Als die Luft nach Schnee roch
Kühle Novemberluft empfing Saori, als sie mit vollgepackter Einkaufstasche Poppos auf der West Shichifuku Street verließ. Es war bereits später Abend und die Luft fühlte sich ungewöhnlicherweise nach dem ersten Schnee des Jahres an. Das Pfeifen des eisigen Windes brachte sie zum Frösteln. Saori zog ihren Schal straffer und wollte gerade den Heimweg Richtung U-Bahn antreten, als sie plötzlich Toru Higashi entdeckte, der zielstrebig auf den Supermarkt und damit auf sie zu kam. Saori war es gewohnt, dass er stets lässig wirkte, aber heute Abend konnte sie trotz seiner Sonnenbrille sofort erkennen, dass etwas nicht stimmte. Er wirkte erschöpft und schien nicht allzu sicher auf den Beinen.
„Guten Abend Higashi-san", begrüßte sie ihn höflich.
Higashi wirkte verwirrt. Obwohl sie fast direkt vor ihm stand, hatte er sie wohl noch nicht bemerkt gehabt. „Oh, Shirosaki-sensei…", murmelte er.
Saori kam näher und nahm prüfend sein Gesicht unter die Lupe. „Ist alles in Ordnung?", fragte sie.
„Ja, natürlich", erwiderte er. „Ich wollte gerade-"
Plötzlich gaben seine Beine nach. Er sackte in die Knie, doch Saori reagierte schnell genug um ihn vor einem Sturz auf dem Asphalt zu bewahren und fing ihn auf. Sie verfluchte seine bescheuerte Sonnenbrille. Kurzentschlossen nahm sie sie ihm ab, um so sein Gesicht besser lesen zu können. „Was ist passiert? Bist du verletzt?"
Sie wünschte, ihr erster Gedanke müsste keine schwere Stichwunde oder Schussverletzung sein, aber alle Männer in ihrem Umfeld führten einen solch gefährlichen Lebensstil, dass man nicht ausschließen konnte, dass etwas Schlimmes passiert war. Fast täglich rechnete sie damit, dass sie einen von ihnen im Krankenhaus besuchen durfte.
Benommen sah er sie an. „Mir ist so kalt."
Saori legte ihm die Hand auf die Stirn. Seine Haut glühte. Es war keine Verletzung, er war krank. Da er sich nicht mal mehr richtig auf den Beinen halten konnte, konnte sie ihn unmöglich in diesem Zustand alleine lassen.
„Okay, pass auf", sagte sie kurzentschlossen. „Dir geht es offensichtlich nicht gut. Ich bringe dich jetzt nach Hause, aber ich brauche dabei deine Hilfe."
Saori zog ihn wahrscheinlich recht unsanft wieder auf die Beine, aber angesichts seiner Größe und seines Körpergewichts, stellte sich das als gar nicht so leicht heraus. Sie legte seinen Arm um ihre Schulter, sodass er sich an sie lehnen konnte. Dankbar sah er sie an.
Nur langsam kamen sie vorwärts. Zum Glück wohnte er über dem Charles und das befand sich nicht unweit von ihnen. Saori wusste nicht wie lange sie sein Gewicht würde stemmen können. Es kostete ihn sichtlich Mühe sich auf den Beinen zu halten, aber er unterstützte sie und so schleppten sie sich gemeinsam zu seiner Wohnung.
Es war fast acht Uhr abends als Saori gerade dabei war die Küche in Higashis Apartment aufzuräumen und ein Stöhnen zu ihr drang. Besorgt warf sie einen Blick aus der Küche hinter den Paravent in Richtung seines Bettes. Mit verwirrtem Gesichtsausdruck versuchte er sich gerade aufzurichten. Er war mindestens eine Stunde weg gewesen. Sie hatte ihm zwischenzeitlich einige Bento-Boxen zubereitet, denn er hatte nicht ausgesehen, als wäre er heute noch dazu in der Lage sich Essen zu machen.
„Bleib lieber liegen und ruh dich noch weiter aus", riet Saori.
Higashi schien einige Sekunden zu benötigen um zu realisieren wer vor ihm stand. Er runzelte die Stirn. „Shirosaki-sensei, was machst du hier?"
„Du bist vor Poppos zusammengebrochen. Ich habe dich nach Hause gebracht."
„Ach ja, da war was", sagte er stöhnend. „Danke."
Er griff sich an den Kragen seines Hemds und versuchte mühevoll die Knöpfe zu öffnen. Ein paar Sekunden lang sah Saori ihm bei seinem erfolglosen Versuch zu, während er immer ungeduldiger wurde und schließlich zu fluchen begann.
„Ich helfe dir."
Higashi quittierte ihre Worte mit einem erschöpften Lächeln, während Saori in seinem Kleiderschrank nach einer lockeren Hose und einem Schlafshirt suche. Als sie heute Feierabend gemacht hatte, hatte sie nicht erwartet, dass sich der Abend so entwickeln würde. Eigentlich hatte sie sich bereits auf ihre gemütliche Couch und ihr neustes Buch gefreut, stattdessen half sie Higashi nun beim Hosenwechsel. Saori versuchte zu ignorieren in welch merkwürdigen Situation sie sich befanden und ihn dabei nicht allzu sehr anzustarren. Sie war mehr als erleichtert, als sie es schließlich schafften ihm die bequemere Hose überzuziehen und Saori sich seinen Hemdknöpfen zuwenden konnte. Obwohl sie ihn beim Öffnen nicht berührte, spürte sie die Hitze, die sein Körper ausstrahlte.
Als sie ihm den Stoff von den Schultern streifte, entkam Higashi ein leises Lachen. „Wenn ich mir das vorgestellt habe, war es nie in einer solchen Situation."
Irritiert sah Saori ihn an. Sie wusste, dass das Fieber aus ihm sprach, aber sie konnte nicht umhin sich zu fragen wie viel Wahrheit in seinen Worten lag. Plötzlich machte sie seine Nähe nervös und sie wollte wieder so viel Abstand wie nur möglich zwischen sie bringen. Schnell, vielleicht auch etwas unsanft, schob sie ihm das Oberteil über den Kopf und bedeckte damit wieder seinen nackten Oberkörper.
„Du merkst nicht einmal wie gefährlich du bist", sagte er. Seine Stimme war lediglich ein raues Flüstern.
Saori fing seinen Blick ein. Statt sich von ihm zu entfernen, verharrte sie. Ihr stieg eine Mischung aus Parfum und leichtem Zigarettenrauch in die Nase. Sein Duft war fast betörend. Die Intensität in seinen braunen Augen traf sie unvorbereitet. Genauso unvorbereitet fühlte sie sich, als er sich auf einmal zu ihr beugte und seine heißen Lippen auf ihre trafen. Sofort war Saori wieder bei klarem Verstand und konnte sich aus ihrer Starre lösen. Erschrocken schob sie Higashi von sich und sah ihn überrascht an. Schuldbewusst wich er ihrem Blick aus und lehnte den Kopf gegen ihre Schulter.
„Tut mir leid", murmelte er entschuldigend.
Mit rasendem Herzen drückte Saori ihn sanft in sein Kissen zurück und deckte ihn wieder zu. Gefühle machten sich in ihr breit, die sie gerade vollkommen aus dem Konzept brachten.
„Versuch noch etwas zu schlafen. Ich habe dir Essen gemacht. Das steht im Kühlschrank. Ich muss leider los."
„Meine Heldin", flüsterte er erschöpft und dann fielen ihm bereits die Augen zu.
Es war das Fieber. Es musste das Fieber sein.
Saori hatte den kompletten nächsten Tag mit der Frage gerungen, ob sie nach Feierabend nach Higashi sehen sollte. Sie machte sich Sorgen, dachte aber auch nervös daran zurück wie er sie geküsst hatte – und daran, dass es überraschenderweise etwas mit ihr gemacht hatte. Er war nicht bei klarem Verstand gewesen, dementsprechend albern kam sie sich dabei vor überhaupt über die Bedeutung des Kusses und seiner Worte nachzudenken, aber diese Gedanken ließen sich auch nur schlecht steuern.
Jetzt stand sie nun schon sicherlich seit fast fünf Minuten vor seiner verschlossenen Wohnungstür und starrte die Klingel an – noch immer unschlüssig, ob sie sie drücken sollte. Erst als unerwarteterweise die Tür zur Wohnung nebenan geöffnet wurde und Higashis Nachbarin ihr beim Verlassen einen kritischen Blick zuwarf, wurde sich Saori auch über ihr albernes Verhalten bewusst.
Sie klingelte und fühlte sich dabei, als würde sie mit 180 km/h über die Autobahn brettern. Da sie Autofahren hasste also mit anderen Worten: gar nicht gut. Ihr wurde sogar etwas übel. Bevor sie es sich aber wieder anders überlegen und abhauen konnte, öffnete Higashi bereits die Tür. Verwundert sah er sie an. Er trug eine normale Brille, die ihm ein fast schon nerdiges Auftreten verlieh, sein Haar war zerzaust, dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und ein erster Bartansatz zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Er wirkte, als hätte er eine harte Nacht gehabt.
„Shirosaki-sensei", stellte er irritiert fest.
„Du kannst dich wohl wieder auf den Beinen halten." Saori bemühte sich um ein Lächeln, kam sich jedoch merkwürdig schüchtern dabei vor. Das war eigentlich keine Eigenschaft, mit der man sie beschreiben würde. „Ich wollte sehen ob alles in Ordnung ist."
Higashi trat zögerlich zur Seite, sodass Saori hereinkommen konnte. Er wirkte verlegen und Saori beobachtete kurz aus dem Augenwinkel wie er sich schnell durch die Haare und über das Gesicht strich, während sie in seine Küche gingen.
„Hättest du Bescheid gesagt, dann hätte ich wenigstens geduscht", grinste er verlegen.
Niedlich war eigentlich kein Wort, mit dem Saori einen Mann Mitte 30 beschreiben würde, aber tatsächlich ließ ihn seine Verlegenheit recht jugendlich und fast schon süß wirken – vielleicht irritierte es sie auch so sehr, weil von seiner viel zu coolen und lässigen Art nichts mehr übrig schien. Er wirkte, als hätte er mit seiner Sonnenbrille eine Maske abgelegt und das brachte Saori vollkommen aus dem Konzept. Wieder befand sie sich innerlich auf der Autobahn – was zur Hölle war hier los?
„Setz dich doch", sagte er und deutete zum Küchentisch, während er sich an die Küchenzeile lehnte. „Willst du etwas trinken?"
Saori schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hier um dir zusätzliche Arbeit zu machen. Ich will dich auch gar nicht lange stören, sondern nur sehen, ob du etwas brauchst."
„Ich bin bestens versorgt. Ich habe gesehen, dass mir jemand Essen gemacht hat."
Er lächelte sie wieder an – dieses Mal mit einer Mischung aus Scham und Dankbarkeit. Saori war drauf und dran ihn für dieses Lächeln zu verklagen. Es löste so viele Gefühle in ihr aus, die ihr fremd und damit verdammt beängstigend waren.
„Fühlst du dich denn besser? Du wirkst zumindest wieder deutlich fitter."
„Noch etwas geschlaucht, aber wesentlich besser als gestern." Sein Blick wurde nachdenklich. Er schien mit etwas zu hadern. „Wegen gestern… Ich erinnere mich da an etwas merkwürdiges."
Schlagartig stieg die Hitze in Saoris Körper an. Sie hofft, dass sie nicht rot wurde und wusste nicht was wie erwidern sollte. Am liebsten hätte sie ihn angelogen, um ihm kein schlechtes Gefühl zu vermitteln, aber lügen gehörten nicht zu ihren Stärken. „Du warst fiebrig", sagte sie stattdessen ausweichend.
Higashi wurde noch blasser, als er ohnehin schon war. „Es tut mir so leid. Ich wollte nicht-"
„Mach dir keinen Kopf", unterbrach sie ihn.
„Du sollst nicht schlecht von mir denken."
„Ich denke nur, dass du einen harten Tag hattest", erwiderte Saori.
Plötzlich erregte etwas neben ihm ihre Aufmerksamkeit. Durch das Fenster konnte sie große weiße Flocken erkennen, die für November ungewöhnlich früh langsam zur Erde segelten und bereits eine dünne Puderschicht auf Higashis kleinen Balkon hinterlassen hatten. Ihr Gefühl gestern hatte sie also nicht getäuscht. Saori hasste zwar die Kälte, aber sie liebte den Schnee.
„Es schneit", sagte sie und ging an ihm vorbei näher ans Fenster heran, um die Flocken besser sehen zu können.
„Ziemlich früh." Higashi trat neben sie.
„Es kann nie früh genug zu schneien beginnen."
Er lächelte und drückte den Lichtschalter neben der Balkontür. Augenblicklich standen beide in absoluter Dunkelheit gehüllt in seiner Küche und konnten einen viel besseren Blick auf die dicken Flocken erhaschen, die nun nur noch von Kamurochos erwachendem Nachtleben bunt beleuchtet wurden. Es wurde still zwischen ihnen und nur das Pochen ihres Herzens dröhnte Saori immer lauter in den Ohren. Eigentlich hatte er nur bezwecken wollen, dass sie so den Schnee besser betrachten konnte, aber stattdessen hatte er sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Der Moment hatte beinahe etwas romantisches. Etwas zu romantisches.
„Ich sollte gehen", flüsterte sie.
Higashi knipste sofort das Licht wieder an. „Das sollte nicht komisch wirken. Ich dachte-"
„Es ist alles gut", unterbrach Saori ihn. „Ich habe noch etwas vor." Dieses Mal log sie wirklich. Ihr war absolut klar, dass sie dabei wenig überzeugend wirkte.
„Saori-" Higashi stoppte sich sofort, als er bei der Erwähnung ihres Vornamens ihren überraschten Blick sah. „Shiro-"
„Es ist okay. Immerhin kennen wir uns mittlerweile lang genug. Ich muss jetzt wirklich los und du solltest wieder ins Bett."
Fast schon fluchtartig und dramatischer als eigentlich beabsichtigt verließ Saori seine Wohnung. Sie hatte aktuell das Gefühl so viel Abstand wie möglich zwischen sie bringen zu müssen, damit sie wieder einen klaren Kopf fassen konnte. Higashis liebeswürdiger Nerdlook strahlte eine beinahe gefährliche Anziehung aus und jetzt hatte er sie auch noch beim Vornamen genannt.
Tatsächlich hatte es über Nacht und den ganzen Tag so viel geschneit, dass der Schnee die Stadt in ein weißes Winterparadies verwandelt hatte. So weiß wie es eben ging, wenn Autos durch die Straßen rollten und grauen Matsch hinterließen. Mit schweren Akten im Gepäck verließ Saori am Abend die Kanzlei und wollte gerade Richtung U-Bahn laufen, als sie hinter sich eine Stimme wahrnahm.
„Du bist spät dran."
Irritiert drehte sich Saori um. Higashi stieß sich von der Hauswand ab und kam langsam auf sie zu. Sofort begann ihr Herz zu rasen. Obwohl die Luft schrecklich kalt war, konnte sie sofort seinen Geruch wahrnehmen.
„Du solltest im Bett sein. Hast du hier die ganze Zeit auf mich gewartet?"
Er lächelte sie an. „Mir geht es besser.", sagte er. „Ich will mich bedanken, also begleite ich dich nach Hause. Gib mir deine Sachen."
Saori drückte die Tasche an sich, als befinde sich ein wertvoller Schatz in ihrem Besitz. Eigentlich war es ihr aber nur unangenehm, dass Higashi für sie etwas trug. Aber noch viel unangenehmer war der Gedanke, dass er sie bis nach Hause begleitete. Selbst wenn er sie nicht neuerdings so nervös machen würde, hätte sie das nicht gewollt. Immerhin wohnte sie eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt und das war kein Katzensprung.
„Ich brauche keine Begleitung, aber danke", sagte sie schnell.
„Es macht mir aber nichts aus."
„Mir aber. Bitte dräng dich nicht auf." Saori biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte garstiger geklungen, als beabsichtigt und als sie sein enttäuschtes Gesicht sah, bereute sie sofort ihre Worte.
„Das wollte ich natürlich nicht. Es tut mir leid", sagte er geknickt.
„Ich denke nicht, dass du schon fit genug bist um hier ewig in der Kälte rumzustehen. Du solltest nach Hause gehen. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Higashi-san."
„Dir auch einen schönen Abend, Shirosaki-sensei."
Saori hatte höflich sein wollen, aber ihr wurde bewusst, dass ihre Worte auch eine Distanz zwischen ihnen geschaffen hatte, die sie eigentlich nicht gewollt hatte. Immerhin hatte sie ihm gestern noch gesagt, dass es okay war, wenn er sie beim Vornamen nannte. Gerne hätte sie ihm noch etwas Schönes gesagt, aber da sie nicht gut in diesen Dingen war und selbst gar nicht wusste, was plötzlich mit ihr los war, wenn es um ihn ging, ließ sie ihn einfach stehen, ohne noch einen letzten Blick zurück zu werfen.
In diesem Moment hätte sie sich selbst gerne den Preis für das größte Miststück des Jahres verliehen.
Saori war geschlaucht. Sie presste die schmerzenden Hände gegen den dicken Stoff ihrer Latzhose, um ihnen etwas Linderung zu verschaffen. In den Umzugskartons im Kofferraum des Lieferwagens vor sich befand sich lediglich Kleidung und noch einiger Krempel für Küche und Bad, aber es fühlte sich nach Steinen an. Bereits jetzt nach nur drei Kisten schmerzte ihr Rücken. Ihr Beruf hatte den Nachteil, dass es um ihre körperliche Kondition nicht zu ihrem Besten bestellt war und von Sport hielt sie generell auch relativ wenig.
Mikiko neben ihr stöhnte ebenfalls erschöpft. „Man versucht immer so wenig Zeug wie möglich anzuhäufen und am Ende sind es doch immer viel zu viele Sachen", seufzte sie. Fast schon resigniert blickte sie auf die vielen Kartons, die noch darauf warteten in den zweiten Stock getragen zu werden. Leider fühlte sich auch nur ein zweiter Stock ohne einen Aufzug im Treppenhaus und mit noch viel zu viel Arbeit vor sich wie eine Weltreise an. Mikiko schnappte sich eine neue Kiste, während Saori erst einen Schluck Wasser aus ihrer Flasche nahm und es ihr schließlich gleichtat.
Als Saori im Treppenhaus ankam, rutschte ihr jedoch nach den ersten Stufen plötzlich der Karton aus den Händen. Überrascht davon stolperte sie, konnte das Gleichgewicht nicht mehr halten und fiel nach vorne. Erschrocken machte sie sich darauf gefasst auf die harte Treppe zu stürzen, doch zwei kräftige Arme umfassten gerade noch rechtzeitig ihre Taille und zogen sie zurück.
„Hab dich", raunte eine bekannte Stimme hinter ihr.
Eine angenehme Mischung aus Parfum und leichtem Zigarettenrauch stieg Saori in die Nase. Sie wusste sofort wer sie in seinen Armen hielt und wessen Wärme sie viel zu nah an ihrem Rücken spüren konnte. Saori wandte ihren Kopf zu ihm um und sah in Higashis Gesicht. Obwohl er seine Sonnenbrille trug, war ihm anzusehen, dass er sich vergewisserte, dass alles in Ordnung war.
Sie hatten sich seit drei Wochen nicht gesehen und in diesem Moment konnte sie nur daran denken wie schrecklich sie zuletzt zu ihm gewesen war.
„Was machst du hier?", fragte Saori atemlos, während sie spürte wie die Hitze in ihrem Gesicht anstieg. Sie wusste, dass es eine absolut überflüssige Frage war. Er gehörte zu Kaitos besten Freunden, natürlich war er hier und ihr war auch klar gewesen, dass er über kurz oder lang auftauchen würde.
„Ich kann euch den ganzen Spaß ja nicht alleine schleppen lassen." Fast schon verärgert sah er an ihr vorbei auf die Kiste, die achtlos kopfüber vor ihr auf der Treppe lag, als wäre es ihre Schuld gewesen, dass Saori gestolpert war. „Warum hat keiner der anderen diese verdammte Kiste getragen?"
„Sie bauen gerade einen Schrank zusammen", erklärte Saori.
„Zu dritt?"
„Es ist ein großer Schrank."
Higashi schmunzelte und Saori fiel ein Stein vom Herzen, weil er sich trotz ihres Verhaltens ihr gegenüber vollkommen normal verhielt. Als ihr bewusst wurde, dass sie immer noch an seinem Körper gelehnt war, entfernte sie sich von ihm – sorgsam darauf bedacht nicht gleich wieder über die Stufen zu stolpern.
„Danke fürs Auffangen."
Kurz sah Higashi so aus, als würde er etwas sagen wollen, aber als sie hörte wie ihnen von oben Schritte entgegenkamen, krempelte er die Ärmel seines Longsleeves nach oben und hob Saoris Kiste vom Boden auf. „Schnapp dir was leichteres", sagte er noch zu ihr gewandt.
Im nächsten Moment bog auch schon Mikiko um die Ecke. „Oh, Higashi!", rief sie erleichtert. „Uns haben tatsächlich noch ein paar starke Arme gefehlt."
„Jetzt wird alles besser, Mikiko."
Er schenkte ihr ein lässiges Lächeln und ging an Mikiko vorbei die Treppen hinauf, während Saori und sie zurück zum Transporter gingen. Sie war froh über die zusätzliche Hilfe bei Kaitos und Mikokos Umzug, aber sie hatte nicht damit gerechnet wie nervös Higashis Anwesenheit sie machte. Dass dieser über den Tag hinweg auch noch sorgfältig darauf bedacht war ihr gegenüber besonders aufmerksam zu sein – wahrscheinlich, weil er davon ausging, dass sie ohne seine Hilfe keine zwei Treppenstufen sicher überleben würde – , machte die Sache nur noch schlimmer und führte dazu, dass Saori kaum mehr mit dem Kopf bei der Sache war.
„Du blutest", rief Higashi irgendwann aufgeregt.
Er kam auf sie zu und griff unbeirrt nach ihrem linken Arm. Verwirrt besah sich Saori den langen Schnitt, der sich über die Haut ihres Innenarms zeichnete und den sie in all der Aufregung gar nicht mitbekommen hatte. Sie hatte wohl irgendwo eine scharfe Kante übersehen.
Higashi wollte sie bereits in Richtung Badezimmer ziehen, doch Saori riss sich fast schon grob aus seinem Griff los.
„Nein", sagte sie und war dabei wieder barscher, als beabsichtigt. Scheinbar gelang es ihr nahtlos an ihr letztes Gespräch anzuknüpfen. Sie schämte sich sofort für ihre Reaktion. „Das ist nur ein Kratzer", fügte sie kleinlaut hinzu.
„Tut mir leid. Ich wollte mich nicht wieder aufdrängen", murmelte er und wirkte vor den Kopf gestoßen. Natürlich hatte er es nicht vergessen. Wie auch.
Saori wollte ansetzen etwas zu sagen, aber hielt inne, weil ihr die Worte fehlten.
„Unsinn", mischte sich nun Mikiko ein. „Das muss verarztet werden."
Im Gegensatz zu Higashi ließ sich Mikiko nicht von Saoris Protest beeindrucken. Sie schnappte nach ihrem Handgelenk und zog sie Richtung Badezimmer. Widerwillig setzte sich Saori dort auf die Kante der Badewanne, wobei es ihr am Ende doch lieber war von Mikiko als von Higashi verarztet zu werden. Würde sie hier nahe bei ihm und betört von seinem Geruch sitzen, würde sie am Ende wohl noch in die Wanne fallen.
„Zum Glück habe ich bereits vorhin alles für die Notfall-Apotheke eingeräumt", lächelte Mikiko und suchte schnell in ihrem Badezimmerschrank nach Desinfektionsmittel und Pflaster.
Einige Sekunden war es still zwischen ihnen und Saori sah ihr dabei zu wie sie sich geschickt um ihren Arm kümmerte, als Mikiko plötzlich die Stille unterbrach.
„Also du und Higashi, hm?", fragte sie.
„Was? Nein!" Saori war so erschrocken, dass sie ihr fast ihren Arm wieder entrissen hatte.
Überrascht hob Mikiko die Augenbraue. „Nein? Dann solltest du dir das vielleicht nochmal durch den Kopf gehen lassen. Er ist ein guter Kerl. Fast schon zu lieb. Zumindest lieber, als gut für ihn ist."
Saori brauchte nicht Mikiko um zu wissen, dass Higashi das Herz am rechten Fleck trug. Schon längst hatte sie durchschaut, dass seine coole und lässige Art lediglich Fassade war. Wahrscheinlich hätte es andernfalls ein Mann wie er auch nicht geschafft sich bei den Yakuza zu behaupten.
„Eigentlich schade", seufzte sie und klebte abschließend ein großes Pflaster auf ihren Arm. „Du solltest dir das wirklich nochmal überlegen."
„Es gibt nichts zu überlegen", erwiderte Saori verwirrt. „Zwischen uns ist nichts."
„Bist du dir sicher? Ich habe eure Blicke gesehen. Nicht nur seinen, auch deinen."
Saoris Kopf drehte sich, als sie anschließend mit Mikiko wieder das Badezimmer verließ. Ihr war bisher nicht bewusst gewesen, dass es so offensichtlich war, dass sie in Higashis Nähe weiche Knie bekam. Mittlerweile hatte sie den Punkt erreicht, an dem sie sich einfach nur wünschte, dass dieser Umzug ein Ende fand und zum Glück verging nur noch etwas mehr als eine weitere Stunde, ehe die Freunde am späten Nachmittag erschöpft in der sporadisch eingerichteten Küche beisammensaßen und Kaito zum Dank an alle Reisbällchen und Onigiris verteilte.
„Kaito und ich würden uns freuen, wenn ihr alle Silvester bei uns verbringen würdet. Immerhin muss ja auch noch eine Einweihungsparty her", verkündete Mikiko strahlend.
Saori wurde schlecht. Ein Umzug Seite an Seite mit Higashi war schon eine Herausforderung gewesen, aber ein ganzer Abend bei ausgelassener Stimmung mit Alkohol würde ihre Hormone wahrscheinlich vollkommen verrückt spielen lassen.
Im Gegensatz zu ihr nahmen Higashi, Yagami und Hoshino ihre Einladung jedoch positiver auf und da sie ohnehin nicht als Party-Queen galt, wunderte sich auch niemand über ihre verhaltende Reaktion oder schenkte ihr dahingehend große Beachtung.
„Vielleicht hat Mafuyu auch Lust zu kommen?", schlug Mikiko zu Saori gewandt vor.
Tatsächlich beruhigte sie die Aussicht auf Mafuyus Anwesenheit Saori wieder ein klein wenig. Sie hofft inständig, dass Mafuyu noch keine anderen Pläne hatte.
Zwei Wochen später stand der Silvesterabend vor der Tür und Saori hatte zwischenzeitlich bereits einige Male daran gedacht Mikiko und Kaito abzusagen und stattdessen den Abend alleine Zuhause mit einem guten Buch zu verbringen. Sie machte sich grundsätzlich nichts aus dem Jahreswechsel, aber beim Gedanken an die anderen, die gemeinsam eine schöne Zeit verbrachten, war sie sich dann doch schrecklich einsam vorgekommen. Also hatte sie sich dennoch aufgerafft und fühlte sich nun in ihrer lockeren Bundfaltenhose und mit dem trägerfreien Top trotz der kurzen Strickjacke viel zu overdressed, während sie aus der U-Bahn Richtung Mikikos und Kaitos neuer Bleibe spazierte.
Sie wusste nicht, was in den fünf Minuten in sie gefahren war, als sie einen Blick in ihren Kleiderschrank geworfen hatte, aber wie immer in letzter Zeit war da der penetrante Gedanke an Higashi gewesen – und er war schließlich auch noch da, als sie vor ihrem Badezimmerspiegel gestanden, sich geschminkt und die Haare zu einem schrägen Zopf frisiert hatte. So weit war es nun schon mit ihr gekommen, dass sie ihn beeindrucken wollte.
Die Nacht war bitterkalt und Saori war erleichtert, als sie nach wenigen Gehminuten endlich wieder von Wärme empfangen wurde. Yun öffnete ihr die Tür und sie bemerkte, wie er etwas rot wurde, als Saori ihren Wintermantel und den dicken Schal ablegte. Okay, sie hätte definitiv bei ihren biederen Anwaltsoutfits bleiben sollen.
Saori gesellte sich im Esszimmer zu Kaito und Hoshino. Letzter nahm sie unverhohlen unter die Lupe und wirkte dabei fast misstrauisch.
„Hast du heute noch mehr vor?", wollte er wissen.
„Ich wollte 2023 mit Stil begrüßen", antwortete Saori knapp.
Es klingelte wieder. Sie konnte auf dem Flur Gelächter hören und im nächsten Moment kamen auch Yagami, Mafuyu und Higashi herein. Saori war sich sicher, dass dieses Mal sie diejenige war, die rot wurde. Higashi hatte erneut seine Sonnenbrille gegen seine normale Brille gewechselt und versprühte sofort wieder diesen jugendlichen Nerd-Charme. Zum Glück war es Mafuyu, die sich neben sie setze. Nicht, dass er überhaupt daran Interesse gehabt hätte.
„Du siehst toll aus", sagte Mafuyu zu ihr gewandt. „Hast du etwa noch etwas vor?"
Allmählich wurde es Saori peinlich. Sie war nicht aufgebrezelter als die anderen, aber da sie sich für ihre Verhältnisse relativ viel Mühe gegeben hatte, stach sie natürlich damit sofort allen ins Auge.
„Sie will 2023 mit Stil begrüßen", witzelte Hoshino.
Seit ihrer Trennung war er spitzzüngiger ihr gegenüber geworden. Saori konnte es ihm nicht verübeln. Sie wusste, dass er noch ganz schön daran zu knabbern hatte und sie würde lügen, wenn sie behauptete, dass es ihr nicht mehr wehtat. Immerhin hatte sie mit der Trennung auch ihren besten Freund verloren.
„Na sieh mal an", sagte Mafuyu. „Das kann ich nur unterstützen. Darauf sollten wir gleich anstoßen."
„Das ist mein Stichwort", brummte Kaito mit einem breiten Grinsen hinter ihnen.
Er stellte Sektgläser auf den Tisch, schenkte ihnen ein und noch vor dem Essen wurde das erste Glas geleert.
Der Abend verlief so feuchtfröhlich wie Saori befürchtet hatte, aber der Alkohol und das gemeinschaftliche Essen tat ihr gut, um endlich wieder Lockerheit in Higashis Nähe zu verspüren. Sie saßen einander schräg gegenüber und ab irgendeinem Punkt war ihre Stimmung so ausgelassen geworden, dass sie sich viel zu oft und intensiv in die Augen sahen und Saori sich nicht mehr gezwungen fühlte verschämt den Blick abzuwenden. Sie konnte nicht greifen was zwischen ihnen war, aber würde diese sexuelle Spannung nur von ihr ausgehen, hätte sie wohl eine miserable Menschenkenntnis und müsste ihren Job an den Nagel hängen. Wobei sie sich nicht erklären konnte, warum Higashi ausgerechnet Gefallen an ihr gefunden hatte. Immerhin war sie lediglich in der Lage sich nur einmal im Jahr für die Öffentlichkeit einigermaßen ansehnlich herzurichten und er war ein verdammt attraktiver Mann, der sicher leichtes Spiel hatte, wenn er wollen würde.
„Ich werde nächstes Jahr wohl ins Ausland gehen", sagte irgendwann Mafuyu und unterbrach damit eine wilde Diskussion zwischen Kaito und Hoshino. Schlagartig wurde es still im Raum.
„Ausland bedeutet weit weg", sagte Saori fassungslos, nachdem sie ihre Sprache wieder gefunden hatte. Sie sprach mehr zu sich selbst, als in die Runde. Nicht mal ihr hatte Mafuyu vorher etwas darüber erwähnt gehabt, dabei war sie ihre beste Freundin.
Mafuyu lächelte sie entschuldigend an, als könnte sie ihre Gedanken lesen. „Ich habe vor ein paar Tagen ein Angebot aus New York bekommen. Es ist eine gewaltige Chance."
Saori verstand, dass ein solches Angebot zu gut war, um es auszuschlagen, aber es tat verdammt weh. Mafuyu war schon immer ihr Fels in der Brandung gewesen und in diesem Moment zersprang dieser Fels in Tausend kleine Teile. Der Schock saß tief. Sie hatte nicht einmal davon gewusst, dass Mafuyu überhaupt Interesse hatte ins Ausland zu gehen. „Wann geht es los?"
„Im Februar."
Das war bald. Viel zu bald.
Der verdammte Alkohol führte dazu, dass Saori plötzlich mit den Tränen kämpfte, dabei kämpfte sie nie mit den Tränen. Sie wischte sich verschämt mit dem Handrücken über die Augenwinkel.
„Ich wollte die Stimmung nicht ruinieren. Ich wusste nur nicht wann und wie ich es hätte sagen sollen", entschuldigte sich Mafuyu und fiel ihr um den Hals. „Es tut mir wirklich leid, Saori."
Saori zwang sich zu einem Lächeln und tätschelte ihr den Rücken. „Ich freu mich doch auch für dich."
„Saori hat sicher nur etwas ins Auge bekommen", lachte Kaito scherzhaft, um die Stimmung wieder etwas aufzulockern, aber auch er wirkte geknickt „Wir sind aber alle traurig", fügte er dann hinzu.
„Ich werde euch auch sehr vermissen." Mafuyu begann zu schniefen. „Verdammt, jetzt fange ich auch noch damit an."
„Kaitos verdammte Bowle ist Schuld", brummte Saori und funkelte ihn böse über ihre Brille hinweg an.
„Ihr vertragt nur nichts. Daran liegt es!"
Eine halbe Stunde vor dem Jahreswechsel machten sich schließlich alle in dicken Winterjacken gekleidet auf den Weg zum hiesigen Schrein. Saori tat die frische Luft gut, denn der viele Alkohol war ihr wirklich bereits zu Kopf gestiegen und nach Mafuyus Geständnis musste sie dringend tief durchatmen. Ihr war klar, dass Mafuyu nicht aus der Welt war und es genug Mittel und Wege gab um in Kontakt zu bleiben, aber es würde sich alles gewaltig zwischen ihnen ändern und Saori konnte das Gefühl des Verlustes nicht abschütteln. Missmutig stapfte sie durch den Schnee ihren Freunden hinterher und bohrte regelrecht einen düsteren Blick in Mafuyus Rücken, die sich gerade leise flüsternd einige Meter von ihr entfernt mit Yagami unterhielt. Er hatte sich nicht dazu geäußert, aber mit Sicherheit hatte ihn ihre Nachricht ebenfalls ziemlich getroffen.
„Geht es dir gut?", riss sie plötzlich Higashi aus ihren Gedanken. Er hatte sich nach hinten fallen lassen und ging nun mit ihr gleich auf. Man sah ihm an, dass er sich Sorgen um sie machte.
„Klar", erwiderte Saori und bemühte sich um ein Lächeln, woran sie allerdings kläglich scheiterte. „Ich würde es an ihrer Stelle auch tun. Es wird nur komisch werden. Wir kennen uns schon so lange."
„Ich bin kein richtiger Ersatz, aber wenn du es willst, bin ich da. Das solltest du wissen."
Er sagte das so unerwartet und geradeheraus, dass Saori kurz die Luft wegblieb und sie erstarrte. Sie erlebte zum ersten Mal in ihrem Leben den Moment, in dem man innerlich dahinschmolz. Kaitos Rufen unterbrach die Nacht und sorgte für die nötige Ablenkung. Saori war ihm dankbar, denn sie hatte nicht gewusst was sie Higashi erwidern konnte.
„Was macht ihr beide da hinten?", rief er. „Bei eurem Tempo kommt ihr nicht vor Mitternacht am Schrein an."
Saori stellte fest, dass sie tatsächlich bereits ein ganzes Stück von der Gruppe abgeschlagen waren. „Wir sollten zu den anderen", murmelte sie.
Sie wollte schnell ihre Freunde wieder einholen, aber Higashi ignorierte Kaito und berührte sie stattdessen sachte am Arm, um sie aufzuhalten.
„Kann ich dich später nach Hause bringen?", fragte er.
Bedeutungsschwanger hing seine Frage zwischen ihnen in der Luft. Saori wusste nicht, ob nur sie daran zweifelte, dass es dabeibleiben würde. Sie dachte an die intensiven Blicke, die sie den ganzen Abend getauscht hatten und daran, dass sie sich währenddessen mehrmals gefragt hatte wie sich seine Küsse und Berührungen auf ihrer Haut wohl anfühlen würden.
Spätestens jetzt wurde ihr wieder leicht schwindelig. Sie wich seinem Blick aus, als sie ihm wieder eine Abfuhr erteilte. „Hoshino bringt mich nach Hause", gestand sie kleinlaut.
Higashi versteifte sich sofort. „Was ist das zwischen euch?", fragte er. „Ich dachte, ihr wärt getrennt?"
„Wir sind Freunde. Versuchen es zumindest."
Er sah kurz skeptisch aus, akzeptierte jedoch ihre Antwort. Stattdessen kam er plötzlich unbeirrt auf sie zu. Saori hob abwehrend, aber recht halbherzig die Hände und warf einen vorsichtigen Blick zu den anderen. Die aber waren weitergegangen und achteten nicht mehr auf sie.
„Man könnte uns sehen", sagte sie. „Hoshino könnte uns sehen. Ich will ihn nicht verletzen."
Higashi ignorierte ihren Einwand. „Das ist mir egal", wisperte er.
Wenn sie es wirklich nicht gewollt hätte, hätte sie handeln können. Stattdessen ließ sie zu wie er die Hand auf ihren Rücken legte und sie an sanft sich drückte.
„Ich bilde mir das doch nicht nur ein, oder geht das nur von mir aus und ich bedränge dich tatsächlich die ganze Zeit?"
Unsicher sah er sie an. Sein Gesicht war ihrem gefährlich nahe. Dieses Mal war es nicht mehr die Bowle, die ihre Beine ins Schwanken brachte. Es war nichts was man in der Öffentlichkeit machte, aber der Alkohol in ihrem Blut hatte sie machtlos werden lassen weiterhin gegen die Anziehung zu ihm zu kämpfen – und, erst recht achtete er nicht auf eine Etikette.
„So war das damals nicht gemeint", murmelte sie entschuldigend. „Du bildest dir nichts ein."
Sie küsste ihn.
Zurückhaltend, aber dennoch voller Leidenschaft, Sehnsucht und Hingabe. Eine Explosion der Gefühle machte sich in Saoris Brust breit, während sich Lippen und Zungen berührten. Sie fühlte sich berauscht von seinem Geruch und dem was gerade zwischen ihnen geschah. Als sie sich wieder trennten, waren beide fast atemlos.
„Ich mag dich. Sehr sogar", sagte er eindringlich.
Ihr Herz tanzte. Wenn sie ehrlich war, mochte sie ihn auch. Sehr sogar.
Spätestens jetzt war Saori dankbar, dass seine Hand noch immer auf ihrem Rücken lag und er sie somit stützte. Sie wusste wieder nicht was sie ihm erwidern sollte und konnte ihn lediglich mit großen Augen anstarren. Am liebsten hätte sie ihn wieder geküsst, aber ihre erste Reaktion war wie so oft, wenn es um ihn ging und die absolute Überforderung sie übermannte: Flucht aus der Situation.
„Wir sollten zurück zu den anderen", flüsterte sie.
Daraufhin die Enttäuschung in Higashis Gesicht zu sehen, tat ihr fast selbst weh. Er ließ sie wieder los und entfernte sich von ihr – keinen Moment zu spät, denn Kaitos Stimme hallte erneut durch die Nacht.
„Was macht ihr da die ganze Zeit? Jetzt beeilt euch ein bisschen!"
„Jetzt dräng sie nicht die ganze Zeit", schimpfte Mikiko mit Kaito.
Nachdem sie das neue Jahr mit Neujahreswünschen und Gebeten am Schrein eingeläutet hatten, waren sie noch einige Zeit lang durch die besinnlichen Feierlichkeiten der Nacht spaziert, bis sich alle nacheinander voneinander verabschiedet hatten, um sich auf dem Weg nach Hause zu machen.
Saori hatte dabei die restliche Nacht penibel genau darauf geachtet gehabt den größtmöglichen Abstand zwischen Toru und sie zu bringen und zu seiner Enttäuschung war sie am Ende tatsächlich mit Hoshino gegangen. Beim Abschied war ihm nicht einmal ein Blick vergönnt gewesen. Bis zuletzt hatte er gehofft, sie würde es sich anders überlegen. Er war sich dessen bewusst gewesen wie naiv er war, aber angesichts ihres Kusses, war es schwer gewesen sich keine Hoffnung zu machen.
Noch immer frustriert verließ Toru gerade sein Badezimmer und wollte sich endlich in sein gemütliches Bett fallen lassen, als es unerwartet an seiner Wohnungstür klingelte. Es war zu spät für Besuch, dementsprechend alarmiert war er, als er einen prüfenden Blick durch den Spion warf. Er traute seinen Augen kaum, als er Saori davor sah und riss die Wohnungstür regelrecht auf. Sie zuckte zusammen.
„Wow, etwas überschwänglich", sagte sie nervös. Man sah ihr an, dass sie fror. Die kalte Nachtluft hatte ihr Gesicht gerötet und sie wurde noch roter, als sie bemerkte, dass er lediglich T-Shirt und Unterhose trug.
„Ich wollte gerade ins Bett", erklärte er schnell seinen Aufzug und ließ sie in die Wohnung. „Warum bist du nicht Zuhause?"
„Hoshino hat uns gesehen."
Natürlich hatte er sie gesehen. Wahrscheinlich hatten sie alle das. Das würde auch erklären, warum Kaito am Ende etwas patzig ihm gegenüber gewesen war. Toru war nicht unbedingt diskret gewesen und ihre Freunde waren schließlich auch nicht auf den Kopf gefallen. Zu seiner Erleichterung wirkte Saori darüber nicht verärgert.
„Er meinte, es wäre ein Fehler."
Toru schnaubte. „Natürlich meint er das. Er mag mich nicht."
„Du weißt, dass es nur zu 20 % dabei um dich geht", sagte sie mit einem schwachen Lächeln.
„Es tut mir leid", entschuldigte er sich. „Ich weiß, dass du ihn nicht verletzen wolltest. Das war egoistisch von mir."
„Wir sind beide noch ein Teil vom Leben des anderen. Über kurz oder lang wäre es ohnehin passiert."
„Und jetzt bist du hier, obwohl er meinte, dass es ein Fehler wäre." Es sollte wie eine Feststellung klingen, aber Toru konnte nicht verhindern, dass Unsicherheit in seiner Stimme mitschwang.
„Du kannst dir sicher sein, dass ich dich verklagen werde, solltest du mir das Herz brechen und glaub mir, ich bin eine verdammt gute Anwältin. Ich werde dich gnadenlos fertig machen."
An Saoris Gesichtsausdruck konnte Toru erkennen, dass sie es bitter ernst meinte und brachte ihn damit zum Schmunzeln. Wahrscheinlich sprach noch immer der Alkohol aus ihr.
Er zog sie zu sich heran. Langsam begann er den Reißverschluss ihrer Winterjacke zu öffnen, während sie ihn dabei nicht aus den Augen ließ. „Ich könnte dir das Herz brechen?", fragte er grinsend.
Ihr Blick blieb streng. „Du scheinst das etwas zu sehr zu genießen."
Torus Gesicht wurde wieder ernster. Eindringlich sah er sie an und wollte ihr damit zu verstehen geben, dass das alles andere als ein Spielchen für ihn war. „Es könnte auch meinem Herzen etwas passieren", flüsterte er.
Ihre Augen wurden groß und sie wurde wieder rot. Er streifte ihr die Jacke mitsamt Strickjacke über die Schultern und beides landete achtlos auf dem Boden. Sein Blick glitt über ihren Oberkörper. „Ich habe dich den ganzen Abend für dieses Top verflucht, weißt du?", sagte er wispernd. „Zu viel Haut. Zu eng."
Torus Hand fuhr zärtlich über ihren Hals, ihre Brüste entlang und verharrte schließlich am Bund ihrer Hose. Fragend sah er sie an und bat sie somit stumm um ihr Einverständnis.
„Dann wird es Zeit, dass ich es loswerde", sagte Saori mit heiserer Stimme. „Zieh mich aus."
Ihre Lippen fanden sich wieder zu einem Kuss. Hatten sie vorhin noch mit Zurückhaltung gekämpft, gab es nun zwischen ihnen keine Hemmungen mehr. Ihre Hände waren überall, die restliche Kleidung fiel.
Warmer Sonnenschein kitzelte die schlafende Saori an der Nase und sie blinzelte kurz. Das helle Licht brachte sie dazu sich brummend davon wegzudrehen, ehe ihr im nächsten Moment bewusst wurde, dass etwas komisch war. Irritiert öffnete sie die Augen. Zunächst war ihr ihre Umgebung absolut fremd, aber dann holte die sie letzte Nacht begleitet von einer regelrechten Gefühlsachterbahn wieder ein. Heiße Küsse, wilder Sex und ganz viel Higashi.
Saori sah neben sich, doch die andere Betthälfte war leer, stattdessen registrierte sie nun leises Rascheln hinter dem Paravent. Da sie vollkommen unbekleidet war und keine Ahnung hatte, wo sich ihr Klamotten befanden, schnappte sie sich kurzerhand eines von Higashis Shirts aus dem Schrank. Zwar hing es ihr viel zu lang über dem Körper, aber bedeckte damit zumindest auch ihren Intimbereich. Unterwegs würde sie wohl Ausschau nach ihrem Höschen halten müssen. Saori ärgerte sich, dass sie keine Wechselkleidung von Zuhause mitgenommen hatte – aber wer hätte auch ahnen könnten, dass sich die Nacht so entwickeln würde?
Nach einem letzten tiefen Durchatmen, trat Saori zögerlich mit klopfendem Herzen hinter den Paravent. Higashi stand lediglich in Pyjamahose bekleidet mit dem Rücken zu ihr der Küche zugewandt und bereitete konzentriert Frühstück zu. Der Esstisch war bereits gedeckt. Bei dem Anblick wurde ihr warm ums Herz. Es fühlte sich nach Glück an.
„Guten Morgen", sagte Saori. Ihre Stimme war wieder beinahe schüchterner, als sie es eigentlich von sich gewohnt war.
Überrascht wandte er sich zu ihr um. Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, als er sein T-Shirt an ihr bemerkte.
„Das steht dir irgendwie besser, als mir", sagte er mit einem Zwinkern.
Er stellte einen Teller voller Gemüse auf den Esstisch, dann kam er unbeirrt auf Saori zu und zog sie zu einem Kuss an sich. Saori fühlte sich überrumpelt und unwohl. Vorsichtig drückte sie ihn von sich. Nicht, dass sie es nicht genießen würde, aber sie wollte lieber zuerst ins Bad verschwinden.
„Ich sollte vielleicht erst Zähne putzen", sagte sie verlegen.
„Ich habe noch nicht geduscht", grinste er.
Saori konnte ihm nicht widerstehen. Alles an ihm schrie nach Sex. Draußen begannen wieder die ersten Flocken zu fallen, während seine Hose und ihr Shirt fiel.
Ende
