Kapitel 19 - Der Tag, an dem Natsume starb

„Hab dich gefunden, Papa!", rief das kleine Mädchen voller Aufregung. Der Spielplatz um sie herum war leer, da hier nur selten Kinder von der Nachbarschaft spielten. Die meisten von ihnen, die mit ihr in der Vergangenheit gespielt haben, waren entweder umgezogen, oder wurden älter und gingen in die Schule.

Ihr Vater kam aus seinem Versteck, einer Straßenlaterne, heraus und zeigte sich ihr enttäuscht, während sie triumphierend die Faust in die Luft streckte.

„Wie hast du mich gefunden?", maulte ihr Vater beleidigt. Sie lachte.

„Weil du so dick bist, Papa."

„Bin ich nicht.", verteidigte er sich.

„Bist du wohl.", antwortete sie und lachte umso mehr. Er lächelte bei ihrem Anblick.

„Na schön. Wenn ich so dick bin, warum kann ich dann das…", sagte er und wollte sie mit seinen Händen einfangen, doch Natsume reagierte schnell und entwischte ihm.

„Ahhhh, nein!", rief sie und lachte. Sie erschrak doch noch für einen Moment, als seine beiden Hände sie aufhoben, sie den Boden unter den Füßen nicht mehr spüren konnte und wie wild um sich sprampelte.

„Woah, Natsume… beruhige dich doch. Ich bin's nur.", sagte er spielerisch. Er ließ sie wieder runter auf den Boden.

„Meine Güte, da lass ich euch nur einen Moment aus den Augen und dann stellt ihr wieder irgendwas an.", hörten sie jemand hinter ihnen sagen. Eine Frau mit kurzen dunkelbraunen Haaren und einer dünnen Jacke näherte sich ihnen.

„Mama, wir spielen Verstecken. Willst du mit uns spielen?", fragte das kleine Mädchen. Die Mutter lachte, dann kniete sie sich zu ihr.

„Würde ich gerne tun, Natsume, aber ich habe etwas zu tun."

„Wirklich? Was denn?"

„Ich muss nach Hause und eine ganz wichtige Nachricht schreiben."

„Was für eine Nachricht?"

„Deine Mutter schreibt diese Nachricht, weil sie bald zur Arbeit fährt, weißt du?"

„Mama fährt zur Arbeit?"

Die Mutter streichelte ihr zufrieden über das Haar.

„Ich habe mir ziemlich viel Mühe gegeben, um diese Arbeit zu bekommen."

„Als was?"

„Ich werde in Zukunft als Krankenschwester arbeiten. Da muss ich vielen Menschen, darunter auch dem Arzt helfen."

„Wow…", staunte sie und sah ihren Vater an.

Dieser lachte, als wüsste er wovon sie gerade dachte.

„Tut mir leid, aber wir werden uns bei der Arbeit leider nicht sehen. Deine Mama wird woanders arbeiten."

„Das ist okay. Ich will doch nur, dass ihr beide glücklich seid.", sagte sie und kicherte.

Beide blickten sich gegenseitig verdutzt an, dann lachten sie leidenschaftlich. Natsume sah ihnen zu, dann lachte sie mit ihnen.

„Also schön, lasst uns nach Hause gehen. Es ist schon spät.", bemerkte er und nahm die kleine Natsume zu sich. Er hob sie auf seine Schulter und wandte sich seiner Ehefrau zu, die vom Boden aufstand und sich den Schmutz von den Schuhen wischte.

„Alles okay bei dir? Wie lautet die Diagnose?", fragte er. Sie blickte zu Boden. Die Miene des Vaters verschlechterte sich.

„Nicht so gut.", murmelte sie.

„Was hat er gesagt?"

„Es ist zwar nicht so schlimm, wie anfangs vermutet, aber…"

„Dann…"

„Das heißt nicht, dass ich es auf die leichte Schulter nehmen sollte."

„Ich weiß, ich weiß. Tut mir leid, dass ich gefragt habe."

„Es geht schon.", sagte sie und nahm seine Hand.

„Mama, sieh mal, die Wolken sind schon ganz dunkel.", sagte Natsume, als sie mit dem Finger auf den Himmel zeigte.

„Da hast du recht. Am Besten wir beeilen uns.", antwortete ihr Vater.

Gemeinsam verließen sie den Spielplatz und machten sich auf den Weg nach Hause. Natsume blickte währenddessen auf den weißen Himmel, das von grauen Wolken überschattet wurde.

—-

„Verschwinde von hier!"

Frisches Blut plitschte auf den Boden. Sie öffnete die Augen und sah einen fremden Mann vor sich, der die Schranktür aufgemacht hatte. Der Mann war sichtlich überrascht, dass sich noch jemand im Anwesen befand. Hinter ihm konnte sie die Küche ausmachen, in der sie sich gerade versteckt hatte. Die Küchentür war offen und gab ihr freie Sicht auf den Eingang. Von draußen schienen Geräusche zu kommen, die sich nach einem brutalen Faustkampf anhörten.

„Ein Kind?", fragte sich der Mann verwirrt und hatte seine Pistole auf sie gerichtet.

Sie wollte schreien, doch der Mann hielt ihr den Mund zu. Mit verängstigtem Blick starrte sie auf die ernsten Augen des Mannes. Er besaß eine Narbe auf seinem rechten Auge.

„Was zum…?", flüsterte er.

Der Mann schluckte, als er ihre erschrockenen Augen sah. Auch er schien Angst zu haben, jedenfalls zögerte er lange, so als würde er mit sich kämpfen, bevor er die Waffe weglegte, seinen Zeigefinger vor seine zitternden Lippen hielt und ihr mit einem „Shhhh…" antwortete, womöglich um sie zu beruhigen.

Er schloss die Schranktür. Sämtliche Schüsse fielen von draußen. Natsume hielt sich vor lauter Angst den Mund zu, um nicht loszuschreien. Wer waren diese Leute? Kannte Papa sie von irgendwoher? Ganz egal, gutmütig wären sie definitiv nicht.

Ein leises Piepsen bahnte sich an, durchdrang ihr Trommelfell und ließ alles andere verblassen. Sie hielt sich beinahe pragmatisch die Ohren zu, doch das Piepsen blieb in ihrem Kopf und wurde stetig lauter. Natsume starrte voller Angst auf die geschlossene Schranktür vor ihr.

Gedanken durchströmten sie. Viele von ihnen waren Erinnerungen an ihre Vergangenheit, einige davon wünschten sich, dass das alles aufhören würde und der Rest fragte sich, was als nächstes passieren würde. Sie hatte beinahe das Gefühl, sie verliere den Verstand.

Dann begann alles vor ihren Augen zu verschwinden. Alles war weiß. Weiß, wie… wie Schnee…

(Dein Vater wird sich freuen, wenn du mit ihm spielen kommen würdest.)

Woher kamen diese Stimmen? Halluzinierte sie? War sie schon komplett verrückt geworden? Es war angenehm warm. Sie beugte sich vor und streckte ihren Arm aus. Vor ihr erschien ein schwarzer Umriss einer Tür. Die Verzweifelung, die sie verspürte, gab ihr keine andere Wahl.

(Deiner Mutter geht es wieder besser, glaub mir.)

Sie brauchte sie nur zu öffnen. Natsume lächelte. Nur noch ein weiteres Stück. Sie konnte schon das Licht auf der anderen Seite sehen.

(Hab keine Angst.)

Keine Angst? Die Wärme gab ihr Hoffnung, dass endlich alles vorbei wäre. Dass alles nur ein Albtraum gewesen sei. Genau, nur ein Albtraum.

„Tu es nicht!", schrie jemand.

Seine Lippen bewegten sich langsam, wie in Zeitlupe, als würde er voller Vorfreude die Zeit genießen, die er für seine nächste Aktion investierte. Als sie gerade in dem Moment die Tür aufmachte und durch die Küchentür zum Eingang hindurchblickte, starrte sie geradewegs auf den leblosen Körper der Person, die sie nur zu gut kannte.

„Papa…?"

Sie erkannte das Blut, dass aus seinen durchschossenen Schädel tropfte. Sein Gesicht sah ramponiert aus, als wären gleich mehrere Personen auf einmal in ihn eingedroschen. Die Kleidung war zerfetzt und seine Augen hatten längst an Farbe verloren. Ein grauenhafter Anblick…

Sie blickte in seine ernsten Augen, als der Mann mit zitternden Händen seine Pistole auf das weinende Mädchen richtete.

„Ich sagte dir, hör auf damit…!", rief er Richtung Eingang, doch niemand antwortete ihm.

„HÖR AUF DAMIT, VERDAMMTE SCHEIẞE!", schrie er erneut. Seine Hände zitterten immer mehr. Das Piepsen wurde lauter.

Sie blickte verzweifelt zu Boden. Nein, das muss ein Traum sein. Die Tore waren geöffnet und doch…

Dann begann Natsume zu lachen. Das war ihr erster Gedanke, nachdem sie die Leiche ihres Vaters erblickte. Trotz der anhaltenden Kälte war es überraschenderweise warm.

„Was für eine tolle Geschichte, Papa…", antwortete sie benebelt.

„Was zum Teufel?", murmelte der Mann und ließ seine Pistole sinken. In seinem Gesicht zeigte sich jetzt nichts anderes als pure Angst und Schrecken. So etwas hatte er noch nie erlebt. Er taumelte ein paar Schritte zurück. Das Mädchen wandte sich in seine Richtung um und starrte ihn an.

Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. Hass? Was war das? Trauer? Was kann das nur sein? Schmerz? Was waren das für neuartige Gefühle?

„Selbst in brenzlichen Situationen, solltest du lieber der Gefahr ins Gesicht lachen. Dann verfliegt die Angst schneller als du denkst."

Ihr fielen wieder die Worte ihrer Mutter ein.

Sie wusste, wie man lacht. Vielleicht, wenn sie laut genug lachen würde, könnte sie die Zeit zurückdrehen. Weit zurück bis hin zu ihrer Geburtstagsfeier. Das müsste es sein.

Sie lachte so intensiv, wie sie nur lachen konnte und krabbelte auf den Mann vor ihr zu, der wieder die Pistole auf sie richtete, bereit, um abzudrücken. Vielleicht lachte sie nicht genug, damit der böse Fremde verschwindet.

„Bleib weg von mir!", schrie der Fremde und drückte den Abzug. Die Pistole feuerte mit einem „PENG!", verfehlte aber ihr Ziel nur knapp. Ein leichter Streifschuss. Das Mädchen begann angsterfüllt zu schreien und fasste sich ans rechte Ohr. Sie kam immer näher.

(Es geht mir gut, Papa.)

PENG!

Ein weiterer Schuss. Wieder kein Treffer. Der Mann hielt sich an der rechten Hand, um wieder Kontrolle über das Zittern zu erlangen. Immer mehr Tränen schossen ihr in die Augen, als sie zum ersten Mal mehrere Gefühle gleichzeitig verspürte.

„VERZIEH DICH, MISTSTÜCK!"

Er blickte verzweifelt zur Küchentür, nahm die Beine in die Hand und rannte durch die offene Tür nach draußen.

Natsume spuckte auf den Boden. Es war warm, zähflüssig und roch ekelhaft. Alles drehte sich in ihrem Bauch, als würde alles sich darin befindende endlich rauskommen wollen. Sie krümmte sich vor lauter Qualen auf dem Boden, als Schaum sich in ihrem Mund bildete und aus dem Kiefer hervorquoll. Herausbringen konnte sie nur Würgegeräusche.

Dann spürte sie, wie sie schrie. Es war ein ungewöhnlich lauter und gurgelnder Schrei der Verzweiflung, als hätte sie ihre Stimmbänder nur für diesen Moment trainiert. Sie hielt sich am Hals fest, wie als wolle sie sich selbst erwürgen. Stechender Schmerz breitete sich rasant in ihrem ganzen Körper aus. Am meisten Schmerzen verspürte sie jedoch in ihrem Kopf, genauer gesagt im Gehirn. Die Qualen waren mittlerweile beinahe unerträglich geworden, sodass sie jederzeit das Bewusstsein verlieren könnte.

(Komm mit uns. Er wird dir den Weg weisen.)

Schon wieder diese Stimmen. Sie starrte erneut durch die offene Küchentür auf die Leiche ihres Vaters, dann sah sie nur noch schwarz und ließ ihren Kopf auf den Boden fallen. Ihre offenen leeren Augen konnten nur noch in das gähnende Nichts blicken.

Als Natsume wieder ihr Bewusstsein erlangt hatte, hustete und keuchte sie intensiv. Sie frierte stark und die Zeit, die sie auf dem kalten Küchenboden verbracht hatte, war der Auslöser für einige starke Nieser, die sich kurz darauf bei ihr anbahnten.

Natsume blickte sich um. Ungewaschene Teller und Tassen stapelten sich im Waschbecken und vom Wasserhahn ertönte dann und wann ein leises Plitschen. Die fast gefrorenen Fenster waren geschlossen und ließen ein kleines Stück Sonnenlicht auf sie herab. Das Licht im gesamten Haus war ausgeschaltet. Sie versuchte aufzustehen, doch der rechte Arm, auf dem sie die ganze Zeit gelegen hatte, war eingeschlafen.

Nachdem sie den Arm schüttelte, konnte sie wieder die Kontrolle über die Nerven und Muskeln erlangen, sodass sie sich vom Boden aufrappeln konnte. Mit Mühe konnte sie sich zum Stehen zwingen, bis sie merkte, dass sie auf etwas Nassem und Kalten stand, welches ihr bekannt vorkommen sollte.

Sie schreckte auf, als das kalte Mittagessen ihre Socke benässte und kriechte rasch ein paar Meter rückwärts, bis sie sich ihren Kopf am Küchenschrank anstieß. Sie rieb sich am Kopf und sah auf dem Boden ein Licht, welches vom Fenster zu kommen schien. Ein Blick zur Quelle genügte für sie, um zu wissen, dass ein neuer Tag schon aufgebrochen war und die Strahlen der Morgensonne das Fenster in einen leichten Rotton tauchte.

Plötzlich stockte sie für einen Moment. Rot? Blutrot? Papa! Sie wischte sich den Mund ab und hob den Kopf in Richtung Küchentür, mit der Hoffnung, dass Papa nach ihr rufen würde, weil sie weggelaufen war und ihn zurückgelassen hatte. Er würde mit ihr spielen, das hat doch die Stimme zu ihr gesagt, oder etwa nicht? Genau, das war alles nur ein Albtraum. Gleich wird Papa aus der Tür hervortreten und sich ihr zeigen, sie umarmen, mit ihr weinen und sie konnte ihm zeigen, wie viel Angst sie hatte. Alles nur ein böser Albtra…

Seine leeren Augen und die klaffende Kopfwunde waren Beweis genug. Sie wollte es aber immer noch nicht glauben. Natsume gab nicht auf.

Da stand sie nun direkt vor ihm und sah ihm voller Angst in sein lebloses Gesicht. Sein toter Körper an die Wand gelehnt, lag er auf dem Boden, während sie auf die Knie ging und seine Wunde anstarrte.

Und wo war Mama? Hat es sie genauso getroffen?

„Ma-Mama?!"

Keine Antwort. Sie näherte sich ihrem Vater und fasste ihm ans Herz. Kein Puls. Er atmete auch nicht mehr.

„Nein… nicht so.", flüsterte sie.

Sie schrie erneut auf und rüttelte ihn so stark, wie sie nur konnte. Sein lebloser Körper schaukelte hin und her, wie eine Marionette ohne Fäden. Waren es diese Männer, die ihm das angetan haben? Aber warum? Warum ihn? Warum Mama? Warum war sie weggelaufen? Warum nur?

Klack…

Es war alles ihre Schuld, oder? Aber was hätte sie sonst tun sollen? Alleine hatte sie ja keine Chance gegen diese Männer gehabt. Warum hat ihr Schicksal sie so hintergangen?

Klack…

Wer waren sie? Warum hat der Mann sie verschont? Warum hatte er Angst vor ihr gehabt? Konnte sie ihn doch mit ihrem Lachen in die Flucht schlagen? Wenn ja, warum funktionierte es bei Papa nicht? Oder bei Mama…

Klack…

Wehklagendes Schluchzen breitete sich in der Eingangshalle aus und wurde vom Echo mitgenommen.

Klack…

Erschrocken wandte sie sich ruckartig um, als sie die Schritte hinter sich hörte und damit eine Frau erblickte, die vor ihr stand.

Lange weiße Haare. Sonnenbrille. Schwarze Wintermütze und Jacke. Trotz ihrem Trauergewand war sie in ihren Augen etwas Besonderes. Die unbekannte Frau ging auf sie zu und Natsume merkte, wie sie langsam schläfrig wurde. Sie wollte wach bleiben, doch ihre Hände waren warm und einladend. Als wäre sie nur für sie hierhergekommen. War sie hier, um ihr zu helfen? Oder doch nur…

„Ah…"

Die Frau kniete sich zu ihr, nahm ihre Brille ab und musterte ihr Gesicht von der Nähe. Das erste Merkmal, was Natsume an ihr erkennen konnte, waren die jeweils verschiedenen Augenfarben. Dann legte sie ihre Hände auf ihre Wangen und lächelte. Es war kalt und warm zugleich. Natsume sah sie nur noch mit schlaftrunkenden Blick an, dann schlossen sich ihre Augen auch schon für eine lange Zeit…

—-

Raum 243, das war es. Also gut. Fumiyoka atmete tief auf und beruhigte sich. Vieles war in dieser langen Nacht passiert. Er warf einen kurzen Blick auf die Wanduhr.

„07:36 Uhr morgens und ich habe immer noch kein Auge zu gekriegt…", murmelte er zu sich und rieb sich die Augen. Dann öffnete er vorsichtig die Tür ihres Krankenzimmers.

Eine kalte Brise schlug ihm ins Gesicht, als er eintrat und sie im Krankenbett liegen sah. Ihr gebrochenes Bein wurde schon mit einem Gibs gestützt und von einem herunterhängenden Leinentuch hochgehalten. Sie hatte die ganze Zeit durch das Fenster geblickt, bis sie bemerkte, dass jemand eingetreten war und sich zum Besucher umwandte. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich kein Bisschen.

„Anya…?", sagte Fumiyoka, doch sie antwortete nicht.

„Es… es tut mir leid. Ich konnte nicht rechtzeitig da sein, um dir zu helfen.", fügte er schweren Herzens hinzu.

„Rede keinen Blödsinn, ich weiß das schon.", murmelte sie und seufzte.

„Wie geht es dir?", fragte er und setzte sich zu ihr ans Bett.

„Gut, ich wollte mich für eine Weile ausruhen."

„So ist das also…"

Er blickte missmutig zu Boden.

„Danke.", gab sie von sich und nahm seine Hand.

„Was?"

„Ich muss mich bei euch bedanken, dafür dass du, Ran und Conan mich vom brennenden Anwesen rausgebracht habt."

„Ach bitte. Das Meiste haben sie getan."

„Nein, so meinte ich das nicht."

Fumiyoka schwieg.

„Das heißt nicht, dass du nichts getan hast. Als du uns gesehen hattest, bist du sofort zu mir gerannt. Ich habe die Angst in deinen Augen gesehen, Fumiyoka. Ich weiß, dass du dich um mich sorgtest. Deswegen…, спасибо."

„Ich… also…"

(„Man nennt es sich entschuldigen.")

Fumiyoka ballte angespannt seine Hände zu Fäusten. Wie sollte er darauf antworten?

(„Es mag nicht viel sein, wenn man bedenkt, was Sie getan haben, aber auch eine simple Entschuldigung kann Wunden heilen, wenn sie von Herzen kommt.")

War das wirklich die beste Entscheidung? Sich zu entschuldigen? Oder etwa…

Die Spannung löste sich.

„Gern geschehen.", antwortete er und lächelte. Anya's Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich. Das war es, was sie an ihm lange Zeit gesucht hatte.

„Anya? Geht es dir nicht gut?"

„Was?"

„Na… Du bist so rot im Gesicht."

Das merkte sie erst jetzt… Sie schüttelte den Kopf.

„Das bildest du dir nur ein, mir geht es gut."

„S… sicher.", sagte er und rieb sich verlegen am Hinterkopf.

„Wichtiger ist es mir aber wie es dir geht. Ist alles okay?", fragte sie.

„Alles gut… ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht, nichts weiter. Der Fall mit dem Drohbrief hat sich dank Herrn Mori aufgeklärt, aber jetzt ist unser ganzes Anwesen dem Feuer zum Opfer gefallen."

„Das weiß ich bereits. Ist wohl ein schwerer Verlust für euch."

„Nun… nein, nicht wirklich. Mir ist das Anwesen selbst nicht wichtig, obwohl mein Vater es erbaut hatte. Es ist mir lieber, wenn sich die Personen, die uns Nahe stehen, sich in Sicherheit befinden."

„Heißt das…"

„Naja, also… äh…"

Anya merkte, wie sein Gesicht rot anlief.

„D-Da-Damit meine ich natürlich alle Bediensteten, darunter auch dich, wenn du verstehst.", murmelte er und wedelte wild mit den Händen um sich.

Sie lächelte leicht. Die Zimmertür öffnete sich und eine Krankenschwester betrat den Raum.

„Frau Kirishkova? Ihre tägliche Inspektion wird in einer Stunde durchgeführt.", gab sie bekannt.

„Gut, vielen Dank.", antwortete Anya.

„Wirst du jetzt gehen?", fragte sie nach einer ganzen Weile, die sie beide damit verbrachten, aus dem Fenster zu blicken.

„Ja, tut mir leid, dass ich dich so zurücklassen muss. Ich muss noch etwas Wichtiges erledigen.", sagte er und stand auf, um sich seine zerzauste Jacke zurecht zu ziehen. Bevor er jedoch die Zimmertür öffnen konnte, hörte er sie etwas fragen.

„Was meinst du?"

Fumiyoka hielt inne, als würde er über seine jetzigen Entscheidungen nachdenken, die er treffen müsste.

„Das ist etwas Persönliches, wenn du es verstehst. Ich kann es dir leider nicht sagen."

„Das verstehe ich."

„Auf Wiedersehen, Anya."

Keine Antwort. Er seufzte und verließ mit schwerem Gemüt das Krankenzimmer. Sein freundliches Gesicht wurde schlagartig wütend. 5 Minuten vergingen, während er stillstehend über seine nächsten Aktionen nachdachte.

„Ich wusste es.", murmelte er vor sich hin und ging schnellen Schrittes den Gang entlang.

Die Zeit für ihn war gekommen, um Natsume zu konfrontieren.

—-

„Conan!", rief Ayumi erleichtert, als er die Tür zum Laboratorium des Professors öffnete und sich ohne zu antworten auf das Sofa hinsetzte. Er schien sehr stark über etwas nachzudenken.

Ai blickte ihm mit scharfen Augen nach. Ayumi war jedoch die Erste, die Conan erreicht hatte.

„Was ist denn los?"

„Irgendetwas stimmt nicht."

„Worum geht's?", fragte Ai, die sich letztendlich ihnen dazu gesellte.

Conan erzählte ihr, was passiert war, während er sich im Ichigo-Anwesen befand. Er versuchte, so offen wie möglich zu sein, obwohl er sich nicht sicher war, ob er Ayumi mit dazu einweihen sollte.

„Ein weiterer Serienmord?", fragte Ai, als er fertig war.

„Sehr wahrscheinlich.", murmelte er und lehnte sich zurück.

„Wie konnte der Fußball eine Person durchdringen? Ich meine, ich habe es deutlich gesehen, wie der Ball die Frau durchdrungen hatte, so als würde sie gar nicht existieren."

„Meinst du damit so etwas wie eine Fata Morgana?", warf sie ein und Ayumi war verwirrt.

„Eine Fata Morgana?"

„Eine Fata Morgana ist eine Erscheinung, die sich öfters einem bietet, wenn man sich zum Beispiel in der Wüste befindet, sprich: Es ist eine Art Trugbild.", erklärte Conan.

„Aber hier in Beika gibt es keine Wüsten."

„Genau.", antwortete Ai.

„Die Bedienstete hatte aber noch etwas bei sich.", antwortete er.

„Wie?"

„Ein kleines Gerät, mit dem sie einen ganz bestimmten Ton gespielt hatte."

„Einen Ton?", wiederholte Ayumi.

„Ich war mir nicht sicher für was das gut sein sollte, aber die Bediensteten haben einer nach dem anderen ausgesagt, dass sie dieses Piepsen gehört haben. Damit wurden sie jeweils nach draußen geködert, um von der Explosion evakuiert zu werden. Jedenfalls ist es aber nur eine Vermutung von mir, also sollte man lieber keine voreiligen Schlüsse ziehen."

„Ein Köder…", murmelte Ai nachdenklich, dann fuhr sie fort.

„Wie viele Finger hatte das Opfer ausgestreckt?"

„Zwei, soweit ich gehört habe.", antwortete Conan.

„Der Mann, der zuvor im siebten Stock ermordet wurde, hatte drei Finger ausgestreckt."

„Einen Countdown kann ich ausschließen.", sagte er, der ihr folgen konnte.

„Stimmt ja, einer der Polizisten sagte doch, dass schon Morde mit einem oder mehreren ausgestreckten Fingern ausgeübt worden seien."

„Das heißt wiederum, dass die Finger zu den jeweiligen Serienmörd-"

„Conan!"

„Ja?", antwortete er und wandte sich zu Ayumi um.

„Ge-Geht es Ran wieder besser?", fragte sie besorgt und Conan stockte.

„Nein, wir brachten sie zum Krankenhaus.", gab er schweren Herzens von sich.

„Ach so."

„Während du weg warst, habe ich Ayumi einer Untersuchung untergezogen und die Ergebnisse meiner Untersuchungen sind jetzt fertig.", verkündete Ai.

„Was?", antwortete Conan überrascht.

„Und, was sagen die Ergebnisse aus?", wollte Ayumi wissen.

„Ihr beide könnt euch noch an den Moment erinnern, wo Conan die Medikamente mit dem Gegenmittel verwechselt hat."

„Ja.", stimmten beide zu.

„Normalerweise sollte es Ayumi gar nicht möglich sein, älter zu werden."

„WAS?", riefen beide erstaunt. Kurz darauf folgte ein dumpfes Plumpsen aus dem Inneren des Laboratoriums und ein schmerzhaftes „Aua!".

„Das muss der Professor sein.", sagte Ayumi und stand auf, um nach ihm zu sehen. Ai nutzte die Chance und trat Conan näher.

„Ihre Verwandlung hat leider nicht viel mit dem Gegenmittel zu tun. Etwas Anderes war da mit im Spiel, das bin ich mir sicher.", sagte sie.

„Du meinst wohl, dass das Gegenmittel nicht das einzige war, was sie in ihren Zustand versetzt hatte?"

„Der Grund, warum es ihr nicht möglich gewesen wäre, ist weil, sie das eigentliche Mittel, in diesem Falle das APTX, welches ich entwarf, nicht genommen hat. Und weil in ihrem Blutkreislauf und ihrer Zellstruktur nichts negiert werden konnte, gab es keine Entfaltung des Gegenmittels."

„Wie konnte ihr es dann möglich sein, diese Regel zu umgehen?", fragte Conan nachdenklich und erstaunt zugleich.

„Das weiß ich auch nicht. Eines habe ich aber darüber herausgefunden."

„Spuck's aus."

„Als ich ihr das Blut entnahm und dieses anschließend unter dem Mikroskop untersuchte, stieß ich auf eine Anomalie, die mir noch nie untergekommen ist."

„Jetzt sag's schon."

„Ich kann es nicht in Worte beschreiben. Ihre Blutkörperchen begannen zu vibrieren."

„Was meinst du damit?"

„Ich habe eine ihrer Blutproben nach dem Test auf den Tisch gelegt und bin nach oben gegangen, um Ayumi bei den Hausaufgaben zu helfen. Als ich 30 Minuten später zurückkam, lag der gesamte Inhalt des Glases auf dem Boden. Ich wollte das Blut aus reiner Neugierde berühren, doch es schien so, als würden sich die Blutpartikel von mir entfernen wollen."

Conan kicherte.

„So etwas Bescheuertes habe ich ja noch nie gehört. Vor allem nicht von dir."

„Sagt derjenige, der gerade von einer Frau erzählt hat, die einen Fußball durch sich hindurch fliegen ließ. Also wirklich, Kudo.", antwortete sie und verschränkte genervt die Arme.

„Touché."

„Was ich vermutet hatte, war, dass das Blut irgendwohin zu fließen schien. Am Anfang dachte ich dasselbe wie du, aber als ich den Weg von der anderen Seite mit meiner Hand versperrte, wechselte es plötzlich die Richtung und floss, ohne dass es irgendwelche äußerlichen Einwirkungen gegeben hatte, in die entgegengesetzte Richtung."

„D-Das…", konnte er nur noch herausbringen. Mehr fiel ihm dazu nicht ein.

„Ich verstehe es genauso wenig wie du, Shinichi.", sagte sie kopfschüttelnd und setzte sich auf das Sofa gegenüber hin.

„Weiß Ayumi schon davon?", fragte Conan.

„Nein, sie würde es sowieso nicht verstehen."

Ai blickte zur sich öffnenden Tür, durch die Ayumi und der noch schläfrige Professor die Eingangshalle betraten.

„Und ich will ihr damit keine Angst machen.", fuhr sie fort und stand vom Sofa auf.

Conan sah ihr nachdenklich nach, als sie sich den beiden anschloss und in die Küche ging.

Was waren das denn nur für seltsame Geschehnisse, die sich seit kurzem ereignet hatten? Warum hatte er im brennenden Anwesen Ayumi's Stimme gehört? Was geschah mit Ran vor dem Eingang und wie konnte Frau Ogari dem Fußball ausweichen, ohne sich zu bewegen? Er hatte sie doch punktgenau am Bauch getroffen, oder etwa nicht?

Was führte Natsume im Schilde? Wer war die Person, die Ayumi angegriffen und Herrn Kanabe ermordet hat? Viele Dinge passten eindeutig nicht zusammen. So wie es aussah konnte ihm nur die Zeit und Geduld die Antwort geben. Conan merkte, wie er langsam müde wurde, als seine Augenlider immer schwerer wurden. War auch verständlich, da er in der gestrigen Nacht nur wenige Stunden schlafen konnte. Letzten Endes gab er es auf, weiter über diese Fragen nachzudenken und schlief schon bald auf dem Sofa ein.

– Kapitel 19 ENDE –