11. Dezember: Unentschlossen

Wenn Dominique eins war, was lebensverändernde Entscheidungen betraf, dann war es feige. Deshalb schob sie das Gespräch mit Steven bis nach dem Spiel am Samstag heraus. Es war schwer genug, sich zu konzentrieren. Die Heiler gaben ihr Tränke gegen Übelkeit und Schwindel und fragten dreimal nach, ob sie sicher war, dass sie auch wirklich spielen wollte. Aber Dominique hatte hart trainiert und sie würde den Teufel tun, so ein entscheidendes Spiel dem Ersatzsucher zu überlassen. Schließlich ging es um ihren Erzrivalen. Die Meisterschaft konnten sie zwar vergessen, sie waren zu weit von den Wimbourner Wespen entfernt, die auf Platz eins waren und den Sieg schon so gut wie in der Tasche hatten, aber trotzdem wollten sie alle unbedingt gewinnen.

Die Tränke wirkten, wie sie sollten und Dominique war in der Lage, ihre übliche Leistung abzurufen. Es war herrlich, sich einfach nur auf das Spiel zu konzentrieren, von Adrenalin durchflutet und völlig darauf konzentriert, den Schnatz zu fangen, sobald die Jäger genug Tore geschossen hatten. Letzten Endes dauerte es geschlagene zwei Stunden und einen spektakulären Sturzflug, aber sie fing den Schnatz und sicherte ihrem Team zumindest den zweiten Platz in der Tabelle. Sobald alle wieder festen Boden unter den Füßen hatten, umarmte sich die Mannschaft glücklich und feierte gleich in der Umkleide. Einige von ihnen wollten danach in den nächsten Club gehen, aber Dominique lehnte ab, als die anderen fragten, ob sie mitkommen wolle. Jetzt, wo das Adrenalin langsam nachließ, fühlte sie sich, als ob sie vom Hogwartsexpress überrollt worden war. Sie wollte nur noch nach Hause und sich im Bett verkriechen.

Steven wartete vor der Umkleide auf sie. Er gratulierte allen anderen Teammitgliedern, die an ihm vorbeikamen und ihn fragten, ob er Dominique nicht doch überzeugen konnte, noch mit ihnen feiern zu gehen.

Er lachte. „Da überschätzt ihr meinen Einfluss auf sie aber gewaltig. Wenn sie nicht will, dann kann ich sie auch nicht vom Gegenteil überzeugen."

Tori lächelte ihn enttäuscht an. „Schade. Naja, einen Versuch war's wert. Aber wenn in zwei Wochen die Liga zu Ende ist, dann kommt ihr auf jeden Fall mit!"

Dominique zuckte mit den Schultern. Sie lehnte sich erschöpft an Steven, der einen Arm um sie legte und sie an sich drückte. „Mal sehen."

„Du kannst dich nicht immer rausreden, Weasley!", beharrte Tori und winkte ihnen zum Abschied zu, bevor sie vom Hüter zum Ausgang gezogen wurde.

„Wenn du doch mitgehen willst", sagte Steven vorsichtig.

„Auf keinen Fall!", widersprach sie vehement und gähnte. „Ich will nur nach Hause. Ich hoffe nur, dass die Tränke lange genug wirken, dass ich heute nicht noch kotzen muss."

Er verzog das Gesicht. „Das ist wirklich scheiße. Wird gut sein, wenn das Ganze bald vorbei ist." Er packte fest ihren Arm und apparierte sie direkt nach Hause ins Schlafzimmer, bevor sie etwas erwidern konnte.

Sofort ließ sie sich auf ihr großes Bett fallen. Sie streifte nur ihre Schuhe ab und kroch dann unter die Decke. Gut, dass sie direkt nach dem Spiel geduscht hatte. Steven strich ihr zärtlich über die Haare und brachte ihr dann einen Tee und eine Scheibe Toast. In den letzten Tagen hatte sie kaum etwas anderes heruntergebracht. Sie trank einen Schluck und knabberte an dem Toast. Steven legte sich neben sie und sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Müde schloss sie die Augen. Eine Weile lagen sie nur still nebeneinander, während Dominique darauf wartete, dass ihr schlecht wurde. Merlin sei Dank war das dieses Mal wenigstens nicht der Fall.

„Was, wenn ich nicht ins Mungos will?", fragte sie schließlich unvermittelt, weil sie die Stille nicht mehr aushielt.

Steven richtete sich auf und schaute Dominique verwirrt an. „Was? Was meinst du?"

Sie schluckte. „Was, wenn ich nicht für die Abtreibung …" Sie verstummte.

Seine Augen wurden groß. „Willst du es behalten? Du hast doch immer gesagt, dass du keine Kinder willst, deshalb hab ich angenommen …"

„So war's ja auch", erwiderte sie. „Ich wollte nie welche und als ich damals schwanger war-"

„Moment mal", unterbrach er sie stirnrunzelnd. „Damals? Wann warst du damals schwanger? Was meinst du?"

Sie seufzte und ließ sich zurück in die Kissen fallen. „Nicht von dir, falls du das denkst. Das war ein One Night Stand als wir nach meiner ersten Saison auf Mallorca waren. Ich kannte nicht mal seinen Namen oder konnte mich daran erinnern, wie er aussah. Als die Heiler mir das damals gesagt haben, stand die Entscheidung sofort fest und ich hab nie wieder darüber nachgedacht oder es bereut. Ich dachte, das würde immer so sein."

„Und das ist es nicht?", fragte er vorsichtig und nahm ihre Hand.

„Ich weiß es nicht. Nicht wirklich. Ich will nicht schwanger sein. Ich fühl mich scheiße und ich will meine Karriere nicht aufs Spiel setzen, solange ich noch so gut bin und ein schreiendes Baby, das alles auf den Kopf stellt …"

„Das klingt aber nicht, als ob du es behalten möchtest", sagte er verwirrt.

„Eigentlich nicht. Ich kann's dir auch nicht erklären. Aber wenn ich daran denke, ins Mungos zu gehen, so wie damals, auch wenn du dabei und einverstanden bist und meine Hand hältst … irgendwas sperrt sich in mir dagegen. Damals war ich einfach nur erleichtert, dass es vorbei war und ich mit meinem Leben weitermachen kann, aber jetzt …" Sie schluckte. „Rose meint, dass es dieses Mal anders ist, weil ich mittlerweile in meiner Karriere fast alles erreicht habe, was ich wollte, und weil ich so viel älter bin und …" Sie räusperte sich und fuhr mit belegter Stimme fort. „Und weil ich dich habe. Ich wäre nicht alleine. Und das Baby ist nicht im Vollrausch entstanden, sondern von jemandem, den ich liebe und … ich weiß auch nicht. Was denkst du darüber?"

Steven schaute sie lange nur an, bevor er auch nur einen Ton sagte. „Ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass es da überhaupt etwas gibt, über das wir reden müssen. Du warst immer so entschieden und ich hab dir damals gesagt, dass ich keine Kinder brauche."

Sie hatten nur einmal darüber gesprochen und er hatte gesagt, dass er sich nach der Frau richten würde. Wenn sie unbedingt welche haben wollte, dann hatte er nichts dagegen, aber er konnte auch genauso gut ohne sie leben.

Sie schluckte. „Ich weiß, dass wir unser Leben so nicht geplant hatten. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob das wirklich ist, was ich will, aber ich … es ist auch dein Leben. Unser Leben. Unser Kind. Und du solltest vermutlich ein Mitspracherecht haben." Wahrscheinlich wäre es ihr sogar am liebsten, wenn er ihr die Entscheidung abnahm. Dann musste sie nicht mehr darüber nachdenken.

„Oh", sagte er schließlich überrascht. „Kann ich darüber nachdenken? Ich wusste nicht, dass es noch andere Möglichkeiten gibt."

Sie nickte. „Wenn es sein muss. Das ist wahrscheinlich nur fair."

Er nahm wieder ihre Hand und zog sie zu sich. Sie schloss die Augen. „Du hattest immerhin ein paar Tage, um darüber nachzudenken. Ich bin davon ausgegangen, dass die Entscheidung feststeht."

„Ich auch", murmelte sie. „Glaub mir, es überrascht mich so sehr wie dich. Aber wir sollten wenigstens darüber nachdenken, oder?"

Er küsste sie auf die Stirn. „Wenn du willst."

/-/

Dieses Gespräch hatte Steven nun völlig aus der Bahn geworfen. Dominique hatte schon in der Schule gesagt, dass sie nie Kinder haben würde. Sie hatten damals natürlich nie ernsthaft darüber gesprochen, dann hätten sie ja zugeben müssen, dass sie eine richtige Beziehung hatten oder sich zumindest mochten. Aber immer, wenn die Erstklässler besonders laut waren oder Dominique genervt davon war, dass Annie von einer Zukunft mit Louis schwärmte, sagte sie „Bin ich froh, dass ich mich mit sowas später nicht rumschlagen muss!"

Und auch, als sie sich schließlich zusammengerauft hatten und wirklich ernsthaft zusammen waren (natürlich ohne richtiges Gespräch, aber keiner von beiden traf sich noch mit anderen Leuten, sie hatten die Feiertage zusammen verbracht und er hatte sie sogar zur Geburtstagsfeier für seinen Vater mitgenommen), hatten sie das nicht wirklich ernsthaft diskutiert, weil es nicht wirklich etwas zu diskutieren gab. Seine Mutter hatte auf der Feier für seinen Vater einen missbilligenden Kommentar darüber gemacht, dass Dominiques Karriere für eine Familie nicht gerade ideal war und Dominique hatte sofort erwidert „Ich will keine Kinder, ich bin doch nicht bescheuert!" Damit war eigentlich alles gesagt. Steven wusste aus Erfahrung, wenn Dominique so entschieden war, dann würde sie nichts und niemand umstimmen.

Danach hatten sie das Thema nur noch kurz angesprochen, als sie nach der Geburtstagsfeier zusammen im Bett gewesen waren.

Wäre das eigentlich ein No-Go? Wenn deine Freundin keine Kinder will?"

Er schaute sie lange an. „Wenn sie die Richtige ist", sagte er mit rauer Stimme. „Wenn sie die Richtige ist, dann wäre mir das egal. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich irgendwann welche haben möchte. Wenn sie unbedingt welche haben will, dann hätte ich wahrscheinlich nichts dagegen, aber …" Er strich ihr über die Wange und schluckte. „Es wäre kein Opfer, ohne sie zu leben."

Danach hatte er nie wieder darüber nachgedacht. Er wusste, wenn er Dominique wollte, dann würde er niemals Kinder haben. Und er wollte Dominique. Er wollte sie so sehr, dass ihm alles andere egal war. Sie war das Wichtigste auf der Welt. Er hatte jahrelang versucht, von ihr loszukommen, und es war ihm nie gelungen. Und jetzt, wo er sie endlich hatte, wollte er sie um keinen Preis wieder verlieren. Deshalb wäre er nicht mal im Entferntesten darauf gekommen, dass sie das Baby vielleicht behalten wollte und hatte sich nicht die Mühe gemacht, darüber nachzudenken. Warum sich um etwas Gedanken machen, das sowieso nicht passieren würde? Für ihn war das Ganze mehr wie eine Grippe gewesen, die Dominique für eine Weile aus der Bahn werfen und unausstehlich machen würde (Dominique war schrecklich, wenn sie krank war), aber spätestens in ein paar Wochen würde alles wie früher sein.

Und jetzt klang es so, als ob sie sich eigentlich schon ganz anders entschieden hatte. Sie hatte zwar gesagt, dass sie sich nicht sicher war, aber dass sie das Ganze überhaupt angesprochen hatte sprach eigentlich für sich. Wenn sie das Baby nicht gewollt hätte, dann hätte sie einfach einen Termin im Mungos gemacht und die Sache wäre erledigt gewesen. Aber das hier … damit hatte er nicht gerechnet. Wirklich nicht.

Nicht, dass er was gegen Kinder gehabt hätte. Er mochte Kinder. Wenn sie im Fuchsbau waren, waren immer kleine Kinder da. Es waren so viele, dass er gar nicht immer wusste, wer zu wem gehörte. Und sein Bruder Michael und seine Frau Alison hatten auch zwei Kinder, die von ihm als Onkel begeistert waren. Aber er war auch froh, sie wieder ihren Eltern zu überlassen, wenn er mal auf sie aufpasste.

Er war durch das alles so durcheinander, dass er Dominique am nächsten Morgen mit ihrem Tee und ihrem Toast im Bett zurückließ und zu seinem Bruder apparierte. Eigentlich gab es ein Familienessen bei Dominiques Eltern, zu dem sie fast jeden Monat gingen, aber da Dominique sowieso nicht hingehen wollte, weil sie sich nicht gut fühlte, hatte er kein schlechtes Gewissen, zu schwänzen.

„Hey, was machst du denn hier?", fragte Michael überrascht, als er ihm gähnend die Haustür öffnete. „Ist heute nicht das Essen bei deinen Schwiegereltern? Du hörst doch normalerweise nicht auf, von ihrem Coq au Vin zu reden." Das Coq au Vin von Fleur war aber auch fantastisch, davon konnte man gar nicht genug schwärmen.

„Dominique fühlt sich nicht gut, deshalb bleibt sie heute zuhause", erwiderte er schulterzuckend und ging an seinem kleinen Bruder vorbei ins Haus.

„Oh je, was hat sie denn? Gestern war doch noch alles in Ordnung, so gut, wie sie gespielt hat." Michael war ein Fan der Kenmare Kestrels, ganz unabhängig von Dominique, und wenn er Zeit hatte, gingen sie zusammen zu den Spielen. (Zumindest, seit Steven und Dominique verlobt waren und er nicht mehr heimlich ins Stadion ging, weil er nicht erklären wollte, warum er plötzlich so ein großes Interesse an einer Mannschaft hatte, wegen der er Michael früher immer gerne aufgezogen hatte.)

„Sie ist schwanger", erwiderte Steven und ging weiter ins Wohnzimmer, wo ein Haufen Bauklötze auf dem Boden verteilt waren.

„Wie bitte?" Michael war so überrascht, dass er gegen den Türrahmen lief, als er Steven folgen wollte und sich den Kopf stieß. „Schwanger? Dominique Weasley? Schwanger? Du hast Dominique Weasley geschwängert?"

Steven verdrehte die Augen und warf sich auf das Sofa. „Jep."

„Und du lebst noch?!", fragte Michael und versuchte vergeblich, sich ein Grinsen zu verkneifen. „Ich hätte gedacht, dass Dominique dich gleich umbringt."

„Sie hat's versucht", sagte Steven und zeigte seinem Bruder einen besonders großen blauen Fleck auf seinem Oberarm.

„Scheiße", sagte Michael mitfühlend. „Aber wie ist das überhaupt passiert? Grade Dominique passt doch bestimmt auf wie Longbottom beim Alraunenumtopfen."

„Sie kann den Trank nicht nehmen, weil einige Zutaten als Dopingmittel gelten. Und ich bin allergisch drauf. Deshalb müssen wir uns auf den blöden Spruch verlassen und irgendwann müssen wir den wohl vergessen haben oder falsch ausgesprochen oder was weiß ich." Er seufzte. „Speilt jetzt sowieso keine Rolle mehr."

„Tut mir Leid für euch. Habt ihr schon einen Termin für die Abtreibung?" Steven zuckte mit den Schultern. „Nicht? Ich dachte, sie würde das so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen." Steven schwieg und starrte nur stur geradeaus auf einen Saftfleck, der auf der Tischdecke vom Couchtisch war und der wohl noch niemandem aufgefallen war. „Steven?", fragte Michael. „Ihr werdet das Kind doch wohl nicht behalten?" Steven sagte nichts. Michaels Augen wurden groß wie Untertassen. „Echt jetzt? Dominique will das Kind behalten? Dominique? Die jedes Mal nur die Augen verdreht, wenn Mum davon anfängt und immer sowas sagt wie ‚nur über meine Leiche'? Dominique?"

„Sie ist sich nicht sicher."

„Echt?"

Er seufzte. „Es hat mich auch überrascht, okay? Ich dachte, die Entscheidung stand von vornherein fest, ich hab nur darauf gewartet, dass sie einen Termin hat und mir sagt, ob sie mich dabei haben will, und gestern nach dem Spiel hat sie mich gefragt, was ich davon halten würde, wenn wir es doch behalten."

„Und was hältst du davon?"

„Keine Ahnung! Kinder waren nie was, was ich für uns auf dem Zettel hatte! Nicht so wie bei dir und Alison, wo ihr euch vielleicht darüber streitet, wie viele ihr haben wollt." Eigentlich hatten sie nur eins haben wollen, aber ein paar Monate nach der Geburt von ihrem Sohn war Alison überraschend wieder schwanger geworden, und jetzt hatten sie noch ein kleines Mädchen. „Das war nicht der Plan und sie klang so, als ob sie das von mir abhängig machen würde und was, wenn ich mich falsch entscheide und sie mich für den Rest unseres Lebens hassen wird?"

„Hat sie sich nicht schon entschieden und wartet jetzt nur noch darauf, dass du die Entscheidung bestätigst, damit sie im Zweifelsfall dich verantwortlich machen kann, wenn's dann mal nicht so läuft? Alison hat mir immer sehr gerne die Schuld gegeben, wenn sie sich unwohl gefühlt hat, auch wenn wir beide ein Baby wollten."

„Hab ich mir auch gedacht. Ich hab gedacht, wenn sie wirklich abtreiben wollen würde, dann hätte sie die Möglichkeit gar nicht zur Sprache gebracht. Aber was, wenn sie es wirklich nicht weiß und sie möchte, dass ich die Entscheidung treffe? Weil sie es nicht kann und sie beides akzeptieren würde." Je länger er darüber nachdachte, desto unsicherer wurde er. Und desto schlechter wurde ihm bei dem Gedanken, dass ihre gemeinsame Zukunft an ihm hing. Es schien ihm nicht fair, wenn sie doch die meisten Opfer bringen würde. Sie fühlte sich jetzt schon scheiße, wer weiß, wann das wieder besser werden würde. Und für mindestens ein Jahr würde sie Quidditch aufgeben müssen und wer wusste schon, wie gut oder schnell sie danach wieder fit werden würde. Sie war fast fünfunddreißig, da war das nicht mehr so einfach wie mit zwanzig. Hatte er überhaupt das Recht, das zu entscheiden? Aber warum hatte sie ihn sonst gefragt?

„Und was willst du? Wenn du nicht diese Mindgames spielst und versuchst zu erraten, welche Antwort sie hören will? Was willst du?"

Steven vergrub das Gesicht in den Händen und stöhnte. „Ich hab keine Ahnung. Überhaupt keine Ahnung. Ich hab uns nie mit Kindern gesehen oder sie mir mit ihr gewünscht."

„Hast du sie nie mit einem Baby gesehen und dir gedacht, ich wünschte, das wäre unser Baby?", fragte Michael. „Oder, sie wäre bestimmt eine super Mutter? So ging's mir damals, als eine von Alisons Freundinnen ein Baby bekommen hat."

Steven schüttelte den Kopf. „Nein. Nie. Meistens war ich froh, dass wir das Baby den Eltern zurückgeben konnten."

Michael lachte. „Okay, dann geht das wohl nicht jedem so wie mir."

Steven verdrehte die Augen. „Offensichtlich nicht. Ich war nie so scharf auf Babys wie du. Wenn ich jemanden wie Alison geheiratet hätte, der auf jeden Fall welche haben wollte, dann hätte ich mitgemacht, aber es hat mich nie gestört, dass Dominique so dagegen war. Deshalb ist das jetzt so ein Schock für mich."

„Hättest du denn was dagegen, wenn sie es bekommt? Würdest du ihr das vorwerfen?"

„Merlin, nein!", sagte Steven sofort. „Wenn sie es wirklich will, dann ist das okay."

„Na also", erwiderte Michael zufrieden. „Dann hast du doch deine Antwort."

„Aber wenn sie es nun nicht will?", fragte Steven unsicher. „Wenn sie es nur meinetwegen bekommen würde?"

„Ich glaube, da musst du dir keine Sorgen machen", sagte Michael zuversichtlich. „Sie weiß doch, dass du sie bei der Abtreibung unterstützt hättest. Es ist ja nicht so, als ob du sie angefleht hättest, das Baby zu bekommen und sie eigentlich was anderes wollte. Sie hat es zur Sprache gebracht."

„Ja schon", seufzte er. „Ich hab trotzdem das Gefühl, dass es keine richtige Antwort gibt. Und sie muss die ganzen Opfer bringen, kann ich das überhaupt von ihr verlangen?"

„Sie kann ja immer noch nein sagen. Aber ich glaube trotzdem, dass sie überhaupt nicht davon angefangen hätte, wenn sie sich mit der Abtreibung sicher wäre. Und solange sie weiß, dass du sie in jedem Fall unterstützt …"

„Aber ich weiß trotzdem nicht, was ich will!", sagte Steven verzweifelt. „Sie will eine Meinung von mir und ich hab keine! Nicht wirklich! Sollte man nicht wissen, ob man ein Kind will?"

Michael zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Kommt drauf an. Josh wollten wir auf jeden Fall, den haben wir uns so gewünscht." Soweit sich Steven erinnerte, hatte es ein paar Monate gedauert, bis Alison das erste Mal endlich schwanger war. Sie waren beide frustriert gewesen, weil es so lange gedauert hatte, aber Steven hatte das Problem nicht ganz nachvollziehen können. So viel Sex wie nur möglich, es gab schlimmeres im Leben. „Aber die Schwangerschaft war nicht einfach und Ali wollte das eigentlich nicht noch mal mitmachen, deshalb war das bei Keeley schon schwieriger."

„Ihr habt echt überlegt, ob ihr sie behalten sollt?", fragte Steven ungläubig. Michael und Alison liebten ihre Tochter abgöttisch. Er wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie daran gezweifelt hatten, sie zu bekommen.

„Wir haben zumindest eine Weile darüber diskutiert. Ich glaube, uns war beiden klar, dass wir sie am Ende bekommen werden, aber … es war nicht so einfach. Und ein drittes wollen wir auf keinen Fall, deshalb hab ich mich nach der Geburt sterilisieren lassen. Die zwei Quälgeister reichen wirklich."

„Wow. Das hätte ich niemals gedacht", sagte Steven perplex. „Ihr wart so glücklich, als ihr uns das gesagt habt."

„Ja, weil wir uns da schon entschieden hatten. Und man muss ja nicht jedem auf die Nase binden, dass man sich unsicher oder dass das Kind ein Unfall war."

„Nicht mal deinem großen Bruder?", fragte Steven enttäuscht. Sie hatten eigentlich ein sehr gutes Verhältnis und er hätte gedacht, dass Michael mit so einem gravierenden Problem zu ihm kommen würde.

„Du musst gerade reden. Du hast mir nie erzählt, dass du in Hogwarts ein ganzes Jahr mit Dominique ins Bett gegangen bist. Ich hätte sie doch nie um ein Date gebeten, wenn ich gewusst hätte, wie verknallt ihr damals ineinander gewesen wart! Und dann hast du auch nichts gesagt, als du wieder was mit ihr angefangen hast. Du hast sie einfach zu Dads Geburtstag mitgebracht und uns alle vor vollendete Tatsachen gestellt! Das ging über Jahrzehnte! Da kannst du mir nicht vorwerfen, dass Ali und ich ein paar Tage lang diskutiert haben."

„Das ist nicht fair", protestierte Steven schwach. Wie hätte er mit Michael über etwas reden sollen, was er sich noch nicht einmal selbst hatte eingestehen können?

Michael verschränkte die Arme vor der Brust. „Ganz genau, so ist es."

„Immerhin frage ich dich jetzt um Rat", murmelte Steven.

„Ich glaube eher, dass du die Entscheidung outsourcen willst. Aber ich kann nicht derjenige sein, der für euch entscheidet, ob ihr ein Baby bekommen sollt oder nicht. Das müsst ihr schon schön selbst regeln."

„Du bist ja 'ne Riesenhilfe", beschwerte sich Steven.

Michael grinste. „Ja, nicht wahr?"

TBC…