Hermines Gedanken kamen zu einem abrupten Halt, als sie den vollen Ballsaal betraten, in dem sich elegant gekleidete Männer und Frauen tummelten, alle in schwarz oder weiß gekleidet. Offensichtlich war das Motto des Abends Black and White.
Obwohl der Ball gut besucht war, verteilten sich die Menschen gleichmäßig in dem rechteckigen Raum, der so hoch war wie zwei Stockwerke und an dessen Wänden weiße Säulen bis nach oben zu einer Balustrade reichten, die einmal um den ganzen Raum verlief. Wie ein nach innen gerichteter Balkon, auf dem man bestimmt den ganzen Ballsaal überblicken konnte.
Von der Decke, die aus mehreren Gemälden bestand, hingen hell erleuchtete Kronleuchter, die Hermine schon von draußen gesehen hatte. Zusammen mit den auch hier wieder golden leuchtenden Bäumchen, die vereinzelt bei den Säulen standen, tauchten sie die den Raum in ein angenehm warmes Licht.
Einer der Mitarbeiter, die alle graue Anzüge trugen, wahrscheinlich um sich von den Gästen in Schwarz und Weiß abzuheben, führte sie an einen eigens für sie reservierten Tisch. Die runden, in dunkelblaue Tischdecken gehüllten Tische, die die eine Hälfte des Ballsaals einnahmen, während die andere für die Tanzfläche freigehalten worden war, standen in einem angenehmen Abstand zueinander, sodass die vier Frauen unter sich waren, ohne von den anderen Gästen abgesondert zu sein.
Hermine waren die Blicke, die einige der anderen Gäste ihnen und vor allem den Black-Schwestern beim Betreten des Saals zugeworfen hatten, nicht entgangen. Sowohl Männer als auch Frauen hatten sich zu den beiden umgedreht, erstere wahrscheinlich zu Narcissa und letztere zu Bellatrix, vermutete Hermine, die sich fragte, ob sie überhaupt ein Recht darauf hatte, eifersüchtig zu sein. Das ändert ja nichts daran, dass du eifersüchtig bist, Granger. Mach dir lieber mal darüber Gedanken.
Mit einem etwas mulmigen Gefühl sah sie den Paaren auf der Tanzfläche zu, wie sie zum Klang der Musik, die ein DJ auf einem erhöhten Podest zwischen zwei Säulen am hinteren Ende des Saals zum Besten gab, über den Parkettboden schwebten, der die Schritte in teils gefährlich hohen Absätzen dämpfte.
Ob das bei ihr nachher auch so elegant aussehen würde? Sie schluckte die aufkeimende Nervosität hinunter und hoffte einfach auf die magischen Fähigkeiten der anderen Frauen, die ihre Tanzschuhe hoffentlich so gut verzaubert hatten, dass ihre Befürchtungen diesbezüglich unbegründet waren und ihr Körper dann einfach automatisch wusste, wie er sich zu bewegen hatte.
Bellatrix trommelte ungeduldig mit ihren schwarz lackierten Fingernägeln auf den Tisch, während sie sich suchend umblickte: „Was muss man hier eigentlich tun, um etwas zu trinken zu bekommen? Wo zum Henker ist die Bedienung? Cissy?"
Narcissa, die die Ungeduld ihrer ältesten Schwester bereits gewohnt zu sein schien, antwortete in fast schon mütterlichem Ton: „Ich weiß es nicht, Bella, ich habe den Ball nicht organisiert."
„Nun, offensichtlich nicht, weil das niemals passieren würde, wenn du den Spaß hier organisiert hättest, du bist schließlich ein Genie, was das angeht."
Narcissa lächelte angesichts des Kompliments und obwohl ihre Schwester es eher nebenbei gesagt hatte, konnte Hermine die Liebe und Vertrautheit spüren, die die beiden miteinander verband und ein so liebevolles Geplänkel zuließ. Es verriet ihr mehr über die Frauen, als sie vielleicht ahnten.
„Außerdem stehen hier genügend Wasserflaschen auf dem Tisch", ergänzte Narcissa, während sie eine davon nahm und ihnen allen einschenkte.
Bellatrix schnaubte, während sie sich nun mit dem ganzen Körper auf ihrem Stuhl drehte, um den Ballsaal abzusuchen: „Wir sind hier auf einer Party, Cissy, da werde ich bestimmt nicht nur Wasser trinken. Ah, da hinten ist eine Bar."
Schon hatte sie sich von ihrem Stuhl erhoben und sah erwartungsvoll zu Hermine: „Was darfs sein, kleine Hexe?"
Hermine, die gerade an ihrem Wasserglas nippte, sah hilflos zu ihr auf. Eigentlich hatte sie bei Wasser bleiben und später gegebenenfalls auf Cola umschwenken wollen. In den seltenen Fällen, in denen sie ausging, trank sie vielleicht mal höchstens ein Glas Wein, wenn überhaupt, aber gerade heute Abend wollte sie eigentlich gerne bei klarem Verstand bleiben. Andererseits kam sie sich in diesem Moment fast kindisch vor, wenn sie tatsächlich Wasser zur Antwort geben würde.
Narcissa legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter und erhob sich ebenfalls: „Ich bring dir was mit."
Als sie zweifelnd zu ihr hochsah, ergänzte die Blondine lächelnd: „Vertrau mir."
„Nun gut", meinte Bellatrix und blickte fragend zu Minerva: „McGonagall?"
Wenn Minerva überrascht darüber war, dass Bellatrix ihr einen Drink mitbringen wollte, ließ sie es sich nicht anmerken: „Scotch, bitte."
Bellatrix nickte nur und verschwand mit Narcissa zusammen in Richtung Bar. Erst jetzt, als Hermine den beiden Schwestern nachblickte, sah sie, dass Narcissas Kleid an der Rückseite ebenfalls einen Schlitz hatte, der ihr fast bis zum Hintern reichte, und ihr Rücken fast komplett nackt war.
Nicht zum ersten und bestimmt auch nicht zum letzten Mal, fragte sie sich, wie sie diese drei Wochen überleben sollte. Sie seufzte leise, aber offensichtlich nicht leise genug, denn Minerva neben ihr gluckste und schenkte ihr ein wissendes Lächeln, als sie erschrocken in die grünen Augen der Schottin blickte.
„Oh nein, tut mir leid, Minerva", platzte es aus ihr heraus. Sie hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen, dass sie den beiden Frauen so offensichtlich hinterhergesehen hatte, obwohl ein weiteres ihrer Dates direkt neben ihr am Tisch saß.
Beruhigend beugte sich Minerva zu ihr und legte ihre Hand auf Hermines: „Muss es nicht, Liebes. Ich mag zwar alt sein, aber meine Augen sind noch nicht so schlecht, als dass ich nicht sehen würde, wie attraktiv die beiden sind."
Ein trauriges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie mit ihren Fingern sanfte Kreise auf Hermines Handrücken zeichnete. Die Schmetterlinge in Hermines Bauch, die sich seit den Begrüßungen in der Eingangshalle nicht mehr gerührt hatten, flatterten wieder leicht.
„Merlin allein weiß, was ich hier eigentlich verloren habe", murmelte die Schulleiterin vor sich hin, so leise, dass sie fast flüsterte.
Doch noch bevor Hermine etwas erwidern konnte, hatte Minerva ihre Fassung wieder gefunden und ihre grünen Augen auf die jüngere Hexe gerichtet: „Wie geht es dir, Hermine? Besser als heute Nachmittag?"
Die Sorge in der Stimme der älteren Frau wärmte Hermine das Herz: „Ja. Wobei es mir nicht wirklich schlecht ging. Ich…ich war nur überfordert von…Ihr seid jede für sich genommen schon sehr…überwältigend. Ihr alle drei auf einmal, das war…"
Sie atmete tief aus und stützte nachdenklich den Kopf auf ihrer Hand ab.
„…dreifach überwältigend?", schlug Minerva vor.
Hermine lächelte: „Sozusagen."
Minerva strich ihr liebevoll die Haare hinters Ohr, auch wenn Hermine sich sicher war, dass Draco bei ihrer Frisur so viel magisches Haarspray verwendet hatte, dass keines ihrer Haare im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe tanzen konnte, und es somit überhaupt gar kein Haar gab, das Minerva überhaupt zurückstreichen konnte.
Doch sie sagte nichts und genoss vielmehr das warme Gefühl, das die Geste und die Nähe der älteren Frau in ihrem Brustkorb auslöste. Mit einem fast schon verträumten Blick wanderten Minervas Finger zu ihrer Wange und streichelten rhythmisch darüber. Hermine lehnte sich unwillkürlich weiter nach vorne, den sanften Berührungen entgegen.
„Ich denke, du wirst, zumindest was mich angeht, bald feststellen, dass ich gar nicht so besonders bin, wie du vielleicht denkst."
Als Hermine erkannte, dass Minerva im Begriff war, ihre Hand wegzuziehen, griff sie eilig danach und hielt sie an ihrem Platz auf ihrer Wange.
Sie hoffte, dass ihre Stimme genauso überzeugend klang, wie sie sich fühlte: „Das denke ich nicht. Es gibt nichts an dir, das nicht besonders ist, Minerva."
„Würdest du darauf wetten wollen?" Beide Hexen lachten, als sie endgültig voneinander abließen, gerade als Bellatrix und Narcissa mit den Getränken am Tisch erschienen.
„Scotch für das Kätzchen", verkündete Bellatrix, als sie ein Glas mit bernsteinfarbener klarer Flüssigkeit vor Minerva abstellte, während sie selbst einen Schluck von ihrem durchsichtigen Drink nahm und sich mit einem zufriedenen Seufzen auf ihren Stuhl fallen ließ.
Als Bellatrix beobachtete, wie Minerva den Inhalt des Glases kritisch beäugte, einmal hin- und herschwenkte und daran roch, erläuterte sie: „Keine Sorge, ich hab ihn nicht vergiftet."
„Ich weiß", erwiderte Minerva trocken und trank einen Schluck.
„Du meinst, du nimmst es an, wissen kannst du es nicht."
„Nein. Ich weiß es."
Bellatrix stöhnte genervt: „Verdammt nochmal, McGonagall, wir wissen alle, dass du alt und weise bist, aber du kannst nicht alles wissen und erst recht nicht, ob ich den Scotch vergiftet habe oder nicht."
Geduldig lehnte sich Minerva in ihrem Stuhl zurück und bedachte Bellatrix mit einem Blick, den Hermine nur allzu gut kannte. Sie hatte ihn oft genug im Verwandlungsunterricht gesehen, wenn ein übermütiger Schüler der Meinung gewesen war, etwas besser zu wissen als Minerva McGonagall. Bellatrix würde nun eine ordentliche Dosis Professor McGonagall abbekommen.
„Erstens bist du viel zu stolz, um auf solch hinterhältige Weise diese Wette zu gewinnen, Slytherin hin oder her. Du bist viel zu überzeugt von dir selbst und deinen Verführungskünsten, als dass du es, deiner Meinung nach, nötig hast, mich mit etwas anderem als deinen Fähigkeiten ausbooten zu müssen. Zweitens ist Gift nicht dein Stil. Wenn du mich aus dem Weg räumen wolltest, würdest du dir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich in aller Öffentlichkeit zu einem Duell herauszufordern, um vor aller Welt, und in diesem Fall vor allem vor Hermine, beweisen zu können, dass du besser bist als ich. Vorausgesetzt du besiegst mich."
Bellatrix hatte anscheinend nicht mit so einer ausführlichen Antwort gerechnet, überspielte ihre offensichtliche Unbehaglichkeit, so leicht durchschaut worden zu sein, aber nur mit einem schnippischen „Natürlich würde ich dich in einem Duell besiegen." Ungeachtet dessen konnte sie ihre Neugier aber nicht verbergen: „Und drittens?"
Minerva ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: „Und drittens solltest du nicht vergessen, dass mein Animagus eine Katze ist und ich damit auch in meiner menschlichen Gestalt über einen ziemlich ausgeprägten Geruchssinn verfüge. Wäre in meinem Scotch etwas gewesen, das dort nicht hineingehört, hätte ich es gerochen."
Nachdenklich nippte Bellatrix an ihrem Glas: „Hmm, guter Punkt."
Narcissa nutzte diesen Moment, um ein Weinglas vor Hermine abzustellen, indem neben einer rosa Flüssigkeit die verschiedensten Beeren, ein Blatt Minze und Eiswürfel schwammen. Hermine musste zugeben, dass der Drink wirklich lecker aussah. „Was ist das?"
„Lillet Wild Berry", antwortete Narcissa. „Der Lillet hat nur 17% Alkohol und ist in dieser Kombination mit dem Wild Berry Soda nochmal zusätzlich verdünnt."
Als Hermine das Glas neugierig zu ihrem Mund führen wollte, um den Drink zu probieren, schloss sich Narcissas Hand blitzschnell um Hermines Handgelenk und hielt sie mit fast schon eisernem Griff vom Trinken ab.
„Dennoch", ihre Stimme war bestimmt und ließ keinen Widerspruch zu, „solltest du erst etwas essen. Alkohol auf nüchternen Magen ist nicht gerade empfehlenswert."
Stirnrunzelnd blickte Hermine zu Narcissa auf, warf vielsagende Blicke auf die Gläser in Bellatrix' und Minervas Händen sowie zu dem Weinglas, das Narcissa in der Hand hielt und von dem sie eben schon getrunken hatte, bevor sie die Blondine herausfordernd ansah und fragend die Augenbrauen hob.
Die Frage, warum diese Regel offensichtlich nicht für die drei älteren Frauen galt, hing unausgesprochen im Raum. Narcissa seufzte, lockerte ihren Griff aber um kein Stück und ließ lediglich ihren Daumen leicht über Hermines Haut streichen, einer Geste, von der Hermine nicht wusste, ob sie beruhigend sein sollte oder ob die Blondine damit um ihr Verständnis bat: „Liebling, ich weiß, dass du eher selten Alkohol trinkst und daher nicht allzu viel verträgst. Du solltest wirklich erst etwas essen. Bitte."
Hermine stellte ihr Glas auf dem Tisch ab, doch Narcissa hielt ihr Handgelenk weiterhin fest, als hätte sie Angst, dass sie das Glas doch noch zum Mund führen würde. Obwohl Hermine wusste, dass Narcissa es nur gut meinte, konnte sie den Ärger, der in ihr aufkeimte, nicht aus ihrer Stimme halten, als sie fragte: „Und woher, bitteschön, willst du das wissen?"
Scham blitzte in den schönen blauen Augen auf und Hermine fühlte sich für einen kurzen Moment schlecht, sie so angefahren zu haben, fand ihre Befürchtung aber bestätigt, als Narcissa gestand: „Draco hat es mal erwähnt."
Hermine stieß schnaubend die Luft aus. Was sich vorhin bei Dracos Besuch schon angedeutet hatte, sah sie nun eindeutig bestätigt. „Interessant, dass er dir das erzählt hat. Genauso interessant wie die Tatsache, dass du ihm direkt von unserem Treffen heute Mittag im Café erzählen musstest."
Fast panisch versuchte Narcissa sich zu rechtfertigen, als eine Erklärung nach der anderen aus ihr heraussprudelte: „Hermine, ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich wusste nicht, ob du mich überhaupt sehen willst. Ich wollte mich nicht aufdrängen, wollte dir Raum geben, um in Ruhe über alles nachzudenken, und Draco ist dein Freund. Ich wollte nicht, dass du mit dir selbst allein bist und dich in etwas hineinsteigerst, das überhaupt nicht so ist."
„Weil Draco dir auch von meiner Tendenz erzählt hat, mich in Dinge hineinzusteigern?"
Narcissas kurzes Zögern war Antwort genug. Hermine wusste nicht, was sie mehr ärgerte. Dass Draco seiner Mutter einiges über sie erzählt hatte, das sie gerne für sich behalten hätte, zumindest vorerst, oder dass Narcissa ihren Sohn anscheinend über alles informierte, was auf ihren Dates passierte. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem.
Plötzlich konnte sie Narcissas Hand auf ihrer Haut nicht mehr ertragen und sie zog ihren Arm zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Hermine –", setzte Narcissa an, doch Hermine unterbrach sie: „Erzähl mal, worüber habt ihr noch so geredet?" Sie konnte selbst die Bitterkeit in ihrer Stimme hören.
„Hermine, bitte –", versuchte es Narcissa erneut.
„Von meinem Master in Zaubertränke hat er dir ja definitiv erzählt, sonst hättest du mich nicht in deine Privatbibliothek eingeladen."
„Deine akademischen Errungenschaften sind ja wohl kein Geheimnis, Hermine. Ich habe dir das genauso angeboten", warf Minerva ein, wohl mit der Absicht, die Wogen zu glätten.
„Ihr habt beide schon versucht, sie mit Büchern rumzukriegen?", fragte Bellatrix in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Neugier.
Hermine ignorierte beide. Ihre ganze Aufmerksamkeit lag immer noch auf Narcissa und sie konnte ihre Gedanken nicht davon abhalten, all die intimen Details ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit durchzugehen, von denen Draco wusste und an seine Mutter weitergegeben haben könnte.
Plötzlich fühlte sie sich unglaublich nackt, verletzlich und…hintergangen. Und es machte sie. So. Wütend. Sie wusste nicht, was plötzlich über sie kam, sie wollte keine Szene machen, wollte die Blondine nicht hier vor aller Augen konfrontieren, dazu noch vor den anderen beiden Frauen in einem Raum voll fremder Menschen.
Doch sie konnte die Wut, die sich tief in ihrem Inneren gebildet hatte, geboren und geformt von ihrer eigenen Verletzlichkeit, nicht mehr davon abhalten, nach oben zu steigen. Sie. Wollte. Raus.
Worte formten sich in ihrer Kehle wie flüssiges Metall, kalt und hart, glitten stählern über ihre Zunge und bildeten tödliche kleine Geschosse, die sie eine nach der anderen auf die Blondine abfeuerte: „Hat er dir von meinen Minderwertigkeitskomplexen erzählt, weil ich muggelstämmig bin? Oder wie sehr du doch meinem Typ entsprichst, weil du wunderschön, intelligent, erfolgreich, selbstbewusst und um einiges älter bist als ich? Und wie sehr mich das gleichzeitig anzieht, aber auch einschüchtert? Hat er dir erzählt, dass er mich vorhin geradezu dazu genötigt hat, mich an sämtlichen Körperstellen zu rasieren, weil er weiß, welch großen Wert du doch auf glatte Haut legst, und er sichergehen möchte, dass ich auch bereit für dich bin, weil er stark davon ausgeht, dass es heute zu mehr als nur einem Kuss kommen könnte."
Der blanke Schock stand in Narcissas tiefblauen Augen, die mit jeder ihrer Fragen immer größer geworden waren, und neben sich konnte Hermine hören, wie eine der anderen Frauen sich bei ihren letzten Worten heftig verschluckt hatte und nun unkontrolliert hustete, nahm sich aber nicht die Zeit, um nachzusehen, ob es Bellatrix oder Minerva war.
„Wirst du ihm nach unserem Abend heute erzählen, ob er Recht hatte? Wirst du ihm erzählen, ob du mich nur auf den Mund geküsst hast oder ob du es tatsächlich heute schon zwischen meine Beine geschafft hast? Wirst du ihm erzählen, wie feucht ich war und wie ich geschmeckt –"
„Hermine." Minervas scharfe Stimme ließ sie mitten im Satz innehalten, der drohende Tonfall war unmissverständlich. Sie wandte sich zu der Schulleiterin um, deren Augen gefährlich funkelten, nur um im nächsten Moment mit einem kurzen Blick auf Narcissa wieder weich zu werden.
Sie schaute fast schon enttäuscht zurück zu Hermine, deren ganze Wut innerhalb von einer Sekunde verrauchte und unendlichen Schuldgefühlen wich, als sie realisierte, was sie da gerade gesagt hatte, wie sie es gesagt hatte und vor allem, was sie beinahe noch alles gesagt hätte, wenn Minerva sie nicht davon abgehalten hätte.
Sie meinte in Minervas Augen zu sehen, dass sie genau wusste, was Hermine gerade dachte und fühlte, denn die Schärfe war aus ihrer Stimme gewichen, auch wenn ihr Tonfall immer noch klar und bestimmt war: „Es reicht."
Stille legte sich über ihren Tisch. Keine der Frauen sagte etwas. Hermines Kopf, der eben noch von Gedanken überflutet gewesen war, die alle nach draußen drängten wie ein Tsunami, der alle Dämme in ihr niederriss, war plötzlich vollkommen leer. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Wie hatte der Abend so schnell eine solche Wendung nehmen können? Sie hatte ihn genießen wollen, hatte sich darauf gefreut, war aufgeregt gewesen, ihr größte Sorge höchstens, dass sie sich blamierte und dass es wieder zum Streit zwischen Minerva und Bellatrix kommen könnte.
Dass sie nun aber diejenige war, die den Abend ruiniert hatte, hätte sie nie erwartet und sie war zunehmend schockiert von sich selbst und ihrem Verhalten gegenüber Narcissa. Eine Bewegung ihr gegenüber weckte ihre Aufmerksamkeit. Bellatrix war ruckartig aufgesprungen. Sie schien die Spannung am Tisch nicht mehr auszuhalten: „Ich schaue mir mal das Buffet an."
Hermine konnte ihren Fluchtinstinkt nur allzu gut verstehen: „Ich komme mit."
Mit einem Seitenblick auf Narcissa, die immer noch wie erstarrt an ihrem Platz saß, den Blick auf die Stelle gerichtet, an der Hermine eben noch gesessen hatte, die Hand immer noch dort liegend, wo Momente zuvor Hermines Arm gewesen war, erhob sie sich ebenfalls und folgte Bellatrix an den Rand des Ballsaals.
Dort war neben der Bar ein großes Buffett mit diversen Häppchen aufgebaut, die plötzlich vor Hermines Augen verschwammen. Erst als Bellatrix in ihr Blickfeld trat und ihr in einer überraschend sanften Geste über die Wangen strich, realisierte sie, dass sie weinte. „Kein Grund zu weinen, kleine Hexe. Komm mit."
Dankbar, dass Bellatrix die Initiative ergriff, ließ sie sich von ihr hinter eine der Säulen ziehen, wo sie vor ungebetenen Blicken geschützt waren, und ließ den Tränen nun erst recht freien Lauf: „Und ob ich Grund habe zu weinen, Bellatrix! Ich war so gemein zu ihr. Gott, wie konnte ich es nur wieder so schnell so sehr vermasseln?"
Kraftlos ließ sie sich gegen die Säule sinken, hinter der sie standen, und ließ den Kopf hängen. Sie spürte mehr, als dass sie tatsächlich sah, wie Bellatrix näher an sie herantrat. Warme Finger glitten unter ihr Kinn und hoben ihren Kopf an, bis sie dem Blick aus verständnisvollen dunklen Augen begegnete. „Du hast es nicht vermasselt, Hermine."
Überrascht sah sie die dunkelhaarige Frau an. Das war das erste Mal, dass Bellatrix sie mit ihrem Vornamen angesprochen hatte. Doch noch bevor sie die ältere Frau darauf hinweisen konnte, sprach diese schon weiter: „Du warst sauer und das auch völlig zurecht."
Sie seufzte und ihr Finger strich wie geistesabwesend über Hermines Kiefer. „Es steht mir nicht zu, dir zu sagen, wie wichtig meiner Schwester die Beziehung zu ihrem Sohn ist und warum. Wie nahe sich die beiden stehen. Ja, beide waren ein wenig zu offen miteinander, was dich angeht, aber ich gehe davon aus, weder Draco noch Cissy haben das mit der Absicht getan, dich zu verletzen."
Als Bellatrix' Worte in ihr Bewusstsein drangen und sie die Absichten von Mutter und Sohn ernsthaft hinterfragte, kam sie zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass Bellatrix Recht hatte. Weder Draco noch Narcissa konnte sie böse Absichten hinter ihren Handlungen unterstellen. Sie kam sich plötzlich unglaublich dumm vor und hatte das Bedürfnis, ihren Kopf gegen eine Wand zu hauen.
Da Bellatrix aber immer noch direkt vor ihr stand, deren Hand nun wie selbstverständlich an der Seite von Hermines Hals ruhte, stieß sie lediglich ihren Hinterkopf gegen die Säule, an der sie lehnte. Sie seufzte: „Gott, ich bin so ein Idiot."
„Das sind wir alle von Zeit zu Zeit."
Verzweifelt sah sie in Bellatrix dunkle Augen direkt vor ihr: „Denkst du, sie wird mir verzeihen?"
Eine Wärme leuchtete in Bellatrix' Augen auf, die sie noch nie zuvor darin gesehen hatte. Fort war die Arroganz, der Spott, die Koketterie, sie sah darin nur offenkundige Warmherzigkeit. Das erste Mal, seit sie die Hexe kannte, hatte Hermine das Gefühl, dass sie die echte, die wahre Bellatrix vor sich hatte: „Sie ist ein großes Mädchen, sie kommt darüber hinweg. Das ist nichts, was man nicht mit einer ehrlich gemeinten Entschuldigung und einem ausführlichen offenen Gespräch aus der Welt schaffen könnte."
Wie einfach sich das in Bellatrix' Worten plötzlich anhörte, was in Hermines Gefühlschaos eben noch als unüberwindliches Hindernis vor ihr aufgeragt war. Sie konnte nicht glauben, dass ausgerechnet Bellatrix, die sonst selbst so impulsiv und temperamentvoll war, nun vor ihr stand und sie gerade aus ihren durcheinanderwirbelnden Emotionen zurück in die Welt der klaren Vernunft gebracht hatte. Als hätte sie sie an der Hand genommen und sie spazierend leicht aus dem Auge des Sturms herausgeführt, bis sie wieder zu einem klaren hellen Himmel aufblicken konnte und in Sicherheit war.
Ungläubig, aber dankbar sah sie Bellatrix in die Augen und platzte mit dem heraus, was sie gerade zu ihrem eigenen Erstaunen festgestellt hatte: „Deine Augen sind dunkelbraun."
Bellatrix sah einen Moment verwirrt aus angesichts des abrupten Themenwechsels, nur um im nächsten Moment lauthals loszulachen. Es war ein so offenes Lachen, wie Hermine es noch nie von ihr gehört hatte. Es war schön. Es klang befreit, unkontrolliert und gelöst. Es ließ ihr Herz vor Freude springen und sie spürte den tiefen Wunsch in sich, es noch öfter hören zu wollen. Hermines Hände waren unbewusst zu beiden Seiten von Bellatrix' Taille gewandert, als wollte sie die ältere Frau festhalten, während sie sich vor Lachen schüttelte.
„Was dachtest du denn?", fragte sie immer noch lachend, auch wenn sie sich nun wieder besser unter Kontrolle hatte. Ihre Hände hatten Hermines Armbeugen gefunden, als wollte sie sich ebenso an ihr festhalten, wie Hermine sich an ihr festhalten wollte.
„Schwarz."
„Oh, schwarz wie mein Name, meine Kleidung und meine Seele?" Sie hatte mit übertrieben tiefer Stimme gesprochen, doch trotz des Spotts und der Dramatik in ihrer Stimme, hatte Hermine das Gefühl, dass Bellatrix genau das von sich dachte. Nichts schien Hermine ferner von der Wahrheit zu sein, erst recht nicht in diesem Augenblick.
„Du hast keine schwarze Seele, Bella", widersprach sie ihr daher sofort.
Ob es der Ernst und die Überzeugung in ihrer Stimme oder die Tatsache war, dass sie sie zum ersten Mal Bella genannt hatte, oder beides, wusste Hermine nicht, aber die Hexe starrte sie völlig perplex an und etwas war für einen Moment durch ihren Blick gehuscht, das Hermine nicht deuten konnte.
Sie hatte nicht groß darüber nachgedacht, der Spitzname war ihr einfach so über die Lippen gerutscht, es hatte sich richtig angefühlt. Doch je länger die älteste Black-Schwester schwieg, desto unsicherer wurde Hermine, ob es tatsächlich richtig gewesen war oder ob sie gerade eine unsichtbare Grenze überschritten hatte. Schnell versuchte sie zurückzurudern: „Bitte entschuldige! Das ist mir so rausgerutscht. Wenn dir Bellatrix lieber ist, dann kann ich gerne wieder –"
Ein Finger schob sich vor ihren Mund und brachte sie zum Schweigen. „Schhhh, kleine Hexe. Du darfst mich gerne so nennen. Ich war nur… Niemand hat mich bisher so genannt, außer meine Schwestern. Und Draco. Und Teddy. Es war nur…ungewohnt, es aus dem Mund von jemandem zu hören, der nicht zur Familie gehört. Aber…" Sie zögerte.
„Aber?", hakte Hermine nach und hielt ängstlich die Luft an.
„Aber aus deinem Mund…hört es sich…schön an. Es gefällt mir."
Erleichtert stieß Hermine die Luft aus und strahlte unwillkürlich von einem Ohr bis zum anderen. Nicht nur die Erlaubnis der älteren Frau zu haben, sie bei ihrem Spitznamen zu nennen, sondern damit auch ein Privileg zu erhalten, das außer ihrer Familie niemandem zustand, erfüllte sie mit unbändigem Stolz. Bellas Geständnis, dass ihr das auch noch gefiel, war aber die Kirsche auf der Sahne und machte sie auf einmal so glücklich, dass sie das Gefühl hatte zu platzen.
„Bella?"
Die angesprochene Hexe grinste breit, als sie Hermines Strahlen sah und ihren Namen aus ihrem Mund hörte: „Ja?"
„Danke."
„Wofür? Dafür, dass du Bella zu mir sagen darfst?"
„Auch, aber vor allem für…das hier." Sie deutete in einer unschlüssigen Geste auf sie beide und um sie herum und hoffte, dass Bella verstand, was sie meinte, ohne dass sie nochmal ihr Verhalten gegenüber Narcissa erwähnen musste.
Bella schenkte ihr ein liebevolles Lächeln: „Gern geschehen, kleine Hexe."
„Du bist ganz schön gut darin."
„Worin?"
„Mich zu beruhigen."
Eine dunkle Augenbraue hob sich: „Du klingst überrascht?"
Sie zuckte mit den Schultern: „Ich hätte nur nicht gedacht, dass…"
„…dass ich noch etwas anderes so unbeschreiblich gut kann, wie dir den Kopf zu verdrehen?" Das Grinsen in ihrem Gesicht war teuflisch.
Hermine rollte mit den Augen, musste aber automatisch lachen. Da war sie wieder. Die Bella, die einfach keine Gelegenheit auslassen konnte, um mit ihr zu flirten. Sie schlug ihr in einer spielerischen Geste gegen die Schulter und kam nicht umhin zu bemerken, wie hart und fest der Muskel unter ihrer Hand war.
„Sei nicht so eingebildet."
„Nichts läge mir ferner."
„Du bist wirklich unglaublich."
„Ja, unglaublich gut."
Bellas Hände streichelten leicht über ihre Oberarme und hinterließen eine Gänsehaut auf Hermines Haut. Die jüngere Frau versuchte ein Schaudern zu unterdrücken und zu überspielen, wie nervös Bellas Nähe sie plötzlich machte: „Nun ist es offiziell, ich werde dir nie wieder ein Kompliment machen, wenn du jedes Mal so reagierst."
„Mal sehen, wie lange du das durchhältst."
„Oh, ich bin für mein ausgesprochen großes Durchhaltevermögen bekannt." Es sollte gar nicht so zweideutig klingen, wie es offensichtlich bei Bella ankam, deren Augen nun verführerisch funkelten. Sie trat noch näher an sie heran. So nah, dass sie Bellas pralle Brüste spüren konnte, die sich leicht gegen sie drückten. Der Atem blieb ihr im Hals stecken und sie konnte ihre Finger nicht davon abhalten, sich fester in Bellas Taille zu graben.
„Ist das so, kleine Hexe?" Bellas Stimme war nun eindeutig tiefer, sinnlicher, verführerischer.
„Ja", brachte Hermine nur vor.
„Mmmh." Gott, wie konnte ein so einfacher Laut so heiß sein? „Ich kann es kaum erwarten, dieses berühmte Durchhaltevermögen in der Praxis zu sehen."
Sie hatte sich noch weiter vorgebeugt und Hermines Augen huschten zu den dunkelroten Lippen, die auf einmal in Reichweite waren und deren heißen Atem sie auf ihren eigenen Lippen spüren konnte. Plötzlich wollte sie nichts mehr, als Bellas Lippen auf ihren eigenen zu spüren, zu wissen, wie sie schmeckte, wie sie sich anfühlte, wie sie küsste und von ihr Besitz nahm. Es würde passieren, sie wusste es. Gleich. Nur noch wenige Millimeter.
Ein lautes Grummeln durchfuhr die angespannte Stille zwischen ihnen und Bella wich zurück und ließ von ihr ab. Der Moment war vorbei. Umgehend vermisste sie die Nähe der dunklen Hexe, die sich beneidenswert schnell gefasst hatte.
„Leider lässt mein Durchhaltevermögen ohne feste Nahrung im Bauch ziemlich zu wünschen übrig und ich brauche dringend eine Basis für die ganzen Drinks, die ich heute Abend deinetwegen noch trinken muss."
„Wieso denn meinetwegen?" Hermine war nun ernsthaft verwirrt. Erst recht, als Bellatrix wieder so nah an sie herantrat, als hätte sie es sich anders überlegt und würde sie nun doch noch küssen. Sie umfing ihr Kinn entschlossen mit einer Hand und hielt so ihren Kopf fest, während ihre andere Hand sie beinahe schmerzhaft an ihrer Hüfte packte und gegen die Säule drückte.
Sie schaute fast schon zornig auf Hermines Lippen und flüsterte zitternd: „Wegen deines losen Mundwerks muss ich schließlich den ganzen, langen Abend irgendwie heil überstehen, ohne den Verstand zu verlieren bei dem Gedanken daran, dass du überall", sie keuchte, als würden ihre Worte sie körperlich anstrengen, und bohrte Hermine mit ihrem Blick fest, „völlig glatt rasiert bist."
Hermines Augen weiteten sich und sie spürte, wie ihr Unterleib bei Bellas Worten glühend heiß zum Leben erwachte und sich eine feuchte Wärme zwischen ihren Beinen sammelte. Sie wünschte, Bella würde ihr hier und jetzt das Kleid hochschieben und etwas gegen das ungeduldige Ziehen unternehmen, mit dem ihr Unterleib schreiend nach Aufmerksamkeit verlangte.
„Es tut mir leid, dass du meinetwegen solche…Qualen erleiden musst."
„Ja, das sollte es auch! Komm jetzt, bevor ich noch etwas Unüberlegtes tue."
Mit einem Ruck stieß Bella sich von ihr ab, fuhr sich mit einer Hand durch die wilde Haarmähne, zog ihre Weste zurecht und trat um die Säule herum zurück in den Ballsaal.
Hermine wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht darüber sein sollte, dass Bellatrix so schnell die Flucht vor ihr ergriffen hatte. Tatsache war, dass sie die ältere Frau noch vor einer Sekunde beinahe angefleht hätte, bitte unbedingt etwas Unüberlegtes zu tun.
Sie atmete einmal tief durch, strich über ihr Kleid, das glücklicherweise während ihres Gesprächs hinter der Säule nicht verrutscht war und folgte Bellatrix zum Buffet.
