Kapitel 4

Als der Morgen anbrach, bedeckten die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne, die Fenster und strahlten somit Ayumi ins Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen, denn sie wollte noch nicht aufstehen. Nach einiger Zeit entschied sie sich doch noch aufzustehen und blinzelte erst einmal, damit sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten. Sie fühlte sich immer noch leicht benommen und ihr Sichtfeld war leicht verschwommen, aber auch daran gewöhnte sie sich nach und nach. Die Schmerzen der gestrigen Nacht jedoch waren komplett weg, aber das hinterfragte sie nicht. Sie war sich ganz sicher, dass die Medikamente, die ihr Conan am Tag davor gab, gewirkt haben sollten und war ihm sehr dankbar dafür.

Das allererste, was sie spürte und zum Aufstehen bewegte, waren ihre Füße, die merkwürdigerweise eiskalt waren. Sie versuchte ihre Beine zu sich zu ziehen, doch es sah aus, als würde dafür ihre Decke nicht ausreichen. Sie sah auf die Stelle, wo ihr Bett endete und beobachtete nachdenklich ihre Füße, die sich auf der Bettkante gemütlich machten. Irgendetwas stimmte nicht, das war sie sich ganz sicher. Normalerweise würde ganz und gar ihre Bettdecke dafür ausreichen und an die Bettkante kam sie schon gar nicht erst heran, geschweige denn darüber.

Ayumi bewegte sich und setzte sich auf ihrem Bett hin. Sie sah alles mit komplett neuen Augen, als wäre ihre Sicht um einiges erweitert worden. Aufstehen fiel ihr nicht wirklich leicht, deswegen hatten ihre Beine leicht nachgegeben, als sie es zum ersten Mal in diesem Tag versuchte. Als sie genügend Kraft fand, um aufstehen zu können, wackelten ihre Beine ein wenig, aber sie schaffte es endlich auf eigenen Beinen stehen zu können.

Der Anblick, der sich ihr bot, war unglaublich. Ihr Tisch, ihre Schränke, selbst die Regale, die sie immer nur von unten gesehen hatte, alles zeigte sich für sie plötzlich in einer komplett anderen Perspektive.

„Hä, wa-was ist das denn…?"

Ayumi rieb sich die Augen und starrte auf alles, was sich in ihrem Umfeld befand und lief ums Zimmer. Sie konnte es nicht fassen. Hat sich ihr Zimmer verkleinert? Oder ist sie einfach nur…

Sie sah sofort auf den Boden und merkte, wie ihre Füße und Hände sich jetzt aus einer viel höheren Sicht zeigten. Nicht nur das, auch da bemerkte sie, dass sich der Schlafanzug, den sie anhatte, ihr langsam an ihrer Haut riss. Ayumi war verwirrt und alles was sich für sie irgendwie anders anfühlte, verwirrte sie umso mehr. Sie fand einfach keine Antwort auf diese Veränderung.

„Autsch, das zieht total…"

Erst einmal musste sie die ihren Schlafanzug ausziehen, denn dieser störte sie nur und begann sich in ihre Haut wie ein Messer zu schneiden. Sie zog ihn daraufhin aus und schmiss die Sachen einfach auf das Bett, denn etwas Anderes hat jetzt ihre volle Aufmerksamkeit erlangt.

Der Spiegel zeigte ihr den vollen Ausmaß ihres Körpers. Ihre Augen weiteten sich. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Sie betrachtete jeden Winkel und Kurve, die sie auf das Spiegelbild zurückwarf, bis sich plötzlich ihr Interesse in pure Selbstscham veränderte und sie sich sofort zurück ins Bett warf und sich mit ihrer etwas zu klein geratenen Decke eindeckte, als würde sie sich selbst vor ihrem eigenen Spiegelbild verstecken wollen.

„Das kann nicht sein. Bin ich wirklich…?", murmelte sie, immer noch verwirrt.

Schließlich saß sie für eine Weile dort und bewegte sich nicht. Dann beschloss sie sich erst einmal einzudecken und sich so aus ihrem Bett zu bewegen. Zu allererst suchte sie in ihrer Kommode und ihrem Schrank nach ihren Anziehsachen, doch bei halbem Wege merkte sie, dass das bei ihrem Zustand nicht funktionieren würde.

Bei ihrer Mutter fand sie, was sie suchte, aber die Kleider sahen ihr eher Altmodisch aus, deswegen zögerte sie eine Weile. Egal, irgendwie schaffe sie das schon. Sie nahm die Sachen mit in ihr Zimmer, um sie anzuprobieren.

Als sie auch damit fertig wurde, traute sie sich wieder zum Spiegel vor. Der Anblick erstaunte sie erneut. Ihr Körper ist deutlich größer geworden und ihr Gesicht zeigte deutliche Veränderungen, die sie eher faszinierte, anstatt sie umso mehr zu verwirren.

„Woah, das bin wirklich ich? Unglaublich!", rief sie und drehte sich im Kreis, um sich von allen Seiten zu betrachten.

Sie trug einen roten Pullover, dessen Ärmel ihr wie angegossen passten und eine lange grau blaue Jeanshose. Jetzt sah sie wirklich wie eine Oberschülerin aus. Ihre Gesichtszüge erinnerten sie stark an Ran und sie betrachtete sich selbst umso mehr.

„Jetzt seh ich ja fast aus wie Ran. Einfach unfassbar.", sagte sie schließlich und sah sich ein weiteres Mal in ihrem Zimmer um. Regalfächer, an denen sie früher nicht oder nur mit mühevollen Strecken hochkam, um etwas reinzustellen oder herauszunehmen, konnte sie jetzt mühelos benutzen. Sie betrachtete sich wieder im Spiegel. Wie alt wäre sie jetzt wahrscheinlich? 16 oder 17? Bevor sie weiter nachdachte, merkte sie, dass ihr Shirt unter dem Pullover ihr Schwierigkeiten machte. Neugierig starrte sie auf ihre obere Körperhälfte. Der Anblick fesselte sie und so starrte sie unentwegt auf die Veränderungen, die sich ihr zeigten.

Sie suchte im Schrank ihrer Mutter nach einer Lösung für dieses Problem und fand es auch ganz schnell. Sie kehrte nach einer langen Weile in ihr Zimmer zurück und sah sich wieder im Spiegel an. Und wieder hörte ihr Zustand nicht auf sie aufs Neue zu faszinieren.

Schließlich ging sie in die Küche, um sich auch dort umzusehen und zu Essen und sah die Nachricht, die offensichtlich ihre Mutter hinterlassen hatte.

„Ayumi, ich habe dir die Medikamente auf den Tisch gelegt, falls es dir wieder schlecht geht. Ich komme heute ziemlich spät nach Hause, deswegen bitte ich dich für heute hier zu bleiben und ausnahmsweise nichts mit deinen Freunden zu unternehmen, ja? Gruß, deine Mama."

Sie las sich den Zettel durch und fing an zu grinsen.

„Ach Ma, wenn du dich schon um mich Sorgen machst, warum stellst du die Medikamente dann nicht in meiner Reichweite, anstatt sie auf den Küchentisch zu platzieren.", sagte nur dazu.

Also wirklich, das passte zu ihr. Aber ist auch gut, sie ist eine vielbeschäftigte Frau, also kann sie es sich nicht leisten, ihren Arbeitsort zu verlegen, dachte Ayumi.

Ihr Magen meldete sich. So eine schlagartige Veränderung zu durchleben, machte einen schon hungrig. Sie stellte sich erst einmal das Essen vom Kühlschrank auf den Tisch. Als sie ein drittes Mal in den Kühlschrank hinein schaute, bemerkte sie eine Vesperbox, die wahrscheinlich ihre Mutter lange zuvor gemacht hatte. Ayumi lächelte darauf nur und stellte diese auch auf den Tisch.

„Danke Mama…", sagte sie und setzte sich hin, bevor sie den Deckel aufmachte. Sie war nicht sonderlich erstaunt, wie gut ihre Mutter kochen konnte, denn sie hatte sich schon lange an ihre wunderbaren Kochkünste gewöhnt. Nach dem Essen, welches sie reichlich genoss, war sie komplett voll und glücklich. Widerwillig musste sie an Genta denken, wie er sich Massenweise Portionen von Aal auf Reis in sich hineinstopfte, ohne Anzeichen zu zeigen, dass er platzte. Sie musste sich zurückhalten, um nicht lauthals zu lachen und damit die Nachbarn zu wecken. Stattdessen saß sie nur da und grinste vor sich hin.

Nach einiger Zeit stand sie auf und ging wieder in den Flur, während sie fieberhaft nachdachte bei wem sie um Erklärung bitten könnte. Ihre erste Wahl fiel natürlich sofort auf den Professor, denn er hatte unglaublich viele Ideen und schlaue Erfindungen parat und vielleicht gehört das ja auch nur wieder zu irgendeinem seiner verrückten Experimente. Sie beschloss deswegen erst einmal zu ihm zu gehen. Vielleicht wusste er, wie man diesen Zustand umkehren konnte. Zur Schule konnte sie ja nicht hingehen, da sie sonst in diesem Zustand zu sehr auffallen würde.

„Ich will ja Conan keine weiteren Probleme mehr bereiten. Ich habe sie alle in diese Situation hier gebracht und ich werde das auch selber bewältigen können.", sagte sie in den Spiegel vor der Eingangstür, an der sie noch am Vortag gezittert hatte. Sie zog sich die ihr verbliebene Jacke ihrer Mutter an und machte sich auf den Weg nach draußen. Zusätzlich nahm sie auch noch ihre Handtasche mit, an der ihr Detective Boys Remitter noch am Schlüsselbund hing, den sie sich zuvor eingesteckt hatte.

Die Treppen konnte sie jetzt leicht überfliegen und nahm es mit Anlauf gleich mit 4 bis 5 Stufen auf einmal auf. Bei der Landung knallten ihre Winterstiefel, die sie sich zusätzlich aus der Garderobe geliehen hatte, hart auf den Boden auf und das Echo schallte von Etage zu Etage unaufhörlich weiter. Alle Frustrationen und Stress, die sie gestern noch verspürte, waren wie weggeblasen und sie fühlte sich lebendiger als je zuvor. Am liebsten würde sie diesen Moment für immer bei sich behalten, dachte sie sich, als sie die Treppe hinunterstürmte und einem Flur nach dem anderen unaufhaltsam hinuntersauste.

Als sie die Tür zum Ausgang öffnete, war ihre Aufregung plötzlich weg. Sie starrte wieder auf die leere Straßen, die sich am Morgen mit vorbeifahrenden Autos füllten. Sie hatte vor lauter Enthusiasmus vergessen, warum sie die ganze Nacht so traurig war und wagte sich nur noch langsam weiter die Straßen entlang. Es regnete nicht und die Sonne schien noch, aber es war trotz allem kalt und ihre Nase meldete sich von Neuem.

Ayumi sah sich um, während sie weiter die Straßen entlang lief und erkannte, dass sie nicht die einzige war, die in dieser Zeit die Gehwege entlang spazierte. Sie sah lauter Oberschüler in ihrem „derzeitigen" Alter, die sich auf den Weg zur Schule machten und dachte womöglich darüber nach, wie sie in den Schuluniformen wohl aussehen möge. Vielleicht würde es ihm ja auch gefallen? Nein, nein, nein, jetzt gibt es wichtigeres zu tun als das. Sie schüttelte angestrengt den Kopf. Nein, so ein Blödsinn… Was denkt sie denn da?

Sie sollte sich jetzt mehr auf ihre Umgebung konzentrieren, denn von hinten hörte sie jemanden rufen: „Pass auf, hinter dir!"

Ayumi drehte sich um und sah plötzlich einen Mann, der wie ein Bankräuber gekleidet, auf sie zu rannte.

„Aus dem Weg, kleine Tunte! Lass mich durch!", rief dieser Mann.

Ayumi hatte keine Ahnung und keine Zeit, wie sie reagieren sollte und nahm ohne groß noch zu überlegen, die Handtasche als Waffe, welchen sie mit ordentlich Schwung gegen den Räuber ins Gesicht warf. Sie traf ihm genau aufs Auge, wobei er an Balance verlor und an einem „Frisch Gestrichen" Schild stolperte, was ihn direkt auf die vom Schild hingewiesenen Bank katapultierte und er diese mit lautem Quietschen entlangrutschte und schließlich mit dem Kopf gegen die Armlehne knallte. Ayumi selbst verlor die Balance und stürzte auf den Boden, wo sie in dieser Position verharrte.

Der Räuber war somit K.O. und Ayumi sah ihn nur noch an. Sie konnte nicht fassen, was gerade passierte und war perplex. Der Urheber der Stimme, die Ayumi zuvor gewarnt hatte, holte ihn schließlich auch noch ein und lief Ayumi entgegen. Es war ein Oberschüler im selben Alter mit einem etwas burschikosen Aussehen und einer straffen Haltung. Seine Mütze verdeckte seine Augen, was ihr zuallererst auffiel. Er sah sich den Täter neugierig an und drehte sich zu Ayumi um. Dann prustete er los, wobei sie diese Reaktion von ihm nicht erwartet hätte.

„Meine Güte, ich fass es nicht. So hast du ihn auf die Bretter geschickt? Haha, ich kann nicht mehr. Ich hätte ihm mit einem Roundhouse Kick eine verpasst, aber dein Einsatz war auch nicht übel, hahaha!", begann dieser Junge lauthals zu lachen an. Er packte den Übeltäter am Kragen, sodass Ayumi seinen mit Farbe bestrichenes Gesicht sehen konnte. Ayumi war jedoch zu schockiert, um mitzulachen, geschweige dem einen Kommentar beizulegen. Sie stand einfach nur verwirrt da und konnte keinen Ton herausbringen, denn um die dreien hat sich schon eine neugierige Gruppe von Passanten entwickelt, die die Aktion miterlebten. Einige zückten schon ihre Handys, um dieses Ereignis zu filmen.

„Boah, das hat die ganz alleine geschafft? Unglaublich!", hörte sie jemanden von der Menge flüstern.

„Meine Fresse, ist die niedlich!"

„Gott, ich hätte sie doch wirklich gern als Freundin gehabt."

„Vergiss es, Takeshi. Jemand, wie du doch nicht, hahaha!"

„Oye, lass mich doch auch mal träumen, Alter."

„Was für eine unglaubliche Leistung. Einfach so einen Kriminellen auf die Strecke zu bringen, ist wirklich genial!"

Das Murmeln und Raunen der Menge hinter ihnen machte Ayumi etwas nervös, aber sie starrte nur noch auf den Jungen, der sich ihr näherte. Er reichte ihr die Hand.

„Kannst du aufstehen?", sagte er und half ihr wieder aufzustehen.

„J-Ja.", stotterte sie.

„Danke erst einmal. Du hast mir bei dem Fall einiges erspart.", sagte er und lächelte ihr zu.

„K-Kein Problem…", entgegnete sie ihm schüchtern. Der Junge schien ziemlich nett zu sein. Sie bemerkte plötzlich, wie er stockte, als würde er über etwas nachdenken.

„Warte mal, jetzt wo ich dich so ansehe, kommst du mir doch glatt bekannt vor. Haben wir uns nicht schon mal gesehen?", antwortete der Junge und musterte Ayumis Gesicht.

„Nein, a-also… I-Ich denke nicht.", sagte Ayumi und drehte sich um, um ihr schon errötetes Gesicht zu verbergen.

„Achso? Dann… Alles klar dann, danke nochmals. Wärest du nicht gewesen, hätt ich ihm noch lange hinterher rennen müssen.", sagte er, als die Polizei schon aufkreuzte, um den benommenen Übeltäter mitzunehmen.

„Ist schon gut. Also dann, a-auf Wiedersehen!", rief Ayumi ihm zurück und lief weiter ihres Weges, während der Junge noch dastand und ihr nachwinkte. Jedoch blieb er nicht lange, denn er bemerkte, dass etwas auf dem Boden aufblitzte. Ein langes Metallstück mit einem Mikrofon und einem Sender?

„Das hat doch dieses Mädchen vorhin wohl verloren, huh?", sagte er und hob das kleine Gerät vom Boden auf. Ihm fiel das Logo und die Aufschrift auf dem Metallstück auf, das ihm entgegen blitzte. Seine Augen weiteten sich und er konnte es vor lauter Erstaunen nicht fassen. Ist es denn die Möglichkeit…?

„Detective Boys… Warte, ist es wirklich…?", stockte der Junge vor Aufregung, „Nein, das kann nicht sein. Unmöglich!"

Er drehte sich um, sah ihr mit ernster Miene hinterher und wollte ihr nachlaufen, aber Ayumi war schon bei der nächsten Straßenecke verschwunden. Der Polizist, der sich ihm näherte, bedankte sich bei ihm, wobei er sich die nächsten paar Stunden darüber wunderte, warum sich der Junge sich so sehr aufregte, dass er von jedem als Junge bezeichnet wurde.

Ayumi rannte währenddessen weiterhin die Straßen von Beika entlang, während von allen Seiten Blicke auf sie geworfen wurden, teils gefolgt vom Gemurmel und Gestaune, wie süß sie aussehe, bis hin zu einigen Oberschülern, die im nächsten Moment von ihren Freundinnen aufs Maul bekamen und als Perverse beschimpft wurden, weil sie ihr angeblich „Lüsterne Blicke" zuwarfen. Ayumi beachtete sie nicht. Sie war so darauf konzentriert ihr Ziel zu erreichen, dass sie nicht die Person hinter ihr bemerkte, die sie stets mit reichlich Abstand verfolgte.

Das Haus vom Professor war sehr groß und geräumig und Ayumi konnte es nach einiger Zeit auch vom weitem sehen. Sie verlangsamte ihr Tempo und ging nur noch in Spaziergeschwindigkeit, da sie ziemlich erschöpft vom Rennen war.

Endlich stand sie vor dem Anwesen vom Professor und das erste was sie merkte, war, dass die Tür und das Schloss ganz locker waren. Sie wunderte sich darüber, (weil der Professor nie die Tür offen ließ, es sei denn die Detective Boys oder entfernte Bekannte werden zu Besuch erwartet,) dann aber machte sie die Tür auf und durch die Wiese, den Weg zur Eingangstür entlang. Diese Tür war geöffnet, was ihr Zutritt zum Gebäude verschaffte. Die Eingangshalle war enorm breitflächig und Ayumi staunte jedes Mal aufs Neue, wenn sie dieses Haus eintritt.

Wenn er schon so viele brilliante Erfindungen hergestellt und verkauft hat, dann muss er wirklich reich sein, dachte sie dabei wieder und wieder.

„Hallo, Professor?", rief Ayumi nach ihm.

Keine Antwort.

„Professor Agasa, hören sie mich?", rief sie erneut, diesmal etwas lauter.

Wieder keine Antwort. Nur das Geräusch des Windes, dass durch die Fenster pfiff, kam ihr entgegen. Ayumi blieb stehen und sah sich etwas um.

„Hmm… Warum antwortet er nicht? Ist er etwa nicht da, oder kann er mich einfach nicht hören?", fragte sie sich, während sie durch die Eingangshalle lief, die gleichzeitig Küche, Wohnzimmer und Esszimmer waren, was sie ehrlich gesagt ziemlich praktisch fand.

Sie schlenderte zuerst durch die große Halle, während sie nach dem Professor suchend, jede Ecke und jeden Raum, zu dessen Zugang sie sich verschaffen konnte, gründlich durchstöberte. Keine Spur von ihm. Ayumi blieb nichts Anderes übrig, als direkt ins Hauptlaboratorium zu gelangen, da sie bisher noch nie gewesen war. Sie erinnerte sich stets an die Warnung, die der Professor ihnen vor dem ersten Zusammentreffen mit ihm und den Detective Boys.

„Mein Laboratorium ist voller Experimente, an denen ich bisher noch arbeite, die mir sehr wichtig sind und deswegen betretet ihr nie diesen Raum, habt ihr verstanden, Kinder?", sagte er ihnen damals, als Mitsuhiko einmal aus purer Neugierde den Raum betrat und aus Versehen einen Schrank voller fehlgeschlagenen Erfindungen fallen ließ, welches ihn fast unter sich begrub, wäre Conan nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen, um ihn von dem fallenden Schrank wegzuzerren.

Mitsuhiko sah zu Boden und antwortete nur mit einem: „Es tut mir leid, Professor."

Der Professor rückte seine Brille zurecht und antwortete: „Ist schon gut, Mitsuhiko, dir ist ja nichts passiert. Aber pass in Zukunft besser auf, wo du hingehst, denn wer weiß was dir hier sonst noch passieren könnte."

Ayumi war als einzige abgelenkt und schaute nur auf das, was die offene Tür des Raumes vor ihr preisgab. Allerlei Krimskrams stapelte sich auf dem Labortisch, von einem langen Gerät, bei dem am Ende sechs lange Stangen befestigt waren und somit für sie als eine Art futuristischer Regenschirm aussah, bis hin zu einem Gerät, das ihrer Meinung nach einer seltsamen Mischung einer Faxmaschine und einer Waschmaschine ähnelte und ihr somit unerklärt blieb, für was diese Erfindungen nützlich sein könnten.

Der Raum an sich war schon Mysteriös genug, um Ayumis volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und jetzt, da dies der einzige Raum ist, den sie noch betreten konnte, war sie aufgeregter denn je. Sie hatte sich schon lange Zeit Gedanken darüber gemacht, was sich alles hinter den zwei Sicherheitstüren verbergen könnte und hatte bis jetzt keinen Moment genutzt, um diesen Raum zu erkunden, weil sie ständig zwischen schlechtem Gewissen und Neugierde hin und her gerissen wurde.

Doch diesmal war alles anders. Die Neugierde hatte sie schon längst gepackt, überwältigt und sie förmlich zur Tür geschleift, hinter der sich das Hauptlaboratorium des Professors befand. Sie zögerte ein wenig, während sie vor der großen weißen Tür stand und wie gebannt auf die Inschrift mit schwarzer Farbe auf einer gelben Fläche starrte, die natürlich sehr viel an Aufmerksamkeit auf sich zog, um möglichst viel Warnung auszustrahlen, so wie farbige Giftfrösche, die mit ihrem sehr auffälligen Aussehen angeben, dass man sich von ihnen fernhalten sollte. Und Ayumi wusste das nur zu gut.

„Bitte nicht stören!" und „Zutritt strengstens verboten!" stand auf den Türen klar und leserlich geschrieben.

Nun, wenn der Professor nicht da ist… Dann ist es nicht so schlimm, wenn er nichts davon erfahren würde, richtig? Und immerhin ist das hier ein Notfall, also wird das hier von Nöten sein. Sie schluckte. Irgendwie hatte sie auch Angst, einen Fehler zu machen, der den Professor wütend auf sie machen würde, aber sei's drum.

„Ich denke nicht, dass er sich nur noch darüber ärgern würde, auch wenn ich ihn jetzt um Hilfe bitte.", murmelte Ayumi und wollte sich der Tür nähern, als von innen Schritte näherten, die aus ihrer Sicht anhörten als würde jemand hastig versuchen, den Raum so schnell wie möglich verlassen zu wollen.

„Was ist da los?", konnte Ayumi noch sagen, bevor die Tür aufsprang und Ayumi instinktiv einen Sprung zurück machte, um ihr auszuweichen. Die Person, die gerade aus dem Raum stürmte, war niemand anderes als der Professor persönlich, offensichtlich schweißgebadet und angespannter als je zuvor. So hatte sie ihn noch nie erlebt.

„Aus dem Weg! Gleich knallt's hier!", schrie er so laut er konnte und schloss so schnell, wie es ihm möglich war, die schwere Schutztür, so als würde er sich hinter ihr verbarrikadieren.

Ein weißes Licht füllte den Raum und in Sekundenbruchteilen füllte sich das gesamte Gebäude mit einer lauten Explosion, die durch die Halle hallte und bis zu den Nachbarhäusern zu hören war. Beide hielten sich die Ohren zu, um nicht von diesem Lärm taub zu werden. Die Türen erzitterten bei der Energie, die sich bis ins Äußere entlud. Dann war es vorbei. Stille legte sich wieder über die beiden, die sich nach einiger Zeit wieder gegenüberstanden. Der Professor sackte zu Boden und wischte sich mit einem Taschentuch seine mit Schweiß getränkte Stirn ab. Ayumi erkannte, dass er ganz schwarz im Gesicht war, anscheinend vom vielem Experimentieren, was sie vorerst annahm.

„A-alles okay, Professor?", fragte sie und sah ihn besorgt an.

„Mir geht es gut, Ayumi, danke der Nachfrage. Ich bin nur etwas erschöpft nach der Arbeit. Routine versteht sich.", antwortete er sichtlich gekränkt, während er den Blick zu Boden senkte.

„Ich sollte wirklich mehr auf die Details achten, sonst passiert mir so etwas noch viel öfter.", sagte er und lachte leicht.

„Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob Ihnen nicht doch etwas Schlimmes passiert ist.", antwortete Ayumi immer noch in voller Aufregung.

„Haha, ich danke dir vielmals, aber das ist mir jetzt nicht wichtig. Wichtiger ist jetzt die Frage, warum du noch nicht in der Schule bist, Ayu-… mi-…", stotterte er, während er den Kopf hob und eine Oberschülerin vor sich erblickte, die besorgt ihre Hand nach ihm ausstreckte, um ihm aufzuhelfen. Seine Augen weiteten sich, als er ihr ins Gesicht sah. Er nahm seine Brille heraus, putzte sie und blinzelte mehrmals in purem Erstaunen.

„Wer bist du denn? Warte eine Sekunde. Bist das wirklich du, Ayumi?", fing er nach einer kleinen Pause an und rückte seine Brille zurecht, während er angestrengt ihr Gesicht musterte.

„Ähh… Ich denke schon.", antwortete Ayumi, mit einem etwas verschämten Lächeln. Der Professor starrte sie nur noch mit offenem Mund an, ohne einen Ton von sich zu geben. So etwas ist ihm noch nie passiert und nie hätte er gedacht, eine Situation so bizarr, wie er es noch nie erwartet hätte, jemals noch zu erleben.

„A-Ayumi, du… du bist ja…, aber wie…", stotterte er schließlich und versuchte jegliche Logik aus dieser Situation herauszuholen und sich einen Reim daraus zu machen, die für ihn einen noch plausibleren Sinn ergab, als das was sich gerade vor ihm ereignet hatte.

„Professor, aber ich bin es doch. Erkennen Sie mich nicht mehr?", sagte Ayumi, um ihm die Realität näher zu bringen, während sie ihm hoch half, sonst würde er ihr noch zusammenbrechen, bei dem Informationsfluss, den er gezwungen war, zu verarbeiten. Trotz ihrer neuen Gestalt war er ziemlich schwer, das musste sie zugeben.

Nach einiger Zeit, die der Professor mit Anstarren und Mustern ihres Gesichts verbrachte, gingen die beiden zurück zum Wohnzimmerteil der Eingangshalle, wo er sich erst einmal zur Beruhigung einen Tee machte und sich Ayumi gegenüber auf das Sofa hinsetzte, wobei er den Blick nicht von ihr weichen ließ, als könne er immer noch nicht fassen, dass vor ihm eine 16 oder 17-jährige Ayumi vor ihm saß und etwas aufgeregt auf den Tee blickte, an dem er gerade nippte.

Schließlich konnte Ayumi diese angespannte Stille nicht mehr ertragen und fing an ihm die Geschichte zu erzählen, wie sie einen Mord miterlebt und sich beinahe selbst in Gefahr begeben hatte, wie Conan sie im Treppenhaus gefunden hatte und wie sie in diesem Zustand aufwachte. Die Details, wie die Stelle mit Conan in ihrem Zimmer, erzählte sie ihm lieber nicht, ihr war es einfach nur zu peinlich. Professor Agasa hörte ihr aufmerksam zu, während er an seinem Tee schlürfte und ließ kein Detail aus. Schließlich stellte er die Teetasse auf den Tisch und lehnte sich zurück, als Ayumi zu Ende erzählt hatte.

„Also, darf ich das richtig verstehen, ja? Du hast also das Medikament genommen und dann hast du dich in diesem Zustand wiedergefunden.", sagte der Professor nachdenklich und richtete seinen Blick zum Fenster auf die Terrasse hinaus.

„Genau. Ich weiß nicht, was die Ursache dafür sein könnte, aber ich vermute mal, dass das die komische Pille war, die aus der Packung genommen habe, die mir Conan hingestellt hatte.", antwortete Ayumi mit einem sehr zielstrebigen Blick.

„Ist das nicht diesmal vielleicht einer Ihrer komischen Erfindungen, Professor?", fügte sie noch hinzu, wobei der Professor sich vor lauter Aufregung am Tee verschluckte, prustete und anfing ununterbrochen zu husten.

„Köhö, köhö… ähh… wie kommst du köhö… denn darauf, Ayumi?", brachte der Professor heraus, während er sich auf den Rücken klopfte.

„Na, ich weiß doch, dass sie an allerlei Zeugs arbeiten und dachte mir, das würde zu ihnen gehören. Vielleicht hat sie jemand dazu beauftragt oder so.", sagte sie mit besorgter Miene, lief zu ihm und klopfte ihm auf den Rücken, worüber er sich bei ihr bedankte.

„Also, Ayumi. Ich denke nicht, dass so etwas selbst für jemanden für mich möglich sein könnte, solch eine Erfindung herzustellen.", spekulierte der Professor, nachdem sich sein Hals beruhigt hatte.

Ayumi konnte schon förmlich sehen, wie sich seine Zahnräder in Bewegung setzten, während er interessiert darüber nachdachte. Sie war erleichtert, dass sie wenigstens jemanden hatte, mit dem sie darüber reden konnte. Doch wie würde ihre Mutter im Gegensatz zu ihm reagieren? Sie war sich nicht sicher, ob sie so ein Risiko eingehen würde. Sie wollte ihre derzeitige Gestalt nicht an die Öffentlichkeit preisgeben, so war sie sich sicher. Und doch hatte sie schon einen Vorfall provoziert, der ihren Wunsch verblassen ließ. Jetzt gibt es eine Sache mehr, um die sich Ayumi Sorgen machen musste. Verdammt! Warum ausgerechnet sie?

„Na gut. Ich sehe schon, wie sehr dich das stresst. Wie wär's, wenn du bei mir bleibst, bis Conan und Ai hierherkommen, hmm?", schlug der Professor vor, während er die leere Teetasse in die Spülmaschine, (die er selbst, jedenfalls prahlte er darüber, aus alten übrig gebliebenen Teilen seiner fehlgeschlagenen Erfindungen zusammengebaut hatte,) stellte.

„Wirklich?", sagte Ayumi und sah ihn hoffnungsvoll an.

„Ja, aber natürlich. Keine Frage, du siehst auf jeden Fall aus, als bräuchtest du dringende Hilfe. Was wäre ich denn für eine Person, wenn ich so ein verzweifeltes Mädchen wie dich einfach so aussperren würde."

Er lachte, machte die Klappe zu und schaltete die Spülmaschine an, die an sich ziemlich voll war.

„Professor, ich hab da noch eine Frage.", begann Ayumi, diesmal mit etwas mehr Zuversicht.

„Nur zu, Ayumi. Was gibt es denn?"

„Was war das eigentlich vorhin für eine Explosion, Professor?"

„Ach das… Das war nur eine Sache, an der ich ziemlich lange gearbeitet habe und zwar ist es eine Art vollautomatischer Seifenspender, aber das ist nur nebensächlich. Das, mit der Explosion tut mir jedoch wirklich leid. Ich hoffe nur, dass dir nichts passiert ist.", sagte er und begann wieder zu lachen, fing sich dann wieder, weil er bemerkte, dass er sich umso schlechter vor Ayumi darstellen ließ, als es nach seinem markanten Fehlschlag und der Explosion schon war. Ihm war es sichtlich peinlich und er wollte verhindern, dass auch noch Ayumi davon anfängt, seinen Erfindungen zu misstrauen, so wie es Conan und Ai unzählige Male taten. Er war jedoch froh, dass sie trotzdem seine genialen Geräte und Erfindungen benutzten und sie auch funktionierten.

Er blickte zurück zu Ayumi, die ins Fenster hinausblickte und darauf wartete, dass Conan und Ai wieder zurückkommen. Er seufzte und dachte nach, wie er jetzt mit solch einer kritischen Situation klarkommen könnte. Das alles auf die Hände von Conan und Ai zu legen war ihm etwas zu egoistisch.

Die beiden sollten ja nicht alles übernehmen, wenn einer derzeit also Ayumi helfen kann, dann kann es nur ich sein, so dachte er sich jedenfalls.

- Kapitel 4 ENDE -