Setting: AU Post-War
Kommentar: Eine kleine Fingerübung zwischendurch oder so ähnlich … Ich habe schon lange mal vorgehabt, so etwas zu schreiben, habe es aber immer als Teil einer langen Geschichte gesehen, auf die zu schreiben ich nie Lust gehabt habe. Und dann machte mich jemand darauf aufmerksam, dass ich auch einfach nur die Szene schreiben könnte, die ich schreiben will, und das Drumherum einfach nicht. Also habe ich das mal getan. ^^
Die In der Geschichte erwähnte Studie und den Mann, der dahintersteht, gibt es übrigens tatsächlich. ;)
Ein Dankeschön fürs Betalesen geht mal wieder Moana Nahesa, alle verbliebenen Fehler sind meine, weil ich es einfach nicht bleiben lassen kann, hinterher noch am Text rumzudrehen. XD
Warnings: Das Ding hat ein offenes Ende und nein, es wird keine Fortsetzung geben! Fühlt euch gewarnt. ^^
36 Fragen
Um ganz ehrlich zu sein: Nachdem sie fast ein Jahr lang im Wald überlebt hatte, ins Ministerium eingedrungen und Gringotts' Kobolden auf einem Drachen entkommen war, hatte sie nicht erwartet, dass erst ein Brief und nun eine Tür sie so aus dem Konzept bringen könnten.
Aber hier stand sie. Mitten auf dem Kerkergang. Und traute sich nicht zu klopfen.
„Na, Granger, willst du deine Hochzeitspläne besprechen?"
Ugh! „Halt die Klappe, Malfoy!"
„Sonst was? Lädst du uns nicht ein?" Sein Gefolge aus Sechstklässlern lachte und johlte, selbst als sie schon ein gutes Stück weitergelaufen waren.
Ein gutes Stück – aber nicht zu weit, um Malfoy einen kleinen Fluch auf den Hals zu hetzen. Oder vielmehr auf die Füße; er stolperte und fiel der Länge nach hin.
Ha! Lacht darüber!
Taten sie aber nicht. Stattdessen halfen sie ihrem frisch gekürten Herrscher und Allmächtigen auf die Beine und es blieb allein ihr überlassen, ihren eigenen Humor zu würdigen.
Aber auch ihr blieb das Lachen im Halse stecken, als die Tür, an die sie sich nicht zu klopfen getraut hatte, aufgerissen wurde. Sie wirbelte herum – im selben Moment, in dem Snape zurückscheute. Seine Überraschung hielt allerdings nicht lange an; binnen zwei Sekunden verwandelte sie sich in nachtschwarzen Zorn. „Miss Granger …"
Oh, Mann …
„Was wollen Sie hier?"
„Mit Ihnen reden. Sir." Bevorzugt nicht hier draußen auf dem Gang.
Da das Ministerium – wortwörtlich! – beschlossen hatte, dass sie binnen zwei Wochen zu heiraten hatten, hatten sie schon für mehr als genug Gesprächsstoff in Hogwarts gesorgt.
„Wie will das Ministerium das überhaupt durchsetzen? Ich meine … es ist ein Gebäude!"
„Ich weiß es nicht, Harry. Ich weiß auch nicht, wie ein Gebäude Briefe verschicken kann oder wie es jeden aussperren kann, selbst den Minister persönlich. Ich weiß nicht, welche Magie man in dieses Gebäude verbaut hat oder warum man das für eine kluge Idee gehalten hat. Aber das Ministerium hat diese Briefe verschickt, genauso wie es Vorladungen an alle flüchtigen Todesser verschickt hat und wir wissen, was mit denen passiert ist, die dieser Vorladung nicht gefolgt sind." Man hatte sie tot aufgefunden, brutal ermordet von einer Magie, die niemand in der magischen Welt restlos zu verstehen schien. „Ich werde es nicht riskieren, mich dem hier zu widersetzen."
Was zwar Harry überzeugt hatte, aber nicht Snape. Der hatte offenbar beschlossen, dass er den Angriff von Nagini nicht überlebt hatte, um dann zu einer Ehe mit einer Schülerin gezwungen zu werden – und um auch hier ganz ehrlich zu sein: Sie konnte es ihm nicht verdenken.
Es hatte nur nichts gebracht. Dass die Hand, mit der er jetzt die Tür offenhielt, dick bandagiert war und allzu bald keinen Zauberstab mehr halten würde, war Zeugnis sowohl seiner Entschlossenheit als auch seines Scheiterns.
„Reden. Jetzt?! Reicht es nicht, dass wir morgen -" Er klappte den Mund zu, wartete, bis eine weitere Schülertraube vorbeigelaufen war. „Dass wir morgen heiraten müssen?"
Sie sah den Schülern hinterher. „Ich glaube nicht, dass wir an diesem Punkt noch vorsichtig sein müssen, vor wem wir das laut aussprechen, Professor." Es wussten sowieso alle. Das gesamte magische Großbritannien hatte diese Geschichte seit dreizehn Tagen zur neusten Soap Opera erklärt und von der Bekanntgabe bis zum letzten von Snapes fruchtlosen Versuchen heute Morgen alles minutiös im Tagespropheten festgehalten.
Rita Kimmkorn, natürlich.
„Dass alle es wissen, heißt nicht, dass ich vor allen darüber reden will. Oder mit Ihnen. Verschwinden Sie!" Er wollte die Tür wieder zuschlagen, aber Hermine stellte ihren Fuß dazwischen.
Dumme Idee.
„Autsch!"
„Miss Granger, ich warne Sie …"
„Sie können mich warnen, so viel Sie wollen, ich werde ab morgen so und anders auch Ihre … Ehefrau sein." Ugh, es laut auszusprechen, ist so schräg. „Und wenn ich bedenke, was das Schloss mit den anderen Zwangsverheirateten getan hat …" Betten waren aus den Schlafsälen verschwunden, Passwörter geändert, Zutritt verweigert.
Stattdessen gab es jetzt Ehezimmer im dritten Stock. Sie hatte jede Hoffnung darauf, morgen den Gryffindor-Gemeinschaftsraum noch einmal betreten zu können, längst aufgegeben. Ihr Koffer war gepackt, ihr Teil des Schrankes im Schlafsaal leer, das Bett sah schon jetzt aus wie unbenutzt. Das Schloss steckte offenbar mit dem Ministerium unter einer Decke und Merlin allein wusste, was das Ziel war.
„Morgen ist das Stichwort. Sollten Sie Ihren letzten Abend in Freiheit nicht mit Mr Weasley verbringen?"
Autsch.
„Ron hat beschlossen, dass es für uns beide besser ist, wenn wir einander vorerst nicht mehr sehen."
„Tatsächlich?" Drei Sekunden lang schien Snape davon so überrascht, dass er sogar die Tür einen Zentimeter weiter öffnete. „Wie unerwartet … vernünftig."
Angesichts der Tatsache, dass diese Zwangsehen Auflagen mit sich brachten und eine davon Treue war, war es wohl tatsächlich vernünftig, wenn sie auf Abstand zueinander gingen, bis diese Sache geklärt war. Bis irgendjemand wieder Zutritt zum Ministerium bekam und diese lächerlichen Ehen annulliert worden waren. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie sich betrogen fühlte. Sie hatte nicht drei Jahre lang versucht, Rons Interesse zu wecken und ihn für sich zu gewinnen, nur um nach fünf Monaten den Kontakt abzubrechen! Es war schließlich nicht so, als ob sie sich diese Ehe ausgesucht hätte. Oder plante, mit Snape verheiratet zu bleiben. Es würde … nur eine Phase sein, die sie durchstehen mussten. Und ja, sich zu sehen, wenn sie einander gerade nicht haben konnten, würde vermutlich mehr wehtun als Funkstille, aber dafür würde es sich nicht so anfühlen, als wäre Ron ein zweites Mal abgehauen, um sie mit Harry allein zu lassen.
Und mit Snape.
Der jetzt ungeduldig mit dem Fuß wippte.
„Wie auch immer", murmelte sie, „ich habe heute Abend jedenfalls nichts anderes zu tun, als darüber nachzudenken, was morgen und in den Wochen danach passieren wird und dass wir uns dann vermutlich eine Unterkunft und … ein Bett … teilen werden müssen und -"
„Hören Sie auf zu reden, Miss Granger." Seine Stimme vibrierte von etwas, das er so hart zu kontrollieren versuchte, dass er sogar seine verletzte Hand zur Faust ballte. „Um Merlins Willen, seien Sie einmal still!"
Die letzten Worte ihres Satzes zerbröckelten unter Snapes Blick wie sonst nur Nevilles Selbstbewusstsein. Dafür fand sie neue: „Was würde das bringen? Sie haben zwei Wochen lang versucht, das alles aufzuhalten, und es hat zu nichts geführt außer dem da." Sie deutete auf seine bandagierte Hand. „Denken Sie nicht, es ist allmählich an der Zeit, es vorerst zu akzeptieren? Niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis das Ministerium sich wieder öffnet. Und diese Zeit werden wir miteinander klarkommen müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Ich denke, wir sollten es mit so viel Würde und Respekt voreinander wie möglich tun."
„Würde", spottete er.
Ein Tonfall, der ihr schon jetzt Kopfschmerzen bereitete. So würde sie also in nächster Zeit ihre Abende verbringen? Entweder allein in der Bibliothek oder in Gesellschaft eines Mannes, der sie mit jedem zweiten Satz spüren lassen würde, was für eine Zumutung dieser Zustand für ihn war? Großartig … Genau das, was sie sich vorgestellt hatte.
Aber was hatte sie auch anderes erwartet? Es war immerhin Snape!
„Wissen Sie was? Vergessen Sie es einfach." Die Nase ein Stück höher tragend als sonst, wirbelte sie herum und steckte das Blatt Papier, mit dem sie diesen Abend zu verbringt gedacht hatte, tief in ihre Umhangtasche.
Sein Seufzen hörte sie zuerst.
Dann: „Warten Sie!"
„Warum? Sie haben Ihren Standpunkt überdeutlich gemacht, Sir!" Sie blieb nicht einmal stehen für diese Antwort.
„Miss Granger!"
„Was?"
Aber bevor er darauf reagieren konnte, schwebte der Blutige Baron durch die Wand. Sein Geisterglühen tauchte den Gang auf ihrer Höhe in ein blassgraues Licht, in dem Snape in seinen dunklen Roben wirkte wie ein schwarzes Loch. „Es liegt mir fern, mich in Ihre Angelegenheiten einzumischen, Professor, aber ich halte es für angemessener, wenn Sie Ihren ersten … Ehezwist woanders als im Flur austragen. Jedenfalls sofern Sie keinen Wert darauf legen, für noch mehr Gerüchte zu sorgen."
Ha!
Ihr kleiner Anflug von Selbstgefälligkeit zerschellte jedoch an der Felswand, die Snapes Gesicht war. „Sie tun wirklich besser daran, sich aus diesen … Angelegenheiten herauszuhalten, Baron."
Der Geist taxierte ihn für lange fünf Sekunden. Dann neigte er den Kopf. „Wie Sie wünschen, Professor!" Er verschwand durch die nächste Wand.
„Und Sie …" Nun, da Snapes Gesicht wieder im Halbdunkel lag, konnte sie nicht sagen, welcher Natur sein Blick war; sein Ton allerdings …
Oh-oh …
„Rein hier! Sofort!"
Falls es jemanden gegeben haben sollte, der ihren bisherigen Disput noch nicht mitbekommen hatte – das Zuknallen der Tür hörte man zweifellos noch im Gryffindorturm. Die Gläser mit all den eingelegten Zutaten, Tieren und andere Kuriositäten in den Regalen an den Wänden klirrten jedenfalls.
„Was wollen Sie von mir, Miss Granger?"
„Reden!"
„Worüber?"
„Über uns."
„Bitte?! Es gibt kein uns!"
„Das wird es aber ab morgen!"
„Das wird kein uns, sondern eine Farce! Eine Zumutung sondergleichen! Eine Frechheit, das ist es, was es wird!"
„Aber das muss es doch nicht!"
„Machen Sie sich nicht lächerlich. Ich weigere mich, in diesen Unsinn mehr Energie als unbedingt nötig zu stecken."
Unsinn? Okay, wow … „Verstehe. Warum genau haben Sie mich dann eben überhaupt aufgehalten? Offensichtlich ist es Ihnen vollkommen gleichgültig, dass Sie nicht der einzige Leidtragende dieses Unsinns sein werden!"
„Sie haben das halbe Schloss zu dieser Diskussion eingeladen!"
„Falsch! Ich habe geklopft und Sie um ein Gespräch gebeten! Sie waren derjenige, der zu stur gewesen ist, um mich hereinzulassen!"
„Ich werde Sie noch früh genug hereinlassen müssen!"
Oh, Sie … Sie … „Wissen Sie was? Mir reicht's! Ich gehe! Das führt doch sowieso zu nichts! Nicht mit einem sturen, misanthropischen, unausstehlichen Menschen wie Ihnen! Das Ministerium hätte Sie mit Madam Pince verheiraten sollen!"
„Ach ja? Nun, so wie Sie sich verhalten, waren Sie bei Weasley bereits an der richtigen Adresse!"
„Ja, das war ich!" Sie schrie inzwischen so laut, dass ihr die Stimme versagte, ein Ton, der Snape anscheinend so erschreckte, dass er den Kopf ein Stück zurückzog. „Ich war bei Ron an der absolut perfekten Adresse! Drei Jahre lang habe ich darauf gewartet, dass er das auch erkennt, nur um ihn jetzt wegen dem hier zu verlieren! Wegen einer Farce, einer Zumutung, einer Frechheit, wegen Unsinn! Und Sie versuchen nicht mal, das alles leichter zu machen!" Etwas kitzelte auf ihrer Wange. Etwas, das sie erst, als sie es wegwischte, als Tränen erkannte. „Scheiße …" Sie wandte sich um und biss die Zähne aufeinander, zwang ihre Wut zurück und suchte nach einem letzten Rest Würde.
Sie musste sich zusammenreißen. Wenn sie es zuließ, dass Snape ihr jetzt schon so zusetzte, wie sollte sie dann die nächsten Wochen und möglicherweise Monate überstehen? Sie musste sich davon distanzieren, von ihm und allem, was diese Ehe sein würde. Wenn sie zuließ, dass es persönlich wurde, dann -
„Es tut mir leid."
… Was?
Hatte er die Worte wirklich gesagt oder hatte sie sich das nur eingebildet? Vielleicht Wunschdenken, Delirium oder Halluzinationen? Langsam, wie der Mörder in jedem Blockbuster, den sie jemals gesehen hatte, nur ohne das psychopathische Lächeln, drehte sie sich um. „Wie bitte?"
Snape tat einige merkwürdige Dinge mit seinem Gesicht, so als wären ihm die Worte unter die Haut gerutscht und er gerade dabei, sie zurück in seinen Mund zu schieben. „Ich sagte, es tut mir leid."
Also keine Halluzination. Kein Delirium, kein Wunschdenken.
Oder?
„Meinen Sie das ernst?"
„Übertreiben Sie es nicht, Miss Granger."
Huh.
„Nun …" Er griff sich an die Nasenwurzel. „Worüber wollten Sie mit mir sprechen?"
Bevor sie dazu in der Lage war, ihm auf diesen neuen Weg zu folgen, den er plötzlich – und verdächtig lammfromm – eingeschlagen hatte, starrte sie ihn an, bis das Zucken seiner Augenbraue ihr eine Art mentalen Stoß versetzte. „Ähm …" Weswegen war sie hergekommen? Ach ja. „Ich habe etwas gefunden und dachte, das könnte uns vielleicht helfen um …"
„Um … was?"
Oh, Mann … Als sie die Liste mit Fragen in einem Magazin in der British Library gefunden hatte, hatte sie das für eine gute Idee gehalten. Sie würden beide ein bisschen was von sich zeigen, nichts zu Intimes, nur ein bisschen … Small Talk.
Gut, laut dem Artikel, der die Fragen begleitet hatte, war in einer Studie herausgefunden worden, dass sich auffallend viele Menschen, die einander diese Fragen offen beantwortet hatten, dabei ineinander verliebt hatten … Aber das würde ja bei ihr und Snape nicht passieren. Diese Menschen hatten sich von einem neutralen Standpunkt aus getroffen und darauf aufgebaut. Snape und sie, sie waren, was ihre bisherige Beziehung zueinander betraf, so tief im Minus, dass bestenfalls Neutralität dabei herauskommen würde.
Bestenfalls!
Aber vermutlich sollte sie ihm trotzdem nicht erzählen, woher sie diese Fragen hatte. So wie er sie ansah … So wie ihr Gespräch bisher gelaufen war …
Nein, definitiv nicht.
Vermutlich wäre es das Beste, wenn sie die ganze Sache abbrach und den Rückzug antrat. Snapes Laune war noch schlechter, als sie erwartet hatte. Diese Vene auf seiner Stirn war schon wieder angeschwollen, dick wie ein Babyfinger, und seine Lippen wurden immer blasser, so fest presste er sie zusammen. Ugh, und mit ihm sollte sie ab morgen zusammenwohnen …
„Miss Granger!"
„Ja!" Was sollte sie tun? Weitermachen? Abbrechen? Abbrechen? Weitermachen?
Hilfe …
Die sie unerwarteterweise im Klang seines scharfen Luftholens fand, der wie der Anstoß eines ersten Dominosteins war und alle Wörter, die sich hinter ihren verbissenen Zähnen aufgestaut hatten, auf einmal herauspurzeln ließ: „Umunseinbisschenkennenzulernenundfreundlichermiteinanderumzugehen."
Da war es. Sie hatte es gesagt.
Die darauf eintretende Stille war allerdings so allumfassend und so dicht, dass sie einfach die Luft anhalten musste.
Was würde er jetzt tun? Sie auslachen? Rausschmeißen? Anschreien? Einen Kopf kürzer machen?
Oh oh … Er griff sich schon wieder an die Nasenwurzel. Das bedeutete nichts Gutes.
„Das … war eine blöde Idee. Ich sollte gehen, tut mir leid, dass ich Sie gestört habe. Sir! Wir ähm … sehen uns morgen und -" Hör auf zu plappern! „Gute Nacht, Sir!"
„Warten Sie …"
Es war kein Befehl, nicht mal wirklich eine Aufforderung, und trotzdem erstarrte sie mitten in der Bewegung, eine Hand auf halber Höhe vor der Türklinke schwebend, und wagte es nicht, sich zu rühren. Wie ein blödes Kaninchen, das einem Fuchs gegenüberstand und glaubte, sich nicht zu bewegen, würde ihm das Leben retten.
Scheiße …
„Was haben Sie gefunden?"
Huh? „Sir?"
„Sie sagten, Sie hätten etwas gefunden, das uns helfen könnte. Was haben Sie gefunden, Miss Granger?"
Oh! „Fragen. Sir … Eine ähm … Liste von Fragen. Small Talk, hauptsächlich. Ich ähm dachte, wenn wir uns ein wenig unterhalten, dann … fühlt es sich nicht mehr so an, als würde ich morgen -"
Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Ihren Lehrer heiraten?"
Oh, Mann … „Ja."
Auf sein fahles, verhärmtes Gesicht schlich sich ein Ausdruck, den sie nur zu gut kannte: Gleich würde er ihr Punkte abziehen. Viele Punkte. Und den Punktabzug würde er kleiden in irgendetwas Beleidigendes, irgendetwas, über das Malfoy sich totlachen würde, wenn er hier wäre, um es zu hören. Drei … zwei … eins -
„Zeigen Sie her."
„Was?"
„Die Fragen, Miss Granger! Konzentrieren Sie sich!" Er streckte die Hand aus und machte eine fordernde Geste mit seinen Fingern.
„Oh! Sicher!" Die Liste zerriss beinahe, als sie sie aus ihrer Umhangtasche zog. Und nachdem sie sie Snape gegeben hatte, hätte sie am liebsten auf ihren Nägeln gekaut. Aber sie hatte sich das abgewöhnt. Irgendwann zwischen dem Einbruch ins Ministerium und der Flucht auf dem Drachen. Ugh, sie hätte sich einen Beruhigungstrank von Madam Pomfrey holen sollen, bevor -
Moment mal.
Warum war sie überhaupt so nervös? Sie hatte Schlimmeres getan als das hier! Scheiße, sie war gefoltert worden! Ein paar Beleidigungen von Snape waren doch ein Witz dagegen!
Bis er die Liste fertig überflogen hatte, hatte sie sich wieder gerade hingestellt, den Rücken durchgedrückt und das Kinn angehoben. Wenn er sich jetzt weigern sollte, dann würde sie mit hoch erhobenem Haupt gehen und in dem Wissen, dass sie alles versucht hatte, um das Desaster, das morgen auf sie zukam, so schonend wie möglich ihrer beider Leben ruinieren zu lassen. Sie würde sich nichts vorzuwerfen haben und sie würde ihn spüren lassen, wie albern, kindisch und lächerl-
„Meinetwegen."
Wie bitte?
„Setzen Sie sich."
Oh. „Okay." Sie ging zu seinem Schreibtisch auf Beinen, die sich trotz all der anspornenden Gedanken von eben immer noch anfühlten, als wären sie aus Pudding. Die fast leere, dunkelbraune und spiegelglatte Tischplatte sah sie an, als wäre sie ein schlechter Scherz, und selbst die einzelne Feder auf der von Hermine aus gesehen linken Seite, die ordentlich parallel zur Tischkante ausgerichtet war, schien sie auszulachen.
Erst Snapes Robe, die beinahe ihren Schuh streifte, als er an ihr vorbeiging und auf der anderen Seite Platz nahm, riss sie aus ihren Gedanken. Aber als er sie dann ansah und vermutlich in dieser Position genauso schmerzhaft ihr Lehrer war wie sie seine Schülerin, rief er: „Madry!"
Eine Hauselfe erschien mit einem Plopp neben ihnen. „Master Snape, Sir?"
„Bring uns bitte eine Kanne Tee und … einen Snack."
„Natürlich, Sir!"
Sie war schon fast wieder verschwunden, als er nochmal ihren Namen rief. „Ich meine das ernst! Einen Snack! Kein Fünf-Gänge-Menü!"
Was … War das etwa … Lächelte Madry?
Es sah jedenfalls so aus, auch wenn sie es mit ihrer Verbeugung zu kaschieren versuchte. „Tee und einen Snack, sehr wohl, Master Snape, Sir!" Dann verschwand sie wirklich.
Und Hermine blinzelte so heftig, dass ihr schwindelig davon wurde, bevor ein Räuspern ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihren zukünftigen -
Nope. Sie konnte das nicht mal denken.
Er schob nun jedenfalls seinen Stuhl ein Stück zurück und schlug ein Bein über das andere, in seinen Augen ein Glimmen, das entweder amüsiert oder geschäftsmäßig war, sie war sich nicht restlos sicher. „Nun, wer beginnt?"
Geschäftsmäßig, definitiv. Oder nein, eher wie …
Wie Ron, wenn er den weißen Bauern gezogen hatte.
Ugh, ich hasse Schach … „Sie."
Ihm schien ihre Antwort zu gefallen – Verdammt! –, denn ein Lächeln kräuselte seine Mundwinkel. Dann legte er die Liste mit Fragen auf den Tisch und schob sie ihr entgegen.
„Was ähm …"
„Wenn ich beginnen soll, die Fragen zu beantworten, ist es Ihre Aufgabe, sie zu stellen. Oder hat sich in den letzten Monaten etwas geändert an der Art und Weise, wie man Gespräche führt?"
„Nein." Und es hatte sich auch nichts geändert an der Art und Weise, wie sie auf Snapes Fragen reagierte. Wenn überhaupt, war es noch schlimmer geworden, seitdem sie ihn in der Heulenden Hütte hatte verbluten sehen und wusste, warum er für den Orden gearbeitet hatte. Ihre Wangen wurden jedenfalls so heiß, als hätte sie einen Sonnenbrand. Großartig. Sie räusperte sich. „Ähm … Wenn Sie zwischen allen Menschen auf der Welt wählen könnten, wen würden Sie gerne zum Essen einladen?"
Sie hatte das letzte Wort kaum fertig ausgesprochen, als Madrys Rückkehr sie so sehr erschreckte, dass sie beinahe von ihrem Stuhl sprang.
Was die Elfe so sehr erschreckte, dass sie beinahe das Tablett fallenließ.
Was Snape so sehr erschreckte, dass er plötzlich den Zauberstab in der Hand hielt. In der linken, was ihm offensichtlich keine Schwierigkeiten bereitete.
Heilige Scheiße!
Drei Sekunden lang starrte sie ihn an mit – wie sie vermutete – ungefähr handtellergroßen Augen, dann ließ er den Zauberstab wieder verschwinden.
„D-Der Tee, Master Sir", murmelte Madry und stellte das Tablett auf den Schreibtisch. Jetzt lag die Feder schief.
Aber als Snape ihren Blick bemerkte, rückte er sie wieder gerade, bevor er fragte: „Sagte ich nicht ein Snack?" Und es war ihm nicht anzuhören, dass er gerade eben noch reagiert hatte, als wäre Voldemort persönlich zusammen mit Madry neben ihnen appariert.
„Sir hat nicht gesagt, ob einen süßen oder einen herzhaften Snack, einen kalten oder einen warmen, Sir", piepste die Elfe, die neben der Kanne Tee, Milch und Zucker außerdem eine Schüssel mit Scones und eine zweite mit Clotted Cream mitgebracht hatte, einen Teller mit kleinen Sandwiches und einen weiteren mit Bohnen auf Toast, die ein bisschen dampften, noch einen, auf dem ein paar köstlich aussehende Flapjacks lagen, und zu guter Letzt eine Schüssel mit Obst.
„Weil ich es nicht für nötig hielt", grollte er und die Elfe, die eben noch entspannt und gut gelaunt gewesen war und es zweifellos nur deswegen gewagt hatte, Snapes Bestellung absichtlich fehlzuinterpretieren, zog den Kopf ein und ließ die Ohren hängen.
„Verzeihung, Master Sir", hauchte sie und verschwand.
Snape schnalzte mit der Zunge. „Ich hoffe, Sie haben Hunger."
„Ähm …" Eigentlich fühlte ihr Magen sich gerade an wie zugenäht, aber auch das war wohl eine Information, die sie besser für sich behielt. „Sicher." Unbehaglich griff sie nach einem Flapjack und biss ein winziges Stück des weichen Haferriegels ab, bevor sie realisierte, dass sie nicht wusste, wohin sie das angebissene Gebäck jetzt tun sollte. Auf die glatt polierte glänzende Schreibtischoberfläche? Auf keinen Fall!
Snape kommentierte ihre Bedrängnis mit einem genervten Blick und reichte ihr eine der Servietten, die Madry hinter dem Teller mit den Sandwiches versteckt hatte.
„Danke." Er beobachtete sie, die Augen so schmal als würde sie gerade bei einem seiner Tests versuchen zu betrügen, direkt vor seiner Nase, und obwohl es nicht warm war in seinem Büro, begann sie zu schwitzen. „Also, ähm … Wen würden Sie gern zum Essen einladen?"
Sein Blick zuckte von ihren Händen zu ihren Augen.
„Sir!"
Er atmete scharf aus. „Sparen Sie sich den Sir. Ich würde Gribkov Milomir Vadimovich einladen."
Sie atmete auf. „Wer ist das?"
„Einer der erfolgreichsten Tränkemeister unserer Zeit. Niemand hat ihn jemals gesehen, geschweige denn mit ihm geredet. Alle paar Jahre veröffentlicht er ein bahnbrechendes wissenschaftliches Paper und ich würde ihm zu einigen davon gern ein paar Fragen stellen." Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich ein wenig, während er sprach.
Und am liebsten hätte sie ihn gefragt, welche Fragen er diesem Mann gern gestellt hätte und wo sie die Paper finden konnte, von denen er gesprochen hatte. Und warum sie noch nie von diesem Mann gehört hatte, der so überaus faszinierend klang! Aber sie traute es sich nicht. Vielleicht später einmal. „Das kann ich mir vorstellen", war also das Einzige, was sie dazu sagte und rang sich ein unverbindliches Lächeln ab.
„Und Sie?"
Oh. Richtig, sie musste die Fragen ja auch selbst beantworten. „Ähm …" Die Person, oder eher Personen, die ihr als erstes einfielen, waren ihre Eltern. Die nicht mehr wussten, dass sie ihre Eltern waren und mit denen sie einfach gern einen Abend verbringen würde, sich unterhalten und herausfinden, ob es ihnen gut ging. Ob sie glücklich waren. Ob es die richtige Entscheidung gewesen war, sie -
Aber sie konnte darüber nicht reden, ohne zu weinen. Selbst jetzt prickelten Tränen in ihren Augenwinkeln. Sie brauchte jemand anderen. Jemanden, der unverfänglich aber glaubwürdig war, jemanden, der -
„Stephen Hawking."
Was nur unbedeutend besser war als ihre Eltern, weil in ihrem Kopf Stephen Hawking untrennbar mit ihrem Dad verknüpft war. Ihr Dad, der der einzige Mensch in ihrem Umfeld gewesen war, der ihre Faszination für Stephen Hawking geteilt hatte und länger als fünf Minuten mit ihr über ihn hatte sprechen können, ohne sich zu langweilen. Ihr Dad, der nicht mehr wusste, dass er ihr Dad war und vielleicht auch nicht mehr, dass er jemals fasziniert gewesen war von Stephen Hawking und -
Aber das war etwas, über das sie nicht reden wollte, nicht mit Snape, nicht sechzehn Stunden bevor sie heiraten mussten, und er wusste das.
Er – wusste – das!
All die Jahre, die sie in seinem Unterricht gesessen hatte, hatte sie sich gefragt, nicht nur woher er solche Dinge wusste (Legilimentik, das Geheimnis hatte sie vor mehr als zwei Jahren entschlüsselt), sondern auch woran sie erkennen konnte, dass er etwas wusste, und plötzlich lag es ganz offen vor ihr: Das kleine Zucken in seinem Augenwinkel. Diese Millisekunde, in der seine Krähenfüße tiefer waren als sonst.
Faszinierend …
„Faszinierend."
Was?! „Ähm, wie bitte?"
„Ihre Antwort, Miss Granger. Welches ist die nächste Frage?" Dieses Mal zuckten seine Augenbrauen.
Und trotzdem konnte sie den Blick kaum von seinem Gesicht abwenden, um auf die Liste mit Fragen zu schauen. Was war da eben passiert? Hatte er das Wort in ihren Gedanken gelesen und -
Aber so funktionierte Legilimentik nicht, oder? Es war kein Gedankenlesen, es war mehr -
Snape stöhnte. „Wird das heute noch etwas oder planen Sie, die ganze Nacht hier zu sitzen?"
„Entschuldigung." Sie senkte den Blick. „Wären Sie gerne berühmt? Und wenn ja, in welchem Bereich."
„Nein."
„Nein?"
„Nein."
„Warum nicht?"
„Falls es Ihnen entgangen sein sollte: Ich bin in den letzten Monaten zu ungewollter Berühmtheit gelangt und das ist kein Spaß. Oder gefällt es Ihnen, laufend Ihr Gesicht auf der Titelseite des Tagespropheten zu sehen?"
„Nein, aber das ist auch eine andere Form von Berühmtheit. Wir sind gerade berühmt wegen unserer Rolle im Krieg. Aber berühmt zu sein wegen Leistungen, die man erbracht hat, akademischen Leistungen …" Sie zuckte mit den Schultern.
„Das nennt man Erfolg. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, auf meinem Fachgebiet erfolgreich zu sein, aber ich will auf keinen Fall berühmt sein."
Sie lächelte schief. „Also würden Sie es machen wie Vadimovich?"
„Wenn ich noch die Möglichkeit hätte …" Einen Moment lang lag sein Blick auf ihrem Gesicht. Dann griff er so plötzlich nach der Teekanne, dass sie schon wieder erschrak, nur dieses Mal nicht so offensichtlich. „Ich nehme also an, Sie hätten nichts gegen akademische Berühmtheit einzuwenden?", fragte er, während er sich eingoss und sie dann fragend ansah.
„Danke, gern", murmelte sie und hoffte, dass sein fragender Blick wirklich dem Tee gegolten hatte und nicht der Frage, die er ihr gestellt hatte. „Und ähm … Ja, das stimmt. Für meine akademischen Leistungen wahrgenommen zu werden, würde mir gefallen." Das momentane Affentheater hingegen … Da konnte sie ihm nur zustimmen. Lästig wie Durchfall.
„Nun, an der Seite von Mr Weasley wären Ihre Chancen, die Art Berühmtheit zu erlangen, nach der Sie streben, deutlich größer gewesen." Er schob ihr die Tasse zu und lehnte sich wieder zurück. Aber jetzt sah er nicht mehr aus, als würde er sich auf eine gute Schachpartie freuen, sondern als hätte man ihm gesagt, dass sein Sieg zu einhundert Prozent auf ihre Kosten gehen würde.
Und das entsprach vermutlich der Wahrheit.
Ohne dass sie es wollte, spielte ihr Gehirn durch, wie die nächsten Jahre ihres Lebens wahrscheinlich aussehen würden, wenn das Ministerium sich nicht wieder öffnen und diese Ehe nicht annulliert werden würde. Zum einen würde sie sich eine neue Karriere suchen müssen, denn ihr Plan war es gewesen, ins Ministerium zu gehen und sich in eine Position hochzuarbeiten, in der sie Gutes in der Magischen Welt würde bewirken können. Zum anderen würde sie eine 'Frau von' werden und der Gedanke tat noch mehr weh, als sich beruflich neu zu orientieren.
„Kein Trank wird so heiß getrunken, wie er gebraut wird", riss Snape sie aus ihren Gedanken und begegnete ihrem Blick.
„Nein." Sie räusperte sich und sah auf die Fragen hinab. „Legen Sie sich manchmal die Worte zurecht, bevor sie – Oh, das bezieht sich aufs Telefonieren."
„Nein, niemals."
„Was? Sie telefonieren niemals oder legen sich niemals die Worte zurecht?"
„Beides. Ich bevorzuge Gespräche von Angesicht zu Angesicht und was ich sage, entscheide ich spontan."
Das wette ich …
„Und Sie?"
Hermine dachte darüber nach, während sie endlich etwas von ihrem Tee trank. „Ich musste noch nie Telefonate führen, auf die ich mich hätte vorbereiten müssen. Meistens habe ich nur -" … meine Eltern in der Praxis angerufen. Sie räusperte sich. „Unwichtig. Ich denke, ich wäre wohl jemand, der sich Worte zurechtlegen würde, ja. Zumindest die, mit denen ich beginnen möchte." Bei einem flüchtigen Blick auf ihr Papier fiel ihr ein Wort hinter der Frage auf, die sie gerade beantwortet hatte. „Oh, zu der Frage gehört ein zweiter Teil."
„Ach ja?"
Sie nickte. „Warum?"
„Warum ich das nicht tue?"
Sie nickte wieder.
„Weil ich gelernt habe, dass zurechtgelegte Worte und Pläne einen schwerfällig machen. Das Leben folgt keinem Plan, andere Menschen sagen nie das, was man von ihnen hören will. Wenn ich keinen Plan habe, muss ich auch keinen loslassen, bevor ich reagieren kann."
„Das … ergibt Sinn."
„Hatten Sie etwas anderes erwartet?" Etwas glimmte in seinen Augen, etwas zwischen Herausforderung und Amüsement.
„Nein, eigentlich nicht."
Snape beendete den Moment mit einem tiefen Luftholen. „Dass Sie mit vorformulierten Sätzen in ein Gespräch gehen würden, hatte ich hingegen genau so erwartet." Er pflückte sich eine Weintraube von der Rispe, hielt sie aber nur in der Hand, während er sagte: „Ich wette, Sie hatten auch für jedes Essay, das Sie schreiben mussten, fünf verschiedene Versionen." Dann steckte er sie sich endlich in den Mund.
„Drei", korrigierte sie ihn spitz, „und was spricht dagegen? Ich erbringe gern die bestmögliche Leistung und das ist nie die erste Fassung."
„Weil Sie unsicher sind."
„Was?!"
„Tun Sie nicht so entrüstet, Miss Granger. Wir alle haben uns herzlich amüsiert über Ihren Irrwicht, der Sie den perfekten Notenschnitt in Ihrem dritten Jahr gekostet hat. Die Vorstellung, dass jemand Ihnen sagen könnte, dass Sie weniger als perfekt sind, bringt Sie nachts um den Schlaf."
Mistkerl! „Eigentlich ist es das Gesicht von Bellatrix Lestrange, das mich nachts um den Schlaf bringt, fünf Zentimeter über meinem, aber bewahren Sie sich gern Ihre Illusionen, Sir."
Snape erstarrte, als sie ihm so leichthin den Teppich unter seinen mentalen Füßen wegzog, und die Traube, die er jetzt zu schlucken versuchte, schien ihm quer im Hals hängenzubleiben.
„Was macht für Sie einen perfekten Tag aus?"
„Miss Granger -"
„WAS – macht für Sie einen perfekten Tag aus?" Sie sah ihm fest in die Augen und es war ihr egal, ob er in ihren Geist blicken konnte. Egal, ob sie ihm nicht vormachen konnte, dass es ihr nichts ausmachte. Sie würde ihn sich nicht entschuldigen lassen. Nicht dieses Mal. Wenn sie ihn schon heiraten musste, dann würde er sich gefälligst genauso anstrengen, wie sie es tun würde – und sich eine Sekunde lang Zeit zu nehmen, um zu überlegen, was die Worte, die man sagen wollte, beim Gegenüber auslösen würden, war nicht zu viel verlangt.
Doch die Stille zog sich unangenehm lang, fühlte sich an wie mehrere Minuten, in denen er ihren Blick festhielt und Wunder was darin lesen konnte, aber vermutlich waren es nur zehn Sekunden oder so, bis er zuerst wegsah. „Es gibt keine perfekten Tage."
Hermine atmete tief aus. „Dem kann ich nur zustimmen. Wann haben Sie zuletzt für sich selbst gesungen? Und wann für jemand anderen?" Sie lachte leise, nahm sich ihren angebissenen Flapjack und lehnte sich zurück, zum ersten Mal, seitdem sie auf diesem Stuhl saß, gespannt darauf, wie seine Antwort auf diese Fragen wohl aussehen würde.
Snape sah sie finster an. „Ich singe nicht. Niemals. Nicht für mich, nicht für jemand anderen."
„Nicht mal unter der Dusche?"
„Nein! Tut das überhaupt irgendjemand? Tun Sie es?"
„Nein. Nicht mehr jedenfalls. Als Kind habe ich gesungen, wenn ich in der Badewanne war." Und ihre Mum hatte mitgesungen, während sie ihr die Haare gewaschen hatte.
„Rührend", kommentierte Snape, aber es klang alles andere als das. „Und wann haben Sie es zuletzt getan? Und für wen?" Nun kräuselte dieselbe hämische Belustigung, die sie eben empfunden hatte, auch seine Mundwinkel.
„Ich weiß es nicht mehr. Musik ist so abwesend in der magischen Welt, dass ich komplett den Bezug dazu verloren habe." Sie zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck Tee, hauptsächlich, um Snape nicht in die Augen sehen zu müssen. Denn die Wahrheit war: Sie hatte für ihre Eltern gesungen, nachdem sie ihre Gedächtnisse verändert hatte. My Girl. Sie waren bewusstlos gewesen, betäubt durch einen Trank, und dieses Lied war ihr Abschied gewesen. Aber keine zehn Hippogreife würden sie dazu bringen, das zu erzählen.
Sie strich das Papier glatt und las sich die nächste Frage durch. „Mh, hier muss ich die Altersangaben anpassen. Wenn Sie … sagen wir 200 Jahre alt werden könnten, was würden Sie während der zweiten 100 Jahre lieber haben: Den Körper oder den Geist eines 30-Jährigen?"
Erst als Snape ungewöhnlich lange still blieb, hob Hermine den Blick und fühlte sich beinahe physisch getroffen von seinem. „Sagen Sie, Miss Granger … Warum genau machen wir das hier?"
Scheiße. „Was meinen Sie, Sir?"
„Haben Sie diese Fragen nicht mitgebracht, damit wir … uns besser kennenlernen?"
„Ähm … ja?"
„Und warum lügen Sie mich dann an? Wiederholt."
„Das tue ich nicht!"
„Lüge."
Was?! „Ist das jetzt ein Verhör, oder was? Warum holen Sie nicht gleich Veritaserum, wenn Sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit hören wollen?" Das Knistern der Liste in ihren Händen war wie das Gemurmel von Geschworenen. Sie sollte sie zerreißen! Und gehen! Hätte sie vorhin schon tun sollen. Er konnte doch kaum von ihr erwarten, dass sie ihr komplettes Seelenleben vor ihm entblößte! Als ob er das tun würde! Arschloch!
„Vielleicht sollte ich Veritaserum holen …"
„Was?!" Nichts hielt sie noch auf ihrem Stuhl. „Das kann nicht Ihr Ernst sein!"
Snape sah unberührt zu ihr auf. „Ist es nicht." Er kniff die Augen etwas zusammen. „Aber ich sehe den Sinn hinter diesem … Gespräch nicht, wenn Sie die Wahrheit austauschen gegen eine angenehmere Option oder mich sogar geradeheraus anlügen."
„Als ob Sie jede Frage wahrheitsgemäß beantworten würden!"
„Oh, aber das habe ich." Ihr Gesichtsausdruck schien so verblüfft zu wirken, dass er es für nötig hielt, seiner Aussage durch das Hochziehen seiner Augenbrauen Nachdruck zu verleihen. „Ich habe so viel gelogen, dass es für mehr als ein Leben reicht. So was -" Er deutete auf die zerknitterte Liste in ihrer Hand. „- ist mir keine einzige Lüge mehr wert."
Oh.
„Die Frage ist, aus welchem Grund Sie, Miss Granger, plötzlich so leichtfertig auf Lügen zurückgreifen. Noch dazu bei etwas, das Ihr Vorschlag gewesen ist. Haben Sie sich die Fragen vorher nicht durchgelesen?"
Ihr Mund war so trocken, dass sie ihre Zunge gegen ihren Gaumen reiben musste, bevor sie – immer noch heiser – sagen konnte: „Doch, das … habe ich."
„Aber Sie haben nicht erwartet, dass ich mitspielen würde", schlussfolgerte Snape dann. „Sie dachten, Sie könnten mit dieser Liste hier auftauchen, die Erwachsenere und Vernünftigere von uns beiden mimen und hinterher angenehm ruhen in dem Wissen, dass Sie alles versucht haben, um diese unglückselige Ehe auf ein halbwegs stabiles Fundament zu stellen, ohne dass Sie sich dabei hätten verletzlich zeigen müssen."
Sie musste nicht antworten, ihr Körper tat das für sie und pumpte ungefähr drei Liter Blut in ihre Wangen.
„Ich würde ja sagen, es täte mir leid, Ihre Erwartungen enttäuscht zu haben, aber das wäre eine Lüge und wie wir gerade festgestellt haben, bin ich kein großer Freund mehr davon." Er verschränkte seine Finger ineinander, soweit sein Verband es zuließ, selbstgefällig wie er war. „Aber ich biete Ihnen an, das Ganze hier zu beenden. Nehmen Sie die letzten Reste Ihrer Würde und Ihres Respekts vor mir und sich selbst und gehen Sie für diese letzte Nacht zurück in den Gryffindorturm, um Ihre Wunden zu lecken."
Eine gefühlte Ewigkeit lang stand sie vor Snapes Schreibtisch und fühlte sich, als hätten seine Worte die Luft aus einem Ballon gelassen, der die ganze Zeit tief in ihrer Brust gehangen hatte wie mieses Essen, das man aus Freundlichkeit gegessen hatte, das aber einfach nicht unten bleiben wollte und einen immer weiter quälte. Seine Worte waren das Antazidum für dieses Sodbrennen, aber als der Aufruhr sich legte, tauchte ein Gedanke auf, mit dem sie nicht gerechnet hatte: Und dann?
Ja, sie könnte jetzt gehen und diesen Abend und seine Fragen abhaken, nie wieder darüber reden und so tun, als wäre es niemals passiert. Aber sie würde Snape morgen trotzdem heiraten müssen und sie würden danach trotzdem zusammenleben, vermutlich hier in seinen Räumen, und sie würde trotzdem jeden Tag diesen Schreibtisch sehen und ihr Scheitern und ihre Feigheit, die es sich ganz ohne Stuhl daran bequem machen würden, das wusste sie mit Sicherheit, und sie würde trotz allem So-tun-als-ob immer noch wissen, was passiert war. Sie würde wissen, dass er ein besserer Mensch war als sie, weil er nicht so getan hatte, als ob er sich ihr öffnen würde, nur um sie dann anzulügen. Und das würde an ihr nagen. Sie kannte sich zu gut, um sich darüber irgendwelche Illusionen zu machen.
„Nein." Ihre Beine knickten ein und sie fiel zurück auf ihren Stuhl. „Nein, ich bleibe. Und ich … werde ehrlich sein."
Snape nickte langsam, wirkte weder sonderlich enttäuscht noch sonderlich erfreut über ihre Entscheidung. „Nun, für wen haben Sie zuletzt gesungen, Miss Granger?"
Sie sah hinab in ihren Schoß und glättete das Papier über ihren Oberschenkel, als sie elf Hippogreife durch ihren Kopf trampeln ließ und sagte: „Für meine Eltern. Nachdem ich … ihre Gedächtnisse verändert habe." Und als das Papier wieder so glatt war, wie es nach allem, was sie damit getan hatte, noch werden konnte, nachdem die Worte ausgesprochen waren und sie sich eine neue Träne von der Wange gewischt hatte, hob sie den Blick. „Also … Körper oder Geist eines 30-Jährigen?"
Für einen Moment noch verweilte ein Ausdruck in Snapes Augen, den sie nicht zu deuten wusste, dann kehrte ein milder Spott zurück. „Muss ich das wirklich beantworten? Das könnte eine der wenigen Fragen sein, von denen uns beiden klar ist, dass wir sie aus den gleichen Gründen identisch beantworten werden."
„Touché." Sie lächelte ein wackliges Lächeln und war überrascht, als er es kurz erwiderte. Überrascht und plötzlich so unangenehm berührt davon, dass sie nach der nächsten Frage griff wie Draco Malfoy zur naheliegendsten Beleidigung. „Haben Sie …" Oh, verdammt … Diese Frage würde ihr nicht die emotionale Erholung bieten, die sie gebraucht hätte. Wieder räusperte sie sich. „Haben Sie eine Vermutung, wie Sie sterben werden?"
Snape holte tief Luft und stellte sein bisher überkreuztes Bein wieder zurück auf den Boden, rückte näher an den Tisch heran und nahm sich mit spitzen Fingern einen Scone, während er sagte: „Ich hatte eine, aber zur Überraschung aller, mich eingeschlossen, habe ich überlebt." Er zerteilte das Gebäck mit derselben Sorgfalt, mit der er Zutaten zerteilte: so dass kein wesentliches Stück davon zerstört wurde und keines verkam. Hermine konnte sich nicht erinnern, jemals jemanden einen Scone so händeln gesehen zu haben. Aber Snapes nächste Worte lenkten sie ab: „Jetzt habe ich keine Vermutung mehr. Nur die Hoffnung, dass es … friedlicher sein wird, wenn es passiert."
Heilige Scheiße … Er hatte das mit der Ehrlichkeit wirklich ernst gemeint.
Plötzlich fühlte dieses Gespräch sich an wie etwas, in das Hermine niemals eingewilligt hatte. Viel zu persönlich, entblößt. Und viel zu real, nachdem sie gesehen hatte, wie Snape verblutet war. Oder vielmehr geglaubt hatte, dass er das tat. Einer der fatalsten Irrtümer ihres Lebens und in diesem Moment türmte sich das zusammen mit dieser unerwarteten Intimität zu etwas auf, das sie sagen ließ: „Na ja, eine ähm … Schlange wird es wahrscheinlich nicht … wieder … werden …" Und die Bedeutung erreichte ihren Verstand deutlich später, als die Worte ihren Mund verließen. Scheiße. „'Tschuldigung."
Wieder taxierte Snape sie mit diesem Blick, der direkt unter ihre Haut zu kriechen schien und dort Worte und Wahrheiten fand, derer sie sich nicht einmal selbst bewusst war. Dieser Blick, der in ihr das Bedürfnis weckte, ihren Umhang höher zu schließen und die Arme davor zu verschränken.
„Eine Verrückte mit einem Messer wahrscheinlich auch nicht."
Autsch.
Aber das hatte sie verdient. „Nein, wahrscheinlich nicht … Und da meine Oma mütterlicherseits im Alter dement geworden ist, bekomme ich es vielleicht auch gar nicht mehr mit, egal, was es letztendlich sein wird." Sie zuckte mit den Schultern, lächelte flüchtig, so als wäre das ein mittelmäßig witziger Scherz gewesen.
„Ich dachte, wir hätten eben beschlossen, dass wir beide den Geist eines 30-Jährigen behalten werden."
„Stimmt, dann ähm … wird das wohl nicht passieren." Merlin, konnten sie bitte das Thema wechseln? Nächste Frage, sofort! „Nennen Sie ähm … drei Dinge, von denen Sie glauben, dass wir sie gemeinsam haben." Sie und das Büro und vermutlich auch ein paar der Präparate in den Gläsern auf den Regalen atmeten auf, als wäre plötzlich Luft in diese vier Wände zurückgeströmt, die vorher mehr und mehr herausgesogen worden war von einer Vergangenheit, die zu nah gekommen war, um es aushalten zu können.
„Sie und ich sind uns der Tatsache bewusst, dass wir nicht viel gemeinsam haben. Sie und ich haben in den letzten zwei Wochen mehr Publicity bekommen, als wir jemals haben wollten. Und Sie und ich wollen das Ministerium brennen sehen." Er hob ein Stück des Scones hoch, als würde er ihr damit zuprosten, und steckte es sich in den Mund.
Und trotz dieser ganzen absolut lächerlichen und irrealen Situation musste sie lachen. Nur kurz, denn es wurde schnell bitter und wenn sie es nicht rechtzeitig abbrach, würden mehr Tränen daraus werden, aber sie bekam rechtzeitig die Kurve. Legte den Kopf schief und sah in die rechte Zimmerecke hinauf, während sie nachdachte. „Sie und ich … würden ein gutes Buch jeder Party vorziehen. Sie und ich sind häufiger ein Streber genannt worden, als wir zählen können. Sie und ich …" Sollte sie? Warum nicht? Was hatte sie schon zu verlieren? „Sie und ich versuchen, dem Ministerium und allen, die das hier mit Schadenfreude beobachten, so wenig Genugtuung wie möglich zu geben." Sie hob das Kinn ein kleines Stück an, denn das, genau dieser Gedanke hatte sie vorhin in die Kerker getrieben. In den letzten zwei Wochen hatte sie nirgendwo hingehen können, ohne dass jemand über sie gekichert, mit dem Finger auf sie gezeigt oder sie ganz unverhohlen verspottet hatte; wirklich, Malfoys Spitze vorhin war noch auf der harmlosen Seite dessen gewesen, was sie hatte aushalten müssen, von ihm und vielen anderen. Allein.
Und sie gönnte es ihnen nicht! Sie gönnte all diesen Idioten nicht das kleinste bisschen Genugtuung! Diese Ehe, so unerwünscht und ungewollt sie auch war, mit Respekt und hoch erhobenen Hauptes zu führen, so lange sie Bestand haben würde, war das Einzige, was sie tun konnten, um diese Situation zu ihrer zu machen. Und nicht zu deren.
Vermutlich hatten sich ihre Gedanken in ihren Augen oder auf ihrem ganzen Gesicht widergespiegelt, denn Snape hörte auf zu kauen, zog die Augenbrauen kaum merklich nach oben und nickte einmal, sehr bedächtig. Als wäre das ein Abkommen, ein Schwur, den sie nur zwischen sich schlossen und nicht vor einem Gebäude, das zwischen dem Mittelalter und heute zu viel Autonomie bekommen hatte aus Gründen, die niemand, nicht einmal Porträt-Dumbledore, verstand.
Snape brach den Moment, in dem er abrupt aufstand. „Möchten Sie auch einen Scotch?"
„Ähm … Sicher, warum nicht?" Konnte wahrscheinlich nur helfen, wenn sie sich die Fragen, die noch auf sie zukamen, so ansah. Während Snape hinter ihr den Korken aus einer Flasche zog und ihnen eingoss, presste sie sich die kalten Hände gegen ihre erhitzten Wangen. „Danke", murmelte sie, als Snape ein Glas vor ihr abstellte und ihr dabei so nahe kam, dass ihr sein Geruch in die Nase stieg. Ein Geruch, der nach sechs Jahren im Unterricht so tief verknüpft war mit einer Ermahnung, einem Punktabzug oder einer Bloßstellung, dass sie instinktiv den Kopf einzog.
Er schien es nicht zu bemerken, umrundete den Tisch und setzte sich. „Ich nehme an, dass wir uns an den Gedanken gewöhnen müssen, uns mit Vornamen anzusprechen, denn ich weigere mich, Sie Mrs Snape zu nennen, und bei Miss Granger zu bleiben, wird zweifellos zu jener Genugtuung führen, von der Sie eben sprachen. Also, Hermine …" Ihr Name rollte über seine Zunge und zu ihrem Entsetzen eine Gänsehaut wie eine Antwort über ihren Rücken. „Auf den Stolz!"
Oh – mein – Gott. Sie stieß beinahe das Glas vom Tisch. „Auf den Stolz", wiederholte sie und sammelte Mut, einen tiefen Atemzug lang, für: „Severus." Sie setzte das Glas an und wollte eigentlich nur an dem Scotch nippen, denn sie hatte noch nie etwas Stärkeres als Elfenwein getrunken, aber aus irgendeinem Grund öffnete sie ihren Mund zu weit und es war ein großer Schluck, der plötzlich ihre Zunge umspülte, und weil sie ihn ja schlecht zurück ins Glas spucken konnte, schluckte sie ihn herunter und … Fuck! Sie begann zu husten und tauschte das Glas halb blind gegen ihre Teetasse aus. Ugh, ist das widerlich!
Snapes Lachen machte es nicht besser.
„Nicht witzig!"
„Aus meiner Position heraus ist es das. Was ist die nächste Frage?"
Noch einmal räusperte sie sich und wischte sich ein paar ganz und gar anders geartete Tränen aus den Augenwinkeln, bevor sie sich noch einmal räusperte und wieder auf den Zettel hinabsah. „Ähm … Wofür … bist du in deinem Leben am meisten dankbar?"
Es war das erste Mal, dass Snape sich Zeit nahm, um eine Frage zu beantworten. Dass eine Falte zwischen seinen Augenbrauen erschien und er mit dem Daumen gedankenverloren über den weißen Verband strich. „Für meinen Starrsinn", sagte er schließlich. „Was auch gleichzeitig das ist, was ich am meisten hasse, falls das eine der nächsten Fragen sein sollte."
„Ist es nicht."
„Bedauerlich." Er kippte sein Glas auf die Seite und betrachtete den Scotch, der wie flüssiges Feuer über die Innenseite kletterte und einen öligen Film hinterließ. „Er hat mich in viele Schwierigkeiten gebracht, aber ohne ihn wäre ich nicht bis an diesen Punkt gekommen. Ich nehme an, das verdient etwas Dankbarkeit."
Sie schluckte, unfreiwillig, und vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht am Du, vielleicht daran, dass manche Gefühle sich abnutzten, wenn sie zu lange anhielten, sich irgendwie hohl und blass anzufühlen begannen, aber diese ungewohnt offene, ehrliche Antwort ließ sie sich schon weniger unwohl fühlen als seine vorherigen. Stattdessen fühlte sie sich privilegiert. Weil sie Zeuge dieser Offenheit sein durfte und niemals damit gerechnet hatte. Sie hatte das plötzliche Bedürfnis, sich dafür zu bedanken, drückte es aber weg. Das wäre seltsam, oder? Ja. Vielleicht später. Vielleicht beim Abschied.
Snapes Blick bestätigte ihren Entschluss. Als wäre er sich seiner eigenen Offenheit geradezu schmerzhaft bewusst geworden, war er verschlossener als eben. Als würde er zum ersten Mal mit seinem eigenen Anspruch an Ehrlichkeit an eine Grenze stoßen, als hätte er ein paar Mauern wieder hochgezogen.
Verständlich, wanderte es durch ihren Kopf und sie nickte, bekam ein höhnisches Halblächeln als Antwort.
Während er seinen Scotch austrank und ihr selbiger sowohl in den Kopf stieg, als auch ihre Beine summen ließ, dachte sie über ihre eigene Antwort nach. Wofür war sie am meisten dankbar? Nun, vor allem dafür, dass alle, die sie liebte, den Krieg überlebt hatten. Sie hatten einige gute Menschen verloren und sie hatte um viele von ihnen getrauert, tat es bis heute; aber alle, die sie wirklich liebte, hatten überlebt.
Nach Snapes Antwort eben erschien ihr das bloß zu … unpersönlich? Es war eine Antwort, die absolut unangreifbar war, ohne dass sie sich damit wirklich öffnen musste. Es war eine Antwort für ein Vorstellungsgespräch. Aber Snape hatte die Latte für dieses Gespräch deutlich höher gelegt und es erschien ihr unfair, sich mit einer solchen Antwort aus der Affäre zu ziehen.
Als sie ihm schließlich wieder in die Augen sah, war sie einmal mehr von ihrer Intensität so überwältigt, dass sie kurz vergaß, was sie hatte sagen wollen.
Unglaublich …
„Ähm … Ich denke, ich bin am meisten dankbar dafür, dass meine Eltern Muggel sind. Dafür, dass ich gelernt habe, die Dinge auf die Muggelart zu tun, bevor ich gelernt habe, sie magisch zu tun. Dafür, dass die Muggelwelt immer ein Plan B für mich sein wird, weil ich dort genauso zu Hause bin wie in der magischen Welt. Und dafür, dass ich eine ausreichend gute Grundbildung in Mathematik hatte, um Arithmantik problemlos zu verstehen."
„Gibt es irgendetwas, das du nicht problemlos verstanden hast?"
„Wahrsagen."
„Es gibt nichts zu verstehen an Wahrsagen. Das ist ein Fach für Träumer und Hypochonder. Entweder man hat die Gabe oder man hat sie nicht." Er ließ seinen Zauberstab in die Hand gleiten und rief die Scotch-Flasche zu sich, trotz der linken nonverbal, goss sich nach, nur etwas. „Ich nehme an, du hast genug?"
„Mehr als." Ihr Gesicht fühlte sich an, als wäre sie zu lange in der Sonne gewesen, und ihr ganzer Körper summte, nur nicht auf die angenehme Art.
„Dann lies die nächste Frage vor."
„Wenn du irgendetwas daran ändern könntest, wie du erzogen wurdest, was wäre das?"
Er stöhnte leise. „Das steht wirklich auf der Liste, ja?"
„Ähm, ja." Wie um es ihm zu beweisen, hob sie sie hoch, wusste aber nicht, ob Snape es auf die Entfernung überhaupt lesen konnte.
„Wie konnte mir entgehen, dass das in eine verdammte Therapiestunde ausarten würde?"
Obwohl er keine Antwort zu erwarten schien, denn er fuhr sich über die Augen und sprach mehr mit der Tischplatte als mit ihr, schlug sie vor: „Wir können die Frage auch überspringen."
„Oder lügen."
Ugh. „Ja, oder das." Manchmal war lügen einfach die bessere Alternative. Freundlicher. Gnädiger. Entweder sich selbst oder anderen gegenüber.
Snape sah sie mit unergründlicher Miene an.
„Oder wir beenden das hier doch", brach sie das Schweigen, als sie es nicht länger ertragen konnte. „Uns ab morgen mit Respekt zu begegnen und nach außen hin einig aufzutreten, sollten wir jetzt schließlich hinbekommen."
„Nein."
Huh? „Was meinst du?"
„Ich meine, wir werden das hier nicht beenden. Nicht nachdem du dich aus so gut wie jeder Frage mit irgendeiner halbgaren Lüge oder einer Miss Perfect-Antwort herausgewunden hast!"
WIE bitte? „Das hab ich nicht!"
Er zog eine Augenbraue hoch.
„Gut, ich habe am Anfang möglicherweise nicht immer das gesagt, was mir als erstes in den Sinn kam -"
„Möglicherweise …"
„- aber das heißt nicht, dass ich mich immer mit irgendwelchen geschönten Antworten aus der Affäre gezogen habe! Mein Leben ist nur einfach nicht so -"
Chaotisch. Das war das Wort, das auf ihrer Zungenspitze tanzte wie ein Hippogreif beim Ballett. Sie konnte es gerade noch stoppen.
Nicht, dass Snape das entgangen wäre. „So … was?"
„Mein Leben ist langweilig, das ist es, was ich sagen wollte. Mit Harry in den Krieg zu ziehen, ist das Aufregendste, was ich bisher getan habe, und nichts davon passte auf die bisherigen Fragen!"
„Womit wir wieder bei meiner Feststellung wären: Wir beenden das hier nicht."
Arsch! „Schön! Es war ja nur ein Angebot!"
„Natürlich", spottete er. Dann streckte er die Hand aus.
„Was?"
„Die Liste! Von nun an fängst du an."
„Was? Warum?"
„Damit ich entscheiden kann, wie viel Offenheit du verdient hast. Einwände?"
Einige! Aber keine rationalen. Nach zwei Sekunden pro forma Blickgefecht schnaufte sie. „Meinetwegen!" Sie gab ihm die inzwischen hoffnungslos zerknitterte Liste und verschränkte die Arme vor der Brust, als hätte sie damit auch einen Schutzschild aufgegeben.
Was gar nicht so weit hergeholt war, wie sie bemerkte, als sie Snape dabei beobachtete, wie er die Liste studierte. Sie hatte sich die Fragen, die noch kamen, nicht gemerkt. Und die Aussicht, sie zu beantworten, bevor sie wusste, was er darauf antworten würde, fühlte sich … riskant an. Sie musste sich in die Karten blicken lassen, bevor er auch nur eine einzige von seinen zeigte.
Der Mistkerl hat geblufft!
Als er vorhin so selbstgefällig dreingeblickt hatte, nachdem sie beschlossen hatte, dass er zuerst antworten sollte, hatte er eiskalt geblufft, um sie zu verunsichern!
Arsch!
Und auch das wusste er. „Nun, wenn du irgendetwas daran ändern könntest, wie du erzogen wurdest, was wäre das?" Häme stand in den kleinen Falten um seinen Mund, in seinem Tonfall und in seinen Augen, sogar in der Art, wie er sich ein weiteres Stück seines Scones in den Mund schob.
Ugh, das gefiel ihm jetzt schon viel zu gut!
„Es ist vermutlich ein bisschen zu spät, um das jetzt anzusprechen, aber … Das hier bleibt unter uns, oder? Ich meine, nichts, was ich dir hier erzähle, wird irgendwann Munition für deine verbalen Entgleisungen im Unterricht."
„Verbale Entgleisungen?", wiederholte er spitz.
„Du weißt, was ich meine."
„Nein, ich habe keinen blassen Schimmer, wovon du sprichst."
Ha! Von wegen … „Ich denke, du lügst nicht mehr."
Drei Sekunden lang lag sein kalkulierender Blick auf ihr, während seine Zunge vielleicht nach Resten des Scones in seinem Mund suchte. „Nun, wenn wir hiermit fertig sind, werden wir beide genug Informationen über den jeweils anderen besitzen, um ihn einige Male auf die Titelseite des Tagespropheten zu bringen. Wenn keiner von uns damit anfängt, muss keiner reagieren."
So sieht es also aus … Aber es erschien ihr fair. „Deal."
Er lächelte. „Also: Was haben deine Eltern vergeigt?"
Sie atmete tief aus, versuchte das Unbehagen und den Ärger der letzten Minuten abzuschütteln. Das hier war ihre Idee gewesen, sie schuldete Snape ein bisschen Offenheit.
Ihre Eltern … Sie hatten manches vergeigt, insbesondere seitdem sie nach Hogwarts gegangen war. Hatten sich wenig Mühe gegeben zu verstehen, wie die Welt, in der sie jetzt lebte, funktionierte. Hatten nicht einsehen wollen, dass sie so viel reifer geworden war, seitdem sie das letzte Mal mehr als sechs Wochen am Stück mit ihnen verbracht hatte. Hatten sie mehr als einmal behandelt, als wäre sie immer noch das knapp zwölfjährige Mädchen, das sie damals nach King's Cross gebracht hatten. Als wären sie stehengeblieben in diesem Moment, in dem sie ihnen zum Abschied gewunken hatte.
Aber nichts davon hatte mit ihrer Erziehung zu tun. Seitdem sie nach Hogwarts gegangen war, hatte überhaupt nur noch wenig Erziehung zu Hause stattgefunden. Sie war von dieser Schule, vom Krieg, von Lehrern und Herausforderungen erzogen worden.
Das Zucken von Snapes Augenbrauen riss sie aus ihren Überlegungen. „Du wirst das jetzt wieder als Miss Perfect-Antwort abtun, aber … sie haben es versäumt, mir beizubringen, dass man um Hilfe bitten darf. Sie waren so fokussiert darauf, mich zu einem unabhängigen Menschen zu erziehen, mir zu beweisen, dass ich mit den richtigen Büchern und Ressourcen alles hinkriegen kann, dass ich mir nur genug Mühe geben muss, um es allein zu schaffen, dass das zu einem großen Tabu wurde. Hermine Granger bittet nicht um Hilfe, Hermine Granger schafft alles allein. Das … würde ich ändern, wenn ich es könnte." Sie schluckte, als ihr plötzlich der Hals eng wurde. Wow, das berührte sie mehr, als sie erwartet hatte. Und es fühlte sich an wie ein Verrat an ihren Eltern, die ohne Erinnerung an sie in Australien saßen und keine Chance hatten, sich zu verteidigen.
Bloß nicht darüber nachdenken …
„Unperfekt genug?", schob sie also hinterher und reckte das Kinn.
Aber ihr kleiner Ausbruch von Trotz zerschellte an Snapes unergründlicher Miene. Diese Augen … Selbst mit dem Wissen um seine Fähigkeiten in Legilimentik schienen sie noch zu viel zu sehen. Sie konnte es kaum ertragen, seinem Blick standzuhalten, schaffte es aber auch nicht wegzusehen. Wagte es vielleicht auch nicht. Als würde sie etwas am Passieren hindern, solange sie ihm in die Augen sah.
Merlin, ich wünschte, er würde nur mal blinzeln! „Was ist? Immer noch nicht genug?"
Seine Lippen bogen sich zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. Höhnisch? Belustigt? Es verschwand zu schnell wieder, um das beurteilen zu können.
Stattdessen holte er tief Luft und sagte: „Um etwas an meiner Erziehung ändern zu können, vollkommen unerheblich was, müsste ich entweder die Erziehungsberechtigten oder mich ändern und ich nehme an, das ist nicht das, worauf die Frage abzielt." Er nahm sich eine weitere Weintraube und tat Hermine den Gefallen, so zu tun, als würde er ihr Aufatmen nicht bemerken. Stattdessen rollte er die Traube zwischen seinen Fingern und fügte hinzu: „Ein fähiger Hauslehrer wäre allerdings ein Anfang gewesen." Und während Hermine noch realisierte, dass er offenbar denselben Eindruck hatte wie sie, nämlich dass ein entscheidender Teil der Erziehung in den Händen dieser Schule lag (und dass sie nicht immer den besten Job machte), steckte er sich die Weintraube in den Mund und las die nächste Frage. „Mh, die nächste Aufgabe ist ja wie gemacht für dich." Er schaffte es, das wie eine Beleidigung klingen zu lassen. „Erzähle deinem Gegenüber deine Lebensgeschichte in vier Minuten – aber mit möglichst vielen Details." Er verdrehte die Augen und stieß das Papier aus seiner Hand, wodurch es ein Stück über die leere Tischplatte glitt. „Diese Gelegenheit solltest du ausnutzen, ich werde dir nie wieder vier Minuten am Stück zuhören."
„Gibt es überhaupt noch etwas, das ich erzählen könnte, das du nicht ohnehin schon weißt? Und gibt es etwas, das du erzählen wollen würdest, das ich noch nicht weiß?"
„Willst du dich etwa herauswinden?"
Ugh! „Nein! Ich hatte nur den Eindruck, dass ich durch Harry ohnehin schon mehr aus deinem Leben erfahren habe, als du mir jemals mitteilen wolltest. Und ich bin überzeugt, dass ich dich mit meiner Lebensgeschichte vier Minuten lang zu Tode langweilen würde. Aber wenn du darauf bestehst: Ich bin geboren am 19. September 1979 als Tochter von -"
„Schon gut!"
Ha!
Er griff wieder nach dem Papier, eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen. „Wenn du morgen mit einer zusätzlichen Eigenschaft oder Fähigkeit aufwachen könntest, welche wäre das? … Wirklich? Die Superkraft-Frage?"
„Ich wollte das ja schon längst beenden …" Nicht mal sein finsterer Blick hielt sie davon ab, sich zu amüsieren. „Und meine Antwort lautet Schach spielen."
„Du kannst kein Schach?"
„Ich kann Schach … Theoretisch. Praktisch hingegen …"
„Mhh, das alte Problem. Wissen anwenden …"
„Was soll das denn heißen?"
„Das soll heißen, dass du gut darin bist, Dinge auswendig zu lernen – so wie die Schachregeln –, aber absolut unfähig, sie in abstrakten Situationen anzuwenden. Dass dazu jedoch bereits ein Gegner zählt, der nicht tut, was du geplant hast, ist enttäuschend. Übrigens ebenso wie die Tatsache, dass du so eine Chance verschwendest für Schach!"
Abstrakte Situationen? Pah! Ohne ihre Fähigkeit, Wissen anzuwenden, hätten sie die letzten Jahre nicht überlebt! Aber warum regte sie sich überhaupt auf? Er wollte sie doch nur provozieren. „Es ist nur ein Gedankenspiel, keine Chance!", überging sie seine Spitze also.
„Ansichtssache …"
Pft! „Was würdest du denn wählen?"
„Das Ministerium betreten können, um dieses Theater zu beenden."
„Und mir wirfst du vor, ich würde mich herauswinden …"
Es stand ein nonchalanter Ausdruck der Selbstgefälligkeit in seinen Augen, während er das Papier ausschüttelte und las: „Wenn dir eine Zauberkugel die Wahrheit über dich, dein Leben, die Zukunft oder irgendetwas anderes offenbaren könnte, was würdest du wissen wollen? Zauberkugel, wie rührend …"
„Es ist eine Liste mit Muggelfragen!"
„Ach, wirklich?" Er zog eine Augenbraue in ihre Richtung hoch. „Also, was soll deine Zauberkugel dir sagen, Hermine?"
Nicht! Unter keinen Umständen! Provozieren lassen!
Aber dann stieß er ein kleines Schnauben aus.
Scheiß drauf!
„Ich würde wissen wollen, wie viel Lebenszeit genau ich opfern muss, um deine Ehefrau zu sein!"
„Jedenfalls nicht so viel, wie du meine Ex-Ehefrau sein wirst."
Argh! „Warum? Warum du? Wie kommt das Ministerium auf diese Idee? Was habe ich verbrochen?"
„Siehst du, das wäre eine gute Frage gewesen, um sie dieser Zauberkugel zu stellen. Ich denke, das übernehme ich dann, ich gebe mir schließlich Mühe als Ehemann."
Es fehlte nicht viel und sie hätte ihm seinen inzwischen bestimmt kalten Tee ins Gesicht gekippt. Stattdessen stand sie auf. „Ich muss aufs Klo. Wo ist dein Bad?"
„Durch diese Tür, dann rechts. Pass auf, dass du dich nicht verläufst."
Arsch!
Erst recht als sie sah, dass rechts nur eine Tür abging. Sie warf eben diese lauter hinter sich zu, als es nötig gewesen wäre, und drehte das kalte Wasser auf, um sich das erhitzte Gesicht und im besten Fall auch ihr erhitztes Gemüt zu kühlen, bevor sie zurückkehrte zu dem wirklich allerletzten Mann, den sie heiraten wollte!
Obwohl … Filch wäre schlimmer gewesen.
Etwas.
Wie sollte sie das bloß durchstehen? Wenn sie wenigstens wüsste, wie lange das alles dauern würde, dann könnte sie sich darauf vorbereiten, ihre Kraft ein wenig einteilen, sich wappnen. Aber nicht zu wissen, wie lange es dauern würde … Das war wie letztes Jahr, als sie nach den Horkruxen gesucht hatten. Irgendwann war jeder weitere Tag im Wald unerträglich gewesen, selbst mit Mr Weasleys Zelt und allen Annehmlichkeiten, die es mitgebracht hatte.
Und dann war sie vom Wald in den Cruciatus gekommen …
Nicht.
Sie konnte diese Erinnerung jetzt nicht gebrauchen. Sie musste sich frisch machen, sich zusammenreißen und zu Snape zurückgehen, der offenbar einen Sport daraus machen wollte, sie zu provozieren als wäre er ein Viertklässler und nicht der Ältere von ihnen. Bedauerlich, dass sie ihm nicht wichtig genug war, um sich auch nur halb so viel Mühe zu geben wie er es in den letzten Jahren für den Krieg getan hatte. Scheiße, selbst ein Hundertstel davon würde ihr schon reichen! Einfach nur …
Egal.
Es änderte nichts daran, wer er war. Und dass sie vorhin Scotch getrunken hatten, machte es sicherlich nicht besser. Selbst ihre Hemmschwelle war niedriger als sonst; anderen Getränke ins Gesicht zu kippen, war ihr seit ein paar Jahren nicht mehr in den Sinn gekommen.
Und bei Snape hatte sie noch nie darüber nachgedacht!
Schließlich drehte sie das Wasser wieder ab, trocknete ihr Gesicht und sah sich im Spiegel müde in die Augen. Hermine Snape … Ihr kam beinahe der Scotch wieder hoch, Fragen hin oder her …
Aber als sie kurz darauf ins Büro zurückkehrte, wirkte Snape aufgeräumter als eben. Er hatte die Reste seines Scones entweder aufgegessen oder weggeräumt, sowohl sich selbst als auch ihr Tee nachgeschenkt und den Scotch verschwinden lassen. Selbst die Gläser waren fort. Dabei war in ihrem noch ein Rest gewesen, den sie eben ernsthaft überlegt hatte auszutrinken. Vielleicht besser so.
„Und? Hat die Zauberkugel irgendwelche Antworten ausgespuckt?", konnte sie es sich nicht verkneifen zu fragen, während sie ihren Umhang auszog, über die Rückenlehne ihres Stuhl warf und sich wieder setzte. Ihr war warm.
„Nein. Nur mehr Fragen. Bereit, die nächste zu hören?"
Oha. Da sind wir aber wieder lammfromm … „Sicher."
„Gibt es etwas, von dem du schon lange träumst, es zu tun? Warum hast du es noch nicht getan?"
Oh, Mann … All die Möglichkeiten, die ihr diese Frage bot, um ein bisschen Frust loszuwerden … Aber wenn Snapes Verhalten wirklich das Friedensangebot war, das sie dahinter vermutete, sollte sie besser nichts davon laut aussprechen. Sie wollte wirklich nicht der Grund dafür sein, dass das hier eskalierte. Und vor allem wollte sie ihm keinen Grund bieten, sie auf die Titelseite des Tagespropheten zu bringen.
Mit einem tiefen Atemzug verabschiedete sie sich von jeder der Antworten, die durch ihren Kopf tanzten, auch wenn es ihr schwerfiel. Und nahm das Friedensangebot an, unterschrieb es mit Ehrlichkeit: „Ja. Ich träume schon seit einer Weile davon, mir einige Runen tätowieren zu lassen. Du weißt schon, die Art Tattoo, die sich mit meiner Magie verwebt und bei der vorher niemand exakt weiß, welchen Effekt es haben wird?"
„Ich weiß, wovon du sprichst."
„Natürlich. Jedenfalls … Ich hätte gern so eines. Aber erst war ich noch nicht volljährig, dann auf der Flucht und jetzt habe ich nicht genug Geld. Aber sobald ich anfange zu arbeiten, steht das ganz oben auf meiner To do-Liste."
Er summte leise und lehnte sich zurück. „Pass auf, zu wem du dafür gehst. Es gibt einige Scharlatane, die entweder keine Ahnung haben, was sie da tun, oder es bewusst manipulieren. Im schlimmsten Fall bekommst du damit nicht mehr Kontrolle und Klarheit über deine Magie, sondern verlierst sie komplett."
Sie nickte langsam. „Ich werde dich nach einem guten Runenkünstler fragen, wenn es so weit ist – vorausgesetzt wir haben uns bis dahin nicht die Köpfe eingeschlagen oder führen einen Schlagzeilenkrieg über den Tagespropheten."
„In dem Fall sollte ich der Letzte sein, den du um Rat bittest."
„Definitiv." Sie hielt seinem Blick stand, forderte ihn dazu heraus, zuerst zu lächeln. Sie war genug Schritte auf ihn zugegangen, nun war es an ihm, den nächsten zu tun.
Und er tat ihn. Für anderthalb Sekunden krümmte ein Lächeln seine Mundwinkel.
Ihres hielt länger an. Etwas. „Und wovon träumst du?"
Er holte tief Luft, ließ sie aber ungenutzt wieder entweichen, als würde er damit etwas ausatmen, das er loslassen musste, um dieses Gespräch weiterführen zu können. „Ein Buch zu veröffentlichen. Ein Tränkebuch, sowohl mit verbesserten Rezepturen alter Tränke als auch mit einigen Neuentwicklungen. Die Gründe, warum ich es noch nicht getan habe, sind selbsterklärend. Aber ich arbeite daran."
„Klingt gut." Jedenfalls für ihn. Für sie hingegen … Sie würde so sehr eine 'Frau von' werden, wenn er sein Buch rausbrachte und sie immer noch verheiratet waren, dass nicht mal Rita Kimmkorn noch ihren Namen wissen würde, egal wie oft sie ihn durch den Dreck gezogen hatte. „Weiter!", forderte sie ihn auf, bevor er irgendetwas von ihren Gedanken in ihren Augen lesen konnte. Es war schließlich auch nicht so, als ob er sich das hier ausgesucht hätte.
Er sah auf das Papier hinab und schnaubte leise. „Was war bisher der größte Erfolg in deinem Leben? Auf drei! Eins -"
„- zwei -"
„Voldemorts Vernichtung", sagten sie unisono und dieses Mal lächelten sie nicht nur, sondern lachten, beide, und es war ein ehrliches Lachen.
„Diese Fragen sind nicht für Leute wie uns gedacht", stellte Snape schließlich fest und trank einen Schluck Tee.
„Nein."
„Wo hast du sie überhaupt her?"
Oh-oh … „Ähm …"
Wie ein Hund, der Fährte aufgenommen hatte, hob Snape den Blick. „Wo-her?"
Sie schluckte. Das wird unangenehm … „Na ja, ich war in der British Library und … bin über dieses Wissenschaftsjournal gestolpert …"
„Und?", hakte er nach, als ihm ihre Pause offenbar zu lang wurde.
„Und da habe ich diesen Artikel gefunden über eine US-amerikanische Studie über …"
Er atmete ungeduldig aus. „Über was?"
„Über die experimentelle Erzeugung zwischenmenschlicher Nähe."
Er schloss die Augen, die Stirn gerunzelt. „Und weiter?"
Scheiße. Sie hatte gehofft, er würde sich damit zufriedengeben. „Und ähm … Na ja, der Mann hinter der Studie, Arthur Arons, wollte herausfinden, wie -"
„Komm zum Punkt!"
„Okay!" Wie ein Pflaster, einfach abziehen! „Die Fragen wurden in dem Journal bezeichnet als '36 Fragen zum Verlieben'."
Als er seine Augen wieder öffnete, tat er es mit derselben Aura des Verderbens, die vielleicht den Basilisken vor fünf Jahren umgeben hatte. Sein Blick fühlte sich jedenfalls genauso tödlich an und auch dieses Mal erstarrte sie darunter. „Wie bitte?"
Die fünf Sekunden des Schocks entluden sich in einem Lachen, das nur beinahe hysterisch klang. „Als ob das funktionieren würde! Wir werden uns niemals ineinander verlieben, Severus, ganz egal, welche Fragen wir einander beantworten! Außerdem hat das Studienergebnis besagt, dass -"
Er brachte sie zum Schweigen, indem er nur einen Finger anhob. „Findest du nicht, das wäre eine Information gewesen, die du mir hättest geben müssen, bevor wir hiermit anfangen?"
„Ich hätte es dir gesagt – wenn du nicht so ein absoluter Idiot gewesen wärst!"
„Wie bitte?!"
„Oh, tu nicht so schockiert! Selbst der Blutige Baron fand es unangemessen, wie wir miteinander gesprochen haben. Ich dachte, damit könnten wir uns gut genug kennenlernen, dass wir wenigstens zivilisiert miteinander umgehen können. Dass man sich damit wirklich verlieben kann, glauben doch nur – wie hattest du es genannt? Ach ja! Träumer und Hypochonder!"
Trotzdem wollte die Aura des Verderbens, die ihn umgab, nicht so richtig verschwinden. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er sie jemals zuvor so finster angesehen hatte.
„Oder hast du etwa Angst davor, dass du dich in eine unerträgliche Besserwisserin wie mich verlieben könntest?"
„Jetzt gerade denke ich darüber nach, wie ich einer unerträglichen Besserwisserin wie dir den Hals umdrehen kann, ohne dafür in Askaban zu landen."
„Du könntest es Malfoy anhängen."
„Das glaubt mir keiner, ich habe schon mal für ihn getötet."
Sie schnalzte mit der Zunge. „Stimmt, hätte ich beinahe vergessen. Ich befürchte, abgesehen von ihm und dir gibt es niemanden im Schloss, der mich tot sehen will. Es ist also das hier oder Askaban."
Er kniff die Augen ein wenig zusammen und tat dabei etwas mit seiner Nase, das ihn aussehen ließ, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. „Du fühlst dich mir nach fünfzehn Fragen offenbar schon nah genug, um zu vergessen, wo die Grenzen sind."
Sie konnte sich nicht helfen, aber all das hier, seine sauertöpfische Miene, sein finsterer Blick, die Dinge die er sagte, belustigten sie. Was vermutlich eine Bestätigung von Snapes Feststellung war, aber es fiel ihr gerade schwer, den Nachteil darin zu sehen. Sie lehnte sich ein Stück nach vorn und schob die Hände unter ihre Oberschenkel. „Und? Traust du dich noch einen Schritt weiterzugehen und abzuwarten, was ich nach 36 Fragen vergesse?"
Er imitierte ihre Bewegung, die bandagierte Hand auf der Schreibtischplatte wie eine Erinnerung daran, dass er immer einen Schritt zu weit ging. „Fordere niemals einen Slytherin heraus."
„Zu spät."
Snapes Blick wurde noch stechender und er wandte ihn nicht ab, während er nach der Liste griff. Als er es doch tun musste, um die nächste Frage vorlesen zu können, lächelte sie. Noch mehr, weil er sie auf eine Art und Weise aussprach, die an ein Kreuzverhör erinnerte: „Was ist dir bei einer Freundschaft am wichtigsten?"
Wirklich, es klang wie: „Wo haben Sie das Geld deponiert?"
Aber sie beherrschte sich. Wenn sie jetzt anfing zu kichern, würde er ihr vermutlich doch noch Punkte abziehen. „Sich gegenseitig verzeihen zu können." Und weil sie so abgelenkt war von seinem Tonfall und der Art, wie er alles hieran hassen wollte und trotzdem weitermachte aus Gründen, die ihm – genauso wie ihr – vermutlich nicht mal selbst vollends klar waren, wurde ihr erst verzögert bewusst, was sie gesagt hatte.
Nämlich als etwas in seinen Augen sich veränderte. Der Groll verblasste für einen Moment … dann kehrte er heftiger zurück.
Oh, verdammt …
Sie holte bereits Luft, um ihm zu versichern, dass sie das nicht gesagt hatte wegen dem, was sie von Harry über ihn und Lily Evans erfahren hatte, aber dann … tat sie es nicht. Er wollte Ehrlichkeit, sie hatte sie ihm gegeben. „Und dir?", fragte sie also nur und tat, als wäre nichts seltsam gewesen an den letzten zehn Sekunden.
Einen Moment lang zögerte er, ihr zu trauen, und sie war überzeugt, dass er einen Blick in ihren Geist warf, denn seiner wurde unangenehm intensiv und prickelte in ihrem Nacken. Aber als er dort nur die Aufrichtigkeit fand, mit der sie ihre Antwort gemeint hatte, atmete er tief aus. „Loyalität. Was ist deine liebste Erinnerung?"
Sie nahm sich einen Atemzug lang Zeit darüber nachzudenken. Ihre liebste Erinnerung … „Die Feier am Ende unseres zweiten Schuljahres. Nachdem Harry Ginny aus der Kammer des Schreckens gerettet hat. Das war … einfach gut. Alles daran. Jeder hatte bekommen, was er verdient hatte, allen ging es gut, wir waren einfach nur glücklich."
Snape sah sie nachdenklich an, schien sich endlich vom Groll der letzten Minuten verabschiedet zu haben. „Keine Erinnerung mit deinen Eltern?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Als ich noch ungetrübt glückliche Zeit mit meinen Eltern verbringen konnte, wusste ich noch nicht, dass ich eine Hexe bin – und das ist ein so essentieller Teil von mir, dass er … da sein muss in meiner liebsten Erinnerung, weißt du?"
Er nickte langsam.
„Und nachdem ich erfahren hatte, dass ich eine Hexe war, war es anders mit meinen Eltern. Sie … haben nie so wirklich verstanden, was ich hier lerne und tue. Sie haben mich immer unterstützt! Aber nie wieder wirklich verstanden." Wieder blinzelte sie ein paar Tränen fort, aber dieses Mal versuchte sie nicht, sie vor Snape zu verstecken. Er hatte es doch sowieso gesehen.
Dafür wandte er sehr auffällig unauffällig den Blick ab, als ihm bewusst wurde, dass sie fertig war mit dem Beantworten dieser Frage. Dass er jetzt am Zuge war. Und dass er diese Frage nicht ehrlich beantworten konnte, ohne dass es sehr persönlich wurde – und dass sie es vermutlich sogar wissen würde, wenn er sich für eine Lüge entschied.
Nicht dass sie es ihm negativ ankreiden würde. Nicht hierbei. Nicht, falls es um Harrys Mutter ging.
Aber Snape hatte es wirklich ernst gemeint mit den Lügen, die ihm zuwider waren. Auch wenn sein Blick an der Tischplatte klebte, als er es sagte, auch wenn seine Stimme so leise war, dass sie ihn kaum verstehen konnte, auch wenn er es schnell sagte und sein Tonfall jedes Nachhaken verbot – er sagte es: „Einer der ersten Nachmittage mit Lily auf einem Spielplatz in Cokeworth."
Stille senkte sich über sie, als hätte jemand die Lautstärke an einem Fernseher abgedreht. Diese Art Stille, die sich anfühlte, als wäre man etwas beraubt worden. Wie sich die Ohren zuhalten in einem vollen Café.
Und als sie irgendwann die Hand nach der Fragenliste ausstreckte, zuckte Snape zusammen, als hätte er vergessen, dass sie überhaupt da war, während er sich ihrer Anwesenheit so schmerzhaft bewusst gewesen war, dass er sie nicht hatte ansehen können. Hermine räusperte den Moment fort. „Was ist … deine schrecklichste Erinnerung?"
Er schnaubte leise. „Ausbluten in der verdammten Heulenden Hütte …"
Sie nickte langsam. „Gefoltert werden von Bellatrix Lestrange."
Ihre Blicke trafen sich und … Wow. Sie fühlte sich seltsam verbunden mit ihm in diesem Augenblick, als der schrecklichste Moment ihres bisherigen Lebens ihren Nacken hinaufkroch und mit seinen haarigen Beinen ihre Kopfhaut betastete. Zum ersten Mal nicht allein, weil er, im Gegensatz zu allen anderen, denen gegenüber sie diese Minuten erwähnt hatte, nicht wegsah, bei ihr blieb und mit ihr aushielt, wie furchtbar es gewesen war.
Bis ihre Sicht verschwamm und ihre Lider sich gegen ihren Willen schlossen, um zwei dicke Tränen fallenzulassen. „'Tschuldigung."
„Unnötig. Hast du Schäden davongetragen?"
„Nein." Nur eine hartnäckige Angst, jedes Mal, wenn sie Schmerzen hatte. Angst, dass es jeden Moment unerträglich werden würde, egal ob sie nur zu wenig getrunken oder ihre Periode hatte. Sie hatte lernen müssen, sich bewusst zu entspannen, und hoffte, dass das irgendwann einfach vergehen würde. „Du?"
Im ersten Moment schien er nicht zu wissen, was sie meinte, dann begriff er. „Nur ein paar Narben."
„Gut." Sie lächelte, trotz allem, und sah wieder auf die Liste hinab. Ugh … „Es wird nicht besser … Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr sterben wirst, würdest du irgendetwas an deinem jetzigen Leben ändern? Warum?"
Snape nickte, langsam und mit gerunzelter Stirn. „Nicht unbedingt Fragen, die ich bei einem ersten Rendezvous stellen würde."
„Nein", lachte sie. „Aber bei einem ersten Rendezvous geht es zugegebenermaßen auch nicht darum, möglichst schnell möglichst viel Nähe zueinander aufzubauen."
„Touché." Ein Wort gewürzt mit einem Blick, der ihr durch und durch ging, aber nicht lange genug anhielt, um unangenehm zu werden. „Ich würde einiges an meinem Leben ändern, wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein Jahr zu leben habe. So wie vermutlich alle Menschen, die wissen, dass sie keine vier oder fünf Jahrzehnte Existenz mehr absichern müssen. Ich würde kündigen, den Großteil meiner Besitztümer verkaufen, vielleicht eine Weile durch die Welt reisen, mich zu oft mit gutem Wein betrinken und so lange gesundheitlich bedenkliche, aber äußerst interessante Tränke konsumieren, bis ich in der Lage bin, diese Realität zu akzeptieren: Dass ich den Krieg und Nagini überlebt habe, nur um ein Jahr später an was-auch-immer zu sterben."
Sieh an, da steckt ja Humor unter all dem stacheligen Sarkasmus. „Kein Fan von 'Lebe jeden Tag, als wär's dein letzter'?"
Er zog eine Augenbraue hoch. „Du etwa?"
Sie wog den Kopf. „Teils, teils, würde ich sagen. Einerseits hast du recht, meinen letzten Tag würde ich vermutlich nicht damit verbringen, arbeiten zu gehen, mich um Rechnungen oder den Einkauf zu kümmern. Aber ich versuche, offen zu sein für Gutes. Ich weiß, ich weiß, du wirst das wieder als 'typisch Gryffindor' abstempeln, aber … Wir haben so viel Zeit damit verbracht, Angst vor einem irren Psychopathen zu haben, auf der Flucht zu sein oder uns auf einen Krieg vorzubereiten, dass wir es verdient haben, Platz für Gutes zu schaffen, oder? Ich bin auch noch ziemlich mies darin, aber ich versuche, die … Kür in der Pflicht zu finden, so oft ich es kann. Das bin ich mir schuldig."
Er lächelte, aber nur halb spöttisch. „Typisch Gryffindor …"
Ha ha.
„Also müsstest du gar nichts ändern, wenn du heute erfahren würdest, dass du in einem Jahr stirbst?"
„Oh, und ob ich etwas ändern würde! Ich würde auf meinen Abschluss hier pfeifen, mir Ron schnappen und 365 Tage lang -"
„Und 365 Tage lang … was?"
Oh, verdammt … „Das Leben genießen." Ja, das war besser als das, was sie beinahe gesagt hätte, weil sie möglicherweise tatsächlich langsam die Grenzen aus dem Blick verlor.
„Du solltest das Lügen üben. Das oder …"
Oder? Es gibt ein Oder? „Oder was?"
„Schon gut. Was steht als nächstes auf deiner unerträglichen Liste?"
Möglicherweise war sie nicht die Einzige, die langsam ein paar Grenzen aus dem Blick verlor. Interessant. „Was bedeutet Freundschaft für dich?"
„Hatten wir das nicht schon?"
„Nein. Die andere Frage war, was ist dir bei einer Freundschaft am wichtigsten?"
Er verdrehte die Augen, so ausgiebig, dass eine ganze Kopfbewegung daraus wurde. „Warum hast du die Liste eigentlich wieder in der Hand?"
„Weil du nicht weitergemacht hast und ich annahm, dass du nicht die ganze Nacht hier sitzen willst."
Trotzdem zog er sie ihr jetzt aus den Fingern und schnappte sich ein Sandwich, bedeutete ihr, anzufangen.
Ugh! Schön … „Freundschaft bedeutet für mich, jemanden zu haben, auf den ich mich verlassen kann. Der mich vielleicht nicht immer komplett versteht, es aber immer versucht. Jemand, der mir seine ehrlichen Gedanken sagt, aber auch akzeptieren kann, dass ich meine eigenen habe. Jemand, der für mich da ist, wenn ich es am wenigsten verdiene, aber vermutlich am meisten brauche. Und … Na ja, das übliche … Ungefähr die gleiche Einstellung zum Leben zu haben, die gleichen Wertvorstellungen, gut miteinander harmonieren … Es muss passen."
Er musterte sie, während er sein Sandwich kaute, die Stirn in Falten gelegt. „Wie haben du und Weasley all die Jahre durchgehalten, ohne euch die Köpfe einzuschlagen, wenn das deine Definition von Freundschaft ist?"
„Durch Harry." Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke, ohne Harry wären Ron und ich nie Freunde geworden oder sehr schnell wieder voneinander weggedriftet. Es hat eine Weile gedauert, bis wir wirklich zusammengewachsen sind. Aber er ist auch nicht annähernd so, wie du ihn darstellst."
Offensichtlich sah er das anders, denn die Art, wie er mit den Augenbrauen zuckte, sagte deutlicher als Worte es konnten: 'Wenn du meinst …'
„Was?"
„Nichts." Er biss wieder von seinem Sandwich ab.
„Blödsinn! Du hast so viel Meinung zu diesem Thema, dass sie dir beinahe aus den Ohren quillt. Spuck's schon aus!"
Er schnaubte. „Ich werde den Teufel tun und mich noch tiefer in deine Beziehung einmischen, als das Ministerium es von mir verlangt."
„Ich dachte, du stehst neuerdings so sehr auf Ehrlichkeit …"
„Tue ich, aber nicht um jeden Preis."
„Also lässt du mich einfach nur wissen, dass du irgendetwas von dem, was ich gesagt habe, für Blödsinn hältst, gibst mir aber keine Gelegenheit, das zu diskutieren?"
„Exakt."
Was zum … Du Arsch! Als ob du wüsstest, was Freundschaft ist … Der Gedanke war kaum durch ihren Kopf gewandert, als sie sich schon wieder dafür schämte. Trotzdem … „Dann erhelle mich mit deiner Definition von Freundschaft!"
„Ich sagte nicht, dass an deiner Definition etwas falsch ist."
„Hör auf abzulenken!" Sie schnappte sich ihren angebissenen Flapjack. Zucker war jetzt genau das, was sie brauchte.
„Freundschaft bedeutet für mich", begann er und lehnte sich vor, um sich Tee nachzuschenken, auffällig geschäftig, „wie ich vorhin bereits sagte, vor allem Loyalität. Zueinander zu stehen, die Meinungen Außenstehender zu ignorieren, füreinander einzustehen, sich gegenseitig den Rücken zu stärken." Kurz zuckte sein Blick zu ihr. „Sich gegenseitig helfen, im Leben vorwärts zu kommen, natürlich. Und Respekt."
Sie nickte langsam, die letzten Krümel ihres Riegels noch auf der Zunge.
Snape zog die Augenbrauen hoch. „Irgendwelche Einwände?"
„Nein, keine." Außer dass das unglaublich Slytherin war, aber was hatte sie auch erwartet, wenn sie so ein Spiel mit dem Kopf der Schlangen spielte? „Mach weiter!"
Zwei Sekunden lang hielt er ihren Blick noch fest, auf die passiv-aggressivste Art, die sie seit langem gesehen hatte, eine wahre Genugtuung, dann schüttelte er wieder die inzwischen hoffnungslos zerknitterte Liste aus und las: „Welche Rolle spielen Liebe und Zuneigung in deinem Leben? Oh, Freude …"
Dem konnte sie – ausnahmsweise – nur zustimmen. Oh, Freude … „Im Moment eine kleinere, als mir lieb ist. Und in deinem?"
„Keine. Nennt abwechselnd eine positive Charaktereigenschaft, von der ihr glaubt, dass sie euer Gegenüber besitzt. Macht dies fünf Mal." Dieses Mal warf er die Liste mit einem beinahe theatralischen Stöhnen von sich und wirkte persönlich beleidigt, weil sie nicht mehr wie vorhin ein Stück über die Tischplatte rutschte, sondern einfach liegenblieb, unmotiviert und veraltet wie Slughorn nach dem Ende des Krieges.
„Du bist loyal", machte sie den Anfang. Besser, es einfach hinter sich zu bringen.
„Moment! Fünf Mal für jeden von uns oder insgesamt?"
„Für jeden von uns. Sonst wären es sechs Mal."
Wieder stöhnte er.
„Hey, für mich ist das auch nicht unbedingt eine leichte Aufgabe, okay? Du wolltest weitermachen!"
Drei Sekunden lang schloss er die Augen, dann: „Meinetwegen. Du bist … halbwegs intell-"
„Keine versteckten Beleidigungen!"
In seinen geschürzten Lippen und seinem Blick stand die Reue darüber, den Scotch weggestellt zu haben. „Du bist lernfähig."
Ha! Arsch … „Du bist eloquent."
„Hilfsbereit."
Ugh, was kommt als nächstes? Nett?! „Du hast einen guten Humor."
„Ach ja?"
„Wenn ich nicht das Opfer bin …"
Er schnaubte. „Du bist schlagfertig."
„Und du mutig."
„Hast du mich gerade Gryffindor genannt?"
„Vielleicht …"
„Na warte …" Er schien gedanklich die Eigenschaften durchzugehen, die seinem Haus nachgesagt wurden, aber offenbar war keine negativ und gleichzeitig positiv genug, um seinen Ansprüchen an eine Retourkutsche zu genügen. Er schnalzte mit der Zunge. „Du bist ambitioniert."
„Danke!" Während er noch die Augen verdrehte, sagte sie: „Du bist leidenschaftlich."
„Wie bitte?"
„Deine Rede in unserer ersten Stunde Zaubertränke? Deine Korrekturen in deinem alten Tränkebuch? Die Art, wie du über die Dunklen Künste gesprochen hast? Leidenschaftlich." Sie nickte, wie um sich selbst zu bestätigen, und war sich ziemlich sicher, dass er ein bisschen Okklumentik bemühte, um seine Reaktion zu verschleiern. Das ist ja fast niedlich …
Er räusperte sich. „Du bist … tapfer."
Sie schürzte unfreiwillig geschmeichelt die Lippen. „So als Gryffindor …"
„Und manipulierbar wie eine Fünfjährige."
„Hey!"
„Nachdem ich inzwischen schon diverse Beleidigungen in deinen Augen gelesen habe, hatte ich mir das verdient."
„Was kann ich dafür, dass du in die Köpfe anderer Leute guckst? Was ich denke, geht dich nichts an!" Idiot! Sie dachte es mit Absicht, so laut sie konnte, während sie ihm direkt in die Augen sah.
„Noch einmal und ich ziehe dir Punkte ab."
„Ha! Das lässt Professor McGonagall dir nicht durchgehen!"
„Sicher?" Seine Stimme klang beinahe wie ein Schnurren.
Und wirkte wie eine verdammte Kopfmassage! Unfair … „Selbst wenn: Brauchst du wirklich das Punktesystem, um dich gegen mich durchzusetzen?"
Jetzt lächelte er auch noch wie eine Katze, die ihr Beutetier so fest im Blick hatte, dass der Angriff reine Formsache wurde. „Nein. Aber der Fairness halber werde ich davon absehen, meine anderen Optionen zu nutzen. Sie würden dir nicht gut bekommen."
Und trotzdem fragte sie sich, was diese anderen Optionen waren, interessanterweise mehr aus Neugier als aus Angst. Hm … „Was ist die nächste Frage?"
Er verbuchte das als Erfolg, Slytherin der er war. Aber die nächste Frage verpasste ihm einen Dämpfer: „Wie eng und herzlich sind die Beziehungen in deiner Familie? Denkst du, dass deine Kindheit glücklicher war als die anderer Menschen?" Er griff sich an die Nasenwurzel, als hätte er spontan Kopfschmerzen bekommen.
Und auch in ihren Schläfen begann es zu ziehen, als sie über diese Fragen nachdachte. Nicht gerade ihr liebstes Thema im Moment. Vielleicht auch nie wieder. Sie räusperte sich. „Zwischen meinen Eltern und mir war die Beziehung herzlich – bis Professor McGonagall vor unserer Tür stand. Danach … nicht mehr so sehr. Und andere Familie ist nicht übrig. Meine Eltern waren beide Einzelkinder und meine Großeltern sind schon tot. Und jetzt …" Ugh, nicht weinen. Sie kniff die Augen zu, bis sie aufhörten zu brennen. „Na ja, du weißt schon. Meine Kindheit … Ja, ich denke, dass sie glücklicher war als die anderer Menschen. Meine Eltern haben sich große Mühe gegeben, sie zu einer glücklichen Zeit zu machen."
„Und dann kam die magische Welt …"
„Ja." Auch wenn ihre Kindheit nicht unglücklich geworden war, als sie nach Hogwarts gekommen war, war es doch … schwieriger geworden, das konnte sie nicht leugnen.
„Und trotzdem kann deine liebste Erinnerung nur eine mit Magie sein?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Es gibt mich nicht mehr ohne Magie. Ich glaube, es gab mich eigentlich nie ohne Magie. Ich wusste vor Professor McGonagalls Besuch nicht, was es ist, aber ich wusste schon immer, dass es etwas in mir gab, das andere nicht zu haben schienen. Ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen soll. Aber ich nehme an, du weißt, was ich meine."
Er nickte nur, langsam, nachdenklich, mit Falten auf der Stirn und Gedanken in den Augen, die sie – im Gegensatz zu ihm – leider nicht lesen konnte, von denen sie sich aber spontan wünschte, er würde sie mit ihr teilen.
Was er natürlich nicht tat. Aber er sah sie so lange an, dass es unangenehm wurde und sie auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen begann. „Tja", beendete sie die Stille schließlich, „es gibt keine Perfektion."
„Nein."
„Und bei dir so?", murmelte sie und nickte zur Liste, bevor sie sich das letzte Stück ihres Flapjacks in den Mund steckte.
„Keine herzlichen Beziehungen, zwischen niemandem aus meiner Familie, soweit ich es weiß. Und meine Kindheit … Ich nehme an, es gibt immer jemanden, der eine schlimmere Kindheit hatte als man selbst. Ich würde sie trotzdem nicht als glücklich bezeichnen."
Nein, nach dem zu urteilen, was sie darüber erfahren hatte, würde sie das auch nicht. „Tut mir leid", sagte sie, bevor sie sich eines Besseren besinnen konnte. Scheiße!
„Was?"
„Ähm …" Ihre Wangen wurden heiß und sie holte so hektisch Luft, dass sie sich an einem Krümel verschluckte. „Nichts!", würgte sie gegen den Hustenreiz hervor.
Snape verdrehte die Augen und zückte seinen Zauberstab. „Anapneo!"
Gerade, als sie anfangen wollte zu husten, verschwand das Bedürfnis von einer Sekunde auf die andere und was ihr Körper als mittelschwere Explosion geplant hatte, verendete zu einem armseligen Röcheln, das sie unter einem Räuspern zu verstecken versuchte. „Danke."
„Hm." Dann nahm er wieder die Liste zur Hand. „Wie beurteilst du die Beziehung zu deiner Mutter?" Er hob den Blick, ohne den Zettel sinken zu lassen. „Ich nehme an, wir haben beide keine mehr?"
„Nope."
„Dann weiter im Text. Denkt euch beide drei wahre „Wir"-Aussagen aus. Zum Beispiel: Wir sind beide in diesem Raum und fühlen uns …" Er kräuselte die Nase.
„Wieder abwechselnd?", schlug sie vor und zupfte sich zwei Weintrauben von der Rispe.
„Meinetwegen."
„Wir sind beide genervt von den Familien-Fragen."
„Wir sind beide genervt von allen Fragen."
Sie lachte. „Und wir sind beide trotzdem nicht bereit aufzuhören."
„Nicht bevor wir nicht beide emotional blankgezogen haben."
„Als ob wir das noch nicht getan hätten …" Sie für ihren Teil hatte heute jedenfalls schon ein halbes Dutzend Mal zu oft vor ihm geweint.
Vor Snape!
Ihn schien es jedoch nicht genug zu stören, um sie ein letztes Mal rauszuschmeißen. „Wir sind auch beide nicht der Typ Mensch, der etwas unvollendet lässt."
„Touché. Trotzdem hoffen wir an diesem Punkt beide, dass wir diesen Raum wenigstens mit einem kleinen Rest Würde verlassen werden."
„Und wir wissen beide, dass das vermutlich nicht passieren wird."
„Was? Warum nicht? Was für Fragen kommen denn da noch?"
Er zog eine Augenbraue hoch. „Du hättest sie dir vielleicht vorher doch mal durchlesen sollen."
„Habe ich! Aber ich habe mir nicht alles gemerkt. Zeig mal!" Sie wollte ihm die Liste aus den Fingern ziehen, wie er es vorhin getan hatte, aber er hielt sie von ihr weg.
„Zu spät, Granger. Jetzt gehst du blind in diese Prüfung."
„Pah! Von mir aus … Ich habe nichts mehr zu verbergen." Trotzdem: Mistkerl!
„Fünf Punkte von Gryffindor."
Was zum …
„Ich habe dich gewarnt!" Er deutete mit zwei Fingern seiner bandagierten Hand erst auf seine, dann auf ihre Augen.
„Wirklich? So tief sinkst du? Wegen meiner Gedanken?"
„Du hast keine Ahnung, wie tief ich bereit bin zu sinken. Insbesondere da ich es ab morgen nicht mehr kann."
Sie kniff die Augen zusammen. „Du kannst mir keine Punkte mehr abziehen, wenn wir verheiratet sind?"
„Nicht ohne jeden Abzug zu begründen."
„Huh!"
„Oh, keine Angst, mir werden Gründe einfallen."
„Klar …" Sie verdrehte die Augen und gab sich Mühe, es möglichst laut zu tun. „Nächste Frage!"
Er schnalzte mit der Zunge, bevor er wieder auf die Liste des Verderbens sah. „Beende diesen Satz: Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich erzählen könnte … Jetzt bin ich gespannt! Was ist es, das du noch niemandem erzählt hast?"
Die Art, wie er es sagte und sich dabei ein Stück auf den Tisch lehnte, war so absurd, dass sie kurz auflachte. Dann ließ sie sich zurücksinken. Für was wünschte sie sich jemanden, der ihr zuhören würde? Was hatte sie noch niemandem anvertraut? Während sie nachdachte, lag Snapes Blick mal wieder auf ihr, als würde er schon jetzt auf das leiseste Zeichen einer Lüge lauern. Immer noch ein Spion … Ob er das wohl jemals loswerden würde?
Bevor sie sich in diesen Gedanken verlieren konnte, sagte sie: „Es ist kein wirkliches Geheimnis, eigentlich nicht mal ein unwirkliches, aber ich … habe das noch nie ausgesprochen, weil ich immer Angst hatte, man würde mich auslachen. Ich weiß, die Jungs hätten es getan."
„Natürlich …"
„Shh! Also: Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich erzählen könnte, dass ich bis heute noch Angst habe, dass jemand mir meinen Zauberstab wieder wegnimmt und sagt, ich sei doch nicht gut genug für die magische Welt."
Sie hatte kaum ausgesprochen, da öffnete Snape schon den Mund und sie wusste, dass sie hassen würde, was er sagen wollte. Sie konnte es einfach am Ausdruck in seinen Augen, vielleicht auch den Augenbrauen erkennen. Er fand es lächerlich. Genauso lächerlich wie die Jungs es gefunden hätten. Deswegen hatte sie es noch nie laut ausgesprochen – und wusste trotzdem, dass jeder, der sie ein bisschen genauer ansah, es sehen würde. Es hatte seine Gründe, warum sie sich bei jeder Prüfung mehr Mühe gab als alle anderen. Sie wusste natürlich, wie lächerlich das war. Dass sie keinen Grund hatte, zu befürchten, man würde sie wie eine Betrügerin der magischen Welt verweisen, nachdem sie Harry dabei geholfen hatte, Voldemort zu vernichten. Aber das Gefühl war immer noch da und Snape würde sich darüber lustig machen.
Nur dass er es nicht tat.
Er klappte seinen Mund wieder zu und nickte. Mehr nicht. Nur ein Nicken. Aber es war die größte Akzeptanz, die dieses Gefühl tief in ihrem Bauch jemals erfahren hatte.
Sie nickte zurück, denn ganz ehrlich: Wenn sie jetzt den Mund aufgemacht hätte, hätte sie schon wieder zu heulen begonnen. Scheiß Fragen …
Snapes schweres Seufzen beendete den Moment. „Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich erzählen könnte, dass … es sich nicht anfühlt, als wäre es genug gewesen."
„Was?"
Er schnaubte, ein kleiner bitterer Ton. „Der Krieg, was ich getan habe."
Sie holte tief Luft. Wow … Snapes Anblick in diesem Moment war gleichzeitig absolut unerträglich und so roh, dass sie nicht wegsehen konnte. Nun war es an ihm, sich zu räuspern und vermutlich hätte er irgendetwas gesagt, um diesen Moment zu beenden, aber sie kam ihm zuvor: „Ich ähm … weiß nicht, ob dir das hilft, aber … Harry geht es genauso."
„Ach ja?", schnarrte er.
Sie nickte. „Er ist überzeugt, er hat nichts getan, außer sich umbringen zu lassen und einen Entwaffnungszauber zu sprechen. Alles andere sei … einfach passiert."
Als die Falte zwischen Snapes Augenbrauen sich vertiefte, zog sie den Kopf ein. Blöder Fehler! Wie war sie bloß darauf gekommen, ihn mit Harry zu vergleichen? Mit Harry! Als ob das jemals gut gegangen wäre … Ganz blöder Fehler …
Aber auch dieses Mal überraschte er sie, indem er den Mund wieder zuklappte, auch wenn die ärgerliche Miene blieb. „Wenn du mit deinem Gegenüber eine enge Freundschaft schließen würdest, was müsste er oder sie dann unbedingt von dir wissen?"
„Oje …" Sie schürzte die Lippen und legte für einen Moment den Kopf in den Nacken, vielleicht wegen beidem, dem Loslassen der Stimmung von gerade eben und dem Einlassen auf die Stimmung, die jetzt kommen würde. Sie hasste es, über ihre Schwächen zu sprechen. Aber wenn sie an die letzten Jahre mit den Jungs dachte, dann war das vermutlich wirklich etwas, das man wissen sollte, bevor man sich auf eine Freundschaft mit ihr einließ. „Ist vermutlich nichts Neues mehr für dich, aber: Ich bin pragmatisch. Extrem pragmatisch. Wenn man mir von einem Problem erzählt, suche ich nach einer Lösung. Wenn ich ein Problem sehe, suche ich nach einer Lösung. Wenn ich ein Problem habe -"
„Suchst du nach einer Lösung."
„Ja." Sie sagte es mit einem Nicken. „Ich bin einfach nicht der Typ für Tee trinken und Zuhören und Taschentücher reichen. Ich suche nach Lösungen. Und manchmal suche ich nach Lösungen für Probleme und löse sie, ohne jemanden darüber zu informieren."
„So wie mit Potters Besen damals?"
„Genau. Das ist es wohl, womit man es bei mir am schwersten hat: Ich suche nach Lösungen für meine Probleme, allein, und vergesse, meinen Freunden zu erzählen, dass ich überhaupt ein Problem habe."
„Natürlich, schließlich darfst du nicht um Hilfe bitten", warf er nonchalant ein.
„Keine Psychoanalyse, bitte!"
Er schmunzelte.
„Es kommt jedenfalls regelmäßig vor, dass jemand sauer auf mich ist, weil er hätte helfen können und ich einfach nichts gesagt habe." Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke einfach nicht daran. Außer ich komme zu dem Schluss, dass ich jemanden für die Problemlösung brauche."
Snape schürzte die Lippen. „Aus einer Position heraus, in der das Lösen anderer Leute Probleme meine Hauptbeschäftigung gewesen ist, klingt das nicht gerade nach einer schlechten Eigenschaft."
„Es kommt wohl darauf an, was für ein Typ Mensch man ist. Aber was du vielleicht angesichts unserer … speziellen Lage auch noch wissen solltest: Ich rede im Schlaf. Falls wir also dazu gezwungen sein sollten, uns ein Schlafzimmer zu teilen, müssen wir uns wohl eine magische Lösung dafür überlegen."
„Oh, keine Sorge, ich kann hervorragende Silencios wirken."
„Zweifellos …"
„Und einen ebenso guten Stupor."
„Wehe!" Sie schnaubte, lächelte aber schief, als er es tat. „Und, was muss ich über dich wissen?"
Snape neigte den Kopf. Dann holte er tief Luft und warf einen Blick auf die Liste, so als müsste er die Frage noch einmal lesen. „Man sollte über mich wissen, dass ich mich nicht melde. Niemals. Ich fühle mich wohl, wenn ich alleine bin, und ähnlich wie du vergesse ich es, soziale Interaktion zu initiieren."
„Und ich nehme an, du reagierst nicht positiv darauf, wenn andere es tun?"
„Selten", gab er zu. „Dafür tendiere ich dazu, still zu sein, wenn ich schlafe."
„Ha ha."
Er feixte.
„Wie lautet die nächste Frage?"
Er runzelte die Stirn und begutachtete die Liste. „Sage deinem Gegenüber, was du an ihm oder ihr magst. Sei dabei ehrlich und sage Dinge, die du normalerweise einer Person, die du gerade erst kennengelernt hast, nicht sagen würdest."
Oh, Freude … Sie holte tief Luft und stieß sie ungenutzt wieder aus. Ihr war sofort etwas in den Sinn gekommen, das sie ihm normalerweise niemals gesagt hätte. Aber das könnte wirklich peinlich werden, für sie beide. Soll ich? Muss ich?
„Das scheint interessant zu werden." Ein Ausdruck unverhohlener Neugier stand in Snapes Gesicht. Neugier und Herausforderung. Tu es, wenn du dich traust!, schienen seine Augen zu sagen.
Und die Gryffindor in ihr sprang natürlich darauf an. „Deine Hände."
Er stutzte. „Wie bitte?"
„Ich mag deine Hände. Ich mag es, wie du sie bewegst. Wie sie aussehen. Wie du deinen Zauberstab hältst. Alles daran ist sehr elegant und präzise. Ich mag … deine Hände."
Er sah sie sich an, seine Linke, die immer noch die Liste hielt, und seine Recht, die bis zur Mitte seiner schlanken Finger mit einer dicken Binde umwickelt war. „Nun, das ist definitiv nichts, das man jemandem sagt, den man gerade erst kennengelernt hat."
„Nein", sagte sie und nun war das Amüsement auf ihrer Seite. „Wie so vieles andere heute Abend." Normalerweise hätte sie ihm kaum etwas von dem erzählt, was er heute erfahren hatte.
Aber was war an diesen Umständen schon normal? Was war normal an einer Zwangsehe? Was war normal an diesem Moment? An Fragen, die Nähe erschaffen sollten, die es andernfalls nicht gegeben hätte?
Nichts.
Snape nickte langsam und räusperte sich dann. „Mir gefällt deine Entschlossenheit. Deine Fähigkeit, ein Ziel zu haben und den kürzesten Weg dorthin zu gehen, dich dabei aber nicht korrumpieren zu lassen."
Sie schnaufte. „Wer sollte mich schon korrumpieren?" Niemand auf der anderen Seite hätte sie gewollt. Nicht mit ihrer Abstammung.
„Es gibt einiges, das dich korrumpieren kann. Der einfache Weg. Nur eine Abkürzung. Und vielleicht noch eine zweite …" Er schüttelte bedächtig den Kopf. „Es geht schneller, als man denkt. Aber du balancierst die ganze Zeit auf der schmalen Linie dazwischen, tust mal einen Schritt auf die falsche Seite, findest aber immer wieder zurück. Im Interesse von uns allen hoffe ich, dass es so bleibt."
Ganz unfreiwillig, so als würde ihr Körper es ohne ihr Einverständnis tun, schluckte sie. „Ich ähm … werde darauf aufpassen."
Wieder nickte er, nur einmal, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden. Dann zog er wieder die Liste zu Rate, auf der an diesem Punkt nicht mehr allzu viele Fragen stehen konnten, die sie noch nicht beantwortet hatten. „Teile mit deinem Gegenüber einen peinlichen Moment in deinem Leben."
Ugh! „Habe ich das nicht schon? Du bist Zeuge meines peinlichsten Moments überhaupt gewesen!"
„Bin ich?"
„Ähm … ja? Oder warst du etwa nicht derjenige, der mich von Katzenschwanz und Schnurrhaaren befreit hat?"
Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem rumpelnden Lachen, das wie aus dem Nichts über ihn hereinbrach – und enttäuschend schnell wieder verstummte. „Stimmt, ich erinnere mich. Nun, ich denke, unter diesen Umständen musst du wohl noch einen anderen peinlichen Moment mit mir teilen."
„Ha! Ich muss gar nichts – außer dich heiraten. Aber ich mach dir ein Angebot: Du erzählst mir einen peinlichen Moment und dann überlege ich, ob mir das noch einen zweiten wert ist."
„Wir verhandeln jetzt also …"
Offensichtlich.
Er schnaubte leise; zweifellos hatte ihn ihre Antwort erreicht, auch ohne sie laut auszusprechen. Dann schnalzte er mit der Zunge. „Ich nehme an, die diversen Unterrichtsstunden, die der Schulleiter für mich abhalten musste, weil ich bei einem meiner Experimente unterschätzt hatte, wie lange die Tränke wirken würden, zählt nicht als solcher Moment."
„Nein."
„Obwohl sie peinlich waren, alle von ihnen. Dass du das nicht nachvollziehen kannst, liegt einzig und allein daran, dass du nie Albus Dumbledore anflohen und mit handtellergroßen Pupillen gestehen musstest, dass du deine erste Klasse Slytherin-Ravenclaw nicht wirst unterrichten können. Und die vierte Gryffindor-Slytherin danach vermutlich auch nicht."
Sie grinste.
„Zugegeben, beim ersten Mal fand ich es selbst noch amüsant. Beim fünften nicht mehr."
„Und ich dachte, du seist intelligent."
„Gelegentlich bin ich das. Jedoch niemals, wenn es um das Testen von Tränken geht."
Interessant. „Das genügt mir trotzdem nicht, um noch einen zweiten peinlichen Moment aus meinem Leben mit dir zu teilen, tut mir leid." Sie griff nach ihrer Tasse, die mit einem Warmhaltezauber belegt sein musste, denn der Tee hatte noch immer die perfekte Temperatur. Zum Glück hatte sie Snape seinen vorhin nicht ins Gesicht gekippt …
„Natürlich nicht", kommentierte er derweil. „Aber ich werde meinen zweiten Moment bekommen. Dein zweites Schuljahr war offenbar eine peinliche Zeit für beide von uns, denn kurz nach Ostern ließ ich mich von Gilderoy Lockhart in eine Art Wettstreit verwickeln, in dem wir … Nun, ich denke, es gibt keine Möglichkeit, es zu beschönigen, es war letztendlich ein Schwanzvergleich."
Sie prustete in ihre Tasse. „Bitte was?"
Er zuckte, angesichts seiner Wortwahl eigentümlich nonchalant, mit den Schultern. „Er fing – zum wiederholten Male, wie ich anmerken möchte – an, seine überwältigenden Errungenschaften und Leistungen im Lehrerzimmer zum Besten zu geben. Keiner von uns konnte es noch ertragen. Und da ich mich mit meiner Meinung über ihn zurückgehalten hatte, seitdem Dumbledore ihn uns als neuen Kollegen präsentiert hatte – und das waren an dem Punkt immerhin bereits acht Monate! –, ist mir schließlich der Kragen geplatzt. Wahrlich keine meiner Sternstunden, insbesondere da ich die Hälfte meiner Errungenschaften und Leistungen nicht preisgeben konnte, da ich einen Auftrag als Spion zu erfüllen hatte. Bedauerlich, dass er heute nicht einmal mehr seinen eigenen Namen weiß …"
Hermine, die sich inzwischen den Tee von ihrem Kinn und der Nasenspitze getupft hatte, zog die Augenbrauen hoch. „Warum? Er hätte bloß einen Weg gefunden, alles so zu drehen, dass es klingt, als hätte er Voldemort im Alleingang vernichtet."
Snape feixte. „Vermutlich. Nun, ist die Geschichte gut genug?"
Sie atmete zischend ein. „Bedauerlicherweise ist sie das." So gut, tatsächlich, dass sie es zu gern gesehen hätte. Vielleicht konnte sie Professor McGonagall die Erinnerung daran entlocken.
„Dann habe ich mein Ziel erreicht." Er lehnte sich auf die Schreibtischplatte. „Also, rück raus mit der Sprache! Was hast du noch Peinliches angestellt, außer dem Vielsafttrank ein Haar beizufügen, das du vorher auf seinen Ursprung hättest überprüfen sollen?"
Sie schürzte die Lippen. „Also gut. In meinem dritten Jahr habe ich Hagrid zum Weinen gebracht."
„Das haben wir alle."
„Als Professor Dumbledore ihn gerade besuchen wollte."
„Mmh, es ist immer Dumbledore."
„Ja", lachte sie. „Ich war so drüber wegen meiner ganzen Kurse und weil Harry und Ron nicht mehr mit mir geredet haben und Parvati und Lavender mir mit ihrem Wahrsagen-Fimmel auf die Nerven gegangen sind … Trotzdem habe ich versucht, Hagrid mit dem Prozess gegen Seidenschnabel zu helfen, weil es nun mal das ist, was ich tue, ich löse Probleme."
„Und du bittest nicht um Hilfe."
„Pscht! Hagrid kam jedenfalls immer wieder an mit Verteidigungen, die vor keinem Gericht dieser Welt Bestand gehabt hätten, während ich mich durch Präzedenzfälle und Gesetzestexte gearbeitet und ihm zu erklären versucht habe, was er sagen muss, wenn er vor Gericht auftritt. Aber er war … na ja, halt Hagrid. Und da bin ich ausgerastet und habe ihm so lange Vorhaltungen darüber gemacht, dass er sich zusammenreißen und konzentrieren soll, anstatt diesen Nonsens zu reden, dass er irgendwann in Tränen ausgebrochen ist. Und dann stand Dumbledore vor der Tür und ich musste ihm erklären, was passiert war."
Snapes Mundwinkel zuckten, vielleicht weil ihre Wangen selbst nach all den Jahren noch warm wurden beim Erzählen. „Also hast du doch eine ungefähre Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, Dumbledore Rede und Antwort stehen zu müssen."
„Oh ja." Sie lächelte, trotz allem. Der verstorbene Schulleiter hatte diese Art gehabt, einem in die Augen zu sehen … Als würde er einem direkt in die Seele sehen, aber nicht mit Legilimentik. Oder vielleicht doch, aber anders als Snape. Seitdem sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn Snape Legilimentik anwandte, war sie noch weniger dazu in der Lage, an das, was Dumbledore getan hatte, einen Namen zu heften.
Aber nun war es wohl auch egal. Er war tot und blickte niemandem mehr in die Seele, weder mit Legilimentik noch auf sonst irgendeine Art.
Sie nickte zur Liste. „Nächste Frage. Mehr peinliche Momente kriegst du nicht von mir."
„Abwarten … Wann hast du zum letzten Mal in Gegenwart einer anderen Person geweint? Und wann für dich alleine?"
„Oh, das ist einfach. Heute, hier, vor dir. Und gestern Abend im Bett."
„Hm", machte er, die Augen so schmal, dass sie sich fragte, ob er überhaupt noch etwas sehen konnte. Vielleicht weil diese Frage für ihn nicht so einfach zu beantworten war wie für sie. Obwohl er es einfach wirken ließ, als er sagte: „Im St.-Mungos, nachdem ich wieder aufgewacht bin, vor meinem Heiler. Und im … Haus am Grimmauldplatz nachdem ich den Schulleiter umbringen musste."
Sie nickte nur und wäre niemals auf die Idee gekommen, ihn danach zu fragen, aber sie konnte nicht umhin sich zu wundern, weswegen Snape im St.-Mungos geweint hatte – weil er für sein Überleben dankbar gewesen war oder weil er es bedauert hatte. Aber so viele Fragen sie einander an diesem Abend auch beantworteten, diese würde keine davon sein. Dass er ihr das überhaupt erzählte, fühlte sich schon an wie … Nein, ihr fiel kein passender Vergleich ein. Es fühlte sich einfach viel zu nah an, offener, als es zwischen ihnen sein sollte, und eine neue Welle Hass auf das Ministerium wogte durch ihre Brust. Vielleicht musste sie sich so und anders auch eine neue Karriere suchen … „Weiter!"
Snape räusperte sich. „Nenne eine Sache, die du bereits jetzt an deinem Gegenüber magst."
Ugh … Das schon wieder. In diesen Fragen fand bedenklich viel 'Was ich an dir toll finde' statt, so viel, dass es sich inzwischen anfühlte wie diese furchtbaren Freundealben, die ihre Mitschülerinnen damals füreinander ausgefüllt hatten und in denen sie jedes kleinste Detail minutiös aufgelistet hatten, selbst Dinge wie: „Ich mag, dass du Herzchen statt I-Punkten benutzt!"
Widerlich …
Sie ließ sich seufzend auf ihrem Stuhl zurücksinken. „Da ich annehme, dass dein Humor, deine Eloquenz, deine Loyalität, dein Mut und deine Hände nicht mehr zählen – obwohl ich tatsächlich alles davon mag und schon immer mochte …" Sie schürzte die Lippen, wieder einmal hin und her gerissen zwischen ihrem Gryffindor-Mut und dem Bedürfnis, mit einem letzten Rest Würde aus diesem Gespräch zu gehen. Oh, scheiß drauf! Für Würde war es sowieso zu spät. „Deine Hingabe. Was du tust, tust du zu einhundert Prozent, selbst wenn du es hasst. Jedenfalls … sobald du deinen anfänglichen Starrsinn überwunden hast. Das mag ich."
„Es gäbe eine ganze Reihe von Menschen, die dir darin widersprechen und behaupten würden, ich würde immer einen Weg finden, mich aus allem herauszuwinden."
„Mag sein, aber soweit ich es mitbekommen habe, gab es einiges, aus dem du dich nicht herauswinden konntest. Und meiner Wahrnehmung nach hast du all diese Dinge zu einhundert Prozent gemacht." Sie hob die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen, nicht gewillt, irgendetwas an ihrer Antwort zu ändern.
„Sobald ich meinen anfänglichen Starrsinn überwunden hatte."
„Selbstverständlich."
Snape schnaubte leise. „Und ich nehme an, du erwartest jetzt, dass ich auch diese Ehe zu einhundert Prozent angehen werde, nachdem du mich nun dazu gebracht hast, meinen Starrsinn zu überwinden?"
„Ähm …" Whoah, ganz ruhig, Professor! „Ich glaube, fünfzig reichen mir. Wir wollen ja kein bis dass der Tod uns scheidet daraus machen, oder?"
„Nein!", schnaubte er. „Bis dass der Zaubereiminister uns scheidet muss reichen."
„Absolut."
„Sobald er wieder ins Ministerium kommt."
„Stimmt."
„Was sich dem derzeitigen Stand nach zu urteilen nur um Wochen bis Monate handeln kann."
„Und demnach weit vor unserem Tod passieren sollte."
„Hoffentlich."
„Ja …" Sie tauschten einen Blick, der getränkt war in Unbehagen und Verlegenheit. Oh, Merlin … Was, wenn das Ministerium sich nicht in den nächsten Wochen oder Monaten wieder öffnen würde? Was, wenn sie Jahre verheiratet sein würden? Jahre, in denen sie zusammenleben und zwangsweise Zeit miteinander verbringen würden. Sich kennenlernen, einen Alltag finden würden. Was, wenn sie anfangen würden, sich zu mö-
„Wie dem auch sei", sagte Snape so laut, dass Hermine zusammenzuckte. „Das wird dich an diesem Punkt dieses Abends vermutlich nicht mehr überraschen, aber ich mag deine Loyalität. Potter und Weasley haben sich weiß Merlin große Mühe gegeben, es sich mit dir zu verscherzen, und dennoch hast du nie aufgehört, ihnen das Leben zu retten."
Sie schnalzte mit der Zunge. „Was soll ich sagen? Ich liebe die Idioten."
Das entlockte Snape ein kleines Lachen. „Ich hoffe, sie wissen es zu schätzen."
„Das tun sie. Außerdem … Sie haben es mit mir auch oft nicht leicht. Ich denke, wir haben uns alle nichts vorzuwerfen."
„Also habt ihr einander verdient?"
Sie nahm sich einen Moment, um darüber nachzudenken. Über die negative Konnotation dieses Wortes und die positive. Dann nickte sie. „Ja, ich denke schon. Auf die beste und die schlechteste Art haben wir einander wohl verdient."
Snape nickte, so als hätte sie ihm ein weiteres Puzzleteil von sich überreicht, das er nun im Kopf drehte und wendete, bis er den richtigen Platz dafür gefunden hatte in dem Bild, das er von Hermine Granger im Kopf hatte.
„Nächste Frage!", forderte sie schließlich und nahm sich ein Sandwich. Langsam bekam sie doch Hunger.
„Worüber macht man keine Witze, sofern es so etwas gibt?"
Kauend neigte Hermine den Kopf zur Seite. Witze … Nachdem sie geschluckt hatte, sagte sie: „Ich denke, man kann über alles Witze machen, aber es kommt darauf an, wer sie macht. Tritt man nach oben – lass dich nicht aufhalten! Tritt man nach unten – nicht so geil."
„Das heißt?", hakte Snape nach, aber seinem Blick nach zu urteilen nicht, weil er nicht verstanden hätte, was sie meinte, sondern weil er wissen wollte, welches Beispiel sie wählen würde.
Sie schürzte die Lippen, während sie mit der Zunge ein Stück Brot aus ihren Zähnen pulte. Oh, das wird ihm nicht gefallen … Aber das traf wohl inzwischen auf einiges an diesem Abend zu. „Das heißt", sagte sie also, „wenn Draco Malfoy einen Witz über Muggelgeborene macht, ist er ein Arsch. Wenn ich einen Witz darüber mache, dass er seinen Anstand gegenüber eben jenen aus dem Ausverkauf hat, bin ich keines."
„Sondern?"
„Lustig", sagte sie achselzuckend, „vor allem bin ich lustig und das kommt so selten vor, dass ich ein kleines bisschen Anerkennung dafür verdient habe."
„Ha ha", sagte er trocken, aber mit einer nachdenklichen Falte zwischen den Augenbrauen.
Sie grinste trotzdem. „Das reicht mir."
„Ach ja? Dann sollte ich meine vorherige Einschätzung, du seist ambitioniert, vielleicht nochmal überdenken."
„Tu das, aber da ich keine Stand-up-Comedienne werden will, sind mir meine mangelnden Ambitionen auf diesem Gebiet ehrlich gesagt egal."
„Bedauerlich. Wo du doch schon so genau weißt, worüber du Witze machen darfst und worüber nicht."
„Ja, aber wie wir gerade festgestellt haben, bin ich meistens einfach nicht lustig."
„Hört, hört."
Idiot. Aber sie dachte es mit einem Lächeln, über das sie besser nicht genauer nachdachte. Themenwechsel! „Und du? Worüber sollte ich deiner Meinung nach keine Witze machen?"
„Über Dinge, von denen du nicht genug weißt, um dir eine Meinung darüber bilden zu können. Und über mich, selbstverständlich."
Ups. „Und ich nehme an, mein Beispiel von eben fällt in die erste Kategorie?"
„Nein", sagte er, unterstrich es sogar mit einem langsamen Kopfschütteln, „die Form der … Traumabewältigung, für die Draco sich entschieden hat, spricht nicht gerade für ihn. Aber sein Anstand – so mangelhaft er auch ist – hat tatsächlich eine Menge Geld gekostet."
Hermine, die gerade von ihrem Sandwich abgebissen hatte, hielt sich eine Hand vor den Mund, als sie ein kleines Lachen nicht zurückhalten konnte. „Hätte ich mir denken können, dass bei ihm nichts aus dem Ausverkauf ist …"
„Allerdings." Auch Snape lächelte flüchtig, dann zog er wieder die Fragenliste zu Rate, wirkte dabei aber so abgelenkt, dass Hermine sich ziemlich sicher war, dass ihn etwas an ihrer Antwort beschäftigte, das er nicht mit ihr teilen wollte. Die nächste Frage wischte diese Überlegung jedoch vorerst beiseite: „Wenn du heute Abend sterben würdest, ohne die Möglichkeit mit jemandem zu sprechen, was würdest du bereuen, jemandem nicht gesagt zu haben? Warum hast du es noch nicht gesagt?"
Der Bissen in ihrem Mund schien sich spontan zu verdoppeln und widersetzte sich ihrem Versuch, heruntergeschluckt zu werden. Letztendlich brauchte sie einen Schluck Tee, um ihn herunter zu spülen. „Ähm …" Sie räusperte sich, während ihr Herz einen sonderbaren Hüpfer machte. „Meine Eltern", erklärte sie mit einem mühsamen Lächeln, „ich würde es bereuen, ihnen nicht gesagt zu haben, dass … es mir leid tut."
„Was tut dir leid? Ihnen das Leben gerettet zu haben?"
„Nein, aber es ohne ihr Einverständnis getan zu haben."
„Mhh", summte Snape und nickte langsam.
„Ja." Sie presste die Lippen aufeinander. Ihren Eltern einfach einen Schlaftrank unterzujubeln und ihnen dann die Erinnerungen zu nehmen, war … nun ja. Aber sie war sich einfach nicht sicher gewesen, ob sie es hätte tun können, wenn sie sie vorher hätte überzeugen müssen. Ihre Mutter hätte sich schlichtweg geweigert, sie allein in England zu lassen, ihr Vater hätte sofort nach Wegen gesucht, sie außer Landes zu schaffen. Sie liebte ihre Eltern, wirklich! Aber sie hatten nicht die geringste Vorstellung davon, in was für einen Krieg Hermine verwickelt gewesen war.
„Warum hast du sie noch nicht zurückgeholt?"
„Ich ähm -" Sie klappte den Mund zu und wischte sich ein Haar aus dem Gesicht. In den letzten Monaten hatte sie eine Mauer aus Ausreden um diesen Grund herum hochgezogen, an der jede Frage von Harry, Ron und auch Ginny abgeprallt war wie ein Flummi. Es war zu einem regelrechten Automatismus geworden, beinahe hätte sie Snapes Frage eben genauso abblitzen lassen. Sie sah kurz auf. Und nochmal, weil der Ausdruck in seinen Augen so offen und ruhig war, dass sie sich vergewissern musste, dass sie es sich nicht eingebildet hatte. Aber das hatte sie nicht. Er sah sie an, als ob … Aus irgendeinem Grund war sie sich sicher, dass er ihr eine Lüge auf diese Frage durchgehen lassen würde und das berührte sie so unvermittelt, dass ihre Augen dieses Mal aus anderen Gründen brannten. Wow … „Ich denke, ich habe einfach Angst", sagte sie schließlich und das war die reine Wahrheit. „Dass sie mir nicht verzeihen werden."
Snape nickte langsam. „Das ist möglich."
„Ja. Wahrscheinlich sogar." Und vielleicht war es gnädiger, sich selbst und ihren Eltern die Enttäuschung zu ersparen. Vielleicht waren sie glücklicher, wenn sie sich nie mehr daran erinnern würden, dass sie eine Tochter gehabt hatten, die sie einfach aus ihrem Leben gestrichen hatte mit Kräften, die sie selbst niemals vollends verstehen würden.
„Aber nicht sicher", durchbrach Snapes Stimme den Dunst, der sich immer dichter um Hermine zu weben und sie zu ersticken drohte. „Vielleicht überraschen sie dich."
„Und was, wenn nicht?", flüsterte sie.
„Dann kannst du lernen, sie loszulassen."
Der Kloß in ihrem Hals wurde so dick, dass es sich anfühlte, als hätte sie eine schlimme Erkältung, und als ihre Sicht verschwamm, blinzelte sie. Oh, Merlin … Sie schnappte sich eine unbenutzte Serviette und betupfte sich die Augen. „'Tschuldigung."
„Was?", fragte er und zog sowohl die Schultern als auch die Augenbrauen hoch. Und als Hermine wackelig lächelte, erwiderte er es flüchtig. Dann holte er tief Luft. „Ich befürchte, ich habe keine so tiefgreifende Antwort auf diese Frage. Da ich kürzlich erst in der Lage gewesen bin zu glauben, ich würde sterben, und in diesem Moment in der Tat einiges bereut habe, das ich gesagt oder auch nicht gesagt habe, habe ich meine zweite Chance genutzt und das nachgeholt. Wenn ich heute Abend sterben würde, würde ich es in dem Wissen tun, dass nichts ungesagt geblieben ist." Trotzdem runzelte er die Stirn und sah hinab auf das Papier, nachdem er geendet hatte, weswegen Hermine schwieg und wartete, ob er noch etwas hinzufügen würde. „Ich wäre vermutlich einfach nur froh, dass das Ministerium nicht die Genugtuung bekäme, uns zu verheiraten."
„Ich dachte, du hättest keine tiefgreifende Antwort", murmelte Hermine.
„Ist es das?"
„Na ja, schon. Zumindest ist diese Zwangsehe nichts, für das es sich zu sterben lohnen würde. Ich wäre lieber für den Rest meines Lebens mit dir verheiratet als dich nochmal sterben zu sehen."
Die Worte stolperten aus ihrem Mund, bevor sie sie bewusst gedacht, geprüft oder auch nur verstanden hatte. Und als ihr Hirn endlich mit ihrem Mund aufholte, fühlte sie sich, als hätte ihr jemand die Klamotten weggezaubert. Ups …
Langsam kletterte Snapes linke Augenbraue höher auf seiner Stirn und Hermine wappnete sich innerlich gegen das, was er als nächstes sagen würde, während sie sich dazu zwang, den Mund zu halten, anstatt dem Drang zu plappern nachzugeben, mit dem sie es vermutlich … Nein, mit absoluter Sicherheit nur noch schlimmer machen würde.
Aber Snape sagte nichts.
Stattdessen kletterte seine Augenbraue einfach langsam wieder nach unten und sie glaubte, sehen zu können, wie er seine Antwort herunterschluckte. Der Zettel mit Fragen zitterte etwas, als er ihn hochhob. „Dein Haus mit all deinem Besitz fängt an zu brennen. Nachdem du deine Liebsten und deine Haustiere gerettet hast, kannst du ein letztes Mal ins Feuer laufen und einen Gegenstand retten. Welcher wäre das und warum?" Er legte das Papier wieder ab. „Ich nehme an, wir sollten unseren Zauberstab ergänzen."
Hermine nickte, die Lippen geschürzt. Ihr Zauberstab war in der Tat das Erste, woran sie gedacht hatte, und ein kleines bisschen bedauerte sie den Verlust dieser einfachen Antwort. Nach der letzten Frage wäre das eine willkommene Pause gewesen.
Aber auch ohne ihren Zauberstab kam ihr sofort eine Antwort in den Sinn. Allerdings eine, die sich an diesem Punkt anfühlte wie ein zu oft gespieltes Lied, das selbst ihr allmählich zu den Ohren heraushing. Sie schürzte die Lippen, wälzte ihre Gedanken einen Moment im Kopf und traf dann eine Entscheidung. „Die ehrliche Antwort auf diese Frage lautet die Kiste mit Sachen von mir, die ich aus dem Leben meiner Eltern entfernen musste aus Gründen, die wir inzwischen ad nauseum besprochen haben. Deswegen möchte ich dieses Mal den zweiten Gegenstand auf meiner Liste nehmen und das ist das Buch 'Die Märchen von Beedle dem Barden', das Professor Dumbledore mir vermacht hat." Sie schluckte unwillkürlich. „Nicht weil es von Professor Dumbledore stammt und auch nicht weil es uns dabei geholfen hat, Voldemort zu vernichten, sondern … weil es mir geholfen hat, nicht den Verstand zu verlieren. Das Exemplar ist in Runen verfasst und wann immer ich im letzten Jahr das Gefühl hatte, dass mir alles zu viel wird und wir Voldemort unmöglich vernichten können, habe ich in diesem Buch gelesen. Auch und … insbesondere in der Zeit, in der Ron nicht bei uns gewesen ist. Ich ähm … Das ist es, was ich vor einem Feuer retten würde."
„Direkt nachdem du die Sachen deiner Eltern gerettet hast."
„Ja."
„Die sie möglicherweise niemals wieder brauchen geschweige denn vermissen werden."
„Ja." Es waren nicht ihre Sachen, sie passte nur darauf auf. Sie würde sie nicht verbrennen lassen können.
Snape nickte langsam. Und wechselte dann abrupt das Thema: „Warum war Mr Weasley eine Weile lang nicht bei euch?"
Sie verzog das Gesicht. „Es lag am Horkrux. Wir haben ihn alle abwechselnd getragen und … das Ding hat uns alle wahnsinnig gemacht. Ron war einfach wütend und ist im Affekt abgehauen. Durch die Banne, mit denen ich unser Lager geschützt habe, hat er uns dann einige Wochen lang nicht wiedergefunden."
Wieder sah Snape sie unergründlich an und Hermine hatte das vage Gefühl, dass er gerade still für sich ein paar Schlüsse zog, die ihr nicht gefallen würden, hätte er sie laut ausgesprochen. Das Bedürfnis, Ron und sich und ihre Beziehung zu verteidigen, kroch in ihr hoch, aber er öffnete ihr keine Tür, um all die Worte auszusprechen, die sich in ihr anstauten. Angestaut hatten, tatsächlich, seitdem -
„Ich würde ebenfalls ein Buch retten", unterbrach Snape ihre Gedanken. „Eine alte Ausgabe der Theorie der fortgeschrittenen Zutatenlehre von Reed Gorgon. Es ist das einzige Buch aus dem Nachlass meiner Mutter, das ich nie verkaufen oder verpfänden musste und hat neben einem hohen materiellen auch einen großen ideellen Wert für mich."
Oh! „Ist es ein gutes Buch?"
Snape runzelte die Stirn.
„Ich ähm … Tschuldigung. Es ist nur … Ich hatte das Buch neulich in der Hand und war mir unsicher, ob es fachlich gut ist. Ob es sich lohnt, es zu kaufen."
„Es ist gut. In den richtigen Händen." Der Zusatz Und damit meine ich nicht deine schwang unausgesprochen hinterher.
Hermine schluckte den kleinen Anflug von Ärger. „Danke für die Einschätzung", sagte sie betont höflich und überlegte, was sie zu Snapes Antwort auf die Frage sagen könnte, aber ihr fielen nur indiskrete Nachfragen ein, die er ihr sowieso nicht beantworten würde, also nickte sie wieder zur Liste. „Nächste Frage."
„Der Tod welches Familienmitglieds würde dich am meisten mitnehmen und warum?" Er musste es nicht mal ablesen.
„Der meines Vaters", antwortete sie, ohne groß nachzudenken.
Ein Mundwinkel von Snape hob sich. „Ein Papakind?" Es klang etwas spöttisch.
„Nein, im Gegenteil. Ich stehe … stand meiner Mutter näher als meinem Vater. Aber genau deswegen gab es zwischen meiner Mutter und mir nicht viel Ungesagtes." Von allem Magischen einmal abgesehen, aber das traf auf jeden aus ihrer Familie zu. „Wenn mein Vater jetzt sterben würde, gäbe es mehr, das ich bereuen würde."
Sein Blick zuckte zur Tischplatte, so flüchtig, dass sie es verpasst hätte, wenn sie ihm nicht aus … nun, vermutlich reinem Starrsinn heraus in die Augen gesehen hätte, während sie ihre Antwort genauer ausgeführt hatte.
Ah, schoss es ihr nun durch den Kopf, es ging gar nicht um mich. Aber das ergab durchaus Sinn; mit Reue und verpassten Chancen dürfte Snape sich auskennen.
„Nun", beendete er diesen Moment wie ein Regisseur, der Cut! rief, „da ich keine Familienmitglieder mehr habe, von denen ich wüsste, gibt es auch keinen Tod, der mich mitnehmen könnte."
„Niemanden?"
„Nein."
„Oh."
„Falls das ein Anflug von Mitleid sein soll, ist er ganz und gar unnötig. Ich habe keinem meiner Familienmitglieder eine Träne hinterher geweint. Sie alle haben bekommen, was sie verdient haben."
„Das ist -" Sie brach abrupt ab, die Lippen geschürzt. Dieses Thema war vermutlich ein größeres Minenfeld, als sie erahnen konnte; besser sie hielt einfach den Mund. Aber dann zog Snape eine Augenbraue hoch, eine unausgesprochene Herausforderung, ihren angefangenen Satz zu beenden. Und an dem Tag, an dem sie einer Herausforderung aus dem Weg gehen würde, würden vermutlich Ostern und Weihnachten zusammenfallen. Also räusperte sie sich und sagte: „Das ist nicht das, was ich meinte. Ich wusste nur nicht, dass du keine Familie mehr hast."
„Ich hoffe, du bist keiner von diesen Menschen, die glauben, die Familie ginge über alles."
„Nein! Definitiv nicht …"
Snape stieß ein kleines Summen aus. „Hat dir Potters Schicksal die Augen geöffnet?"
Ugh … Diese Frage – Unterstellung eher! – war so dämlich, dass sie einfach nicht nicht die Augen verdrehen konnte. „Nein, das hat das Schicksal meines Vaters bereits erledigt, wenn du es genau wissen willst. Ich habe meine Großeltern väterlicherseits nie kennengelernt und nach allem, was ich über sie weiß, habe ich auch nichts verpasst. Es gibt einfach Menschen, die sollten keine Kinder bekommen."
„Hört, hört", murmelte Snape.
„Ich würde lieber die nächste Frage hören."
Er zog die Augenbrauen zusammen, sah auf das Papier, als bräuchte er eine Lesebrille. Hermine schielte zur Uhr. Es war tatsächlich schon nach Mitternacht. Huh …
„Wir haben die letzte Frage erreicht", stellte Snape fest. „Berichte von einem persönlichen Problem und frage dein Gegenüber nach Rat, wie er oder sie die Sache handhaben würde. Bitte dein Gegenüber außerdem, zu beurteilen, wie du selbst vermutlich über das ausgewählte Problem denkst." Er stöhnte und knüllte demonstrativ die Liste zusammen, bevor er sie – überraschend treffsicher – quer durch das Büro in den kalten Kamin warf. „Das einzige Problem, das ich und vermutlich auch du im Moment zu lösen haben, ist diese Ehe. Und die einzige Lösung, die uns dazu eingefallen ist, ist diese Liste von Fragen, die das Gegenteil von dem bewirken sollen, was wir eigentlich wollen." Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen, während er tief ausatmete.
„Manche Probleme kann man vielleicht einfach nicht lösen, sondern nur … abmildern."
Er blinzelte, sah sie aus müden Augen an. „Hat es denn das Problem abgemildert, dass wir nun mehr voneinander wissen?"
„Schon …" Sie zuckte mit den Schultern. „Ich finde den Gedanken, höchstwahrscheinlich morgen hier oder woanders im Schloss mit dir zusammenziehen zu müssen, weil Hogwarts mich aus meinem Schlafsaal verbannen wird, weniger beängstigend als noch vor ein paar Stunden. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir miteinander reden können. Und dass wir uns vielleicht nicht komplett verabscheuen."
„Was genau das ist, was das Ministerium will." Er schnalzte mit der Zunge.
„Zugegeben … Aber miteinander reden zu können, macht aus zwei Menschen kein Ehepaar. Ich kann auch mit Professor Flitwick und der alten Nachbarin meiner Eltern reden und trotzdem würde ich mit keinem von ihnen eine gute Ehe führen." Sie machte eine Pause, gab ihm die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen, aber Snape schwieg. „Dieser Abend hat doch in erster Linie eines wahrscheinlicher gemacht: Dass wir einander nicht binnen vierundzwanzig Stunden nach der Eheschließung die Köpfe einschlagen werden. Und da wir offenbar beide noch Pläne für unser Leben haben, die die nächsten sechsunddreißig Stunden übersteigen, ist das erst mal eine gute Sache, oder nicht?"
Er sah sie an und zum ersten Mal an diesem Abend hatte Hermine das Gefühl, dass sie auch in seinen Augen lesen konnte. Und was sie las, waren all die vielen 'Und was, wenn's, über die sie sich nicht nachzudenken traute. Was, wenn das Ministerium sich in den nächsten Jahren nicht wieder öffnen würde, weil es einfach fand, dass die Magier fürs Erste genug Mist verzapft hatten? Was, wenn sie so lange gezwungen sein würden, ein Ehepaar zu sein und wie ein Ehepaar zu leben, dass sie am Ende wirklich eines sein würden? Was, wenn all die Pläne, die sie jetzt für ihr Leben hatten, sich nicht mehr umsetzen lassen würden? Was, wenn diese Ehe wie eine zweite Horkruxjagd und einfach kein Ende nehmen würde, während sie sich von einem Tag zum nächsten hangelten und nicht die Möglichkeit hatten, mit jemand anderem außer einander über alles zu reden, was diese Ehe an Schwierigkeiten mit sich bringen würde?
An diesem Punkt ihrer Gedanken wandte Hermine den Blick ab, denn gerade das, diese letzte Frage, war es, was ihr am meisten Angst machte. Dass niemand wusste, wie lange es dauern würde, und dass sie niemanden hatte, mit dem sie darüber reden konnte. Ron aus offensichtlichen Gründen nicht. Harry war lausig bei solchen Gesprächen und würde sie aus lauter Verlegenheit vermutlich nur in den Arm nehmen. Und mit Ginny war sie nicht eng genug, um über so etwas zu sprechen. Zumal auch niemand wusste, ob die drei nicht auch in absehbarer Zeit Teil einer Zwangsehe werden würden. Das Ministerium lief sich schließlich gerade erst warm …
„Es ist, wie es ist", stellte Snape jetzt mit dunkler Stimme fest. „Aber um mal zu einem lösbaren Problem zurückzukehren: Ich kann mich in den Weihnachtsferien hier vertreten lassen und mit dir nach Australien reisen, um die Gedächtnisse deiner Eltern wiederherzustellen."
Sie riss den Kopf herum. „Das würdest du tun?"
„Irgendjemand sollte es tun. Sie haben es verdient zu erfahren, was ihre Tochter geleistet hat. Und du wirst ihren Beistand brauchen, ganz egal, wie das hier ausgeht."
Sie schluckte hart. „Und wer steht dir bei?"
Er holte tief Luft. „Filius, hoffe ich, und das eine oder andere Glas Scotch."
Sie lächelte schief. Und hoffte, dass er den in Zukunft besser vertragen würde als heute. „Danke", sagte sie nun jedoch erst mal, „sowohl für diesen Abend und deine Offenheit als auch dafür, dass du mir mit meinen Eltern helfen willst."
Snape nickte.
„Falls ich dir irgendwie helfen kann …"
„Das wird vermutlich von ganz allein passieren", überlegte er, eine Falte tief zwischen seine Augenbrauen gegraben. „Im gleichen Maße, in dem ich dich im Auge der Öffentlichkeit herunterziehen werde, wirst du mich vermutlich hochziehen. Insbesondere wenn wir ihnen nicht den Skandal liefern, auf den sie lauern."
Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Aber ja, Snapes Ruf war trotz seines Freispruchs nach dem Ende des Krieges kein besonders guter. Professor McGonagall hatte einiges an Kritik einstecken müssen dafür, dass sie ihn wieder eingestellt hatte, und der Schulbeirat hatte nach Möglichkeiten gesucht, ihn wieder zu entlassen, war aber gescheitert. Feige alte Säcke … Als ob Snape nicht derjenige gewesen wäre, dem sie den Sieg zu verdanken hatten. Sie sah ihm wieder in die Augen. „Nun, dann hat diese Ehe ja zumindest schon mal ein Gutes. Meinem Ehemann wird der Schulbeirat jedenfalls nicht ans Bein pinkeln, ohne dass sie es mit mir zu tun bekommen werden."
Snape zuckte beim Wort Ehemann beinahe unmerklich zusammen und am Ende ihres Satzes sah er sie finster an. „Du wirst dich auf keinen Fall aktiv für mich einsetzen."
„Warum nicht?"
„Weil diese Ehe deinem Ruf schon genug schaden wird, du musst es nicht noch forcieren."
„Pfft! Ich habe mehr als meinen Ruf, das ich ins Feld führen kann. Ich werde meine UTZ-Kurse ausnahmslos mit Os abschließen, vorausgesetzt mein Zaubertränkeprofessor macht mir keinen Strich durch die Rechnung -" Er feixte. „- und ich habe maßgeblich zum positiven Ende dieses Krieges beigetragen. Falls es wirklich jemand wagen sollte, mich nicht einzustellen, nur weil wir dazu gezwungen wurden zu heiraten, ziehe ich meinen 'Der Junge, der lebt'-Joker." Direkt nachdem sie eine Zeitung gegründet hatte, nur um allen ihre Meinung zu geigen. „Und ganz ehrlich, selbst wenn sich wirklich alle quer stellen sollten, nur weil ich dich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit niedermache … Dann wandere ich eben aus und werde es Großbritannien niemals vergessen lassen, wen sie verärgert haben. Meine Eltern können mir bestimmt eine schöne Ecke in Australien empfehlen."
Die Finger vor dem Mund ineinander verschränkt, musterte Snape sie mit schmalen Augen. „Ich beginne zu verstehen, was du meintest mit 'ich suche nach Lösungen'."
Sie grinste. „Ich habe dich gewarnt."
Er schnaubte, nickte. „Nun, bevor du die Kavallerie mobilisierst, sollten wir vielleicht beide erst mal schlafen gehen. Der Tag morgen wird herausfordernd genug."
„Ja, du hast recht." Sie stand auf, strich ihren Schulrock glatt, schnappte sich ihren Umhang und hielt ihm dann die Hand hin. „Ich danke Ihnen für das Gespräch, Professor Snape."
Sein Mundwinkel zuckte. „Ich habe zu danken, Miss Granger", entgegnete er mit dunkler Stimme und ergriff ihre Hand mit seiner bandagierten.
Sie grinste. „Siehst du, nicht verliebt. Ich sagte doch, das ist Blödsinn."
Snape lächelte spöttisch, hielt dabei aber sowohl ihre Hand als auch ihren Blick länger fest, als es nötig (und vermutlich angemessen) gewesen wäre. Überraschenderweise war das jedoch kein unangenehmer Moment. Nach allem, was sie in den letzten Stunden von ihm erfahren hatte und er von ihr … Warum sollte sie ihm nicht offen in die Augen schauen?
Und gleiches galt für sein Händedruck. Was hätte sie daran jetzt noch unangenehm finden sollen? Trotz der Verletzung war er fest und bestimmt und seine bloßen Finger waren warm an ihrer Handfläche. Unerwartet weich und -
Oh, nein.
Im gleichen Moment, in dem ihr das Herz in die Hose rutschte, wurden seine Augen eine Nuance größer.
Abrupt ließen sie einander los und etwas sog die Luft aus Snapes Büro, bis sie das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können.
Hier stand sie also, Hermine Granger, die nicht um Hilfe bitten konnte und von sich selbst behauptete, immer nach Lösungen für Probleme zu suchen, und hatte sich bei diesem ihrem glorreichen Versuch selbst ein eben solches gebaut.
„Verdammt …"
