XI.


Vardiss:

Der Widerschein der Stehlampe teilte Breghalas markantes Raubvogelgesicht in scharf begrenzte Licht- und Schattenzonen auf, als er sich mit einem gereizten Seufzer gegen die Rückenlehne seines Schalensessels fallen ließ und seine müden Augen rieb.

Er hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht ... verschwendet! ... mit wachsender Enttäuschung die bemerkenswert dürftigen, aber trotzdem ausgesprochen langatmigen Berichte zu lesen, die ihm Commander Lycra, der Einsatzleiter des Devon-Teams, heute Morgen zugeschickt hatte.

Ah, dieser Lycra!, dachte Breghala.

Es war wahrhaftig nicht zu übersehen, warum der Commander ein Protegé von Major Daimon war – noch so ein pingeliger Papiertiger, der in seinen Berichten die trivialste Kleinigkeit mit nervenzermürbender Ausführlichkeit breittreten musste!

Und was um Himmels willen war eigentlich mit dieser Sondra Rakosh los?

Also wenn sie die Todesstern-Konstruktionspläne hätte stehlen müssen, dann wäre die Allianz jetzt nur noch eine Fußnote in der Geschichte, dachte Breghala.

Er bedauerte von ganzem Herzen, dass das nicht der Fall war – noch nicht!

Aber wenn die Rebellen heutzutage wirklich auf solche Leute angewiesen sind, dann können sie sich ebenso gut gleich ihr eigenes Grab schaufeln – die kommen nie wieder auf einen grünen Zweig. Und doch ...

Und doch musste irgendjemand diese saumselige Person für irgendetwas ausgesucht haben, so unerklärlich das auch war.

Was hatte Rakosh also vor? Warum verkroch sie sich in dieser verdammten Wohnung wie ein verschrecktes kleines Tier in seiner Höhle? Wäre diese Höhle nicht zufällig mit einer riesigen Fensterfront ausgestattet gewesen, die Frau hätte praktisch nie Tageslicht gesehen, denn sie rührte sich nicht aus dem Haus raus, sie setzte keinen Fuß vor ihre eigene Tür.

Sie betrat kein Geschäft, sie aß nie in einem Restaurant, sie besuchte weder Holokinos noch Bibliotheken noch Fitness-Studios oder irgendeine andere Einrichtung, die von normalen Menschen wenigstens ab und zu aufgesucht wurde. Alle notwendigen Einkäufe erledigte sie via Dev-Net und alle bestellten Waren (jedes Mal von Lycras Leuten sorgfältig überprüft und für völlig harmlos befunden!) wurden ihr von einem vollautomatisierten Droiden-Lieferservice gebracht (ebenfalls jedes Mal überprüft und für harmlos befunden).

Sie traf sich mit niemandem und erhielt auch keinen Besuch. Sie rief niemanden an und niemand rief sie jemals an. Absolute Isolation. Auf der dunklen Seite des Guul-Mondes hätte sie nicht einsamer sein können. Wie Rakosh unter diesen Umständen Kontakt zur Allianz hielt, war Breghala einfach schleierhaft.

Immer vorausgesetzt, dass sie überhaupt jemals Kontakt zu den Rebellen hatte ...

Breghala verzog angewidert den Mund. Solche Gedankengänge grenzten an Defätismus und waren ganz untypisch für ihn. Daimon (diese instinktlose Nulleinheit!), hätte die Jagd inzwischen natürlich längst abgeblasen, Sorkins Schauermär hin oder her. Aber Breghala gab die Hoffnung, der Allianz doch noch einen Schlag versetzen zu können, nicht so schnell auf.

Denn obwohl Rakosh mit Abstand die stumpfsinnigste Zielperson war, die man sich nur vorstellen konnte, und obwohl Lycras Männer, die dazu verurteilt waren, sie rund um die Uhr zu beobachten, vor Langeweile fast umkamen, gab es da einen entscheidenden Punkt, der Breghala dazu trieb, seiner mageren Beute auf der Spur zu bleiben: Sorkin hatte Recht – Sondra Rakosh existierte offiziell gar nicht. Nicht in Delamere, nicht auf ganz Devon und auch nirgendwo sonst.

Natürlich standen dem imperialen Geheimdienst ganz andere Möglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung als Sorkin bei ihren rührenden kleinen Detektivspielen. Und so hatte Lycras Team bis jetzt wenigstens genug Fakten aus dem Boden gestampft, um eine Fortsetzung von Rakoshs Überwachung zu rechtfertigen.

Wer auch immer diese Frau war, sie war buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht. Sie war bei keiner der vielen Behörden gemeldet, die die Existenz aller gesetzestreuen Bürger von der Wiege bis zum Grab mit lückenloser Zuverlässigkeit registrierten. Es war, als wäre Rakosh einfach vom Himmel gefallen wie eine Sternschnuppe.

Und trotzdem verfügte sie über eine gültige ID-Karte (die beste Fälschung, die Breghala je untergekommen war!) und über ein Guthaben von rund zweihunderttausend Credits – eine enorme Summe, die auf so verschlungenen Pfaden ihren Weg von einem dubiosen Aktienfonds der Imperialen Zentralbank bis zu Rakoshs Girokonto gefunden hatte, dass sogar Breghalas erfahrenste Hacker in dem schier undurchdringlichen Dickicht aus hochempfindlichen Firewalls und zehnfach verschlüsselten Transaktionscodes Blut und Wasser geschwitzt hatten.

Das alles war sehr seltsam und sehr, sehr beunruhigend. Seit wann konnten die Rebellen so perfekte IDs fälschen? Und seit wann wurde die Allianz durch Geldgeber finanziert, die über Aktienfonds der Imperialen Zentralbank verfügten?

Möglicherweise war Rakosh ja so etwas wie ein Schläfer, ein Spion, der erst dann in Aktion trat, wenn er aktiviert wurde. Vielleicht hing sie jetzt nur in der Warteschleife, weil sie auf irgendein vorab vereinbartes Zeichen wartete, das ihr signalisierte, dass ihre Zeit gekommen war. Oder war sie einfach nur unglaublich raffiniert? Hatte sie gemerkt, dass sie observiert wurde, spielte sie vielleicht nur U-Boot, um Lycra und sein Team an der Nase herumzuführen?

Vielleicht, vielleicht auch nicht! dachte Breghala erbittert. Wenn er etwas hasste, dann war es Ungewissheit.

Sollte er die ganze Sache ein bisschen ankurbeln? Sollte er auf Rakoshs Hintermänner verzichten und einfach zugreifen? Sollte er das verwünschte Weibsbild in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaften und hierher schaffen lassen, wo er sie mit der freundlichen und freudigen Unterstützung von Major Daimon, diesem sadistischen kleinen Bastard, in aller Ruhe bis auf den letzten Informationstropfen ausquetschen konnte? Breghalas Finger trommelten ungeduldig auf der Armlehne seines Chefsessels herum, während er sich zu einer Entscheidung durchzuringen versuchte.

Auf der Suche nach Inspiration, nach einer spontanen Eingebung, die ihm das klassische Entweder-Oder-Dilemma erleichtern sollte, beugte er sich vor und hieb mit dem Daumen auf die Enter-Taste seiner Computertastatur, um den letzten Ermittlungsbericht noch einmal zu überfliegen. Doch die Tastatur nahm ihm diese bescheidene Gewaltanwendung sofort übel und verweigerte mit einem schrillen Piepston ihre Dienste.

Breghala verdrehte die Augen und hieb ein zweites Mal auf die widerspenstige Taste, dieses Mal noch fester. Doch das hatte nur zur Folge, dass sich gleich mehrere Dateien auf einmal öffneten – unter anderem ein ziemlich umfangreicher Bildanhang, den Breghala bis jetzt bewusst ignoriert hatte. (Wen zum Teufel interessierten schon irgendwelche Holos von der Visage dieser Transuse, die laut Lycras ziemlich plastischer Beschreibung in Sorkins Behausung umherschlurfte wie ‚ein Mufflann im Winterschlaf'?)

Trotzdem glitt Breghalas Blick unwillkürlich über die engzeiligen Reihen von stark verkleinerten 3D-Schnappschüssen, die jetzt über dem Holoprojektor neben seinem Monitor schwebten wie ein Feuerfliegenschwarm – bis seine Augen an einem ganz bestimmten Schnappschuss kleben blieben, der seine Gleichgültigkeit schlagartig beendete.

„Aber das ist doch ..."

Breghala klickte hektisch auf dem Zoommodus des Projektors herum und starrte dann minutenlang fasziniert auf die fünfzehnfach vergrößerte Version des Holos, ein dreidimensionaler, jetzt fast lebensgroßer Frauenkopf, der über seinem Schreibtisch hing und langsam um seine eigene Achse rotierte wie eine repulsorgesteuerte Marmorbüste in einer Kunstgalerie.

"... unmöglich!" flüsterte er ungläubig vor sich hin. Eine Sekunde später röhrte er mit beträchtlich mehr Stimmaufwand: „PAEJONN!"

Sein Adjutant erschien sofort in der Tür, abgekämpft und völlig außer sich, weil er wie üblich seinem Tagespensum hoffnungslos hinterherhinkte.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Sir, aber ich bin einfach noch nicht dazu gekommen, Ihre Galauniform aus der Reinigung zu holen. Aber ich werde jetzt gleich lostraben, noch in dieser Minute, Sir. Und wenn ich schon auf dem Weg bin, schaue ich auch gleich in der Gärtnerei vorbei und frage nach den Flydar-Sträuchern, die Ihre Frau bestellt hat. Ihre Frau hat übrigens schon zweimal angerufen, Sir, und ich habe zu ihr gesagt: ,Madame', habe ich zu ihr gesagt, ,ich ..."

„Was soll das Geplapper, Junge? Vergessen Sie das verdammte Grünzeug und meine Frau gleich dazu. Beschaffen Sie mir sofort Sorkins Personaldatei – und das zack zack!"

„Ja, Sir, natürlich, Sir, aber ist es nicht schon ein bisschen spät? Ich meine, es ist ja schon fast sieben und Madame Breghala hat mir ausdrücklich aufgetragen, dass ich Sie an die Dinnerparty bei den Livanders erinnern soll. Und außerdem ..."

„Sind Sie vom Wahnsinn umzingelt oder was? Ich habe jetzt weiß Gott Wichtigeres im Kopf als die spießigen Charity-Bankette dieser neureichen Idiotenparade. Sorkins Personaldatei, Junge! Sofort!"

„Ja, Sir", stammelte Paejonn und zog sich geknickt zurück.

Das Leben war wirklich zu ungerecht, grübelte er in seinem eigenen Büro vor sich hin, während er lustlos durch das Inhaltsverzeichnis der Datenbanken scrollte.

Er gab immer sein Bestes und keiner merkte es. Er konnte sich anstrengen, so viel er wollte, aber er konnte es niemandem Recht machen. Alle waren unzufrieden mit ihm, die ganze Welt hackte auf ihm herum. Wenn es nicht der Chef persönlich war, der offenbar wieder mal einen seiner Anfälle hatte, dann war es garantiert Madame Breghala, die Paejonn behandelte, als wäre er ihr ganz persönlicher Leibeigener. Und daheim war es auch nicht viel besser, denn seine Mutter hatte eine Zunge wie ein Vibromesser und sie wusste sie einzusetzen.

Er würde also schon wieder zu spät zum Abendessen kommen und dabei hatte Mom ihn schon beim Frühstück vorgewarnt, dass sie heute Haegboell machen wollte, weil sie hoffe, dass wenigstens die Aussicht auf sein Leibgericht ihn dazu bringen würde, einmal pünktlich zu Hause zu sein.

Aber Dienst war schließlich Dienst und der Colonel war ungefähr so friedfertig wie ein tollwütiger Sumpftiger, wenn nicht alles nach seinem Kopf ging. Der aufgewärmte Haegboell würde also völlig ausgetrocknet und grässlich zäh und faserig sein, aber Paejonn würde trotzdem eine Riesenportion davon hinunterschlingen müssen, weil Mom ihn mit Argusaugen beobachten und ihm gleich noch eine Szene machen würde, wenn er auch nur einen einzigen Bissen übrig ließ. Ehrlich gesagt, war Mom noch viel schlimmer als ein tollwütiger Sumpftiger, wenn sie so richtig in Fahrt kam ...

Und Dad würde wieder blöde Witze darüber reißen und behaupten, dass „unser Kleiner" endlich eine feste Freundin brauchte, die ihm die Flötentöne schon beibringen würde – er selbst hätte schließlich auch erst durch Mom gelernt, dass es nicht ratsam war, eine Frau warten zu lassen, schon gar nicht mit dem Essen.

Und als Krönung des Ganzen würde Gramps wieder seine uralten Kriegsgeschichten ausgraben und seinem bedauernswerten Enkel zum x-ten Mal auftischen, wie schrecklich die Generalblockade im letzten Jahr der Alten Republik gewesen war, wie furchtbar die ganze Bevölkerung von Vardiss unter der strengen Lebensmittelrationierung gelitten hatte („Tausend Kalorien pro Kopf und Nase – und das für Männer und Frauen, die jeden Tag ihren Job machen mussten, und unschuldige kleine Kinder mitten im Wachstum!") und wie froh sie alle in diesen Zeiten über einen Topf Haegboell gewesen wären, egal in welchem Zustand. („Angebrannt oder blutig roh – wir hätten es gegessen! Mit Genuss!")

Und an allem waren nur die Separatisten und die Jedis schuld, diese Verbrecher, und ah! wie gut, dass der Imperator damals dieses ganze Verrätergesindel einfach zum Teufel gejagt hatte! Aber die Jugend von heute war ja hoffnungslos verwöhnt und hatte keinen Funken von Respekt mehr in sich und vor allem keine Ahnung, was für ein Glück es war, unter einer Regierung leben zu dürfen, die für Recht und Ordnung und für volle Teller sorgte. Undankbare Gören! Und sein eigener Enkel war nicht viel besser, der rücksichtslose Bengel, der seiner armen Mutter so viel Kummer und noch mehr Arbeit machte. Und überhaupt ...

Paejonn war so tief im vertrauten Ablauf der allabendlichen Familien-Standpauke versunken, dass er zusammenschrak, als Breghalas Stimme ihn aus seinen Gedanken riss wie ein Fanfarenstoß.

„Das dauert ja ewig! Was treiben Sie eigentlich da draußen, Junge? Trödeln Sie nicht immer so herum, schmollen können Sie auch daheim, da haben Sie genug Zeit dafür. Und wenn wir schon beim Thema sind: Rufen Sie gefälligst zu Hause an und sagen Sie Bescheid, dass es heute später wird. Dafür ist ein Kom nämlich da, Junge – nur für den Fall, dass Sie noch nicht von selbst auf die Idee gekommen sind."

„Ja, Sir", sagte Paejonn kleinlaut.

Er fragte sich, ob der Colonel Gedanken lesen konnte. Und warum hatte er bis heute nie erwähnt, dass das Dienstkom ausnahmsweise auch mal für ein Privatgespräch benutzt werden durfte? Hätte Paejonn das nur früher gewusst, dann wäre ihm viel erspart geblieben. Ach ja, es war nicht leicht, Paejonn zu sein ...

„Junge, ich sage Ihnen eins: Wenn ich nicht in genau zehn Sekunden diese verfluchte Datei auf meinem Computer habe …!"

„Wird schon vom Server hochgeladen, Sir", rief Paejonn fiebrig.

Doch offenbar hatte sein erzürnter Chef das gerade selbst herausgefunden, denn plötzlich herrschte Grabesstille im Königreich der Sumpftiger ...

Paejonn nutzte die unerwartete Gefechtspause, um erst seine Mutter anzurufen (die ihm natürlich prompt den Kopf abriss!), und danach Madame Breghala, die ihn mit einem einzigen eisigen Blick aufspießte wie mit einer Harpune und in ihrem sorgfältig kultivierten Coruscant-Upperclass-Akzent eine Menge unfreundliche Bemerkungen über egoistische Ehemänner und ihre schwachsinnigen Adjutanten fallen ließ.

Als auch das überstanden war, spähte Paejonn vorsichtig durch die Tür, um die Lage zu peilen, aber der Colonel, der hinter seinem Schreibtisch kauerte, bemerkte ihn nicht einmal. Er war zu sehr damit beschäftigt, zwei Holos zu studieren, die vor ihm kreisten.

Paejonn konnte sie von seiner Position aus nicht deutlich sehen, er war zu weit entfernt und die Stehlampe neben dem Schreibtisch blendete ihn ein wenig. Aber er konnte immerhin erkennen, dass es sich um zwei Gesichter handelte, die von einem Gitternetz aus dreidimensionalen Linien durchzogen waren. Der Anblick erinnerte ihn vage an Sternkartenraster, auf denen Navigationskoordinaten verzeichnet wurden, nur dass die Sterne hier aus vielen kleinen roten Dreiecken bestanden, die scheinbar völlig plan- und ziellos auf den Gitternetzlinien hin und her huschten, nur um irgendwann in einem der Rasterquadrate abrupt stehen zu bleiben, woraufhin sich der ganze Bereich grün verfärbte.

Nach einer Weile waren alle roten Dreiecke verschwunden und beide Gesichter von oben bis unten eine einheitlich grüne Fläche. Breghala, der den ganzen Vorgang mit aufmerksam zusammengekniffenen Augen beobachtet hatte, schüttelte langsam den Kopf.

„Mein Gott, es ist also wahr", sagte er halblaut vor sich hin. „Kein Wunder, dass sie nicht wollte, dass dieser junge Dummkopf sie filmt. Auf einem Bild fällt es natürlich viel mehr auf. Es ist so offensichtlich ... vor allem, wenn man die beiden direkt nebeneinander sieht.

Ich kann gar nicht verstehen, dass bis jetzt niemand das gemerkt hat ... Nicht, dass ich von Lycra, diesem Trampel, irgendwelche geistigen Höhenflüge erwarten würde, aber die anderen – sind sie denn alle blind?

Na ja, egal, das spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr. Jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung ... Denn wenn das rauskommt, dann rollen Köpfe – und mein Kopf gleich als allererster ... Was für ein Schlamassel, was für ein gottverdammter Schlamassel!"

Er blickte auf und entdeckte Paejonn in der Tür. „Was ist, Junge?" fragte er scharf.

Paejonn nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Sind wir ... sind Sie in Schwierigkeiten, Sir?"

Breghala lachte kurz und ohne jede Spur von Humor auf. „Das können Sie laut sagen, Junge."

„Was ist denn passiert, Sir?"

„Ein kleiner Betriebsunfall", erwiderte Breghala grimmig. „Und jetzt müssen wir ganz schnell aufräumen, bevor irgendjemand es merkt."

Er musterte Paejonns ängstliches Gesicht und seine Augen hatten dabei den kalten Glanz und die unnachgiebige Härte von Diamanten.

„Na schön, am besten legen wir gleich los, Junge", sagte er schließlich. „Rufen Sie Lycra an und stellen Sie ihn gleich zu mir durch. Und dann sehen Sie mal nach, wen wir sonst noch in der Nähe von Devon haben. Ich brauche jetzt jemanden, auf den ich mich … Ach, sehen Sie einfach mal nach, wen wir in der Gegend haben."

„Verstanden, Sir", sagte Paejonn, der gar nichts verstand – abgesehen davon, dass sein Feierabend sich gerade auf Nimmerwiedersehen verabschiedet hatte. Dann zog er sich hastig wieder hinter den unsicheren Schutzwall seiner eigenen Schreibtischfestung zurück.

Breghala sah ihm nach. „Ich brauche jetzt jemanden, auf den ich mich verlassen kann", murmelte er vor sich hin. „Und ich frage mich, ob ich mich auf dich verlassen kann, Junge. Aber das werde ich wohl ziemlich bald herausfinden ..."

Er schaltete den Holoprojektor ab und klickte die beiden Dateien zu, die immer noch seinen Bildschirm beherrschten. (Es war nicht nötig, dass Paejonn gleich alles mitbekam.) Dann stand er auf und ging zu dem Fenster hinüber, wo er regungslos stehen blieb und in die Dunkelheit hinaus starrte, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, äußerlich völlig ruhig, obwohl er so aufgewühlt war, dass sein Herzschlag raste und das Blut in seinen Ohren rauschte wie ein Wasserfall. Er machte ein paar Atemübungen, versuchte sich zu beruhigen, sich zu sammeln.

Es ist noch nicht zu spät, dachte er, während er in gleichmäßigen Zügen ein und ausatmete, immer wieder ein und aus, bis der Druck in seinen Ohren und die Enge in seinem Brustkorb langsam nachließen.

Niemand weiß davon. Und wenn ich jetzt einen klaren Kopf bewahre und einfach tue, was getan werden muss, dann wird es auch nie jemand erfahren. Ich kann alles wieder in Ordnung bringen, alles. Ich darf jetzt nur nicht die Nerven verlieren ...

Einatmen, ausatmen, ein, aus ...

Und ich werde auch nicht die Nerven verlieren. Ich habe keinen Grund dazu. Ich bin Jared Breghala, ich arbeite seit zwanzig Jahren in diesem Saftladen und ich kenne alle Tricks. Ich wäre nie so weit gekommen, wenn ich nicht alle Tricks kennen würde.

Nein, nein, wer mir ans Bein pinkeln will, der muss schon früher aufstehen. Sehr viel früher. Ich darf jetzt nur keinen Fehler mehr machen. Und die Fehler, die ich schon gemacht habe, muss ich einfach nur ... ausradieren ...

Sein Kom gab einen diskreten Summton von sich.

„Commander Lycra, Sir", rief Paejonn nervös aus dem Vorzimmer.

Breghala lächelte, aber es war ein dünnes Lächeln ohne jede Wärme.

„Fehler Nummer eins", flüsterte er vor sich hin.

„Hören Sie, Lycra", sagte er einen Augenblick später betont lässig in das Kom-Mikrofon hinein. „Ich habe gerade Ihren letzten Bericht gelesen und ich muss Ihnen offen sagen, dass ich davon nicht gerade beeindruckt bin. Um ehrlich zu sein, ich habe die Nase gestrichen voll von der ganzen Angelegenheit. Diese Rakosh ist doch ein Witz. Diese ganze Aktion ist ein Witz. Zwecklos, noch mehr Steuergelder dafür zu verschwenden.

Ich blase die Sache ab. Sammeln Sie Ihre Ausrüstung und Ihre Leute wieder ein und kommen Sie auf dem schnellsten Weg nach Hause. Ich habe schon eine neue Mission für Sie und das Team." Er legte eine wohldosierte Pause ein, bevor er ungnädig forfuhr: „Und ich hoffe wirklich, dass Sie mir dieses Mal ein bisschen mehr liefern – Ihre Trefferquote reißt mich nämlich nicht gerade vom Hocker."

Er beobachtete voller Interesse, wie sich das wächserne Gesicht des Mannes vor Ärger verfärbte.

Lycra, der von Kopf bis Fuß ein Daimon-Mann war und schon deshalb voller Abneigung gegen seinen Chef, war unvorsichtig oder auch arrogant genug, einen Widerspruch zu wagen.

„Aber Sir, Sie waren doch selbst der Meinung, dass an der Rakosh-Sache etwas dran ist", protestierte er.

Der unerwartete Zwergenaufstand und der daraus resultierende Adrenalinstoß wirkte auf Breghala so belebend wie ein Glas Eriwenn-Brandy. Machtspiele hatten immer diese Wirkung auf ihn.

„Na und? Jetzt habe ich meine Meinung eben geändert", erwiderte er kalt. „Haben Sie ein Problem damit, Commander?"

Auf diese subtile, aber unmissverständliche Weise an die Rangordnung erinnert und wieder an die Kommandokette gelegt, blieb Lycra eigentlich gar nichts anderes übrig, als den Schwanz einzuziehen und zu kuschen.

„Nein, Sir", brummte er. Aber seine missbilligend zusammengepressten Lippen sagten etwas ganz anderes.

Breghala gönnte sich eine Sekunde, um den flüchtigen Triumph über Daimons Kreatur zu genießen, dann sagte er knapp: „Ich erwarte Sie morgen gleich nach Ihrer Ankunft zum Briefing. Kommen Sie sofort nach der Landung zu mir."

Er unterbrach die Verbindung, ohne eine Antwort abzuwarten. Und damit war die Angelegenheit schon so gut wie erledigt – oder wenigstens ein Teil davon. Breghala fand, dass es an der Zeit war, sich auch um den Rest zu kümmern.

„Paejonn! Haben Sie jetzt endlich ein paar Namen für mich oder nicht?"

Und Paejonn hatte tatsächlich ein paar Namen parat, auch wenn die Liste auf dem Datenblock in seiner Hand recht kurz war. „Hannafar, Blix, Ghordin, Fennimor ...", leierte er.

„Fennimor? Ein guter Mann, ein zuverlässiger Mann ... Wo ist er jetzt gerade?"

Paejonn starrte auf seinen Datenblock wie hypnotisiert. „In Cinbarra ... das ist sogar auf Devon. Er ist also ganz in der Nähe", fügte er überflüssigerweise hinzu.

„Ausgezeichnet. Sehen Sie zu, dass Sie ihn schnell erreichen. Und ich meine wirklich schnell, Junge!"

Paejonn galoppierte sofort hinaus wie eine aufgescheuchte Boryx-Antilope, während Breghala sich erneut in seinem Schalensessel zurücklehnte, jetzt schon wieder beinahe so entspannt wie eine knappe halbe Stunde zuvor.

Fennimor. Ein guter Mann. Ein zuverlässiger Mann. Ein Breghala-Mann. Und nur aus diesem einen Grund wirklich vertrauenswürdig, wenn es um ein derart heißes Eisen ging.

Das Kom gab einen neuen Summton von sich. Breghala nahm sofort ab.

„Ah, Fennimor! Es tut immer wieder gut, Sie zu sehen", sagte er und er meinte es durchaus ernst.

Der Mann auf dem Bildschirm salutierte lässig und grinste. „Geht mir genau so, Sir." Dann wurde er geschäftsmäßig. „Ihr kleiner Vorzimmer-Wauwau hat mich angekläfft, es wäre eilig. Wo brennt's denn, Colonel?"

Breghala schwieg einen Augenblick lang, unweigerlich gefesselt von der rein zufälligen Wortwahl seines Gesprächspartners, die ihn sofort auf eine Idee gebracht hatte.

„In Delamere. Ich habe da einen kleinen Spezialauftrag für Sie. Hören Sie mir jetzt gut zu, Fennimor..."

Zehn Minuten später sagte der Agent. "Alles klar, Colonel. Ach, übrigens: Soll ich das ganz alleine durchziehen oder haben Sie noch ein helfendes Händchen für mich? Sie wissen ja, dass ich normalerweise lieber solo tanze, aber manchmal kann ein Partner auch ganz nett sein."

„Keine Sorge, Sie bekommen Ihr helfendes Händchen." Breghala fixierte seinen Adjutanten, der gerade wieder in der Verbindungstür erschienen war und unruhig herumzappelte, mit einem lauernden Blick. „Ich glaube, ich habe genau den richtigen Partner für Sie, Fennimor. Sie treffen ihn an Ort und Stelle, sagen wir mal ... übermorgen. Ja, das kommt hin. Alles Weitere besprechen Sie dann mit ihm. Das war's. Gute Jagd!"

Er legte auf und bedachte Paejonn, dessen Augen sich vor Schreck geweitet hatten, mit einem wölfischen Lächeln.

„Na, Junge, was halten Sie von einer kleinen Bildungsreise auf Staatskosten?"

Devon:

"Hallo! Da sind Sie ja endlich wieder. Wir haben uns ja so lange nicht mehr gesehen. Ich habe mir schon richtig Sorgen um Sie gemacht, Kindchen."

Jessamy stellte die schwere Katzensandpackung ab (der einzige Ansporn für einen Hals über Kopf erfolgten Abstecher in das WulWaru-Center nur wenige Minuten vor Ladenschluss) und wandte sich ihrer Nachbarin zu, die auf den Korridor hinauslugte wie ein Trillvogelküken aus dem Eingangsloch seiner Nisthöhle.

"Mrs. Lagardia!" rief sie.

Sie fühlte mitten in ihrer aufrichtigen Freude einen schmerzhaften kleinen Stich, weil sie die liebenswerte alte Dame schon so lange nicht mehr besucht hatte. Gab es ein noch deutlicheres Zeichen dafür, wie weit ihr Alltagsleben aus der Bahn geworfen worden war, wie groß das Chaos war, das unter einem immer fadenscheinigeren Deckmantel von Normalität lauerte?

"Wie geht es Ihnen denn?" fragte sie, eifrig bestrebt, die Vernachlässigung wieder gut zu machen.

"Oh, besser, Kindchen, wirklich viel besser. Es war aber auch höchste Zeit für die neue Herztransplantation, das haben alle Ärzte gesagt. Und das war so ungefähr der einzige Punkt, in dem sie sich einig waren, also muss es ja wohl stimmen."

Mrs. Lagardia kicherte, was sich anhörte, als würde jemand auf einem Glockenspiel einen zarten silberhellen Ton nach dem anderen anschlagen.

Jessamy musste unwillkürlich lächeln und hatte dabei beinahe das Gefühl, als ob der unsichtbare eiserne Ring, der sie in letzter Zeit immer fester und fester umklammerte und ihr die Luft zum Atmen abschnürte, ein klein wenig nachgab. Allein schon der Anblick der alten Dame wärmte die neue froststarre Leere in ihrem Inneren wie ein emotionales Kaminfeuer.

Mit ihren sanften vergissmeinnichtblauen Augen und ihrem rosigen Apfelbäckchengesicht unter einer Haube aus schneeweißem Haar hätte Mrs. Lagardia ohne weiteres Modell für die gütigen alten Feen stehen können, die zahllose Märchen bevölkerten. Jessamy rechnete jeden Augenblick damit, dass ihre Nachbarin einen Zauberstab mit einem goldenen Stern auf der Spitze herauskramte und auf ihre etwas zerstreute Art die Erfüllung von drei Herzenswünschen anbot. Im Grunde hoffte sie es sogar, denn wenn irgendjemand ein paar Herzenswünsche auf Lager hatte, die förmlich um Erfüllung bettelten, dann Jessamy.

Aber Mrs. Lagardias Magie war eher praktischer Natur und wirkte leider nur in Notfällen, die Heim und Herd betrafen, vor allem den Herd.

„Kommen Sie doch mal einen Augenblick her, Kindchen", sagte sie lebhaft, als ihr Glockenspiel wieder verstummt war. "Ich habe nämlich noch ein bisschen Melusinengelee für Sie übrig – ich weiß doch, wie gerne Sie das essen. "

„Gerne? Ich könnte sterben für das Zeug! Sie sind wirklich ein Schatz, Mrs. Lagardia."

Die alte Dame würdigte das durchaus verdiente Kompliment mit einer steifen kleinen Verbeugung, die sie künstlichen Hüftgelenken verdankte, und übergab Jessamy zwei gigantische Einmachgläser mit der Grandezza eines Schatzmeisters, der seiner Königin die Kronjuwelen reichte. Tatsächlich hätte Jessamy lieber auf eine Ladung Kronjuwelen verzichtet als auf den delikaten bernsteinfarbenen Inhalt der beiden Gläser. Trotzdem erhob sie der Form halber Protest.

„Aber das ist doch viel zu viel! Sie verwöhnen mich zu sehr, Mrs. Lagardia."

"Lassen Sie sich ruhig ein bisschen verwöhnen, Kindchen, Sie können es brauchen. Übrigens ..." Mrs. Lagardia blinzelte ihr schelmisch zu. "... eigentlich ist ja nur ein Glas für Sie gedacht. Das andere gehört nämlich Miss Drumheller – es ist schon lange für sie reserviert. Richten Sie ihr einen schönen Gruß von mir aus, wenn Sie es ihr geben, ja?"

Jessamy war zutiefst betroffen, was nichts mit der Einbuße einer Extraportion der köstlichsten Marmelade weit und breit zu tun hatte, aber sehr viel mit der unverhofften Erwähnung ihrer verschollenen Freundin, die sie mit jedem Tag mehr vermisste.

„Oh ... ich fürchte, das ist leider nicht möglich, Mrs. Lagardia. Kaye ist ..."

Sie zögerte. Wie sollte sie der alten Dame die Umstände von Kayes Verschwinden erklären? Wie sollte sie ein Mysterium erhellen, bei dem sie selbst mehr oder weniger im Dunkeln tappte?

Doch Mrs. Lagardia wartete gar nicht erst auf Erklärungsversuche.

„Ich weiß, ich weiß. Damals habe ich mich natürlich ein bisschen darüber gewundert, dass sie es nicht abgeholt hat. Ich konnte ihr das Glas ja nicht gleich mitgeben, als sie wieder gegangen ist – ich hatte das Gelee gerade abgefüllt und es war noch kochend heiß. Da wollte ich es erst noch ein bisschen abkühlen lassen, bevor ich es ihr in die Hand drücke.

Außerdem hat sie gesagt, es wäre gar kein Problem, sie würde später gerne noch mal bei mir hereinschauen. Aber das hat sie dann doch nicht getan. Vielleicht hatte sie einfach keine Zeit mehr. Junge Leute haben ja nie Zeit", sagte sie mit einem kleinen Lächeln, das offensichtlich nicht nur der allgemeinen Rastlosigkeit der Jugend galt.

Denn plötzlich sah sie Jessamy direkt an und dabei hatten ihre Vergissmeinnichtaugen einen ausgesprochen pfiffigen Ausdruck, der sie selbst um Jahrzehnte verjüngte.

„Vielleicht ist sie aber auch aus einem ganz anderen Grund nicht zurückgekommen", fügte sie mit einem bedeutungsvollen Nicken hinzu.

Jessamy wusste kaum, was sie von dieser überraschenden Auskunft halten sollte. „Kaye war hier?!"

„Aber ja. Ich war gerade dabei, die Melusinen zu entkernen, als sie bei mir geklingelt hat. Ursprünglich wollte sie ja zu Ihnen, Kindchen, aber Sie waren wohl noch unterwegs. Da hat sie hier bei mir gewartet. Den ganzen Morgen hat sie bei mir in der Küche gesessen, während ich mein Gelee gerührt habe. Es war richtig gemütlich, wir haben uns so nett unterhalten ... über meine Thaapioka-Pastete und über meine Operation und über dies und das …

Und gerade als die Melusinen fertig waren, hat sie gesagt, sie hätte drüben die Tür zufallen hören. (Ich habe gar nichts davon mitbekommen – meine Ohren sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.) Und da wollte sie natürlich gleich zu Ihnen rüber. Aber sie hat versprochen, dass sie wiederkommt. Und ich habe auch auf sie gewartet. Bis nachmittags habe ich auf sie gewartet, dann musste ich selber los – ein Arzttermin, wissen Sie.

Und das war das Letzte, was ich von ihr gehört habe. Nein, nicht ganz das Letzte ... aber das muss ich Ihnen ja wohl nicht erst erzählen, Kindchen, was?"

Und Mrs. Lagardia bedachte ihr inzwischen reichlich verwirrtes Gegenüber erneut mit einem komplizenhaften und völlig unbegreiflichen Augenzwinkern.

Jessamy stand vor ihr, ein Glas erstklassiges hausgemachtes Melusinengelee in jeder Hand, aber ohne jeden Durchblick in einer Situation, die immer verwickelter wurde und im Begriff schien, sich völlig zu verheddern wie ein Wollknäuel unter den verspielten Tatzen ihres Katers.

Es war einfach zu absurd: Kaye Drumheller, die desertiert war, die die Militärpolizei auf den Fersen hatte, die auf der Flucht war, saß stundenlang seelenruhig in der Wohnung einer ehemaligen Nachbarin herum und unterhielt sich mit ihr über Backrezepte und Herztransplantationen, als hätte sie keine anderen Sorgen auf der Welt. Und dann ging sie einfach wieder auf und davon, um sich erneut in Luft aufzulösen. Es ergab keinen Sinn. Nicht den allergeringsten Sinn ...

„Wann? Ich meine, wann genau war das?"

„Oh je, ob ich das noch auf die Reihe kriege ... Mein Gedächtnis ist ja auch nicht mehr das, was es mal war. Natürlich mache ich noch jeden Tag die Rätselseite in der Imperial News – am liebsten die Anagramme, die sind so schön knifflig. Und ich schwöre Ihnen, dass ich sogar für dieses verzwickte Zahlen-Kreuzwort-Dingsda nicht mehr als eine Viertelstunde brauche. Aber sobald es um Daten geht, bin ich hoffnungslos verloren.

Warten Sie nur ab, Kindchen, wenn Sie erst mal hundertsiebzehn Jährchen auf dem Buckel haben, werden Sie schon merken, wie das ist."

„Bitte, Mrs. Lagardia, versuchen Sie sich zu erinnern."

Die alte Dame spitzte nachdenklich die Lippen. „Tja, es war auf jeden Fall vor meiner Operation und das ist ja jetzt schon Monate her, nicht wahr?"

Sie legte eine spannungsgeladene Pause ein und sah dabei so spitzbübisch aus wie ein kleiner Junge, der sein Arsenal sichtete und zu entscheiden versuchte, mit welcher Waffe er den maximalen Effekt auf eine geistesabwesende und auch sonst viel zu langweilige Erwachsenenumwelt erzielen würde – Knallfrösche, Wunderkerzen oder gleich ein richtiges Feuerwerk?

„Aber warum fragen Sie überhaupt danach, Kindchen? Sie müssten doch eigentlich am besten wissen, wann das war." Mrs. Lagardias Stimme sank zu einem verschwörerischen Raunen herab. „Sie haben ihr schließlich selbst die Tür aufgemacht. Oder war es Miss Rakosh, die sie reingelassen hat? Ich konnte es nicht so genau sehen, Miss Drumheller stand im Weg ...

Nein, nein, keine Angst!" wisperte sie beschwichtigend, als Jessamy sofort sichtlich versteinerte wie ein Korallenriff. „Ich kann den Mund halten. Von mir erfährt niemand, dass die arme Kleine bei Ihnen untergeschlüpft ist. Aber Sie müssen wirklich ein bisschen vorsichtiger sein, Kindchen. Ich könnte es einfach nicht ertragen, wenn Ihnen oder den anderen beiden etwas zustoßen würde. Drei so nette junge Dinger und diese brutalen Rüpel von der Polizei ...

Ich habe mich ja so aufgeregt, als sie damals bei mir aufgetaucht sind! Richtig verhört hat er mich, dieser schreckliche kleine Mann – ich bin mir vorgekommen wie eine Verbrecherin! Als sie endlich wieder weg waren, er und seine Grobiane, musste ich gleich ein paar Schlückchen von meinem Kräuterlikör trinken – zur Stärkung, wissen Sie. Es gibt nichts Besseres gegen Herzflattern.

Aber Sie sind ja weiß wie eine Wand, Kindchen. Ist Ihnen nicht gut? Wollen Sie vielleicht auch ein bisschen Kräuterlikör? Ach du meine Güte! Wie dumm von mir, Ihnen so einen Schrecken einzujagen! Ich hätte lieber gar nichts sagen sollen. Aber ich wollte doch nur, dass Sie wissen, dass ich es weiß und dass Sie sich vollkommen auf mich verlassen können, wenn es irgendwann ... na ja ... Probleme gibt. Aber Sie sagen ja gar nichts, Kindchen ..."

Jessamy starrte ihre Nachbarin an, unfähig, auch nur einen Mucks von sich zu geben. Der eiserne Ring war zurückgekehrt und mit ihm eine neue tödlichere Form von Kälte, die sie von Kopf bis Fuß gefrieren ließ, als hätte man sie in flüssigen Stickstoff getaucht. Und plötzlich war sie nur noch eine hochzerbrechliche Statue aus blankem Eis, die unter der leisesten Berührung zu bersten und in tausend winzige Fragmente zu zerspringen drohte.

Ihr war, als würde sie im Zeitlupentempo in einem Morast aus ungeahnter Bösartigkeit und Verworfenheit versinken, in demselben Sumpf, der auch Kaye verschlungen hatte ... Kaye, die gar nicht desertiert war ... Kaye, die an einem verschneiten Freitagmorgen in Delamere angekommen war, um alte Freunde zu besuchen, ganz wie sie es bei ihrer Cousine auf Mirapi angekündigt hatte ... Kaye, die seither wie vom Erdboden verschluckt war ... weil sie das Shaalizaar lnn zwar betreten, aber es nie wieder verlassen hatte!

Es lief jetzt wie ein Film vor Jessamys innerem Auge ab, Szene für Szene, eine Verschmelzung aus Flashbacks und Imagination: Sie sah Sondra vor sich, die wie besessen eine Couch abschrubbte, die mit roten Flecken übersät war ... rot wie Rangoonasaft … oder rot wie Blut.

Sondras heftige Reaktion, ihr schuldbewusstes Erschrecken, ihr impulsiver Zorn, als Jessamy ganz unerwartet und gänzlich unerwünscht in ihrem Wohnzimmer aufgetaucht war, das nur kurz zuvor zum Tatort geworden war, zum Schauplatz eines Verbrechens. (Kaltblütiger Mord oder Totschlag im Affekt? Juristische Spitzfindigkeiten, die nichts an der rohen Realität änderten!)

Und wieder Sondra, die in der Küche hastig einen Ingwerpunsch zusammenbraute, den sie vermutlich mit einer soliden Dosis Lindan Plus gewürzt hatte, um Jessamy so lange wie nur möglich außer Gefecht zu setzen. Denn schließlich hatte sie noch eine Aufräumaktion vor sich, bei der sie keine unliebsame Zeugin gebrauchen konnte: Den Abtransport des toten Körpers, der zu diesem Zeitpunkt zweifellos in ihrer gewaltsam verteidigten Höhle gelegen hatte ...

Kayes Körper, in den Duschvorhang eingehüllt, der bereits von seiner Besitzerin vermisst wurde, und zur Sicherheit auch noch mit Paketklebeband umwickelt ... Eine hastig improvisierte und ziemlich armselige Tarnung, die gleichzeitig dafür sorgen sollte, dass es nicht noch mehr verräterische Blutflecken gab ...

Und dann? Was hatte Sondra mit Kaye angestellt, während Jessamy, bis zur Bewusstlosigkeit mit Betäubungsmitteln vollgestopft, vor sich hingedämmert hatte? Wie beseitigte man schnell, gründlich und vor allem unauffällig eine Leiche, mit der man mitten in einem riesigen Wohnkomplex voller neugieriger Nachbarn festsaß?

Nun, zum Beispiel, indem man besagte Leiche mitten in der Nacht, wenn all die neugierigen Nachbarn friedlich in ihren Betten lagen und schliefen, in den Heizungskeller hinunterschaffte, den man kurzerhand zum Krematorium umfunktionierte.

Denn dort unten im Keller hatte es geendet, dessen war Jessamy sich jetzt ganz sicher. Es sprach alles dafür: Sondras krampfhafter Versuch, sie vom Keller fernzuhalten, nachdem sie endlich wieder aus ihrem künstlichen Tiefschlaf erwacht war ... der furchtbare Geruch mit seiner widerwärtigen Mischung aus verkohltem Fleisch und geschmolzenem Kunststoff ... Und letzten Endes sogar die Murmel, die Jessamy auf ihrem Weg in den Recyclerraum zertreten hatte ... die Murmel, die gar keine Murmel gewesen war, wie ihr jetzt klar wurde.

Klein und rund ... grünes Glas mit goldenen Sprenkeln ...

Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte ihn sofort wieder erkennen müssen, dachte Jessamy und fühlte zum ersten Mal die mit Verlust gepaarte Traurigkeit, die bis heute ausschließlich den tausend kaleidoskopbunten Erinnerungen an ihre Eltern vorbehalten gewesen war.

Kayes Talisman ...

Wie oft hatte Jessamy ihn zusammen mit Credit-Münzen, zerkrümelten Keksen, antistatischen Schraubenziehern, klebrigen Gummidrops, Datenkristallen, zerquetschten Schokoriegeln, Lichtstiften und anderem recycler-feindlichen Krimskrams aus den ausgebeulten Taschen von sorglos zusammengeknüllten Uniformhosen herausgefischt, diesen kindischen, aber irgendwie doch drolligen Glaskäfer, den Kaye in einem Esoterikshop in der City auf einem Wühltisch entdeckt und sofort zu ihrem Glücksbringer auserkoren hatte?

Rührend abergläubische Kaye, die ihren heißgeliebten Fetisch immer und überall mit sich herumgeschleppt hatte, felsenfest überzeugt von seinen überirdischen Kräften und seinem mächtigen, schicksalsträchtigen Einfluss auf ihr Leben ... Ihre Aufregung, ihre lautstarke Verzweiflung, wenn sie ihn wieder mal verlegt hatte (was ziemlich oft vorgekommen war), und die allgemeine Erleichterung, wenn sie ihn nach einer panischen Suchaktion (für gewöhnlich unter Jessamys halb amüsiertem, halb entnervten Beistand) wieder aufgespürt hatte …

Auf eine perverse Weise war es irgendwie seltsam passend, dass Kaye ihren Glückskäfer ausgerechnet an dem Tag endgültig verloren hatte, an dem auch ihr Glück sie endgültig verlassen hatte … an demselben Tag, an dem Sondra Rakosh sie umgebracht und ihre sterblichen Überreste einfach im Heizofen des Shaalizaar Inns verbrannt hatte wie Abfall ... wie ... wie ein paar tote Ratten…

Und dafür bringe ich dich um, du Miststück!

Der Gedanke kam ganz leicht und ganz selbstverständlich. Tatsächlich fühlte sich Jessamy jetzt merkwürdig ruhig und vollkommen klar, so ruhig und so klar wie schon lange nicht mehr. Der Schock der Erkenntnis, die spontane Abscheu vor Sondras grauenvoller Tat, ja, sogar die Trauer um Kayes sinnlosen Tod hatte innerhalb von Minuten eine so abstrakte Form angenommen, dass Jessamy sich zumindest vorübergehend davon distanzieren konnte.

Alles, was jetzt noch zählte, war der in völliger Gelassenheit gefasste Entschluss, Rache zu nehmen, ein Vorhaben, das Jessamy in diesem Augenblick so natürlich vorkam wie das Atmen. Sollte Colonel Breghala doch toben, wenn ihm Sondras Kontaktleute durch die Lappen gingen, sollte doch die ganze Welt Jessamy für ihren Akt der Selbstjustiz verdammen, sie würde es trotzdem tun. Hier und jetzt ...

„Was haben Sie denn nur, Kindchen? Sie machen mir wirklich Sorgen!"

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Mrs. Lagardia, es ist alles in Ordnung", sagte Jessamy.

Sie sagte es ganz automatisch, denn der bewusste und kreative Teil ihres Verstandes war bereits mit der Planung ihres Vergeltungsschlags beschäftigt.

„Sind Sie sicher?"

„Absolut sicher."

„Wenn Sie meine Hilfe brauchen, Kindchen ... na ja, Sie wissen schon ..."

„Danke, Mrs. Lagardia, aber das wird nicht nötig sein." Und als die alte Dame sie voller Skepsis ansah: „Es ist alles in Ordnung, wirklich. Aber ich muss jetzt gehen. Einen schönen Abend noch."

„Passen Sie bloß gut auf sich auf, Kindchen. Bringen Sie sich nicht unnötig in Gefahr."

„Einen schönen Abend noch, Mrs. Lagardia."

Doch nicht einmal die Wiederholung dieser unmissverständlichen Abschiedsformel beschleunigte den widerwilligen Rückzug ihrer von großmütterlicher Fürsorge erfüllten und entsprechend beunruhigten Nachbarin.

Jessamy wartete ungeduldig, bis sie sicher sein konnte, dass sogar Mrs. Lagardias arthritischen Knien genug Zeit geblieben war, ihre Eigentümerin außer Sicht- und Hörweite zu befördern, Widerwillen hin oder her. Erst dann bückte sie sich und stellte das kostbare Melusinengelee so achtlos neben dem Katzensand ab, dass es schon einem Sakrileg gleichkam.

Sie schlüpfte aus ihren Schuhen, schloss die Tür auf und schlich sich auf Zehenspitzen in ihre eigene Wohnung hinein, die schon lange kein Zuhause mehr war, sondern nur noch ein Schützengraben auf dem unsichtbaren Schlachtfeld eines geheimen Krieges, der gerade im Begriff war, all seine Geheimnisse zu offenbaren.

Die Wohnung empfing Jessamy mit Grabesstille und Finsternis, wie es sich für die Kulisse einer unmittelbar bevorstehenden Hinrichtung auch gehörte.

Allerdings war es im Gegensatz zu Jessamys aktuellem Gemütszustand keine absolute Finsternis: In dem freudlosen Raum, in dem Sondra hockte wie eine Spinne in ihrem Netz und ein kompliziertes Gespinst aus todbringenden Verschwörungen webte, brannte noch Licht, das durch die Spalte unterhalb der Zimmertür sickerte und den Flur in ein vages Halbdunkel tauchte.

Trotzdem führte Jessamys erster Weg zu der Greelholzkommode, in deren oberster Schublade immer eine Taschenlampe bereit lag. Dank der zahlreichen Stromausfälle, mit denen das Shaalizaar Inn seine Bewohner in relativ regelmäßigen Abständen beglückte, fand ihre geübte Hand mühelos den schmalen hartkantigen Kunststoffgriff mit dem runden Schalter.

Doch das, was sie noch viel dringender begehrte als die Taschenlampe, ließ sich nicht so leicht aufstöbern. Zuerst nur irritiert, dann zunehmend alarmiert tastete Jessamy sich durch ein unangenehm kratziges Dickicht aus ausgedörrten Bimbassa-Gräsern bis zum Grund der großen Bodenvase vor, neben der sie jetzt niederkniete. Aber das abgeschabte, mit feinen Rissen durchzogene Lederfutteral, das sie zwischen all den Regenschirmen, Schuhlöffeln, Fell-O-Plastbällen und Recyclingtüten erwartet hatte, war nicht mehr da …

Es war nicht einmal ein richtiges Geräusch, allenfalls das Echo eines Geräusches, aber Jessamy war trotzdem sofort wieder auf den Füßen, als sie es hörte. Sie wirbelte herum, kampfbereit ...

... doch der hektisch hin und her zuckende Strahl der Taschenlampe traf nur ihr eigenes Gesicht, das ihr aus dem verschnörkelten Oval des großen Wandspiegels entgegensah ... ein sehr blasses angespanntes Gesicht, das aus einem sehr subtilen Grund, den Jessamy nicht auf Anhieb hätte benennen können, irgendwie ein klein wenig anders aussah, als sie es in Erinnerung hatte ...

Vielleicht lag es einfach nur daran, dass ihr heller Haarschopf in feuchten Kringellocken in ihrer Stirn hing und an ihren Wangen klebte, beinahe so, als wäre sie gerade in einen Regenguss geraten oder in Schweiß förmlich zerflossen ... was nun wirklich eigenartig war, denn der Abend war entschieden kalt und vor allem ganz und gar trocken.

Aber noch viel eigenartiger war dieser eckige Schatten unter ihrem Kinn, der eindeutig wie der zugeknöpfte Kragen ihrer Uniformjacke aussah, obwohl sie einen weichen Wollschall um ihren Hals geschlungen hatte und auch sonst Zivilkleidung trug. Und dann ...

... UND DANN ÖFFNETE JESSAMYS SPIEGELBILD DEN MUND UND SAGTE: „HALLO SAM!"

Eine Ewigkeit lang stand alles still, sie konnte es ganz deutlich fühlen: Ihr Herz, das Haus, die Straße, die Stadt, die ganze Welt – alles verharrte in Regungslosigkeit, starr vor Entsetzen angesichts einer Unmöglichkeit, die nicht sein konnte, nicht sein durfte, weil sie gegen alle Naturgesetze verstieß. Es war undenkbar, es war unvorstellbar, dass eine bloße Reflexion, eine Ansammlung von gebrochenen Lichtpartikeln auf einer Glasfläche plötzlich zum Leben erwachte, sich einfach selbstständig machte. Und doch ...

Wie in Trance streckte Jessamy die Hand aus. Aber erst als ihre Fingerspitzen warmes Fleisch streiften statt kaltem Glas, zersplitterte die Unwirklichkeit des Augenblicks und wurde zu einer Ungeheuerlichkeit, die sie zurückscheuen ließ, als hätte sie das Alptraummonster ihrer frühesten Kindertage berührt ...

"Wer bist du? Was bist du?" keuchte sie, obwohl sie die Antwort im Grunde längst wusste.

"Ich bin du!" erwiderte die Frau ... die unerträglich vertraute Fremde ... das Ding.

Und das Grausame daran war, dass es beinahe die Wahrheit war. Beinahe ...

Und plötzlich war alles so klar. Kleine Andeutungen, winzige Hinweise, alles, was einst nebensächlich und völlig bedeutungslos erschienen war, fügte sich nun zusammen wie die Teile eines Puzzles. Und diese Puzzleteile ergaben ein Bild, dessen wahnsinnige Logik an den Eckpfeilern von Jessamys Verstand rüttelte.

Ein Klon!

Sie hatten sich nicht mit einer simplen Doppelgängerin zufrieden gegeben, nein. Sie hatten gleich einen Klon gezüchtet, hatten ein lebendes Duplikat von Jessamy Sorkin geschaffen, einen perfekten Ersatz. Oder zumindest einen genetisch perfekten Ersatz, denn ein menschliches Wesen bestand eben nicht nur aus einem Körper, aus einer willkürlichen Anhäufung von leicht reproduzierbaren DNS-Strängen in einer Hülse aus Wasser, Salz und Proteinen. Ein Mensch hatte ein Bewusstsein, Gefühle, eine Seele ... Hatte ein in einem Reagenzglas gezeugtes Geschöpf, hatte diese einem Labor entsprungene Kreatur, diese Abnormität, die ihr jetzt gegenüberstand, so etwas wie eine Seele?

Jessamy konnte einfach nicht damit aufhören, dieses Gesicht anzustarren, das gleiche Gesicht, das sie jeden Morgen in ihrem Badezimmerspiegel erblickte, nur in einer seitenverkehrten Version. Aber war diese unvermeidliche Verfremdung, die auf der leichten Asymmetrie der menschlichen Knochenstruktur beruhte, wirklich eine Erklärung, eine Entschuldigung dafür, dass sie sie nie zuvor bemerkt hatte, diese unglaubliche Ähnlichkeit, die jetzt so leicht erkennbar, so unübersehbar war?

Diese Nase mit ihrer aufwärts strebenden Spitze, das eigenwillige Kinn mit der kleinen Kerbe, Form und Schnitt von Mund und Augen ... Augen, die jetzt meerblau waren ... dazu die dichten widerspenstigen Locken, zum ersten Mal befreit von allen synthetischen Farbschattierungen ...

Konnte eine so oberflächliche Maskerade, die im Grunde nur aus einer Haartönung und aus einem Paar Kontaktlinsen bestanden hatte, tatsächlich eine so perfekte Tarnung sein? Konnten ein paar simple Kosmetikartikel über einen so langen Zeitraum hinweg eine Person vorgaukeln, die nie wirklich existiert hatte? Es war unfassbar.

Jessamy war so erschüttert von der unerwarteten Wendung der Dinge, dass sie nicht einmal dann dazu in der Lage gewesen wäre, sofort darauf zu reagieren, wenn es um Leben und Tod gegangen wäre. Und dass es hier um Leben und Tod ging, wurde ihr spätestens in dem Augenblick bewusst, als der Klon ... Jessamy Nummer 2 ... Sondra Rakosh langsam den rechten Arm hob und Jessamy Nummer 1 … die echte, die einzig wahre Jessamy Sorkin ... das kühle stählerne Funkeln einer antiken, aber immer noch funktionsfähigen Nadelstrahlerpistole in ihrer Hand sah.

„Ich nehme an, du hast das hier gesucht", sagte Sondra. „Die Vase war übrigens eine ziemlich gute Idee – ich hätte beinahe selbst ein paar Kleinigkeiten zwischen dem ganzen anderen Kram versteckt. Aber dann habe ich mir gedacht, wenn ich mich in dich hineinversetzen kann, kannst du dich natürlich auch in mich hineinversetzen - und das war mir dann doch ein bisschen zu riskant."

Sie blickte auf die Waffe hinunter und auch Jessamy starrte unwillkürlich wie gebannt auf den silbrig schimmernden Lauf mit der winzigen, aber durchaus tödlichen Mündung, die jetzt genau auf ihr Herz zielte, was ganz entschieden das Gegenteil von dem Ziel war, das diese Pistole anvisiert hätte, wenn es nach ihrem Willen gegangen wäre.

„Wie sehr du mich hassen musst", sagte Sondra leise. „Und ich kann es dir nicht einmal verdenken – du hast allen Grund dazu. Aber eines musst du mir glauben, Sam: Auch wenn es jetzt so zwischen uns endet, ich habe dich nie gehasst, nicht eine Minute lang ... Obwohl auch ich allen Grund dazu gehabt hätte ..."

„Warum?" wisperte Jessamy.

Ein einziges Warum für so viele Fragen, aber es war genug, um Sondras nur scheinbar gleichmütige Fassade zu sprengen. Jessamy beobachtete mit einer Mischung aus Grauen und Faszination, wie sich das Faksimile ihres eigenen Antlitzes in eine Maske aus Schmerz verwandelte, wie sich die blauen Augen mit Tränen füllten und mit einer Qual, die Lichtjahre über ihren Erfahrungshorizont hinauszugehen schien.

Warum?! Was glaubst du eigentlich, wie es sich anfühlt, nur eine Kopie zu sein, eine billige Fälschung von einem echten realen Menschen mit einem echten realen Leben? Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie es ist, wenn du dazu verurteilt bist, für immer und ewig das Abziehbild von jemand anderem zu sein, wenn du nie die Chance hast, einfach nur du selbst zu sein?"

Sondras Stimme wurde merklich brüchiger.

„Und was ist, wenn du dein ... Original auch noch magst, wenn du diesen Menschen wirklich gerne hast, wenn du dich mit ihm verbunden fühlst wie mit einem Zwilling? Ja, Sam, auch wenn du es jetzt nicht wahrhaben willst, wir haben so vieles gemeinsam. Was wir mögen und was wir nicht mögen, wie wir denken, wie wir fühlen ...

Meinst du vielleicht, es hat mir gar nichts ausgemacht, mich bei dir einzuschleichen, dich von morgens bis abends zu belauern und zu bespitzeln, um alles von dir zu lernen, um alles von dir zu wissen, damit sie mich irgendwann einfach gegen dich austauschen können wie eine Schachfigur gegen die andere? Denkst du wirklich, es hat mich völlig kalt gelassen, dir Stück für Stück dein Leben zu stehlen und dabei die ganze Zeit genau zu wissen, dass ich mit jedem kleinen Fortschritt dein Todesurteil unterschreibe?"

Die klare Eisschicht, die Jessamys Inneres überzog, gab ein warnendes Knacken von sich, aber sie ignorierte es entschlossen. Es war viel besser, viel leichter, viel sicherer, vor gerechter Verachtung zu sprühen.

„Oh, das bricht mir jetzt aber wirklich das Herz! Du kannst dir dieses rührselige Theater ruhig sparen, Sondra, ich glaube dir kein Wort mehr."

„Aber es ist wahr! Ich bin kein Ungeheuer, Sam. Ich bin ... wie du. Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schlimm das alles für mich war. Es hat mich ganz krank gemacht. Ich war manchmal so verzweifelt, dass ich mich am liebsten ..."

„HÖR AUF!" schrie Jessamy.

Dass Sondra sogar in diesem Augenblick noch dazu in der Lage war, sich in Selbstmitleid zu wälzen, ließ den letzten Rest ihrer Beherrschung ausfransen wie ein schadhaftes Bergsteigerseil, das zu lange an einer scharfen Felskante entlang gescheuert war. Bildete sich Sondra allen Ernstes ein, dass eine vor Gefühlsduselei triefende Tirade Jessamy dazu bringen würde, ihr das Unverzeihliche zu verzeihen?

„Du bist doch wirklich die größte Heuchlerin, die mir je über den Weg gekrochen ist! Mein Gott, sieh dich doch nur mal an! Nach allem, was du mir angetan hast, hast du tatsächlich die Stirn, hier vor mir zu stehen und herumzuwinseln, wie gerne du mich hast und wie schlimm das alles für dich ist. Und die ganze Zeit hältst du meine eigene Pistole in der Hand und wartest nur darauf, deinen Job zu Ende zu bringen. Es hat dich ganz krank gemacht? Du machst mich krank, Sondra! Du widerst mich an!"

„Ich kann doch nichts dafür, Sam. Ich muss tun, was sie sagen. Ich habe keine andere Wahl."

„Man hat immer eine andere Wahl!"

Doch noch während sie ihrer Kontrahentin diese Anklage entgegenschleuderte, wurde Jessamy bewusst, dass Sondra keineswegs die Einzige war, der man hier Heuchelei vorwerfen konnte. Hatte sie selbst nicht erst vor kurzem ihre Skrupel mit Entschuldigungen und Rechtfertigungen beruhigt, bei denen es ausschließlich um den Mangel an Optionen gegangen war?

Sie verdrängte diese unangenehme Erinnerung hastig, aber ein übler Nachgeschmack blieb. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass sie immerhin noch krampfhaft nach einer Möglichkeit gesucht hatte, Sondra einen Wink zu geben und sie dadurch vor dem sicheren Untergang zu bewahren – ein Gnadenakt, der letzten Endes nur an der Überwachung durch Breghalas Leute gescheitert war. Sondra dagegen war dieser Ausweg offensichtlich nie auch nur in den Sinn gekommen – sie hatte zahllose Gelegenheiten versäumt, ihre angeblichen Solidaritätsgefühle für Jessamy unter Beweis zu stellen.

„Wenn dir wirklich etwas an mir liegen würde, dann hättest du es mir gesagt. Du hättest mich jederzeit warnen können. Jederzeit!"

„Nein! Genau das konnte ich eben nicht, obwohl ich es mir so gewünscht habe. Du glaubst gar nicht, wie oft ich kurz davor war, dir alles zu erzählen, Sam. Zum Beispiel damals auf der Nivess ... da waren wir uns so nahe wie noch nie zuvor ... Aber ich hatte einfach nicht den Mut, es dir zu sagen. Ich hatte einfach zu große Angst. Verstehst du denn nicht? Ich bin genau so ein Opfer wie du."

Aber Jessamy verstand es nicht, wollte es auch gar nicht verstehen.

„Sag das ja nicht! Wag es nicht, so etwas zu mir zu sagen! Du bist kein Opfer, Sondra, du bist ein Täter. Also komm mir jetzt bloß nicht mit dieser Ich-armer-kleiner-Unschuldsengel-Masche. Das ist so was von armselig!"

„Ich kann nichts dafür, dass ich bin, was ich bin, Sam. Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden. Sie haben mich einfach ... gemacht. Und jetzt muss ich tun, was sie mir sagen, oder ich bin so gut wie tot."

Die erste Träne rollte über Sondras Wange und perlte an ihrem Kinn ab. „Du hast ja keine Ahnung, wie sie wirklich sind", sagte sie erstickt. „Die haben mit niemandem Mitleid, weder mit dir noch mit mir oder mit irgendjemand sonst. Sie haben zu mir gesagt, wenn ich quer schieße, wenn ich das Projekt irgendwie sabotiere, dann bringen sie mich um. Und das war keine leere Drohung. Die meinen es ernst."

„Ach, so ist das also: Die bösen Buben haben dich erpresst und dich überhaupt ganz schrecklich missbraucht und du bist so rein und unbefleckt wie ein Schneeglöckchen – oh je, oh je!" sagte Jessamy höhnisch. „Du hättest weglaufen können, Sondra. Du hättest ihnen einfach davonlaufen können."

„Glaubst du wirklich, ich wäre noch hier, wenn ich auch nur die leiseste Chance gehabt hätte, ihnen zu entwischen? Nein, das war unmöglich für mich, dafür haben sie gesorgt, von Anfang an. Sie ... sie haben mir irgendeinen Virus eingepflanzt, der sofort aktiv wird, wenn ich mir nicht jeden Tag ein Serum injiziere.

Siehst du, was sie mir angetan haben? Sie haben eine wandelnde Zeitbombe aus mir gemacht! Ich habe natürlich einen kleinen Vorrat an Ampullen, aber wenn mir die ausgehen, dann bleiben mir höchstens noch vierundzwanzig Stunden.

Aber ich will nicht sterben, Sam. Ich bin jung ... und das Leben kann so schön sein ... und ... und ich habe genauso viel Recht darauf wie du!" Sie begann haltlos zu schluchzen.

„Was ist mit Kaye?" sagte Jessamy hart. „Hatte sie kein Recht auf ihr Leben?"

Sondra wischte sich fahrig die Tränen ab, doch die Hand mit der Pistole kehrte bemerkenswert schnell in ihre Ausgangsposition zurück. „Das mit Kaye war ein Unfall, das war gar nicht geplant. Es ist einfach so passiert."

„Einfach so passiert?!"

„Weißt du, sie wollten dich ganz unauffällig von deinen Freunden loseisen. Sie wollten so viel Distanz wie nur möglich zwischen dich und alle bringen, die dich wirklich gut kennen, damit ich es leichter habe, wenn ... wenn es so weit ist und ich deine Rolle übernehmen muss."

Und Jessamy dachte an die leere Mailbox, die sie so oft bei ihrer Heimkehr vorgefunden hatte.

... aber es war entweder ewig besetzt oder es ging nie jemand ran. Also wirklich, Sam, der Imperator ist leichter an die Strippe zu kriegen als du, wisperte Zevs Stimme irgendwo in ihrem Hinterkopf.

Sie biss in hilfloser Wut die Zähne zusammen, als ihr die unmenschliche Raffinesse, die gnadenlose Gründlichkeit bewusst wurde, mit der ihre Vernichtung, die totale Annullierung ihres ganzen Seins vorbereitet worden war. Wie hatte Sondra es genannt? Das Projekt? Der kalte akademische Begriff ließ Jessamy frösteln. Sie stellte sich unwillkürlich vor, wie sich Sondras Schöpfer / Auftraggeber irgendwo da draußen an einem Konferenztisch zusammensetzten und mit wissenschaftlicher Akribie und völlig unbewegt die Auslöschung von Jessamy Sorkins Existenz planten.

Einfach aus dem Weg geschafft und durch einen gut dressierten Klon ersetzt ... und niemand hätte es je gemerkt, wenn ihr Plan funktioniert hätte, dachte Jessamy.

Sie fühlte sich ganz benommen angesichts der dämonischen Kühnheit, die die Allianz so unerwartet an den Tag gelegt hatte. Denn wer hätte den Austausch im Endeffekt bemerken können? Sogar die besten Freunde verloren sich unvermeidlich aus den Augen, wenn man jeden Kontakt zwischen ihnen unterband.

Und auch Kollegen konnten letzten Endes ziemlich leicht getäuscht werden, wenn man ihnen ein sorgfältig vorbereitetes Double präsentierte, das sich in nichts mehr von seinem Ursprungsmodell unterschied ... ein Double, das niemals Gefahr lief, durch einen verpatzten Retina-Scan oder einen verdächtigen Gebissabdruck entlarvt zu werden. Und lag nicht eine gewisse Ironie darin, dass zwischen Jessamy und der Warbride-Crew ausgerechnet jetzt genau die Art von Entfremdung bestand, die Sondra Erfolg auf der ganzen Linie garantiert hätte?

Und was Zev anging: Selbst den glühendsten Liebhaber konnte man durch einen geschickt inszenierten Streit loswerden – im Notfall auch durch rabiatere und endgültigere Methoden ...

„Aber es ist nicht so glatt gelaufen, wie sie gedacht haben", fuhr Sondra fort. „Irgendwie ist überhaupt von Anfang an alles schief gegangen. Deine Freunde sind eine ziemlich hartnäckige Truppe, Sam. Und Kaye war mehr als nur hartnäckig ...

Als sie eine Weile nichts mehr von dir gehört hatte, fing sie an, dich mit Anrufen und Mails förmlich zu bombardieren. Es war der helle Wahnsinn! Ich musste praktisch ununterbrochen auf der Lauer liegen. Ich hatte jedes Mal, wenn du zu Hause warst, solche Angst, dass ich einmal nicht schnell genug bin, dass sie dich irgendwann doch noch erwischt, dass alles auffliegt.

Aber am meisten Angst hatte ich natürlich davor, dass sie eines Tages höchstpersönlich hier aufkreuzt. Und genau so ist es dann auch gekommen. Plötzlich steht sie einfach hier vor unserer Tür und klingelt Sturm ..."

Sondra hielt in ihrer atemlosen Beichte inne und sah Jessamy flehend an. „Ich schwöre dir, Sam, ich wollte nicht, dass es so kommt. Ich wollte Kaye ja nicht einmal reinlassen. Aber ich konnte sie einfach nicht abwimmeln. Sie war gleich so misstrauisch, so aggressiv. Sie hat mir nicht geglaubt, dass du nicht daheim bist. Sie hat gesagt, wenn ich sie nicht sofort reinlasse, schreit sie das ganze Haus zusammen. Was hätte ich denn machen sollen, Sam?"

Sondra schwieg einen Moment lang, aber als Jessamy keine Anstalten machte zu antworten, sagte sie gedämpft: „Im Wohnzimmer ist es dann passiert. Eigentlich ist der Kater an allem schuld ...

Weißt du, ich wollte gerade unter die Dusche, als Kaye aufgetaucht ist. Ich hatte mich schon ausgezogen und als es geklingelt hat, habe ich mir nur schnell deinen Bademantel übergeworfen, weil ich dachte, es wäre Gleb oder ... Ich meine, hätte ich gewusst, dass es Kaye ist, hätte ich natürlich gar nicht erst aufgemacht.

Na ja, und dann hat sie mich total überrumpelt und sich einfach hier reingedrängelt. Und ich war so durcheinander, ich wusste beim besten Willen nicht, was ich zu ihr sagen soll, wie ich mit ihr umgehen soll, wie ich mit ihr fertig werden soll. Mir ging alles Mögliche durch den Kopf ...

Ich habe mich ganz automatisch auf deinen Lieblingssessel gesetzt, ohne groß darüber nachzudenken. Und ausgerechnet da kriegt der Kater seine anschmiegsamen fünf Minuten und springt mir auf den Schoß und kuschelt sich an mich und schnurrt wie eine Nähmaschine – genau so, wie er es bei dir immer macht, Sam.

Und in diesem Augenblick hat Kaye es gemerkt. Sie wusste sofort Bescheid. Und dann ... es ging alles so schrecklich schnell ... Ich weiß nicht, ob sie wirklich auf mich losgehen wollte oder ob sie einfach nur weglaufen wollte, aber sie war so furchtbar aufgeregt, sie war wie eine Furie ... Im Grunde war es Notwehr, Sam."

„Notwehr", wiederholte Jessamy tonlos.

Sondra starrte demütig zu Boden. „Sie wusste Bescheid, Sam. Und da konnte ich sie doch nicht einfach so gehen lassen. Sie hätte doch keine Ruhe mehr gegeben. Sie hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dich vor mir zu warnen. Und dann wäre alles aus gewesen, alles ..."

Und genauso war es auch ... Kaye hätte tatsächlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hätte, um Jessamy zu finden, sie zu warnen, sie zu beschützen.

Sie hätte sich von nichts und niemandem aufhalten lassen weil sie im Gegensatz zu mir eine echte Freundin war. Sie hätte mich nie so im Stich gelassen, wie ich sie im Stich gelassen habe, dachte Jessamy melancholisch.

Doch ihre stille Gedenkminute für Kaye Drumheller, die hatte sterben müssen, weil sie eine echte Freundin und zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war, wurde durch eine neue Tränenflut von Sondra unterbrochen.

„Es tut mir so Leid. Ich schwöre dir, ich wollte nie jemandem wehtun, nie!" weinte sie. „Aber was hätte ich denn machen sollen? Es ging alles so schrecklich schnell ... Wenn es dir ein Trost ist, Sam: Sie hat überhaupt nicht gelitten, wirklich nicht."

Jessamy dachte an die Blutflecken auf ihrer Couch und schauderte. Sondras Beteuerungen waren eher makaber als tröstlich.

Doch Sondra setzte ihre Beichte bereits fort wie unter Zwang. Es war beinahe so, als müsste sie zuerst Buße tun, indem sie ein umfassendes Geständnis ablegte, bevor sie dem Katalog ihrer Sünden eine weitere hinzufügen konnte.

„Und danach ... oh, es war einfach grauenhaft! Es war wie ein Alptraum! Und ich musste auch noch ganz allein damit klarkommen, weil ich niemanden erreichen konnte, absolut niemanden. Ich war völlig auf mich selbst gestellt ..."

Sie hörte sich an wie ein kleines Mädchen, das sich in der Wildnis verirrt hatte und vor der Herausforderung stand, im Alleingang den Heimweg zu finden.

Jessamy dachte an den seltsam infantilen, unfertigen Eindruck, den Sondra schon bei ihrer allerersten Begegnung gemacht hatte, und plötzlich fragte sie sich, wie alt ihr Alter Ego wohl in Wirklichkeit sein mochte. Zwei Jahre, drei Jahre? Viel mehr bestimmt nicht. Auf keinen Fall war sie fünfundzwanzig.

Jessamy wusste nicht viel über Klontechnologie – dieses Thema war dank der damit verbundenen ethischen Grundsatzdiskussion immer noch tabu, vor allem für die Medien. Aber wenn überhaupt, dann war immer von stark beschleunigten Alterungsprozessen die Rede, was durchaus plausibel klang. Welchen Nutzen hätte schließlich ein Klon, dessen Entwicklung vom hilflosen Säugling bis zum voll funktionstüchtigen und damit einsatzbereiten Erwachsenen genau so viel Zeit in Anspruch nahm wie die eines normalen Menschen?

Jessamy starrte Sondra an und überlegte, ob sie möglicherweise tatsächlich ein kleines Mädchen vor sich hatte – ein Kind, das seit seiner Geburt oder wahrscheinlich sogar schon seit seiner (Er)Zeugung mit Wachstumshormonen gepfropft und durch eine synthetisch verkürzte Adoleszenz gejagt worden war wie eine Treibhauspflanze, die mit künstlichem Ultraviolettlicht und dem ultimativen Superdünger vorzeitig zur Reife gebracht wurde.

Aber wenn Sondra nur ein Kind war – noch dazu ein Kind, das seinerseits in ständiger Lebensgefahr schwebte –, konnte man sie dann überhaupt für ihre Taten verantwortlich machen?

Jessamys wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen, als der Gegenstand ihrer Betrachtungen stöhnte: „Und als du dann auch noch aufgetaucht bist, da bin ich wirklich in Panik geraten. Ich wusste nur noch, dass ich Kaye unbedingt loswerden muss, bevor du irgendetwas merkst."

Was nicht nur Jessamys Theorien über den Heizungskeller untermauerte, sondern auch sofort alle philanthropisch angehauchten Denkansätze auseinanderstieben ließ wie ein Kanonenschuss einen Sperlingsschwarm.

Oh ja! Und für die Busenfreundin von Gleb Botkin war es natürlich kein großes Problem, an die Kellerschlüssel heranzukommen, dachte sie wütend.

Wahrscheinlich hatte Sondra das neue Hausmeisterwunder des Shaalizaar Inns mit flatternden Wimpern plus Trinkgeldgeklimper abgelenkt und ihm die Schlüssel einfach stibitzt. Oder war Gleb sogar so tief gesunken, dass er zum willigen Komplizen in einem Komplott geworden war, das ihm durchaus gewisse Vorteile verschafft hatte? Dieser grässliche Verdacht lenkte Jessamys Aufmerksamkeit sofort in eine ganz andere Richtung.

„Was ist mit Mr. Furgan? War das auch nur Notwehr oder ein Unfall oder was auch immer?"

„Damit hatte ich nichts zu tun", wehrte Sondra sofort ab. Aber im selben Atemzug: „Das waren die anderen ..."

„Ach so! Bei ihm ist es also nicht einfach so passiert, was?"

„Er ist selbst schuld daran. Warum musste er auch unbedingt hinter mir her schnüffeln? Er hätte seine spitze Nase eben nicht in Dinge hineinstecken sollen, die ihn nichts angehen", schnappte Sondra zurück.

Doch als sie Jessamys Gesichtsausdruck sah, fügte sie gedämpfter hinzu: „Es ist genau so, wie ich vorhin schon gesagt habe, Sam: Irgendwie ist alles schief gegangen. Irgendwie war von Anfang an der Wurm drin. Wir haben einfach zu viele Fehler gemacht ... Woher hätten wir auch wissen sollen, dass hier jemand herumschleicht, der sich aufführt, als wäre er dein persönlicher Bodyguard?"

Wir! Plötzlich waren es nicht mehr „sie" oder „die anderen", sondern klar und eindeutig „wir"!

Und wenn Jessamy auch nur eine Sekunde lang Zweifel an Sondras bereitwilliger oder zumindest ziemlich einsatzfreudiger Mittäterschaft gehegt hatte, dann holte allein schon der gedankenlose Gebrauch dieses verräterischen Pronomens sie endgültig auf den Boden der Realität zurück.

„Glaub ja nicht, dass ihr damit durchkommt, du und deine dreckigen Rebellenfreunde!" zischte sie.

Sondras Brauen zogen sich zusammen, bis sie einen waagrechten Strich über ihrer Nasenwurzel bildeten.

„Rebellenfreunde?"

Die Pupillen in ihren großen blauen Augen weiteten sich ein wenig und ein undefinierbarer Ausdruck huschte über ihr schmales Gesicht. (Verwirrung? Empörung? Bedauern? Jessamy konnte ihn beim besten Willen nicht deuten.) Dann schüttelte Sondra langsam den Kopf.

„Ach, Sam! Du bist ja so clever ... und so naiv!" seufzte sie.

Ob es nun ihr nachsichtiger Tonfall war oder dieses Kopfschütteln, es war die Herablassung, die darin lag, diese unangemessene und unausstehliche Überheblichkeit, die Jessamy endgültig zur Weißglut brachte.

„Vielleicht bin ich gar nicht so naiv, wie du denkst", fauchte sie. "Immerhin habe ich dich schon vor einer Ewigkeit durchschaut und angezeigt. Der Geheimdienst beobachtet dich schon die ganze Zeit. Die Leute beobachten uns hier und jetzt. Sie werden jeden Augenblick hier sein und dich verhaften. Das Spiel ist aus, Sondra! Aus und vorbei!"

Doch seltsamerweise zeigte Sondra, die nicht gerade das war, was Jessamy als krisenfest bezeichnet hätte, angesichts dieser fatalen Neuigkeiten keinerlei Anzeichen von Panik. Sie stand einfach nur da und sah Jessamy an ... und da war wieder dieses unergründliche Etwas in ihrem Mienenspiel ...

„Verstehst du denn nicht, was das für dich bedeutet?"

Du bist diejenige, die nicht versteht", sagte Sondra traurig.

Und diese Antwort war so absurd, so absolut und völlig unlogisch, dass Jessamy sich voller Unruhe an einen anderen Informationsschnipsel aus einer längst vergessenen Quelle erinnerte: Standen Klone nicht in dem Ruf, unter einer gewissen geistigen Instabilität zu leiden? Und eine drohende Verhaftung durch den imperialen Geheimdienst konnte immerhin sogar den normalsten Zeitgenossen zu einer gewalttätigen Kurzschlussreaktion veranlassen ...

Sie beäugte nervös den Nadelstrahler, der seit endlosen Minuten auf sie gerichtet war. Bevor das der Fall gewesen war, hatte sie kaum einen Gedanken daran verschwendet, dass Breghalas ganzes Team ihr dabei zusehen würde, wenn sie Sondra Rakosh über den Haufen schoss. Sie hatte diese Tatsache zusammen mit den unvermeidlichen Folgen ihres ganz privaten Rachefeldzuges in Kauf genommen und nur gehofft, dass der Überraschungseffekt dafür sorgen würde, dass ihr niemand in die Quere kam.

Doch von einem Überraschungseffekt konnte inzwischen nicht mehr die Rede sein und allmählich fragte Jessamy sich ernsthaft, ob Breghalas Männer vorhatten, tatenlos dabei zuzusehen, wie Sondra Rakosh sie über den Haufen schoss.

Aber das ist natürlich kompletter Blödsinn! Sie sind schon unterwegs. Sie sind schon ganz in der Nähe. Ich muss nur ein bisschen Zeit schinden ...

Sie atmete zweimal tief durch, zwang sich zur Ruhe.

„Jetzt hör mir mal gut zu, Sondra", sagte sie eindringlich. „Du sitzt bis zum Hals in der Tinte, das ist dir doch wohl klar, oder? Aber noch ist nicht alles verloren. Es gibt immer einen Ausweg, sogar für dich. Wenn du dich jetzt ergibst, dann hast du eine echte Chance, mit heiler Haut hier herauszukommen. Wenn du kooperierst, wenn du bereit bist, gegen deine Leute auszusagen, wenn du dem Geheimdienst dabei hilfst sie zu fassen, dann wirst du bestimmt begnadigt.

Sie lassen dich laufen, Sondra, und du wirst frei sein, endlich frei, um dein eigenes Leben zu leben. Und du wirst auch nicht an diesem Virus sterben. Das Imperium hat die besten Ärzte und Biologen weit und breit, sie finden bestimmt ein Gegenmittel oder sie reproduzieren einfach dein Serum oder irgendwas in dieser Art."

Jessamy hatte sich in Feuer geredet, meinte jedes Wort ernst. „Das ist deine Chance, Sondra! Und es ist alles so einfach. Du musst gar nicht viel dafür tun. Du musst nur diese Pistole hinlegen und mit mir warten, bis sie kommen Sie müssen jetzt jeden Augenblick hier sein ..."

Ihr Herz sank, als Sondra erneut den Kopf schüttelte. Und jetzt erkannte sie endlich, was es war, was sich in dieser Karikatur ihres eigenen Gesichtes widerspiegelte: Mitleid!

Und noch bevor Sondra den Mund öffnete, wusste Jessamy schon ganz genau, was sie sagen würde. Und das Begreifen zuckte wie der flammende Atemzug eines Drachen durch ihr Bewusstsein und ließ ihre letzten Illusionen in einem einzigen Auflodern zu weiß glühender Asche zerfallen ...

„Aber es wird niemand kommen, Sam. Weder jetzt noch nachher noch irgendwann sonst. Weil das Spiel wirklich aus ist. Aus und vorbei – für dich!"

Sondras Arm wanderte mit der unerbittlichen Präzision eines Zeigers auf die Zwölf-Uhr-Position, was die Mündung des Nadelstrahlers auf Jessamys Stirn ausrichtete wie auf eine unsichtbare Zielmarkierung.

„Gott, ich wünschte, ich müsste das nicht tun, aber ich muss! Ich habe es so lange hinausgezögert, wie ich nur konnte, aber jetzt werden sie ungeduldig ... Sie wollen das Projekt abbrechen und das wäre mein Tod!" wisperte sie. „Vergib mir, wenn du kannst, Sam. Ich werde dich nie vergessen ... Nie ..."

Erst als sich Sondras Zeigefinger im Zeitlupentempo um den Abzug krümmte, jagte ein Adrenalinstoß durch Jessamy und erfüllte ihre verkrampften Muskeln mit neuem Leben. Lang unterdrückte Reflexe rissen endlich das Kommando an sich ... und noch bevor sie einen klaren Gedanken gefasst hatte, flog ihre rein instinktiv geschleuderte Taschenlampe wie ein Wurfholz quer durch den Flur und traf Sondra mitten ins Gesicht.

Sondras spitzer Aufschrei wurde von dem doppelten Aufprall abgelöst, mit dem Pistole und Taschenlampe auf dem Parkett landeten. Die Lampe erlosch sofort, als sie aufschlug, aber Jessamy brauchte sie ohnehin nicht mehr. Sie brauchte jetzt gar nichts mehr – nichts außer dem, was sie in zahllosen Trainingsstunden gelernt hatte.

Sie sprang ihre nur noch silhouettenhaft wahrnehmbare Feindin mit der Geschmeidigkeit eines angreifenden Pardegs an. Sondra verlor das Gleichgewicht und stürzte, aber bevor Jessamy diesen Vorteil wahrnehmen konnte, hatte Sondra schon ihre Knie umklammert und sie mit einem kräftigen Ruck auch zu Fall gebracht.

Und schon rollten sie über den Boden, ineinander verkrallt wie kämpfende Wildkatzen, beißend und kratzend, schlagend und tretend, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Gnade für die Gegnerin.

Und wer hätte in diesem Augenblick schon sagen können, wer von beiden die Stärkere war, wer dazu prädestiniert war, den Sieg davonzutragen? Denn was Sondra an Technik und Erfahrung fehlte, machte sie durch Verzweiflung wieder wett.

Und es kam ein furchtbarer Augenblick, in dem Jessamy unter ihr lag und nicht mehr atmen konnte, weil Sondras Hände ihre Kehle mit der erstickenden Kraft einer Schraubzwinge umklammerten ...

... und plötzlich explodierte ein Stern direkt hinter Sondras Kopf ...

... und alles versank in einer Eruption aus unerträglich gleißend hellem Licht und ohrenbetäubendem Lärm ...

... und Jessamy fiel in eine unendliche Leere und Schwärze ...


Fortsetzung folgt …