XII.
Devon:
Bläuliche Rauchschwaden zogen langsam durch die breite Lichtbahn, die durch das große zackige Loch hereinströmte, das vor Sekunden noch eine geschlossene Wohnungstür gewesen war. Eine große breitschultrige Gestalt, die dank dem riesigen Helm und dem voluminösen schwarzen Schutzpanzer, den sie trug, beinahe ebenso unbeweglich wie unförmig wirkte, kletterte umständlich durch das klaffende Loch herein, stolperte über vier ausgestreckte schlanke Beine, fluchte herzhaft und riss mit überflüssigem Kraftaufwand das auf, was von der Tür noch übrig war.
„Wow! Den Knall haben sie bestimmt noch drei Blocks weiter gehört ... Wer hätte gedacht, dass ein einziges von diesen niedlichen kleinen MX5-Babys so viel Krach macht?
Na ja, ist nicht weiter schlimm. Aber wir zwei Hübschen müssen jetzt trotzdem mal einen Zahn zulegen, damit wir hier wieder raus sind, bevor jeder einzelne Bulle in dieser Stadt auf der Matte steht.
He, du da draußen! Nur für den Fall, dass du es noch nicht mitgekriegt hast: Ich rede mit dir! Na los, worauf wartest du noch? Immer rein in die gute Stube!" Und als sich draußen im Hausflur immer noch nichts rührte, lauter und energischer: „Komm schon, Kleiner, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit. Husch ins Körbchen!"
Auf diese ziemlich nachdrückliche Einladung hin erschien endlich eine zweite gepanzerte Gestalt, die sichtlich widerwillig hereinkam.
Beim Anblick der beiden regungslosen jungen Frauen auf dem Boden keuchte der Neuankömmling erschrocken: „Oh nein! Sind die etwa tot, Fennimor?"
„Nicht ganz. Noch nicht ..."
Fennimor streckte Hände in dicken wattierten Handschuhen aus, um sich die Atemmaske herunterzureißen, die in seinen klobigen Helm integriert war.
„Ah, schon besser!" seufzte er, als sein verschwitztes olivfarbenes Gesicht, das von einem kurzen schwarzen Bart umrahmt war, unter der getönten Kunststoffmaske auftauchte. „In diesem verdammten Ding geht man ja fast ein ... Du kannst deine jetzt ruhig auch absetzen, Kleiner. Dieses Betäubungsgas löst sich ruckzuck wieder auf."
Sein Gefährte schien davon nicht so überzeugt zu sein, denn er zögerte noch einen Augenblick, nahm dann aber gleich seinen ganzen Helm ab. Obwohl seine kurz gestutzten strohblonden Haarbüschel schweißverklebt waren, war sein Jungengesicht so fahl, dass ein einsamer Pickel auf seinem runden Kinn zu glühen schien wie der Krater eines aktiven Vulkans.
„Nimm's leicht, Kleiner", sagte Fennimor mit einem Achselzucken.
Doch Paejonn war weit davon entfernt, irgendetwas leicht zu nehmen. Er war von seiner kleinen Bildungsreise auf Staatskosten jetzt schon hoffnungslos überfordert und sie wussten es beide.
„Die sehen ja wirklich total gleich aus", sagte er verstört, als er die beiden Zielobjekte seines ersten aktiven Einsatzes noch einmal aus der Nähe in Augenschein genommen hatte. „Woher sollen wir denn jetzt bloß wissen, welche von ihnen die Richtige ist?"
„Ganz einfach: Es ist die, die unten liegt."
„Wie kannst du dir da so sicher sein?"
„Weil ich ein Mann von Welt bin und weil Männer von Welt sich mit Frauen auskennen", erwiderte Fennimor lässig. Seine Zähne blitzten durch seinen Bart wie eine Sichel durch eine Getreidegarbe, als ein breites wissendes Grinsen seinen Mund spaltete. „Weibliche Eitelkeit, Kleiner. Keine von diesen Offiziers-Miezen läuft freiwillig in dieser Montur herum. Nicht in ihrem Urlaub."
„Aber ..."
„Fang jetzt nicht an zu nerven, okay? Fass lieber mal mit an!"
Fennimor griff nach der bewusstlosen jungen Frau in Uniform, zerrte sie mit Paejonns Hilfe von der anderen herunter und ließ sie achtlos fallen wie einen Sack Süßwurzeln.
Paejonn schnitt eine Grimasse, als Rakoshs Kopf auf dem Boden aufschlug – wenn es überhaupt wirklich Rakosh war.
„Was ist? Die ist doch völlig hinüber. Sie hat genug von dem Zeug eingeatmet, um jetzt schon jenseits von Gut und Böse zu sein. Die kriegt nichts mehr mit, gar nichts.
Und überhaupt: Wenn du hier schon den Ritter ohne Furcht und Tadel spielen willst, dann kümmere dich lieber um Breghalas Sorgenkind. Oh Mann ... das Mädchen hat ja ganz schön was abgekriegt. Sieht so aus, als wären wir gerade noch rechtzeitig gekommen...
Was ist das da auf dem Boden? Eine Knarre? Gut. Und das andere? Eine Taschenlampe? Genau das, was ich jetzt brauche. Gib das Ding mal her ... Ich meine die Lampe, Kleiner!"
Paejonn, der sich gebückt hatte, um den Nadelstrahler aufzuheben, zog so hastig seine Hand zurück, als hätte sich die Waffe unversehens in eine Riesenspinne verwandelt, und nahm stattdessen die Taschenlampe auf.
Gleich darauf beugte sich Fennimor über Sorkin ...
Wenn es überhaupt wirklich Sorkin ist, dachte Paejonn beklommen.
... zog mit dem Zeigefinger eines ihrer Lider hoch und leuchtete ihr mit der Lampe ins Auge.
„Pupillenreflex okay ... Atmung regelmäßig ... Alles prima. Schön, weiter im Text: Wo hast du den Kanister gelassen, Kleiner?"
Paejonn schluckte. „Draußen im Flur", sagte er zaghaft.
„Na, dann hol ihn! Jetzt gleich!"
Fennimor seufzte schwer, als sein Partner aufgeregt hinaushuschte.
„Ein Anfänger, ein blutiger Anfänger – und so zimperlich wie eine Nonne in einer Peepshow!" murrte er vor sich hin, als Paejonn außer Sicht- und Hörweite war. „Keine Ahnung, was sich der Colonel dabei gedacht hat. Muss wohl so eine Art Test sein. Die Frage ist nur, wer hier getestet wird. Der Kleine oder ich?"
Bevor er sich weiter den Kopf über Breghalas geheimnisvolle Beweggründe zerbrechen konnte, kam Paejonn wieder hereingestakst, jetzt mit einem schweren Kanister bewaffnet, dessen leise schwappender Inhalt einen durchdringend chemischen Geruch verbreitete.
„Wozu brauchst du den eigentlich?"
Fennimor verdrehte die Augen angesichts von so viel Dilettantismus und antwortete mit einer Gegenfrage.
„Wozu brauchst du einen 40-Liter-Kanister Brandbeschleuniger? Für ein Lagerfeuer beim Pfadfinder-Picknick?"
„Willst du etwa das ganze Haus abfackeln?!"
„Nicht das ganze Haus ..."
„Aber wenn du die Wohnung anzündest ..." Paejonn sah auf Rakosh hinunter und seine Augen wurden groß wie Untertassen. „Das kannst du nicht machen, Fennimor!"
„Der Colonel hat gesagt, wir sollen die Sache sauber zu Ende bringen. Keine Beweise, keine Probleme. Also bringen wir die Sache sauber zu Ende", erwiderte der Agent ausdruckslos.
„Du kannst die Frau doch nicht bei lebendigem Leib ... Oh, mein Gott!" In Paejonns Stimme kam ein eindeutiger Unterton von Hysterie.
„Reg dich bloß wieder ab, Kleiner. Ich hab's dir doch schon gesagt: Die kriegt nichts mehr mit, gar nichts – nicht einmal, wenn sie in die Ewigen Jagdgründe eingeht."
„OH ... MEIN ... GOTT!"
„Ich seh' schon, du bist einer von der empfindlichen Sorte ... Okay ... Wir sind ja keine Unmenschen. Nein, nein, wir sind nette Killer. Wir machen es also kurz und gnädig und ganz besonders nett, ja? Ich meine, was soll's? Die werden sowieso alle denken, dass der Klon ausgeflippt ist, Sorkin abgemurkst hat und sich dann aus dem Staub gemacht hat. Wir können also ruhig ein bisschen improvisieren. Und wir haben sogar eine Knarre, um es zu tun ...
Also schnapp dir die Wumme, Kleiner, und bring es hinter dich wie ein Mann."
„WAS?!"
„Ja, ich weiß. Das erste Mal ist immer hart. Mach dir nichts draus. Denk nicht darüber nach, tu's einfach. Wenn du es hinter dir hast, wirst du sehen, dass es nur halb so wild ist. Und beim nächsten Mal geht es dann schon wie am Schnürchen."
„Aber ..."
„Na, los! Zeig mir, dass du es drauf hast! Zeig mir, dass du ein ganzer Kerl bist! Zeig mir, dass du Durastahl in den Adern hast!"
„OH ... MEIN ... GOTT!"
Die gereizte Geste, mit der Fennimor an seinem Bart zupfte, wäre auch für ganze Kerle mit Durastahl in den Adern ein Alarmzeichen gewesen. Aber Paejonn starrte mit einem waidwunden Ausdruck zurück, der sogar hartgesottene Geheimdienst-Agenten in die Knie zwingen konnte – ganz besonders dann, wenn ein langsam anschwellendes Sirenengeheul in der Ferne das Nahen von Gesetzeshütern ankündigte, denen man besser aus dem Weg ging.
„Okay ... Ist ja gut! Ich mache es selber. Wie wäre es, wenn du inzwischen ..."
„MIIIAAAUUU!"
Fennimor zuckte unwillkürlich zusammen, aber Paejonn sprang fast aus seiner Haut vor Schreck, als nach dieser lautstarken Vorwarnung ein rotgetigertes vierbeiniges Etwas praktisch aus dem Nichts heraussprang und mit einem weiteren spektakulären Satz im angrenzenden Zimmer verschwand.
„Blöde Katze! Mich hat fast der Schlag getroffen!" knurrte der Agent, obwohl sein Puls in Wirklichkeit erstaunlich stabil geblieben war.
Doch Paejonn, dessen eigener Puls gerade in Richtung Panik-Modus raste, schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Das ... übernehme ... ich", japste er, als er wieder halbwegs sprechen konnte.
Und damit stürzte er davon, bevor sein verblüffter Partner auch nur Tod den Rebellen! denken konnte.
„Nette Killer und wahre Tierfreunde", murmelte Fennimor zynisch vor sich hin, als er Sorkins Waffe aufsammelte.
Aus dem Nebenraum drang ein markerschüttendes Kreischen, gefolgt von einem vielsagenden Klirren.
„Der Kleine sollte wirklich dringend über einen Karrierewechsel nachdenken und das bald. Dieser Job ist nichts für ein Weichei wie ihn … Also wirklich ... Winselt hier herum wie eine platt gewalzte Gummiente … Als ob es für die Braut nicht sowieso so was wie eine Erlösung wäre …"
Fennimor rollte Rakosh auf die Seite und setzte die Waffe an ihre Schläfe, um für genau diese Erlösung zu sorgen.
„Nichts für ungut, Süße. Viel Glück im nächsten Leben", sagte er leise und drückte ab.
Er hatte schon den größten Teil des Kanisterinhaltes systematisch über Wände und Möbel verteilt, als Paejonn wieder zum Vorschein kam, zerbissen und zerkratzt und auch sonst ziemlich mitgenommen, aber stolzgeschwellt.
Das widerspenstige Fellbündel, das sich heftig in seinen Armen wand und irgendwie über mehr Extremitäten zu verfügen schien als ein durchschnittlicher Oktopus, protestierte schrill gegen diese unerwünschte Rettung, aber Paejonn umklammerte es entschlossen und entführte es in stummem Triumph nach draußen auf den Flur. Es war offensichtlich, dass er mit dieser Heldentat seinen Einsatz als beendet ansah, was sogar Fennimor vorübergehend die Fassung verlieren ließ …
„Das glaube ich jetzt einfach nicht! Schnappt sich dieses bescheuerte Katzenvieh und haut einfach ab …
Wofür hält sich dieser völlig beknackte Milchbubi eigentlich? Für den Brutaltrupp vom Tierschutzverein, oder was? Ich hoffe, das kleine Biest frisst ihn!"
Er warf sich Sorkin mit Schwung über die Schulter, entzündete einen mit Brandbeschleuniger voll gesogenen Läufer mit einem Schuss aus dem überaus nützlichen Nadelstrahler und nahm die Verfolgung seines von allen guten Geistern verlassenen Helfers auf.
Als sie endlich in dem unauffälligen Gleiter mit den gefälschten Kennzeichen davonsegelten, den Fennimor in weiser Voraussicht mehrere Blocks entfernt geparkt hatte, schlugen bereits meterhohe Flammen aus den Fenstern im neunundvierzigsten Stock des Shaalizaar Inns und die ganze 74. Straße wimmelte von Polizei, Feuerwehr und Schaulustigen wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen.
Der Agent warf einen flüchtigen Blick auf den Rücksitz, wo die zusammengerollte Form von Sorkin lag, in eine Decke gewickelt und eifersüchtig bewacht von ihrem zerzausten Stubentiger, dessen stimmgewaltiges Jaulen keinen Zweifel daran ließ, was er von diesem unerwarteten nächtlichen Ausflug hielt.
„Mission erfolgreich beendet - trotz deiner tollen Unterstützung, Kleiner!" brummte Fennimor.
Aber er war sehr zufrieden mit sich selbst, weil er die Sache wieder mal gedeichselt hatte – und das unter erschwerten Kampfbedingungen!
Paejonn, der gerade damit beschäftigt war, seine Kollektion an blutigen Schrammen mit Synth-Haut- Pflastern zu verarzten, hüllte sich in Schweigen.
Und das, fand Fennimor, war auch besser so ...
Vardiss:
Das diffuse Dauerlächeln auf dem sorgfältig geschminkten Puppengesicht der Nachrichtensprecherin verblasste nie. Es war sogar gegen die Gräuel eines galaxisweiten Bürgerkrieges immun und die eher triviale Sensation, die jetzt von seiner Besitzerin einem mit Katastrophenmeldungen übersättigten Publikum verkündet wurde, war nicht einmal dazu geeignet, die Einschaltquoten hochzutreiben.
„Delamere … Obwohl die Polizei nach wie vor von Brandstiftung ausgeht, ist die Ursache des Feuers, das vorgestern in einem unter Denkmalschutz stehenden Wohnkomplex im West-Viertel wütete, immer noch ungeklärt. Der Brand, der in den späten Abendstunden ausbrach, forderte ein Todesopfer. Mehrere Anwohner mussten wegen einer Rauchvergiftung mit ungewöhnlichen Nebenwirkungen in den umliegenden Krankenhäusern behandelt werden.
Die beiden obersten Etagen und der Dachstuhl des Gebäudes brannten vollständig aus. Der Sachschaden an dem ohnehin sanierungsbedürftigen Haus soll nach ersten Schätzungen eine Million Credits betragen.
Sirdan Melcroy, der Sprecher der Bürgerinitiative zur Erhaltung historisch wertvoller Bausubstanz, beschuldigte heute Morgen anlässlich einer Magistratssitzung den zuständigen Ausschuss, durch die willkürliche Streichung von Subventionen eine unmittelbare Verantwortung für dieses Unglück zu tragen. Elora Pitcairn, die Vorsitzende des Ausschusses, bezeichnete seine Vorwürfe als profilierungssüchtige Polemik und wies sie aufs Schärfste zurück.
Cinbarra … Obwohl Gouverneur Midori den von Gewerkschaftsbossen angekündigten Generalstreik in den städtischen Recyclinganlagen verboten hat und mit der Verhängung des Ausnahmezustands droht …"
„AUS!" bellte Breghala.
Der Holovidschirm, der den größten Teil der Rückwand seines Büros einnahm, erlosch mit beruhigender Schnelligkeit und Fügsamkeit, aber das hob die Laune des Colonels keineswegs.
Ruhelos tigerte er vor der breiten Couch hin und her, die von einem weiteren Zuschauer besetzt war, der sich im Gegensatz zu Breghala völlig entspannt in den üppigen, mit schwarzem Taurückenleder bezogenen Polstern räkelte, die Arme behaglich auf der Rückenlehne ausgestreckt und auch sonst die Gelassenheit in Person.
Es war schwer zu sagen, was Breghala mehr in Wallung brachte: Die Nachrichten oder die demonstrative und höchst unsoldatische Zwanglosigkeit, mit der sich sein Spezialagent auf seiner Couch lümmelte …
„Rauchvergiftung mit ungewöhnlichen Nebenwirkungen – wenn ich das schon höre!" schnappte er. „Habe ich Ihnen nicht ausdrücklich gesagt, dass dieser Einsatz so unauffällig wie nur möglich über die Bühne gehen muss? Wirklich, Fennimor, ich hätte ein bisschen mehr Diskretion von Ihnen erwartet!"
Der unerwartete Rüffel bewirkte, was die bloße Gegenwart des Colonels nicht vollbracht hatte: Fennimor saß sofort so steif und aufrecht da, als hätte er eine Fahnenstange verschluckt. (Der Despot in Breghala sah es mit Genugtuung.)
„Also das ist nicht fair, Sir", protestierte er. „Schließlich hatte ich einiges auf dem Hals: Ich musste den Klon ausschalten, das Mädchen retten, die Spuren verwischen und nebenbei auch noch Babysitter für dieses Nervenbündel spielen, das Sie mir an den Rockzipfel gehängt haben. Und das alles, ohne dass es die ganze Nachbarschaft mitkriegt!"
Doch Breghala wischte seinen Einspruch mit einer knappen Handbewegung weg.
„Die MX5-Granaten sind schon vor Jahren aus dem Verkehr gezogen worden und das ist auch gut so. Telzincyangas ist vielleicht ein besonders schnell wirkendes Betäubungsmittel, aber es hat seine Schattenseiten: Orientierungslosigkeit und Gedächtnislücken über Wochen - sogar Lähmungen, wenn jemand wirklich Pech hat. Das Zeug ist pures Gift …"
Fennimor zog irgendwo unter seinem Bart einen Flunsch. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht, Sir, sonst würden es die Bullen ja nicht ständig einsetzen, wenn sie es mit Geiselbefreiungen zu tun haben. Und das hier war schließlich so eine Art Geiselbefreiung, oder nicht?"
„Sie hätten trotzdem etwas anderes nehmen können", konterte Breghala. „Und überhaupt: War es wirklich nötig, gleich das halbe Haus ins Reich der Träume zu schicken? Die Rückstände von Telzin sind in Blutproben praktisch ewig nachweisbar – und das Letzte, was ich jetzt brauche, ist irgendein übereifriger Arzt, der deswegen einen Riesenwirbel macht und sich vielleicht sogar an die Presse wendet.
Ich habe keine Lust, Sie noch mal nach Devon zu schicken, nur damit Sie einem wichtigtuerischen Weißkittel und einer ganzen Horde von naseweisen Reportern den Mund stopfen können, Fennimor."
„Ach, Sie machen sich viel zu viele Gedanken, Colonel. Wen juckt es schon, wenn ein paar verkalkte alte Schachteln eine Zeitlang noch mehr gaga sind oder ein bisschen wackliger auf ihren Stelzen herumhoppeln als sonst? Wenn es überhaupt einem von diesen Kurpfuschern in irgendeinem Hospital von Delamere auffällt, wird er es für ein typisches Stress-Trauma halten und der ganzen Tattergreis-Versammlung einfach noch eine Ladung Tranquilizer reinjubeln.
Und wenn Sie sich um die Kleine Sorgen machen: Die ist bei uns in guten Händen. Sie werden sehen, in ein paar Tagen hüpft sie wieder durch die Gegend wie ein junges Reh. Und wenn sie zuerst ein bisschen wirr in der Birne ist, kann uns das doch nur Recht sein, Sir. Dann macht sie uns wenigstens keine Scherereien."
Fennimor legte eine wohlüberlegte Kunstpause ein, bevor er die erste der Fragen stellte, die ihm schon seit Tagen fast ein Loch in die Zunge brannten.
„Was haben Sie jetzt eigentlich mit ihr vor, Colonel? Zurück nach Hause kann sie ja wohl nicht mehr, oder?"
„Natürlich nicht", sagte Breghala gereizt. „Wenn Sorkin je wieder einen Fuß auf Devon setzt, dann ist sie so gut wie tot. Und ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie aus dieser Mausefalle herauszuholen, nur damit sie sofort wieder hineintappst."
Er ging zu der breiten Fensterfront hinüber und blieb dort stehen, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Mit gerunzelter Stirn sah er auf die mit Raureif überzogene Rasenfläche hinunter und auf die Reihe von geduckten Eiwazzbüschen, an deren kahlen dornigen Zweigen ein paar letzte frostüberhauchte rote Beeren hingen wie gefrorene Bluttropfen. Es dämmerte bereits …
Breghala starrte in den trüben eisgrauen Himmel hinauf, dessen schneeschwangere Wolkendecke keinen einzigen Stern durchblinzeln ließ. Er fühlte tief in sich eine müde Melancholie, die nur wenig mit der trostlosen Atmosphäre des düsteren Winterabends zu tun hatte, aber irgendwie sehr passend von ihr untermalt wurde. Er spürte, wie sich Fennimors wachsamer Blick wie eine Pfeilspitze in seinen Rücken bohrte …
„Nein, nein, das regle ich ganz anders", sagte er schließlich. „Sobald Sorkin wieder einigermaßen auf dem Damm ist, verpasse ich ihr eine neue Identität und schaffe sie irgendwohin, wo sie in Sicherheit ist. Eine nette ruhige kleine Randwelt, wo sie ein nettes ruhiges kleines Leben führen kann … Irgendein hübscher Planet, der weit genug weg ist und mindestens ein Meer hat. Sie liebt das Meer …", fügte er leise hinzu.
Fennimor verging fast vor Neugier, doch er kannte den Colonel lange und gut genug um zu wissen, dass ein zu offensichtlicher Versuch, ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen, nie von Erfolg gekrönt war. Hier musste ein etwas subtilerer Köder ausgeworfen werden.
„Also wenn ich ehrlich bin … Ich verstehe ja immer noch nicht, was das ganze Theater eigentlich soll", sagte er betont beiläufig, was eine glatte Lüge war (tatsächlich hatte er längst eine Theorie entwickelt, die der Wahrheit wahrscheinlich ziemlich nahe kam!), aber dafür vielleicht seinen widerspenstigen Fisch zum Anbeißen brachte.
„Ach ja? Und ich habe mir schon eingebildet, dass das Rätsel, das vor Ihrem messerscharfen Intellekt sicher ist, erst noch erfunden werden muss", erwiderte Breghala mit einem sardonischen kleinen Lächeln.
Der Agent fasste diese Bemerkung als Kompliment auf, obwohl sie zweifellos als Beleidigung gemeint war, und beantwortete sie mit einem unwahrscheinlich breiten zähnebleckenden Grinsen. Es gab nichtmenschliche Spezies, die einen derart extravaganten Ausdruck der menschlichen Mimik als eine Provokation interpretiert hätten, die unweigerlich zu einem Duell auf Leben und Tod oder sogar zu einer jahrzehntelangen blutrünstigen Stammesfehde geführt hätte.
Doch Breghala, der sowohl diese Fehleinschätzung als auch die dadurch hervorgerufene gewalttätige Reaktion zumindest ansatzweise verstehen konnte, gab sich einer ungewohnten Anwandlung von Milde hin. Wenn irgendjemand es verdient hatte, dass er seine schlechte Laune beherrschte, Nachsicht an den Tag legte und sich sogar zu einer Erklärung herabließ, dann Fennimor, der seine Loyalität und verschiedene andere Qualitäten so oft unter Beweis gestellt hatte, dass er sich Freiheiten herausnehmen durfte, die der Colonel bei niemandem sonst geduldet hätte.
„Dabei ist die Sache im Grunde ganz einfach …"
Fennimor zog die Augenbrauen hoch, um zu signalisieren, dass er nicht dieser Meinung war.
Breghala seufzte ein wenig und warf einen letzten Blick aus dem Fenster. Draußen war es noch finsterer geworden. Die ersten Schneeflocken sanken flaumig und schwerelos wie Daunen vom Himmel, die Vorboten einer lautlosen Invasion. Bald würden sie alles zudecken wie ein hauchdünnes Leichentuch aus Milliarden von feinen Eiskristallen. Der Gedanke erfüllte ihn mit einer Beklommenheit, die er nicht einmal vor sich selbst zugegeben hätte.
Er kehrte den Zumutungen von Natur und Jahreszeit entschlossen den Rücken zu und nahm seine nervöse Wanderung vor der Sitzgruppe wieder auf.
„… denn alles dreht sich nur um diese eine Frage: Wie gewinnt man einen Krieg und das so schnell wie möglich?"
„Durch eine überlegene Armee", sagte Fennimor und er sagte es mit Stolz. (Nicht einmal er, abgebrüht und desillusioniert wie er war, konnte seinen eigenen militärischen Hintergrund jemals vergessen oder verleugnen. Dafür sorgte schon der Korpsgeist, der ihm in jungen Jahren eingehämmert worden war – von einer an Gehirnwäsche grenzenden Indoktrinierung, die auf eine zweihundertprozentige politische Linientreue einschwören sollte, ganz zu schweigen.)
„Durch die bessere Strategie ... Durch neue Waffen", ergänzte er nach kurzem Nachdenken.
„Oder durch Verrat. Denn Verrat ist die ultimative Waffe in jedem Konflikt – das war schon immer so und wird auch immer so sein. Mach aus deinem Feind deinen Freund. Mach aus einem Feind deinen Freund und besiege mit seiner Hilfe all die anderen Feinde", dozierte Breghala.
Fennimor nickte nur, ein wenig ungeduldig jetzt. Natürlich war ein Verräter sein Gewicht in Gold wert. Ein einziger zuverlässiger Informant hinter den feindlichen Linien sparte eine Menge Zeit, Unsummen an Geld und – ganz nebenbei – auch noch Tausende von Menschenleben. Maximaler Erfolg bei minimalem Einsatz, das war die Gleichung, die jeder Armee zum Sieg verhalf. Und die Aufgabe, ja, der einzige Daseinszweck von Männern wie Breghala und Fennimor bestand darin, die Faktoren für diese Gleichung zu beschaffen und zu liefern, egal mit welchen Mitteln.
Doch niemand wusste das besser als Fennimor selbst und deshalb wünschte er, dass der Colonel jetzt endlich zum Punkt kam, statt wie ein Smashball hin und her zu springen und sich über die Grundlagen und den Lebensnerv jeder Geheimdienstarbeit auszulassen wie ein verknöcherter Professor vor einem Hörsaal voller grünschnäbliger Studenten.
Aber Breghala schien es nicht eilig zu haben, seiner eher vagen Eröffnung harte Fakten folgen zu lassen. In gedankenvollem Schweigen stiefelte er hin und her – bis Fennimor ein explosives Hallo-ich-bin-auch-noch-da-Räuspern von sich gab, um sich wieder in Erinnerung zu bringen. Der Colonel blieb prompt stehen wie angewurzelt, ein Umstand, für den der Agent im Interesse seiner allmählich leicht überstrapazierten Nackenmuskulatur sehr dankbar war.
„Eigentlich hätte ich schon viel früher darauf kommen müssen, was hier wirklich läuft", sagte Breghala lebhafter als zuvor. „Es gab von Anfang an kleine Ungereimtheiten in dieser Geschichte, die mich bestimmt hellhörig gemacht hätten, wenn ich damals nicht durch wichtigere Angelegenheiten abgelenkt gewesen wäre.
Es hört sich natürlich wie eine Ausrede an, wenn ich das jetzt so sage, aber ein Mann in meiner Position hat nun mal viel um die Ohren und wenig Zeit, sich den Kopf über Lappalien zu zerbrechen. Und schließlich war Sorkins Fall auf den ersten Blick nur einer von vielen …
Nein, wirklich, wenn mir damals überhaupt irgendetwas aufgefallen ist, dann höchstens der Aufwand, den die Allianz offensichtlich betrieben hat, um einen Spion bei einem absoluten Niemand einzuschleusen.
Ich meine, warum um Himmels willen ausgerechnet Sorkin? Ja, wenn sie zu einem dieser einflussreichen Clans gehören würde, die mit all ihrem Geld und ihrem blauen Blut den innersten Kreis um den Imperator bilden … Oder wenn sie irgendeine andere Verbindung oder Beziehung zu einer wirklich wichtigen Persönlichkeit mit Zugang zu militärischen Geheimnissen hätte ... wenn sie meinetwegen die Adjutantin von irgendeinem Admiral wäre … oder seine charmante kleine Bettgeschichte oder irgendwas in dieser Art – ja, dann! Aber so ... Warum ausgerechnet sie?
Dieser eine Punkt, Fennimor, war das einzig wirklich Bemerkenswerte an dieser ganzen Affäre. Aber statt hier gleich nachzuhaken, habe ich mich damit getröstet, dass die Rebellen immerhin eher für ihre Hals-über-Kopf-Aktionen berühmt sind als für ihre Urteilsfähigkeit und dass sich sowieso alles aufklären wird, sobald ich Rakosh und ihre Genossen in der Hand habe. So viel zum Thema Arroganz ...
Und so habe ich einfach nur die übliche Maschinerie in Gang gebracht und den Dingen im Großen und Ganzen ihren Lauf gelassen, bis ... ja ... bis mir plötzlich klar geworden ist, dass ich mir in Zukunft lieber über meine Urteilsfähigkeit Gedanken machen sollte.
Glauben Sie an so etwas wie Schicksal, Fennimor? Nein? Und doch kann sich unser Leben in einer einzigen entscheidenden Minute vollkommen verändern und das durch etwas, das wir für gewöhnlich als Zufall bezeichnen, obwohl es meistens gar kein Zufall ist. Unsere ganze Welt wird auf den Kopf gestellt, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Und warum? Weil wir etwas ganz Alltägliches und Banales tun, weil wir einer dummen kleinen Laune nachgeben, der wir nicht die geringste Bedeutung beimessen. Faszinierend, nicht wahr?"
Fennimor, der schon zu viele nicht besonders entscheidende Minuten in einer stocksteifen und entsprechend unbequemen Habtachtstellung verharrt hatte, rutschte unauffällig wieder tiefer in die verführerisch weichen Couchpolster hinein und tarnte diese neue Entspannungsmaßnahme durch einen heroischen Versuch, fasziniert auszusehen.
Aber vielleicht war sein Versuch nicht heroisch genug, denn Breghala produzierte zum zweiten Mal an diesem Abend die ironische kleine Grimasse, die Zynikern wie ihm als Lächeln diente, wenn sie gerade besonders zynisch drauf waren.
„Denn es war nur eine Laune, die mich dazu gebracht hat, meine kostbare Zeit zu opfern und Sorkin höchstpersönlich zu empfangen, mich dann selbst um den ganzen Ermittlungskram zu kümmern und mir am Ende sogar diese Heimsuchung von Lycras letztem Bericht noch einmal anzutun.
Aber es war weder eine Laune noch ein Zufall, es war schlicht und einfach Schicksal, dass ich statt dieser schriftlichen Schlaftablette plötzlich ein Holo-Porträt von Rakosh direkt vor meiner Nase hatte – oder vielmehr von Sorkin in ihrer ganzen Pracht. Ja, Sorkin wie sie leibt und lebt …
Ich muss schon sagen, das war vielleicht ein Augenöffner! Ich könnte es jetzt natürlich auch weniger prosaisch ausdrücken und behaupten, dass es eine echte Offenbarung war, dass mich die Erkenntnis wie ein Blitz getroffen hat, dass ich von einer Sekunde auf die andere vollkommen erleuchtet war. Aber das wäre nicht nur ziemlich schwülstig, sondern auch ein klein wenig übertrieben …
Nein, nein, sicher war ich mir erst, nachdem ich Rakoshs Holo zusammen mit einem Bild von Sorkin durch den Analysescanner eines Personen-ID-Programms gejagt hatte und ich buchstäblich sehen konnte, dass die Gesichter dieser beiden zauberhaften jungen Damen nicht nur eine verblüffende Ähnlichkeit aufweisen, sondern wirklich und wahrhaftig identisch sind, Millimeter für Millimeter … Ein Kunststück, das nicht einmal ein Genie hinbekommen würde, das Hände aus Sternenstaub hat und von der Muse der plastischen Chirurgie geküsst wird …
Nein, für so viel Perfektion konnte es nur eine logische Erklärung geben: Ein Klon! Und in diesem Augenblick, Fennimor, wurde mir klar, dass ich um ein Haar den Fehler meines Lebens gemacht hätte …
Ah, was für Heuchler die Rebellen doch sind! Sie sind nichts anderes als Terroristen, aber sie halten sich für die Moralapostel der Galaxis. Sie verstoßen praktisch pausenlos gegen jeden einzelnen Paragrafen der Neuen Ordnung, aber sie haben ihre eigene verdrehte Auffassung von Recht und Gesetz, die sie vor sich hertragen wie ein unsichtbares Banner.
Ihr ewiges Gesülze vom Kodex der Alten Republik kann einen halbwegs fortschrittlich eingestellten Imperialen glatt die Wände hochtreiben. Aber eines muss man diesem hoffnungslos reaktionären Gesindel lassen: Sie halten sich wenigstens irgendwie an ihren verdammten Kodex!
Und deshalb, Fennimor, nur deshalb wusste ich sofort, dass die Rebellen unmöglich ihre Finger in diesem Spiel haben können.
Die Allianz und Klontechnologie? Ausgeschlossen! Sankt Mon Mothma würde sich lieber mit einem letzten frommen Spruch auf den Lippen von der obersten Galerie des Senatsgebäudes hinunterstürzen als zuzulassen, dass ihre kostbare weiße Weste mit so einem Schandfleck beschmutzt wird. Und das gilt auch für den Rest von diesem Club der Säulenheiligen, den sie unter ihrer Flagge versammelt hat.
Nein, für so ein Projekt kam nur eine ganz andere Partei in Frage. Eine Partei, die über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügt und jemanden wie Rakosh ohne weiteres mit täuschend echten Papieren versorgen kann. Eine Partei, die jederzeit Zugriff auf die medizinischen Datenbanken unserer Flotte und damit auf DNS-Proben von Sorkin hat. Eine Partei, die nicht nur über das rein theoretische Wissen, sondern auch über die notwendigen technischen Einrichtungen verfügt und das schon ziemlich lange. Mit anderen Worten: Das Imperium."
Fennimor pfiff leise durch die Zähne, was aber eher ein Applaus für Breghalas bildgewaltige Rhetorik war als ein Ausdruck des Erstaunens. Für ihn waren die Schlussfolgerungen des Colonels nämlich keineswegs eine Offenbarung, nicht einmal ein Augenöffner, bestätigten sie doch nur das, was er sich längst selbst zusammengereimt hatte.
Denn das Imperium hatte schon immer Klontechnologie eingesetzt und würde sie auch weiter einsetzen. Aber das wurde natürlich niemals offiziell zugegeben, gehörte es doch zu den vielen brisanten und damit hochpolitischen Regierungsentscheidungen, die den Völkern der Galaxis bewusst vorenthalten wurden.
Imperator Palpatine befolgte schon seit seinen etwas demokratischeren Kanzlertagen das Motto, dass man schlafende Hunde besser nicht weckte. Ein kluges Prinzip, das sich immer bewährt hatte – bis die Allianz rücksichtsloserweise damit begonnen hatte, die schlafenden Hunde mit dem aufzuscheuchen, was vollkommen neutrale Medien im Zeichen der Pressefreiheit als „schmutzige Verleumdungskampagnen gegen unseren geliebten Herrscher" zu bezeichnen pflegten …
Wie auch immer, in Flotte und Armee kursierten trotzdem dunkle Legenden über die wahren Ursprünge der berühmt-berüchtigten Legionen, die den selbstmörderischen Absturz der Alten Republik und den ausgesprochen bewegten Aufstieg des Imperiums begleitet hatten.
Und diese Legenden hatten scheinbar mühelos den Sprung von einer nicht allzu fernen Vergangenheit in die Gegenwart überlebt, denn wer lange und aufmerksam genug die Ohren spitzte, konnte so manches Gemunkel über die Herkunft von gewissen Sturmtruppeneinheiten hören, die heutzutage in Dienst gestellt wurden.
Es gab eine Menge Gerüchte über ganze Kompanien von Elitesoldaten, die praktisch über Nacht irgendwo auftauchten und ohne jede Begründung immer streng vom Rest ihres Regimentes separiert wurden. Soldaten, die man außerhalb ihrer Baracken nie ohne ihre alles verhüllenden Visierhelme sah und die grundsätzlich niemals Ausgang oder Urlaub oder irgendeinen anderen Kontakt zur Außenwelt zu haben schienen.
Doch über dieses anrüchige Thema wurde in Gesellschaft von Zivilisten überhaupt nicht und unter Uniformträgern allerhöchstens im Flüsterton gesprochen – und das hatte auch einen guten Grund. Tatsächlich hatte Fennimors Debüt bei seinem aktuellen Brötchengeber darin bestanden, einem allzu redseligen Captain den Mund zu stopfen und das mit einem gänzlich unerwarteten, aber trotzdem sehr überzeugenden Herzinfarkt. Schwätzer hatten im Imperium für gewöhnlich eine bemerkenswert kurze Lebenslinie …
„Ja, Fennimor, wir selbst. Ich habe – ohne es auch nur zu ahnen! – unseren eigenen Leuten ins Handwerk gepfuscht. Ein absolutes Desaster! Und warum? Weil irgendein stumpfsinniger Sesselfurzer in der Zentrale es nicht nötig hatte, mich über eine Aktion in meinem Sektor zu informieren!" zischte Breghala und der kalte harte Glanz in seinen Augen verhieß nichts Gutes für den Unglückseligen, der für diese Unterlassungssünde verantwortlich war. „Sie können sich wohl vorstellen, welche Folgen es für mich hätte, wenn das herauskäme", fuhr er in einem kühleren, neutraleren Tonfall fort.
Der Agent konnte es sich nur zu gut vorstellen. Geheimdienstchefs, die keine Ahnung hatten, was in ihrem eigenen Sektor vor sich ging, mussten bestenfalls mit einem Karriereknick rechnen, von dem sie sich nie wieder erholen würden, schlimmstenfalls aber mit dem traurigen Los von Schwätzern. Denn wer dem Imperium in die Quere kam (auch wenn das rein aus Versehen geschah!), wurde entweder für den Rest seiner irdischen Tage kaltgestellt oder gleich ganz aus dem Verkehr gezogen – was ungefähr auf das Gleiche herauskam.
Und diese eherne Regel wurde nie durch eine Ausnahme bestätigt, eher durch ihre konsequente Umsetzung. Weder Unwissenheit noch jahrelange treue Dienste würden den Colonel vor den unvermeidlichen Folgen bewahren, wenn irgendjemand herausfand, dass er ein Top-Secret-Projekt torpediert hatte, denn ein einziger Fehltritt galt automatisch als Versagen auf der ganzen Linie und Entschuldigungen, mochten sie auch noch so gerechtfertigt sein, wurden grundsätzlich nicht akzeptiert. Das Imperium schätzte Effizienz über alles und brachte nur wenig Verständnis für Misserfolge auf – schon gar nicht, wenn sie durch Missgeschicke verursacht wurden.
Aber Breghala war nicht der Mann, der sich einfach kaltstellen oder sogar aus dem Verkehr ziehen ließ – nicht, wenn er es verhindern konnte!
Der Agent sah seinen letzten Einsatz jetzt mit ganz anderen Augen an und seinen Chef mit neuem Respekt. Allein schon die Geistesgegenwart, mit der der Colonel sofort auf seinen Irrtum reagiert hatte, und die Schnelligkeit, mit der er im Handumdrehen einen so komplexen Plan (heimliche Rettungsmission plus Verschleierungsmanöver) ausgebrütet hatte, verschlugen Fennimor den Atem.
Aber es war die Art und Weise, wie Breghala buchstäblich in letzter Minute mit einem einzigen Schwenk seines Zauberstabs Sorkin und Rakosh weggehext und gleichzeitig seinen eigenen Hals aus der Schlinge gezogen hatte, es war die an Frechheit grenzende Tollkühnheit dieses Taschenspielertricks, die den Agenten mit aufrichtiger Bewunderung erfüllte.
Fennimor hatte viel Sinn für Gaunereien und Schelmenstreiche aller Art (eine wichtige Voraussetzung für seinen Beruf, obwohl sein Humor im Lauf der Zeit unweigerlich eine leicht perverse Note entwickelt hatte!) und er war begeistert von diesem Kabinettstückchen, das der Colonel hier aus dem Stehgreif inszeniert hatte. Er bedauerte schon jetzt von ganzem Herzen, dass er nie Gelegenheit haben würde, vor seinen Kollegen damit zu prahlen, wie er Breghala dabei geholfen hatte, den Sesselfurzern aus der Zentrale eine lange Nase zu drehen. Aber was nun deren angebliche Stumpfsinnigkeit anging …
„Was ist, wenn man Sie absichtlich nicht eingeweiht hat, Sir?"
Doch Breghala schien ihm gar nicht zuzuhören …
„Wir werden es natürlich nie ganz genau wissen, aber wir können wohl davon ausgehen, dass wir es hier mit einem groß angelegten Experiment zu tun haben. Warum auch nicht? Die Idee an sich ist einfach brillant. Ich meine, man muss sich nur die Möglichkeiten vor Augen halten …
Die Allianz wäre ruckzuck am Ende, wenn es uns gelingen würde, jemanden aus ihrem Oberkommando gegen seinen eigenen Klon auszutauschen. Und ich denke jetzt nicht einmal an eine Galionsfigur wie Mon Mothma. Nein, jemand wie General Rieekan würde vollkommen ausreichen … oder noch besser Madine, dieser Wurm!"
General Madine, ein ehemaliger imperialer Offizier, der nicht nur die Unverschämtheit besessen hatte, zu den Rebellen überzulaufen, sondern auch noch die Geschmacklosigkeit, sich von der Allianz als lebendes Reklamedisplay benutzen zu lassen, war fast ein genauso schmerzhafter Dorn in Breghalas Seite wie die erwähnte Galionsfigur. Tatsächlich war der Colonel sehr in Versuchung, sein allzu abgenutztes Mon-Mothma-Poster gegen ein funkelnagelneues Madine-Plakat auszutauschen. (Bei all dem Stress, dem er ausgesetzt war, brauchte er wirklich dringend ein neues Feindbild als Zielscheibe für ein erholsames kleines Dartpfeilspiel!)
„Aber auch sonst steckt durchaus Potenzial in dieser Sache. All diese Querköpfe, die wegen jeder Kleinigkeit auf die Barrikaden gehen müssen!
Ist Ihnen eigentlich klar, Fennimor, wie viel Plagerei uns erspart bleiben würde, wenn wir dazu in der Lage wären, diese ganzen lästigen Unruhestifter klammheimlich verschwinden zu lassen? Es wäre auf jeden Fall viel unauffälliger, als sie einfach alle umzubringen, was irgendwie immer wieder Staub aufwirbelt.
Es würde natürlich jedes Mal eine Weile dauern, bis man einen Ersatzspieler zum Auswechseln parat hätte, aber wenn man das Verfahren vielleicht ein klein wenig beschleunigen könnte … Das mit Sorkin war offensichtlich nur ein erster Testlauf. Es kann gar nicht anders sein, sonst hätte es sich nicht so lange hingezogen … Aber allein die Möglichkeiten … Mit einem Wort: Brillant!"
„Äh … Colonel?"
Breghala, der sich mit hoch erhobenem Kopf seinen Visionen über das neue klon- und glorreiche Morgenrot des Imperiums hingegeben hatte, wandte dem Agenten sein scharfes Falkenprofil zu.
„Ich bin weder taub noch auf den Kopf gefallen, Fennimor!", sagte er mit sanftem Tadel. „Natürlich ist es mir auch schon in den Sinn gekommen, dass es sich hier nicht um ein Versehen, sondern um eine Intrige gegen meine Person handeln könnte. Es ist immer bedenklich, wenn man über eine wichtige Operation einfach nicht informiert wird.
Coruscant ist ein Schlammloch voller schnappender Krokodile – jeder gegen jeden. Da geht es um Karrieren in einer Größenordnung, die bescheidene anspruchslose Staatsdiener wie Sie und ich uns nicht mal in unseren kühnsten Träumen ausmalen können. Da geht es um Macht, um echte Macht – und allein dafür würden gewisse Leute über Leichen gehen.
In letzter Zeit frage ich mich manchmal, ob vielleicht eines dieser Krokodile in meinen friedlichen kleinen Teich gekrochen ist, um auch daraus ein Schlammloch zu machen. Aber das wird sich noch zeigen."
Breghala lachte kurz auf …
… und plötzlich war es mit seiner bittersüßen Stimmung aus und vorbei, denn er hatte gewonnen, oder nicht? Und der Sieg schmeckte wie ein großer goldener Krug voller Ambrosia.
Und hatte er sich das nicht verdient? Gerade noch rechtzeitig die Notbremse gezogen, das Ruder herumgerissen, die Karre aus dem Dreck gefahren, bevor sie darin stecken blieb und versank – das war eine Glanznummer, die ihm erst mal jemand nachmachen musste. (Oder nachweisen!)
Und jetzt war alles wieder in Ordnung – oder immerhin so gut wie. Rakosh war tot, Sorkin offiziell für tot erklärt, die Ermittlungsakte gelöscht, Lycra versetzt und das Devon-Team bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Es gab keine Beweise, keine Zeugen, keinen Fall, kein gar nichts.
Natürlich gab es noch ein paar lose Enden – die gab es immer! –, aber auch damit würde Breghala fertig werden, so wie er mit allem und jedem fertig wurde.
Irgendwann, wenn ein klein wenig Gras über die ganze Sache gewachsen war, würde er zum Beispiel dafür sorgen, dass Kaye Drumhellers Name von der Fahndungsliste der Militärpolizei verschwand – eine Kleinigkeit, die ihm kaum Schwierigkeiten bereiten würde. (Es gab so viele junge Frauen, die als vermisst galten, und nicht einmal die Militärpolizei war so engstirnig, Fahnenflucht als die einzig mögliche Ursache für das spurlose Verschwinden eines weiblichen Junior-Offiziers anzusehen. In den Randsystemen, wo die imperiale Präsenz einfach nicht stark genug war, um imperiales Gesetz mit der notwendigen Schlagkraft durchzusetzen, gab es hier und da immer noch einen florierenden Sklavenhandel. Und Drumheller war – nach dem Konterfei in ihrer Personaldatei zu urteilen – durchaus attraktiv gewesen, das arme kleine Ding ...)
Aber bevor er sich dieser Kleinigkeit zuwenden konnte, musste Breghala erst noch einen anderen Punkt auf seiner Liste abhaken, einen Punkt, der viel mehr Aufmerksamkeit oder vielmehr Wachsamkeit erforderte: Es war allerhöchste Zeit herauszufinden, wie ehrgeizig Major Daimon wirklich war und ob es möglicherweise dieser Ehrgeiz war, der Breghalas mutmaßlichen Nachfolger an dem Tag von Sorkins erstem Besuch auf Vardiss dazu bewogen hatte, viel zu früh in die Mittagspause zu gehen.
Und sollte sich bei dieser kleinen Nachforschungsaktion herausstellen, dass Daimon damals nicht von seinem Appetit, sondern von seinen ohnehin ziemlich unverblümten Ambitionen in Richtung Kantine getrieben worden war, dann ... nun ja ... dann würde Breghala wohl nichts anderes übrig bleiben, als ganz schnell auf Krokodiljagd zu gehen ...
Fennimor starrte zu dem Colonel hinauf, der immer noch vor ihm stand und schon wieder dieses nicht ganz ungefährliche Glimmern in den Augen hatte. Er überlegte, ob es nicht klüger wäre, auf das gute Betriebsklima und seine eigene Gesundheit Rücksicht zu nehmen und die letzte Frage, die ihn bewegte, hinunterzuschlucken. Er wunderte sich über seinen eigenen Mut, als sie ihm doch noch herausrutschte ...
„Aber warum mussten Sie sich mitten in dem ganzen Drunter und Drüber auch noch Sorkin aufhalsen? Ich sag's ja nicht gerne, Colonel, aber solange die Kleine atmet, ist sie ein echter Risikofaktor für Sie. Wenn sie nicht mitspielt, wenn sie auf stur schaltet und auf eine glückliche Wiederauferstehung inklusive Rückflugticket nach Devon besteht, kann sie uns allen noch eine Menge Ärger machen. Wäre es nicht viel besser gewesen, sie einfach kurz und schmerzlos zu entsorgen – genau wie die andere?"
„Diese Lösung habe ich durchaus in Erwägung gezogen – im ersten Augenblick. Aber dann ..." Breghala zögerte.
„Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können, Fennimor", fuhr er fort. „Aber in diesem Augenblick musste ich plötzlich daran denken, wie Sorkin damals vor mir gesessen hat. Sie ist nicht freiwillig zu mir gekommen, sondern nur weil sie musste. Ich glaube, sie hätte mir nie von Rakosh erzählt, wenn sie sich nicht in eine Lage hineinmanövriert hätte, in der sie gar nicht mehr anders konnte, und sie war todunglücklich darüber.
Wissen Sie, in meinem Job habe ich es jeden Tag mit Kreaturen zu tun, die mir die Seelen ihrer eigenen Kinder verkaufen würden, wenn ich ihnen nur genug Geld dafür anbieten würde. Und dann sitzt da dieses Mädchen vor mir und windet sich vor Verlegenheit, schmilzt fast von meinem Besucherstuhl herunter vor lauter Scham. Und das alles nur, weil sie gegen ihren Willen eine suspekte Untermieterin anzeigen muss, die sie sogar selbst für eine Kriminelle hält.
Es gibt viele Tugenden, die ich an meinen Mitmenschen schätze, aber keine, die ich so sehr schätze wie Unschuld. Ein grässlich rührseliges Wort, ich weiß, aber irgendwie trifft es hier den Nagel auf den Kopf. Sorkin hat mir innerhalb von zwei Minuten den Eindruck vermittelt, dass sie ein durch und durch anständiges Geschöpf mit einem ganz eigenen Ehrgefühl ist – und so etwas findet man heutzutage leider nur noch selten. Ich muss zugeben, dass sie mir von Anfang an sympathisch war – sehr sogar ...
Und genau deshalb hat es mich auch so angewidert, als ich begriffen habe, dass sie als Versuchskaninchen missbraucht wird.
Ich bin ganz bestimmt kein Säulenheiliger, Fennimor, und es ist schon ziemlich lange her, dass ich meine Unschuld verloren habe. Aber ich schätze, ich habe immer noch ein Gespür für das, was richtig und was falsch ist. Und das, was hier mit Sorkin passieren sollte, ist falsch – ganz und gar falsch!
Ich sehe ein, dass dieses Projekt für das Imperium von unschätzbarem Wert ist. Ich sehe sogar ein, dass es mit so einer Art Feldversuch getestet werden muss, bevor man es im Ernstfall einsetzen kann.
Aber ich sehe nicht ein, warum dafür ausgerechnet jemand wie Sorkin geopfert werden muss! Man hätte für so etwas auch jemand anderen nehmen können, irgendjemanden, der alt ist oder unheilbar krank ... Oder am besten irgendeinen Verbrecher, der kurz vor seiner Hinrichtung steht und sowieso nichts mehr zu verlieren hat.
Aber eine kerngesunde junge Frau, die noch ihr ganzes Leben vor sich hat? Eine ganz normale Bürgerin, die noch nie unangenehm aufgefallen ist? Ein loyaler Offizier unserer eigenen Flotte, der ebenso viel Loyalität von unserer Seite verdient hat? Was für eine Verschwendung! Was für eine Schande!
Nein! Das war blanke Barbarei und das konnte ich einfach nicht zulassen."
Breghala lächelte wehmütig, als seinem Spezialisten für Herzinfarkte und ähnlich todbringende Zufälle in wortlosem Staunen der Unterkiefer herunterklappte.
„Ja, Fennimor, sogar ich spiele ab und zu den Moralapostel. Und genau deshalb werde ich Sorkin spätestens nächste Woche einen neuen Namen und ein neues Leben verpassen. Und sie wird es leben – und das so lange und so glücklich wie nur möglich, dafür werde ich sorgen."
Denn ab und zu – vielleicht alle zwanzig Jahre oder so – konnte sogar Jared Breghala seine Götter Logik und gesunder Menschenverstand und sein beinahe ebenso anbetungswürdiges Imperium für ungefähr fünf Minuten vergessen ... Gerade genug Zeit, um sich eine kleine sentimentale Geste zu gönnen ...
Fennimor riss sich sichtlich am Riemen. Er klappte seinen Mund wieder zu, grübelte ungefähr fünf Sekunden lang heftig nach und sagte dann mit dem ruppigen Pragmatismus, den Breghala normalerweise so sehr an ihm zu schätzen wusste: „Aber wie wollen Sie Sorkin erklären, dass sie untertauchen muss? Ich meine, was wollen Sie ihr eigentlich erzählen, Sir?"
„Auf keinen Fall die Wahrheit, so viel steht fest. Sie darf nie erfahren, was sich hier wirklich abgespielt hat. Sie wäre fix und fertig, wenn sie es wüsste - und wer weiß, wie sie darauf reagieren würde.
Wir können es uns einfach nicht leisten, dass diese Geschichte durchsickert – es wäre verhängnisvoll für uns und eine Riesenblamage für das Imperium. Die Rebellen würden natürlich vor Freude glatt den Teppich durchtanzen, sie würden die ganze Angelegenheit sofort für die größte Propagandaaktion seit der Zerstörung von Alderaan ausschlachten.
Ich kann es schon vor mir sehen: Millionen von grellfarbigen Flugblättern mit Sorkins Horrorstory in Fettdruck ... Piratensender, die tränenreiche Interviews mit ihr über Holo-Net ausstrahlen ... Offiziere, die uns scharenweise weglaufen, weil sie Angst haben, dass ihnen dasselbe passieren könnte ... Überall wütende Demonstranten ... Straßenschlachten ... Chaos ... Am Ende vielleicht sogar eine Revolution! Manchmal braucht es nur einen einzigen Kieselstein, um eine Lawine ins Rollen zu bringen...
Nein, Sorkin darf es nie erfahren. Es ist besser so für sie – und für uns auch. Wenn sie wieder einigermaßen bei sich ist, werde ich ihr einfach erzählen ..."
Breghala hielt inne, als ein zaghaftes Klopfen ertönte.
Gleich darauf trat sein Adjutant in Erscheinung wie ein verschüchtertes Schlossgespenst – übrigens ein ziemlich treffender Vergleich, denn Paejonn war seit seiner Rückkehr von Devon geisterhaft blass und geradezu unheimlich schweigsam.
Außerdem entwickelte er langsam das wild bewegte Aussehen eines frischgebackenen Zirkusdompteurs, der einem Käfig voller ungezähmter Dschungelbestien zu nahe gekommen war: Er präsentierte eine stetig wachsende Anzahl von Hautabschürfungen und anderen kleinen Verletzungen, die ihre Existenz zweifellos dem energischen Einsatz von spitzen Zähnen und scharfen Krallen verdankten.
Sorkins Kater war offensichtlich sehr unzufrieden mit dem ihm aufgezwungenen Asyl und äußerte seinen Unmut mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Wie Breghala den ziemlich widerwilligen Andeutungen seines neuerdings so wortkargen Adjutanten entnommen hatte, waren der übellaunigen Samtpfote bereits zwei Gobelinsessel (antik!) und das Toupet von Paejonns Großvater (Echthaar!) zum Opfer gefallen, weshalb Madame Paejonn, die im Gegensatz zu ihrem drangsalierten Sohn ganz entschieden keine Katzenliebhaberin war, abwechselnd mit Aussetzung, Ausstopfung und ähnlich brutalen Sanktionen gegen den unerwünschten vierbeinigen Gast drohte.
Angesichts seines häuslichen Krisenherdes konnte man es Paejonn wohl kaum verdenken, dass er ein klein wenig ... nun ja ... deprimiert aussah.
Aber Breghala machte sich ohnehin keine großen Gedanken über seinen Adjutanten – dieses lose Ende war schon längst sorgfältig mit dem komplizierten Geflecht seiner eigenen Intrige verwirkt. Denn das einzig wahre Motiv von Paejonns „Bildungsreise" nach Devon hatte natürlich darin bestanden, ihn zum Helfershelfer von Breghalas doppelbödigem Zaubertrick zu machen. Allein die Gewissheit, dass seine Verwicklung in diesen Vorfall all seine Zukunftsaussichten gefährden und vielleicht sogar das Wohlergehen seiner ganzen Familie in Scherben schlagen konnte, stellte sicher, dass Paejonn niemals in Versuchung geraten würde auszuplaudern, was er über das Rakosh-Fiasko wusste.
Mitgefangen, mitgehangen, dachte der Colonel, als er das blutleere und nicht mehr ganz so jungenhafte Gesicht seines Untergebenen mit leidenschaftslosem Interesse betrachtete. Er wird schon darüber hinwegkommen. Die Zeit heilt alle Wunden. Das gilt auch für Sorkin.
Er schenkte Paejonn, der ihm inzwischen einen Datenblock überreicht hatte, ein flüchtiges Nicken, das zugleich eine Verabschiedung war. Er wartete, bis sein Adjutant mit der Miene und Haltung eines tragikumwitterten Mitternachtsspuks hinausgeweht war ...
Herrje, es fehlen eigentlich nur noch ein Bettlaken und ein paar rasselnde Ketten!
... bevor er den Faden wieder aufnahm.
„Ich werde Sorkin einfach erzählen, dass Rakosh auf der Flucht erschossen worden ist und dass die Allianz sie dafür verantwortlich macht. Und jetzt wollen die Rebellen sie natürlich ausschalten, bevor sie ihr schönes neues Spionageprogramm endgültig ruiniert – das leuchtet doch vollkommen ein, oder nicht? Und die angezündete Wohnung passt dabei wunderbar ins Bild, denn das geht natürlich auch auf das Konto der Rebellen ... Rache ... Vandalismus ... Was weiß ich ...
Ich werde ihr einreden, dass die Allianz einen saftigen Preis auf ihren hübschen kleinen Kopf ausgesetzt hat und dass sie todsicher am helllichten Tag auf offener Straße erschossen wird, wenn sie je so leichtsinnig sein sollte, sich hinter meinem Rücken nach Devon zurück zu schleichen wie ein ungezogenes Kind. Und spätestens, wenn sie das geschluckt hat, ja, spätestens dann wird sie alles tun, was ich ihr sage."
„Was ist, wenn sie Ihnen nicht glaubt, Colonel?"
„Oh, sie wird mir glauben. Sie kann gar nicht anders. Sie ist mit der Idee groß geworden, dass wir die guten Jungs sind und die Rebellen die bösen Jungs. Und nichts ist so schwer abzuschütteln wie ein solides Schwarz-Weiß-Schema, das uns von klein auf eingetrichtert worden ist. Außerdem vertraut Sorkin mir. Warum auch nicht? Sie hat allen Grund dazu – schließlich meine ich es nur gut mit ihr!"
Fennimor war nicht ganz überzeugt. „Sie wird sich einsam fühlen, wenn wir sie irgendwo mutterseelenallein abladen. Sie wird versuchen, wenigstens mit ihrem Lover Kontakt aufzunehmen."
„Nicht, wenn es mir gelingt ihr weiszumachen, dass die Rebellen die üble Angewohnheit haben, auch auf die Freunde ihrer Feinde Kopfgeldjäger anzusetzen. Und es wird mir gelingen! Ich sage Ihnen, wenn ich mit Sorkin fertig bin, wird sie wie Wachs in meinen Händen sein."
Alles nur zu ihrem eigenen Besten!, dachte Breghala.
„Außerdem kann von mutterseelenallein gar nicht die Rede sein. Es wird jemand da sein, der ihr ein bisschen Gesellschaft leistet und sie gleichzeitig im Auge behält. Nur für eine Weile, bis wir sicher sein können, dass sie sich damit abgefunden ... dass sie sich eingelebt hat."
Manche Leute muss man einfach zu ihrem Glück zwingen ...
Fennimor war immer noch skeptisch. „Auf Ihre Verantwortung, Colonel", seufzte er.
„Ja, meine Verantwortung", sagte Breghala und er sagte es sehr bestimmt.
Und damit war das Gespräch beendet und Jessamy Sorkins Schicksal besiegelt.
Oder doch nicht?
Paejonn, der in Breghalas Vorzimmer noch lange vor sich hinbrütete, nachdem er über die heimlich eingeschaltete Gegensprechanlage alles mitangehört hatte, war sich da gar nicht so sicher ...
Fortsetzung folgt …
