Kapitel 1
Die leere Wohnung
Dieser Arsch. Der hatte verdammt nochmal Nerven.
Als Molly sich wieder sammelte, war sie in einer Ecke gegen die Küchenschränke gekauert, die Knie unters Kinn hochgezogen. Die Zitrone und das Messer und das Telefon lagen auf dem Boden verstreut, als wären sie aus Mitgefühl ebenfalls zu Boden gefallen. Das Licht draußen kam ihr dämmeriger vor als zuvor. Ihre zitternden Hände, zu Fäusten geballt, krallten sich um den Saum ihres Pullovers.
Sie wischte sich mit einem Ärmel über die Augen und griff nach dem Telefon, blieb aber am Boden sitzen. Es war gerade kurz nach sieben, und sie hatte für den Samstagabend keine Pläne, daher war sie nicht überrascht, dass die einzige Nachricht von Greg stammte, der sie bat, ihn zurückzurufen, sobald es ihr möglich war. Greg war immer höflich, lächelte immer, sogar wenn Sherlock –
Molly konnte ihren eigenen Herzschlag hören, laut und nachdrücklich. Du hast es ihm gesagt, schrie ein Teil von ihr, du hast es ihm gesagt. Sie konnte nicht erkennen, ob die Schreie wütend oder verzweifelt oder triumphierend waren.
Es war kein Spiel, hatte er gesagt. Es war allerdings kein Spiel. Niemand hatte verdammt nochmal irgendwas gewonnen.
Sie würde Greg morgen zurückrufen.
ooOOoo
Nachdem sie sich etwas Rührei gemacht und eine neu aufgebrühte Tasse Tee getrunken hatte, schlief sie schließlich auf dem Sofa ein, während eine Wiederholung von Fawlty Towers lief und Toby neben ihr auf der Armlehne schnurrte.
Sie schreckte auf, als jemand an die Tür hämmerte. Toby jaulte die Stimmen draußen an.
„Molly?" Von der Straße waren Sirenen zu hören, aber Sally Donovans Stimme drang zu ihr durch. „Molly, komm schon, komm schon." Diesen Ton hatte sie von Sally noch nie gehört – panisch und außer sich, hätte sie gesagt, wenn sie hätte raten müssen. Molly schaltete den Fernseher auf stumm und zog sich hastig eine Trainingshose über, bevor sie die Tür öffnete.
„Sally, ich wollte Greg eigentlich morgen früh anrufen–"
Aber Sally und drei andere Beamte hatten sich schon an ihr vorbeigedrängt und schalteten Lampen ein, während sie in der Wohnung ausschwärmten.
„Molly, du hättest heute verdammt nochmal sterben können, das ist nicht der passende Zeitpunkt, langsam zu sein. Ich weiß, du und der Freak, ihr habt da irgendwas am Laufen, und ehrlich gesagt würde ich es dir nicht verübeln, wenn du nie wieder mit ihm reden würdest, aber sich tot zu stellen, ist nie wirklich hilfreich."
Sally kroch unter das Sofa, um sich dort umzusehen, leuchtete mit der Taschenlampe die Fensterbank entlang, kippte den Beistelltisch auf die Seite, hob den Teppich an. „Ich schwöre bei Gott, irgendwann lasse ich mich zur Verkehrsüberwachung versetzen, ohne Greg was davon zu sagen. Schnapp dir Toby, Molly, bevor er abhaut. Nicht dass man es ihm vorwerfen könnte." Den letzten Teil flüsterte sie deutlich hörbar, als sie begann, Bücher aus den Regalen an der Wand zu ziehen.
Molly starrte sie von der Eingangstür aus an und griff nach Toby, bevor er nach draußen flitzen konnte. Sterben?
„Dieses Zimmer ist sicher, du kannst dich also hinsetzen und aufhören, in die Luft zu starren. Ich sag dir auf dem Weg zum Revier, worum es geht, aber zuerst kümmere ich mich um das Badezimmer – hab den Jungs gesagt, sie sollen das Bad und deinen Kleiderschrank auslassen. Keine Zeit, Tee zu kochen, daher schlag ich vor, du überlegst dir, was du für eine Woche unterwegs brauchst und packst dir schnell eine Tasche, wenn ich den Flur runter fertig bin." Als sie an ihr vorbei Richtung Flur ging, klopfte Sally ihr forsch auf die Schulter. „Kopf hoch, Molly. Der Freak wird dich nicht sterben lassen. Er bringt uns um, wenn wir was übersehen, und er weiß, wie man Leichen verschwinden lässt."
Irgendwann inmitten von Sallys Geplauder – War Sally nervös? Sally war nie nervös – fand Molly sich auf dem Sofa wieder, wo sie Toby wahrscheinlich etwas zu fest umklammerte und mit den Augen blinzelte, so grell war das Licht der sämtlich leuchtenden Glühbirnen in der Wohnung. Sie konnte noch immer die Sirenen von draußen vor dem Haus hören, und die Schritte von Männern in der Küche. Öffneten die jeden verdammten Schrank? Sie hörte das Krächzen eines Funkgeräts und Sally, wie sie wieder zurück durch den Flur lief und irgendwas über Kameras. Sie blinzelte. Packen. Sally hatte etwas von Packen für eine Woche gesagt, was bedeutete, dass sie eine Woche nicht hier sein würde. Schuhe, Pullover, Schlüpfer, ein oder zwei Paar Leggings, Tobys Futter und das Katzenklo. Vielleicht ein Buch. Wahrscheinlich ein Pass. Ihre Toilettenartikel in Reisegröße standen immer bereit, nur für den Fall, dass sie im Labor ihr Lager aufschlagen musste. Mobiles Ladegerät. Laptop.
Sterben. Du hättest heute verdammt nochmal sterben können.
Sally kam zurück ins Zimmer und dimmte die Lichter. „Dein Schlafzimmer ist sicher, Molly; die Küche werden wir fürs Erste meiden. Dein Telefon hab ich eingesteckt, aber ich fürchte, ich werde es für eine Weile behalten müssen. Wir werden auch deinen Computer hierlassen. Nimm einfach ein paar nicht-technische Notwendigkeiten mit." Sally griff nach Mollys Händen und zog sie auf die Füße. „Ich sag einem der Jungs, er soll Tobys Sachen mitnehmen, während wir deine Tasche holen."
„Sally, wa–" Molly versuchte, eine Frage zu artikulieren, auch wenn sie nicht wusste, welche Art Frage sie zu stellen versuchte, aber Sally schüttelte den Kopf.
„Nicht hier, Molly. Sobald wir im Auto sind, können wir reden, aber nicht hier."
Die anderen Beamten kamen vom anderen Ende des Flurs. Einer hatte Tobys Tragekorb und Futter dabei, der andere hielt eine kleine Plastiktüte hoch, um sie Sally zu zeigen. Für Molly sah es aus, als wären darin vier kleine schwarze Knöpfe.
„Das sollte alles sein, Donovan. Wir nehmen sie mit dem Mobiltelefon mit und machen die üblichen Tests."
„Gute Arbeit, Jones. Molly und ich sind gleich draußen. Ich werde sie fahren, wartet aber trotzdem solange hier, bis wir weg sind."
Sally schob sie an den Schultern in ihr Schlafzimmer. Ihr Hirn fühlte sich matschig an, aber es gelang ihr, eine kleine Tasche unter dem Bett hervorzuziehen, und Sally ging ins Bad, um ihre Waschtasche zu holen. Molly zog ein paar Pullover aus dem Schrank, ein Paar Jeans, ein paar Schlüpfer, Bhs und Socken. Krieg und Frieden lag auf dem Nachttisch wie ein Ziegelstein, also warf sie das auch in die Tasche. Etwas seichter Lesestoff, dachte sie, wie ein Urlaub.
„Kein Urlaub, Molly, aber keine schlechte Idee, ein Buch mitzunehmen." Sally kam zurück ins Schlafzimmer. „Ich hab das Licht ausgeschaltet, also wenn du fertig bist, können wir gehen."
Es war etwas frisch draußen, etwa drei Uhr morgens, noch nicht hell. Es war später August, und es fühlte sich schon an wie Mitte September, der Wind kühl auf ihrem Gesicht, als sie die Tür hinter ihnen verschloss. Sally stellte die Tasche auf den Rücksitz und half Molly, den Sicherheitsgurt anzulegen. Vom Fenster aus sah ihre Wohnung ziemlich genauso aus wie immer, aber etwas hatte sich verändert. Das Blaulicht flackerte immer noch gegen die Schreiben. Alle Vorhänge war zugezogen.
Als sie auf die A10 einbogen, beobachtete Molly Sallys Gesicht, hin und wieder erleuchtet von den Straßenlaternen. Sally schüttelte den Kopf und atmete mit einem Blick auf Molly aus.
Es gibt eine Sache, die du wissen musst, bevor ich dir den Rest erzähle." Sallys Griff um das Lenkrad wurde fester. „Der Freak hat eine Schwester."
