Disclaimer: Meine OCs sind meine OCs, alles andere gehört Katsura Hoshino.


16. Die Fäden fließen zusammen

26. Juni 18xx, 06:37 Uhr, irgendwo in der Labradorsee

Sie ruderten in Schichten. Nachdem sie sich rasch einig gewesen waren, dass sie westwärts früher auf Land treffen würden, hatten sie sich quer zur Strömung ausgerichtet und angefangen, auf die untergehende Sonne zuzurudern. Da keiner von ihnen diese anstrengende Tätigkeit gewohnt war – selbst Kie war nicht mehr wirklich daran gewöhnt – ermüdete sie diese rasch, doch der Gedanke, dass die Lancashire beidrehen und ihnen folgen konnte, ließ sie verbissen weiterrudern. Zu zweit bestritten sie jeweils zwei Stunden, während der Dritte sich ausruhte, und orientierten sich in der Nacht an den Sternen, die sich zum Glück am wolkenlosen Himmel zeigten. Dabei war Kies Erfahrung eine große Hilfe.

Als die Sonne hinter ihnen wieder aufging, hatten sie keine Ahnung, wie groß die Strecke war, die sie zurückgelegt hatten, bloß, dass noch lange kein Land in Sicht war. Da Jinai sich zuletzt ausgeruht hatte, schickte sie beide, Kie und Jeremy, ausruhen, während sie sich das Tau um die Hüfte wand und versuchte, das Boot alleine auf Kurs zu halten. Die Strömung, die ihnen zuvor geholfen hatte, von der Lancashire zu entkommen, trieb nun fast quer zu ihnen nach Süden und drängte sie in einen eher westsüdwestlichen Kurs hinein.

Fast zwei Stunden hielt Jinai das Boot annähernd auf diesem Kurs, ehe Kie darauf bestand, wieder mitrudern zu müssen.

So vergingen zwei Tage.

Sie hatten nichts zu essen, nichts zu trinken, nichts, um sich vor den Elementen zu schützen. Die Sonne, der Wind, die salzige Luft und das raue Holz der Riemen machten ihre Haut spröde und sorgten dafür, dass ihre Lippen immer wieder aufrissen, während die Kälte bei Nacht ihnen die Finger und Zehen taub werden ließ. Doch das Schlimmste an allem war die Eintönigkeit der endlosen See um sie herum, die sie fast verzweifeln ließ. Je länger sie unterwegs waren, desto größer wurde die Sorge, dass sie ziellos ins Blaue hineinruderten und sich, statt sich ihm zu nähern, weiter vom Land entfernten, oder sogar von der Lancashire entdeckt werden würden.

Immer wieder unterstützte Jinai die beiden anderen beim Rudern dadurch, dass sie vor dem Boot herflog, das Tau um ihre Mitte geschlungen, und mit aller Macht daran zog, doch das erschöpfte sie fast noch mehr als das Rudern. Sie konnte nicht so oft helfen, wie sie gewollt hätte.

Am Morgen des dritten Tages, als sie vor Durst kaum noch die Riemen festhalten konnten, entdeckte Kie plötzlich etwas, das ihn den Durst schlagartig vergessen ließ.

„Segel in Sicht!"

Die beiden Exorzisten fuhren herum und die Enden der Riemen klatschten vergessen auf die Wasseroberfläche. Gemeinsam starrten sie auf die aus Süden auftauchenden weißen Segel, die so winzig waren, dass sie sich fragten, wie Kie sie ausmachen hatte können. So klein sie auch waren, sie kamen rasch näher.

Kie kramte inzwischen schon unter der Planke am Bug, auf der er bis eben noch gesessen hatte. Erfolglos geblieben, fluchte er und zerrte stattdessen an seinem Mantel und Hemd. Der Mantel war zu dunkel, doch das Hemd würde vielleicht Aufmerksamkeit erregen.

„Lass es", hörte er Jinai noch sagen, dann rauschten ihre Flügel. Auf die hatte er in der Eile komplett vergessen.

Besorgt beobachteten die beiden im Boot die Exorzistin. Jinai hatte die letzte Schicht gerade eben mitgerudert und war mindestens genauso erschöpft, und es machte sich an ihrem Flug bemerkbar. Immer wieder kämpfte sie mit dem Wind, der auf dem Weg an ihr zerrte, doch sie gab nicht auf. Vielleicht wäre dies ihre letzte Chance.

Genau dieser Gedanke hielt die Exorzistin in der Luft. Während vor ihr das Schiff immer größer wurde – sie konnte inzwischen schon Einzelheiten der Betakelung an den drei Masten ausmachen – hielt sie nach Anzeichen Ausschau, dass sie ebenfalls entdeckt worden war. Sie hielt nicht direkt darauf zu, sondern wählte eine Route, die sie erst seitlich am Schiff vorbei tragen würde, für den Fall, dass die Besatzung sich bedroht fühlte. Im Vorbeifliegen sah sie die Mannschaft, die, auf sie aufmerksam geworden, ihren Flug verfolgte, doch niemand machte Anstalten, auf sie zu schießen. Sie nahm das als gutes Zeichen, flog achtern um das Schiff herum – wobei sie den Schriftzug Patria deutlich erkennen konnte – und näherte sich dem Segler vorsichtig von Backbord.

Die Mannschaft war während ihrer Umrundung auf die andere Seite des Schiffes hinübergelaufen und wich nun zurück, als sie näher kam und schließlich auf den Planken aufsetzte. Sie deaktivierte die Flügel jedoch noch nicht, faltete sie aber hinter ihrem Rücken, um deren einschüchternde Größe etwas weniger offensichtlich zu präsentieren, und sah sich unter der versammelten Mannschaft um.

Schließlich trat einer der Männer, der sich in seinem Aussehen durch nichts von den anderen unterschied, vor und sprach sie an: „Ich bin Kaptein Pedersen von der Patria. Wer sind Sie und vor allem, was sind Sie?" Sein schwerer skandinavischer Akzent machte es ihr nicht leicht, ihn zu verstehen.

„Ich bin Exorzistin des Schwarzen Orden und im Auftrag des Vatikan unterwegs. Meine Gefährten und ich erlitten Schiffbruch und treiben seit Tagen auf dem offenen Meer. Wir bitten Sie, an Bord kommen zu dürfen und hoffen, Sie bis in den nächsten Hafen begleiten zu dürfen."

„Vatikan, eh?", brummte der Mann skeptisch und ließ den Blick über ihre Flügel gleiten. „Züchten die sich jetzt ihre eigenen Engel?"

Jinai blieb stumm während seiner Musterung und wartete ab. Schließlich schüttelte der Kaptein den Kopf. „Ihnen zu helfen, ist meine Pflicht als Seemann. Wir werden Sie und Ihre Reisebegleiter aufnehmen."

„Vielen Dank", erwiderte Jinai erleichtert. „Wenn Sie weiterhin nordwärts segeln, werden Sie das Boot bald entdecken. Ich kann Ihnen auch vorausfliegen, wenn Sie es möchten."

Das rang dem Mann ein Lächeln ab. „Nun halten Sie mal die Füße still, jenta mi. Sie sehen aus, als ob Sie gleich umkippen würden. Wir fischen Ihre Freunde auch ohne Sie aus dem Wasser. – Hei, Lorens, hol der jungen Dame mal etwas Wasser, bevor Sie auf die Idee kommt, sich auf der anderen Seite der Reling zu bedienen!", rief er einem seiner Männer zu, der nickte und in der Menge verschwand, die bei seinen Worten zu lachen begann. „Rune, hol unsere Gäste!"

Langsam löste sich die Versammlung auf, doch Jinai konnte die Blicke spüren, die die Seeleute immer wieder auf ihre Flügel warfen, wenn sie glaubten, sie bemerke es nicht. Sie fanden sie zweifelsohne beeindruckend genug, um sicheren Abstand zu ihr zu halten, und auch der Kaptein, der von seinem Crewmitglied einen Metallbecher überreicht bekam, schien zu überlegen, wie er ihn an die Exorzistin weiterreichen konnte, ohne ihren Flügeln zu nahe zu kommen. Schlussendlich überwand er sich, trat an sie heran und hielt ihr den Becher hin. Dankbar trank sie die ersten Schlucke Wasser seit Tagen.

„Sie hatten Glück, dass wir unsere Route ändern mussten", merkte Pedersen an, während er seine Mannschaft bei der Arbeit beobachtete und ganz demonstrativ in ihrer Nähe blieb, um ihnen zu zeigen, dass er sich nicht vor ihren Flügeln fürchtete. „Sonst wären wir zurück südwärts gefahren."

„Was hat sie zu einer Kursänderung gezwungen?", erkundigte sich Jinai und nahm noch einen Schluck, den Blick nach vorne gerichtet. Sie hoffte, das Beiboot entdecken und ihn darauf aufmerksam machen zu können, verschluckte sich bei seinen nächsten Worten aber fast.

„Ihre Kollegen vom Vatikan."

oOo

26. Juni 18xx, 06:45 Uhr, unter Deck an Bord der Patria

Ein Klopfen an der Türe unterbrach Lovelys Nickerchen, doch er hatte kaum die Füße auf dem Boden, als die Tür schon aufschwang. Eines der Mannschaftsmitglieder stand im Türrahmen. „Captain Pedersen möchte Sie an Deck sehen", teilte er ihnen mit und verschwand sofort wieder.

Eirik Lovely, (vermutlich) ehemals Erster Offizier der Lucania, streckte sich, bis er es in seiner Wirbelsäule knacken spürte. Er war schon früh auf den Beinen gewesen, doch ohne eine Aufgabe hatte er sich zu einem für ihn völlig ungewohnten Nickerchen zurückgezogen. Sein Begleiter schien einen ähnlichen Weg eingeschlagen zu haben, denn bis eben hatte er völlig regungslos auf dem Boden der Kajüte gesessen, seine Waffe quer über den Schoß gelegt. Nun stand er auf, ohne auch nur eine Spur derselben Verspannung zu zeigen, die Lovely sein Nickerchen eingebracht hatte. Die Freude der Jugend.

Stumm machten sich die beiden auf den Weg die schmale Treppe nach oben und traten nach draußen, während Lovely sich den Nacken massierte. Dabei wäre er fast in Kanda hineingelaufen, als dieser plötzlich stehen blieb.

„Was…?" Er blickte über die Schulter des Exorzisten in die Richtung, an der dessen Blick förmlich zu kleben schien. Noch ehe er richtig registriert hatte, was – oder besser, wen – er da sah, stürmte Kanda auch schon wieder los.

OI!"

Lovely beschloss plötzlich, dass ihm die Steuerbordseite des Schiffes viel besser gefiel, und wandte sich in diese Richtung.

oOo

Der Kopf der Exorzistin fuhr herum, als Kanda über das halbe Deck hinweg rief, und er sah, wie ihr Blick nach ihm suchte. Ohne einen Gedanken an die um sie herum arbeitende Crew zu verlieren, die bei seinem Ausruf genauso überrascht aufgeblickt hatte, marschierte er mitten durch diese durch. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie lange wir jetzt schon nach euch suchen? Sag mir, dass du ihn hast!", brauste Kanda auf.

Der Gesichtsausdruck der Exorzistin wechselte von Überraschung zu Verblüffung, dann zu Resignation, als er sich vor ihr aufbaute. Kanda sah seine dunkelsten Befürchtungen schon bestätigt, als sie nickte und erwiderte: „Kie und er befinden sich nicht weit voraus in einem Beiboot, das der Captain gerade ansteuert. Sie sind beide wohlauf, soweit man das nach fast drei Tagen auf offener See sagen kann."

Wenn er nach ihrem Aussehen ging, war das nicht sehr vielversprechend. „Und die Akuma?"

„Die sind erledigt. Ich weiß allerdings nicht, was aus der Lancashire geworden ist, nachdem wir entkommen sind."

Kanda zog eine Augenbraue hoch. „Wenn ihr die Akuma erledigt habt, warum seid ihr nicht an Bord geblieben?"

„Wir mussten fliehen", entgegnete sie knapp. „Als Ticky kam."

„Er war dort?"

„Er ist dem Schiff anscheinend gefolgt."

„So etwas dachte ich mir schon", murmelte der Exorzist und ergänzte bei ihrem fragenden Blick: „Als die Lucania sich in den Hafen von St. John's schleppte, jagte jemand das Hafenbüro in die Luft. Wir hatten keinen Anhaltspunkt mehr, wohin die Lancashire gefahren war."

„Wir?"

Er machte eine Kopfbewegung in Lovely's Richtung – der Mann schien völlig vertieft in die Beobachtung des Horizonts. „Lovely, der Erste Offizier der Lucania. Er sagt, wir hätten seinen Bruder gerettet."

„Casper", entfuhr es der überraschten Exorzistin. „Erinnerst du dich an ihn? – Entschuldige, natürlich nicht."

„Da ist etwas … ganz schemenhaft." Kanda zuckte mit den Schultern. Eigentlich konnte es ihm einerlei sein, doch Jinai betrachtete ihn wieder mit einem dieser Blicke, die er inzwischen zu deuten gelernt hatte. Er wandte den Blick ab und nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie ihre Schultern enttäuscht herabsanken.

Hei, Eksorsister", erklang es vom Bug, „sind das Ihre Kollegen?"

Beide fuhren herum und hasteten nach vorne. Tatsächlich war da in einiger Entfernung ein Boot auszumachen, in dem sich zwei Personen bewegten. Ehe Kanda etwas erwidern konnte, hatte die Exorzistin neben ihm schon ihre Flügel gespannt und sich über den Bug geworfen, um dem Boot entgegen zu fliegen.

Wer auch immer von der Mannschaft gerade in der Nähe war, unterbrach seine Arbeit und beobachtete die junge Frau mit den Flügeln, und Kanda konnte sogar so etwas wie Anerkennung in dem Gemurmel erkennen, auch wenn er die Sprache nicht verstand. Auch seine Augen waren auf die fliegende Gestalt geheftet, wie sie über dem Boot eine enge Kurve flog, die ausgestreckten Hände einer Person ergriff und diese aus dem Boot hob. Die andere Person machte sich klein, um im schwankenden Boot das Gleichgewicht zu behalten, während Jinai einen der beiden zum Schiff zurückflog.

Nach einer Minute landete Jeremy neben ihm, mit sonnenverbrannter Haut, aufgesprungenen Lippen und rissigen Händen, aber lebendig. Zwei Minuten später gesellte sich Kie dazu, in ähnlichem Zustand, ehe Jinai wieder landete.

Der jüngste unter den Exorzisten öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, als sich hinter ihm der Kaptein zu Wort meldete: „Gleich drei vatikanische Vögel auf meinem lutheranischen Schiff, av Gud! Können wir jetzt endlich beidrehen?"

oOo

26. Juni 18xx, 07:03 Uhr, Imerissoq, auf einer Insel vor Grönland

Die kleinen Steine unter Tickys Stiefeln knirschten, als er aus dem Beiboot stieg, das ihn von der Lancashire hergebracht hatte. Der Seewind zerstörte nicht nur seine Frisur, sondern spielte ihm auch die Ausdünstungen der Seeleute zu, die ihn an Land gerudert hatten. Sie rochen nach Angst und das sollten sie auch.

Ticky war wütend.

Nicht nur hatte er im Alleingang die Geisel und das experimentelle Akuma des Grafen verloren, er war auch noch gezwungen gewesen, den Rest der Reise auf diesem Schiff zurückzulegen, weil die Exorzisten alle Akuma auf der Lancashire zerstört hatten. Und weil er der Mannschaft erst demonstrieren musste, warum es besser war, wenn sie ihn schleunigst nach Imerissoq brachten, wie es ursprünglich geplant gewesen war, war die Mannschaft noch um ein paar Mitglieder geschrumpft.

Als er bemerkt hatte, dass sie damit zu wenige waren, um das Schiff auf Höchstgeschwindigkeit zu halten, hatten sie noch ein paar von ihnen verloren.

All das kumulierte in einer massiven Verspätung der Lancashire, was seine Laune nicht gerade besserte. Und er hatte den starken Verdacht, dass Road genau wusste, dass er auf diesem Schiff festgesessen hatte, und ihn bewusst schmoren hatte lassen.

Dabei war alles ihre Idee gewesen.

Nun, nicht alles, korrigierte der Noah sich, während er den nassen Steinstrand hinauf zu den windschiefen Hütten ging. Das Akuma mitzunehmen war alleine auf seinem Mist gewachsen. Und trotz der Tatsache, dass er von ihr angestiftet und unterstützt worden war, würde er den Löwenanteil des Wutanfalls abbekommen.

Ticky hielt auf das größte der verfallenen Häuser zu, ein Fachwerkhaus, an dem in den letzten Jahrzehnten offenbar ab und zu Raubbau betrieben worden war. Die längst aufgegebene Siedlung bot einen trostlosen Anblick, und doch spürte der Noah, dass sich darin einige Akuma verbargen. Wer auch immer die Lancashire erwartete, hatte Verstärkung mitgebracht.

Er stieß die Tür auf, die schief in den Angeln hing, und sah sich um. Staub und Verfall begrüßten ihn, aber sonst niemand. Hatte denn niemand das große Dampfschiff vor der Küste bemerkt?

Dann hörte er im hinteren Teil des Hauses ein Poltern. Gleich darauf erschien eine hübsche junge Blondine in der Tür, schob die dunkle Brille auf ihrer Nase hinauf und verschränkte die Arme. „Also. Erkläre mir das."

Ticky seufzte. Wenigstens musste er sich nur Lulu Bell erklären. Sie neigte nicht dazu, mittendrin in Tränen auszubrechen wie das Gräflein. Stattdessen hörte sie schweigend zu, während er berichtete, was in den letzten Tagen vorgefallen war, und beobachtete ihn emotionslos, während er gestikulierend auf- und abmarschierte.

„Um es zusammenzufassen", sagte sie, als er endlich geendet hatte, „Du hast dir gedacht, du machst einen kleinen Ausflug – mit Unterstützung von Road – und spielst ein bisschen mit den Exorzisten, die zu fangen den Grafen so viel Mühe gekostet hat. Dabei stiehlst du ein Experiment, das während deinem Ausflug zerstört wird, und verschaffst den Exorzisten auch noch die Gelegenheit zur Flucht. Und das einzige, was wir davon haben, ist ein Schiff, das wir nicht brauchen, während du gleich zwei unserer Pläne in den Sand gesetzt hast."

„Bei dir hört sich das so dramatisch an", brummte Ticky missmutig.

„Es wäre noch viel dramatischer, wenn der Graf nicht einen seiner Pläne inzwischen wieder verworfen hätte, glaube mir", entgegnete Lulu Bell eiskalt. „Nichtsdestotrotz wird er nicht erfreut sein zu erfahren, dass ihm durch deine Einmischung ein Exorzist durch die Lappen gegangen ist, den er von Herzen gerne studiert hätte."

Ticky horchte auf. „Und das Akuma wird ihn nicht interessieren?" Er witterte eine Chance.

„Nicht mehr so sehr wie vor deiner Abreise", seufzte die Noah. „Er hat inzwischen einen anderen Weg gefunden, sich Zutritt zu verschaffen."

„Zutritt wozu?"

„Dem Hauptquartier der Nordamerika-Branche des Ordens. In ein paar Wochen soll es losgehen."

„Und wir sitzen hier fest und verpassen den ganzen Spaß?", fragte Ticky zweifelnd.

„Nicht doch. Wir werden bald abgeholt. Und wenn du dich nicht allzu dumm anstellst, darfst du auch mit auf diesen nächsten Ausflug."

Das klang doch schon äußerst vielversprechend. Tickys Laune besserte sich schlagartig. Wenn er nicht so viel Schaden angerichtet hatte wie ursprünglich gedacht, würde er das Gräflein schon davon überzeugen können, ihm zu verzeihen. Er musste nur erst von dieser Insel verschwinden.

Dabei fiel ihm etwas ein. „Und was willst du mit dem Schiff und der Mannschaft machen?"

„Was denkst du?"

oOo

28. Juni 18xx, 04:02 Uhr, Hafen von St. John's, Neufundland

Sie hatten St. John's mitten in der Nacht erreicht. Die Lucania lag noch in der Bucht vor Anker und Eirik Lovely hatte sich auf den Weg gemacht, um seinem Captain Meldung zu erstatten. Kaptein Pedersen hatte sich gleich an Bord der Patria verabschiedet und war bereits verschwunden gewesen, ehe sie die Gangway verlassen hatten.

Ein Quartier zu finden, hatte sich als leichter gestaltet als erwartet. In der Zeit, die sie auf der Labradorsee herumgekreuzt waren, hatten die meisten Passagiere der Lucania eine Weiterreise organisieren können, und diejenigen, die kein Geld dafür hatten, hatten auch keines für ein Hotelzimmer. Geld hatten die Exorzisten allerdings auch keines.

Das silbern glänzende Emblem des Ordens auf ihren Jacken öffnete hingegen auch nachts viele Türen.

Nun, zwei Stunden später, hatte Jinai das erste heiße Bad seit Tagen genommen, und saß, eingewickelt in eine warme Decke, auf dem Fensterbrett ihres Zimmers in einer kleinen, gemütlichen Herberge, und blickte auf die schlafende Stadt hinaus. Sie war nicht müde, obwohl sie es nach den Strapazen der letzten Tage sein hätte sollen. Die Müdigkeit würde sie einholen, wenn der Sturm in ihrem Bewusstsein sich gelegt hatte.

Trotz der späten – oder vielmehr frühen – Stunde hatten sie gleich im Hauptquartier angerufen, um Komui Bescheid zu geben. Dort war es bereits später Abend gewesen, aber in der Wissenschaftsabteilung arbeitete immer irgendjemand, und dieser Jemand hatte nicht lange gebraucht, um den Abteilungsleiter zu finden. Er hatte nacheinander mit jedem einzelnen von ihnen sprechen wollen; so kurz und bündig das Gespräch mit Kanda auch ausgefallen war, so hatte das Gespräch, das sie mit dem Chinesen geführt hatte, umso länger gedauert.

Zu ihrem Glück hatte sich Komui dieses bis zum Schluss aufgehoben und so waren alle anderen längst gegangen, als er sie fragte, ob er sie von dieser Mission abziehen sollte. Entweder sie, hatte er ergänzt, oder Kanda.

Einen Moment lang hatte sie nicht gewusst, wie sie antworten sollte. Ein Teil von ihr hätte gerne vermieden, noch mehr Zeit in der Nähe des Exorzisten zu verbringen, der sie unentwegt daran erinnerte, was sie verloren hatte. Der andere Teil hoffte noch immer, vermutlich vergeblich, doch er hoffte.

Schlussendlich hatte sie sich entschieden, pragmatisch zu sein. Die Mission hatte Vorrang, und auch wenn Jeremy und sie diesmal entkommen waren, konnten sie sich nicht darauf verlassen, dass ihnen das immer gelang. Es wäre unsinnig, auf die zusätzliche Kampfkraft zu verzichten, und so erklärte sie Komui, dass sie beide bleiben würden, wenn er sie entbehren konnte.

Komui hat geantwortet, er habe das Angebot ihretwegen gemacht, werde es sich aber durch den Kopf gehen lassen, und hatte das Gespräch bald darauf beendet. Es gab ihr zu denken, dass er sich nicht sicher war, ob die Kampfkraft eines weiteres Exorzisten nicht an anderer Stelle dringender benötigt wurde, doch darüber musste er entscheiden.

Und nun saß sie da und haderte mit ihren Entscheidungen. Sie hatte Kanda auch noch nicht erzählt, dass sie herausgefunden hatten, wo seine fehlenden Erinnerungen geblieben waren. Oder wie rasch sie tatsächlich unwiederbringlich verloren gegangen waren.

Über den Dächern der Stadt tanzten ein paar blaue Funken.