Mehrere lange Tische standen aneinandergereiht an der Querseite des Saals und waren beladen mit Unmengen köstlich aussehender kleiner Häppchen unterschiedlichster Art. Offenbar wollte man so vermeiden, dass die geladenen Gäste sich während eines zu üppigen Abendessens entweder bekleckerten oder anschließend zu voll waren, um noch tanzen zu können.
Dem Andrang nach zu urteilen, der an den Tischen herrschte, sahen sie auch nicht nur köstlich aus, sondern waren es auch. Bellatrix ließ sich davon aber keineswegs aufhalten und drückte Hermine kurzerhand zwei große Teller in die Hände, während sie sich hier und da zwischen die Menschen am Buffet drängte und so viele Häppchen auf den beiden Tellern ablud, dass es wahrscheinlich für eine ganze Fußballmannschaft gereicht hätte.
Trotz ihres ungestümen Verhaltens, das Hermine an ein kleines Kind im Süßwarenladen erinnerte, füllten sich die Teller in Hermines Händen nach einem System. Auf den einen kamen deftige Häppchen, mit Fisch, Fleisch, Wurst, Käse und Gemüse, auf den anderen süße, mit Schokolade, Karamell, Nüssen, Sahne und Früchten.
Hermine musste lachen, als Bellatrix zufrieden auf die beiden prall gefüllten Teller blickte. „Da hat aber jemand Hunger."
Der Blick, den Bellatrix ihr zuwarf, war so lüstern, dass er ihr direkt bis in den Unterleib schoss. Mit einer schnellen Hand stibitzte sie sich eine Olive von einem der Häppchen, warf sie sich in den Mund und sah Hermine dabei vielsagend an: „Du wirst schnell lernen, kleine Hexe, dass ich ziemlich unersättlich bin." Oh. Mein. Gott.
Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie Hermine die beiden Teller aus der Hand, während diese sich darum bemühte, beim Anblick der Muskeln, die bei dem Gewicht der beiden Teller aus Bellas Armen hervortraten, nicht zu sabbern.
„Sei so gut und bring noch vier von den kleinen Tellern mit, dann können wir uns alle einfach von den beiden großen bedienen", bat sie die jüngere Frau, wandte sich um und marschierte zu ihrem Tisch zurück. Hermine tat wie geheißen und folgte ihr, in der Hoffnung, dass ihr Gehirn auf dem Weg dorthin wieder genügend Blutzufuhr erhalten würde, um wenigstens halbwegs zu funktionieren.
Als Narcissa sie kommen sah, stand sie sofort auf, lief schnurstracks an Bellatrix vorbei und kam direkt auf Hermine zu. Panik stieg in der jüngeren Hexe auf und sie blieb abrupt stehen. Ihr ganzer Körper war angespannt und sie hielt die vier Teller in ihrer Hand wie einen schützenden Schild vor sich.
Sie konnte den Blick in Narcissas blauen Augen überhaupt nicht deuten und wusste nicht, wie sauer die Blondine auf sie war. Das ist nichts, was man nicht mit einer ehrlich gemeinten Entschuldigung und einem ausführlichen offenen Gespräch aus der Welt schaffen könnte, hallten Bellas Worte von vorhin in ihr nach.
Sie fasste sich ein Herz und hoffte, Narcissas Wutausbruch zuvorzukommen, als diese vor ihr stehenblieb und zur gleichen Zeit wie sie den Mund öffnete: „Es tut mir so –"
Beide hielten inne, ihre Blicke trafen sich und sie stießen genauso gleichzeitig, wie sie eben gesprochen hatten, erleichtert den Atem aus. Narcissas Augen wurden weich, als sie nach Hermines Hand griff, die immer noch die Teller fest umklammert hielt.
„Es tut mir so leid, Liebling, ich hätte nicht so offen mit Draco über dich reden dürfen."
„Nein, mir tut es leid, Narcissa, meine Reaktion war völlig übertrieben. Natürlich darfst du mit Draco –"
Ein Wirbelwind aus schwarzen Locken, der zwischen ihnen auftauchte, unterbrach sie: „Ooookay, wenn ich das ganze mal abkürzen dürfte: Es tut euch beiden unfassbar leid und alles. Das heißt ihr könnt euch ja jetzt eben schnell wieder vertragen, euch gegenseitig verzeihen oder was auch immer…"
Bellatrix legte beiden Frauen jeweils eine Hand auf den Rücken und schob sie sanft zum Tisch, auf dem sie die beiden Teller mit den Häppchen bereits abgestellt hatte. „…und dann wäre mein Vorschlag, dass ihr euch alles, was euch diesbezüglich sonst noch auf dem Herzen liegt, beim Umziehen in der Kammer oder beim Tanzen sagt, damit ihr dabei ganz für euch seid und wir außerdem nicht länger mit dem Essen warten müssen. Ich meine, seht euch nur unser Kätzchen an, McGonagall ist schon ganz ausgehungert."
Die Schulleiterin hob missbilligend eine Augenbraue bei dem letzten Satz, doch ihre Mundwinkel zuckten amüsiert. Narcissa und Hermine tauschten einen kurzen Blick aus und nickten lächelnd in einem stillen Einverständnis, ihr Gespräch später in Ruhe fortzuführen, wenn sie allein waren.
Bellatrix klatschte freudig in die Hände, nahm Hermine die Teller ab und verteilte sie auf dem Tisch, nur um sich direkt selbst ihren eigenen Teller vollzuladen. Die anderen drei Frauen schüttelten nur lächelnd den Kopf, als sich die schwarzhaarige Hexe gierig ein Häppchen nach dem anderen in den Mund schob und genüsslich kaute.
„Gott, ist das gut", seufzte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte.
„Was?", fragte sie provozierend, als sie die Blicke der anderen Frauen auf sich spürte. „Seht mich nicht so an. Mein Job ist viel anstrengender als eure. Ihr sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch über irgendwelchen Briefen, Büchern und Aufsätzen, während ich täglich böse Hexen und Zauberer jage, damit ihr wiederum sicher am Schreibtisch sitzen könnt, wohlgemerkt."
„Wie selbstlos von dir, Bella", kommentierte Narcissa sarkastisch und verdrehte schmunzelnd die Augen, sagte aber nichts weiter. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Hermine über den Rand ihres Tellers liebevolle Blicke zuzuwerfen, während sie aßen, und die jüngere Hexe konnte nicht anders, als sie lächelnd zu erwidern.
Sie war ungemein erleichtert, dass sich der Konflikt, der sich vorhin noch so unüberwindbar angefühlt hatte, so leicht in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Auch wenn ihr eigentliches Gespräch darüber noch ausstand, hatte sie das Gefühl, dass sie eine Lösung finden würden.
Sowohl Draco als auch Narcissa lagen ihr viel zu sehr am Herzen, als dass sie auf einen von beiden in ihrem Leben verzichten wollte. Woah, Moment mal, Granger, wo kommt das denn plötzlich her? Sie liegt dir am Herzen? So schlimm ist es schon?
Sie versuchte, ihre innere Stimme zu ignorieren und griff nach dem Lillet Wild Berry vor ihr, von dem sie immer noch nicht getrunken hatte. Sie hielt inne, bevor das Glas ihren Mund erreicht hatte, weil sie den Blick der Blondine neben ihr auf sich spürte, und sah sie grinsend an: „Oh, ich vergaß. Habe ich nun genug gegessen, dass ich endlich probieren darf?"
Narcissa musste offensichtlich den Impuls unterdrücken, schon wieder die Augen zu verdrehen, lächelte aber und erwiderte: „Solange du nicht zu schnell und zu viel auf einmal trinkst und daran denkst, zwischendurch immer wieder Wasser zu trinken, darfst du."
„Ja, Mami", konterte Hermine und trank endlich einen Schluck von dem rosafarbenen Getränk, das herrlich kalt und fruchtig schmeckte, während sie den Alkohol darin tatsächlich kaum merkte. Die blonde Hexe hatte offensichtlich nicht nur einen exzellenten Geschmack, was Mode anging.
Ein gackerndes Lachen ihr gegenüber ließ sie von ihrem Getränk aufblicken und sie sah Bellatrix irritiert dabei zu, wie sie sich vor Lachen auf ihrem Stuhl kringelte. Hermine sah verwirrt zu Narcissa, in der Hoffnung, herauszufinden, was auf einmal so lustig war, und stellte erstaunt fest, dass sich eine leichte Röte auf Narcissas hohe Wangenknochen geschlichen hatte, während sie ihre Schwester mit ihren Blicken tötete. Sie sah zu Minerva, die Hermines Blick auswich und die Krümel auf ihrem Teller plötzlich überaus interessant zu finden schien.
„Was ist los, was ist so witzig?" Das schien Bellatrix nur noch mehr zu amüsieren, denn sie lachte nur noch lauter und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
Hermine wusste nicht, ob sie mitlachen oder verärgert darüber sein sollte, als sie keine Antwort bekam. „Ernsthaft, Bella, was ist so witzig?"
Narcissa warf ihr einen kurzen, überraschten Blick zu, als sie den Spitznamen ihrer Schwester aus Hermines Mund hörte, sah aber sofort wieder weg, als Hermine ihren Blick auffing. Was zum Teufel war hier nur los?
Bellatrix hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen eingekriegt, kicherte aber immer noch vor sich hin und lehnte sich fast schon erschöpft vom ganzen Lachen in ihrem Stuhl zurück.
„Bella!", wiederholte Hermine ungeduldig. Diesmal zuckte Narcissas Kopf bei dem Spitznamen nur leicht, sie sah Hermine aber immer noch nicht an. Minerva inspizierte weiterhin die Krümel auf ihrem Teller.
„Bitte sag es nochmal, kleine Hexe", kicherte Bella, stützte den Kopf auf ihre Hand und fixierte ihre Schwester mit einem breiten Grinsen.
Hermine verstand nicht: „Was denn?"
Bella hielt ihren Blick weiterhin auf Narcissa gerichtet, deren Wangen unter dem Blick ihrer Schwester noch dunkler zu werden schienen: „Was du zuletzt zu meiner lieben kleinen Schwester gesagt hast."
„Was meinst du, ich hab doch nur –" Hermine unterbrach sich mitten im Satz, als ihr endlich ein Licht aufging und sie entgeistert die blonde Frau neben sich anstarrte, die ihre gerötetes Gesicht hinter ihren Händen zu verbergen versuchte.
„Ich hasse dich, Bella", murmelte sie zwischen den Fingern vor ihrem Gesicht hindurch.
„Oh nein, tust du nicht…Mami."
Narcissa riss die Hände vom Gesicht, funkelte ihre Schwester wütend an und fauchte: „Bella!"
„Ach ja stimmt, verzeih mir, es hat natürlich nur die richtige Wirkung, wenn unsere kleine Hexe es zu dir sagt. Auch wenn es mir sehr recht wäre, wenn ihr euch das für eure Einzeldates aufheben würdet. Ich bin ja für vieles offen, aber meiner eigenen Schwester beim Rollenspiel zuzusehen, gehört nicht unbedingt dazu. Wobei mich schon noch interessieren würde, wie du unsere kleine Hexe dann nennst? Baby? Prinzessin? Mein kleines Mädchen?"
Bellatrix schien genau zu wissen, welche Knöpfe sie bei ihrer jüngeren Schwester drücken müsste, um sie aus ihrer sonst so makellosen Fassung zu bringen. Mit jedem Kosenamen, den sie aufzählte, pulsierte die unkontrollierte Magie um Narcissa herum stärker.
Hermine erahnte den Moment, in dem die Blondine den Spott ihrer Schwester nicht mehr würde aushalten können, nur Sekunden vorher und sprang blitzschnell auf, fast gleichzeitig mit Narcissa, die so ruckartig aufgestanden war, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und laut auf den Boden knallte. Einige Gäste drehten die Köpfe, um zu sehen, was der Krach zu bedeuten hatte.
Narcissas ganzer Körper bebte vor Wut, während sie ihre grinsende Schwester mit ihren Blicken zu erdolchen schien. Bevor eine der beiden Schwestern noch etwas sagen konnte, trat Hermine zwischen die beiden, so nah vor Narcissa, dass sie hoffte, damit den Blick auf Bellatrix zu versperren und dass Narcissa sie gar nicht ignorieren konnte, als sie sagte: „Ich glaube, Sie schulden mir den ersten Tanz, Miss Black."
Ohne den Blickkontakt zu den immer noch wütend funkelnden blauen Augen vor ihr zu unterbrechen, verschränkte sie ihre Hände mit Narcissas und zog sie von dem Tisch fort. Sie konnte Narcissas Magie um ihre ineinander verschränkten Hände fühlen, die wie kleine Stromschläge zwischen ihnen knisterte.
Erst als sie in, wie sie hoffte, sicherer Entfernung waren, wagte sie es, den Blickkontakt zu Narcissa zu unterbrechen, um nach der Tür zu suchen, die zu dem versteckten Bad führen würde. Sie musste nicht lange suchen. Wie Ginny in ihrem Brief angekündigt hatte, befand sich eine unauffällige Tür am Rande der Tanzfläche, ganz in der Nähe des DJ-Pults, hinter einer der großen Säulen verborgen.
Sie zog Narcissa, die sie immer noch an einer Hand hielt, zu der Tür und umfasste den Türknauf. Sie konnte spüren, wie die Tür ihre magische Signatur akzeptierte und sich wie von selbst entriegelte. Sie öffnete sie und trat hindurch, Narcissa im Schlepptau.
Kaum hatte sich die Tür automatisch hinter ihnen geschlossen, drehte sich Hermine zu Narcissa um und zog sie in ihre Arme. Sie konnte spüren, wie angespannt die ältere Frau in ihren Armen immer noch war, atmete aber erleichtert aus, als Narcissa die Umarmung erwiderte.
Hermine schloss die Augen, sog den betörenden Duft der anderen Frau ein und konzentrierte sich darauf, tief und langsam ein- und auszuatmen. Ein. Und aus. Ein. Und aus. Sie behielt den Rhythmus bei, auch noch, als sie erleichtert feststellte, dass Narcissas Atmung sich automatisch ihrem angepasst hatte.
Sie strich ihr mit einer Hand beruhigend die Wirbelsäule entlang, während sie sie mit anderen immer noch fest umschlungen hielt. Hermine konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen, als sich Narcissa nach und nach beruhigte und die Anspannung aus ihrem Körper wich wie aus einem Ballon, aus dem man langsam die Luft herausgelassen hatte.
In dem Wissen, dass sie nun um ein klärendes Gespräch nun nicht mehr herumkamen, versuchte sich Hermine langsam von Narcissa zu lösen, doch die ältere Frau umklammerte sie nur noch fester und schien nicht bereit zu sein, sie loszulassen.
„Nur noch einen Moment?", hörte sie Narcissas verletzlich klingende Stimme an ihrer Schulter.
Lächelnd gab sie nach und umfasste Narcissa fest mit beiden Armen: „Sicher."
Sie blieb einfach ruhig stehen und wartete geduldig, bis Narcissa die Umarmung von sich aus löste.
„Ich danke dir." Eisblaue Augen, die sonst so kalt und stechend waren, blickten nun warm und dankbar in Hermines hellbraune.
„Es gibt nichts, wofür du mir danken musst."
„Das sehe ich anders."
Hermine lachte: „Heißt das, du willst dich nun jedes Mal bei mir bedanken, wenn ich dich umarme?"
„Ich habe dir nicht für die Umarmung gedankt."
„Ich weiß."
Sie setzten sich einander zugewandt auf die weiß gepolsterte Bank, die an der Seite des Zimmers stand, das recht modern in einer Mischung aus weißem Marmor und warmem Holz eingerichtet war. Automatisch fanden ihre Hände wieder zueinander und verschlangen sich wie selbstverständlich ineinander. Sie saßen so nah beieinander, dass sich ihre Knie berührten.
An der Art und Weise, wie Narcissa sich gerade aufsetzte und die Schultern nach oben zog, erkannte Hermine, dass die Anspannung wieder in die ältere Frau zurückzukehren drohte, und versuchte, dem zuvorzukommen: „Ich denke, jetzt sind wir quitt."
Narcissa sah sie verwirrt an: „Was meinst du?"
„Nun, wir wissen nun beide Dinge von der anderen, von der wir nicht unbedingt wollten, dass die andere sie weiß, zumindest nicht zu diesem frühen Zeitpunkt. Du weißt von meinen Minderwertigkeitskomplexen –"
„Die völlig unangebracht sind."
Hermine ging nicht darauf ein: „Du weißt, dass ich dich…ganz nett finde –"
„Mmmh", die Mundwinkel der Blondine zuckten „ganz nett also?"
„Ja…" Hermines Stimme klang in ihren Ohren plötzlich viel zu hoch.
„Ich glaube, die Worte, die du vorhin gebraucht hast, waren wunderschön, intelligent, erfolgreich, selbstbewusst, anziehend und einschüchternd?" Narcissa hatte sich mit jedem Wort näher zu ihr vorgebeugt. Hermines Herz flatterte aufgeregt.
„Du hast um einiges älter als ich vergessen."
Narcissas Mundwinkel kräuselten sich missbilligend, als hätte sie etwas Unappetitliches im Mund: „Nein, habe ich nicht, ich habe es bewusst ignoriert."
„Aber es macht dich so heiß." Hermine errötete, als sie merkte, was sie da gerade gesagt hatte, ohne überhaupt darüber nachzudenken.
Die Blondine lächelte verschmitzt und ein Funkeln lag in ihren eisblauen Augen. „Ach? Ist das so?" Ihre Stimme war tiefer geworden.
Hermine schluckte nur und nickte.
„Nun, dann kann ich mich vielleicht damit anfreunden." Sie war ihr immer noch viel zu nah. Dennoch versuchte Hermine, den ursprünglichen Faden des Gesprächs wieder aufzunehmen.
„Außerdem weißt du, dass ich mich für dich komplett glattrasiert habe –"
Narcissas Stimme glich einem Schnurren, als sie ihre freie Hand Hermines Arm hinaufwandern ließ: „Und weißt du auch, wie heiß ich das finde?"
Ein Wimmern entwich Hermines Lippen bei diesen Worten und eine Gänsehaut breitete sich angesichts der sinnlichen Berührung an ihrem Arm auf ihrem ganzen Körper aus. Konzentrier dich, Granger!
„Und ich weiß jetzt, dass du es magst, wenn ich dich –"
Die Hand, die eben noch ihren Arm gestreichelt hatte, legte sich blitzschnell auf ihren Mund und hinderte sie daran, auch nur noch ein Wort zu sagen.
„Nein! Bitte sag es nicht! Nicht hier. Nicht jetzt." Narcissas Stimme war eindringlich, ja fast panisch. Da sie der jüngeren Frau immer noch den Mund zuhielt, konnte Hermine nur nicken und hoffte, dass es glaubhaft genug war, um Narcissa zu beruhigen. Die Blondine atmete erleichtert aus und ließ ihre Hand sinken. „Gut."
Hermine konnte sehen, wie die Rädchen sich in Narcissas Kopf drehten, als sie sagte: „Streng genommen sind wir nicht wirklich quitt."
„Wieso nicht?"
„Ich weiß viel mehr über dich als du über mich, was uns auch schon zu unserer…Diskussion vorher bringt, über die wir unbedingt noch reden sollten. Hermine, es tut mir wirklich leid, dass ich mit Draco über dich geredet habe."
„Ich weiß." Sie seufzte. „Es wird sich ja auch künftig nicht vollständig vermeiden lassen, dass ihr über mich redet, schließlich kennt ihr mich beide und…seid beide ein wichtiger Teil meines Lebens."
„Bin ich das?"
„Was?"
„Ein wichtiger Teil deines Lebens?"
„Wenn du das sein willst? Ich meine…Gott, es ist wahrscheinlich noch viel zu früh, um überhaupt darüber zu reden…Aber…"
Unruhig stand sie auf und begann in dem kleinen, aber geräumigen Badezimmer auf- und abzugehen, als sie nach den richtigen Worten suchte, den Blick dabei auf den Boden gerichtet, als würde sie mit sich selbst reden.
„Du bist mir definitiv nicht egal. Ich fühle mich zu dir hingezogen…sehr sogar…nicht nur körperlich…Merlin…Ich weiß nicht, wie diese drei Wochen verlaufen werden, ich kann nicht in die Zukunft sehen, aber…falls das zwischen uns tatsächlich…", sie verschränkte die Arme vor der Brust, „…etwas Ernstes werden sollte, würde ich mir wünschen, dass du nicht über jedes Detail unserer…ähm…Beziehung mit deinem Sohn redest, der gleichzeitig auch einer meiner besten Freunde ist. Das wäre seltsam. Ich weiß, ich kann dir nicht vorschreiben, worüber du mit deinem Sohn redest, und ich möchte bestimmt nicht, dass ihr meinetwegen weniger offen miteinander umgeht. Ich weiß, ihr steht euch sehr nahe. Vielleicht sollte ich mit Draco auch noch darüber reden, wir sollten ihn nicht übergehen."
Sie blieb mitten im Raum stehen und blickte zu Narcissa, als ob ihr eben eingefallen war, dass sie auch noch da war und lief hochrot an. „Vorausgesetzt natürlich, du fühlst genauso und willst, dass das zwischen uns…ähm…ernst wird", ergänzte sie hastig.
Narcissa blickte sie durchdringend an, erhob sich elegant und kam langsam auf sie zu. Hermines Herzschlag beschleunigte sich, als Narcissa direkt vor ihr stehenblieb, ihr Gesicht mit beiden Händen umfing und ihre Lippen so sanft, leicht und kurz auf ihre drückte, dass Hermine nicht mal die Zeit hatte, die Augen zu schließen, geschweige denn, den Kuss zu erwidern.
Er war so federleicht gewesen, wie ein flüchtiger Windhauch auf ihren Lippen, dass sie sich für einen Moment fragte, ob sie sich die Berührung vielleicht nur eingebildet hatte. Narcissa sah ihr tief und ernst in die Augen, als sie hauchte: „Das würde ich sehr gerne. Mach dir keine Gedanken über Draco, ich rede mit ihm, er wird es verstehen. So wie ich. Ich will nicht, dass du dir deswegen Sorgen machen musst, Liebling, unabhängig davon, ob wir nach diesen drei Wochen zusammen sind oder nicht. In Ordnung?"
„Ich weiß nicht." Sie schlang ihre Arme um Narcissas schmale Taille. „Kannst du den Anfang bitte nochmal wiederholen?"
Narcissa runzelte die Stirn. „Das würde ich sehr gerne?"
„Nein, das davor." Sie wagte ein Lächeln, doch ihr Herz hämmerte aufgeregt in ihrer Brust, als sie darauf wartete, wie die ältere Frau reagieren würde.
„Oh, das." Das Lächeln auf Narcissas Lippen war wunderschön. Sie war wunderschön. „Ja, kann ich."
Sie beugte sich vor, doch noch bevor sich ihre Lippen berührten, bat Hermine hoffnungsvoll: „Und vielleicht ein wenig…langsamer? Und…ausführlicher? Ich bin da nicht ganz mitgekommen."
Narcissas Augen leuchteten so hell wie glasklares Meerwasser, in dem sich die Sonnenstrahlen brachen.
„Oh, mein armes kleines Mädchen."
Hermine keuchte angesichts des Kosenamens laut auf, der tief in ihrem Unterleib etwas auslöste, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass es da war, als sich auch schon weiche Lippen auf ihre legten und sich ihre Augen instinktiv schlossen. Der Kuss war immer noch sanft, ja sogar vorsichtig. Langsam drückten sie ihre Lippen aufeinander.
Narcissas Daumen strichen sanft über ihre Wangen und Hermine stieß ein leichtes Wimmern aus, als sich ihre Lippen wie von selbst öffneten. Narcissa nutzte die Gelegenheit, um Hermines Unterlippe zwischen ihre zu nehmen und leicht daran zu saugen. Hermine entfuhr ein tiefes Stöhnen und sie krallte sich in Narcissas nackten Rücken. Das Seufzen, das dabei aus Narcissas Mund drang, war so schön, so heiß, so lustvoll, dass Hermine es sofort wieder hören wollte.
Gierig presste sie ihren Körper gegen den der älteren Frau und stieß mit ihrer Zunge gegen die feuchten Lippen vor ihr, damit sie ihr Einlass gewährten, doch die Lippen entzogen sich plötzlich ihrer Reichweite. Sie versuchte, ihnen zu folgen, doch die Hände, die eben noch sanft über ihre Wangen gestrichen waren, hielten sie davon ab.
„Liebling?"
„Mmmh?" Hermine öffnete blinzelnd die Augen und fand ihre Sinne in dem Moment wieder, als sie sah, wie dunkel Narcissas Augen vor Lust waren.
Die Blondine musste sichtlich um Fassung ringen, als sie sagte: „Wenn wir so weitermachen, bezweifle ich, dass wir diesen Raum heute noch verlassen werden. Und wir sollten dich wirklich für den Tanz fertig machen."
„Oh, scheiße, der Tanz, ja, stimmt." Zögernd löste sie sich von Narcissa, die bei dem Schimpfwort überrascht die Augenbrauen gehoben hatte. „Den habe ich ganz vergessen."
Narcissa grinste: „Wie konnte das nur passieren?"
„Nun ja, da war diese wunderschöne Hexe…"
„Ach ja?"
„Ja. Mit sündhaft langen Beinen, den schönsten blauen Augen, die ich je gesehen habe, und in einem Kleid, das verboten gehört."
„Verboten sagst du?"
„Ja."
„Soll ich es ausziehen?"
„Was? Nein! Willst du mich umbringen? Ich bin schon froh, dass ich keinen Herzinfarkt bekommen habe, als ich dich das erste Mal darin in der Eingangshalle gesehen habe, aber ich war bestimmt nah dran."
„Ich weiß. Ich habs gesehen."
Hermine warf ihr einen finsteren Blick zu: „Schön, dass du das so witzig findest. Jedenfalls sollten wir über deine Kleiderwahl wirklich nochmal ein ernstes Wörtchen reden, wenn du willst, dass ich diese drei Wochen und alles, was danach noch kommt, überlebe."
„Dann bin ich gespannt, was du zu meiner Kleiderwahl für dich sagst." Narcissas Augen leuchteten plötzlich aufgeregt. „Willst du es sehen?"
Hermine musste lächeln. Die Begeisterung der älteren Frau war ansteckend. „Natürlich."
„Dann setz dich schon mal und zieh deine Schuhe aus", befahl Narcissa und huschte zu einem Schrank in einer Ecke des Badezimmers, in dem offensichtlich Hermines Tanzschuhe für den Abend aufbewahrt wurden.
Sie hatte sich gerade wieder auf die Bank gesetzt und ihre Schuhe ausgezogen, als Narcissa sich auch schon vor sie kniete. In der Hand hielt sie silbern glänzende Peeptoes, deren Farbe, je nachdem, wie das Licht darauf fiel, zwischen Gold und Bronze changierte. Plötzlich war sie nervös.
Sie hatte den ganzen Abend nicht mehr daran gedacht, dass sie heute Abend dreimal in einem Saal voll fremder Menschen tanzen musste, und noch nicht mal wusste, was sie dabei tragen würde und welche Tanzstile sie tanzen würde. Sie biss sich nervös auf die Unterlippe, als Narcissa nach ihrem nackten Fuß griff und ihr in den ersten Schuh half. „Wie funktioniert das Ganze nochmal?"
Narcissa hatte bereits nach dem zweiten Schuh gegriffen. „Du ziehst die Schuhe an, dein Kleid verwandelt sich automatisch in das, das ich für dich ausgesucht habe, und sobald das Lied, das ich für uns ausgesucht habe, zu spielen beginnt, wirkt die Magie in den Schuhen und wird deinen Körper lenken."
„Als wäre ich eine Marionette? Als würde der Imperius-Fluch auf mir liegen?" Der Gedanke, keine Kontrolle mehr über ihren Körper zu haben, gefiel Hermine gar nicht.
Narcissa sah zu ihr auf und legte ihr beruhigend eine Hand aufs Knie. „Nein, Liebling. Du wirst nicht fremdgesteuert. Es ist vielmehr so, dass dein Körper intuitiv und automatisch weiß, wie er sich zu bewegen hat. Du wirst es intuitiv und automatisch wissen. Stell dir vor, du hättest als Kind Fahrradfahren gelernt, es aber aus welchem Grund auch immer wieder als Erwachsene vergessen, und würdest dich trotzdem wieder aufs Fahrrad setzen. Intuitiv würdest du es richtig machen, ohne dass dich jemand fremdsteuert. Naja, ein bisschen Fremdsteuerung gibt es, weil ich dich führen werde, aber ich denke, das sollte kein Problem für dich sein, oder?"
„Nein", antwortete Hermine, als sie erleichtert ausatmete. Narcissas Erklärung schien ihr einleuchtend.
„Willst du dann jetzt dein Kleid sehen?" Narcissa hielt ihr die Hand hin, die sie instinktiv ergriff und sich aufhelfen ließ. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass der Zauber bereits gewirkt hatte und wollte schon an sich hinabblicken, als Narcissa sie am Kinn packte und ihren Kopf wieder nach oben hob: „Ah ah, mach die Augen zu. Du darfst erst gucken, wenn ich es dir sage."
Gehorsam schloss sie die Augen, ließ sich von Narcissa an beiden Händen durch den Raum führen und, an einer Stelle angekommen, an den Hüften in eine bestimmte Richtung drehen. Sie hörte, wie Narcissa hinter ihr aufgeregt den Atem ausstieß: „Jetzt kannst du die Augen aufmachen."
Hermine klappte der Mund auf, als sie an ihrem Spiegelbild vor sich hinabblickte. Ihr Kleid war immer noch weiß, aber viel freizügiger und extravaganter als das, mit dem sie ursprünglich zum Ball gekommen war. Es wurde immer noch im Nacken zusammengehalten, aber der Ausschnitt war wesentlich tiefer.
Über ihren gesamten Oberkörper zog sich ein florales Muster, das auf der Höhe ihrer Hüften von einem fast durchsichtigen Chiffon-Stoff abgelöst wurde, der bis zu ihren Knöcheln fiel und einen genauso langen Schlitz hatte wie Narcissas Kleid.
Insgesamt schien es die weiße, unschuldigere Variante von Narcissas Kleid zu sein. Ein klares Zeichen der Zusammengehörigkeit, ohne komplett gleich zu sein. Sie lächelte, als sie erkannte, wie viele Gedanken sich Narcissa bei der Wahl ihrer beiden Kleider gemacht haben musste.
Narcissa schlang die Arme von hinten um sie und küsste sie zärtlich in den Nacken. „Du siehst wunderschön aus, mein Liebling. Gefällt es dir?"
„Es ist wunderschön, Narcissa."
„Nur, weil du drinsteckst, Liebling."
Sie hauchte federleichte Küsse auf Hermines Schulter und die jüngere Hexe konnte nicht anders, als sich gegen Narcissas warmen Körper sinken zu lassen und ihren Kopf mit geschlossenen Augen zur Seite zu neigen, um ihr mehr Haut anzubieten.
Die stille Einladung blieb nicht unbeantwortet, als der Griff um ihre Taille plötzlich fester wurde und sich die ältere Frau von hinten an sie presste. Hermine erschauderte am ganzen Körper, als Narcissa mit ihrer Zunge von ihrer Schulter, über ihren Hals bis zu ihrem Ohrläppchen leckte. Ihre Knie wurden weich und sie wäre bestimmt hingefallen, wenn die Blondine sie nicht immer noch fest an sich gepresst gehalten hätte.
Sie sog erschrocken die Luft ein und schlug die Augen auf, als sie Zähne an ihrem Ohrläppchen knabbern spürte. Sie begegnete Narcissas Blick im Spiegel, die jede ihrer Reaktionen genauestens beobachtet zu haben schien und sie mit einem Feuer in ihren Augen fixierte, wie Hermine es noch nie in den blauen Augen gesehen hatte.
Sie musste den Impuls unterdrücken, nach Narcissas Hand zu greifen und sie sich zwischen die Beine zu schieben, wo ein durchdringendes Pochen geradezu nach Aufmerksamkeit schrie. Sie musste an ihre eigenen Worte denken, die sie der Blondine vorhin an den Kopf geworfen hatte: Wirst du ihm sagen, wie feucht ich war? Verdammte scheiße, sie war so feucht. Sie konnte die warme Flüssigkeit in ihrem Höschen spüren, wenn sie auch nur im Mindesten das Becken bewegte.
Narcissas rote Fingernägel krallten sich in ihr Kleid, als sie einen fast schon animalischen Laut von sich gab und von einem Moment auf den anderen von ihr abließ. Sie verschwand aus Hermines Blickfeld, als sie sich in die Mitte des Raumes zurückzog, als wäre das ein sicherer Ort.
„Könntest du…", sie keuchte schwer und rang nach Atem, „…könntest du bitte vom Spiegel wegkommen?"
Hermine, die ebenfalls versuchte, ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bringen, runzelte zwar verwirrt die Stirn, kam ihrer Bitte aber ohne zu fragen nach. Als sie auf Narcissa zuging, konnte sie spüren, wie ihr Bein bei jedem Schritt durch den hohen Schlitz des Kleides fast völlig daraus hervorlugte.
In der Hoffnung, die Spannung im Raum zu lösen und damit ein unverfängliches Thema anzuschneiden, fragte sie: „Muss der Schlitz so weit oben sein? Ich weiß nicht, ob mir das nicht ein wenig zu viel Haut ist, die ich damit zeige."
Unsicher sah sie zu Narcissa, die nun, da sie nicht mehr gemeinsam vor dem Spiegel standen, beneidenswert schnell ihre Fassung wiedergefunden hatte. „Glaub mir, Liebling, du brauchst die Bewegungsfreiheit bei unserem Tanz."
„Der da wäre?"
Narcissa stemmte lasziv lächelnd beide Hände in die Hüften und schob eines ihrer langen Beine durch den Schlitz in ihrem Kleid nach vorne. Den Blick, mit dem sie die jüngere Hexe bedachte, konnte man nur als lüstern bezeichnen: „Wir beide, mein Liebling, tanzen den Tanz des Feuers und der Leidenschaft. Wir tanzen den Tango."
Hermine schluckte und lachte sarkastisch auf: „Also machen wir auf der Tanzfläche im Prinzip da weiter, wo wir eben aufgehört haben?"
Narcissa grinste nur, nahm sie bei der Hand und zog sie hinter sich durch die Tür und direkt auf die Tanzfläche.
Hermines Kleid mit Narcissa: .ar/en/collections/stage/products/vestido-tango-escenario-sh1395-bis
