Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs, alles andere gehört Katsura Hoshino.
14. Die Erinnerung
23. Juni 18xx, eine halbe Stunde zuvor, an Bord der Lancashire
Vor ihnen lag eine weite Wiese, über die der Wind brauste. Im Mondlicht schien sie endlos. Wie Wellen wogten die vom Wind gepeitschten Gräser über die Ebene, nur unterbrochen von einzelnen Büschen, an denen der scharfe Wind genauso zerrte.
Mit geschlossenen Augen genoss sie den Wind. Hier hatte sie nie etwas anderes getan, als den Wind zu genießen. Hier konnte sie nichts anderes tun. Sein Zauber hielt sie gefangen; oft stundenlang.
Sie wusste genau, wo sie war, und sie war sich auch der Gestalt neben ihr bewusst. Er wusste noch nicht, warum sie ihn hierher gebracht hatte, doch er verstand zu schweigen. Das war eine der Eigenschaften, die sie so an ihm schätzte.
Jeder träumt irgendwann einmal. Wir träumen, weil es wichtig ist für unser seelisches Gleichgewicht. In unseren Träumen ist alles möglich.
Sie erinnerte sich auch noch daran, diese Worte zu ihm gesagt zu haben. Wenn sie sich nun wieder hier befand, dann deshalb, weil dieser Ort ihre Zuflucht vor der Realität war. Eine Realität, in der sie eine Gefangene und eine Verlorene war.
Eine Gefangene der Akuma, eine Verlorene in der endlosen See.
Eine Gefangene ihrer Gefühle, eine Verlorene unwiederbringlicher Erinnerungen.
Nein. Da blieb sie lieber hier.
„Jinai."
Jinai öffnete die Augen und sah Kanda verwirrt an. Daran erinnerte sie sich nicht.
Er griff nach ihrer Schulter und wiederholte noch einmal ihren Namen. Seine Stimme klang drängend und gepresst, als flüstere er, so laut er könne.
„Wach auf!"
Mit einem Ruck wurde sie aus ihrer Traumwelt gerissen. Sofort legte sich eine warme Hand über ihren Mund und hinderte sie am Sprechen. „Keinen Mucks, sonst entdecken sie uns, klar?"
Verwirrt starrte Jinai Kanda an. Es dauerte eine schiere Ewigkeit, bis sie nickte.
„Ich nehme jetzt meine Hand weg."
Wieder nickte sie.
Die Hand verschwand und sie spürte, wie er sich an ihren Fesseln zu schaffen machte. Wie betäubt blieb sie liegen und ließ ihn machen, während ihre schlaftrunkenen Gedanken rasten.
Wieso war er hier? Wie war er hierhergekommen? Wie hatte er an all den Akuma vorbeischleichen können? Wie viel Zeit war vergangen? Wo waren die Akuma, die sie bewacht hatten? Was hatte er vor?
Ihre Fesseln lösten sich und Kanda zog sie in eine sitzende Position. Im Halbdunkeln des Frachtraums konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht genau erkennen. „Wir müssen leise sein", flüsterte er. „Kannst du aufstehen?"
Mit seiner Hilfe schaffte sie es. Nach der langen Zeit brauchten ihre Beine eine Weile, um sich wieder daran zu erinnern, wie sie funktionieren sollten. Es war ein unangenehmes Gefühl, doch Kanda hielt ihre Arme fest, und so unnütz das Gefühl auch war, sie genoss es ein bisschen. „Wie bist du hierhergekommen?", fragte sie, während sie darauf wartete, dass ihre Beine aufhörten zu kribbeln.
„Ich habe ein Boot gefunden, das schneller als dieser Kahn ist."
„Und du bist uns gefolgt?"
„Natürlich."
„Und die Akuma haben dich nicht bemerkt?"
„Die haben nur nach vorne gesehen."
„Und wie bist du an Bord gekommen?"
„Mit einer Harpune, einem starken Seil und viel Glück."
„Wie hast du das nur geschafft?"
Die Frage war eigentlich eine rein rhetorische, und der Blick, den Kanda ihr zuwarf, sagte ihr, dass sie darauf auch keine Antwort bekommen würde. Trotzdem konnte sie nicht anders, als beeindruckt zu sein. Zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme glaubte sie, dass sie tatsächlich eine Chance hätten.
„Kannst du kämpfen?"
„Ich denke schon." Sie wagte nicht, ihre Flügel sofort auszubreiten, doch sie war sich sicher, dass sie ihr nicht den Dienst versagen würden, wenn es darauf ankam. „Aber wir sollten es vermeiden, wenn wir können. Sie halten immer noch Jeremy und Kie gefangen."
„Weißt du, wo?"
Jinai schüttelte den Kopf. Sie hatte den Frachtraum nie verlassen können.
„Dann müssen wir sie suchen. Und du hast Recht: Wir sollten einem Kampf so lange wie möglich aus dem Weg gehen." Er wandte sich zum Gehen, doch sie hielt seinen Arm fest.
„Warte. Was ist dein Plan?"
Er zog die Augenbraue hoch. „Die anderen befreien und die Akuma töten, was sonst?"
„Und danach? Was dann? Kannst du ein Schiff steuern? Ich nämlich nicht."
„Ich habe ein paar Menschen gesehen. Das wird der Rest der Mannschaft sein, den sie am Leben gelassen haben, um das Schiff zu steuern. Solange die überleben, schaffen wir es wieder an Land." Auch deshalb sollten sie so lange wie möglich unentdeckt bleiben. Ohne eine Mannschaft würden sie nicht viel ausrichten können.
Kanda wandte sich wieder ab, doch – einem Impuls folgend – hielt Jinai ihn noch einmal zurück. Als er sich, diesmal deutlich ungeduldiger, wieder zu ihr umdrehte, fand er sich in einer Umarmung wieder, die ihn stillstehen ließ. Jinai wusste, dass sie dafür eigentlich keine Zeit hatten, geschweige denn, dass es Kanda gefallen würde, doch sie brauchte das gerade. Sie brauchte einen Moment von seiner Wärme, seinem Geruch. Und ganz untypisch für ihn stieß er sie auch nicht sofort wieder von sich. Vielleicht dachte er auch nur, dass sie sich noch einen Moment fangen musste, bevor sie ihre Beine wieder benutzen konnte.
„Danke", wisperte sie an seinem Ohr. „Dass du uns nicht aufgegeben hast."
Dann zuckte sie überrascht zusammen, als der Exorzist die Umarmung plötzlich erwiderte. Nun war es an ihr, wie erstarrt dazustehen, während er zurückgab: „Das hätte ich nie getan."
Einen Moment lang wollte ihre Zunge ihr nicht gehorchen. „Wieso?", flüsterte sie dann atemlos, halb hoffend, halb fürchtend.
„Ich habe mich an ein paar Dinge erinnert." Dann ließ er sie los und zog die völlig verwirrte Jinai hinter sich her zum Ausgang.
Der Blick, der ihnen aus einer dunklen Ecke des Frachtraums folgte, entging ihr gänzlich.
oOo
Sie machten nur kleine Fortschritte. Ihr Weg durch das Innere der Lancashire war lang und sie wagten nicht, sich zu schnell vorwärts zu bewegen, aus Angst, jemandem zu begegnen. Jedes Mal, wenn sie Schritte hörten, wichen sie zurück und pressten sich in die dunkelsten Schatten, die sie finden konnten. Zu ihrem Glück waren die Akuma nicht von dem Konzept von Lampen überzeugt und die Gänge waren nur schwach beleuchtet, wenn überhaupt. Manche Abschnitte legten sie in beinahe völliger Dunkelheit zurück; Licht gab es nur in den seltenen Momenten, in denen sie an einem Bullauge vorbeikamen. Jinai hatte keine Ahnung, wie spät es war, und so hoch oben im Norden gab ihr die Sommersonne keinen Aufschluss darüber, ob es früher oder später Morgen war. Oder war es Abend?
Sie war sich sicher, dass Jeremys Aufenthaltsort gut bewacht werden würde, und das teilte sie Kanda auch mit. Er war ihrer Meinung gewesen. Ein Kampf würde sich also nicht vermeiden lassen, doch sie wollten erst sicher sein, dass er sie wirklich zu Jeremy führen würde, ehe sie sich darauf einließen. Da der jüngere Exorzist im Gegensatz zu ihr die wesentlich wertvollere Beute – und das eigentliche Ziel der Operation – gewesen war, hätten sie ihn mit ziemlicher Sicherheit auch komfortabler untergebracht. Also suchten sie einen Weg nach oben zu den Quartieren der ersten und zweiten Klasse.
Ihre Untersuchung der zweiten Klasse führte zu nichts. Weder trafen sie auf Akuma, noch auf Crewmitglieder. Trotzdem warfen sie sicherheitshalber einen Blick in jede Kabine, während die Minuten quälend langsam dahinkrochen.
Auch die Gänge der ersten Klasse lagen wie ausgestorben da, und Jinai begann sich langsam zu fragen, wie viele Akuma sich wirklich auf dem Schiff befanden. Es mussten genug sein, um die Crew in Schach zu halten, doch wo waren sie? Sie hatte zwischendurch auch den einen oder anderen Blick durch ein Bullauge nach draußen riskiert, und keine Spur von ihnen entdecken können.
Außerdem war ihr bewusst, dass Kanda ihr immer wieder prüfende Blicke zuwarf. Wahrscheinlich war er sich nicht sicher, ob sie wirklich kämpfen könnte, wenn es darauf ankam. Sie war sich auch nicht sicher, nachdem sie eine ungewisse Anzahl an Tagen im Tiefschlaf gehalten worden und nur zum Essen geweckt worden war. Momentan war sie froh, dass ihre Beine sie trugen – und dass die letzten Reste ihrer fiebrigen Erkältung während des Schlafs verschwunden waren.
Ein Blick um die nächste Ecke verriet ihnen, dass sie doch nicht so alleine waren, wie sie sich gewähnt hatten, und schnell zogen sich beide wieder zurück. Vor einer Kabine standen mehrere Akuma auf einmal Wache; wenn sich Jeremy in einer dieser Kabinen befand, dann bestimmt in dieser.
Jinai sank ein paar Meter von der Ecke entfernt auf den Boden und Kanda folgte ihr. „Alles in Ordnung?", flüsterte er.
„Ja, ich brauche nur einen Moment", erwiderte sie beruhigend. Es war der denkbar schlechteste Augenblick für einen Schwächeanfall, aber das war es auch nicht gewesen, was sie zögern hatte lassen. Bevor sie sich in diesen Kampf stürzten, musste sie sich einen Augenblick lang sammeln. „Wir wissen jetzt, wo Jeremy ist, aber noch nicht, wo sie Kie gefangen halten."
Kandas Gesichtsausdruck verriet, dass er sich nicht gerade große Sorgen um den Finder machte. „Wahrscheinlich ist er auch da drin."
„Das glaube ich nicht. Sie würden Jeremy von uns fernhalten, um ihn zu kontrollieren, und eines der Akuma hat gesagt, dass wir nicht an Kie herankommen würden. Es sagte, dass die Fähigkeit eines der anderen Akuma das verhindern würde. Ich glaube, dass es ihn … mit sich trägt."
Kanda warf ihr wieder einen dieser prüfenden Blicke zu, dann blickte er über die Schulter zu den Akuma, die sich hinter der Ecke verbargen. „Und du denkst, es könnte eines von denen sein."
„Wir haben noch kein einziges Akuma gesehen. Ich bin mir sicher, dass es eines von denen ist. Und", fügte sie hinzu, „ich glaube, dass wir ihm nicht schaden dürfen, wenn wir Kie retten wollen."
„Du weißt aber nicht, welches es ist", ergänzte Kanda, was ihr auch schon durch den Kopf gegangen war.
„Nein. Und ich will nicht, dass wir es in einem Kampf gegen mehrere Akuma gleichzeitig töten, ehe wir Kie befreit haben."
Kanda presste die Kiefer aufeinander und einen Moment lang sah er so aus, als wolle er etwas Unfreundliches erwidern. Stattdessen zog er sie noch ein Stück den Gang hinunter, weiter weg von den Akuma und in eine der leer stehenden Kabinen, deren Tür er sehr leise hinter ihnen schloss, ehe er darauf antwortete.
„Du wirst mir verzeihen, wenn dieser Finder nicht unbedingt meine oberste Priorität ist", entgegnete er entnervt, aber immer noch im Flüsterton.
„Trotzdem sollten wir versuchen, ihn zu retten", versuchte Jinai zu argumentieren. Sie wusste, dass Kanda Kie nicht leiden konnte, doch das war kein Grund, ihn zurückzulassen – oder gar sein Leben aufs Spiel zu setzen, nur weil es einfacher war.
„Wir könnten jede Minute entdeckt werden, und du willst alles riskieren, was wir bisher geschafft haben, nur um ihn zu befreien. Vergiss es."
„Ich verstehe dich nicht!", zischte Jinai entsetzt. „Kannst du einen Menschen ernsthaft so im Stich lassen, wenn du die Chance hast, ihn zu retten?"
„Ihn schon!"
„Wieso?"
Wieder schien Kanda sich im letzten Moment zurückzuhalten, eine heftige Antwort zu geben. Wenn sie sich nicht irrte, sah sie in seinem Gesicht einen Moment lang sogar so etwas wie Scham, doch das konnte sie sich genauso gut eingebildet haben. Er brauchte ein paar Sekunden, doch dann antwortete er. Und seine Antwort löste eine Sturzflut unterschiedlichster Gefühle in ihr aus.
„Vielleicht macht mich das zu einem schlechten Menschen, aber mir gefällt nicht, wie er dich ansieht."
Verwirrung. Wärme. Scham. Schuld. Hoffnung. Nach den Erlebnissen der letzten Tage wollten ihr beinahe wieder die Tränen kommen.
Ein paar endlose Augenblicke lang standen sie einander gegenüber und starrten sich an. Jinai wagte kaum zu fragen, doch die Frage ließ ihr ohnehin keine Ruhe mehr, seit sie den Frachtraum verlassen hatten: „Woran erinnerst du dich?"
Kanda blickte zur Seite, schien in seinem Gedächtnis zu kramen, dann sah er sie wieder an. „An ein paar Dinge."
„Welche Dinge?"
„Was tut das jetzt zur Sache?"
„Wenn du dich an unser letztes Gespräch erinnerst, weißt du, dass es das tut. Wenn vielleicht auch nicht für dich, dann zumindest für mich." Selbst jetzt, wo wir so nahe beieinander sind, vermisse ich dich, weil du innerlich weit weg bist. Sie wusste nicht, ob ihm ihr Gespräch so in Erinnerung geblieben war wie ihr, oder ob sie sich den Großteil davon nur aus einem Fiebertraum zusammengereimt hatte, doch wenn es passiert war, dann musste er wissen, wovon sie sprach.
Wieder diese Pause. Er zögerte. „Ich erinnere mich an eine Ebene voller Wind. Ich wollte dir sagen, was ich empfand, doch ich tat es nicht."
Seaiathan. Hatte sie nicht eben erst selbst davon geträumt?
„Dann war da ein … Bach … ich habe dich zu mir ins Wasser gezogen und du hast gelacht."
Das Wettrennen. Sie hatte den Moment selbst fast vergessen.
„Ein früher Morgen im Hauptquartier. Du wolltest dich davonstehlen und ich habe dich niedergeschlagen. Dann … ein Duell. Du hattest gewonnen, ohne es zu beabsichtigen. Außerdem eine überfüllte Wartehalle. Du warst krank und hast auf meinem Schoß gesessen und geschlafen. Und du hast einmal in meinem Bett geschlafen, als ich heimkam. Und da war auch noch eine Oase in der Wüste, in der wir uns gewaschen haben, nachdem uns die Tuareg gefangen genommen haben. Und …" Er verstummte.
Jinai hatte den Atem angehalten, während sie seinen Erinnerungen gelauscht hatte. Wie hatte er sich binnen so kurzer Zeit an so viele Dinge erinnern können? War es vielleicht der Stress gewesen, der ihm auf die Sprünge geholfen hatte? „Und?", wiederholte sie.
Kanda sah ihr direkt in die Augen. „Der Tag, als du zurückgekommen bist. Ich erinnere mich deutlich an diesen Tag."
An diesem Tag war viel passiert. Kanda hätte fast nicht geglaubt, dass sie real gewesen wäre, und es hatte sie einige Mühe gekostet, ihn davon zu überzeugen. Sie hatte ihm ihre Gefühle gestanden und er hatte sie erwidert. Sie hatten sich geküsst … und dann noch einmal, oben auf dem Turm … und ein weiteres Mal in seinem Zimmer. Daraus waren im Laufe der Nacht noch viele Male geworden.
„An all diese Dinge erinnerst du dich wieder?", flüsterte Jinai erstickt. Ein Teil von ihr jubilierte vor Hoffnung, der andere war fast gelähmt vor Angst. Dass er sich erinnerte, hieß schließlich noch nicht, dass seine Gefühle auch wiedergekehrt waren. Wieso sollten sie auch?
Deshalb überraschte es sie umso mehr, als Kanda näher trat und mit den Fingern einer Hand über ihre Wange strich. Die Geste war so zärtlich, so intim, dass ihre Augen vor ungeweinten Tränen brannten. In diesem Moment war ihr völlig egal, wie viele Akuma auf der anderen Seite dieser Tür lauerten oder wie sie sie besiegen sollten. Sie war selbstsüchtig und es war ihr völlig egal.
Trotzdem wagte sie es nicht, ihrem ersten Impuls nachzugeben und ihm entgegen zu kommen. Noch glaubte sie nicht so ganz daran und starrte den Exorzisten stumm an, als würde er sich in Luft auflösen, wenn sie ihn aus den Augen ließe. Gebannt beobachtete sie, wie er noch einen Schritt näher trat und die Finger von ihrer Wange zu ihrem Kinn gleiten ließ, um es ein wenig anzuheben, ihr Gesicht seinem entgegen zu heben und sich vorbeugte.
Und dann berührten seine Lippen ihre und ihre Augen schlossen sich wie von ganz alleine. Jinai lehnte sich der Berührung entgegen, die sie so lange missen hatte müssen, die Hände nun in seinen Mantel gekrallt. Sein zweiter Arm legte sich um ihre Mitte, zog sie näher an sich heran und zum zweiten Mal hieß sie die Wärme seines Körpers willkommen. Für ihre ausgehungerte Seele war dieser Kuss das reinste Ambrosia.
Bis zu dem Moment, in dem sie spürte, wie seine Umarmung zu einer schmerzhaften Umklammerung wurde.
Sie löste ihre Hände von seinem Mantel und versuchte, sich gegen ihn zu stemmen, doch er hielt sie unerbittlich fest, seinen Mund immer noch auf ihren gepresst, die Finger der rechten Hand nun nicht mehr an ihrem Kinn, sondern wie ein Schraubstock um ihre Kehle. Er gewährte ihr keinen Millimeter, so sehr sie auch versuchte, sich zu befreien.
Er machte ihr Angst.
Jinai keuchte vor Schmerz, als der Arm um ihre Taille sie noch enger umfasste, und legte den Kopf in den Nacken, in dem verzweifelten Versuch, seinem grausamen Kuss zu entgehen, dann richteten sich plötzlich die Haare in ihrem Nacken auf.
„Du bist einfach viel zu leichtgläubig, Kätzchen."
Panik verlieh ihr die Kraft, den Kopf nach links zu der fürchterlich bekannten Stimme umzudrehen, und sein Mund rutschte auf ihren Hals.
Da lehnte Ticky Mikk an der Wand, die Knöchel lässig übereinandergeschlagen und die Hände in den Hosentaschen, beobachtete sie und lächelte sie zufrieden an.
Kalte Angst sackte wie ein Stein in ihren Magen. Mit einem Mal erinnerte sie sich an eine andere Begebenheit, als sie sich von diesem Gesicht täuschen hatte lassen. „Ein Akuma …" Aber diesmal war es so viel mehr als nur ein Gesicht gewesen – wie war das möglich?
„Oh, viel mehr als das", entgegnete Ticky mit Genugtuung in der Stimme. „Das einzige Akuma, das wir aus den Tassilibergen retten konnten. Und sieh nur: Es erinnert sich an dich."
Jinai starrte ihn entsetzt an, während sich menschlich anmutende Zähne in ihren Hals gruben und ihr die Ungeheuerlichkeit seiner Worte bewusst wurde. „Ihr habt ihm Kandas Erinnerungen gegeben."
