodierte in einer Wolke aus Feuer und Staub und stürzte in die unteren beiden Stockwerke, während Mauerbrocken und Holzstücke auf die Straßen ringsum regneten.
Lovely beugte sich vor und umklammerte die Reling. „Wenn mich nicht alles täuscht", sagte er tonlos, „war das gerade das Hafenbüro."
Kanda kniff die Augen zusammen. Er konnte keine Einzelheiten ausmachen, und er wusste erst recht nicht, woran Lovely das erkannt hatte, aber wenn das stimmte, war es bestimmt kein Zufall. Seine Theorie von vorher hatte sich gerade bestätigt. „Damit verläuft meine letzte Spur im Sande", kommentierte er ruhig über die Schreie, die vom Hafen herüberhallten, und starrte auf das sich ausbreitende Chaos aus flüchtenden Menschen und herbeieilenden Helfern, die das Feuer löschen wollten. Eine dicke schwarze Rauchwolke stieg von den Überresten des Gebäudes auf. „Und ich wette, der Urheber dieser Explosion befindet sich noch ganz in der Nähe."
„Akuma?", fragte Lovely sichtlich beunruhigt nach.
Der Exorzist schüttelte den Kopf. „Ihr Boss."
„Dieser Graf, den du vorhin erwähnt hast?"
„Oder ein Noah. Beides wäre fatal für uns."
„Was willst du jetzt tun?"
Kanda schwieg einen langen Augenblick. Ihm blieben nicht mehr viele Optionen. „Ich muss mich mit dem Hauptquartier in Verbindung setzen. Das heißt, wir müssen es zu einem Telefon schaffen, ohne von dem Noah bemerkt zu werden – und ich weiß nicht, wer es ist."
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22. Juni 18xx, 17:33 Uhr, Hauptquartier des Schwarzen Ordens
Keine zehn Pferde hätten Komui gerade von seiner Beschäftigung wegzerren können. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er das Getrommel an der Tür völlig ausblendete, und River schrie sich draußen fast heiser. Er dauerte allerdings nur vier Minuten, einen Hammer aufzutreiben.
Den Abteilungsleiter am Kragen gepackt, schleifte River ihn zurück an seinen Arbeitsplatz. Auf den Wust aus Metall und Drähten, über den Komui gebeugte gewesen war, hatte er gar nicht geachtet. Komui wurde auf seinen Stuhl gedrückt und der Hörer in seine Hand gelegt. Erst hörte er nur zu, sein gelegentliches Nicken jedes Mal von einem „Hm" oder „Mhm" begleitet, bis es schließlich still wurde am anderen Ende der Leitung. Der Chinese stützte den Ellbogen auf die Tischplatte und kniff die Augen zusammen, während er mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel massierte.
„Wir können das Schiff auch nicht aufspüren", erwiderte er schließlich, „wenn es kein Hafenbüro mehr gibt. Es gibt auch keine Finder in der Nähe, die ich dir zur Verfügung stellen kann. Das einzige, was ich für dich tun kann, ist, den Einfluss des Ordens geltend zu machen, um ein Boot zu ergattern, das dich aufnimmt. Ohne das Wissen, wohin du dich wenden sollst, ist das aber auch keine große Hilfe." Er seufzte. „Du hast recht daran getan, mich zu informieren. Halte dich noch eine Weile bedeckt. Wenn sich wirklich ein Noah dort befindet, der die Explosion verursacht hat, wird er bestimmt bald dem Schiff hinterherreisen – wenn wir davon ausgehen, dass er keine Möglichkeit hat, es auf anderem Wege zu erreichen. Du könntest versuchen, dich dann an seine Fersen zu heften."
Es folgte noch eine Minute Nicken und „Mhm", dann legte Komui auf. Er nahm die Brille ab und reinigte sie gedankenverloren an seinem weißen Laborkittel, während er an die Decke starrte. River musste nicht erst fragen, worüber sein Vorgesetzter nachdachte.
Hatte er richtig entschieden, als er beschlossen hatte, Jeremy fortzuschicken?
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23. Juni 18xx, 00:36 Uhr, St. John's
Langsam legte sich der Tumult draußen. Die letzten Kutschen ratterten davon, die Mitglieder der Hilfsmannschaft löschten die letzten Flammen. Ein paar von ihnen würden Wache halten, damit kein neuerliches Feuer ausbrechen konnte, aber die meisten würden nachhause wanken und sich den Staub und Ruß abwaschen.
Kanda saß im Dunkeln gegenüber der Eingangstür und wartete ab. Lovely hatte sich hingelegt, doch der Exorzist wollte wachbleiben. Sie hatten den Hafen ohne großes Aufsehen betreten können, nachdem Kanda von einem der Fischer eine Pelerine geborgt hatte, die seine Exorzistenuniform verdeckte. In diesem leerstehenden Gebäude nahe des zerstörten Hafenbüros hatten sie notdürftigen Unterschlupf gefunden, auch wenn dieser Raum für gewöhnlich wohl nur als Vorratsraum diente. Keiner der Passagiere hatte versucht, ihnen das Quartier streitig zu machen; die meisten Passagiere der dritten Klasse hatten natürlich keine Möglichkeit, ein Hotelzimmer zu bezahlen, und in den Lagerhallen des Hafens Unterschlupf suchen müssen. Die Kutschen waren nur für zahlende Kundschaft vorgesehen gewesen.
Durch die Tür fiel ein schmaler Lichtspalt, den Kanda aufmerksam beobachtete. Jedes Mal, wenn jemand vorbeiging, verdunkelte sich der Lichtstreifen einen Moment, doch niemand blieb stehen. Die dunklen Momente wurden seltener und seltener, der Lichtstrahl schwächer und schwächer, bis das einzige Licht von draußen das der Straßenlaterne war. Die Sonne war schon bei ihrer Ankunft im Untergehen begriffen gewesen.
Niemand hatte sie behelligt. Seit seinem Gespräch mit Komui hatte Kanda kein Wort mehr gesprochen, sah man von dem zustimmenden Laut ab, den er von sich gegeben hatte, als Lovely angekündigt hatte, schlafen zu wollen. Er dachte nach.
Seit der Entführung des Rests seiner Gruppe hatte er viel Zeit dafür gehabt. Unter anderen Umständen hätte er nichts dagegen gehabt, wieder ein bisschen Ruhe und Frieden zu haben, nur leider war davon auch nichts zu sehen gewesen. Die auf erzwungene Wartezeit hatte ihm auch nicht die erhoffte Ruhe gebracht. Ähnlich verhielt es sich auch jetzt. In seinem Kopf kreisten immer wieder dieselben Gedanken. Während er im Geiste die möglichen Noah durchging, soweit er sie kannte, zermarterte er sich den Kopf darüber, wohin die Akuma Jeremy, Jinai und Kie gebracht habe konnten. Die Karten, die er in der Offiziersmesse gesehen hatte, hatten ihm gezeigt, dass sich nördlich von hier nicht mehr viel befand. Nach Süden konnte sich die Lancashire nicht gewandt haben und Richtung Osten lag nur der große, weite Ozean. Nach all der Mühe und dem Aufwand, den die Entführung zweifelsohne gemacht hatte, wollten sie die Exorzisten sicher nicht einfach auf dem Grund des Ozeans versenken.
Nein, sie wollten Jeremy lebend an einen vorher vereinbarten Treffpunkt bringen. Kanda machte sich keine Hoffnungen, die Exorzisten wiederfinden zu können, sobald die Akuma diesen erst einmal erreicht hatten.
Dass man sie nicht in Europa angegriffen hatte, hatte Kanda zuerst darauf geschoben, dass sie nicht entdeckt worden waren. Jetzt war er sich sicher, dass sie den Akuma in die Hände gespielt hatten, als sie die Lucania bestiegen hatten. Also würden sie ihre Beute nicht nach Europa zurückschleppen, sondern irgendwohin Richtung Norden bringen.
Und es musste eine längere Reise sein. Dass die Lancashire diesen Hafen angelaufen war, um Proviant aufzunehmen, bewies das. St. John's lag auf einer Insel vor der Ostküste Nordamerikas. Nördlich von ihnen befanden sich nur hunderte Meilen von Ozean, bevor man irgendwann Grönland erreichte. Nordwestlich verlief die Küste sehr unregelmäßig am Hudson Bay vorbei und war voller größerer und kleinerer Inseln. Dieser Treffpunkt konnte auf jeder davon liegen.
Für Kanda bestand kein Zweifel daran, dass er ihnen folgen musste. Dies war seine Mission und sie hatte kaum begonnen, als sie es schon verbockt hatten. Er konnte sich nicht einfach umdrehen und davon gehen.
Draußen war es still geworden. Er stieß Lovely leicht an, um den Mann aufzuwecken, und stand auf, den Schwertgurt wieder um die Hüften legend. Seine Uniform verschwand wieder unter der dunklen Pelerine, genauso wie Lovelys Offiziersuniform. Leise verließen sie ihr Versteck und machten sich auf die Suche nach jemandem, der ihnen sagen konnte, welche Schiffe den Hafen verlassen hatten, anstatt nach der Evakuierung der Lucania zurückzukehren.
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23. Juni 18xx, 17:05 Uhr, noch 23 Stunden bis zum Treffpunkt, an Bord eines Walfangbootes
Ticky wanderte unruhig auf und ab. Sein Begleiter beobachtete ihn, so stumm wie eh und je.
Das Boot war klein und ungemütlich, aber er hatte sich damit abgefunden. Es war schnell und die Mannschaft arbeitete unter den wachsamen Augen der Akuma unter Hochdruck. Mit jeder Minute, die verging, holten sie zur Lancashire auf. Man hatte ihm versichert, dass das Boot die zweiundzwanzig Knoten des größeren Schiffs leicht überbieten könnte. Und sie hatte nur etwa zehn Stunden Vorsprung. Tatsächlich befanden sie sich jetzt nur noch ein paar Meilen und damit etwa eine halbe Stunde hinter ihnen.
Und Ticky war unruhig. Er wagte nicht, seine Beweggründe genauer auszuloten, aber die Vorfreude konnte er nicht unterdrücken. Die Tatsache, dass er eines der neuesten Spielzeuge des Grafen mitgenommen hatte, tat dem keinen Abbruch. Das Akuma war nur mit Mühe aus den Tassilibergen gerettet worden, bevor dieser lästige Exorzist sie für die Akuma unmöglich zu betreten gemacht hatte. Zum Glück hatte der Graf seine Pläne damit kurzzeitig vergessen, als ihm etwas Interessanteres erzählt worden war, und Ticky hatte sich damit aus dem Staub gemacht. Er war sicher, dass ihn ein Donnerwetter erwartete, doch er hatte nicht widerstehen können.
Er warf seinem Begleiter einen kurzen Blick zu. Es hätte ihm egal sein sollen, doch jedes Mal, wenn er diesem ins Gesicht blickte, wurde er von einer Welle unangenehmer Gefühle überspült. Er vermied es daher, zu oft in diese dunklen, aber leeren Augen zu blicken. Das Akuma würde seine Rolle spielen, wenn der Zeitpunkt gekommen war, und alles andere konnte ihm egal sein.
Und sobald ihm das Spiel keinen Spaß mehr machte, würde er es beenden.
Von Deck erklang ein Ruf. Man hatte die Lancashire entdeckt, wie sie zweifelsohne unbeirrt durch die nördliche See stampfte. Es würde noch eine Weile dauern, bis sie aufgeholt hatten. Und die Akuma an Deck waren nicht von seiner Ankunft unterrichtet worden, also würde er sich bald an Deck begeben müssen, damit sie sein Boot nicht angriffen.
Je eher er diese Nussschale verlassen konnte, umso besser. Das Boot war nicht dafür gemacht, lange Zeit durch die offene See zu kreuzen, auch wenn sich diese gerade verhältnismäßig ruhig zeigte, und Ticky spürte jede Sekunde der unerfreulichen Fahrt.
Er beschleunigte seine Wanderung durch die Kajüte. Sein Begleiter beobachtete ihn, so stumm wie eh und je.
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23. Juni 18xx, 18:42 Uhr, noch 21 Stunden bis zum Treffpunkt, an Bord der Lancashire
Zur Abwechslung war es mal ein schöner Traum. Jeremy befand sich im Hauptquartier und arbeitete sich durch eine von Jeryys köstlichen Mahlzeiten. Seine Kollegen – und inzwischen auch Freunde – waren auch da und sie plauderten fröhlich miteinander, während sie aßen. Es gab keine dringenden Missionen, keine geheimen Sitzungen hinter den Kulissen, keine Angriffe der Noah durch irgendwelche Portale mitten im Hauptquartier.
Insgeheim war Jeremy sehr wohl bewusst, dass es nicht real war – wie sonst sollte er erklären, dass der Boden des Speisesaals sich an den Rändern bis zur Decke wölbte und eine riesige Schüssel bildete, in dessen Zentrum Jeremys Tisch stand? – aber er wollte nicht in die Realität zurückkehren. Der fröhliche Trubel dieser Illusion war ihm viel lieber.
Aus dem Augenwinkel bekam er eine Bewegung mit, die nicht dazupasste. Er drehte sich um, aber er konnte nichts entdecken. Trotzdem war er sich sicher, dass das, was er gerade gesehen hatte, nicht zu seinem Traum gehörte. Das Geplapper der anderen Exorzisten wurde zum Hintergrundrauschen, als er aufstand und zur Tür ging, in der Gewissheit, dass, was auch immer er gesehen hatte, sich auf der anderen Seite befand.
Die Tür führte ihn hinaus auf einen Balkon. Von dort aus hatte er einen wunderbaren Ausblick auf einen hellen Strand und das weite Meer, dessen Wellen sacht über den Strand rollten. Ein warmer Wind trug ihm den Duft der blaugrünen See zu und Jeremy beschirmte die Augen mit der Hand. Kein Zweifel, da unten ging jemand spazieren. Es war die Person, die nicht in seinen Traum gehörte.
Er ging die Treppe an der Seite des Balkons hinunter, die zuvor noch nicht dagewesen war. Seine Fantasie ergänzte, worüber er schritt, während er auf die Person zuging; das Haus hinter ihm, das hohe, trockene Gras, das den Kamm der Düne säumte, die Möwen, die sich in der Luft über ihn treiben ließen. Der Sand unter seinen Stiefeln fühlte sich zäh an und leistete Widerstand, als wolle ihn sein Unterbewusstsein davor schützen, auf die Person zuzugehen, die seine Traumwelt näher an die Realität rückte.
Die Strecke schien sich immer mehr in die Länge zu ziehen, je mehr er davon zurücklegte. Er wusste, dass er mit dieser Person sprechen musste, wenn der Traum weitergehen sollte, und gleichzeitig fürchtete er sich davor. Sie hatte ihn bemerkt, als er den Balkon verlassen hatte, und war stehen geblieben. Geduldig wartete sie darauf, dass er näherkam.
Als er schließlich vor dem Besucher stand, schien eine Ewigkeit vergangen zu sein. „Wieso störst du mich hier?"
„Du weißt genau, dass du nicht ewig hier verweilen kannst."
„Ich schlafe nicht freiwillig. Aber ich kann wenigstens das Beste aus der Situation machen."
„Dann befreie dich."
„Und wie?"
„So, wie du es letztes Mal auch machtest."
„Ich weiß nicht mehr, wie. Ich weiß nur noch, dass ich plötzlich wieder wach war. Und es war scheußlich."
„Ich half dir. Ich kann es wieder tun, aber dieses Mal wird es wehtun."
„Mehr als letztes Mal?"
Sein Gegenüber lächelte. „Es lässt sich nicht verhindern."
„Dann will ich es nicht."
Das Gesicht der Person verdüsterte sich. „Es ist deine Pflicht. Entweder steigst du auf oder … du fällst."
Jeremy erinnerte sich daran, was Allen ihm erzählt hatte. Er wollte nicht fallen. „Da draußen befinde ich mich in Gefahr. Wenn ich aufwache, werde ich kämpfen können?"
„Nutze deinen Intellekt und überliste deine Gegner. Lasse sie deine Macht erst spüren, wenn es schon zu spät ist."
„Wird es wie letztes Mal? Werde ich mich nicht bewegen können?"
Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Du erwachtest. Ich erwachte. Dieses Mal besteht keine Notwendigkeit, dich festzuhalten." Ein grüner Blick fixierte ihn. „Solange du imstande bist, den Schmerz still zu erdulden."
„Das kann ich."
Ein Lächeln. „Gut." Ein Blick nach oben. „Dort draußen geschieht etwas. Ich denke, es wird dir helfen zu erwachen. Es wird dir einen Vorteil gegenüber deinen Gegnern verschaffen."
Jeremy wollte noch fragen, was da draußen passierte, aber der Strand und sein Besucher verschwanden in einem Mahlstrom aus Farben und Geräuschen. Schmerz flammte auf, doch er dachte an die Worte und hielt den Mund und bewegte sich nicht. Langsam tauchte er auf.
Er wusste wieder, wo er war, und der Gedanke, sich nicht zu rühren und sich weiterhin schlafend zu stellen, war noch präsent. An etwas anderes erinnerte er sich nicht.
Jemand schrie.
