Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs, alles andere gehört Katsura Hoshino.
15- Die Flucht
23. Juni 18xx, 18:40 Uhr, noch 21 Stunden bis zum Treffpunkt, an Bord der Lancashire
Ticky verzog das Gesicht zu einem Grinsen. „Nicht ganz", antwortete er genüsslich, während die Exorzistin sich weiterhin gegen das Akuma stemmte. „Dieser Prozess begann von ganz alleine, als dein Lieblingsexorzist dort unten war. Leider fängt er damit an, die frischesten Erinnerungen als erste abzuzapfen, und bis ihr ihn befreit hattet, war nicht mal ein ganzes Jahr übertragen worden. Der gute Doktor hätte viel mehr Zeit gebraucht, um den Rest herauszuholen, aber euer kleiner Jeremy hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht."
Er stieß sich von der Wand ab und schlenderte zu Jinai hinüber, die ihn nicht aus den Augen ließ. „Zum Glück konnten wir das Akuma aus der eingestürzten Höhle bergen, bevor er das Gebiet für Akuma unpassierbar gemacht", sagte der Noah und beobachtete interessiert den stummen Kampf der Exorzistin mit dem Akuma. „Der Aufwand hat sich auf jeden Fall gelohnt, wenn ich dafür zusehen konnte, wie du dieser Kopie blind gefolgt bist."
„Was willst du?", presste Jinai hervor. Der Schraubstockgriff des Akuma machte ihr das Atmen immer schwerer.
„Soll ich ehrlich sein? Ich weiß es nicht genau." Ticky zuckte mit den Schultern. „Ich hatte überlegt, dich einfach zu töten, aber das war mir zu langweilig. Wir beide haben eine lange Vergangenheit miteinander, also sollte ich dich zumindest ein wenig quälen. Glaubst du, dir weiszumachen, dein Ritter in strahlender Rüstung hätte dich gerettet, reicht aus?" Er griff nach einer Strähne ihres offenen Haares und zog brutal daran. „Oder soll ich dir wieder ein paar Knochen brechen, um der guten alten Zeiten willen?"
„Wird dir das nicht langweilig?", krächzte Jinai.
„Da hast du auch wieder recht", gab Ticky zu und schnippte die Strähne beiseite. „Und ein Akuma, das wie er aussieht und versucht, dich zu töten, hatten wir auch schon. Nun gut, wir haben ja noch Zeit. Ich kann ein paar Sachen ausprobieren, während wir unterwegs sind. Sag mir dann, was dir am besten gefallen hat, ja?"
oOo
23. Juni 18xx, 18:43 Uhr, noch 21 Stunden bis zum Treffpunkt, an Bord der Lancashire
War es auch ein Schrei gewesen, der ihn geweckt hatte? Jeremy wusste es nicht, aber er hatte eindeutig einen gehört, als er gerade aufgewacht war. Das Schlimmste daran: Er kannte diese Stimme.
Trotzdem wagte er nicht, sich zu rühren. Es waren nicht die Akuma gewesen, die ihn geweckt hatten. Er öffnete ein Auge einen Spalt breit und schielte zum Bullauge hinüber. Nein, der Stand der Sonne passte nicht zu den Essenszeiten, zu denen sie ihn sonst geweckt hatten. Er war außerplanmäßig aufgewacht.
Vielleicht verschaffte ihm das die Gelegenheit zur Flucht.
Bemüht, seinen Atem gleichmäßig und flach zu halten, blickte er sich weiter um. Er lag auf der Seite und konnte nur einen Teil des Raums einblicken, doch er war sich ziemlich sicher, dass er alleine war. Nach endlosen Sekunden des Abwartens wagte er es, sich umzudrehen. Tatsächlich, der Raum war leer. So geräuschlos wie möglich setzte der Exorzist sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Beim Aufstehen wurde ihm einen Moment lang schwindlig, dann fing er sich wieder. Er griff nach dem Exorzistenmantel, den die Akuma bei seiner Entführung aus irgendeinem für ihn nicht ersichtlichen Grund mitgenommen hatten, und streifte ihn über. Mit dem Mantel fühlte er sich wesentlich stärker.
Jeremy schlich zur Tür, die in den angrenzenden Raum führte, in den ihn die Akuma immer zum Essen gebracht hatten, und griff mit klopfendem Herzen nach der Türklinke. Auch leer. Hatte der Schrei die Akuma nach draußen gelockt? Wenn ja, standen vielleicht weniger von ihnen vor seiner Tür.
Der Exorzist aktivierte sein Innocence und rief sich in Erinnerung, wie das Kalender-Akuma ausgesehen hatte, das Kie gefangen hielt, während er zur Tür schlich. Wenn möglich, wollte er sich dieses bis zum Schluss aufheben. Jenes, das ihn mit seiner Flöte in den Schlaf lullen konnte, musste er als erstes erwischen.
Er riss die Tür auf und bevor die Akuma auf der anderen Seite wussten, wie ihnen geschah, hatte er nach den ersten gegriffen und es zu Staub zerfallen lassen. Eine Sekunde später löste sich das zweite auf und das dritte wandte sich zur Flucht – vergeblich. Seine freie Hand griff nach dem letzten verbliebenen Akuma und drückte es gegen die Wand, während er drohend die andere, leuchtende Hand hob. „Gib ihn her."
Sein Griff war nicht stark genug, um einem Akuma Schmerzen zuzufügen, aber zu sehen, wie drei seiner Kameraden gerade pulverisiert worden waren, übte den notwendigen Druck aus, damit das Akuma rasch seinen Kalender durchblätterte und die Seite mit Kie darauf präsentierte.
„Gib ihn her", wiederholte Jeremy.
„Wozu? Du tötest mich eh. Da kann ich ihn dir auch ein letztes Mal zeigen, bevor ich ihn mitnehme", quiekte das Akuma trotz seiner misslichen Lage höhnisch.
Jeremy haderte einen Moment mit sich, dann riss er die Seite heraus. Der höhnische Ausdruck verschwand aus dem Akumagesicht, als sie sich in Jeremys Hand in Rauch auflöste und der Finder zum Vorschein kam; augenscheinlich kerngesund, wenn auch verwirrt.
Im nächsten Moment zerfiel auch dieses Akuma unter Purifiers Griff zu Staub.
Kie blickte von dem Exorzist zu dem zerstörten Akuma und schien keinen klaren Gedanken fassen zu können. Jeremy glaubte nicht, dass er ihm in diesem Zustand eine große Hilfe sein könnte, doch immerhin war er noch am Leben. Er konnte nur hoffen, dass es sich bei Jinai genauso verhielt.
Er zog Kie hinter sich her den Gang hinunter, den die Akuma genommen hatten, als sie ihn in den Frachtraum geführt hatten, um ihm Jinais schlafende Gestalt zu zeigen. Sie waren noch nicht weit gekommen, als er hinter einer Kabinentür ein dumpfes Geräusch hörte, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen, und weil er ein weiteres Akuma dahinter vermutete, schob Jeremy Kie beiseite und riss die Tür auf, die Purifier-Hand zum Angriff erhoben … und verharrte.
Auf der einen Seite stand ein Noah, auf der anderen Kanda und auf dem Boden lag Jinai. Nichts davon ergab Sinn.
Dann stürzte der Exorzist auf einmal auf Jeremy zu und dieser hob reflexartig die Hand mit dem Innocence, als Jinai aufschrie. „Nicht!" Sie kam stolpernd auf die Füße und stürzte gleich wieder zu Boden, wobei sie Kanda mit sich zog. Der Noah lachte, machte aber keine Anstalten, einzugreifen.
Es reichte, damit Jeremy zögerte und die Hand wieder sinken ließ. Die Situation war mehr als grotesk.
Jinai und Kanda rangen auf dem Boden stumm miteinander, während der Noah amüsiert zusah. Obwohl Jeremy wusste, dass der Noah brandgefährlich war und er ihn im Auge behalten sollte, wanderte sein Blick zu den beiden Exorzisten zurück. Im Moment hatte Kanda die Oberhand und als Jeremy sah, dass er drauf und dran war, die Exorzistin unter ihm zu erwürgen, ging Jeremy doch dazwischen. „Bist du wahnsinnig geworden?", fuhr er Kanda an und griff nach seinem Arm, um ihn von Jinai wegzureißen. Bevor er jedoch mit der Innocence-Hand zugreifen konnte, ließ Kanda von ihr ab und wich zurück, während Jinai hustend nach Luft rang. Der Noah lachte wieder.
„Das ist nicht Kanda", krächzte die Exorzistin am Boden und Jeremy sah Kanda – oder auch nicht Kanda – verblüfft an. Er erinnerte sich an die Kopien, von denen ihm Jinai erzählt hatte, doch wer da vor ihm saß, sah so eindeutig wie der Exorzist aus, dass er keinen Unterschied erkennen konnte. Wenn das Akuma nicht vor dem Innocence in seiner Hand zurückgewichen wäre, hätte er es nicht geglaubt.
„Na los", stachelte ihn der Noah von der Seitenlinie aus an, „schalte das Akuma aus, so wie du es mit den anderen gemacht hast, großer Purifier."
Woher kannte er bloß diesen Namen?
Jinai schüttelte den Kopf. „Nicht", krächzte sie wieder. „Dann zerstörst du auch Kandas Erinnerungen."
„Ihr habt seine Erinnerungen gestohlen?", fragte Jeremy den Noah entgeistert, die Gefahr, die von ihm ausging, für einen Moment völlig vergessen. Er hätte nicht gedacht, dass das möglich wäre.
„Oh, ich nicht. Die Anerkennung gebührt Dr Roberts, aber ja: Alle Erinnerungen, die diesem Exorzisten in der Höhle entzogen wurden, stecken in diesem Akuma. Und wenn es vernichtet wird, sind auch sie unwiederbringlich dahin. Was denkst du, warum dieses dumme Mädchen es unbedingt beschützt, obwohl es versucht, sie umzubringen?"
Es war dem Noah anzusehen, dass ihm all dies diebische Freude bereitete, und es widerte Jeremy an.
Der Noah ging neben Jinai in die Hocke und tätschelte ihr in einer Parodie einer fürsorglichen Geste die Wange. „Keine Sorge, ich passe schon darauf auf. Das Gräflein hat schließlich noch Pläne mit diesem Akuma."
Ihre Antwort darauf war, ihn anzuspucken.
Das brachte ihr eine schallende Ohrfeige ein, die sie auf die Seite warf. Der Noah wischte sich den Speichel von der Wange und blickte zu Jeremy auf. „Wie ich es sehe, bin ich der einzige, der diesen Raum lebend verlassen wird." Ein unmenschlich breites Grinsen zerriss seinen Mund.
Jeremy wich zurück. Sein Innocence war ihm gegen einen Noah keine große Hilfe, und auch wenn Marshall Cloud begonnen hatte, ihm beizubringen, wie er sich ohne dieses verteidigen konnte, stand er noch ziemlich am Anfang. Einem Noah mit übermenschlichen Kräften war er nicht gewachsen. Das war keiner von ihnen.
Im nächsten Moment war der großgewachsene Noah auch schon aufgesprungen und hatte ihn an der Kehle gepackt und gegen die Wand geworfen. Jeremy fiel zu Boden und rollte sich beiseite, denn sonst wäre der Noah auf ihm gelandet; Jinai hatte seinen Fuß festgehalten und ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Mit dem Gesicht nach vorne glitt der Noah durch die Wand, die ihn passieren ließ wie ein Nebelschleier und lag plötzlich halb auf dem Gang, halb in der Kabine. Durch die Tür sah Jeremy, wie Kie einen Satz zur Seite machte und sich außer Reichweite brachte. Auf seiner anderen Seite hatte sich der Doppelgänger wieder auf Jinai gestürzt und versuchte ihr erneut an die Kehle zu gehen.
Der Noah regte sich wieder und Jeremy reagierte. Auch wenn es riskant und dumm war, sprang er auf, stürzte durch die Tür und versetzte dem Noah, der sich gerade aufrappelte, mit der aktivierten Purifier-Hand einen Faustschlag gegen die Schläfe, dass er gleich wieder zu Boden ging. Er packte ihn an den Haaren und zerrte ihn vollends auf den Gang hinaus, weg von der Kabine, und kam genau einen Meter weit, bevor ihm der Noah durch die Hände glitt. Jeremy wusste um dessen Fähigkeit und setzte dem rücklings auf dem Boden liegenden Noah gleich wieder nach, doch der glitt einfach durch den Teppichboden der ersten Klasse hindurch und war verschwunden. Jeremys Faust landete dumpf auf dem Teppich.
Ohne lange zu überlegen, machte er kehrt, zurück in die Kabine, in der Jinai das Akuma gerade mit einem Fußtritt gegen den Schrank befördert hatte. Sie machte keine Anstalten, es weiterhin anzugreifen, wahrscheinlich, weil sie immer noch Kandas Erinnerungen retten wollte, doch darauf konnte Jeremy keine Rücksicht nehmen. Sie konnten nicht gegen den Noah und den Doppelgänger kämpfen. Als Jinai sah, was er vorhatte, war es schon zu spät.
Sie konnte nur noch zusehen, wie Jeremy dem Akuma die Hand auflegte und es mit einem erstaunten Gesichtsausdruck zu schwarzem Staub zerfiel. Jeremy konnte sie hinter sich schluchzen hören, aber sein Blick war auf die Überreste des Doppelgängers gerichtet: Winzige blaue Funken stiegen aus der Asche auf, wie Glühwürmchen, die umeinander tanzten und davon wirbelten. Das war noch nie zuvor passiert, wenn er ein Akuma erlöst hatte. „Was ist das?"
„Das war das Ergebnis mehrerer Jahre Arbeit, du dummer Junge", ertönte die Stimme des Noahs hinter ihm; Jeremy fuhr herum und sah diesen durch den Boden nach oben steigen, als nähme er eine Treppe. „Und wesentlich wertvoller als du."
„Dann hättest du es nicht mitbringen dürfen", versetzte der Exorzist knapp, warf sich auf den Boden, bevor der Noah ganz Bodenhöhe erreicht hatte, und presste die Purifier-Hand auf den Boden. Die Beine des Noah blieben im Boden stecken.
Verdutzt blickte der Noah nach unten und Jeremy nutzte den Moment, riss Jinai hoch und stürzte mit ihr durch die Tür. Draußen sammelte er Kie ein, der wohlweislich in Deckung gegangen war, und zerrte die beiden den Gang entlang in die Richtung, aus der er gekommen war. Wenn es in jene Richtung nach unten ging, musste es in diese Richtung nach draußen gehen – zumindest hoffte er das. Ihnen würde ohnehin nicht viel Zeit bleiben, bevor der Noah sich befreit und wieder an ihre Fersen geheftet hatte.
Hinter ihnen erklang ein Rascheln, ein vielstimmiges, zu einem Brummen anwachsendes Geräusch, das ihn nur noch schneller laufen ließ. Ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass der Gang sich mit großen, schwarzgestreiften Schmetterlingen füllte. Er wusste nicht, was es damit auf sich hatte, aber er war sicher, dass er es nicht herausfinden wollte.
Wann kam denn endlich die Tür ins Freie?
Ein Akuma stellte sich ihnen in den Weg und er ließ Jinais Arm los, um ihm die Hand aufzulegen. Sie stürmten weiter durch die schwarze Asche, ohne auch nur eine Spur langsamer zu werden. Durch den Schwung donnerten sie gegen die Türe, während sie aufschwang, und stolperten wild durcheinander nach draußen. Die Sommersonne eines frühen Abends beleuchtete das Deck und wärmte ihre dunklen Exorzistenmäntel. Sie mochten hoch im Norden sein, aber es war trotzdem Juni.
Hastig blickten sich Jeremy und Kie nach den Beibooten um, während Jinai zum ersten Mal seit langem ihre Flügel spreizte. Jedoch anstatt in die Lüfte aufzusteigen, wandte sie sich zu der offenen Türe um und verpasste den daraus strömenden Schmetterlingen eine Salve ihrer explosiven Federn. Die ersten paar Dutzend verschwanden in einer Feuerwolke, doch immer mehr flatterten heraus, in immer größerer Zahl.
Und während Jeremy und Kie sich noch an der Plane des nächsten Beibootes abmühten, tauchte der Noah aus der Insektenwolke auf. Die Federsalve, die ihn traf, ließ ihn zurücktaumeln, doch beim nächsten Versuch warfen sich die Schmetterlinge dazwischen und schirmten ihn im Sterben ab. Der Noah näherte sich unerbittlich, und hinter ihm stiegen aus verschiedenen Richtungen mehrere Akuma auf, die sich bisher bedeckt gehalten hatten.
Jeremy verwandelte das Beiboot und den Boden um sie herum in akumafreies Territorium, doch das würde sie nur aufhalten, wenn sie nahe genug herankamen. Da sie mit seinem Innocence vertraut waren, hielten sie wohlweislich Abstand, und Jinai schwang sich nun doch in die Höhe, um ihnen in der Luft entgegen zu treten. Jeremy half Kie ins Boot und betätigte die Hebel, die es über die Bordwand nach außen schwangen und zu Wasser lassen würden. Er selbst wandte sich um und trat dem Noah entgegen.
Die Schmetterlinge umkreisten ihn und schnappten aus der Entfernung nach ihm, zerfaserten jedoch, sobald sie die Grenze überschritten, in dem der Boden von seinem Innocence durchsetzt war. Der Noah selbst trat an diese Grenze heran und beäugte sie einen Moment interessiert, bevor er den Fuß hob und darüber hinweg schritt. Ihm schadete der Boden nicht, auch wenn er seine eigenen Fähigkeiten nicht darauf anwenden konnte.
So bildete sich ein leerer Bereich um Jeremy und den Noah herum, mit den Schmetterlingen, die wie Zuschauer einer Arena im Abstand von ein paar Metern um die beiden herum flatterten. Aus der Entfernung hörte Jeremy, wie Jinai die Akuma zerlegte, die sie gefangen gehalten hatten.
Der Noah blieb stehen und musterte den Exorzisten. Er blickte zu seinen Schmetterlingen, die sich nicht näher heran wagten, und meinte wie beiläufig: „Dein Innocence überrascht einen immer wieder." Er hob die Hände, die Handflächen nach oben gerichtet, aber nichts geschah. „Immer wieder", wiederholte er, und Jeremy erkannte, dass er wohl versucht hatte, weitere dieser Insekten zu erschaffen. Dass dem Noah das nicht möglich wäre, hatte Jeremy selbst nicht gewusst.
Aber noch immer griff dieser nicht an. Stattdessen steckte er die Hände in die Hosentaschen und legte den Kopf schief. „Du hast eine Menge Ärger verursacht. Das Gräflein wollte dich eigentlich untersuchen, darum der ganze Aufwand. Road hat sich dafür ausgesprochen, dich gleich zu töten, aber er war fasziniert. Ich hingegen beginne mich zu fragen, ob dein Innocence die ganzen Scherereien wert ist. Da du deine Aufpasser getötet hast, habe ich nun keine Möglichkeit mehr, dich ruhigzustellen, bis wir angekommen sind, und wir sind noch lange nicht da. Also muss ich wohl den Zorn des Gräfleins auf mich nehmen, wenn er erfährt, dass ich dich töten musste."
Es war Jeremy nur recht gewesen, dass der Noah so viel redete. Es verschaffte Kie Zeit, das Beiboot zu Wasser zu lassen, und Jinai Gelegenheit, die Akuma loszuwerden. Vielleicht schaffte er es, den Noah noch weiter am Reden zu halten … „Wird er nicht ohnehin zornig sein, weil du dieses Akuma-Experiment mitgenommen hast?"
Der Noah verzog das Gesicht und rieb sich den Hinterkopf. „Ach ja", entgegnete er missmutig. „Das war ja auch noch da. Und das nach all der Mühe, die er sich gemacht hat, um von ihm abzulenken … Nun ja, er wird sich schon wieder beruhigen. Er verfolgt viele Pläne gleichzeitig und du und dieses Akuma, ihr seid noch die geringsten seiner Sorgen."
„Warum hast du es dann überhaupt riskiert, es mitzunehmen?", schoss Jeremy gleich die nächste Frage hinterher. Ein Glück, dass dieser Noah sich offenbar gerne selbst reden hörte.
„Na, ihretwegen", meinte dieser lapidar und deutete mit dem Daumen hinter sich, wo man im dichten Vorhang der Schmetterlinge manchmal Jinai und die Akuma durchblitzen sehen konnte. „Um ein bisschen zu spielen." Er lachte. „Und du hättest sehen, wie sie ihm auf den Leim gegangen ist. Ich für meinen Teil bin voll auf meine Kosten gekommen."
„Warum hast du sie nicht einfach getötet? Du hättest jederzeit die Gelegenheit dazu gehabt."
Beide Hände wieder in den Hosentaschen, blickte der Noah sinnierend nach oben, wo in einer Säule aus tanzenden Schmetterlingen der Himmel zu sehen war. „Das habe ich mich auch schon öfter gefragt. Ich hatte viele Gelegenheiten, schon lange, bevor ihr sie entdeckt habt. Ich schätze, ich fand immer viel zu viel Gefallen am Spiel. Daran, zu sehen, wie oft sie noch aufstehen wird, nachdem ich sie gebrochen habe."
„Daran, dir immer neue Bosheiten auszudenken, wie du uns quälen kannst?"
Der Noah grinste. „Bei dir klingt das so verwerflich. Aber für einen Noah seid ihr nur Spielzeug. Wenn eine Puppe kaputt geht, holt man sich eine neue."
„Denkt ihr über alle Exorzisten so? Auch über Allen Walker?" Jeremy konnte nicht widerstehen, diesen Namen fallen zu lassen, nicht nach allem, was er in Edo mitbekommen hatte.
Die Augen des Noah verengten sich. „Ich wäre an deiner Stelle vorsichtig, wem gegenüber du diesen Namen erwähnst. Mit diesem speziellen Exorzisten hat das Gräflein ganz besondere Pläne. Außerdem", ergänze er, nahm die Hände aus den Hosentaschen, schüttelte sie aus, als müsse er seine Finger lockern, und hob sie hoch, während sich darum ein unheilvolles Glühen ausbreitete, „haben wir wirklich lange genug geplaudert."
Jeremy wusste nicht, was dieses Glühen bedeutete, doch wenn der Noah diese Fähigkeit trotz seines Bannkreises einsetzen konnte, würde ihm sicher nicht gefallen, was er damit anstellen konnte. Der Noah hatte jedoch nicht bemerkt, worauf der Exorzist die ganze Zeit gelauscht hatte.
Rund um die Schmetterlinge war es still geworden.
Als der Noah einen Schritt auf ihn zutrat, wich Jeremy im Gegenzug einen zurück, die Purifier-Hand abwehrend erhoben, augenscheinlich zur Verteidigung bereit – dann machte er auf dem Absatz kehrt und spurtete in die andere Richtung davon, mitten durch die Schmetterlinge hindurch, noch ehe der Noah reagieren konnte. Die Schmetterlinge mussten von seinem Manöver genauso überrascht worden sein, denn er konnte sie einfach beiseite stoßen, während er über das Deck rannte, eine Hand gen Himmel gestreckt.
Ein Ruck ging durch sein Handgelenk und der Boden unter seinen Füßen verschwand.
Hinter sich hörte er wütendes Flattern, doch mit Jinais Flügeln konnten die Viecher nicht mithalten. Sie sausten durch den kalten Himmel davon, über die Heckreling des Schiffs hinweg und dann über die Wellen auf das Beiboot zu, das Kie mit aller Kraft von dem Schiff weg- und südwärts ruderte.
Mit mehr Glück als Können landete Jeremy in dem Boot, wäre fast über eine der Planken gestolpert, die als Sitzbänke dienen sollten, und hielt sich an der Bordwand fest, um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren. Jinai drehte flügelrauschend noch einmal ab, flog einen Bogen, bei dem sie einen weiteren prüfenden Blick Richtung Lancashire warf, und setzte dann – wesentlich sanfter – zu ihrer eigenen Landung in dem Beiboot an.
Die Schmetterlinge lagen weit hinter ihnen und hatten wesentlich mehr mit dem Wind zu kämpfen, während die Lancashire unbeirrt weiter gen Norden stampfte. Niemand war zur Stelle, um der Mannschaft einen Kurswechsel anzuordnen; nur der Noah stand noch, hoffentlich fassungslos, an der Reling und blickte ihnen hinterher, während der Abstand immer größer wurde.
„Alles in Ordnung?", wandte sich Jeremy an Jinai, sobald er halbwegs sicher war, dass sie nicht verfolgt werden würden. Die Exorzistin schien das genauso zu sehen, denn sie deaktivierte ihre Flügel wieder; trotzdem war ihr Blick weiterhin auf das Schiff in der Ferne gerichtet.
„Ja, alles bestens. Nur ein paar blaue Flecken", erwiderte sie geistesabwesend. „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist."
„Wir haben Glück, dass wir alle es lebend da rausgeschafft haben", kommentierte Kie von den Riemen. Er mühte sich damit ab, beide gleichzeitig zu bedienen, was angesichts der Größe gar nicht so einfach war. Das Beiboot war dafür gebaut, mindestens zwei Dutzend Personen aufnehmen zu können. „Auch wenn ich nicht weiß, was genau eigentlich passiert ist."
„Hast du nichts von alledem mitbekommen, was seit der Lucania passiert ist?", fragte Jeremy verdutzt.
„Ich wusste bis vorhin nicht einmal, dass wir nicht mehr auf der Lucania sind."
Jeremy setzte sich zu ihm und nahm ihm einen der Riemen ab. Während sie mit der südwärts gerichteten Strömung ruderten, begann er, den Finder in alles einzuweihen, was er selbst in den letzten Tagen erlebt hatte. Jinai indes starrte immer noch über das Wasser zu der immer kleiner werdenden Lancashire. Ihre Gedanken waren nicht schwer zu erraten.
Hoch über dem Meer tanzten die blauen Funken durch die Lüfte.
