Kapitel 100
Parallele
etwas, was gleichartig, ähnlich geartet ist
Hermione kniete sich neben das schniefende Mädchen. Sie schien gerade erst zu realisieren, dass sich etwas an der Situation verändert hatte. Sie konnte nicht alt sein. Hermione schätzte sie auf vierzehn oder vielleicht fünfzehn.
„Alles gut, keiner tut dir was", sagte sie einfühlsam und das Mädchen sah sie aus erschrockenen Augen an, als würde sie kaum realisieren, was um sie geschah. Da war schock Angst und Panik in ihrem Blick und irgendwie glaubte Hermione, dass sie nicht das erste Mal in dieser Situation war.
Hermione sah zu Draco der noch immer eine abweisende Mine hatte. Sie war unendlich froh, dass er das alles so schnell abgebrochen hatte. Sie hatte gerade die Erschöpfung überwunden, die der Zauber mit sich brachte, als das Mädchen in den Raum gebracht worden war. Draco war einen Moment wie erstarrt gewesen, bevor er die Muggel ausgeschaltet hatte. Es war so schnell gegangen, dass Hermione kaum realisiert hatte, was geschah, bis der erste Muggel unter Dracos Stupor zusammengebrochen war. Hitman saß noch immer wie erstarrt unter Dracos Imperius-Zauber in seinem Sessel.
Es war etwas anderes, wenn sie mit diesen Männern Sex hatte. Sie wollte das. Sie benutzte sie genauso für ihre Gelüste wie sie benutzt wurde. Aber dieses Mädchen wollte nicht hier sein und sie in dieses Spiel zu intrigieren, machte es zu keinem Spiel mehr, sondern zu einem Verbrechen. Selbst hier in dieser Zeitschleife und Hermione war Draco unendlich dankbar, dass er es genauso sah.
„Wir sollten ihre Erinnerungen löschen und sie rausschicken", sagte Draco und leerte seine Bierflasche in einem Zug, bevor er sich wieder in den Sessel fallen ließ. Missbilligend schürzte Hermione die Lippen. Er könnte ruhig etwas mehr Mitgefühl mit dem armen Mädchen haben. Aber irgendwas machte ihm zu schaffen. Hermione tadelte sich selbst, dass sie erst einen zweiten Blick auf Draco werfen musste, um es zu bemerken. Ihn hatte das hier weit mehr erschüttert als sie und so recht war ihr noch nicht klar warum.
Es war ein Sexspiel gewesen. Eine verwerfliche Fantasie oder war da etwas, was sie nicht bemerkt hatte? Sie dachte an Dracos Gesichtsausdruck, als Hitman sie gefickt hatte.
„Was ist los?", wollte sie von ihm wissen und Draco seufzte.
„Das Mädchen zuerst. Kannst du das tun?", bat er sie und wenn er nicht so fertig ausgesehen hätte, hätte sie wahrscheinlich darauf bestanden erst mit ihm zu reden.
„Komm, hier ist es nicht sicher für dich", sagte Hermione zu dem Mädchen und sie sah nervös von ihr zu Draco. Dann weiter zu den zwei bewusstlosen Gangmitgliedern bis zu dem Anführer, der noch immer bewegungslos in seinem Sessel saß.
„Sie tun dir nichts", sagte Hermione beruhigend. Zittrig stand das Mädchen auf. Ihre Knie waren gerötet, da sie vor Draco auf den Boden geworfen worden war. Jetzt wo sie einmal stand, schien sie fast zur Tür zu rennen, konnte es nicht eilig genug haben hier wegzukommen. An der Tür holte Hermione sie ein und manipulierte ihre Erinnerungen, bevor sie sie vor die Tür schob. Sie würde nicht wissen, dass sie heute hier gewesen war.
Etwas langsamer ging Hermione ins Wohnzimmer zurück. Es war ein absolut widerwärtiger Ort und sie war ziemlich froh, dass sie nicht so leben musste.
„Was beschäftigt dich?", fragte Hermione an Draco gewandt und setzte sich neben ihn auf die Sofalehne. Er griff sofort nach ihr zog sie an sich und hielt sie fest. Drückte sie, als würde sie weglaufen wollen und Hermione schlang die Arme um ihn. Kraulte seine Kopfhaut was ihn zufrieden seufzen ließ. Unwillkürlich musste sie lächeln. Manchmal war er schon ziemlich niedlich. Liebevoll hauchte sie ihm einen Kuss auf die Haare.
„Es hätte nicht so aus dem Ruder laufen sollen. Ich hätte früher intervenieren sollen", sagte Draco reumütig und lehnte sich nach hinten, um sie anzusehen.
„Du konntest nicht ahnen, dass es so aus dem Ruder läuft", sagte Hermione liebevoll und streichelte sein Gesicht.
„Toby Delmont alias Hitman ist ein kranker Psychopath und ich dachte ich kann ihn manipulieren. Aber ich kann es nicht. Ich kann nicht mit ihm in einer Liga spielen, weil ich einfach nicht so bin wie er und es auch gar nicht werden will. Ich hätte das früher einsehen sollen, bevor er dich anfasst. Er ist es nicht wert auch nur einen Blick auf dich zu werfen."
Hermione hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Mir geht es gut. Du hast es abgebrochen, bevor ich es bereuen konnte."
„Ich fühle mich trotzdem mies. Ich habe die Situation falsch eingeschätzt. Das passiert mir sonst nie."
„Das ist doch der Vorteil an einer Zeitschleife. Das hat es keine Konsequenzen hat sich zu verschätzen. Du hast übrigens ziemlich gut reagiert sie alle drei auszuschalten. Sie haben kaum realisiert was geschehen ist."
Draco Gesichtsausdruck entspannte sich etwas durch ihr Lob und Hermione lächelte in sich hinein, drückte sich näher an ihn, um ihn nochmal zu küssen. Egal wie undurchsichtig und schwer zu durchschauen Draco auch war. Letztendlich wollte er nur geliebt werden und das konnte sie tun. Leidenschaftlich, hemmungslos und selbstaufopfernd, weil er ihr das Gefühl gab sie so wahnsinnig dringend zu brauchen.
Draco wusste nicht wie lange er mit Hermione in diesem Sessel gesessen hatte und sie nur gehalten und geküsst hatte. Letztendlich hatte der eine Muggel sich wieder gerührt und sie hatten ihre Gedächtnisse verändert. Draco würde Hitman den Rest des Zyklus unter dem Imperius lassen. Er empfand es als sicherer so. Er war zwar nur ein Muggel, aber auf irgendeiner subtileren Ebene fürchtete er ihn. Diesen zerstörerischen Wahnsinn der in ihm lauerte.
Sie verließen die Wohnung und gesellten sich zurück zu der Party. Es war laut und die Musik dröhnte blechern aus den billigen Lautsprechen, ließ wahrscheinlich keinen der Nachbarn schlafen. Trotzdem schien sich niemand zu beschweren. Hyperion fand sie, kaum dass sie in die Nähe kamen. Er hatte einen besorgten Gesichtsausdruck, als er auf sie zukam.
„Ist… alles okay?", fragte er zögerlich und musterte Hermione.
„Ja, keine Sorge. Ich habe Hitman und seine Jungs unter einen Zauber gestellt. Sie werden sich an nichts mehr erinnern", sagte Draco mit einer wegwerfenden Geste. „Mir war die Gefahr hier unten zu groß, dass er sich an Myonie vergreifen könnte. Ein abgeschlossener Raum lässt sich mit Magie deutlich besser kontrollieren als eine große Menschenmenge."
Hyperion nickte. „Ich habe mir Sorgen gemacht. Hitman kann ziemlich brutal sein", sagte er und es klang aufrichtig. Kurz war Draco versucht ihm vorzuwerfen, dass er dennoch nichts getan hatte. Das er zugesehen hatte, wie er und Hermione weggegangen waren und nur versucht hatte nicht im Weg zu stehen. Aber Draco verstand, warum er so gehandelt hatte. Er hatte Angst gehabt in die Schusslinie zu geraden. Für ihn, Draco mochte Hitman nur ein Muggel sein, doch für Hyperion war er seine ganz persönliche Version des Dunklen Lords.
Draco musterte seinen Bruder und dachte über die Parallelen nach. Zwischen ihm und Hyperion und zwischen Hitman alias Toby Delmont und Lord Voldemort alias Tom Riddle.
„Myonie, holst du uns mal was zu trinken?", fragte Draco an die überraschte Hermione gewandt und sie nickte. „Klar ich schau mal was noch übrig ist."
Draco nickte ihr zu.
„Setzen wir uns", wandte Draco sich an seinen Bruder und deutete auf einen Mauerabschnitt etwas abseits der Party.
„Was ist?", wollte Hyperion wissen, setzte sich aber neben ihn.
„Hast du jemals darüber nachgedacht auszusteigen? Aus der Gang", wollte Draco wissen und musterte seinen Bruder, der sofort eine defensive Haltung einnahm. „Du kannst es mir sagen. Ich werde den Muggeln sicher nichts verraten. Aber hast du jemals versucht dich diesem Wahnsinn hier zu entziehen, bevor es zu spät ist?"
Hyperion schluckte und sein Blick schweifte zu der Gruppe feiernder, von denen manche zur Musik tanzten.
„Ich gehe noch zur Schule. Ich meine, fast alle hier haben die Schule abgebrochen, aber ich mache es noch. Weil das der einzige Weg hier aus ist. Das weiß ich. Aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe hier raus zu kommen, ohne das sie mich dafür töten. Ob ich schnell genug bin."
„Ich verstehe", sagte Draco und hob seinen linken Arm. Starrte auf das Dunkle Mal und er verstand ziemlich genau welche Verzweiflung sein Bruder verspüren musste.
Draco bemerkte Hyperions zweifelnden Blick.
„Du bist ein Zauberer, Draco. Du kannst einfach auf die andere Seite der Welt apparieren. Du bist reich. Du kannst einfach woanders leben dir woanders ein Zuhause erreichten. Ich habe diese Möglichkeiten nicht. Ich habe kein Geld und niemand wird mir helfen, wenn ich versuche hier wegzukommen. Da ich niemanden außerhalb von hier kenne."
Draco nickte und hielt Hyperion seinen Arm hin.
„Dieses Zeichen, ist das Dunkle Mal. Es verbindet mich, meine Seele mit dem Dunklen Lord. Es sorgt dafür, dass ich überall auf der Welt, jederzeit aufgespürt werden kann, sollte ich etwas tun, was ihm missfällt. Das ich nicht flüchten, mich nicht verstecken kann. Gehorsam sein muss und seinen Befehlen gehorchen, wenn ich nicht sterben will. Ich mag ein Zauberer sein, Bruder. Aber auf meine Art bin ich genauso gefangen wie du. Ich mag reich sein. Aber Geld bedeutet weit weniger als du glaubst. Es macht manche Dinge einfacher, aber es macht dich auch zu einer Zielscheibe. Ich werde nie einfach in der Masse untertauchen können."
Draco suchte den Blick seines Bruders. „Außerdem stimmt es nicht ganz. Du kennst jemanden von Außerhalb. Du kennst mich."
„Und wie lange wirst du bleiben?", fragte Hyperion und Draco musterte ihn einen Moment, bevor er nach vorne sah. Den heruntergekommenen Basketballplatz musterte.
„Ich werde nie hier gewesen sein. Ich habe Tilomelarian, du erinnerst dich, die Fee, die uns als Kinder immer verfolgt hat, dazu überredet mir einen seiner Feensteine zu geben. Es gab etwas Aufruhr unter den Feen aber letztendlich haben sie es getan."
„Einen Feenstein?", fragte Hyperion überrascht. „Du hast einen?"
„Ja", sagte Draco und Hyperion vermochte wahrscheinlich einer der wenigen Menschen auf der Welt sein, die die wahre Macht dahinter begreifen konnten.
„Das heißt du kannst, wie die Feen, die Zeit manipulieren?", fuhr er fort.
„Nicht ganz wie sie, aber so ähnlich", gab Draco zu. Er war ein Zauberer und keine Fee und als Zauberer konnte er mit Feenmagie deutlich mehr Unheil anrichten als eine Fee mit ihrer schwachen magischen Begabung. „Ich habe eine Zeitschleife geschaffen. Die es mir erlaubt immer und immer wieder die gleichen 48 Stunden zu durchleben. Hier, jetzt in diesem Moment."
Erkenntnis trat in Hyperions Gesicht.
„Sonntag 6.42, jetzt gibt es einen Sinn. Ich wusste nicht, dass sowas wirklich möglich ist."
„Möglich…" Draco schnaubte verächtlich. „Ich habe das Gefüge der Realität riskiert, um mit unbekannter Magie Raum und Zeit zu verdrehen. Wenn ich heute darüber nachdenke, war es die Tat eines Wahnsinnigen. Aber ja, es ist möglich."
„Also haben wir diese Unterhaltung schonmal geführt?", wollte Hyperion mit gerunzelter Stirn wissen.
„Nein, haben wir nie. Ich war nie hier. Nicht in hunderten Zeitzyklen die bereits vergangen sind."
Draco sah seinen Bruder an und begegnete dessen überraschtem Blick.
„Ich verstehe nicht alles, was in deinem Leben vor sich geht, Bruder, vieles werde ich nie verstehen, weil ich doch anders aufgewachsen bin als du. Ich wurde als Rassist erzogen. Dazu verdreht zu glauben es wäre das Richtige, dass wir nicht zusammen aufgewachsen sind. Dazu zu glauben, dass Menschen wie ich die Spitze der Schöpfung sind und Menschen wie du und Hermione wertlos. Ich habe gebraucht, um die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Mir zuzugestehen, dass ich es als richtig empfinden darf, dich zu vermissen, auch wenn jeder um mich herum etwas anderes sagt."
„Das du nicht so denkst wie deine Familie", sagte Hyperion verstehend.
„Ich stehe an einem einzigen Moment meines Lebens. Seit fast zweieinhalb Jahren läuft meine Zeit nicht weiter und ich habe die Möglichkeit innezuhalten zu reflektieren, wer ich bin und wer ich sein will. Und ich habe Hermione. Die mit mir in dieser Zeitschleife ist. Ein Unfall zugegeben, aber das Beste, was mir passieren konnte. Sie hat mir die Chance gegeben zu sehen, wie die Welt außerhalb von Malfoy Manor und unserer Ideologie aussieht."
Hyperion sah ihn lange an dann zuckte ein schmales Lächeln über seine Lippen.
„Die Gang ist wie meine Familie, die ich nie haben durfte. Ich fühle mich ihnen verpflichtet und doch will ich hier weg. Weil ich es nicht richtig finde, was hier geschieht. Ich sehe nicht die Ehrenhaftigkeit in einem Ehrenmord. Nicht die Respektlosigkeit bei etwas so Simplen wie dem Besuch in einem anderen Häuserblock. Umso älter ich werde, umso mehr beginne ich zu hinterfragen. Und ich bin sicher, dass ich es nur hinterfragen kann, da ich eben nicht hier aufgewachsen bin. Ich kenne noch eine andere Welt. Für die meisten ist dies hier ihre einzige Realität. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass deine Familie ebenso nicht mit dem übereinstimmt, was du als richtig empfindest. Aber es stimmt. Wenn ich darüber nachdenke, auch das, was Hermione gesagt hat, dann habt ihr Recht. Du wärst nicht hier, wenn du ihre Weltanschauung teilen würdest. Mir war das nicht wirklich klar. Aber es ist nur konsequent. Du kannst kein guter Bruder und ein guter Sohn gleichzeitig sein."
Draco stieß die Luft aus und schloss gequält die Augen. Er wünschte sich, dass es nicht die Wahrheit wäre. Aber Hyperion hatte Recht. Beides war unmöglich und das wusste er auch.
Hermione kam wieder mit drei Dosen in der Hand. Irgendeine Art Mixgetränk das Draco nicht kannte. Er rutschte ein Stück nach hinten und zog sie zischen seine Beine. Er hatte das wahnsinnige Bedürfnis sie einfach nur festzuhalten.
Hier zu sein. Mit seinem Bruder zu reden. Sein Leben kennenzulernen, es nahm ihn emotional auf eine Art mit, die er nicht erwartet hatte. Und Hermione war sein Fels in der Brandung. Etwas woran er sich festhalten konnte. Das ihn vor dem Ertrinken bewahren würde in diesem Chaos in seinem Inneren.
Hyperion sah zu seinem Bruder und seiner Freundin hinüber und versuchte sich darüber klar zu werden, wie er die Situation einschätzen sollte. Er hatte ein ungefähres Bild von Draco. Auch wenn dieses elf Jahr alt war, konnte er dennoch Ähnlichkeiten feststellen. Hermione allerdings war ihm ein absolutes Rätsel. Er sah die Initialen die Draco ihr mit dem Messer ins Dekolleté geritzt hatte und auch wenn er im Nachhinein zugeben musste, dass Draco ziemlich schnell geschaltet hatte, wie Hitman tickte und er sich seinen Respekt verdienen konnte gehörte doch eine gewisse Art von Wahnsinn dazu, sich als Frau vor einem Haufen notgeiler Jungs auszuziehen, ohne auch nur ein Wort des Protests auszustoßen. Ganz zu schweigen davon sich von ihrem Freund Buchstaben in den Körper ritzen zu lassen. Er hatte sie nicht so eingeschätzt. Sie wirkte nicht verrückt, sondern als er mit ihr gesprochen hatte, hatte sie irgendwie selbstbewusst und stark gewirkt.
Trotzdem hatte sie diese Initialen auf ihrem Körper, hatte sich anstandslos vor Draco auf den harten Boden gekniet und als Draco sie Hitman angeboten hatte, keinen Widerstand gezeigt. Es passte nicht zu dem aufbrausenden emotionalen Mädchen, dass ihm eine Ohrfeige dafür gegeben hatte Draco zu kritisieren.
„Was haltet ihr davon, wenn wir hier verschwinden?", fragte Hermione, noch bevor sie ihre Dose geöffnet hatte.
„Woran dachtest du?", wollte Draco wissen und lockerte den Griff um das zierliche Mädchen. Sie lehnte den Kopf nach hinten.
„Weiß nicht. Irgendwo entspanntes. Hier starren uns alle an und ich glaube ein paar werden nervös, weil dieser Typ, den du verhext hast, noch nicht wieder aufgetaucht ist. Du solltest ihn hier eine Runde laufen lassen, damit sich alle entspannen."
„Hm, möglich", antwortete Draco und Hyperion bemerkte, wie Dracos Blick aufmerksam über die Feiernden wandern ließ. Es blickten tatsächlich mehrere argwöhnisch in ihre Richtung.
„Was hältst du von Madrid. Es sind nur zwei Sprünge von hier. Ich mache den ersten und du den zweiten. Dort sind es heute Nacht noch immer fast 25 Grad. Wir könnten dort in das Hotel mit dem großen Whirlpool."
„Sicher?", fragte Hermione etwas überrumpelt und Hyperion bemerkte, wie sie ihn argwöhnisch musterte, als wäre sie nicht sicher, was er dazu sagen würde.
Aber hatte Draco nicht gesagt, dies wäre eine Zeitschleife? Gab es dann einen Grund hierzubleiben, wenn Draco ihn nach Spanien mitnehmen würde.
„Wenn die Zeitschleife endet", fragte Hyperion an Draco gewandt. „Dann bin ich wieder hier?", wollte er wissen. Nur nebenbei bemerkte er Hermiones Überraschung. Es schien nicht geplant gewesen zu sein ihm von der Zeitschleife zu berichten.
„Ja, du bist wieder hier", sagte Draco, „und wirst dich an nichts erinnern. Daran kann ich nichts ändern. Ich wünschte es wäre anders." Hyperion nickte, er hatte sowas vermutet. Er wusste nicht, wie er nächstes Mal auf Draco reagieren würde. Sollten er nochmal bei ihm auftauchen. Aber wollte er das überhaupt? Vielleicht sollte er das erstmal herausfinden. Herausfinden wer sein Bruder wirklich war und was seine Absichten ihm gegenüber waren. Wie viel Wahrheit in seinen Worten steckte. Draco war schon als Kind ziemlich verschlagen gewesen. Nur damals war er in alles eingeweiht gewesen, hatte immer auf Dracos Seite gestanden. Heute war er sich nichtmehr so sicher auf welcher Seite er stand.
„Warum nicht Madrid. Ich war noch nie dort", sagte er schließlich und Hermione nickte.
„Gut", sagte sie und löste sich aus Dracos Armen.
„Dann brauche ich auch diesen Fusel hier nicht. Wir können uns was beim Zimmerservice bestellen. Wenn ich mich richtig erinnere, haben sie dort einen wunderbaren Rioja."
„Klingt nach einem Plan", sagte Draco und stand ebenfalls auf. Hyperion hatte zwar keine Ahnung, was ein Rioja war, aber er würde sich überraschen lassen. Es schien so, als hätte er nichts zu verlieren.
Zusammen verließen sie die Party und gingen in eine dunkle Gasse. Draco wies ihn an, seine Hand zu nehmen und irgendwie fühlte Hyperion sich dämlich, als er Hermione an der einen und Draco an der anderen Hand hielt und sie irgendwie einen Kreis bildeten, als würden sie gleich im Kreis tanzen.
Doch noch bevor er zu lange darüber nachdenken konnte, spürte er ein Reißen unter seinem Bauchnabel und es fühlte sich so an, als würde er durch einen dünnen Schlauch gepresst werden. Fuck er hasste apparieren. Er hatte es schon als Kind immer gehasst. Sobald die Welt aufgehört hatte sich zu drehen rebellierte sein Magen und er schaffte es nur mit Mühe und Not auf den Beinen zu bleiben.
„Sagt Bescheid, wenn es weitergehen kann", sagte Hermione und Hyperion warf ihr einen dürsteten Blick zu. Nichts deutete darauf hin, dass sie gerade das gleiche durchgemacht hatte wie er.
„Warum müssen wir nochmal?", nörgelte er und Draco schnaubte belustigt.
„Wir sind hier in Bordeaux. Ich habe zwar mittlerweile viel Übung im Langstrecken apparieren. Aber bis nach Madrid ist einfach zu weit", sagte Draco und Hyperion nickte. Langsam wurde es besser mit der Übelkeit.
„Okay, dann weiter bevor ich es mir anders überlege", seufzte er und kurz darauf begann sich die Welt wieder in die Länge zu ziehen.
Nach der nächsten Apparition musste Hyperion sich erstmal auf den Boden setzen. Fuck war das unangenehm. Draco und Hermione sahen aus, als würde es ihnen nichts ausmachen. Verdammte Hexen und Zauberer fluchte er innerlich.
Es war drückend heiß in der Gasse, in der sie nun waren und Hyperion brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es nicht an der Magie lag. Er rappelte sich auf und als er die zwei Schritte aus der Gasse herausging stellte er fest, dass er tatsächlich nichtmehr in London war. Überall auf den Straßen trieben sich Menschen herum und es war warm, angenehm warm. Nicht wie im nebligen kalten London. Magie war schon verdammt geil.
Sie machten sich auf den Weg durch die Stadt. Irgendwann hielten sie spontan an einem kleinen Restaurant an, an dem gerade noch ein winziger Tisch in einer Nische frei war und aßen Tapas. Hyperion hatte noch nie Tapas gegessen und er war fasziniert von der Selbstverständlichkeit, mit der sie einfach anhielten und den Plan in ein Hotel zu gehen hintenanstellten um zu essen. Es war so unglaublich spontan, dass es sich einen Moment unwirklich anfühlte.
Hermione erzählte enthusiastisch von ihrem letzten Besuch in Madrid und von anderen Städten, die sie zusammen in der Zeitschleife besucht hatte. Von München, Wien, Istanbul, Warschau… Draco saß dicht neben ihr, hatte seine Hand auf ihrem nackten Oberschenkel platziert und ergänzte ihre Erzählungen. Früher war Draco immer derjenige gewesen, der geredet hatte wie ein Wasserfall. Als Kind war es manchmal unerträglich gewesen. Draco war aufgeweckt und euphorisch gewesen, der Mittelpunkt jeder Konversation. Hyperion hatte immer zu Draco aufgeschaut, hatte sich anstecken lassen von seiner Lebensfreude. Jetzt war nur noch wenig davon übrig. Draco war ruhig und in sich gekehrt. Es war Hyperion schon beim Mittagessen aufgefallen, dass Draco Hermione sprechen ließ, aber jetzt fragte er sich was wohl vorgefallen war, dass aus dem jungen wichtigtuerischen, aufmerksamkeitsheischenden Kind dieser zurückhaltende, ernste Mann geworden war. Und Hyperion glaubte, dass es ziemlich wenig mit seinem Charakter und ziemlich viel mit dem Krieg in der Zaubererwelt zu tun hatte. Hyperion hatte Dracos Satz nicht vergessen. Er hatte getötet. Sein Bruder war ein Mörder und ein Malfoy und egal wie nah er sich ihm fühlte und wie ähnlich sie sich sahen. Hyperion durfte niemals vergessen, dass er gefährlich war.
Hyperion hatte selbst immer versucht sich aus brenzligen Situationen rauszuhalten. Hatte Vorwände gefunden nie in irgendeine Hetzjagd oder Schlägerei hineinzugeraten. Er hatte ein Gespür für Gefahr und auch wenn er nicht glaubte, dass sein Bruder ihm schaden wollte, war er sich doch auf einer subtileren Ebene bewusst, dass er kein ungefährlicher Mann. Er war der Erbe der Malfoy Dynastie und Hyperion war lange genug ein Malfoy gewesen, um verstanden zu haben, dass sie keine netten Menschen waren. Zudem war Draco ein Mörder und das bedeutete, dass er sich schon weitaus tiefer in die Machenschaften der Familie verstrickt hatte, als gut für ihn sein dürfte. Es war dieses Wissen, dass ihn Abstand zu seinem großen Bruder halten ließ.
Hyperion beobachtete Hermione. Die geröteten Initialen die Halb von ihrem Oberteil verdeckt waren und die Selbstverständlichkeit wie sie neben seinem Bruder saß. Sie wusste, dass Draco ein Mörder war, dass er in diesem Zauberkrieg auf der Seite derer stand, die Squibs und Schlammblüter verachteten und trotzdem war sie hier, fröhlich lachend. Voller Enthusiasmus. Ein wahnsinnig niedliches, hübsches Mädchen. Unwillkürlich fragte Hyperion sich, was für eine Rolle sie in diesem Krieg spielte. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass sie harmlos war. Sie war eine Hexe und eine Frau die ihm, ohne zu zögern die Meinung ins Gesicht geschleudert hatte. Egal was sie war, sie konnte nicht harmlos sein.
Nachwort:
Kapitel 100. Wahnsinn. Ich hatte nie vor so viel Zeit in dieses Projekt zu stecken. Aber manchmal laufen Dinge aus dem Ruder und wenn etwas auf diese FF zutrifft, dann das der Weg das Ziel ist.
Vielen Dank an alle die diese FF verfolgen und bis hierhin gelesen haben. Die dem Wahnsinn und den Kapriolen meiner Fantasie gefolgt sind. Ich hoffe ihr habt diese Reise bis hierhin genossen. Mir hat sie viel Spaß gemacht und noch sind wir nicht am Ende. Kapitel 200 wird es wohl nichtmehr geben. Aber ein paar dutzend dürften es noch werden.
LG
Salarial
