IV.


Paris im August war so etwas wie ein türkisches Bad unter freiem Himmel. Es gab zwar keine sichtbaren Dampfschwaden (noch nicht!), aber die Luftfeuchtigkeit zwischen den eleganten Jugendstil-Fassaden, die die Straßen säumten, war fast schon hoch genug, um Saunaliebhaber zufrieden zu stellen.

Michael Fitzhubert blieb unter der schattenspendenden Markise einer Buchhandlung stehen, zauberte ein mit Initialen besticktes Taschentuch heraus wie ein Varieté-Magier ein weißes Kaninchen aus einem Zylinder und wischte sich sein feuchtes Gesicht ab. Er fächelte sich mit dem achtlos zusammengeknüllten Rechteck aus gestärktem Leinen auch noch ein wenig Luft zu (ziemlich wirkungslos!), bevor er es wieder in der Tasche seines Jacketts verschwinden ließ.

Er warf einen matten Blick in die Runde und versuchte sich zu einem Entschluss durchzuringen: Sollte er weitergehen und sich noch ein wenig in Montmartre umsehen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, oder sollte er sich doch besser wieder in sein Hotel in der Rue de Saint-Denis zurückziehen? Er entschied, dass beides momentan über seine Kräfte ging, und steuerte stattdessen einfach das nächstbeste Café an, das Gott sei Dank nur ein paar Schritte von ihm entfernt war. Erschöpft ließ er sich zwischen zwei Kübeln voller buschiger rosafarbener Geranien auf einen schmiedeeisernen Gartenstuhl sinken, der dank einem gut gepolsterten Kissen nicht ganz so unbequem war wie er aussah. Er parkte seine Glacéleder-Handschuhe und seinen Spazierstock auf dem zierlichen Tischchen vor ihm und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Die Dinge kamen glücklicherweise recht schnell und zwar in Form eines fürsorglichen Kellners, der Michael nach einem flinkzüngigen und völlig unverständlichen Wortschwall in dem klangvollen Dialekt des rechten Seine-Ufers in weiser Voraussicht zunächst einmal mit einem großen, aber gar nicht bestellten Glas Eistee versorgte, bevor er dem offenbar schwerhörigen oder sonst wie gehandicapten Gast schwungvoll eine Speise- und Getränkekarte präsentierte.

„Merci", murmelte Michael und stürzte den köstlichen und wundervoll kalten Eistee sofort hinunter. Er war wie ein Verdurstender, der mitten in der Wüste und fünf Minuten vor dem Verschmachten auf eine Oase gestoßen war. „Das gleiche nochmal bitte … ähm … Encore … encore … ach verdammt, wie heißt das doch gleich? … la même chose", radebrechte er. „S'il vous plait", fügte er nach einem Augenblick hastig hinzu, damit der Mann ihn nicht für unhöflich hielt.

„Oui, bien sûr, Monsieur!" sagte der Keller betont laut, langsam und deutlich, um zu signalisieren, dass er Michaels mühsam herausgestammelte Order erfasst hatte und auch sonst durchaus gewillt war, Toleranz für halb taube und begriffsstutzige Ausländer zu zeigen.

Er schoss davon wie ein geölter Blitz und war mit atemberaubender Geschwindigkeit und einem neuen Glas zurück. Und nach weiteren Verhandlungen in einem bilingualen Kauderwelsch und unter Zuhilfenahme der Zeichensprache (heftiges Herumgefuchtel mit beiden Händen auf der einen Seite und ein befehlsgewohnter Zeigefinger, der kategorisch die gewünschten Punkte auf der Menükarte antippte, auf der anderen Seite!) bekam Michael sogar einen lieblichen Weißwein und eine ausgesprochen verheißungsvoll aussehende Käseplatte serviert.

Er bedankte sich herzlich und etwas zu enthusiastisch („Merci beaucoup! Merci infiniment!") und sagte sich im Stillen, dass diese Begegnung eindeutig ein Symbol für den Erfolg der Entente Cordiale war – vielleicht sogar schon ein Vorgeschmack auf den künftigen Erfolg der Triple Entente der europäischen Großmächte, die leider wohl allzu bald eine sehr wichtige Rolle spielen würde.

Während er seinen leeren Magen mit einem vorzüglichen Baguette und einer Auswahl von winzigen, delikaten Roquefort-, Brie- und Camembert-Dreiecken füllte, sann er darüber nach, wie sehr sich die Welt verändert hatte, seit er vor acht Tagen den vor reiselustigen Zeitgenossen wimmelnden Gare du Nord verlassen hatte, gefolgt von dem griesgrämigsten Gepäckträger, der jemals mit sichtlichem Widerwillen seine Koffer hinter ihm her geschleppt hatte, und empfangen von einem sogar noch mürrischeren Droschkenkutscher, der beim Anblick besagter Koffer vielsagend die Augen gen Himmel verdreht hatte, bevor er schwerfällig von seinem hohen Sitz heruntergeklettert war und sie verladen hatte. (Zum Glück für den Kutscher hing Michael an Traditionen. Er war kein Freund von diesen röhrenden Metallkisten auf Rädern, die miefige Benzinschwaden ausspuckten und auch nicht viel schneller waren als ihre vierbeinigen, mit Heu und Hafer betankten Vorgänger. Ansonsten hätte er sich schon aus purem Trotz sofort ein Taxi genommen.)

Doch diese kleinen Widrigkeiten des Lebens waren natürlich schnell verblasst vor den sehr viel ernsteren Ereignissen, die sich seither abgespielt hatten.

Nur zwei Tage nach Michaels Ankunft hatte die Donau-Monarchie, deren vergreister Herrscher im Laufe seiner viel zu langen Karriere noch nie gezaudert hatte, wenn es darum ging, diplomatische Kontroversen auf möglichst brutale, das heißt militärische Weise zu lösen, Serbien doch tatsächlich den Krieg erklärt, wie es allgemein bereits befürchtet worden war. Und das hatte unweigerlich sofort zu einem Konflikt mit Russland, dem wichtigsten Verbündeten der Serben, geführt.

Von da an war in einer Art unheilvollen Kettenreaktion ein Dominostein nach dem anderen umgefallen. Vorgestern, am ersten August, hatte das Deutsche Reich als Partner von Österreich Russland den Krieg erklärt – ungeachtet der Tatsache, dass der Zar ein Vetter und die Zarin eine Cousine des Kaisers war. Und heute morgen hatte es Frankreich ereilt, das ohnehin auf den Hilferuf seiner russischen Alliierten geantwortet hätte.

Es war jetzt wirklich nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht sogar nur noch von Stunden, bis England dem Zugzwang von Staatenbündnissen und Verträgen folgen und sich seinen Mitstreitern anschließen würde. (Und das ungeachtet der Tatsache, dass der König ebenfalls mit fast allen anderen gekrönten Häuptern familiär verbunden war, was der ganzen Angelegenheit eine unerfreulich biblische Komponente verlieh: Es lag eindeutig ein Hauch von Brudermord in der Luft – oder jedenfalls so etwas Ähnliches.)

Violet, ihr Vater und all die anderen Unken und Katastrophen-Kassandras in Michaels Umfeld, die in den letzten Wochen Tod und Vernichtung prophezeit hatten, hatten also Recht behalten. Der Krieg war da und er war unvermeidbar. Für sie alle …

Michael fühlte tief in sich eine gewisse Unruhe. Es war noch keine echte Angst, aber ein wachsendes Unbehagen, das in ihm bohrte und nagte und ihn zum Grübeln brachte. Und deshalb saß er nun hier in diesem gemütlichen kleinen Café in irgendeinem Boulevard irgendwo in Montmartre über seinem kalten, aber immerhin schmackhaften Déjeuner (oder doch eher Lunch) und fragte sich, ob er seine Mission abbrechen und einfach wieder nach Hause fahren sollte.

Angesichts der Umstände hatte es wirklich nicht viel Sinn, noch länger in Paris zu verweilen, zumal es so gut wie unmöglich zu sein schien, mit Irma Kontakt aufzunehmen, wie er inzwischen zu seinem Leidwesen festgestellt hatte.

Er hatte ursprünglich geplant, sich auch im Ritz einzumieten, um in Irmas Nähe zu sein, was ein Treffen mit ihr vereinfacht hätte. Aber angeblich waren dort alle Zimmer belegt gewesen, was Michael kaum hatte glauben können. Um diese Jahreszeit zog sich die begüterte Gesellschaft für gewöhnlich auf ihre Landsitze zurück oder machte Urlaub in Kurorten oder wo auch immer es die Reichen und Schönen im Sommer hinziehen mochte.

Doch der Empfangschef des Ritz hatte eine höfliche Unnahbarkeit an den Tag gelegt, als Michael sich zuerst nach einer Unterkunft und dann nach der Anwesenheit der derzeit wohl prominentesten Bewohnerin erkundigt hatte. Also hatte Michael mit Rücksicht auf die bereits vorgerückte Stunde einfach seine Visitenkarte an der Rezeption abgegeben und darum gebeten, sie an die Comtesse de la Motte-Marguery weiterzuleiten (die um diese Uhrzeit natürlich nicht mehr gestört werden durfte!) und ihr anzukündigen, dass er sie demnächst zu besuchen gedachte.

Danach hatte er sich im Le Jardin eingerichtet, einem kleinen, aber exklusiven Hotel ganz in der Nähe, in dem wie erwartet gähnende Leere geherrscht hatte, weshalb er dort mit so viel gallischer Gastfreundlichkeit begrüßt worden war, wie man sich nur wünschen konnte.

Und seither hing er sozusagen in der Warteschleife. Wann immer er im Ritz erschien, um Irma seine Aufwartung zu machen, wurde ihm mitgeteilt, dass sie außer Haus oder einfach nicht zu sprechen war. (Heute auch wieder – es war noch keine zwei Stunden her.) Wenn er dort anrief, wurde er niemals durchgestellt, sondern mit denselben Antworten abgespeist. Seine Bitten um Rückruf blieben unbeachtet.

Da es höchst unwahrscheinlich war, dass Irma jeden Tag rund um die Uhr auf einem Einkaufsbummel oder auf einer Sightseeing-Tour war, Bekannte besuchte oder sich ähnlichen gesellschaftlichen Vergnügungen und Verpflichtungen hingab, blieb nur eine logische Schlussfolgerung übrig: Offensichtlich wollte sie schlicht und einfach nicht mit Michael sprechen. Also was jetzt? Es blieb ihm wieder mal nichts anderes übrig, als zu warten, bis sie es sich anders überlegte – falls sie es sich überhaupt anders überlegte …

Und was sollte er bis dahin tun? Was sollte er nun mit sich anfangen, ganz alleine gestrandet in dieser großen Stadt, in der er weder Freunde hatte noch einen Club, in den er sich hätte flüchten können, wie er es in London getan hätte?

In seiner Verzweiflung hatte er damit begonnen, die Sehenswürdigkeiten abzuklappern, erstens um die Zeit totzuschlagen und zweitens in der Hoffnung, dass Irma ihm irgendwo rein zufällig über den Weg laufen mochte. Aber das hatte sich natürlich als reines Wunschdenken entpuppt.

In Paris und seiner näheren Umgebung gab es sehr, sehr viele Touristenattraktionen und Publikumsmagnete. Michael hatte den Louvre und das Grand Palais besucht, er war in Notre Dame, in der Sainte-Chapelle und am Eiffelturm gewesen, er hatte sich zuerst in den Tuilerien und dann draußen in Versailles die Hacken abgelaufen und er hatte sogar einen Abend im Opernhaus vergeudet (eine Aufführung von Giselle, in der er nur aus Versehen gelandet war – er hasste Ballette!).

Aber dieser ganze Kunst-und-Kultur-Marathon hatte ihm nur wunde Füße eingebracht und ein Gefühl von allgemeinem Überdruss. Irma war nirgendwo zu entdecken gewesen. Sie war da und gleichzeitig irgendwie doch nicht da. Es war beinahe so wie damals in Australien …

Michael schob seinen Teller und das Körbchen mit den letzten Baguette-Stücken von sich und gab ein kleines Stöhnen von sich, das nichts mit seinem wohlgefüllten Innenleben zu tun hatte. Er war zwar satt, aber das galt nicht nur für sein Mittagessen. Er hatte alles satt, einfach alles!

Einen Moment lang war er sehr in Versuchung, in das Le Jardin zurückzukehren, zu packen und sofort abzureisen. Aber er hatte Karten für eine Vorstellung im Moulin Rouge heute Abend und es widerstrebte ihm, sie verfallen zu lassen. Außerdem verfügte er über eine hartnäckige Natur, auch wenn ihm das viele Leute nicht zugetraut hätten.

Na schön, dachte er schließlich. Ich gebe mir noch einen Tag. Einen einzigen Tag. Morgen früh versuche ich es noch einmal im Ritz – ein allerletztes Mal. Und egal, was dann passiert: Danach fahre ich heim und ziehe endlich einen Schlussstrich unter das Ganze …

Es tat gut, einen Plan zu haben, es tat wirklich gut – obwohl er jetzt schon wusste, dass er niemals dazu in der Lage sein würde, einen Schlussstrich zu ziehen. Nicht ernsthaft und mit allen Konsequenzen. Aber das wollte er nicht einmal vor sich selbst zugeben. Nicht jetzt ...

In der Absicht seine Rechnung zu bezahlen und zu gehen, hielt er Ausschau nach seinem Kellner, aber es war kein einziger dienstbarer Geist in Sicht- oder Hörweite.

Stattdessen war jemand ganz anderes in Hörweite, denn in diesem Augenblick flötete direkt hinter ihm eine leicht gereizte Altstimme mit unfehlbarer mütterlicher Autorität: „Mon dieu, leg jetzt endlich diese Zinnsoldaten weg und setz dich hin, Maurice! Das gilt auch für dich, Adrien. Wenn ihr weiter so ungezogen seid, mes enfants, dann gibt es heute keinen Kuchen für euch. Maman hat wirklich genug von eurem Herumgezappel!"

Die bloße Erleichterung, mitten in all dem französischen Geplapper und Gequassel ringsum seine Muttersprache zu vernehmen, hätte Michael Fitzhubert natürlich niemals dazu gebracht, seine Manieren so weit zu vergessen, dass er sich umdrehte und die Neuankömmlinge ganz offen anstarrte.

Es war der Klang dieser Frauenstimme, nicht ganz vertraut, aber auch nicht ganz und gar fremd, der ihn dazu veranlasste, seinen Kopf ein klein wenig zur Seite zu drehen und möglichst diskret zu dem Nachbartisch hinüber zu spähen, an dem gerade zwei ziemlich trotzig aussehende kleine Jungen in dunkelblauen Matrosenanzügen Platz genommen hatten, jeder von ihnen eigensinnig eine bunte Pappschachtel umklammernd und ganz offensichtlich nicht dazu bereit, sich von seiner Spielzeugarmee zu trennen, Kuchen hin oder her.

Ihre Mutter, eine zierliche kleine Dame in einem feschen und sehr tailliert geschnittenen cremefarbenen Kostüm, stieß einen brunnentiefen Seufzer aus und ließ sich ebenfalls nieder. Von seiner Position aus konnte Michael zuerst nicht viel mehr von ihr sehen als ihr Profil (der Schwung einer hohen Stirn und einer langen dünnen Nase, deren Spitze deutlich aufwärts strebte, der halbe Amorbogen ihres Mundes und das eckige, willensstarke Kinn darunter, all das gekrönt von einem locker zusammengesteckten Chignon aus duftigem hellbraunen Haar unter einem eleganten weitkrempigen Hut, von dem ein kurzer Gazeschleier herunterhing wie ein winziges, hauchzartes Fischernetz). Und doch … Er kannte dieses Gesicht irgendwoher, er war sich ganz sicher. Aber woher?

Er rätselte vor sich hin, während die unbekannte und doch seltsam bekannt wirkende Dame erneut ihre Söhne ermahnte, die mit ihren blonden Krausköpfen und ihren breiten sommersprossigen Lausbubengesichtern einander so ähnlich waren, dass man sie für Zwillinge hätte halten können, wenn nicht einer von ihnen (Adrien?) seinen Bruder fast um Haupteslänge überragt hätte.

Doch dann rief sie mit dieser samtigen, aber forschen Kommandostimme und einem sehr energischen Wink mit einer schlanken Hand in einem fingerfreien Handschuh aus einem durchbrochenen Spitzengewebe nach dem Kellner, der wieder aufgetaucht war – und Michael erlebte so etwas wie einen Zeitsprung …

Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie genau so gerufen und gewinkt wie hier und heute und es hatte ihn gleichermaßen beeindruckt und belustigt, mit wie viel Durchsetzungsvermögen dieses zarte Persönchen zwei Dutzend schwatzhafte Schulmädchen, die vor der Kirche in Woodend ziellos hin und her gedriftet waren wie ein laut schnatternder Gänseschwarm, zusammengetrieben und in die schon wartende Kutsche hinein gescheucht hatte, die sie alle nach dem Gottesdienst wieder in dieses grässliche Internat zurückkarren sollte. Denn natürlich war die Frau da drüben an dem Tisch niemand anderer als die Französischlehrerin aus dem Appleyard-College, die Irma so oft im Haus von Colonel Fitzhubert besucht hatte, Diane de ... irgendwas – Michael hatte ihren Nachnamen längst vergessen. Hatte sie nicht so ähnlich geheißen wie eine Provinz oder eine Stadt?

Diane de ... Ponthieu? Nein! Poitou? Nein!

Und plötzlich fiel es ihm wieder ein.

„Mademoiselle de Poitiers!" sagte er laut.

Und das wirkte wie ein Zauberspruch, sein ganz persönliches Abrakadabra! oder Sesam, öffne dich! oder noch besser Mutabor!, denn die Dame drehte sich prompt zu ihm um, erstaunt und ein klein wenig indigniert über diese unzutreffende Anrede, denn ihren Mädchennamen trug sie zweifellos schon sehr lange nicht mehr.

Michael, Kavalier wie immer, stand sofort auf und produzierte eine tiefe und sehr formelle Klappmesserverbeugung, um seinen Protokollfehler wieder gut zu machen. Gute Umgangsformen waren alles in seiner Welt und Verstöße gegen die Etikette beinahe unverzeihlich. Deshalb errötete er auch sofort wie der unsichere, linkische Junge, der er früher gewesen war und in heiklen Situationen manchmal heute noch war.

Doch die ehemalige Mademoiselle de Poitiers war nicht nachtragend – vor allem dann nicht, als sie den vermeintlichen Flegel ebenfalls wiedererkannt hatte.

„Monsieur Fitzhubert! Ah non, wenn das nicht eine angenehme Überraschung ist", sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand.

Michael bedachte sie mit einem formvollendeten Handkuss (angemessene luftige drei Zentimeter über dem Handschuh!) und verbesserte sie nicht, obwohl auch die Anrede „Monsieur" in seinem Fall keineswegs korrekt war. Aber das konnte Diane nicht wissen, denn er hatte sich in jenen längst vergangenen Tagen grundsätzlich nie mit seinem Titel vorgestellt. Für sie war er also nur der Neffe von Colonel und Mrs. Fitzhubert und daher ein einfacher Mister oder Monsieur. Michael hielt es auch jetzt für überflüssig, sie über so unwesentliche Dinge wie seine Herkunft aufzuklären. Es gab wirklich Wichtigeres …

„Madame …?" Er zögerte kurz.

„Montpelier", ergänzte Diane und lächelte noch mehr, was einen Strahlenkranz aus Lachfältchen um ihre haselnussfarbenen Augen zeichnete.

Sie war nicht mehr so jung wie damals und sowohl die Jahre als auch die Mutterschaft hatten Spuren bei ihr hinterlassen, aber nicht allzu drastische, wie Michael fand. Er erwiderte ihr Lächeln, wenn auch etwas scheu.

„Madame Montpelier, wenn ich mich vielleicht für einen Augenblick zu Ihnen gesellen dürfte ..."

„Aber natürlich dürfen Sie das. Asseyez-vous."

Sie machte eine einladende Geste zu dem letzten freien Stuhl und er setzte sich zwischen sie und die beiden Kinder. Maurice und Adrien hatten ihre Zinnsoldaten vorübergehend vergessen und löcherten den fremden Mann ganz ungeniert mit Blicken, ihre runden himmelblauen Augen weit aufgesperrt vor Neugier. Michael, dem diese unbekümmerte kindliche Begutachtung etwas unangenehm war, konzentrierte sich auf ihre Maman und suchte krampfhaft nach irgendeinem unverfänglichen Anfang für ein ebenso unverfängliches Gespräch. So etwas fiel ihm generell schwer und außerdem fragte er sich bereits, warum er Diane Montpelier überhaupt angesprochen hatte.

Doch sie machte es ihm leicht, so wie sie es allen Menschen, mit denen sie Umgang hatte, immer leicht gemacht hatte.

„Sie sind also nicht bei Ihrer Familie in Australien geblieben?"

„Nein, ich bin schon vor Jahren nach England zurück wegen … wegen anderer Familienangelegenheiten."

„Wir sind auch wieder nach Hause gegangen. Nicht alle sind zum Auswandern geboren. Australien war einfach nichts für uns. Es hat uns kein Glück gebracht. Pierre – mein Mann – konnte dort nicht Fuß fassen mit seinem Geschäft und wir haben beide unsere Geschwister vermisst und überhaupt das ganze Leben und Treiben hier. Und dann all diese traurigen Erinnerungen ..."

„Ja, sehr traurig", murmelte Michael und schluckte unwillkürlich. Er hatte plötzlich einen Kloß in der Kehle.

Vielleicht war es eine Schnapsidee gewesen, sich auf diese Unterhaltung einzulassen. Vielleicht war die ganze verdammte Reise eine Schnapsidee gewesen …

Diane wartete ein oder zwei taktvolle Minuten lang, aber als sie sah, dass es an ihr war, den Ball der Konversation im Spiel zu halten, fragte sie betont munter: „Und jetzt sind Sie hier, um sich unser schönes Paris noch einmal anzusehen?"

Das hörte sich beinahe so an, als ob sie davon ausging, dass es dank der politischen Lage eine Weile dauern würde, bis man wieder dazu in der Lage war, sich Paris oder sonstwas anzusehen ... ja, es klang fast so, als fürchtete sie, die Stadt könnte bald in einem ungeahnten Kataklysmus untergehen wie das sagenhafte Atlantis.

Wie auf Stichwort schrie draußen auf der Straße ein Chor von jubelnden Stimmen: „La guerre! La guerre! À bas l'ennemi! À bas les boches!"

Eine Horde von jungen Männern, die die Trikolore und andere Fahnen schwenkten, stürmte an dem Café vorbei – nach ihren Mützen (schwarze Samtbarette mit farbigen Abzeichen) zu urteilen, waren sie Studenten von der Sorbonne. Als sie anfingen, aus voller Kehle die Marseillaise zu singen, erhob sich ein uralter Herr, der aussah wie ein Veteran von 1870 (oder vielleicht auch gleich von Waterloo!) und der bis jetzt ein paar Tische weiter friedlich über einem Glas Rotwein und einer Solo-Schachpartie vor sich hin gebrütet hatte, mit der ganzen Mühseligkeit arthritischer Gelenke von seinem Sitz, salutierte so stramm, wie er nur konnte, und krächzte:

„Vive la France!"

Daraufhin brachen alle Anwesenden in frenetischen Beifall aus und stimmten in das nicht ganz melodische Gejohle der Studenten ein. Die vielstimmig geschmetterte Nationalhymne hallte zwischen den Häuserschluchten wie die Marschmusik einer Parade. Überall öffneten sich Fenster und Köpfe wurden hinausgestreckt, Türen gingen auf und Leute kamen heraus und sie alle sangen mit. Eine Welle von heroischem Patriotismus schien über das ganze Viertel hinweg zu schwappen.

Michael, der noch nie eine so spontane und begeisterte Kundgebung von Vaterlandsliebe erlebt hatte, bezweifelte, dass so etwas in London oder in irgendeiner anderen Metropole des britischen Empires überhaupt möglich war. Der Durchschnittsengländer hatte ein eher zurückhaltendes, vielleicht sogar gehemmtes Wesen und wäre daher lieber tot umgefallen, als in aller Öffentlichkeit eine Szene zu machen.

Daher beobachtete er mit einiger Verwunderung, wie sich die Gäste im Lokal nach dem Ende der allgemeinen Gesangseinlage im Überschwang ihrer Gefühle gegenseitig stürmisch umarmten, wobei kein Unterschied zwischen befreunden und wildfremden Leuten gemacht wurde. Auch das wäre in Großbritannien unmöglich gewesen – zumindest glaubte Michael das. Aber ganz sicher war er sich nicht. Nicht mehr … Dieser Krieg mochte durchaus größere Veränderungen nach sich ziehen, als er es hier und jetzt ermessen konnte, vielleicht sogar Umwälzungen in ungeahnten Ausmaßen …

Diane schien derselben Meinung zu sein, denn als Michael seine Aufmerksamkeit wieder ihr zuwandte, sah er, dass Tränen in ihren Augen schimmerten.

„All diese Menschen haben nicht die leiseste Ahnung, was da auf uns zukommt", sagte sie leise. „Sie sind so unschuldig, so naiv. Sie jubeln wie Kinder, denen ein Ausflug versprochen wird, ein Abenteuer. Aber in Wirklichkeit bejubeln sie ihren eigenen Untergang. Dieser Krieg wird in einem Ozean aus Blut und Tränen enden und nichts mehr wird so sein wie zuvor … Für keinen von uns ..."

Michael lief eine Gänsehaut über den Rücken, ein atavistischer Schauer, der aus den Tiefen der Zeit zu kommen schien. Ihm war, als würde er dem düsteren Orakelspruch einer Sybille lauschen, einer in Felle gehüllten Seherin in einer mit flackerndem Fackellicht erhellten Höhle, nicht dieser adretten kleinen Französin in ihrem stadtfeinen Pariser Chic, die da im strahlenden Sonnenschein vor ihm saß, umrahmt von blühenden Topfpflanzen und rosenwangigen Knaben, ein Bild so impressionistisch-idyllisch wie ein Ausschnitt aus einem Renoir-Gemälde.

Und plötzlich löste sich seine Befangenheit in das impulsive Bedürfnis auf, sich Diane anzuvertrauen. Nicht einmal seine Zurückhaltung, seine Hemmungen konnten ihn davon abhalten – nicht nach dem, was er gerade gesehen und gehört hatte. Dieses Erlebnis hatte sie einander näher gebracht – zumindest war es das, was er hoffte. Und er brauchte so dringend jemanden, mit dem er über alles reden konnte, der ihm vielleicht einen Rat geben konnte.

„Nein, Madame, ich bin nicht hergekommen, um mir Paris anzusehen. Ich bin hier, um mit Irma zu reden – oder es jedenfalls zu versuchen."

Etwas Wachsames kam in die grün-braun-goldgefleckten Augen seines Gegenübers.

„Mit unserer Irma? Pourquoi ça? Warum denn das?"

Michael antwortete nicht sofort. Er sah zu den beiden Jungen hinüber, die langsam schon wieder zappelig wurden, und zog fragend die Augenbrauen hoch.

Diane, die seine Botschaft verstanden hatte – nicht vor den Kindern! –, sagte leichthin zu ihren Söhnen: „Tiens! Regardez – dieser unmögliche Kellner ist schon wieder auf und davon. Lauft ihm schnell nach und bestellt euch ein paar Eclairs und für eure Maman einen Café au lait oder wir bekommen heute gar nichts mehr."

Das ließen sich Maurice und Adrien nicht zweimal sagen. Mit gesundem Appetit gesegnet und ohnehin gelangweilt von dem Geschwafel der Erwachsenen, das weit über ihren Horizont hinausging, schnappten sie sich ihre Zinnsoldaten als Verstärkung und jagten hinter dem Kellner her, entschlossen, ihn zusammen mit ihren Hilfstruppen zu stellen und ihn nicht mehr entwischen zu lassen.

Sobald sie sich ein paar Schritte entfernt hatten, erzählte Michael seiner Zuhörerin von Edith Horton.

Ein neuer Schatten ging über Dianes Gesicht, es war, als ob die Sonne von einer Wolke verdunkelt wurde.

„La pauvre petite … Die arme Kleine!"

Michael, dessen Mitleid sich in Grenzen hielt, wenn es um Miss Horton ging, sagte lieber nichts, aber sein Gesicht sprach Bände.

„Ist es nicht seltsam, wie sehr manche von uns vom Schicksal begünstigt sind?", sagte Diane versonnen. „Einige von uns haben einfach alles: Eine liebevolle Familie, Schönheit, Charme, Esprit und dann auch noch Geld – einfach alles. Und andere wiederum haben rien du tout – rein gar nichts. Es kommt einem irgendwie so ungerecht vor.

Edith gehörte eindeutig zu der zweiten Gruppe. Sie hatte es nie leicht im Leben. Diese Mutter zum Beispiel … une vraie femme dragon – ein richtiges Drachenweib. Sie hat das Mädchen rund um die Uhr tyrannisiert, nach allem, was Edith mir so anvertraut hat. Sie hatte keine ruhige Minute zu Hause, während ihr kleiner Bruder nach Strich und Faden verwöhnt wurde. Und der Vater? Un hypocondriaque classique – der typische eingebildete Kranke. Ein schwacher Mann, der seine Frau schalten und walten ließ und seinen Sohn vergöttert hat, während er Edith im Stich gelassen hat."

Sie legte eine kurze Pause ein, bevor sie weitersprach: „Und dann dieses furchtbare Internat! Eher une maison de correction – eine Besserungsanstalt – als eine Schule. Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Umgangston dort herrschte, wie harsch die Schülerinnen behandelt wurden. Einige meiner sogenannten Kolleginnen (ich konnte sie alle nicht ausstehen!) waren richtige mégères – Schreckschrauben, wie Sie sagen würden. Wenn ich nur an diese grässliche Dora Lumley denke … Une sotte! Une personne lâche et envieux!

Und all diese règlements von Mrs. Appleyard – nichts als Regeln und Vorschriften, eine engstirniger als die andere. Praktisch alles war verboten. Ich weiß, dass Kinder Grenzen brauchen, dass sie erzogen werden müssen, aber man kann es auch übertreiben, n'est ce pas? Une académie de militaire könnte kaum strenger oder schlimmer sein als dieses College. Es war dort wirklich très oppressant – sehr bedrückend. Ich war so froh, als ich endlich wieder gehen konnte … Ich hätte es dort auch nicht viel länger ausgehalten – nicht einmal dann, wenn diese Sache mit dem Picknick nicht gewesen wäre …

Und natürlich lief es dort auch nicht viel besser für Edith …

Kinder können sehr grausam sein, Monsieur Fitzhubert. Und Edith war zweifellos die perfekte Zielscheibe für Spott und Sticheleien, für Schikanen sogar. Sie war so … so reizlos, so unansehnlich. Und nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte, wie es so schön bei Ihnen heißt. Und nicht einmal besonders nett, wenn wir ganz ehrlich sein wollen. Hélas! Une fille très ordinaire, presque désagréable … ein sehr gewöhnliches, fast schon unangenehmes Mädchen. Also ziemlich unbeliebt, vor allem bei ihren Altersgenossinnen.

Deshalb hat Edith auch immer die Nähe der großen Mädchen gesucht. Wenn man sechzehn, siebzehn Jahre alt ist, dann ist man vielleicht noch nicht ganz erwachsen, aber doch schon etwas reifer, etwas toleranter als Zwölf- und Dreizehnjährige. Und wir hatten so nette Mädchen unter unseren Seniorschülerinnen. Da war natürlich die liebe Miranda, très jolie et gentille – so hübsch und so sanft. Sie hat sich wirklich rührend um unser Waisenkind gekümmert, die kleine Sarah Waybourne. Sie hat sich um alle gekümmert, die zu ihr gekommen sind, die Außenseiter, die Einsamen, die Anderen - alle, die etwas Verständnis, etwas Güte, etwas Wärme brauchten. Ich habe immer gedacht, dass Miranda etwas von einem Engel hatte. Sie sah aus wie ein Engel und sie war auch so von ihrem ganzen Naturell her. Es war so schrecklich, als sie ... Ah, quelle tragédie!"

Sie zupfte ein winziges Knäuel aus Seide und Spitzen aus ihrem Ärmel und betupfte damit ihre Augenwinkel. Michael, der ebenfalls ein verdächtiges Brennen in seinen Augen fühlte, sah sich dazu gezwungen, sehr angelegentlich zum vorderen Bereich der Terrasse hinüber zu starren, wo sein Kellner gerade von zwei kleinen, wild gestikulierenden Gestalten in Matrosenanzügen umzingelt wurde. (Die Brüder Montpelier hatten den abtrünnigen Späher entdeckt und erfolgreich eingekesselt!)

„Und dann unsere Irma", fuhr Diane fort, als sie sich wieder gefasst hatte. „La beauté! Elle était ravissante, adorable! Und immer so lebhaft, so fröhlich – sogar wenn sie mal weinte, hat sie nach ein paar Minuten schon wieder gestrahlt. Und so großzügig, so gutmütig. Wenn sie mal zornig wurde (und sie hatte schon un tempérament passionné, notre chere Irma. Sie war ein richtiger kleiner Hitzkopf!), dann war sie hinterher immer sofort ganz zerknirscht und hat sich tausendmal entschuldigt – sogar dann, wenn es gar nicht ihre Schuld war, wenn sie provoziert worden war.

Denn natürlich gab es auch unter den älteren Mädchen Ausnahmen. Nicht alle waren so nett, so liebenswürdig wie Irma und Miranda. Marion Quade zum Beispiel. Que peux-je dire – was soll ich sagen? So klug, ein wirklich brillanter Kopf. Aber kein Herz. Nicht eine Spur von Mitgefühl. Doch dafür eine sehr scharfe Zunge und immer dazu bereit, ihren überlegenen Intellekt einzusetzen, um andere an ihrem wunden Punkt zu treffen, sie zu kränken, zu verletzen. Und bei Edith war sie geradezu méchante – boshaft, gehässig. Sie konnte die arme Kleine einfach nicht in Ruhe lassen. Irma hat sich so darüber aufgeregt…"

Michael wurde plötzlich hellhörig. „Irma hatte Streit mit Marion?"

„Mais oui – aber ja! Sogar sehr oft. Sie bekamen sich fast jeden Tag deswegen in die Haare, da flogen manchmal wirklich die Fetzen. Ich habe nie verstanden, warum die beiden sich überhaupt noch miteinander abgegeben haben. Eh bien, das war wohl eher Mirandas gutem Einfluss zu verdanken. Sie hat sich immer so bemüht, Frieden zu stiften ..."

Diane hielt inne, als ihre Söhne im Laufschritt zurückkamen, beide mit einem Teller voller Schokoladen-Eclairs bewaffnet und angesichts des bevorstehenden Genusses grinsend wie Honigkuchenpferde, gefolgt von dem schmunzelnden Kellner, der ein kleines Tablett mit einem Kännchen und einer Tasse vor sich her balancierte, das er vor ihr absetzte.

„Votre Café au lait, Madame", verkündete er mit einer kleinen Verneigung. Er sah Michael prüfend an – offensichtlich in Erwartung einer neuen Bestellung –, zog sich aber schnell wieder zurück, als er ignoriert wurde.

Adrien und Maurice plumpsten ungraziös auf ihre Stühle und fielen mit einer Gier über ihre Beute her, die vermuten ließ, dass sie in den nächsten paar Minuten zu beschäftigt sein würden, um einem Gespräch zu lauschen, für das ihr englischer Wortschatz ohnehin noch nicht wirklich ausreichte.

Diane lächelte nachsichtig und rührte in ihrem Kaffee, während Michael über die Vor- und Nachteile einer zweisprachigen Erziehung nachdachte. In seiner Kindheit hatten seine Eltern ihr eher bescheidenes französisches Vokabular genutzt, um sich ungestört von den gespitzten Ohren von Nachwuchs und Personal zu zanken, was ihm immer ziemlich sinnlos vorgekommen war, weil allein schon ihre Lautstärke und Intonation (von ihrer Mimik ganz zu schweigen!) verraten hatte, dass sie sich gerade gegenseitig beharkten.

Die kurze Pause endete, als Diane an ihrer Tasse genippt hatte, sie aber immer noch in der Hand behielt.

„Es hat mich also nicht weiter gewundert, als Edith sich auch an diesem Valentinstag wie immer an die großen Mädchen rangehängt hat", sagte sie. „Sie hat sich ihnen praktisch aufgedrängt, als sie gerade losgehen wollten, um sich den Felsen aus der Nähe anzuschauen. Marion wollte angeblich sogar irgendwelche Messungen vornehmen. Ein paar données scientifiques … wissenschaftliche Daten für den Aufsatz, den sie alle am Montag über den Hanging Rock schreiben sollten. (Mrs. Appleyard konnte den Mädchen nicht einmal einen kleinen Ausflug gönnen, ohne gleich eine Hausaufgabe daraus zu machen!)

Aber das war natürlich nur ein Vorwand – mir war schon klar, dass sie einfach nur in aller Ruhe einen Spaziergang machen wollten, einmal alleine und unbewacht ein bisschen durch die Gegend streifen wollten, für ein paar Minuten weg sein wollten von dem ganzen Gekicher und Herumgealber der Kleinen. Eigentlich wollte ich sie gar nicht gehen lassen – schon gar nicht mit Edith im Schlepptau. Ich hätte es ihnen niemals erlauben dürfen. Aber sie haben mich so angebettelt – vor allem Irma, ce petit chat! –, also habe ich ja gesagt. Das werde ich mir niemals verzeihen ..."

In Dianes Augen begann es erneut verdächtig zu flimmern. Sie versenkte ihre bebende Unterlippe entschlossen in ihrer Tasse, trank noch einen Schluck und stellte das zerbrechliche Gefäß danach mit einem kleinen Knall auf dem Tisch ab. Sie beäugte das dünnwandige fragile Porzellan kritisch und lange, als fürchtete sie, einen Riss darin zu entdecken.

Doch vielleicht wollte sie auch einfach nur Michaels Blick ausweichen, bis sie sich wieder im Griff hatte, denn einen Augenblick später sagte sie ein wenig zu gelassen, ein bisschen zu gleichgültig: „Aber ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles überhaupt erzähle. Das ist schon so lange her ..."

Nicht lange genug, dachte Michael.

... und das Leben geht weiter."

Nicht für mich!

„C'est fini – es ist vorbei, schon lange vorbei. Sagen Sie mir also, Monsieur Fitzhubert, warum wollen Sie unsere Irma jetzt noch mit Ediths Unfall konfrontieren? Warum wollen Sie sie mit so etwas belasten?"

„Weil das kein Unfall war. Das war Absicht. Das war … Mord."

„Mon dieu! Wer um Himmels willen sollte ausgerechnet Edith Horton töten wollen?"

„Das weiß ich nicht – noch nicht. Aber ich werde es herausfinden … Wenn ich kann ..."

„Aber selbst wenn – was hat unsere Irma damit zu tun? Sie kann unmöglich etwas darüber wissen. Was soll das also bringen?"

Auch das wusste Michael nicht (oder jedenfalls konnte er es nicht so wirklich in Worte fassen!), also verkniff er sich eine direkte Antwort. Stattdessen fragte er: „Stehen Sie eigentlich noch in Verbindung mit Irma, Madame?"

Diane befingerte nervös die Brosche, die sie am Kragen ihrer weißen Organza-Bluse trug, ein auffallend schönes Stück, das Michael sofort ins Auge gesprungen war. Es handelte sich um eine stilisierte goldene Libelle mit Flügeln aus oval geschliffenen Smaragden von einem wunderbar tiefen, glasklaren Grün. Es waren eindeutig echte Steine von großer Qualität und Michael dachte nicht ohne Zynismus, dass Pierre Montpelier seit seiner Rückkehr in heimische Gefilde wohl etwas mehr vom Glück begünstigt worden war als während seiner Zeit in Australien. Zumindest musste er hier in Frankreich in geschäftlichen Dingen wieder auf die Füße gefallen sein oder er hätte seiner Frau niemals ein so kostbares Schmuckstück kaufen können.

„Non, pas vraiment – nicht wirklich. Irma gehört zur élite mondaine – zu den Oberen Zehntausend. Mein Mann und ich verkehren nicht in diesen Kreisen", erwiderte Diane.

Aber sie sah ihn immer noch nicht an, als sie das sagte, und Michael kam es so vor, als ob sie es hier mit der Wahrheit nicht ganz so genau nahm. Aber warum sollte sie ihn anlügen?

Er dachte zurück an damals, als die ehemalige Mademoiselle de Poitiers im Haus seines Onkels ein und ausgegangen war. Zuerst hatte sie Irma alle ihre Sachen aus der Schule gebracht, einen wahren Berg von Kleidern, Schuhen, Nachthemden und tausend Kleinigkeiten mehr. (Und für alles hatte man erstmal Platz finden müssen, weil der Schrank und die Kommoden im Gästezimmer nicht einmal ansatzweise ausgereicht hatten, was Tante Anne in einen Zustand freudiger Erregung versetzt und bei ihr einen wahren Rausch an hausfraulichem Organisationstalent ausgelöst hatte, als sie endlich damit fertig gewesen war, unter entzücktem Gurren die teure und umfangreiche Ausstattung ihres Schützlings zu bewundern!)

Danach hatte sie das ebenso verstörte wie deprimierte Mädchen jeden Tag besucht, um ihr Gesellschaft zu leisten, um sie ein wenig aufzumuntern. Und als Irma wieder hatte aufstehen dürfen, war Diane mit ihr Arm in Arm durch den weitläufigen Garten der Fitzhuberts flaniert. Und als Michael schließlich zu ihnen gestoßen war (nachdem seine eigene Genesung abgeschlossen war), hatte sie zumindest am Anfang bereitwillig den Anstandswauwau gespielt und die jungen Leute überallhin begleitet, nicht wie eine pflichtbewusste Gouvernante, sondern eher wie eine umsichtige und hingebungsvolle große Schwester. Alles in allem hatte Michael in jenen Tagen den Eindruck gewonnen, dass Irma und Diane eher Freundinnen waren als Schülerin und Lehrerin. Es war seltsam und irgendwie nicht ganz glaubwürdig, dass ein so herzliches Verhältnis sich so sehr abgekühlt haben sollte, dass heutzutage gar kein Kontakt mehr bestand.

Er forschte in Dianes Gesicht und sah seinen Verdacht bestätigt.

„Wirklich nicht?" sagte er lauernd.

Diane zauderte, doch dann gab sie nach. „Das heißt, wir sehen uns nie persönlich. Es wäre auch sehr schwierig, ein Treffen zwischen uns zu arrangieren. Sie ist so viel unterwegs, la chere Irma, sozusagen immer auf dem Sprung. Aber wir schreiben uns – gelegentlich."

Michael hakte sofort nach. „Tatsächlich?"

„Oui." Es kam sichtlich widerstrebend heraus, dieses Ja.

„Wenn das so ist, dann könnten Sie mir vielleicht helfen, ein Treffen zwischen uns zu arrangieren, Madame. Es liegt mir wirklich sehr, sehr viel daran, mit Irma zu reden. Nur zehn Minuten, vielleicht eine Viertelstunde. Mehr verlange ich gar nicht. Glauben Sie, dass sich das machen lässt?"

„Non. C'est impossible! Unmöglich!" klang es zurück und das mit einer Entschiedenheit, ja, fast schon Schärfe, die Michael mit einem Schlag entmutigte.

Vielleicht empfand Diane Mitleid mit ihm, als er so vor ihr saß, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, niedergeschlagen, fast schon besiegt. Denn nach einem Moment sagte sie sehr viel milder: „Darf ich Ihnen einen gut gemeinten Rat geben?"

Und als Michael hoffnungsvoll aufblickte …

„Sie hängen an dieser alten Geschichte fest. Und deshalb geben Sie zufälligen Vorkommnissen, die absolut nichts damit zu tun haben, eine Bedeutung, die sie gar nicht haben. Sie haben sich da in etwas verbissen und das ist nicht gut für Sie. Sie leiden, Sie quälen sich selbst und das ganz unnötig.

Lassen Sie die Vergangenheit endlich ruhen, mon cher. Vergessen Sie all das. Kehren Sie nach England zurück und leben Sie Ihr Leben, so lange Sie noch können."

Und als Michael nur eigensinnig sein Kinn vorschob, ganz weich wie eine Mutter zu ihrem halsstarrigen Halbwüchsigen: „Ne réveillez pas le chat qui dort!"

„Wie bitte? Entschuldigen Sie, aber meine Französisch-Kenntnisse sind eher dürftig und ..."

„Man soll schlafende Hunde nicht wecken, Monsieur Fitzhubert."

Michael stutzte. Hatte er diesen Spruch nicht vor kurzem schon einmal gehört? Ja. Aber wann und wo?

Es dauerte ein paar Sekunden, bis der Groschen fiel: Mary Crundall hatte das gesagt, genau das – wenn auch nur zu Albert, der es sozusagen in ihrem Namen niedergeschrieben hatte.

Wie merkwürdig, dass Diane Montpelier hier und jetzt dieselben Worte, dieselbe Warnung aussprach wie eine andere Frau auf der anderen Seite der Erdkugel.

Und doch …

„Ich kann nicht", flüsterte Michael. „Ich kann jetzt nicht einfach so aufhören. Ich muss es noch einmal versuchen. Wenigstens ein allerletztes Mal ..."

Diane beugte sich ein wenig zu ihm vor und sah ihn eindringlich an. „Was versuchen?"

„Herrje, ich will endlich die Wahrheit wissen! Ich muss es wissen! Und Irma ist der Schlüssel dazu. Nur sie kann mir sagen … Vielleicht erinnert sie sich endlich wieder, wenn ich ... Sie verstehen das wahrscheinlich nicht, aber …" Er brach ab, hilflos, unfähig zu erklären, was ihn bewegte.

„Ich verstehe Sie sehr gut", sagte Diane ruhig. „Keiner von uns konnte einfach so abschütteln, was damals geschehen ist. Es hat uns alle verfolgt, den einen mehr, den anderen weniger. Aber es heißt nicht umsonst, dass die Zeit alle Wunden heilt. Doch Heilung kann nur kommen, wenn wir sie zulassen. Wenn wir unsere Wunden aber immer wieder aufreißen, wenn wir uns an unserem Schmerz festhalten, wer kann uns dann noch helfen?"

„Niemand kann mir helfen, so wie es aussieht", sagte Michael bitter. „Und heißt es nicht auch, dass die schlimmste Gewissheit immer noch besser ist als Ungewissheit? Diese Ungewissheit bringt mich einfach um!"

Diane schüttelte den Kopf, halb betrübt, halb resigniert.

„Ich fürchte, Sie sind derjenige, der nicht versteht, weil Sie gar nicht verstehen wollen. On n'y peut rien – da kann man nichts machen ..."

Sie stand abrupt auf und gab ihren Söhnen mit einer knappen auffordernden Geste zu verstehen, dass es Zeit zum Aufbruch war. Die Jungen, die inzwischen ihre Kuchenschlacht beendet hatten (und genau so sahen sie auch aus: Adrien hatte zwei verschmierte Schokoflecken auf seinem Hemdkragen und Maurice einen mitten auf seiner Stupsnase!), sprangen auf.

Diane nahm ihre Handtasche, ein mit winzigen Jettperlen besticktes beutelartiges Etwas, das an einer dünnen Silberkette von ihrem Arm baumelte wie eine exotische Frucht von einem Ast.

Dann sah sie auf Michael hinunter und sagte ernst: „Ich bete darum, dass Sie niemals herausfinden, wie schlimm die schlimmste Gewissheit sein kann. Denn dann werden Sie sich vermutlich wünschen, Sie hätten sich mit der Ungewissheit zufrieden gegeben. Au revoir, Monsieur."

Und damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ging. Die Jungen hüpften hinter ihr her wie zwei übermütige Ziegenkitze, sorglos und unbekümmert in der Sicherheit ihrer heilen, unberührten Kinderwelt, die noch nie von einem Schicksalsschlag erschüttert, noch nie von einem Drama und seinen Folgen verheert worden war. Bis jetzt ...

Und Michael Fitzhubert sah ihnen nach, ohne Neid, aber voller Bedauern, denn er wusste nur zu gut, dass sich das jederzeit ändern konnte …


Fortsetzung folgt …


Übersetzung:

encore la même chose

das gleiche nochmal

s'il vous plait

bitte

oui, bien sûr

ja, natürlich

Merci beaucoup. Merci infiniment.

Vielen Dank. Tausend Dank.

Mon dieu

Mein Gott

mes enfants

meine Kinder

Asseyez-vous.

Setzen Sie sich.

La guerre! La guerre! À bas l'ennemi! À bas les boches!

Krieg! Krieg! Nieder mit dem Feind! Nieder mit den Deutschen!

Vive la France!

Es lebe Frankreich!

Tiens! Regardez ...

Ach! Seht mal …

Une sotte! Une personne lâche et envieux!

Eine Närrin! Eine feige und neidische Person!

n'est ce pas

nicht wahr

hélas

leider

quelle tragédie

was für eine Tragödie

la beauté

eine Schönheit

Elle était ravissante, adorable!

Sie war einfach bezaubernd, hinreißend!

un tempérament passionné, notre chere Irma

ein hitziges Temperament, unsere liebe Irma

Eh bien

Na ja

ce petit chat

diese kleine Katze

mon cher

mein Lieber

Au revoir

Auf Wiedersehen