12. Kapitel – Jahreswechsel

26.12.1997

Der Pub, in dem Millicent aus dem Kamin trat, war beinahe leer. Nur am Fenster saß eine Gruppe von fünf Leuten vor Biergläsern und sang. Die hatten offensichtlich Spaß und waren mit sich selbst beschäftigt. Die Hexe hinter dem Tresen nickte ihr zu, dann zapfte sie das nächste Guinness. Ilex und Feenlichter schmückten die Wände, die ansonsten mit alten Gartenutensilien und Stichen exotischer Pflanzen dekoriert waren. Regen peitschte gegen die Fenster.

Eine winkende Hand lenkte ihre Aufmerksamkeit auf zwei Zauberer, die ein Stück abseits vor dampfenden Tassen saßen. Millicent sah genauer hin und erkannte Ernie und Seamus. Sie ging zu den beiden hinüber.

„Hallo ihr zwei. Frohe Weihnachten."

„Dir auch", grüßte Ernie zurück. „Setz dich, wir haben dir auch einen Tee bestellt." Er schob ihr eine Tasse hin, und Millicent folgte der Aufforderung.

„Wo genau müssen wir eigentlich hin?", fragte sie.

„Es ist ganz in der Nähe, wir können hinlaufen. Sagt wenigstens die Karte."

Sie tranken aus und machten sich auf den Weg durch den allmählich nachlassenden Regen. Der Pub, „The Greenhouse", lag an einer wenig befahrenen Straße mit etwas in die Jahre gekommenen dreistöckigen Häusern. Der folgten sie ein ganzes Stück und bogen dann nach rechts ab. Auch hier hatten die Gebäude schon bessere Zeiten gesehen und einige schienen leer zu stehen. Nach dem vierten Haus erstreckte sich auf der linken Seite eine beschmierte Mauer, hinter der große Backsteingebäude zu sehen waren. Die Fenster waren zerschlagen, Dächer beschädigt. Es sah nach einer lange schon stillgelegten Fabrik oder Lagerhäusern aus. Ernie führte sie vor ein eisernes Tor. Er zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, suchte den richtigen Schlüssel und drehte ihn mit etwas Mühe im Schloß. Mit einem rostigen Quietschen ließen sich die Flügel öffnen.

Kaum hatte Millicent direkt hinter Ernie das Tor passiert, stockte ihr der Atem. Seamus stieß einen Pfiff aus. Vor ihnen lag ein imposantes Gebäude im Dämmerschlaf. Es war aus Backsteinen errichtet, die meisten davon hellgelb. Dunklere Steine waren so verbaut, daß sie komplexe Muster bildeten. Die Tür war mit astronomischen Motiven bemalt und mit Glassteinen besetzt, die Sterne repräsentierten. Das Erdgeschoß hatte riesige Fenster, deren Ränder mit Buntglas gestaltet waren. Auch hier dominierten Sterne und Spiralen. Die beiden Stockwerke darüber hatten Rundbogenfenster, deren Oberlichter ebenfalls farbig waren. Durch das Glas konnte sie im Erdgeschoß etwas erkennen, das nach abgedeckten Möbeln aussah. War das das Restaurant gewesen? Die Hexe warf einen Blick über die Schulter: Statt der Mauer sah sie von hier einen eleganten schmiedeeisernen Zaun. Dahinter lag die graue Straße.

Ernie wählte den nächsten Schlüssel aus und öffnete die Eingangstür. Silbrige Teppiche auf nachtblauen Fliesen empfingen sie, und mit Malereien und Mosaiken verzierte Wände. Glastüren mit Sternenmotiven führten nach beiden Seiten fort, was Millicent in ihrer Überlegung, daß mindestens einer dieser Räume dem Essen gewidmet war, bestärkte. Gegenüber schwang sich eine Treppe nach oben. Darunter gebettet war der Empfangstresen.

„Ah, die Zimmerschlüssel sind alle noch da!" Ernie war direkt dorthin gegangen und inspizierte Gästebuch und Schlüsselwand. Eine unauffällige Tür entpuppte sich als Zugang zu einem Lagerraum, wohl für Gepäck.

Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie damit, das Haus zu erkunden. Beinahe jede Tür und jede Kurve barg neue Wunder. Es gab einen Innenhof mit einem stillgelegten Springbrunnen, wild wuchernden Beeten und genug Platz, um Tische und Stühle aufzustellen. Diesem Hof zugewandt liefen Balkone um das gesamte Haus. Niedrige Gitter trennten die Bereiche der einzelnen Zimmer voneinander. Ein Dach schützte die obere Etage vor Regen. Zum Hof hin gab es nur Gästezimmer, genug, um die ganze Gruppe unterzubringen, während sich nach außen auch Büros und Wirtschaftsräume fanden. Überhaupt, die Zimmer: Für Hotelzimmer waren sie alle recht groß und mit Bett, Kleiderschrank und einem zierlichen Schreibtisch möbliert. Die schönen Räume mit Balkon hatten allesamt den Luxus eines eigenen kleinen Bades. Seamus stellte fest, daß es sogar elektrisches Licht gab. Es funktionierte noch immer, nach all den Jahren.

„Seid ihr damit auch zufrieden, oder müssen wir im Keller was umgestalten?", stichelte er gegen Millicent.

„Laß mal, bei uns hat auch keiner eine Sonnenallergie", winkte sie ab. Allerdings mit einem Lächeln.

„Was da unten wohl ist?", fragte Ernie.

„Bestimmt Heizung und sowas", sagte Seamus. „Muggel bauen sowas meistens in den Keller, wenn sie einen haben. Und das Hotel hat offensichtlich Muggeltechnik."

Ein Kontrollgang bestätigte das. Außerdem fanden sie zwei Küchen und spekulierten sogleich, ob es sinnvoll sei, eine davon zum Labor umzugestalten. Das Dach wartete mit einer weiteren Überraschung auf: Ein Teil davon war verglast. Das mußte einmal ein Wintergarten gewesen sein, mit einem Café. Daneben gab es tatsächlich ein kleines Observatorium.

Das Sternenmotiv fand sich im gesamten Haus. In Tür- und Fenstergestaltungen, an Wänden, auf Gardinen. Mal matt, mal funkelnd, mal verstreut, mal als erkennbares Sternbild.

„Ernie, das ist phantastisch!", kommentierte Millicent, als sie nach sich dem Rundgang wieder an der Rezeption einfanden. Und das meinte sie auch so. Das Haus hatte genug Platz für alles und eine Ausstattung, von der sie nicht zu träumen gewagt hätte. Bei ihren ursprünglichen Ideen hätten sie selbst auf fließendes Wasser verzichten müssen.

„Total cool", pflichtete Seamus bei. „Und du bist sicher, daß das keiner findet?"

„Ganz so einfach ist das nicht", sagte Ernie. „Danach wird niemand suchen, zumindest nicht ohne einen Hinweis. Aber wir brauchen natürlich trotzdem Schutzzauber. Momentan ist es im Wesentlichen gegen Verfall und Muggel geschützt."

„Dann sollten wir möglichst bald die Sicherung planen", pflichtete die Hexe bei. „Über unser Netzwerk bekommen wir bestimmt ein paar gute Zauber zusammen, und dann haben wir ja noch die Schulbibliothek." Ihr Blick wanderte über die glänzenden Schlüssel und weiter zu den Glastüren. Ihr lag noch etwas auf der Zunge.

„Wie machen wir das eigentlich mit dem Eingangstor?", fragte Seamus. „Willst du für jeden einen Schlüssel machen lassen?"

„Hmm, gute Frage..."

Und da nahm der Gedanke auf einen Schlag Gestalt an. „Wichtige Frage", sagte sie. „Wenn hier ständig Leute ein und aus gehen, fällt das auf. Wir brauchen andere Wege hinaus und hinein. Und nicht das Flohnetzwerk, das muß man schließlich anmelden."

„Und wenn wir nur um das eigentliche Haus einen Apparierschutz legen, sodaß man auf dem Weg hinter das Tor gelangen kann?", fragte Ernie.

„Klingt gut. Aber was ist, wenn jemand das gerade nicht kann, vielleicht wegen einer Verletzung oder so? Dann brauchen wir eine Hintertür."

Millicent fühlte sich so lebendig wie lange nicht mehr. Sie steckten sich gegenseitig mit Begeisterung an, warfen Ideen durch den Raum. Dieses wundervolle Haus, das Ernie da aus dem Ärmel gezaubert hatte, bot Möglichkeiten, von denen sie nicht zu träumen gewagt hätte. Hier konnten sie ein Refugium einrichten, das ihnen Schutz und Platz bot. Nun brauchten sie nur noch einen Ansatzpunkt. Ob ihnen das Glück wohl weiterhin hold wäre?


28.12.1997

Draußen begann es schon zu dämmern, es war später Nachmittag. Millicent brachte einen Teller frisch belegter Sandwiches ins Wohnzimmer. Ashley folgte ihr mit einer riesigen Schüssel Kekse. Sie und ihre Mutter hatten seit der Rückkehr aus Hogwarts gefühlt jede freie Minute in der Küche zugebracht. Ashley liebte es, zu backen. Millicent konnte damit nicht viel anfangen, genoß aber gern die Ergebnisse. Ihr Vater goß gerade mit großer Sorgfalt Tee ein, die Mutter hatte Kerzen entzündet. Eine gemütliche Insel von warmem Licht, Decken und Kissen, geschützt vor dem kalten Wind, der draußen durch die Straßen strich.

Es tat gut, ihren Vater wieder gesund und geschäftig zu sehen. Er hatte noch Probleme mit dem Gedächtnis und schleppte ständig Notizbuch und Stift mit sich herum. Aber er war wieder ihr Dad, nicht diese beinahe fremde Person, die sie im Sommer im Krankenhaus besucht hatte. Sie genoß diese Zeit mit ihrer Familie.

Millicent war gerade beim zweiten Sandwich, als es klingelte.

„Ich gehe schon", sagte ihre Mutter. „Wer das wohl ist?"

„Sei vorsichtig, Mum", bat Ashley. Ihre Stimme war hoch und aufgeregt. Der unerwartete Ton hatte ihre entspannte Haltung und ihr Lächeln augenblicklich fortgewaschen. Auch ihr Vater sah besorgt drein.

„Du erwartest also niemanden, Ashley? Millicent, kann das für dich sein?"

„Ich weiß nicht, ich bin nicht verabredet." Sie wollte es nicht zugeben, aber dieser unerwartete Besuch machte auch sie nervös.

Gedämpfte Stimmen drangen aus dem Flur. Offenbar hatte ihre Mutter den Gast hereingebeten. Da kam sie schon wieder.

„Hängen Sie den Mantel ruhig zu den anderen. Hier entlang. Millie, du hast Besuch."

Wer mochte das sein? Tracey hatte sie doch erst getroffen, und die hätte ihre Mutter nicht in so formellem Tonfall angesprochen. Im nächsten Moment fiel ihr beinahe die Kinnlade herunter, denn hinter ihrer Mum betrat Theodore den Raum und grüßte artig. Millicent sprang auf.

„Was machst du denn hier? Wie hast du das überhaupt gefunden?"

Theodore zuckte mit den Schultern. „Ich wußte nicht, wo genau du wohnst. Morpheus schon. Er hat mich vom Hippocampus hergeführt."

Na klar, die Eule. Die Eule, die etliche Briefe hierher getragen hatte.

„Möchten Sie auch einen Tee, Mr. Nott?", fragte ihre Mutter.

„Nein, danke. Ich möchte nur kurz mit Millicent reden."

Erst jetzt fiel ihr auf, wie schlecht er aussah. Definitiv nicht nach einer Woche Ferien. Seine Augen lagen in tiefen Schatten, und sie hätte jede Wette abgeschlossen, daß er über die Festtage genauso in seinem Essen gestochert hatte, wie er das in letzter Zeit in der Schule tat.

Inzwischen sprach er weiter:

„Unter vier Augen. Ich habe die Antwort auf deine Frage gefunden."

Es war als hätte sie jemand in Eiswasser geworfen. Einerseits hatte sie gehofft, von ihm einen Hinweis zu bekommen, andererseits war es gruselig. Sie schnappte nach Luft, bevor sie sprach:

„Mum, Dad, können wir kurz gehen?"

Sie konnte auf den Gesichtern ihrer Eltern sehen, daß sie schwankten. Das konnte sie ihnen nicht verübeln, war Theodore doch nicht nur ihr Klassenkamerad, sondern auch ganz nahe an den Leuten, die ihre Familie bedrohten. Da kam ihr Ashley zu Hilfe:

„Ist das wegen eurem Schulprojekt? Macht doch nicht so ein Gewese darum." Sie verdrehte sogar die Augen. Ihr Vater lächelte und nickte ihnen zu.

„Nun geht schon. Aber benehmt euch."

Mit einem Lächeln ging Millicent die Treppe hinauf und führte ihren Gast in ihr Zimmer. Sie schloß die Tür hinter ihnen beiden, bot ihm ihren Schreibtischstuhl an und setzte sich aufs Bett.

„Erzähl. Kann man tatsächlich seine Seele in einem Ei verstecken?"

„So ähnlich. Ist dir Herpo der Üble ein Begriff?"

„Der von der Schokofroschkarte? Der verrückte Grieche, der Basilisken gezüchtet hat?"

„Genau der. Urgroßtante Iolanthe hat auch Texte übersetzt, die auf ihn zurückgehen sollen. Keine Ahnung, wieviel davon von ihm ist, es sind Abschriften durch spätere Chronisten. Jedenfalls waren da mehrere Zauber und Rituale beschrieben und es gab noch theoretische Erörterungen. Er scheint eine Art Artefakt entwickelt zu haben. Der Text bezeichnete es als Horkrux. Es gibt keine richtige Anleitung dazu, aber die Essenz ist, daß der Zauberwirker einen Teil seiner Seele an einen Gegenstand bindet und sich dadurch in der Welt der Lebenden verankert. Sein Leib kann noch immer getötet werden, aber er existiert als Geistwesen weiter und kann von anderen Lebewesen Besitz ergreifen."

„Oder andere Zauber benutzen, um einen neuen Körper zu erschaffen."

„Genau."

„Das klingt gruselig."

„Absolut. Wenn das tatsächlich das ist, was er getan hat, bringt es nichts, ihn umzubringen, solange dieses Ding existiert. Dann kann er immer wieder kommen. Und mal ehrlich: die eigene Seele aufteilen? Ist man dann an zwei Orten gleichzeitig? Oder verliert man ein Stück von sich? Und das Ritual muß auch heftig sein, nach den Andeutungen in dem Text."

Wenn Theodore das schon abstoßend fand, der mit Sicherheit ganz andere Sachen gelesen oder auch gesehen hatte als sie ... Da kam ihr noch ein anderer Gedanke:

„Das würde doch dazu passen, daß er seine Kreativität verloren hat."

„Naja, nicht so richtig. Ich habe Vater und Mr. Dolohov gefragt. Natürlich nicht direkt, ich habe sie nach der Persönlichkeit des Dunklen Lords gefragt und sie gebeten, von früher zu erzählen. Ich denke, er hat sich nicht plötzlich verändert, sondern allmählich über viele Jahre. Wenn es der Horkrux allein gewesen wäre, hätte das doch schneller passieren müssen? Da muß es noch andere Gründe geben."

„Hm. Ist vielleicht auch nicht so wichtig."

„Jedenfalls müssen wir das Ding finden und zerstören. Ich weiß noch nicht genau, wie man es vernichten kann, nur daß man drastische Mittel dafür braucht. Aber das finde ich heraus. Nur habe ich keinen blassen Schimmer, wo wir nach dem Horkrux selbst suchen sollen. Oder was es überhaupt ist. Es könnte alles sein."

Da fielen die nächsten Puzzleteile an die richtigen Stellen. Vor Aufregung langte sie nach seinem Arm, den er jedoch rechtzeitig wegzog. „Ich wette, Potter und seine Freunde wissen davon. Das würde dazu passen, wie sie sich bei unseren Treffen verhalten haben. Sie wissen es und wollen es nicht sagen."

Er nickte langsam. „Da hast du sicher Recht. Nur, woher? Bestimmt nicht aus der Schulbibliothek."

„Dumbledore? Der wußte mit Sicherheit viel. Und er hat versucht, Potter als Gegner seiner Lordschaft aufzubauen. Vielleicht wissen die Gryffindors ja auch, wonach wir suchen müssen."

„Und warum sind sie dann nicht draußen unterwegs, anstatt in Hogwarts zu sitzen und zu warten, bis man sie einsammelt? Irgendetwas muß ihnen fehlen, und sie hoffen, es in Hogwarts zu finden. Sonst wären sie nicht zurückgekommen."

Das war natürlich nicht von der Hand zu weisen. „Trotzdem", sagte sie. „Die wissen bestimmt mehr als wir darüber. Und jetzt, wo wir selbst darauf gekommen sind, sind sie vielleicht bereit, zu reden. Vielleicht haben wir das, was ihnen fehlt."

„Einen Versuch ist es wert." Er stand auf. „Ich sollte gehen. Vater erwartet, daß ich pünktlich wieder zu Hause bin."

„Kommst du zurecht?"

Er zuckte mit den Schultern.

Millicent stand auch auf und begleitete ihn aus dem Zimmer und durchs Haus.

„Bekommst du Ärger, wenn rauskommt, daß du bei mir warst?"

„Dann sage ich einfach, ich hätte versucht, dich zu rekrutieren." Und zum ersten Mal seit mindestens zwei Wochen sah sie das schelmische Schmunzeln in seinem Gesicht. Auch sie selbst mußte grinsen. Das hatte schon eine gewisse Ironie. Theodores Mundwinkel wanderten immer mehr in Richtung seiner Ohren.

„Moira würde platzen."

„Du kannst sie auch nicht leiden?"

„Exakt."

„Kann es sein, daß sie der Grund dafür war, daß du mich angesprochen hast?"

Er nickte, inzwischen mit einem breiten und ziemlich boshaften Grinsen. „Wofür gräßliche Cousinen doch gut sein können, nicht? Wenn sie jemals erfährt, daß sie die Wurzel unserer Freundschaft ist, wird sie sich grün ärgern."

„Das heißt, du hilfst mir nur um Moira zu ärgern? Was hat sie dir getan?"

„Keine Sorge, ich habe zwar ihretwegen angefangen, mit dir zu handeln, aber geblieben bin ich deinetwegen. Laß dir nie wieder einreden, du wärst weniger wert."

Er war auf einen Schlag wieder ernst geworden. Millicent schluckte. „Danke", brachte sie schließlich hervor.

Theodore verabschiedete sich von ihrer Familie, schnappte seinen Mantel und ging. Millicent kehrte an die Kaffeetafel zurück, mit reichlich Stoff zum Nachdenken.


So leer hatte sie das Schloß noch nie erlebt. Außer ihnen war nur noch ein Fünftklässler aus Hufflepuff geblieben, den sie im Wesentlichen zu den Mahlzeiten sahen. Selbst das Lehrerkollegium war unvollständig: Nur McGonagall und Sprout sahen sie regelmäßig. Trelawney war anwesend, blieb aber meist in ihrem Turm. Hagrid aß in seiner Hütte und kam generell selten ins Schloß. Flitwick hatte in den letzten Tagen vor den Ferien erzählt, daß er auf Familienbesuch wollte. Dankenswerterweise fehlte auch Malfoy. Die anderen waren mindestens tageweise abwesend. Snape war vermutlich da, ließ sich aber nicht blicken, was ebenfalls erfreulich war.

Der Weihnachtsschmuck, der bereits in der Vorweihnachtszeit alle erfreut hatte, war kaum weniger prächtig als in den vergangenen Jahren. Riesige, liebevoll verzierte Bäume und funkelnde Schneeflocken zierten die große Halle, und überall hingen Tannenzweige, Stechpalme und Misteln. Es duftete nach Nadeln, Orangen und Weihrauch. Dennoch kam keine rechte Behaglichkeit auf.

Hermione ging täglich am See spazieren und verbrachte ansonsten sehr viel Zeit in der Bibliothek. Ihre Recherchelisten waren in letzter Zeit ständig gewachsen. Mittlerweile war sie kurz davor, das Verzaubern von Spiegeln auszuprobieren und hatte ein breites Arsenal an Schutz- und Heimlichkeitszaubern angesammelt. Nur mit dem Horkrux-Problem kam sie nicht weiter. Blieb zu hoffen, daß Ron und Hannah erfolgreicher waren.

Der Gemeinschaftsraum war leer, als Hermione ihn betrat, das Feuer zu Glut und Asche zusammengesunken. Wie spät mochte es sein? Sie war in Büchern versunken. Es war seit einer ganzen Weile dunkel, doch die Sonne sank schon recht früh. In dieser dunklen Zeit des Jahres verlor Hermione leicht das Zeitgefühl. Nachmittags um fünf sah nicht anders aus als kurz vor Mitternacht.

„Harry?"

Er mußte längst wieder hier sein. Oder war es so spät, daß er schon schlief? Sie stellte ihre Tasche ab und stieg hinauf in den Schlafsaal der Jungen.

Die Tür war nur angelehnt, doch es fiel kein Licht heraus in das Zwielicht des Treppenaufgangs. Hermione wurde flau im Magen und ihr Herz schlug wie die Flügel eines Kolibris.

„Harry?" Sie flüsterte nur, denn etwas in ihr hielt sie davon ab, laut zu sprechen. Ein leises Geräusch drang aus dem Raum, eine Art Glucksen. Vorsichtig schob sie die Tür auf und spähte hinein. Eine einzige Kerze brannte auf einer der Fensterbänke. Sie gab viel weniger Licht als die Lampen an der Treppe, und ihr Flackern hauchte den Schatten Leben ein und machte sie zu fremdartigen Kreaturen. Etwas klirrte leise, Glas sacht an Glas gelegt. Hermione riß ihren Zauberstab aus der Tasche und lief mit langen Schritten in den Raum.

Zwischen Harrys uns Rons Bett saß etwas Dunkles, dessen Umrisse vage an Harry erinnerten. Es bewegte sich, wackelte, blieb aber am Boden.

„Harry, was ist los?"

Mit wenigen Schritten war sie bei ihm, und sie reichten aus, um lumos zu wirken, sodaß ein sanftes, warmes Licht die Schatten zurückdrängte. Harry saß vor seinem geöffneten Koffer. Tränen liefen ihm übers Gesicht. In blutbeschmierten Händen hielt er eine Spiegelscherbe.

„Oh Harry!"

Sie kniete sich neben ihn und legte einen Arm um seine Schultern. Er ließ die Scherbe fallen und fing hemmungslos an zu schluchzen.

„Es war meine Schuld. Ich hätte mit ihm sprechen können, aber ich war zu dumm, daran zu denken."

„Sie haben dich manipuliert. Und Bellatrix hat ihn durch den Schleier geschickt, nicht du." Hermione rieb seinen Oberarm und fuhr ihm durch das wirre Haar. Allmählich beruhigte er sich und sackte weiter zusammen.

„Ich vermisse ihn", flüsterte er schließlich. „Es war so schön, Familie zu haben. Ich weiß, daß ich bei den Weasleys immer willkommen bin, und ich bin froh daß ich dich und Ron und die anderen habe, aber das ist nicht dasselbe."

„Ich weiß. Ich hätte ihn gern frei und glücklich gesehen."

Harry nickte, den Kopf an ihrer Schulter. „Er hat es gehaßt, in diesem Haus eingesperrt zu sein. Wahrscheinlich war er sogar froh, endlich rauszukommen und etwas tun zu können. Trotzdem wünschte ich, er wäre noch dort. Dann wäre er wenigstens noch am Leben, und wir könnten hoffen. Und ich könnte mit ihm reden, oder wenigstens Briefe schreiben. Manchmal würde ich ihn gern um Rat fragen, oder wenigstens seine Meinung hören."

Er war immer leiser geworden und letztlich verstummt. Auch Hermione schwieg. Es gab keine Worte, die ihn hätten trösten können.

„Zeig mal deine Hände", sagte sie schließlich. Harry gehorchte, und sie sah, daß die Verletzung kleiner war, als das viele Blut vermuten ließ. Sie entfernte es mit einem Reinigungszauber und heilte den Schnitt. Dann rief sie eine ihrer Schokoladentafeln herbei.

„Was ist deine liebste Erinnerung an Sirius?", fragte sie.

„Oh, da gibt es viele. Ich fand es toll zu sehen, wie er mit Seidenschnabel umgegangen ist." Dabei stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Wehmütig zwar, aber ein Lächeln.

Sie teilten die Schokolade und tauschten bis spät in die Nacht Geschichten und Erinnerungen, bis sie sich nicht mehr wach halten konnten. Der Schlaf fand sie in ihren Schuluniformen auf Harrys Bett.


29.12.1997

Naß und zugig war es in London, und die Wenigen, die an diesem späten Vormittag die Winkelgasse besuchten, hatten sich tief in ihren Mänteln und Kapuzen vergraben. Sie huschten von einem Laden zum nächsten, um letzte Besorgungen für die Sylvesterfeier zu erledigen oder vor Ferienende Schulmaterial aufzufüllen. Zwei Besen unterm Arm schlich Ron durch den Nieselregen, auf der Suche nach einer Tür zwischen „Opulent Lenses" und „Silk and Needles", auf die er noch nie zuvor geachtet hatte. Er hatte am Morgen seine Brüder begleitet und die letzten beiden Stunden damit verbracht, ihnen nach dem chaotischen, aber sehr erfolgreichen Weihnachtsgeschäft beim Umräumen zu helfen. Die ersten Kunden kamen bereits, um Feuerwerk zu kaufen. Die beiden am Abend zuvor nach ihren Besen zu fragen, hatte zu einem für Ron ziemlich peinlichen, für die Zwillinge hingegen sehr amüsanten Gespräch geführt. Auf keinen Fall wollte er preisgeben, was genau er vorhatte, also hatte er nur erklärt, er wolle mit jemandem einen Ausflug machen. Natürlich wollten sie den Namen der Glücklichen wissen, bohrten nach und machten Andeutungen, bis Ron glaubte, sein ganzer Kopf müsse glühen wie eine Wärmelampe. Aber er hatte die Besen bekommen, sogar mit Fluchabwehrzaubern belegt.

In der kurzen Zeit, in der er mit Hermione zusammen gewesen war, hatten sie ihn nicht damit aufgezogen. Weil sie mit den Ereignissen zu beschäftigt waren? Weil alle erwartet hatten, daß sie beide zusammen enden würden? Wenn er ehrlich war, hatte er das selbst auch getan. Warum nur hatte er immer Angst gehabt, sie würde ihn bei nächstbester Gelegenheit für einen anderen fallen lassen? Ihren Ansprüchen nicht zu genügen? Dabei hatte sie nie etwas derartiges gesagt, und sie war selbst alles andere als einfach. Ron zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, die der Wind fortzublasen drohte. Es war sinnlos, über die Vergangenheit zu grübeln. Er konnte nur versuchen, sich zusammenzureißen und wieder gut mit ihr zu arbeiten, trotz der Befangenheit, die nun zwischen ihnen lag. Harry brauchte sie beide.

Er passierte das Schaufenster des Optikers und tatsächlich folgte darauf eine schmale violett lackierte Tür. Ein Messingschild darauf verkündete: „Architekturbüro Abbott – 1. Obergeschoß".

Die Tür offenbarte ein schmales, aber helles Treppenhaus. In der ersten Etage, vor einer Tür mit Messingbeschlägen und einem weiteren Schild, erwartete ihn Hannah bereits.

„Hallo Hannah. Warum wartest du draußen?"

„Hallo. Komm einfach mit."

Sie führte ihn wieder die Treppe hinunter und antwortete dabei leise:

„Dad weiß nicht, was wir vorhaben. Selbst wenn ich ihm erzählt hätte, daß wir einen Ausflug machen, würde er sich sorgen. Er denkt, ich bin bei Susan. Sie weiß bescheid. Nicht genau, aber daß wir für Harry unterwegs sind."

„Du hast deinen Dad deswegen angelogen?" Das hätte er ihr nicht zugetraut.

„Ich fühle mich furchtbar deswegen, aber sonst hätte er mich bestimmt nicht so einfach weggelassen."

Draußen hatte der Nieselregen etwas nachgelassen. Ron reichte Hannah einen der Besen.

„Müssen wir wirklich fliegen, bei dem Wetter? Mein Mantel ist warm, ich werde nicht frieren, aber es ist ganz schön windig und die Sicht ist bestimmt schlecht."

Ron sah sie scharf an. Fürchtete sie sich? Sie sah nicht so panisch aus wie Hermione, wenn die fliegen sollte, doch er war ziemlich sicher, daß sie sich schlecht fühlte.

„Können wir vielleicht apparieren?", fragte sie weiter.

„Ich weiß nicht, wo wir hin müssen. Und mitnehmen möchte ich dich nicht." Ihm wurde schon wieder heiß. „Weißt du, ich kann das nicht so gut, und ich will dich nicht splittern, und ..." Hoffentlich würde sie ihn nicht auslachen.

„Danke."

„Was?"

„Danke, daß du dich getraut hast, das zuzugeben. Es gibt genug Jungs, die es einfach riskiert hätten, um sich die Blöße nicht zu geben. Ich werde fliegen. Paß bitte auf, daß du nicht zu schnell wirst, sonst verlieren wir uns."

Jetzt glühten seine Ohren und er war doppelt froh über die Kapuze.

„Klar", brachte er hervor. Dann schossen die beiden nach oben in die graue Suppe des Londoner Himmels. Wenigstens mußten sie sich so nicht sorgen, von Muggeln gesehen zu werden. Die Wolken reichten zu hoch, um über sie hinwegzufliegen, also mußten sie hindurch. Inmitten des nassen Graus hielten sie an. Ron balancierte freihändig auf seinem Besen und packte den Deluminator aus. Kurz vor seiner Abreise aus Hogwarts hatten sie ihn mit der kostbaren Erinnerung befüllt, die Hermione und Neville aus Snapes Büro gestohlen hatten. Er ließ das Artefakt klicken und wie bei ihren Versuchen im Gemeinschaftsraum erschien ein silbernes Licht, das sich ein kleines Stück von ihnen fort bewegte. Ron faßte mit einer Hand seinen Besen und hielt mit der anderen den Deluminator fest. Er sah zu Hannah, die ihm zunickte, dann folgte er dem Licht.


Kalt war es in der Turnhalle. Trotzdem war Millicent durchgeschwitzt. Die Trainingseinheit war intensiv gewesen, vielleicht gerade weil nur wenige gekommen waren. Diese waren mit vielen neuen Eindrücken belohnt worden: Nach dem Wurftraining hatten Nicholas und Robert, die beide mehrere Kampfsportarten betrieben, einen Crashkurs in Schlag- und Trittechniken gegeben. Es war Millicent sehr recht, auch auf diesem Gebiet etwas Schliff zu bekommen. Weniger recht war ihr allerdings, daß Nick ihr häufiger Zuspruch und Rat angedeihen ließ als den anderen.

„Du hast doch heimlich trainiert in deinem Internat."

„Ein bißchen", antwortete sie und drosch weiter auf das Schlagpolster ein.

„Achte auf dein Handgelenk, halt es gerade. Sonst kannst du dich verletzen."

Sie nickte knapp und korrigierte ihre Haltung.

„Schon besser."

Voll Stolz lächelte er ihr zu, dann zog er weiter – um schon nach kurzer Zeit wieder neben ihr zu stehen. Es war irritierend. Millicent versuchte, nicht auf ihn zu achten und tauschte die Rolle mit Maggie, ihrer aktuellen Übungspartnerin. Muggel, genau wie die anderen, doch das war hier bedeutungslos. „Das könnten wir öfter machen", bemerkte sie, als sie das Polster an Millicent übergab. Diese stellte sich damit in Positur.

„Wie meinst du das?", fragte Nick und drängte sich wieder in Millicents Bewußtsein.

„Zusätzliche Techniken. Vielleicht noch ein bißchen mehr in Richtung Selbstverteidigung?"

„Vielleicht können wir ja extra was einrichten, am besten mit den anderen Gruppen zusammen. Da machen bestimmt viele mit."

„Ich dachte, hier wäre der Schwerpunkt beim Wettkampftraining?", fragte Millicent. „Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, mal über den Tellerrand zu schauen."

„Hast du etwa keine Angst?", fragte Maggie.

„Wieso?" Hatte sie schon, aber das ging die Muggel nichts an.

„Ihr lebt wirklich hinterm Mond in deiner Schule." Nick schüttelte den Kopf. „Haben dir deine Eltern nichts erzählt? Die vielen Vermißten, die steigende Mordrate? Die Leute drehen gerade durch."

Millicent bekam die Rückseite des Polsters ins Gesicht. Sie hatte den Schlag nicht abgefangen.

„Immernoch?"

„Noch mehr als im Sommer. So langsam wird es unheimlich."


31.12.1997

Sie reisten per Kamin zu den Malfoys. Es hätte ein ganz normaler Besuch sein können, doch Theodores Vater trug die inzwischen vertraute schwarze Robe und hatte auch schon die Maske aufgesetzt. Mr. Dolohov war vorausgegangen, in dieselbe Uniform gewandet. Seine Maske war anders verziert. Wer bescheid wußte, konnte die Träger identifizieren. Silberfarben waren sie beide, die Zauberer gehörten zum inneren Zirkel.

Zum ersten Mal hatte heute auch Theodore die Robe angelegt, die die getreuen des Dunklen Lords trugen. Seine Maske, bronzefarben für die unteren Ränge, würde er heute Abend erhalten. Gern hätte er sie bereits gehabt, doch noch mußte er auf seine Mimik achten. Er kämpfte gegen Übelkeit und bemühte sich, seine Hände ruhig zu halten. Zwei Tage zuvor war er bei Daphne gewesen und hatte sich Rat im Umgang mit diversen Pasten und Pudern geholt, die nun seine Augenringe und die extreme Blässe verbargen. Das ging in dieser Runde niemanden etwas an.

Es war schwer gewesen, Daphne aufzusuchen. Sie behandelte ihn nicht anders als sonst, doch er fühlte ein Unwohlsein in ihrer Gegenwart, das da nicht sein sollte. Er konnte nur hoffen, daß sich das mit der Zeit wieder geben würde.

Im Salon von Malfoy Manor hatten sich die Familien versammelt, die für heute geladen waren. Die Gastgeber selbst standen zu beiden Seiten ihres Sohnes, Lucius im vollen Ornat, Narcissa in einem schwarzen Kleid mit Spitzenkragen. Sie strahlte mehr Würde aus als die anderen beiden. Draco sah aus wie ein Geist. Vincent und Gregory wurden von ihren Vätern begleitet, die natürlich zur Versammlung geladen waren. Marcus Flint war allein gekommen: Er war der Erste seiner Familie, der aufgenommen wurde. War das sein eigener Wunsch, oder schickten die Flints ihren jüngeren Sohn, um den älteren heraus halten zu können? Ein Geräusch veranlaßte Theodore, sich umzudrehen. Da kam noch jemand aus dem Kamin. Erst als die Hexe damit fertig war, sich abzuklopfen und den Kopf hob, erkannte er Pansy. Stolz und mit einem Lächeln auf den Lippen schritt sie in den Raum, und Theodore fühlte sich, als hätte sein Herz einen Augenblick zu schlagen aufgehört. Sie zog das tatsächlich durch. Vielleicht war sie die Einzige unter den Neuen, die wirklich völlig frei hatte wählen können. Die nicht unter Zwang beitrat wie er selbst, oder begrüßte, was andere entschieden hatten, wie das vermutlich bei Vincent der Fall war. Er wandte sich ab und versuchte, seine Gedanken für das zu ordnen, was vor ihm lag.

Narcissa verabschiedete Draco und schenkte auch Theodore ein kurzes Lächeln, dann trat sie zurück. Ein Maskierter, den die Frisur als Tiberius auswies, kam zügigen Schrittes herein, durchquerte den Raum und führte die Gruppe hinaus. So weit war es also schon gekommen.

Einige vertraute Gänge weiter gingen die Death Eater durch eine Tür, von der Theodore wußte, daß sie in ein selten genutztes Eßzimmer führte. Die Anwärter waren angewiesen, draußen zu warten. Erst nach einigen Minuten öffneten sich die Türen erneut, und sie traten ein.

Der Raum war in Grün und Schwarz gehüllt und von zahlreichen Kerzen in ein einigermaßen helles, doch unruhig flackerndes Licht getaucht. Tisch und Stühle hatte man fortgeräumt. Schwarz gewandete und maskierte Gestalten säumten die Wände. Es waren deutlich mehr da als diejenigen, die die Anwärter begleitet hatten. Er erkannte seinen Vater und Dolohov. Neben den beiden stand ein weiterer guter Freund der Familie, Corban Yaxley. Dessen Sohn Ephedros, der bereits anderthalb Jahre zuvor initiiert worden war, mußte näher am Eingang stehen, bei den niedrigeren Rängen, doch Theodore kannte seine Maske nicht gut genug, um ihn zu erkennen. Die Stirnseite war leer, und ein Vorhang aus grünem Samt verhüllte die Wand und die Tür, an die Theodore sich zu erinnern glaubte.

Er ging hinter Marcus und Pansy, die anderen drei folgten ihm. Sie stellten sich fächerförmig der Mitte des Raumes auf. Theodore versuchte, sich unauffällig die Hände an der Robe abzuwischen und langsamer zu atmen. Er rief sich ins Gedächtnis, woran er denken wollte, wenn man ihn testen würde. Der Knoten in der Kehle wuchs.

Der moosig-samtene Vorhang bewegte sich und gab den Dunklen Lord frei, der gemessenen Schrittes vor seine Anhänger trat. Die Maskierten neigten die Häupter, und die Aspiranten sanken, ihren Instruktionen folgend, auf die Knie. Ein trockenes Schleifen ließ Theodore wissen, daß die riesige Schlange ihrem Meister folgte.

„Ich grüße Euch, meine Getreuen", durchdrang ein zischendes Flüstern den Raum. „Heute Nacht versammelt uns ein freudiger Anlaß. Der Abschluß eines erfolgreichen Jahres, und der Beginn eines Neuen, in dem wir wieder ein Stück weiter aus dem Schatten treten können. Mein Lob gilt allen, die an dieser Entwicklung teilhatten und haben."

In diesen eigentlich freundlichen Worten schwang dennoch eine Drohung mit, und jeder der Anwesenden mußte sich unwillkürlich fragen, ob er genug getan hatte, um von diesem Lob mit eingeschlossen zu werden.

„An der Schwelle dieses neuen Jahres ist es Zeit, jene in unseren Kreis aufzunehmen, die herangewachsen sind, um Teil unserer Gemeinschaft zu werden. Erhebt Euch und tretet vor."

Langsam kamen die Aspiranten auf die Beine und taten die vorgeschriebenen sieben Schritte in den Raum hinein, um sich erneut niederzuknien.

„Euch wird eine Ehre zuteil, die nicht alle unter euch verdienen. Diejenigen, die das betrifft, werden künftig umso mehr danach streben, sie zu Recht erhalten zu haben."

Theodore mußte nicht hinsehen um zu wissen, daß die stechenden roten Augen dabei auf Draco lagen.

„Sprecht nun Euren Schwur."

Der Dunkle Lord hob die Hand, und eine der Gestalten, die nahe bei seinem Thron standen, trat vor und sprach die Worte, die zu wiederholen den Initianden aufgetragen war. Der Stimme nach mußte es sich um Snape handeln. Theodore konzentrierte sich auf die Worte und darauf, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. Zu beiden Seiten hörte er die anderen. Gemeinsam bildeten sie einen Chor der Verdammten.

„Ich, Theodore Carisius Nott, schwöre hiermit dem Dunklen Lord und allen seinen treuen Anhängern immerwährende Loyalität. Wir teilen unser Leben, unsere Ziele und unsere Errungenschaften. Ich werde dem Kreis des Dunkels Respekt entgegenbringen und jenen gehorchen, die der Lord zu meinen Vorgesetzten bestimmt. Niemals werde ich einen Anhänger des Lords seiner Magie berauben, ihn verletzen oder töten, oder solches versuchen, es sei denn in Notwehr. Abtrünnige und Verräter, über die das Urteil gesprochen wurde, werde ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgen, um sie der gerechten Strafe zuzuführen, auch Blutsbande nicht achtend. Informationen über äußere Feinde und mögliche Verräter unter uns werde ich unverzüglich an den Inneren Kreis oder den Dunklen Lord persönlich berichten. Wenn ich dergleichen verschweige, mache ich mich der Mitwirkung schuldig.

Sollte ich diesen Eid brechen, so bitte ich um Urteil und Bestrafung, um nicht mit der Ehrlosigkeit eines Verräters leben zu müssen.

Dies schwöre ich in der Sylvesternacht des Jahres 1997. Wehe dem, der mich versucht, diesen Eid zu brechen, und wehe mir, sollte ich der Versuchung erliegen."

In der darauf folgenden Stille hörten sie deutlich die Schritte des Dunklen Lords, der sich seinen neuen Anhängern näherte. In der Reihenfolge, in der sie vor ihm knieten, würde er sie aufrufen, um ihnen das Zeichen einzubrennen, sie als sein Eigentum zu kennzeichnen. Zuerst wurde Marcus aufgerufen. Stoff raschelte, dann folgte quälendes Schweigen. Es dehnte sich einige flatternde Herzschläge lang, dann war ein Ächzen zu hören. Der Dunkle Lord rief Pansy auf, und das Geschehen wiederholte sich. Nun war Theodore an der Reihe. Dem Protokoll folgend streckte er ihm den linken Arm entgegen. Die Hand mit der er schrieb und zauberte. Er biß sich auf die Zunge. Eine eiskalte Hand ergriff die seine und er hob den Blick, sah in das unmenschliche Antlitz und die Dämonenaugen. Das war der Moment, auf den es ankam. Er dachte an die finstersten Bücher, die er gelesen hatte, ans Brauen im Verborgenen, hinter den Rücken der Lehrer.

Fremde Freude regte sich in seinem Hirn. Ein Wissenssucher wie dein Vater. Du wirst ihm ein guter Nachfolger werden. Ich kann dich Dinge lehren, von denen du noch nicht einmal geträumt hast.

Die Präsenz zog sich zurück. Knochenweiße Finger schoben seinen Ärmel hoch. Die Spitze eines Zauberstabs wurde auf seine Haut gesetzt. Dann breitete sich ein Brennen aus als würden die Linien, die sich bildeten, seine Haut verkohlen. Doch es blieb nicht dabei, bald war es, als stünde der ganze Arm in Flammen. Als sein Handgelenk freigegeben wurde, schmeckte er Blut. Seine Geistesgegenwart reichte gerade noch, um die Rechte auszustrecken und die Maske entgegenzunehmen. Der Dunkle Lord wanderte weiter. Es folgten ein Stöhnen von Vincent und ein Quieken von Gregory. Draco kam als Letzter an die Reihe und schaffte es, beinahe still zu bleiben. Kurz darauf durchschnitt das Zischen erneut den Raum:

„Erhebt Euch, Death Eater im Kreise der Schatten!"

Das Trinkgelage, das dem offiziellen Teil folgte, fühlte sich endlos an. Ephedros gratulierte als einer der Ersten und meinte, jetzt sei er endlich erwachsen. Theodore hatte dafür nur ein Nicken und ein falsches Lächeln übrig. Irgendwer drückte ihm ein Glas in die Hand. Er trank wenig, um nicht versehentlich Geheimnisse preiszugeben und verschüttete viel, vor Müdigkeit und Anspannung. Außerdem benutzte er die falsche Hand, den linken Arm wollte er gerade möglichst wenig bewegen. Es war eine Erlösung, als sein Vater sich schließlich entschuldigte und ihn anwies, mitzukommen.


1.1.1998

Ein letztes Mal strich Morag über die kurzen Ärmel ihres fliederfarbenen Kleides. Silberne Blumenstickerei schmückte Ausschnitt und Säume. Wenn sie schon auf den Neujahrsball der Malfoys gehen sollte, wollte sie wenigstens das Thema brechen. Außerdem mochte sie die Farbe. Wenn sie ehrlich war, ärgerte sie nur die Gesellschaft, nicht der Ball an sich. An den Kleidern und Roben, die die Gäste vorführen würden, könnte sie sich sicher erfreuen. Sie legte noch das ebenfalls fliederfarbene Samthalsband an, das heute das Wappentier der Familie tragen würde: den Sturmtaucher. Sie wollte ihn lieber als Kette tragen, statt eines funkelnden Colliers, das sie ohnehin nicht besaß, als die Nadel irgendwo ans Kleid zu stecken. Der Vogel zierte auch den Ring, den sie seit dem Sommer trug.

Es klopfte.

„Ja?"

„Ich bin es, ich hab noch was für dich." Ihre Mutter.

„Komm rein."

Die Tür öffnete sich und Morag drehte sich um.

„Kind, du siehst hinreißend aus."

„Du auch." Ihre Mutter hatte sich für das Purpur des Heidekrauts entschieden. Beide tauschten ein Lächeln, dann holte die ältere silberne Spangen und Haarklemmen aus einer Tasche ihres Kleides. Sie trugen winzige Blüten.

„Das paßt doch ganz hervorragend, meinst du nicht?"

„Ja, die sind schön. Danke."

Morag ließ sich dabei helfen, den Frühling im Haar zu verteilen.

„Schade, daß du deine Haare so kurz trägst."

„Mum, das haben wir doch schon durch."

„Ich weiß, und ich kann auch verstehen daß du lieber nähst und zeichnest, anstatt dich zu frisieren. Trotzdem ist es schade."

Ein Gedanke ploppte in Morags Hirn auf, der sie grinsen ließ. „Die Schlangen, die ich mir für die Halloweenfeier gezaubert habe, waren länger."

Beide sahen einander an, dann begann ihre Mutter zu lachen, und Morag fiel mit ein.

„Die kann man auch nicht hochstecken", erwiderte ihre Mutter mit einem sanften Knuff gegen ihre Schulter. „Ich habe noch etwas. Trag die." Damit reichte sie ihr lange weiße Handschuhe.

„Ist das nicht ein bißchen viel?"

„Das ist ein Ball, Schatz. Alle werden Handschuhe tragen. Bei sowas gilt es als unzivilisiert, den Tanzpartnern Hautkontakt zuzumuten. Und meine Großmutter sagte noch, ‚berühre niemanden, dem du nicht vertraust'. Wenn ich bedenke, mit wem wir diesen Abend verbringen, können wir nicht vorsichtig genug sein."

Morag nickte. Sie griff nach ihrem Zauberstab, gab den Handschuhen den Farbton ihres Kleides und zog sie an.

„Und nimm deine Kamera mit", sagte ihre Mutter.

Morag jauchzte vor Freude. „Darf ich wirklich?"

„Ja, ganz offiziell. Mrs. Malfoy hat geschrieben, daß sie sich freut, wenn du schöne Bilder machst und daß sie auch gern ein paar Abzüge hätte."

Beschwingter als zuvor steckte Morag die Kamera, die sie am Weihnachtsmorgen ausgepackt hatte, in ihre Handtasche. Gemeinsam gingen Mutter und Tochter in die Eingangshalle, wo sich die Familie für die Abreise versammelte.

Ihr Vater und ihre Brüder waren schon da, allesamt herausgeputzt – allerdings nicht in Robe, sondern im Kilt. Ebenso Onkel Kilian und ihr Cousin Douglas. Tante Catrina und Sineann, ihre Cousine, trugen blaue Kleider, dunkel wie die See und hell wie der Himmel. Tatsächlich hatten sie alle Handschuhe, die Männer und Knaben kurz und aus weichem Leder, die Damen aus glänzendem Satin oder wie sie selbst aus feinem, aber griffigerem Baumwollgewebe. Auch ihre Mutter hatte auf dem Weg durch die Burg welche angezogen.

„Bevor wir gehen, hört mir zu", sagte ihr Vater. Er war ernst, ohne eine Spur der gutmütigen Fröhlichkeit, die er meistens ausstrahlte. „Wir werden den Abend mit einigen sehr gefährlichen Hexen und Zauberern verbringen. Laßt euch nicht kleinmachen, aber brecht auch selbst keinen Streit vom Zaun. Heute ist Diplomatie gefragt. Nichts anderes kann uns unsere Freiheit erhalten. Wir müssen sie glauben lassen, wir stünden auf ihrer Seite, ohne irgendetwas zu versprechen oder zu sagen, was uns bindet. Und seht niemandem in die Augen. Es heißt, manche Hexen und Zauberer könnten durch die Augen lesen, was man verborgen halten will. Das dürfen wir nicht riskieren. Sollte Er, dessen Namen wir nicht nennen, von unserer Familientradition erfahren, werden wir noch interessanter für ihn sein. Und er hätte ein Druckmittel."

„Mach dir nicht zu viele Sorgen", sagte Kilian. „Wir schaffen das schon." Dem folgten Rufe der Zustimmung. Ein feines Lächeln kehrte in Angus MacDougals Gesicht zurück.

„Gehen wir."


1.1.1998

Dem Anlaß gemäß reisten sie diesmal nicht durch den Kamin an, sondern apparierten vor die Tore zum Park, der Malfoy Manor umgab. Theodore hatte sich den ganzen Tag geweigert, mehr als unbedingt nötig zu sprechen und die meiste Zeit in seinem Zimmer verbracht, vergraben in Büchern, die er während der letzten Tage zusammengesucht hatte. Seine Notizen waren ein Graus, doch er konnte den linken Arm nicht richtig auflegen und schrieb deshalb mit Rechts.

Inzwischen hatte er es geschafft, den Schmerz mit einer Wundsalbe und einem in der letzten Schulwoche gebrauten Trank aus dem Rezeptbuch seiner Mutter zu einem dumpfen Pochen zu verringern. Genug, um einigermaßen normal zu funktionieren.

Das Tor war mit großen leuchtenden Schneeflocken geschmückt. Mr. Dolohov, Theodore weigerte sich noch immer, ihn beim Vornamen zu nennen, berührte eine davon mit seiner Einladungskarte und die Flügel schwangen lautlos auf. Lichter führten sie den Weg entlang, an dessen Ende das Haus erstrahlte. Theodore mußte sich bremsen, um seinem Vater nicht vorauszueilen. Der ging stolz und aufrecht, war aber mit dem Stock recht langsam unterwegs.

Offenbar hatten die Malfoys für den Abend Personal engagiert, denn an der Tür empfing sie ein junger Zauberer in einer weißen und eisblauen Uniform. Ein weiterer und eine Hexe nahmen ihnen im Foyer die Mäntel ab. Hier war bereits gedämpfte Musik zu hören.

Am Eingang zum Ballsaal wurden sie von den Hausherren begrüßt. Narcissa ging in ihrer Rolle als Gastgeberin auf, Lucius und Draco waren an ihrer Seite, agierten aber deutlich zurückhaltender. Tiberius war interessanterweise nicht zu sehen. Es war seltsam, seine Tante mit einem Handkuß zu begrüßen, doch der formelle Anlaß verlangte danach.

Der Saal selbst setzte das Winterthema fort. Die Scheiben der Fensterfront zum Garten und die Spiegel gegenüber waren mit Eisblumen verziert. Von der Decke rieselten Schneeflocken, die verschwanden, kurz bevor sie den Boden erreichten. Eiszapfen hingen von den Kronleuchtern und glitzerten mit dem Bleiglas um die Wette.

Gern hätte sich Theodore still an den Rand gesetzt, der Musik gelauscht und die Lichter betrachtet. Stattdessen machten sie die Runde und begrüßten die bereits anwesenden Gäste. Die Flints waren schon da, diesmal beide Eltern und beide Söhne. Der ältere, Julius, wurde von seiner Verlobten begleitet. Die Lestranges waren da, obwohl sie keine Kinder im heiratsfähigen Alter in der Familie hatten und nicht den Eindruck machten, als suchten sie soziale Kontakte jenseits der Death Eater. Vermutlich hatte sich Narcissa verpflichtet gefühlt, ihre Schwester samt Anhang einzuladen. Diese trug mit einem ärmellosen Kleid und schwarzen Spitzenhandschuhen, die mit den Handgelenken abschlossen, ihr Dunkles Mal offen zur Schau. Manche Gäste, darunter die künftige Mrs. Flint, warfen ihr verstohlene Blicke zu, doch keiner wagte, etwas zu sagen. Die drei Lestranges spekulierten, ob wohl auch Muggel zum Spielen geboten würden oder ob die Malfoys dafür zu feige wären. Theodore lief es eiskalt den Rücken herunter: Das war, wie Dolohov beiläufig erwähnt hatte, am vorigen Abend Teil des Programms gewesen. Theodore hatte nur deshalb nichts davon zu sehen bekommen, weil sein Vater und er rechtzeitig nach Hause gegangen waren. Hätte man ihn anderenfalls aufgefordert, mitzutun?

Noch unangenehmer als die drei und Dolohov über experimentelle Flüche diskutieren zu hören war nur das Eintreffen der Yaxleys. Ephedros, der ihn als Bruder begrüßte, die Eltern, die ihn lobten und mit Stolz betrachteten und Convallaria, die angestrengt versuchte, sich mit ihm zu unterhalten und dabei blinzelte als hätte sie etwas im Auge. Theodore lächelte und dachte an Wollgras, quakende Frösche und Wind, der über die Hügel strich.

Es war eine Erleichterung, als das Händeschütteln endlich durch war und sie einen Platz nahe der Fensterfront gefunden hatten. Dolohov hatte sich andere Gesprächspartner gesucht und Theodore wurde zu seiner Freude wieder ignoriert. Allerdings währte diese Gnade nur kurz, bis Tiberius Malfoy aus dem Garten hereinkam, sich im Saal umsah und dann zu ihnen kam.

„Ah, Carisius, Theodore. Meine Glückwünsche noch einmal."

Theodore bemühte sich um ein halbes Lächeln und ein höfliches Nicken.

„Bin ich froh, daß ich endlich die Schlammblüter nicht mehr unterrichten muß", fuhr Tiberius fort. „Wird Zeit, daß wir aufhören, uns einer vermeintlich dünnhäutigen Öffentlichkeit anzubiedern. Wie findest du meinen Unterricht?"

„Wir lernen viel", versuchte er sich an einer unverbindlichen Antwort. Das schien zu genügen, denn die beiden Männer begannen angeregt zu diskutieren, welche Flüche Teil des Unterrichtsstoffs sein sollten, welche verzichtbar waren und was nur Ausgewählte lernen sollten.

Theodore beobachtete die anderen Gäste, die in kleinen Grüppchen herumstanden. Viele hatten Gläser in den Händen, manche bedienten sich bereits an den Häppchen. Eltern machten die Runde, um ihre Kinder vorzustellen. Man frischte Bekanntschaften auf oder unterhielt sich mit Freunden oder entfernten Familienmitgliedern. Die meisten hier kannte Theodore wenigstens vom Sehen.

Die nächsten Gäste trafen ein. Eine Dame in einer waldgrünen, mit funkelnden Steinen besetzten Festrobe, deren Haar ergraute, doch noch immer als dunkelrot zu erkennen war. Theodore hatte Callida Roy zuvor nur einmal gesehen, doch diese Erscheinung vergaß man nicht so leicht. Sie hatte eine herrschaftliche Aura, die durchaus mit Narcissa zu ihren besten Zeiten konkurrieren konnte. Ihr folgten zwei Männer, die ihre Söhne sein mußten. Der ältere wurde von seiner Frau begleitet, einer Macmillan, wenn Theodore sich nicht irrte, der jüngere war noch nicht fest vergeben. Ob er sich wohl auch bald zu Füßen des Dunklen Lords wiederfinden würde?

„Sieh an, sie kommen tatsächlich", ließ sich Tiberius vernehmen. Auch er hatte die Neuankömmlinge bemerkt.

„Hast du die Suche nach Erin inzwischen aufgegeben?", fragte Carisius.

„Nein, ich habe Informanden, die für mich die Augen offen halten. Auch wenn mir nicht klar ist, warum."

„Weil der Lord sie finden will. Genügt dir das nicht?"

„Schon. Ich verstehe bloß nicht, warum sie so wichtig sein soll. Sie war durchaus begabt, aber es gab Informationen, die ihre Abstammung in Zweifel zogen."

„Als ob es nie zuvor uneheliche Kinder gegeben hätte…"

„Ihr Vater soll ein wertloses Halbblut gewesen sein. Was soll sie an sich haben, das diesen Aufwand rechtfertigt?"

„Die Wirklichkeit ist komplizierter als du glaubst, Junge."

„Was hast du getrunken? Verteidigst du etwa diese unreine Brut, die wir von den Unseren zu trennen versuchen?"

„Nein, aber es hat Gründe, daß die Gabe gelegentlich in niederen Blutlinien erwacht. Gründe, die wir verstehen sollten. Deswegen habe ich angeregt, bei der Registrierung der Schlammblüter möglichst umfassende Informationen zu Abstammung und Aufenthaltsorten zu erheben."

„Ach du bist derjenige, der es darauf angelegt hat, unsere Bürokratie lahmzulegen!"

„Das bekommen die schon hin, sie müssen sich nur einarbeiten. Deine Aufgabe ist es, unsere nächste Generation zu hegen und zur Größe zu führen. Oder bist du damit überfordert, daß du nach den Aufgaben im Ministerium schielst?"

Lachend winkte Malfoy ab. „Zum Bürokraten bin ich nicht geboren. Das müßtest du doch eigentlich gut nachvollziehen können."

„Durchaus. Es ist gut, zuverlässige Leute zu haben, die sich um diese lästigen Dinge kümmern."

In der Zwischenzeit waren weitere Gäste eingetroffen. Der reinblütige Zweig der Bulstrodes wie ein Geschwader Schlachtschiffe, die Zabinis, kurz danach die Goyles. Gregory schien sich ausgesprochen unwohl zu fühlen. Als kurz darauf eine größere Gruppe hereinkam, in der die Männer allesamt zugunsten von Kilts auf die klassischen Roben verzichtet hatten, erhob sich Getuschel im Saal. Unter den Hexen des Clans erkannte Theodore Morag. Das also waren die MacDougals. Stolz oder rebellisch? Darüber würde jede Familie ihr eigenes Urteil fällen. Wieviele in den jeweiligen Lagern landen würden, konnte Theodore nicht einschätzen.

Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, beschloß er, sich abzuseilen.

„Vater."

„Ja?"

„Ich würde gern zu Blaise gehen."

„Tu das. Pflege deine Kontakte. Wenn ich dich brauche, lasse ich dich holen."


Malfoy Manor war mit Anstand das protzigste Haus, das Morag bisher gesehen hatte. Schon der Weg vom Tor zum Ballsaal war genug, um sich dessen absolut sicher zu sein. Es war nicht nur das weitläufige Gebäude – die Burg, in der sie lebte, war etwas größer. Doch diese bestand zum größten Teil aus wenig gepflegten bis halbverfallenen Wirtschaftsgebäuden. Das Haupthaus, in dem die Familie wohnte, war deutlich kleiner als Malfoy Manor. Und rustikaler. In diesem Landsitz war jede mögliche Fläche mit Stuck, kostbarer Seidentapete, Porzellan und Goldfarbe bedeckt. Manches davon war tatsächlich schön, doch in erster Linie sprach alles, was sie bisher gesehen hatte, von Geld, das zur Schau getragen wurde.

Mrs. Malfoy hatte viel Gespür und magisches Geschick in die winterliche Gestaltung gesteckt – oder jemanden engagiert. Trotz des betonten Aufwands konnten Lichter, Schnee und Eis Morag ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Sie war sich des Kontrasts bewußt, den sie und die anderen MacDougal-Hexen mit ihren Frühlings- und Sommerfarben dazu bildeten. Eine kleine Rebellion, aber keine Disharmonie.

Ihre Mutter hatte Recht gehabt: Hier trugen tatsächlich alle Handschuhe. Manche reichten nur bis zum Handgelenk, andere in den halben Unterarm oder hinauf bis jenseits des Ellenbogens, je nachdem, wie lang die Ärmel waren und was zum Rest der Garderobe paßte.

Die Kamera erlaubte ihr, mehr zu schauen und zu beobachten, als mit Leuten zu sprechen. Sie hatte die Gastgeber eingefangen und Eindrücke aus dem Ballsaal. Mrs. Zabini hatte sich in Pose geworfen, bevor sie davongerauscht war, um mit Mrs. Roy zu plauschen. Durch die Linse ihrer Kamera fiel ihr auf, wer gern mit wem zusammen war und welche Gespräche eher soziale Pflicht zu sein schienen. Und es war eine hervorragende Ausrede, in Kleidern und Festroben zu schwelgen, Harmonie und Kreativität zu bewundern und über den einen oder anderen Ausrutscher zu schmunzeln. Allerdings sank ihre Laune ein gutes Stück, als sie Mrs. Lestrange genauer in Augenschein nahm. Daß sie hier, mitten auf einem Ball, das Zeichen des Tyrannen offen zeigte, machte Morag auf einen Schlag wieder bewußt, in welcher Gesellschaft sie sich hier bewegte. Und daß sie vorsichtig sein mußte.

„Und, wie findest du die Auswahl?"

Morag fuhr zusammen, dann erkannte sie Theodore. Es war ungewohnt, ihn in Blau zu sehen, doch die Farbe stand ihm gut.

„Erschreck mich nicht so!"

Er grinste nur.

„Das Dekor ist toll, und und ich habe einige sehr schöne Kleider gesehen", sagte sie.

„Und die Gäste?"

„Es sind ein paar nette Leute dabei, nur sind die leider in der Unterzahl. Und mir gefallen die Hexen besser als die Zauberer."

„Generell?"

Sie nickte.

„Dann hast du ja Glück, daß du nicht das älteste Kind bist."

„Und nicht das einzige Mädchen in der Familie. Ich kann ohne schlechtes Gewissen nein sagen."

„Welch glückliche Lage."

„Interessierst du dich eher für die Zauberer?"

„Nein. Aber darüber nachzudenken, wen Vater mir vorsetzen wird, ist trotzdem nicht gerade erbaulich. Hoffentlich habe ich wenigstens bis dahin noch Zeit."

„Wofür hast du keine?"

„Ist nicht wichtig. Was hältst du davon, nachher ein paar Schitte zu tanzen? Dann können wir wenigstens sagen, wir hätten uns bemüht."

Morag lachte, doch sie stimmte zu. „Keine schlechte Idee. Und ich tanze lieber mit dir als mit Vincent oder Gregory. Oder dem dort hinten, der sieht nicht so aus, als hätte er Humor, den ich teile."

„Der Blonde in Schwarz und Eisblau, der gerade mit Professor Malfoy spricht?"

Sie nickte.

„Das ist Ephedros Yaxley. Ja, der ist bestimmt zu konservativ für dich."

„Du kennst hier alle, oder?"

„Nein, aber viele. Du nicht?"

„Einige, aber hier sind eine Menge Gäste unterwegs, die ich noch nicht getroffen habe, auch wenn ich ihre Namen bestimmt kenne." Sie zögerte, sprach dann aber doch weiter, mit gesenkter Stimme. „Ein paar kenne ich aus der Zeitung."

An einem Stehtisch nur zehn Yard entfernt hielten sich Dolohov und einer der Lestrange-Brüder an Weingläsern fest und unterhielten sich angeregt. Es war surreal. Vor zwei Jahren waren sie noch in Askaban gewesen. Keine allzu lange Zeit, doch es fühlte sich an wie ein anderes Leben.

Theodore war ihrem Blick gefolgt. „Keine Sorge. Das ist Mrs. Malfoys Fest. Sie werden sich einigermaßen zivilisiert benehmen."

Was auch immer einigermaßen in diesem Zusammenhang hieß.

Weitere Gäste kamen in den Saal. Das mußten so langsam die letzten sein. Die Gewänder waren mit Pflanzen- und Blumenmotiven bestickt und Edelsteine funkelten an Händen und Hälsen. Das waren sicher die Parkinsons, wohlhabend durch Mineralien und edle Blumen, wenn auch nicht so reich wie die Malfoys. Diese Vermutung wurde bestätigt, als sie einen Blick auf das Gesicht des Mädchens erhaschte, das den Eltern folgte. Ihr Kleid war eine dramatische Kreation in Schwarz und Violett, die ihre Formen betonte. Zarte Spitze lag auf den Schultern. Die Arme waren frei bis zu den Handschuhen, die ebenfalls aus Spitze gefertigt waren und mit den Handgelenken abschlossen. Morags Blick folgte den Linien, glitt über Stoff und Haut, und plötzlich stockte ihr der Atem: Auf dem linken Arm zeichneten sich, umgeben von roter, geschwollener Haut, in schwarzen Linien der Schädel und die Schlange ab, die die magische Gesellschaft wieder fürchten gelernt hatte. Es mußte noch frisch sein.

Sie sah wieder zu Theodore und stellte fest, daß der sie interessiert beobachtete. Für Pansy hatte er höchstens einen kurzen Blick übriggehabt.

„Du hast es gewußt?"

Er nickte.

Wie nahe sie sich wohl standen? Bestimmt kannten sie einander seit Kindertagen. Wie mochte es sein, zu sehen, wie sich Freunde in die Richtung bewegten, die man selbst zu meiden suchte? Morag hoffte, daß sie es nicht würde herausfinden müssen.

„Sehen wir uns nachher?", fragte er.

„Klar."

Er zeigte ihr ein flüchtiges Lächeln und neigte den Kopf. Dann wandte er sich ab und bewegte sich in Richtung der Roys, deren Matriarchin mit Mrs. Zabini plauderte. Deren Sohn, ihr Klassenkamerad, stand daneben und sah zunehmend gelangweilt aus. Theodore würde wohl versuchen, ihn zu „retten", immerhin schienen die beiden Freunde zu sein.

Morag hob ihre Kamera und machte sich auf die Suche nach dem nächsten Motiv.


Als Blaise Daphnes kleine Schwester an deren Cousin übergab, war Theodore mit zwei Gläsern Nordlichtpunsch zur Stelle. „Schön, dich zu sehen", grüßte er den Freund.

„Danke, wie aufmerksam." Blaise nahm das Glas entgegen. „Wie gefällt dir der Viehmarkt bisher? Ich finde den Ball gelungen, nur die Gästeliste hätte bei mir ein kleines bißchen anders ausgesehen."

Theodore verschluckte sich an seinem Punsch, bekam aber rasch wieder Luft.

„Es geht. Immerhin sind auch ein paar Leute hier, mit denen man sich unterhalten kann."

„Du meinst MacDougal?"

„Unter anderem. Unsere Gastgeberin scheint sich auch für die Familie zu interessieren." Narcissa stand bei den schottischen Hexen und gab offensichtlich ihr Bestes, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und das ohne Draco dabei zu haben und vorzustellen. Gut möglich, daß gerade mehr ablief als das Offensichtliche. Versuchte sie, zu rekrutieren? Um nützlich auszusehen und den Stand der Familie zu verbessern? Oder suchte sie Verbündete für eine Intrige?

„Glaubst du, er verkauft dich heute zum zweiten Mal?"

Blaises Frage riß ihn aus seinen Überlegungen. Er folgte dem Blick des Freundes zu einem der riesigen Wandspiegel, vor dem sein Vater stand, umgeben von einer Gruppe Hexen.

„Nein. Er war fast fünfzig, als er geheiratet hat. Da hat er nicht das Recht, mich jetzt dazu zu zwingen."

Die eigentliche Frage ließ er unbeantwortet, doch er war sicher, daß Blaise die Antwort ahnte.

Glas klirrte. Theodore wandte den Kopf und sah zehn Meter weiter einen Hauselfen, der sich vor den Lestranges und den Goyles auf den Boden warf. Ringsum waren Scherben und bunte Pfützen verteilt. Ein silbernes Tablett drehte sich auf dem Parkett.

„Du wagst es, mir so etwas anzubieten, du widerliche Kreatur?" Bellatrix' Stimme erfüllte mühelos den Saal. Spätestens jetzt hatte sie die Aufmerksamkeit wirklich aller Gäste. Ihre eigene jedoch war ganz auf das zitternde Wesen zu ihren Füßen gerichtet. „An den Sonnentod gehört eine Zitronenscheibe und Orangenblüten! Gibt es hier kein vernünftiges Personal mehr?"

Das Wimmern war kaum zu erahnen in der kurzen Atempause vor dem ersten Fluch. Die Musiker spielten tapfer weiter, doch schon Augenblicke später wurden sie von einem hohen Kreischen übertönt. Der Elf wand sich auf dem Boden und verschmierte etwas Blut darauf.

Theodore setzte so rasch wie möglich einen neutralen Gesichtsausdruck auf. Sein Puls raste. Er ließ den Blick über die Gäste wandern. Die Lestranges hatten offensichtlich Spaß. Mr. Goyle sah interessiert zu, seine Frau hingegen schaute säuerlich drein, als hätte jemand auf einem Bankett Essen vom Vortag serviert oder sei in dreckiger Arbeitskleidung zum Ball erschienen. Gregory stand mit weit aufgerissenen Augen da und rührte sich keinen Millimeter.

Er sah einige, darunter Daphne, die sich abwandten und angestrengt versuchten, eine Unterhaltung zu führen und andere, in die Bewegung kam: Mrs. Roy Verließ ihren Platz, möglicherweise auf der Suche nach der Gastgeberin. Als Nächstes blieb sein Blick an Pansy hängen, und die Faszination, mit der sie zusah, ließ ihn frösteln. Wenige Augenblicke später hatte er Vincent entdeckt, der mit augenscheinlicher Zufriedenheit das Schauspiel genoß. In dem Moment wurde das Kreischen wieder zum Wimmern. Dafür kam von der Hexe ein ungläubiges „Was?"

Theodore wandte sich wieder der Szene zu. Einer der MacDougal-Zauberer, – Morags Vater? – war an sie herangetreten. Theodore spitzte die Ohren, um die Worte zu verstehen, denn der Schotte sprach ruhig und etwas leiser als Gesprächslautstärke.

„Es ist Aufgabe der Gastgeber, ihr Personal anzuweisen und zu korrigieren. Und ich vermute, daß sie etwas mehr Diskretion bevorzugen würden."

„Du willst mir Etikette beibringen, du Gebirgsbarbar?"

Doch da legte Narcissa den Arm um die Schultern ihrer Schwester und drückte ihr ein Glas in die Hand.

„Hier, Schwesterherz. Ich habe deine Beschwerde schon weitergegeben. Gehen wir ein Stück spazieren?"

Bellatrix schaute mißtrauisch auf ihr Getränk, nippte daran und lächelte. Sie nickte. Währenddessen sprach Narcissa weiter:

„Bitte verzeihen Sie ihr den Ausbruch, Mr. MacDougal. Ich schätze Sie sehr und bin froh, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind." Die Antwort war ein Höflichkeitslächeln und eine angedeutete Verbeugung. An den Elfen gewandt sagte die Hausherrin: „Nops, hilf den Rest des Abends in der Küche. Schick jemand anderes zum Servieren. Und mach vorher hier sauber."

Dann hakte sie sich bei ihrer Schwester ein und führte sie zu den Terrassentüren.

Murmelnd wurden Gespräche wieder aufgenommen. Darüber erhob sich ein herzhaftes Lachen, das nach Mr. Dolohov klang. Ein Blick in die entsprechende Richtung bestätigte diese Einschätzung. Es lag eine Spannung über dem Saal, die zuvor nicht dagewesen war.


Rasch verkleinerte Morag ihre Kamera, um sie wieder in der Tasche verschwinden zu lassen. Das Blut rauschte in ihren Ohren und ihr Gehirn hatte noch nicht ganz aufgeholt. Sie hatte Fotos von Mrs. Lestranges Mißhandlung des Elfen und von der Auseinandersetzung mit ihrem Vater geschossen. Bilder, die sie nicht aus der Hand geben würde, zumindest nicht in nächster Zeit. Nur ganz langsam wuchs ein Gefühl der Erleichterung, das jedoch die Anspannung nicht verdrängen konnte. Sie beschloß, sich ein Getränk zu holen, und ging zu der langen Buffettafel, die eine Seite des Raumes einnahm, komplett mit Eisskulpturen, blauen Kerzenflammen, Meerestieren auf diamantförmigen Eiswürfeln, mit Schneeflocken dekorierten Petitfours und Cupcakes. Es gab Wein, erlesenen Tee, Bowle und exotische Fruchtsäfte, selbst das Wasser stammte mit Sicherheit aus irgendeiner weit entfernten Quelle. Ein Regal aus Eis beherbergte eine Reihe bunter Phiolen mit Tropfpipetten. Die Etiketten versprachen Heiterkeit, Munterbleiben, frischen Atem, Leichtfüßigkeit – was man sich eben auf einem Ball wünschen mochte. Enthielten sie tatsächlich das, was darauf stand? Mit einem Schlag mißtraute sie auch allem anderen, was dort stand, selbst der unschuldig glitzernden Wasserkaraffe. Sie zog an der Tafel vorüber und beobachtete lieber weiter die Gäste. Erst nachdem Pansy sich etwas zu Trinken geholt hatte, wagte sie selbst, sich etwas zu nehmen. Um keinen Preis hätte sie einem der Elfen, die unauffällig an den Ecken standen, einen Sonderwunsch zugeflüstert.

Pansy war sehr aktiv. Sie trieb zwischen den dunklen Familien umher, tanzte mit beinahe jedem jungen Zauberer, der sie darum bat und wurde es nicht müde mit großen Gesten ihren verletzten Arm zu präsentieren. Sie mußte mächtig stolz darauf sein und wollte, daß es alle wußten. Wie auf der Halloweenfeier suchte sie Dracos Nähe und er wich ihr aus. Allerdings hatte sie hier auch die Möglichkeit, seine Familie zu belagern, was sie ausgiebig tat.

Morags Cousin Douglas tanzte gerade mit einer recht ausladenden Hexe mit hoch aufgetürmtem schwarzem Haar, die entfernt an Millicent erinnerte, allerdings deutlich femininer aussah. Er machte keinen besonders glücklichen Eindruck. Ohne ihre politischen Ansichten wären die Bulstrodes sicher keine schlechte Wahl. Sie waren erfolgreiche Lebensmittelgroßhändler. Und diese Hexe hatte etwas an sich, das sie attraktiv machte, wenngleich Morag nicht so recht den Finger darauf legen konnte. War es ihre Haut? Das Strahlen in ihrem Gesicht? Die geschmackvoll zusammengestellte Garderobe? Irgendwie schien sie von innen heraus zu leuchten, allerdings ohne den Umweg über die Augen direkt zum Hirn. Doch Douglas' angespannter Haltung nach zu urteilen war sie aus der Nähe nicht so charmant, wie sie sich gab.

„Hallo. Man hat uns einander noch nicht vorgestellt."

Morag fuhr herum. Die Hexe, die sie angesprochen hatte, war ein Mädchen von der Anmutung einer Puppe mit zahlreichen Schleifen am Kleid und funkelnden Schneeflocken im Haar. Sie war sehr hübsch, hatte aber auch etwas Unheimliches an sich. Dem Rat ihres Vaters folgend sah sie auf die Ohrringe und das Collier des Mädchens und mied ihre Augen. Während sie noch versuchte, sie so genau wie möglich zuzuordnen, sprach sie schon weiter:

„Ich bin Convallaria Yaxley."

„Du bist in der Sechsten, nicht?" Zumindest hing sie mit den anderen Sechstklässlern herum, sonst hätte man sie auch für Fünfte oder Vierte halten können. „Ich bin Morag MacDougal."

„Sehr erfreut. Du bist in der Siebten. Gryffindor?"

„Ravenclaw."

„Immerhin. Ich gehöre zu Salazars noblem Haus."

Morag wußte nicht, was sie darauf sagen sollte, also versuchte sie es mit einem unverbindlichen Lächeln. Tatsächlich führte Convallaria das Gespräch selbst weiter. Dabei suchte sie Morags Blick, doch diese achtete darauf, weiter auszuweichen.

„Du tanzt nicht viel."

„Ich schaue lieber."

„Soso. Darf man fragen, auf wen?"

„Alles. Mrs Malfoy hat sich viel Mühe gegeben, ebenso die meisten Gäste."

Einen Moment lang preßte das Püppchen die Lippen zusammen, dann lächelte sie wieder.

„Wie wahr, ein bunter, funkelnder Traum. Und unter all dem Glitzerstaub ringen wir darum, wieviel Selbstbestimmung und Einfluß wir einmal haben werden. Ich möchte viel davon. Du auch?"

„Selbstbestimmung, ja. Die Freiheit, mein Leben zu gestalten."

„Na also, wir haben die gleichen Ziele", sagte sie mit zuckersüßem Lächeln. „Ich finde, wir Hexen sollten zusammenhalten. Einander unterstützen, anstatt zu konkurrieren."

Morag wurde das Gespräch immer unangenehmer. Ihr war nicht ganz klar, worauf Convallaria aus war. Versuchte sie, sie auf die Seite des Dunklen Lords zu ziehen, auf der propagiert wurde, das Geheimhaltungsabkommen sei ein Mittel der Unterdrückung von Zauberern durch Muggel? Suchte sie Verbündete für eine Intrige? Versuchte sie, hinten rum zu drohen? Warum?

„Ich wüßte nicht, worum wir konkurrieren sollten", antwortete sie vorsichtig.

„Das ist die richtige Einstellung."

Damit zog sie weiter und ließ Morag verwirrt und zweifelnd zurück.


Theodore war sterbenslangweilig. Nur zu gern hätte er sich eine ruhige Ecke gesucht und sein mitgebrachtes Buch hervorgeholt, doch das war ihm leider verwehrt. Sein Vater hatte ihn wieder zu sich beordert, um weiteren Gästen die Aufwartung zu machen, die bei der ersten Runde noch nicht oder gerade erst angekommen waren. Sie waren bei den Carrows gewesen, den Avreys und den Parkinsons. Nun plauderte sein Vater mit Mrs. Bulstrode. Obwohl ein eiserner Wille (unterstützt durch den Stock) den Zauberer aufrecht hielt, konnte Theodore sehen, daß der Abend zunehmend anstrengend für ihn wurde. Hoffentlich würde er bald den Heimweg antreten.

Corvin, der jüngste der Bulstrodes, stand brav neben seinen Eltern und sah so gelangweilt aus wie Theodore sich fühlte. Dabria war unterwegs, er hatte sie wenige Minuten zuvor mit Convallaria am Buffet erspäht. Moira, die Älteste, stand bei ihrer Mutter und sah ihn finster an. Das wiederum zauberte ihm ein boshaftes Grinsen ins Gesicht. Miora schaute noch finsterer drein. Er legte den Kopf schräg und beobachtete, wie sie die Fäuste ballte. Der Blick der Hexe sprang zwischen seinem Gesicht und den Händen hin und her. Er hob die Linke vor den Körper, auf Höhe des Zwerchfells, und krümmte die Finger. Dem ließ er kleine Gesten folgen, Bewegungen der Finger und des Handgelenks, frei improvisiert. Dann senkte er die Hand wieder und zwinkerte Moira zu. Die hatte bereits angefangen, sich zu kratzen, bemüht, dies möglichst unauffällig zu tun. Theodore biß sich auf die Zunge, um nicht zu lachen. Er hatte nicht gezaubert, doch Moira nahm ihm ohne Weiteres ab, daß er in der Lage sei, sie ohne Worte und Stab zu verfluchen.

Bestens unterhalten und mit dem angenehmen Gefühl, wieder einmal etwas für seinen Ruf getan zu haben, folgte er seinem Vater weiter durch den Ballsaal.


2.1.1998

Mit Tee und Porridge machte es sich Medea an dem kleinen Tisch in ihren Räumlichkeiten bequem. Sie trug Nachthemd und Bademantel, das Haar floß noch in dunkelroten Strähnen über ihren Rücken. Draußen funkelten die letzten Sterne, behaupteten sich gegen das zarte Silbergrau der Dämmerung: Um diese Zeit würde sie wohl kaum jemand stören.

Von Nimue wußte sie, daß Voldemort eine Schlange folgte, ein riesiges Biest, desgleichen hier zuvor noch keines gesehen worden war. Sie schauderte bei der Vorstellung. Die heimischen Schlangen schienen es ebenfalls mit Skepsis zu betrachten. Das Monster suchte keinen Kontakt mit ihnen, folgte nur dem Menschen. Selbst wenn es allein war, schien es nie wirklich auf eigene Faust zu handeln. Medea war nicht sicher, ob sie die Beschreibung, die sie bekommen hatte, richtig deutete. Schlangen dachten in anderen Konzepten als Menschen und hatten andere Prioritäten. Doch ihre Vermutung war, daß Voldemort von dem Tier Besitz ergriff, durch seine Augen sah und es wahrscheinlich auch nach seinem Willen lenkte. War das bei einem Vertrauten möglich, oder brauchte es dafür weitere Zauber? Sie selbst war schon mit Nimue unterwegs gewesen. Mehr jedoch hatte sie nie versucht. Kontrolle gehörte nicht in eine vertrauensvolle Beziehung. Das galt auch für einen Familiar, egal ob magisch oder nicht.

Ihre brennendste Frage jedoch würde sie wohl durch die Schlangen nicht beantworten können: Suchte man noch nach ihr? Vielleicht konnte Tiberius ihr da weiterhelfen. Sie hatte alle Zutaten besorgt, die sie für Veritaserum brauchte, doch vielleicht war das eine Stufe zu hoch? Sollte sie etwas weniger zwingendes nehmen, dessen Wirkung dafür unauffälliger war? Würde Tiberius es überhaupt bemerken, wenn man seine Zunge löste? Dazu brauchte sie auf jeden Fall noch etwas, um sein Gedächtnis zu vernebeln, damit er auch später nicht zu genau über das Gespräch nachdächte. Und sie müßte darauf achten, daß der Schulleiter nichts mitbekäme. Bei Severus Snape bestand ein deutlich höheres Risiko, daß er an eine Trankwirkung denken würde. Medea lächelte. Die letzten Ferientage würde sie nicht nur mit Unterrichtsvorbereitung, sondern auch mit Brauen verbringen.